Chapter 3
Nun können Sie sich denken, mit welchem Hochgefühl der Befreiung und Errettung ich die schöne Straße nach La Spezia hinsauste, wie ein Verbrecher, der zu lebenslänglichem Ah sin' all' ore all' ore estreme verurteilt war und glücklich ausgebrochen ist. Die Gegend ist dort so schön, daß es mich zu jeder anderen Zeit gewiß verdrossen hätte, auf der Eisenbahn hindurchzufliegen. Aber wer eine zärtliche Witwe zurückläßt, kann nicht rasch genug von der Stelle kommen. Erst als ich spät abends in La Spezia ankam und in der Eroce di Malta abstieg, glaubte ich mich geborgen und aß, trank und schlief mit leichtem Herzen. In meinem Zimmerchen war nur ein ganz kleiner Tisch, auf dem man kaum einen Waschzettel schreiben konnte. Aber--so wandelbar ist das Gemüt des Menschen--er gefiel mir in seiner Zwerghaftigkeit ganz ausnehmend, und ich konnte nicht ohne stillen Schauder an jenen Riesen zurückdenken, der mich ins Netz meiner Armida gelockt hatte.--Seit Wochen war ich nicht so fröhlich aufgewacht wie am andern Morgen, und weil es ein wundervoller Tag war, die reinste Junisonne und das Meer spiegelglatt, bcschloß ich, eine Fahrt auf dem Golf zu machen nach dem alten Fischer- und Piratennest Portovenere, von dem mir meine Freunde in Rom so viel erzählt hatten. Da der geringe Wind uns entgegenstand, mußte mein alter Schiffer zu den Rudern greifen, und zwei ganze Stunden brauchten wir, bis wir um das Vorgebirge bogen und nun der verwitterte Häuserhaufen, das malerische Kirchlein und die Insel Palmaria gegenüber in der vollen Sommersonne vor uns auftauchten. Sie werden diesen wundersamen Erdenwinkel ohne Zweifel auch besucht haben. Ist es nicht wirklich, als befände man sich da viele Meilen südlicher in einem jener Klippennester am Busen von Salern, wo noch Abkömmlinge der griechischen Kolonisten in homerischer Unbekümmertheit ihre Tage hinleben? Derselbe schöne Menschenwuchs, dieselbe vorsündflutliche Kochkunst und ein urweltlicher Schmutz, der in allen Ecken bergehoch versteinert. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die einzige Hauptgasse hinaufschlenderte durch die Reihen der spinnenden, singenden und schwatzenden Weiber, die mit losen Haaren und halb im Hemde unter den Türen saßen und mich anstarrten wie ein Meerwunder, das die Wellen eben ausgespien. Ach, und die herrliche Vegetation, das beneidete Aloe-Unkraut auf den Mauertrümmern der verfallenen Festungswerke, Kaktus, Wein und Oliven bunt durcheinander in den Gärtchen hinter den grauen Häusern, und die kolossalen Feigenbäume, die sich vor Früchten nicht zu lassen wußten! Wenn man sich in der reinlichen Toskana einen Monat lang herumgetrieben hat, tut einem diese Rückkehr in das Paradies, das der Besen einer löblichen Polizei noch niemals ausgefegt hat, über alle Maßen wohl. Ich wurde nicht müde, die Gäßchen hinauf- und hinunterzuklettern, aus den leeren Fensterbögen des alten Kirchleins auf dem äußersten Felsenvorsprung in die schöne Brandung hinunterzustarren, und dann wieder im Schatten der Festungsmauer im dürren Grase zu liegen und über die weißen Dächer weg auf den blauen Golf hinabzusehen, wo die Schiffe kamen und gingen, alles ganz wie vor tausend Jahren, bis auf die Rauchwolken, die aus den Schornsteinen der Dampfer gen Himmel stiegen. Ich war so völlig der Gegenwart entrückt, daß ich auch meine jüngsten Abenteuer nur wie etwas längst Vergangenes bedachte und mich sogar auf den Namen meiner Witwe einen Augenblick nicht mehr besinnen konnte.
Endlich trieb mich denn doch der Hunger wieder in das Nest zurück, und nachdem ich einige Male zwischen den beiden Häusern auf und ab gewandert war, über deren Türe albergo e trattoria geschrieben stand, entschied ich mich für das obere, vor dessen Tür ein paar piemontesische Soldaten Limonade gazeuse tranken und Karten spielten, während das andere von Matrosen wimmelte. Drinnen sah es freilich hier wie dort zigeunermäßig genug aus. Aber die gutmütige Wirtin wies mich eine Treppe hinauf in den "Salorie" und versprach, mir in fünf Minuten ein Mittagessen herzurichten. Während ich darauf wartete und die Tochter, ein stummes halbwüchsiges Mädchen, den Tisch deckte, sah ich mir die Bilder an, die eingerahmt an den Wänden hingen, einige französische Stahlstiche aus der Geschichte von Paul und Virginie, eine Madonna, mit goldenen Herzen beklebt, und die italienischen Nationalheiligen: Cavour, Garibaldi und der König-Ehrenmann. Der Saal hatte noch eine Tür zur Linken. Ohne mir was dabei zu denken, hatte ich schon die Klinke in der Hand, als die Wirtin eben hereintrat und mit einer halb erschrockenen, halb unwilligen Gebärde mir winkte, von dieser Türe zurückzubleiben. Ich entschuldigte mich, daß ich es ganz arglos getan, um zu sehn, ob sie nicht noch Zimmer hätten, wo man etwa übernachten könne. Nein, nein, gab die Frau hastig zur Antwort. Die übrigen Zimmer brauchen wir selbst.--Ich tröstete mich leicht hierüber. Denn der Gedanke, in dieser verräucherten Herberge hausen zu müssen, war nicht eben verführerisch. So setzte ich mich zu Tische und fand das Essen, mit Ausnahme einer fossilen Kotelette und des ranzigen Öles-, das sie mir an die grünen Bohnen gegossen hatten, noch erträglicher, als ich gefürchtet. Sie trugen mir ein paar delikate gebackene Fischchen auf, und der Wein war sehr trinkbar, so daß ich, nach dem heißen Tage, mich in vollen Zügen daran labte und noch ehe sie mir die trockenen Feigen und die versteinerten Biskuits zum Nachtisch gebracht hatten, auf dem Stuhl, wo ich saß, in einen festen Nachmittagsschlaf versank.
Ich mochte wohl ein paar Stunden in dem totenstillen Saal geschlummert haben, als mich plötzlich ein wunderliches Klingen ganz in meiner Nähe aufweckte. Ich öffnete die Augen, blieb aber ganz ruhig sitzen und horchte umher. Es klang, als würde auf einem uralten Klavezimbel gespielt, und die Töne kamen aus dem Zimmer nebenan, das zu betreten mir die Wirtin verboten hatte.
Daß ich neugierig wurde und auf den Zehen an die Türe schlich, um durchs Schlüsselloch zu sehen, werden Sie mir nicht verdenken. Wenn bloß ihr Novellisten das Vorrecht hättet, in fremden Ländern eurer Neugier die Zügel schießen zu lassen, könnten wir andern ehrlichen Menschen nur lieber gleich zu Hause bleiben. Und welches Glück, daß ich mich hier aufs Horchen legte! Zwar die Musik verriet mir nicht viel. Eine heisere Männerstimme sang allerlei abgerissene Verse eines Operntextes, von denen ich nur die üblichen Naturlaute:
Deh perfida! Ah barbaro! und:
Cottie? Tiranna! O dio! Strappami il cor dal seno--
verstand. Das alte Instrument stand an der Wand gegenüber, so daß der Sänger, der davor saß, mir den Rücken zugekehrt hatte. Aber jetzt drehte er sich nach der Seite, um in einem Haufen geschriebener Noten zu wühlen, die neben ihm auf dem Bette lagen. Und nun raten Sie einmal, wer es war?
Doch nicht der verrückte Bariton, Tobia Seresi?
Noch toller! Noch erstaunlicher! So abenteuerlich, daß ich Ihnen nicht raten würde, dies zu erfinden, und nicht zumuten könnte, es zu glauben, wenn ich es nicht erlebt hätte: Sor Carlo, der Mann meiner Witwe!
Das ist stark, sagte ich. Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß der Wein von Portovenere Ihnen zu dieser Vision verhalf, oder daß alles nur ein Sommernachmittagstraum war.
Sie irren sich sehr, fuhr er fort. Hören Sie nur weiter. Daß ich anfangs selbst zu träumen meinte, können Sie sich wohl denken. Aber es war Zug für Zug dasselbe Gesicht, das ich über dem Sofa der Frau Lucrezia unter Glas und Rahmen oft genug studiert hatte.
Und die Ohren? fragte ich.
Die konnte ich nicht sehen. Die Haare schienen schon seit Monaten nicht mehr geschnitten worden zu sein und hingen dicht um den Kopf bis auf die Schultern herab. In der Überraschung muß ich wohl an der Tür gerappelt haben. Denn plötzlich drehte er sich vollends herum und rief: Seid Ihr's, Frau Beatrice?--So hieß nämlich die Wirtin.
Nun war ich doch einmal verraten und beschloß, mich lieber ganz und gar zu enthüllen. Ich rief ihm durchs Schlüsselloch zu, die Frau sei es nicht, aber ein Freund, der zwei Worte mit ihm zu sprechen wünsche. Dabei nannte ich seinen Namen und sah, wie er heftig erschrak und einen Augenblick zu überlegen schien, ob er sich nicht verleugnen solle. Aber was konnte das helfen, wenn er doch einmal von einem Fremden entdeckt war? So schloß er denn die Tür auf, und ich werde niemals den wunderlichen Blick vergessen, mit dem er mich musterte, etwa wie Lazarus, als er von den Toten auferweckt wurde. Lieber Sor Carlo, sagte ich, was zum Teufel haben Sie gemacht? Warum begraben Sie sich bei lebendigem Leibe in diesem elenden Fischernest, während ganz Pisa in Alarm ist um Ihr Verschwinden und Ihre trauernde Witwe Tag und Nacht keine Ruhe hat bis sie-Hier fiel er mir zum Glück in das Wort; ich hätte sonst am Ende die gute Lucrezia verleumderischerweise als ganz untröstlich geschildert.
Was? sagte er. Meine Witwe? Weiß denn meine Frau nicht, daß ich wohl aufgehoben bin?
Nun erzählte ich ihm, natürlich ohne meine eigenen zarten Beziehungen zu dieser liebevollen Seele zu verraten, wie ich die Dinge in Pisa gefunden, gestand ihm auch, daß ich in seinem Hause gewohnt und Zeuge von dem Kummer der einsamen Verlassenen gewesen sei. Wie ich aber auf die beiden Reliquienfläschchen zu reden kam, unterbrach er mich in heftiger Aufregung. Unerhört! rief er und zerwühlte sich das Haar, so daß ich nun das Vorhandensein eines ungestutzten Ohrenpaares konstatieren konnte. O ich bin schändlich betrogen worden! Man hat mir eine Rolle in einem Possenspiel zugeteilt, die mich bis an mein Lebensende lächerlich machen wird!--So schrie und tobte er in seinem kleinen Stübchen herum, und es dauerte lange, bis er sich so weit beruhigte, um sich aufs Bett zu setzen und mir den Zusammenhang dieser tragikomischen Geschichte zu enthüllen.
Da er mich mit Recht wie einen Hausfreund betrachtete--ich war es gottlob nicht in der verwegensten Bedeutung--so suchte er durchaus nichts zu verstecken oder zu beschönigen, sondern erzählte mir von Anfang an seine Liebes-, Heirats- und Leidensgeschichte. Er hatte seine Frau auf der Bühne kennengelernt und sich ebenso heftig in ihre Schönheit verliebt, wie er ihren Gesang verabscheute. Denn sie habe so ganz unheilbar falsch gesungen, daß sie die Ohren ebenso gemartert habe, wie sie die Augen entzückte. Er gestand mir sogar, seiner festen Überzeugung nach sei der arme Tobia Seresi bloß dadurch um den Verstand gekommen, daß er genötigt gewesen sei, einen ganzen Winter hindurch Duette mit ihr zu singen. Unter solchen Umständen habe er, Sor Carlo, sich endlich nicht anders zu helfen gewußt, als indem er sie von der Bühne wegheiratete. Aber leider habe das häusliche Glück und ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten das verhängnisvolle Talent nicht ersticken können. Dazu nun ihre Liebhaberei für geräuschvolle Haustiere, das unvermeidliche Kindergeschrei, der Lärm auf der Straße--kurz, seine Nerven hätten endlich so sehr gelitten, daß an Komponieren kein Gedanke mehr gewesen sei. Nun habe sie alles Mögliche ihm zuliebe getan. Aber sein Gehör sei jetzt schon so überreizt gewesen, daß er sich eingebildet habe, sie niese sogar falsch und ihre Schuhe knarrten um einen Viertelston zu hoch. Endlich habe er sich entschlossen, eine Erholungsreise nach Neapel anzutreten, und hier sei das Leiden auch bald milder geworden, zumal da er in dem stillen Landhause eines Schulfreundes, eines Arztes, ganz ungestört seinen Lieblingsarbeiten nachgehen konnte. Überdies fand er endlich hier unten einen jungen Poeten, der ihm einen Operntext ganz nach seinen Wünschen dichtete. jetzt nur sechs Monate in ungestörter Arbeitsruhe, und er wollte ein Werk zustande bringen, das ihn auf einen Schlag in ganz Italien berühmt machen sollte. Aber schon kamen die ungeduldigsten, sehnsüchtigsten Briefe seiner jungen Frau. Wenn er nicht zurückkehre, werde sie alles, Haus und Kinder, im Stiche lassen und ihren heißgeliebten Carlo aufsuchen. Und sie wäre es imstande gewesen! seufzte der Gatte; denn sie konnte nicht ohne mich leben, und ihre Eifersucht war nicht die geringste meiner häuslichen Annehmlichkeiten.--In dieser Not fragte er seinen Freund um Rat, der ebenfalls nichts lebhafter wünschte als den Ruhm und das schöpferische Glück des Freundes. Laß du mich nur machen! habe jener gesagt. Ich verspreche dir, daß sie dich bis zur Vollendung deines Werks in Ruhe lassen soll. Nur mußt du mir dagegen geloben, in der ganzen Zeit weder an sie zu schreiben, noch dich vor irgend einem Menschen sehen zu lassen, der ihr mündlich Nachricht von dir bringen könnte. Im übrigen werde ich es so einrichten, wie es für alle Teile das zuträglichste ist.--Diesen Vertrag sei er unbedenklich eingegangen, da er schon ganz von seiner Arbeit erfüllt gewesen sei und ja auch gewußt habe, daß inzwischen zu Hause alles wohl stehe. Die ersten Monate des Winters habe er in einem stillen Hause nahe bei Amalfi zugebracht und hier die Skizze seiner Oper vollendet. Sein Freund, der Arzt, habe ihn mit Geld versehen und alle vier Wochen geschrieben, Frau und Kinder seien wohl und ließen ihn grüßen. Als er dann soweit war, daß die vollständige Partitur geschrieben werden mußte, was er ohne Instrument nicht gut zustande bringen konnte, habe er Amalfi verlassen und sich nach einem kurzen Besuch in Neapel nach Portovenere zurückgezogen, wohin von La Spezia aus ein altes Klavier leichter zu schaffen war. Hier hause er nun friedlich seit fünf Monaten. Nur noch eine Woche, so sei auch das Finale des letzten Aktes glücklich instrumentiert, und nun erfahre er zu seinem Entsetzen, daß sein Freund seine Arglosigkeit aufs Schnödeste mißbraucht und auf seine Kosten eine Farce in Szene gesetzt habe, die ihn, da er eben an die Schwelle des Ruhmes gelangt sei, ohne Erbarmen vor ganz Italien zum Gelächter machen müsse.
Fassen Sie sich nur, sagte ich, während ich selbst Mühe hatte, mein Lachen zu unterdrücken. Es ist noch gar nichts verloren. Von den beiden herrenlosen Ohren, die Ihr zynischer Freund auf der Anatomie irgend einem stillen Mann abgeschnitten haben wird, wissen bis jetzt sehr wenige. Ihre trauernde Witwe hat sie nur den nächsten Teilnehmenden gezeigt. Im übrigen--was ist da zu lachen, wenn ein glücklicher Familienvater vor lärmenden Kindern und Haustieren die Flucht ergreift, um irgendwo in der Stille ein unsterbliches Werk zu schaffen? Freilich ist es nachgerade Zeit, daß Sie nach Hause kommen; denn Ihre schöne Frau wird natürlich umworben, wie weiland Penelope, und wenn Sie länger tot bleiben-Herr, sagte er und faßte mich erschrocken am Arm, Sie wollen doch nicht etwa sagen-Nicht das geringste, was Ihrer Ehre zu nahe treten könnte, fuhr ich eilig fort. In ganz Pisa kann niemand Ihrer Frau etwas Böses nachsagen, und daß sie mir eines ihrer überflüssigen Zimmer abgetreten, kann sie vor ihrem Gewissen verantworten. Ich habe eine Braut in Deutschland und gebe Ihnen meine heiligste Versicherung, daß mir in Pisa nichts ferner lag als Liebesaffären.
Er sah mich mit einem forschenden Blicke an, der mich überzeugte, daß seine alte Leidenschaft für diese Frau durchaus noch nicht erloschen sei. Als ich ihm aber von meinem Werk über den Schiefbau erzählte, beruhigte er sich, da er mich nun für einen ausgemachten Narren hielt. Ich will Ihnen glauben, sagte er. Aber was soll ich jetzt beginnen? Raten Sie mir! Ich war mein Lebtag ein ganz unpraktischer Mensch und habe nur für meine Kunst gelebt.
Wissen Sie was? sagte ich. Das beste wird sein, ich fahre sogleich nach Pisa zurück und bereite Ihre Frau auf Ihr Wiedererscheinen vor. Wenn Sie plötzlich unangemeldet ins Zimmer träten, könnte die zärtliche Seele den Tod vor Schrecken haben, oder doch zum wenigsten ein Nervenfieber. Sie packen indes Ihre Oper ein und folgen mir morgenden Tages nach.
Das schien denn auch dem guten Mann, der ziemlich kopflos und tiefsinnig immer noch auf dem Bette saß, das zweckmäßigste, und so nahmen wir kurz Abschied voneinander; ich bezahlte mein Mittagessen und wanderte die schmale Gasse hinunter, die jetzt schon recht kühl und dämmrig war. Nun erst konnte ich stille für mich in Lachen ausbrechen und mich an dem tiefen Sinn in diesem kindischen Spiel ergötzen. je mehr ich drüber nachdachte, je mehr mußte ich der Menschenkenntnis des Neapolitaners Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn daß Frau Lucrezia mit gelinderen Mitteln nicht zu bewegen gewesen wäre, auf ihren Carlo zehn Monate zu verzichten, stand auch mir felsenfest. Das Lustige an der ganzen Posse war mir aber der Vorgenuß der Schadenfreude, mit der ich in mein Zimmer in Pisa zu treten dachte, auf einmal wieder ein freier Mann und ohne Gefahr, "sin' all' ore, all' ore estreme" im Schatten des schiefen Turmes für das "zweite Lebensglück" meiner schönen Wirtin haften zu müssen.
Was aber geschieht? Wie ich schon das verfallene Tor durchschritten habe und um die Ecke biege, um unten an dem Landungsplatz meinen alten Schiffer wieder aufzutreiben, sehe ich eine verschleierte Dame mir entgegenkommen, die eben aus einem Nachen gestiegen war und bei meinem Anblick einen unverständlichen Ausruf tut. Ich achte nicht weiter darauf, da ich immer nur Pisa im Kopfe habe, und will spornstreichs an ihr vorbei. Plötzlich ergreift sie mich beim Arm, schlägt den Schleier zurück und ruft mit dem Tone sittlicher Entrüstung: Ha, Verräter, meint Ihr mir auch hier zu entrinnen?--Meinen Schrecken können Sie sich denken. Lucrezia! rief ich und weiter konnte ich nichts sagen, denn ich überlegte im Nu, wie sehr sie ihre Lage durch diesen Geniestreich verschlimmerte. Was sagen Sie aber dazu? War mir dieses unentrinnbare Frauenzimmer richtig nachgereist und machte Miene, mich zu Lande und zu Wasser, lebend und tot, wieder einzufangen. Um des Himmels willen! rief ich und zog sie in der ersten Bestürzung in den dunklen Torbogen, was fällt Ihnen ein, Lucrezia? Wissen Sie denn--O Ferdinando, unterbrach sie mich mit sehr erhabener Gebärde, ich flüchte mich zu Euch vor der Bosheit der Menschen. Der Oheim ist aus Florenz zurück. Er ist wie rasend und hat geschworen, mich umzubringen, wenn der Fremde, der hinter seinem Rücken sich bei mir eingeschlichen habe, meine Ehre nicht wiederherstelle, wie es einem Galantuomo gezieme. Die Tante hat ihn vergebens zu besänftigen gesucht, er will von nichts hören; er sagt nur immer, daß er Euch nacheilen und Genugtuung von Euch verlangen oder Euch niederschießen wolle, wie einen Räuber und Mörder. Was sollte ich tun, ich Ärmste? Ich habe mit vielen Tränen und Bitten eine Frist von drei Tagen erlangt; eine innere Stimme sagte mir, daß ich Euch finden und das Schlimmste noch verhüten würde. Im "Nettuno"erfuhr ich, Ihr seiet nach La Spezia. Dort hatten sie Euch nach Portovenere fahren sehen. Und nun, Ferdinando-Ihr kommt wie gerufen, sagte ich. Ihr spart mir einen Weg. Denn ich war eben im Begriff, wieder umzukehren und Euch die Nachricht zu bringen, daß Eure Witwenschaft zu Ende ist.
Wirklich? So ist es gut, so laßt uns eilig wieder in den Kahn steigen, sagte sie. Ich wußte es ja, Ihr würdet ein alleinstehendes Weib nicht so schwer kompromittieren, wenn Ihr es nicht gut und ehrlich mit ihr meintet.
Halt! sagte ich. Ihr wißt noch nicht alles. Die Toten stehn wieder auf. Euer Seliger sitzt droben im Wirtshaus und läßt Euch grüßen. Er ist frisch und gesund und im Besitz seiner sämtlichen Ohren, die Ihr von jetzt an hoffentlich etwas schonender behandeln werdet.
Nun war die Reihe zu versteinern an ihr. Während sie mich aber anstarrte, als ob ich ihr ein Märchen aus Tausend und einer Nacht erzählte, verlor ich keine Zeit, sondern berichtete ihr im Auszuge alles, was ich selber wußte. Und damit Ihr nun seht, schloß ich, daß ich es wirklich gut und ehrlich mit Euch meine, will ich Euch einen Rat geben, wie Ihr alles noch ganz herrlich wieder in Ordnung bringen könnt. Ihr geht jetzt auf der Stelle zu Eurem Seligen und erzählt ihm, daß ein unbestimmtes Gerücht, er halte sich hier in Portovenere versteckt, Euch von Pisa weggelockt habe. Der treffliche Mann, der Euch trotz mancher kleiner Schattenseiten noch immer blindlings zu lieben scheint, wird Euch nicht allzu scharf examinieren. Ein paar Zeilen, die Ihr an den Oheim vorausschickt, werden auch diesen Biedermann in die rechte Stimmung bringen, und wenn Ihr sonstiges Gerede der Nachbarn scheut, so macht eine kleine Hochzeitsreise längs der Riviera und kehrt erst heim, wenn die Schwätzer stille geworden sind. Auf meine Diskretion könnt Ihr Euch natürlich verlassen. Ich werde Euch ewig dankbar sein, daß Ihr mich nicht unwürdig gefunden habt, Euch ein zweites Lebensglück begründen zu helfen.
Während ich ihr diesen langen Sermon hielt, belustigte es mich sehr, den Wechsel der Gemütsbewegungen auf ihrem Gesicht zu beobachten. Aber das Spaßhafteste war der Ausdruck von zeremonieller Kälte, den sie zum Schutz gegen mich annahm, als sie sich von der Furcht vor allen verdrießlichen Folgen dieses Abenteuers durch meine weisen Winke befreit sah. Va bene, sagte sie. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise, mein Herr!--Damit nickte sie mir huldvoll wie einem völlig Fremden meine Entlassung zu, zog den Schleier wieder über das Gesicht und ging majestätisch, als hätte sie sich eben nur bei einem Vorübergehenden nach dem Wege erkundigt, die Gasse hinauf, dem Wiedersehen mit ihrem Carlo entgegen. Ich zweifle nicht, daß sie den Auferstandenen aufs zärtlichste begrüßt und aufs unbefangenste belogen haben wird. O die Weiber! Sie sind niemals größer, furchtbarer, erfinderischer und bezaubernder, als wenn sie ein schlechtes Gewissen haben!
Dies ist mein Abenteuer mit der Witwe von Pisa, sagte mein Nachbar und zündete eine frische Zigarre an. Was sagen Sie dazu? Wollen Sie nicht eine Novelle daraus machen?
Behüte mich der Himmel! rief ich. Ich würde mich schön damit "kompromittieren". Welcher deutsche Leser glaubte mir diese tolle Geschichte?
Mag sein, sagte er. Aber daran wären Sie selber schuld. Warum haben Sie die Meinung verbreitet, die Frauenzimmer jenseits der Alpen (wir waren nämlich schon über die Höhe des Mont Cenis gekommen und rollten nach Savoyen hinunter) seien aus ganz besonderem Stoff und von dem schönen Geschlecht in Deutschland grundverschieden? Könnte diese Geschichte nicht ebensogut in unserem teueren Vaterlande sich zugetragen haben?
Was? rief ich erstaunt, Sie glauben im Ernst-Bis auf das Intermezzo mit den beiden Ohren, sagte er feierlich. Denn gottlob, wir leben in wohlpolizierten Verhältnissen, und die Spitzbuben schneiden höchstens Beutel und Zöpfe ab. Was aber die Witwen betrifft-Hier hielt die Diligence vor einem Stationshause, und eine Tasse Kaffee unterbrach unser Gespräch, da es eben drohte, eine sehr bedenkliche Wendung zu nehmen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Witwe von Pisa, von Paul Heyse.