Die Witwe von Pisa

Chapter 2

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Auch hatte ich die ersten Tage keine weiteren Unbequemlichkeiten von meiner Kriegslist, keine Anfechtungen, weder in meinem Gewissen, noch in meinen vier Pfählen. Der überrumpelte schöne Feind begnügte sich offenbar damit, mich zu beobachten; denn bei der Kaltblütigkeit, mit der das "neue Lebensglück" betrieben wurde, konnte sie sich Zeit lassen, zu untersuchen, ob sie auch kein schlechtes Geschäft mache mit diesem wildfremden Zukünftigen. Leider schien das Ergebnis ihrer Forschungen täglich mehr zu meinen Gunsten auszufallen. Und ich machte es auch danach! Einen stilleren, geduldigeren, fleißigeren zweiten Mann, als ich in diesen Tagen darstellte, kann sich keine junge Witwe wünschen, und wenn ich im Punkte der Zärtlichkeit manches zu wünschen übrig ließ, so war dies mit der ritterlichen Diskretion zu entschuldigen, die unsere Zimmernachbarschaft mir zur Pflicht machte. Kam ich von meinen Vermessungsgeschäften am Kampanile nach Hause, so pflanzte ich mich sofort hinter den bewußten Tisch, um die Resultate in meine Zeichnung einzutragen. Währenddessen konnte sie nebenan ihr "Ah sin' all' ore all' ore estreme" oder eine andere schmelzende Kazitilene schmettern, so viel sie wollte: Ich pries, zum ersten Male im Leben, mein stumpfes Ohr, das mir half, dieser Lockung mannhaft zu widerstehen. Ein paarmal schickte sie mir die Kinder herein, die einen greulichen Unfug mit meinen Mappen und anderen Habseligkeiten anstellten, bis ich mit einigen Orangen den Frieden von ihnen erkaufte. Auch in dieser Prüfung benahm ich mich musterhaft. Ging ich darin in der Abendkühle am Lungarno spazieren unter dem Schwarm von Studenten, Pisaner Bürgern mit ihren Familien und einigen wenigen Stutzern, die auch hier nicht fehlten-nun Sie kennen ja das alles aus eigener Anschauung-, so begegnete ich regelmäßig einige Male meiner schönen Hauswirtin, die an der Seite einer Freundin mit züchtigen Witwenschritten dichtverschleiert lustwandelte und, wie ich merken konnte, viele Verehrer hatte. Mancher von diesen hätte mich wohl beneidet, wenn er gewußt hätte, wie bequem es mir gemacht wurde. Ich aber begnügte mich mit devotem Hutabziehen und kam regelmäßig erst nach Hause, wenn ich wußte, daß sie schon Nacht gemacht hatte. Das geschah sehr früh-, denn da sie, wie die meisten Italienerinnen, völlig ungebildet war und höchstens einen französischen Roman in der Übersetzung las, so langweilte sie sich entsetzlich, sobald es dunkel wurde und sie nicht mehr aus dem Fenster sehen und sich bewundern lassen konnte.

Dieser friedfertige Zustand, der meinen Wünschen sehr entsprach--ein Leben wie im Paradiese, wo Wolf und Lamm in Unschuld nebeneinander hausten--, hatte etwa eine Woche gedauert, da merkte ich, daß das Lamm sich zu wundern anfing, wie zahm der Wolf sich betrage; ja es schien der armen Unschuld ordentlich gegen die Ehre zu gehen, daß sie noch immer ungefressen blieb, da sie sich selbst doch appetitlich genug vorkam. Nun kehrte sich der Naturzustand um, und das Lamm rüstete sich, den Wolf nach allen Regeln zu belagern. Einige Tage blieb es bei frischen Blumensträußen, mit denen ich meinen Zeichentisch geschmückt fand, wenn ich nach Hause kam. Dann fand ich, da meine Hausschuhe in ziemlich desolatem Zustande waren, abends ein paar warme türkische Pantoffeln vor meinem Bett, die offenbar dem Seligen, meinem Vor-Wolf, gehört hatten; übrigens waren sie noch so gut wie neu. Mittags mußte ich mit aller Gewalt ein Fritto von Artischocken und kleinen Kürbissen kosten, das Madonna Lucrezia selbst bereitet haben wollte, und ihr mit einem Glase Chianti Bescheid tun. Erminia, die mit am Tisch aß und die beiden Bimbi fütterte, hatte wieder genug zu kichern, und nur das Hündchen knurrte mich feindselig an, als einen Eindringling, der ihm seine Ration zu verkümmern drohte. Dabei führten wir tiefsinnige Gespräche über deutsche und toskanische Kochkunst, und ich abtrünniger Sohn meines Vaterlandes verleugnete sogar das deutsche Sauerkraut gegenüber den italienischen Artischocken. Das schien ihr bedeutsam genug, um andern Tags einen noch lebhafteren Sturm zu wagen. Denken Sie, was das verschmitzte Geschöpf sich einfallen ließ! Ich bin am Vormittag wie gewöhnlich auf meinem schiefen Turm, nun schon in den obersten Geschossen, und denke an nichts Arges, da höre ich unten aus der Tiefe zu mir heraufsingen das nur zu wohlbekannte: "Ah sin' all' ore all' ore estreme", und richtig, meine schöne Freundin ersteigt herzhaft die langen Wendeltreppen, so daß an ein Entrinnen nicht zu denken war, ich hätte denn hinter den Pfeilergalerien Versteckens spielen müssen. Was sie eigentlich beabsichtigte, ist mir heute noch nicht recht klar; denn von der obersten Zinne sich, entweder allein, oder Arm in Arm mit mir hinabzustürzen, wenn ich ihr nicht endlich ein festes Heiratsversprechen gäbe, dazu war sie ein viel zu praktischer Charakter, viel zu sehr--Italienerin, hätt' ich beinahe gesagt. Aber ich will Ihren Idealismus nicht kränken. Am Ende war es auch bloß die Langeweile, die sie zu mir trieb. Ich natürlich stellte mich sehr erfreut, machte die Honneurs des Turnies aufs Liebenswürdigste, und da wir ganz allein waren, hielt ich es für angebracht, ihr wenigstens wieder einmal die Hand zu küssen. Sie hatte auch gerade ihren guten Tag. Vom Steigen war ihr wachsbleiches Gesicht etwas gerötet, und wie sie so die kohlschwarzen Augen über Dom und Baptisterium und Stadt und fernes Gebirge funkeln ließ, schien sie mir wirklich keine üble Partie. Notabene für einen Italiener, der keine Gemütsansprüche machte. Ich sagte ihr sehr viel schöne Dinge, die das arme Lamm, nach der langen schlechten Behandlung von meiner Seite, mit sichtlichem Behagen einschlürfte. Natürlich wurde ich durch einige zärtliche Anspielungen und sehr ermutigende Blicke belohnt. Aber ich hatte nicht nötig, durch Umdrehung meines Verlobungsringes einen guten Geist zu beschwören, daß er mich in dieser Versuchung beschütze, denn ich wußte es ganz deutlich, daß ich ihr bei all ihren kleinen schmachtenden Manövern im Grunde der Seele so gleichgültig war wie die Marmorstufe, auf der sie stand. Und so kamen wir denn nach Verlauf einer Stunde beide ganz wohlbehalten unten auf dem Domplatze wieder an.

Sie aber mußte doch wohl glauben, das Eisen zum Glühen gebracht zu haben, denn sie verlor keine Zeit, es zu schmieden. Noch denselben Nachmittag schleppte sie mich in eines der offenen Theater,--ich glaubte, das sogenannte Politeama war's--Sie werden sich erinnern. Vergebens wandte ich ein, daß ich sie zu kompromittieren fürchte, wenn man uns zwei so öffentlich miteinander das Schauspiel besuchen sähe. --Die Sachen sind nun doch schon so weit gediehn, gab sie ganz gelassen zur Antwort, daß Sie mich viel stärker, als Sie schon getan, überhaupt nicht mehr kompromittieren können. Und wird nicht doch einmal der Schleier fallen müssen?--Jawohl, seufzte ich bei mir selbst, die Schuppen werden dir von den Augen fallen, armes Lamm!--und so begleitete ich sie mit heroischer Fassung ins Theater.

Ich glaubte erst, sie habe dieses gemeinsame Vergnügen nur darum arrangiert, um sich wirklich recht geflissentlich vor aller Welt zu kompromittieren und mich dadurch moralisch zu binden. Aber sie hatte noch eine Nebenabsicht. In den Zwischenakten der ziemlich langweiligen modernen Tragödie, während deren Lucrezia beständig kandierte Früchte naschte, trat nämlich ein Sänger auf, den ich als eine ungewöhnliche Figur schon öfters auf den Straßen von Pisa studiert hatte. Er schlenderte gewöhnlich, in ein zimmetbraunes, malerisch geschnittenes Tuchwams und weite Hosen von derselben Farbe gekleidet, einen breiten, phantastischen Hut auf die dicken schwarzen Haare gedrückt, in Begleitung eines kleinen braunen Weibchens, das ihn führte, durch die Straßen, immer vor sich hin lächelnd mit einem halb gutmütigen, halb ironischen Ausdruck, während das feine scharfe Gesichtchen der Frau einen versteinerten Leidenszug hatte. Ich hatte mir sagen lassen, dies sei ein ehemals berühmter Sänger, Tobla Seresi, ein prachtvoller Bariton, der leider den Verstand verloren habe und darum als Opernsänger nicht mehr zu brauchen sei. Denn er habe zuweilen Anfälle von Tobsucht, wo dann nur seine kleine Frau, die er zärtlich liebe, ihn zu behandeln und wieder zahm zu machen verstehe. Zuweilen singe er auf den Theatern in den Zwischenakten, um sich etwas zu verdienen; dann stehe das kleine Weibchen immer hinter den Kulissen und beobachte ängstlich jede Miene in seinem Gesicht.

Dieser Sor Tobia nun sang, wie gesagt, auch an jenem Nachmittage, und seinetwegen hatte meine Witwe mich hingeschleppt. Denn kaum hatte er die ersten Töne seiner Arie gesungen, so wandte sich Frau Lucrezia nach mir um, der ich hinter ihr in der Loge saß, und erzählte mir weitläufig, daß sie selbst eigentlich die Ursache dieses Unglücks sei. Vor sechs Jahren, mitten in einem verliebten Duett, das sie mit ihm gesungen--die Oper, die sie mir auch nannte, habe ich vergessen--sei der Wahnsinn bei ihm ausgebrochen. Er habe sie nämlich heftig an sich gezogen, wie es die Rolle mit sich brachte, und ihr mit rollenden Augen zugeflüstert, wenn sie ihn nicht erhöre, so werde er sie und sich mit einem vergifteten Kartoffelsalat umbringen. Was an dem Zeug wahr sein mochte, weiß ich nicht. Genug, sie schwatzte mir in diesem Stil noch eine Menge Abenteuer vor, damit ich recht einsehen solle, was sie damals für ein lebensgefährliches Frauenzimmer gewesen sei. Ich hörte nur halb zu, um nicht den Gesang ganz zu verlieren, der ihr, obwohl sie Sängerin war, sehr gleichgültig zu sein schien. Als es dann zu Ende war, warf sie ihren Strauß auf die Bühne und klatschte mit Ostentation. Einige Amateurs drängten sich aus dem Parterre ins Orchester und reichten dem Sor Tobia einen riesenhaften Strauß, wie ein Wagenrad, auf die Szene hinauf, den er mit seinem stillen ironischen Lachen annahm, unter wütendem Applaus. Das Volk war sehr liebenswürdig gegen den armen Irren, und ich hörte links und rechts Ausrufe des Bedauerns und der Teilnahme an seinem Geschicke. Nur meine Witwe ignorierte ihn ganz kaltblütig, fächerte sich beständig Kühlung zu und fing gleich wieder an, verzuckerte Orangenscheibchen zu essen.

Ich gestehe Ihnen, es überlief mich eiskalt neben dieser meiner Eroberung; ich war froh, daß sie bald aufbrach, und wie sie meinen Arm nahm und wir nach Hause gingen, kam ich mir recht erbärmlich vor; ich fühlte mich in einer so schiefen Lage, daß ich längst zusammengestürzt wäre, wenn ich ein Glockenturm und nicht ein elastischer Organismus von Fleisch und Bein gewesen wäre. An diesen Tag werde ich denken! Denn glauben Sie nicht, daß es damit schon vorbei war. Meine Schöne hatte sich offenbar vorgenommen, heute noch die Sache zwischen uns ins reine zu bringen, unterhielt mich daher von ihren Vermögensumständen, die ganz annehmlich schienen, von dem Glück, das sie ihrem Seligen bereitet, der sie ihrer Schönheit wegen von der Bühne weggeheiratet habe, obwohl er selbst Komponist gewesen und ihren Gesang zu schätzen gewußt habe. Sehen Sie, sagte ich in meiner Herzensangst und versuchte dabei eine scherzhafte Miene zu machen, das würde nun doch ein Hindernis für uns bilden. Denn in Deutschland gehen alle südlichen Stimmen bei dem beständigen Schneewetter zu Grunde.--Sie erwiderte, daß sie dieses Opfer gern bringen würde. Die Ehe, setzte sie mit einem pathetischen Seufzer hinzu, die Ehe ist ja ein beständiges Opfer auf dem Altar der Liebe!--Aber, sagte ich, die lieben Kinder, wie werden die das rauhe Klima ertragen?--Auch das machte ihr keinen Kummer. Die Bimbi sind ja wohl aufgehoben, sagte sie. Die Tante übernimmt die beiden kleinsten, die ältesten bleiben in Florenz.--Schön! sagte ich und dachte bei mir selbst: O du Rabenmutter! Aber ich lächelte dabei so verbindlich, daß sie kein Arg hatte; denn das sah ich ihr an, daß sie zum Äußersten entschlossen war und sich nicht besonnen hätte, mir ebenfalls einen bitteren Kartoffelsalat anzurichten, wenn sie hinter meine wahre Stimmung gekommen wäre.

Da kam mir eine Eingebung, die ich für sehr glücklich hielt. Schöne Frau, sagte ich, Ihr müßt mich erst über einen Punkt beruhigen. Ihr sagt, Euer Seliger sei unter die Briganten gefallen und nicht wiedergekommen. Wißt Ihr denn aber gewiß, daß er nicht mehr am Leben ist? Wenn er nun eines schönen Tages zurückkehrte und Euch reklamierte, oder gar mir einfach den Hals bräche, zum Dank dafür, daß ich ihm sein Eigentum inzwischen so gut aufgehoben hätte?

Diese Frage tat ich, als wir schon wieder oben in ihrem Salon auf dem bewußten Sofa saßen, gerade unter dem Bilde des seligen Komponisten. Ich fügte noch einige weise Reden über die Zweckmäßigkeit offizieller Totenscheine hinzu und über den Greuel der Bigamie--Warten Sie! sagte sie ruhig, stand auf und schloß ein Fach ihres Schreibtisches auf. Was zog sie daraus hervor? Sie werden es kaum glauben, aber es ist so buchstäblich wahr wie diese ganze Historie: zwei Fläschchen, beide wohlverkorkt und mit einer Schweinsblase luftdicht zugeklebt, und in jedem ein natürliches Menschenohr, kunstreich mit einem reinlichen Schnitt vom Kopfe abgetrennt und hier in Spiritus aufbewahrt! Ecco! sagte sie und hielt mir die Fläschchen hin, die ich vor Grausen nicht in die Hand zu nehmen vermochte. Dies ist wohl besser als mancher Totenschein. Es sind Carlos Ohren, ich erkannte sie auf der Stelle. Erst kam das rechte; das schickte mir einer seiner Freunde aus Neapel, und ich mußte fünftausend Lire als Lösegeld schicken, was ich auch sogleich tat. Aber es kam doch zu spät an; denn bald darauf erhielt ich das zweite Fläschchen und einen zweiten Brief des Freundes, worin stand, die Mordgesellen hätten das Geld genommen, aber als Quittung darüber eben nur das zweite Ohr ausgeliefert; was aus dem Menschen geworden, der daran gesessen habe, sei gänzlich dunkel, und ich müsse mich in Geduld fassen. Was sagen Sie zu dieser Zumutung an eine zärtliche Gattin? Ich mich in Geduld fassen? Nein, bei mir stand es sogleich fest: mein Carlo ist nicht mehr! O er hatte so empfindliche Ohren--und nun wollte man mir einreden, er hätte ihren Verlust überleben können? Arme und Beine hätten sie ihm amputieren können, und er hätte weitergelebt! Aber mein Carlo ohne seine Ohren--nimmermehr!

Ihr müßt das wissen, schöne Frau, sagte ich, und in der Tat, wenn diese traurigen Reliquien wirklich Eurem Seligen gehört haben-So gewiß wie dies mein kleiner Finger ist, sagte sie mit großer Überzeugung und betrachtete dabei die Fläschchen mit so wissenschaftlichem Ernst, wie etwa ein Naturforscher eine neue Amphibienspezies, die man ihm in Spiritus zugeschickt hat. Mich überlief eine Gänsehaut.

Dennoch, sagte ich, reicht dieses Vermächtnis schwerlich hin, Euch ganz frei zu machen. Die Gerichte sind sehr eigensinnig. Sie verlangen ganz andere Beweise, ehe sie einen Menschen aus dem Register der Lebendigen streichen.

Darum ist eben der Oheim nach Florenz, versetzte sie gelassen. Er kennt einige Minister und hofft, daß es ihm gelingen werde, die legalen Zeugnisse zu erhalten. Mein Mann ist nicht unbekannt, und sein plötzliches Verschwinden hat Aufsehen gemacht. Die Wahrheit muß endlich an den Tag kommen.

Damit ging sie wieder an ihren Schreibtisch, verschloß die teuren Andenken an ihren Seligen und setzte sich ans Klavier, um nun noch durch--den Zauber der Töne auf mich zu wirken. Aber ich konnte nicht mehr! Es war mir in der Nähe dieses entsetzlichen Frauenzimmers zu Mute, als hätte ich mich mit einer Wachsfigur eingelassen, in deren hohlem Innern eine Spieluhr angebracht sei. Die Haare standen mir zu Berge, als sie ihr beliebtes "Ah sin' all' ore" anstimmte; ich schützte Kopfweh vor und stürmte aus dem Hause ins Freie.

Ich flüchtete zu meinem lieben "Nettuno", aber ich konnte keinen Bissen hinunterbringen; alles widerstand mir, bis auf den Wein, dem es aber doch nicht gelang, mich ganz in Bewußtlosigkeit einzutauchen. Immer sah ich die beiden Fläschchen und die kaltblütigen schwarzen Augen darauf gerichtet und hörte den Klang der Spieluhr aus der hohlen Automatenbrust. Daß ich es unter diesem Dach nicht länger aushalten könne, stand bei mir fest. Aber wie sollte ich entrinnen, ohne daß dieses erbarmungslose Weib Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um mich aus jedem Schlupfwinkel, den ich in der Stadt nur ersinnen könnte, wieder hervorzuziehen? Schade, daß Toskana keine Abruzzen hat! Wie gern wäre ich ebenfalls in die Hände der Briganten geraten, unter der Bedingung, daß sie mich um keinen Preis wieder auslösen dürften.

Endlich brachte mir der treffliche rote Wein eine Erleuchtung. Ich mußte nicht nur das Haus, sondern die Stadt verlassen, wenn auch meine Studien am Kampanile noch sehr einer Revision bedurft hätten. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, wie ich, ohne Aufsehen zu erregen, meine Habseligkeiten an den Bahnhof schaffen sollte. Aber in der Desperation hatte ich einen Einfall, den ich Ihnen für künftige Notfälle empfehle, sei es im Leben, sei es in Novellen oder Lustspielen. Ich kaufte noch denselben Abend einen Koffer, den ich in den "Nettuno" tragen ließ und meinem getreuen Kellner überantwortete. Das weitere sollte der morgende Tag bringen.

Erst aber brachte die Nacht noch eine letzte Gefahr, nicht die geringste von allen. Stellen Sie sich vor, was diese Lucrezia für einen Spuk arrangierte. Ich war zu Bett gegangen, wie gewöhnlich, ohne ihr noch eine gute Nacht gewünscht zu haben, und die Hoffnung auf ein glückliches Entkommen ließ mich rasch und sanft einschlafen. Da werde ich etwa um Mitternacht durch ein heftiges Bellen des Hündchens und einen plötzlichen Lichtschein aufgeweckt und sehe meine schöne Witwe vor meinem Bette stehen in einer sehr fragwürdigen Gestalt, nicht gerade unschicklich, aber immerhin das verfänglichste Kostüm, in dem sie mir noch erschienen war. Sie haben ja wohl die "Nachtwandlerin" gesehn und den "Fra Diavolo"? Aus einer dieser Opern mochte meine Primadonna das weiße gestickte Unterröckchen noch übrig behalten haben, in weichem sie sich zu mir flüchtete, die Haare aufgelöst über die schönen Schultern, das Gesicht tragisch verzerrt. Um Gottes willen, was ist geschehen? rief ich und stützte mich im Bette auf.--Er ist mir erschienen, wie er leibte und lebte, sagte sie; er steht noch drinnen an meinem Bette, ich bin halbtot vor Schrecken und getraue mich nicht wieder hinein!--Possen! sagte ich, ganz ärgerlich. Ihr habt geträumt, Lucrezia. Legt Euch wieder schlafen und laßt mich in Frieden,--Nein, nein, sagte sie; kommt und seht ihn selbst und sagt dann, ob ich träume.--Und dabei faßte sie meine Hand, wie beschwörend, mit ihren beiden Händen; es fehlte nur noch, daß sie wie auf dem Theater zu singen anfing. Da wurde mir die Sache doch zu toll. Gut, sagte ich, ich will jetzt aufstehen und mitkommen. Steht er wirklich als Geist an Eurem Bette, so daß ich ihn mit diesen meinen Augen sehe, so ist es meine Ritterpflicht, mir in Eurem Namen diese ganz zwecklosen und unbequemen Nachtbesuche zu verbitten. Ist aber von einem Gespenst nichts zu sehen, so tut es mir herzlich leid, aber ich muß auf Eure Hand verzichten, Lucrezia; denn ich habe einen angeborenen Abscheu vor Nachtwandlerinnen und bin fest entschlossen, lieber ledig zu bleiben, als eine Somnambule zu heiraten.--Indem ich dies sagte, machte ich Miene aufzustehen. Aber sie ließ es nicht so weit kommen. Sie schüttelte abwehrend ihre schwarzen Haare, winkte mir mit den schönen weißen Armen eine gute Nacht und verschwand ohne jede weitere Auseinandersetzung.

Nun mußte ich trotz meines Ärgers aus vollem Halse lachen und schlief darüber friedlich wieder ein, wurde auch nicht zum zweiten Male gestört. Aber die ganze Affäre bestärkte mich natürlich in meinem Entschluß, mich heimlich davonzuschleichen. Denn der Oheim wurde täglich zurückerwartet, und wer konnte wissen, was sie dem bereits über mich geschrieben, und wie weit dieser Ehrenmann seine schöne Nichte durch mich "kompromittiert" glauben mochte. Ich ließ mir am Morgen nicht das geringste merken, zeichnete erst eine Welle, ging dann, als die Straße schon sehr belebt war, wie gewöhnlich aus, ein Päckchen unter dem Arm, das niemand auffiel und in dem ich einen Teil meiner Wäsche nach dein "Nettuno" transportierte, wo mein neuer Koffer übernachtet hatte. Auf die Art schaffte ich im Laufe des Vormittags nach und nach meine sämtliche Habe aus dein Hause, und als ich zuletzt die Risse und Zeichnungen in einen großen Blechzylinder verpackt den übrigen Sachen nachtrug, sah es doch in meinem Zimmer nicht anders aus als sonst, da ich den leeren Koffer, einige leere Mappen und mein Waschgerät dem Feind als Beute zurückgelassen hatte. Auch die türkischen Pantoffeln des Seligen standen mit der unschuldigsten Miene von der Welt unter dem Bette. Die Miete hatte ich auf einen Monat vorausbezahlt.