Chapter 6
Damis. Sie haben so viel, als ich habe. Vergessen Sie die traurige Erbschaft. Es wird uns an nichts gebrechen. Mir ist es recht lieb, daß Sie das Rittergut nicht bekommen haben. Vielleicht hätte die Welt geglaubt, daß ich bei meiner Liebe mehr auf dieses als auf Ihren eigenen Wert gesehen hätte. Und dies soll sie nicht glauben. Sie soll meine Braut aus ebender Ursache hochschätzen, aus der ich sie verehre und wähle. Führen Sie mich an Ihrer Hand in meinem eigenen Hause herum: so werden Sie mir ebendas Vergnügen machen. Genug, daß Sie ein Rittergut verdienen. O wenn ich nur Lottchen aus ihrem Elende gerissen hätte. Ich werde eher nicht ruhig.
Simon. Jungfer Lottchen ist die Erbin des Ritterguts.
Julchen. Meine Schwester ist es? Meine Schwester? Bald hätte ich sie beneidet; aber verwünscht sei diese Regung! Nein! Ich gönne ihr alles. (Zu Damis.) Was könnte ich mir noch wünschen, wenn Sie mit mir zufrieden sind. Sie soll es haben. Ich gönne ihr alles.
Damis. Auch mich, meine Braut?
Julchen. Ob ich Sie meiner Schwester gönne? Nein, so redlich bin ich doch nicht. Es ist keine Tugend; aber... Fragen Sie mich nicht mehr.
Damis. Nein. Ich will Mamsell Lottchen suchen. Die Zärtlichkeit soll der Freundschaft einige Augenblicke nachstehen.
Eilfter Auftritt
Julchen. Simon.
Julchen. Ob ich ihn meiner Schwester gönne? Wie könnte sie das von mir verlangen? Sie hat ja das Rittergut. Ich liebe sie sehr; aber wenn ich ihre Ruhe durch den Verlust des Herrn Damis befördern soll: so fordert sie zu viel. Das ist mir nicht möglich.
Simon. Machen Sie sich keine Sorge. Sie wird es gewiß nicht begehren. Ich muß Ihnen auch sagen, daß sie Ihnen nach dem Testamente zehntausend Taler zu Ihrer Heirat abgeben soll.
Julchen. Das ist alles gut. Wenn ich nur meiner Schwester ihren Liebhaber durch dieses Geld treu machen könnte, wie gern wollte ich's ihm geben! Der böse Mensch! Kann er nicht machen, daß ich den Herrn Damis verliere, indem er Lottchen verliert? Aber warum läßt der Himmel solche Bosheiten zu? Was kann denn ich für seine Untreue? Ich bin ja unschuldig.
Simon. Mein Mündel kann niemals aufhören, Sie zu lieben. Verlassen Sie sich auf mein Wort. Jungfer Lottchen ist zu beklagen. Aber besser ohne Liebe leben, als unglücklich lieben. Wenn sie doch käme!
Julchen. Aber wenn sie nun kömmt? Ich kann ja ihre Ruhe nicht herstellen. Ich habe sie herzlich lieb. Aber warum soll denn meine Liebe mit der ihrigen leiden? Nein, so großmütig kann ich nicht sein, daß ich ihr zuliebe mich und... mich und ihn vergäße. Wenn sie doch glücklich wäre! Ich werde recht unruhig. Er sagte, er wollte die Zärtlichkeit der Freundschaft nachsetzen. Was heißt dieses?
Simon. Bleiben Sie ruhig. Mein Mündel ist der Ihrige. Sie verdienen ihn. Und wenn Sie künftig an seiner Seite die Glückseligkeiten der Liebe genießen: so verdanken Sie es der Tugend, daß sie uns durch Liebe und Freundschaft das Leben zur Lust macht.
Zwölfter Auftritt
Die Vorigen. Der Magister.
Der Magister. Herr Simon, ich möchte Ihnen gern ein paar Worte vertrauen. Wenn ich nicht sehr irre: so habe ich heute eine wichtige Entdeckung gemacht, was die Reizungen der Reichtümer für Gewalt über das menschliche Herz haben.
Simon. Ich fürchte, daß mir diese unglückliche Entdeckung schon mehr als zu bekannt ist.
Der Magister. Ich habe der Sache alleweile auf meiner Studierstube nachgedacht.
Julchen. Können Sie uns denn sagen, wie ihr zu helfen ist? Tun Sie es doch, lieber Herr Magister.
Der Magister. Siegmund muß bestraft werden, damit er gebessert werde.
Simon. Er verdient nicht, daß man ihn anders bestrafe als durch Verachtung.
Der Magister. Aber wie sollen seine Willenstriebe gebessert werden?
Simon. Ist denn die Verachtung kein Mittel, ein Herz zu bessern?
Der Magister. Das will ich itzt nicht ausmachen. Aber sagen Sie mir, Herr Simon, ob die Stoiker nicht recht haben, wenn sie behaupten, daß nur ein Laster ist; oder daß, wo ein Laster ist, die andern alle ihrer Kraft nach zugegen sind? Sehn Sie nur Siegmunden an. Ist er nicht recht das Exempel zu diesem Paradoxo?
Simon. Ja, Herr Magister. Aber wie werden wir Jungfer Lottchen von der Liebe zu Siegmunden abbringen? Sie glaubt es ja nicht, daß er untreu ist.
Der Magister. Das wird sich schon geben. O wie erstaunt man nicht über die genaue Verwandtschaft, welche ein Laster mit dem andern hat und welche alle mit einem haben! Siegmund wird bei der Gelegenheit des Testaments geizig. Ein Laster. Er strebt nach Julchen, damit er ihre Reichtümer bekomme. Welcher schändliche Eigennutz! Er wird Lottchen untreu und will Julchen untreu machen. Wieder zwei neue Verbrechen. Er kann sein erstes Laster nicht ausführen, wenn er nicht ein Betrüger und Verräter wird. Also hintergeht er seinen Freund, seinen Schwiegervater, Sie, mich und alle, nachdem er einmal die Tugend hintergangen hat. Aber alle diese Bosheiten auszuführen, mußte er ein Lügner und ein Verleumder werden. Und er ward es. Welche unselige Vertraulichkeit herrscht nicht unter den Lastern? Sollten also die Stoiker nicht recht haben?
Simon. Wer zweifelt daran? Herr Magister. Ich glaube es, daß Sie die Sache genauer einsehen als ich und Jungfer Julchen. Sie reden sehr wahr, sehr gelehrt. Sie haben seine Untreue zuerst mit entdeckt, und wir danken Ihnen zeitlebens dafür. Aber entdecken Sie nun auch das Mittel, Lottchen so weit zu bringen, daß sie sich nicht mit dem untreuen Siegmund verbindet.
Der Magister. Darauf will ich denken. Lottchen ist zu leichtgläubig gewesen. Aber sie kann bei dieser Gelegenheit lernen, wieviel man Ursache hat, ein Mißtrauen in das menschliche Herz zu setzen, wenn Man es genau kennt und die Erzeugung der Begierden recht ausstudiert hat. Wir haben so viele Vernunftlehren. Eine Willenslehre ist ebenso nötig. Ist denn der Wille kein so wesentlicher Teil der Seele als der Verstand? So wie der Verstand Grundsätze hat, die sein Wesen ausmachen: so hat der Wille gewisse Grundtriebe. Kennt man diese, so kennt man sein Wesen; und so kennt man auch die Mittel, ihn zu verbessern. Jungfer Muhme, reden Sie aufrichtig, habe ich's Ihnen nicht hundertmal gesagt, daß Siegmund nichts Gründliches in der Philosophie weiß? Dies sind die traurigen Früchte davon.
Julchen. Lieber Herr Magister, wenn Sie so viel bei der betrübten Sache empfänden als ich, Sie würden diese Frage itzt nicht an mich tun. Sie haben mich heute eine Fabel gelehrt. Und ich wollte wünschen, daß Sie an die Fabel von dem Knaben gedächten, der in das Wasser gefallen war. Anstatt daß Sie uns in der Gefahr beistehen sollen: so zeigen Sie uns den Ursprung und die Größe derselben. Nehmen Sie meine Freiheit nicht übel.
Der Magister. Ich kann Ihnen nichts übelnehmen. Zu einer Beleidigung gehört die gehörige Einsicht in die Natur der Beleidigung. Und da Ihnen diese mangelt: so sehen Ihre Reden zwar beleidigend aus; aber sie sind es nicht.
Simon. Aber, was wollen Sie denn bei der Sache tun?
Der Magister. Ich will, ehe die Versprechung vor sich geht, Lottchen und meinem Bruder kurz und gut sagen, daß ich meine Einwilligung nicht darein gebe. Alldann muß die Sache ein ander Aussehn gewinnen.
Simon. Gut, das tun Sie.
Dreizehnter Aufzug Julchen. Simon.
Julchen. Ich will dem Herrn Magister nachgehen. Er möchte sonst gar zu große Händel anrichten. Entdecken Sie Lottchen, wenn sie kömmt, die traurige Sache zuerst. Ich will sorgen, daß Sie Siegmund in Ihrer Unterredung nicht stört und Ihnen, wenn ich glaube, daß es Zeit ist, mit meinem Bräutigame zu Hülfe kommen.
Simon. Ich will als ein redlicher Mann handeln. Und wenn ich mir auch den größten Zorn bei Ihrer Jungfer Schwester und die niederträchtigste Rache von dem Herrn Siegmund zuziehen sollte: so will ich doch lieber mich als eine gute Absicht vergessen.
Vierzehnter Auftritt
Simon. Lottchen.
Lottchen. Was ist zu Ihrem Befehle? Haben Sie etwa wegen der zehntausend Taler, die ich meiner Schwester herausgeben soll, etwas zu erinnern? Tun Sie nur einen Vorschlag. Ich bin zu allem bereit.
Simon. Mamsell, davon wollen wir ein andermal reden. Glauben Sie wohl, daß mir Ihr Glück lieb ist und daß ich ein ehrlicher Mann bin? So unhöflich diese beiden Fragen sind: so muß ich sie doch an Sie tun, weil ich sonst in der Gefahr stehe, daß Sie meinen Antrag nicht anhören werden.
Lottchen. Mein Herr, womit kann ich Ihnen dienen? Reden Sie frei. Ich sage es Ihnen, daß ich ebenden Gehorsam gegen Sie trage, den ich meinem Vater schuldig bin. Ich will Ihnen den größten Dank sagen, wenn Sie mir eine Gelegenheit geben, Ihnen meine Hochachtung durch die Tat zu beweisen. Ich bin ebensosehr von Ihrer Aufrichtigkeit überzeugt als von der Aufrichtigkeit meines Bräutigams. Kann es Ihnen nunmehr noch schwerfallen, frei mit mir zu reden?
Simon. Meine Bitte gereicht zum Nachteile Ihres Liebhabers.
Lottchen. Will Ihr Herr Mündel etwa das Rittergut gern haben, weil es so nahe an der Stadt liegt? Nun errate ich's, warum er itzt gegen den guten Siegmund etwas verdrießlich tat. Warum hat er mir's nicht gleich gesagt? Er soll es haben und nicht mehr dafür geben, als Sie selbst für gut befinden werden. Kommen Sie zur Gesellschaft. Ich habe mich wegen des boshaften Briefs, den ich vorhin erhalten, entschlossen, in Ihrer Gegenwart dem Herrn Siegmund ohne fernern Aufschub das Recht über mein Herz abzutreten und seinen Feinden zu zeigen, daß ich auf keine gemeine Art liebe.
Simon. Aber diesen boshaften Brief habe ich schreiben und auf die Post bringen helfen.
Lottchen. Ehe wollte ich glauben, daß ihn mein Vater, der mich so sehr liebt, geschrieben hätte. Sie scherzen.
Simon. Nein, Mamsell, ich bin zu einem Scherze, den mir die Ehrerbietung gegen Sie untersagt, zu ernsthaft. Erschrecken Sie nur, und hassen Sie mich. Ich wiederhole es Ihnen, Ihr Liebhaber meint es nicht aufrichtig mit Ihnen.
Lottchen. Sie wollen gewiß das Vergnügen haben, meine Treue zu versuchen und mich zu erschrecken, weil Sie wissen, daß ich nicht erschrecken kann.
Simon. Sie glauben, ich scherze? Ich will also deutlicher reden. Ihr Liebhaber ist ein Betrüger.
Lottchen (erbittert). Mein Herr, Sie treiben die Sache weit. Wissen Sie auch, daß ich für die Treue meines Liebhabers stehe und daß Sie mich in ihm beleidigen? Und wenn er auch der Untreue fähig wäre: so würde ich doch den, der mich davon überzeugte, ebensosehr hassen als den, der sie begangen. Aber ich komme gar in Zorn. Nein, mein Herr, ich kenne ja Ihre Großmut. Es ist nicht Ihr Ernst, so gewiß, als ich lebe.
Simon. So gewiß, als ich lebe, ist es mein Ernst. Er ist unwürdig, noch einen Augenblick von Ihnen geliebt zu werden.
Lottchen. Und ich werde ihn ewig lieben.
Simon. Sie kennen ihn nicht.
Lottchen. Besser als Sie, mein Herr.
Simon. Ihre natürliche Neigung zur Aufrichtigkeit, Ihr gutes Zutrauen macht, daß Sie ihn für aufrichtig halten; aber dadurch wird er's nicht.
Lottchen. Geben Sie mir die Waffen wider Sie nicht in die Hand. Ich habe Sie und meinen Liebhaber für aufrichtig gehalten. Ich will mich betrogen haben. Aber wen soll ich zuerst hassen? Ist Ihnen etwas an meiner Freundschaft gelegen: so schweigen Sie. Sie verändern mein ganzes Herz. Sie haben mir und meinem Hause viel Wohltaten erwiesen; aber dadurch haben Sie kein Recht erlangt, mit mir eigennützig zu handeln. Wäre es Ihrem Charakter nicht gemäßer, mich tugendhaft zu erhalten, als daß Sie mich niederträchtig machen wollen? Warum reden Sie denn nur heute so?
Simon. Weil ich's erst heute gewiß erfahren habe. Wenn Sie mir nicht glauben: so glauben Sie wenigstens Ihrer Jungfer Schwester und meinem Mündel.
Lottchen. Das ist schrecklich. Haben Sie diese auch auf Ihre Seite gezogen?
Simon. Ja, sie sind auf meiner Seite sowohl als Ihr Herr Vater. Und ehe ich zugebe, daß ein Niederträchtiger Ihr Mann wird, ehe will ich mich der größten Gefahr aussetzen. Sie sind viel zu edel, viel zu liebenswürdig für ihn.
Lottchen. Wollen Sie mir denn etwa selbst Ihr Herz anbieten? Muß er nur darum ein Betrüger sein, weil ich in Ihren Augen so liebenswürdig bin? Und Sie glauben, daß sich ein edles Herz auf diese Art gewinnen läßt? Nunmehr muß ich entweder nicht tugendhaft sein oder Sie hassen. Und bald werde ich Sie nicht mehr ansehn können.
Simon. Machen Sie mir noch so viele Vorwürfe. Die größten Beschuldigungen, die Sie wider mich ausstoßen, sind nichts als Beweise Ihres aufrichtigen Herzens. Die Meinung, in der Sie stehen, rechtfertiget sie alle. Und ich würde Sie vielleicht hassen, wenn Sie mein Anbringen gelassener angehört hätten. Genug...
Lottchen. Das ist ein neuer Kunstgriff. Mein Herr, Ihre List, wenn es eine ist, und sie ist es, sei verwünscht! Wie? Er, den ich wie mich liebe?... Sie wollen sich an seine Stelle setzen? Ist es möglich?
Simon. Dieser Vorwurf ist der bitterste; aber auch den will ich verschmerzen. Es ist wahr, daß ich Sie ungemein hochachte; aber ich habe ein sicheres Mittel, Ihnen diesen grausamen Gedanken von meiner Niederträchtigkeit zu benehmen. Ich will Ihnen versprechen, Ihr Haus nicht mehr zu betreten, solange ich lebe. Und wenn ich durch diese Entdeckung Ihre Liebe zu gewinnen suche: so strafe mich der Himmel auf das entsetzlichste. Nach diesem Schwure schäme ich mich, mehr zu reden. (Er geht ab.)
Funfzehnter Auftritt
Lottchen allein.
Gott, was ist das?... Er soll mir untreu sein?... Nimmermehr! Nein! Der Vormund sei ein Betrüger und nicht er. ... Du, redliches Herz! Du, mein Freund, um dich will man mich bringen? Warum beweist er deine Untreue nicht?
Sechzehnter Auftritt
Lottchen. Damis.
Lottchen. Kommen Sie mir zu Hülfe. Und wenn sie mein Unglück auch alle wollen: so sind doch Sie zu großmütig dazu. Was geht mit meinem Bräutigam vor? Sagen Sie mir's aufrichtig.
Damis. Er ist Ihnen untreu.
Lottchen. Auch Sie sind mein Feind geworden? Hat Sie mein Liebhaber beleidiget: so handeln Sie doch wenigstens so großmütig und sagen mir nichts von der Rache, die Sie an ihm nehmen wollen.
Damis. Mein Herz ist viel zu groß zur Rache.
Lottchen. Aber klein genug zur Undankbarkeit? Hat Ihnen mein Geliebter nicht heute den redlichsten Dienst erwiesen?
Damis. Wollte der Himmel, er hätte mir ihn nicht erwiesen: so würden Sie glücklicher, und er würde nur ein verborgner Verräter sein.
Lottchen. Betrüger! Verräter! Sind das die Namen meines Freundes, den ich zwei Jahr kenne und liebe?
Damis. Wenn ich die Aufrichtigkeit weniger liebte: so würde ich mit mehr Mäßigung vor Ihnen reden. Aber mein Eifer gibt mir für Ihren Liebhaber keinen andern Namen ein. Sie, meine Schwester, sind Ihres Herzens wegen würdig, angebetet zu werden, und eben deswegen ist der Mensch, der bei Ihrer Zärtlichkeit und bei den sichtbarsten Beweisen der aufrichtigsten Liebe sich noch die Untreue kann einfallen lassen, eine abscheuliche Seele.
Lottchen. Eine abscheuliche Seele? Wohlan; nun fordere ich Beweise. (Heftiger.) Doch weder Ihr Vormund noch Sie, noch meine Schwester, noch mein Vater selbst werden ihm meine Liebe entziehn können. Und ich nehme keinen Beweis an als sein eigen Geständnis. Ich bin so sehr von seiner Tugend überzeugt, daß ich weiß, daß er auch den Gedanken der Untreue nicht in sich würde haben aufsteigen lassen, ohne mir ihn selbst zu entdecken. Und ich würde ihn wegen seiner gewissenhaften Zärtlichkeit nur desto mehr lieben, wenn ich ihn anders mehr lieben könnte.
Damis. Ich sage es Ihnen, wenn Sie mir nicht trauen: so gebe ich Ihnen das Herz meiner Braut wieder zurück. Ihnen bin ich's schuldig; aber ich mag nicht die größte Wohltat von Ihnen genießen und zugleich Ihr Unglück sehn.
Lottchen. Sie müssen mich für sehr wankelmütig halten, wenn Sie glauben, daß ich durch bloße Beschuldigungen mich in der Liebe irren lasse. Haben Sie oder ich mehr Gelegenheit gehabt, das Herz meines Bräutigams zu kennen? Wenn Sie recht haben, warum werfen Sie ihm seine Untreue abwesend vor? Rufen Sie ihn hieher. Alsdann sagen Sie mir seine Verbrechen. Er ist edler gesinnet als wir alle. Und ich will ihn nun lieben.
Damis. Sie haben recht. Ich will ihn selbst suchen.
Siebenzehnter Auftritt
Lottchen. Julchen.
Lottchen. Er geht? Er untersteht sich, ihn zu rufen? Nun fängt mein Herz an zu zittern. (Sie sieht Julchen. Kläglich.) Meine Schwester, bist du auch da? Hast du mich noch lieb? (Lottchen umarmt sie.) Willst du mir die traurigste Nachricht bringen? O nein! Warum schweigst du? Warum kömmt er nicht selbst?
Julchen. Ich bitte dich, höre auf, einen Menschen zu lieben, der...
Lottchen. Er soll schuldig sein; aber muß er gleich meiner Liebe unwürdig sein? Nein, meine liebe Schwester. Ach nein, er ist gewiß zu entschuldigen. Willst du ihn nicht verteidigen? Vergißt du schon, was er heute zu deiner Ruhe beigetragen hat? Warum sollte er mir untreu sein, da ich Vermögen habe? Warum ward er's nicht, da ich noch keines hatte?
Julchen. Er ward es zu der Zeit, da er in den Gedanken stund, daß ich die Erbin des Testaments wäre. Ach, liebe Schwester, wie glücklich wollte ich sein, wenn ich dich nicht hintergangen sähe!
Lottchen. So ist es gewiß? (Hart.) Nein! sage ich.
Julchen. Ich habe lange mit mir gestritten. Ich habe ihn in meinem Herzen, vor meinem Bräutigam, vor seinem Vormunde und vor unserm Vater entschuldiget. Ich würde sie aus Liebe zu dir noch alle für betrogne Zeugen halten. Aber es ist nicht mehr möglich. Er selbst hat sich hier an dieser Stelle angeklagt, als du ihn nach dem empfangenen Briefe verlassen hattest. Er war allein. Die Unruhe und sein Verbrechen redten aus ihm. Er hörte mich nicht kommen. O hätt' er doch ewig geschwiegen!... Ach, meine Schwester!
Lottchen. Meine Schwester, was sagst du mir? Er hat sich selbst angeklagt? Er ist untreu? Aber wie könnte ich ihn noch lieben, wenn er's wäre? Nein, ich liebe ihn, und er liebt mich gewiß. Ich habe ihm ja die größten Beweise der aufrichtigsten Neigung gegeben... (Zornig.) Aber was quält ihr mich mit dem entsetzlichsten Verdachte? Was hat er denn getan? Nichts hat er getan.
Julchen. Er hat mich auf eine betrügerische Art der Liebe zu meinem Bräutigam entreißen und sich an seine Stelle setzen wollen. Er hat meinen Vater überreden wollen, als ob ich ihn selbst liebte und als wenn du hingegen den Herrn Damis liebtest. Er hat ihm geraten, die Verlobung noch acht Tage aufzuschieben. Er hat sogar um mich bei ihm angehalten.
Lottchen. Wie? Hat er nicht noch vor wenig Augenblicken mich um mein Herz gebeten? Ihr haßt ihn und mich.
Julchen. Ja, da er gesehen, daß das Testament zu deinem Vorteile eingerichtet ist.
Lottchen. Also richtet sich sein Herz nach dem Testamente und nicht nach meiner Liebe? Ich Betrogene! Doch es ist unbillig, ihn zu verdammen. Ich muß ihn selbst hören. Auch die edelsten Herzen sind nicht von Fehlern frei, die sie doch bald bereuen. (Kläglich.) Liebste Schwester, verdient er keine Vergebung? Mach ihn doch unschuldig. Ich will ihn nicht besitzen. Ich will ihn zu meiner Qual meiden. Ich will ihm die ganze Erbschaft überlassen, wenn ich nur die Zufriedenheit habe, daß er ein redliches Herz hat. O Liebe! ist das der Lohn für die Treue?
Achtzehnter Auftritt
Die Vorigen. Siegmund.
Siegmund. Soll ich nunmehr so glücklich sein, Ihr Ja zu erhalten? Der Herr Vater hat mir seine Einwilligung gegeben. Sie lieben mich doch, großmütige Schöne?
Lottchen. Und Sie lieben mich doch auch?
Siegmund. Sie kennen mein Herz seit etlichen Jahren, und Sie wissen gewiß, daß mein größter und liebster Wunsch durch Ihre Liebe erfüllt worden ist.
Lottchen. Aber... meine Schwester... Warum erschrecken Sie?
Siegmund. Ich erschrecke, daß Sie sich nicht besinnen, daß Sie mir diese List selbst zugemutet haben. Sollte ich nicht durch eine verstellte Liebe Julchens Herz versuchen? Reden Sie, Mamsell Julchen, entschuldigen Sie mich.
Julchen. Mein Herr, entschuldigen kann ich Sie nicht. Bedenken Sie, was Sie zu mir und zu meinem Vater und vor kurzem hier in dieser Stube zu sich selbst gesagt haben, ohne daß Sie mich sahn. Alles, was ich tun kann, ist, daß ich meine liebe Schwester bitte, Ihnen Ihre Untreue zu vergeben.
Siegmund. Ich soll untreu sein?... Ich (Er gerät in Unordnung.) Ich soll der aufrichtigsten Seele untreu sein? Wer? Ich? Gegen Ihren Herrn Vater soll ich etwas gesprochen haben? Was sind das für schreckliche Geheimnisse?... Sie sehn mich ängstlich an, meine Schöne? Wie? Sie lieben mich nicht? Sie lassen sich durch meine Widerlegungen nicht bewegen?... Sie hören meine Gründe nicht an?... Bin ich nicht unschuldig?... Wer sind meine Feinde?... Ich berufe mich auf mein Herz, auf die Liebe, auf den Himmel. ... Doch auch mich zu entschuldigen könnte ein Zeichen des Verdachtes sein. ... Nein, meine Schöne, Sie müssen mir ohne Schwüre glauben. Ich will Sie, ich will meine Ruhe, mein Leben verlieren, wenn ich Ihnen untreu gewesen bin. Wollen Sie mir noch nicht glauben?
Julchen. Herr Siegmund, Sie schwören?
Lottchen (mit Tränen). Er ist wohl unschuldig.
Siegmund. Ja, das bin ich. Ich liebe Sie. Ich bete Sie an und suche meine Wohlfahrt in Ihrer Zufriedenheit. Wollen Sie jene vergrößern: so stellen Sie diese wieder her, und lassen Sie den Verdacht fahren, den ich in der Welt niemanden vergeben kann als Ihnen. Soll ich das Glück noch erlangen, Sie als die Meinige zu besitzen?
Lottchen (sie sieht ihn kläglich an). Mich?... als die Ihrige?... Ja!
Julchen. Meine Schwester!
Lottchen. Schweig. Herr Siegmund, ich möchte nur noch ein Wort mit meinem Papa sprechen, alsdann wollen wir unsere Feinde beschämen.
Siegmund. Ich will ihn gleich suchen. Soll ich die übrige Gesellschaft auch mitbringen? Wir müssen doch die gebräuchlichen Zeremonien mit beobachten.
Lottchen. Ja. Ich will nur einige Worte mit dem Papa sprechen. Alsdann bitte ich Sie nebst den andern Herren nachzukommen.
Neunzehnter Auftritt
Julchen. Lottchen. Cleon.
Cleon. Nun, meine Kinder, wenn euch nichts weiter aufhält: so sähe ich's gern, wenn ihr die Ringe wechseltet, damit wir uns alsdann Paar und Paar zu Tische setzen können. Ei, Lottchen, wer hätte heute früh gedacht, daß du auf den Abend mit einem Rittergute zu Bette gehen würdest! Der Himmel hat es wohl gemacht. Julchen kriegt einen reichen und wackern Mann, weil sie wenig hat. Und du, weil du viel hast, machst einen armen Mann glücklich. Das ist schön. Dein Siegmund wird schon erkenntlich für deine Treue sein. Er kann einem durch seine Worte recht das Herz aus dem Leibe reden. Der ehrliche Mann! Wievielmal hat er mir nicht die Hand geküßt! Wie kindlich hat er mich nicht um meine Einwilligung gebeten!
Lottchen. Das ist vortrefflich. Nun lebe ich wieder. Lieber Papa, hat Herr Siegmund denn heute bei Ihnen um meine Schwester angehalten? Das kann ich nicht glauben.
Cleon. So halb und halb hat er's wohl getan. Er mochte etwan denken, daß Herr Damis ein Auge auf dich geworfen hätte und daß dir's lieber sein würde, einen Mann mit vielem Gelde zu nehmen. Ich war anfangs etwas unwillig auf ihn; aber er hat mich schon wieder gutgemacht. Man kann sich ja wohl übereilen, wenn man nur wieder zu sich selber kömmt. Da kommen sie alle.
Zwanzigster Auftritt
Die Vorigen, Siegmund. Simon. Damis. Der Magister.
Cleon. Endlich erlebe ich die Freude, die ich mir lange gewünscht habe. Ich will Sie, meine Herren, mit keiner weitläuftigen Rede aufhalten. Die Absicht unserer Zusammenkunft ist Ihnen allerseits bekannt. Kurz, meine lieben Töchter, ich erteile euch meinen väterlichen Segen und meine Einwilligung. (Er sieht Lottchen weinen.) Weine nicht, Lottchen, du machst mich sonst auch weichmütig.
Lottchen. Meine Tränen sind Tränen der Liebe. Ich habe also Ihre Einwilligung zu meiner Wahl? Ich danke Ihnen recht kindlich dafür.
Simon (zu Lottchen). Aber, meine liebe Mamsell, Sie wollen... Wie?