Die Wiedertäufer von Münster: Drama in 5 Akten

Part 7

Chapter 73,728 wordsPublic domain

Aber der Engel hebt das glühende Schwert, siehe, sie stürzen nieder, die Frauen stürzen und schreien, die Pelze und Federn brennen, die Achsen der Wagen zerschmelzen, und die Wagen stürzen um. Und es ist ein großes Geschrei und Qualm und Rauch und Feuer. Da erhebt sich eine Stimme, die scheltet. Und sie sinken dahin.

Er taumelt so stark, daß man ihn stützt. Er keucht und Schaum steht ihm vor dem Mund. Grauen bemächtigt sich des Volkes. Er richtet sich wieder auf. Sein verzerrtes Gesicht sänftigt sich und beginnt zu leuchten.

Da sehe ich Männer und Frauen und Mädchen und Kinder! Und da sehe ich Bettler und Blinde und Kranke und bleiche Wangen. Und da sehe ich viele Arme, die keine Schuhe tragen und barfuß gehen. Und Krüppel.

Und der Engel erhebt sein Schwert, und siehe, es beginnt zu blühen wie ein Busch im Frühjahr. Und das Tor tut sich auf und Posaunen schallen. Und die Männer und Frauen und Kinder, sie ziehen dahin und singen und Glanz strahlt aus ihren Leibern.

Und auch unsere Brüder sehe ich, Mathys und die Propheten, Geel und Campen – auch Hille Feiken sehe ich, alle ...

Divara erhebt sich. Freudige Hingerissenheit des Volkes.

DUSENTSCHUR (halb singend): Und eine Stimme erschallt: Um der Gerechten willen will ich verzeihen! Um der Demütigen willen will ich wiederum zur Erde hinabfahren. Auf, ihr Schläfer! Bereitet den Weg!

In höchster Ekstase bricht er ohnmächtig zusammen; man fängt ihn auf und bringt ihn langsam weg.

Ungeheure frohe Erregung des Volkes und des Gefolges. Dirnen reißen das bißchen Tand ab, Kriegsknechte ihren Wams, andere schleudern die Schuhe von sich: um arm zu sein. Umarmungen, Küsse.

STIMMEN. Johann! König Johann! Führe uns, Johann!

ROTTMANN. Das Zeichen, das Johann angekündigt hat!

KRECHTING. Die Demütigen, sie werden in die Herrlichkeit eingehen.

TILBECK. Päpste und Kaiser werden zuschanden. Der Bischof wird zuschanden!

JOHANN. Brüder und Schwestern!

VOLK. Johann! Es lebe Johann!

ROTTMANN. Der König will zu euch sprechen.

Stille.

JOHANN. Bereitet dem Herrn den Weg – Gott sprach durch Dusentschurs Mund. (Erregung, dann Ruhe.) Also verkünde ich: die Zeit der Prüfung neigt sich ihrem Ende entgegen.

STIMMEN. Johann! Johann!

JOHANN. Der Sieg der Christenheit über die Lügner, die Gott nur mit der Lippe dienen, wird bald sichtbar werden. Also verordne ich: Alle Wagen, die in der Stadt Zion sind, sollen auf dem Domplatz zusammengefahren werden. Die Wagner sollen instand setzen, was verdorben ist. Die Sattler sollen das Geschirr der Pferde nachsehen und flicken. (Staunen.) Es sollen Decken auf die Wagen gebracht werden und Stroh und Betten für die Greise, die Frauen und Kinder.

ROTTMANN. Ihr hört, was König Johann sagt!

JOHANN. Es soll Mehl und Korn in die Säcke getan werden. Das Schlachten von Pferden ist fortan verboten. Harret aus im Glauben! Die Zeit ist gekommen, die die Propheten verkündeten. Werft euch in den Staub und schreit zu Gott. – Also verkündige ich: Sieben Tage wird die Prüfung noch währen, ihr Brüder und Schwestern, mit Hunger und Kriegslärm und Kampf. Gott läßt es kundtun durch meinen Mund! Harret aus im Glauben! Am achten Tage aber werden wir die Tore von Münster öffnen –

Geschrei.

JOHANN. Und wir werden hinausziehen zu Fuß und zu Wagen. Und Gott wird das Lager des Bischofs verwehen wie Spreu!

VOLK. Johann! Johann!

JOHANN. Zwölf Apostel und Herzöge wollen wir über den Erdball setzen. Dusentschur über das deutsche Land, Krechting über Holland, Rottmann über Rom, Tilbeck über Frankreich, Gert tom Kloster über England. Die weiteren werden wir verkünden.

Die Erwählten neigen sich vor ihm.

JOHANN. So wollen wir dahinziehen, eine Gemeinde, und uns mit den Brüdern in allen Ländern vereinen. Dies ist der Wille des allmächtigen Gottes!

Jubel.

JOHANN. Und die Mächtigen und Könige und Bischöfe werden uns huldigen. Der Herr aber wird sein Volk erhöhen, daß es auf silbernen Stühlen sitzt und von silbernen Platten speist. Und wir werden das Reich errichten, so wie geschrieben steht.

Jubel. Viele knien vor ihm.

VOLK. Johann! Johann!

DIE FRAUEN (berauscht): Gesegnet seist du, Johann!

ROTTMANN. Das Reich Gottes ist herbeigekommen, ihr Brüder und Schwestern!

JOHANN. Es wird keine Tränen mehr geben auf Erden, kein Weinen, kein Jammern. Die Welt wird neu sein und Friede und Wohlgefallen.

VOLK. Hosiannah! Hosiannah!

EINE GELLENDE STIMME. Der Bischof beschießt die Stadt! –

Stille. Verwirrung. Einige eilen schon.

EINE GELLENDE STIMME. Der Bischof wirft Brandkugeln in die Stadt! Die Getreidespeicher brennen!

Schon eilen mehr.

GERT TOM KLOSTER. Auf die Wälle. (Er eilt fort.)

TILBECK, KRECHTING. Auf die Wälle! Jeder an seinen Posten!

Eilen fort. Die Frauen eilen. Hornrufe.

JOHANN. Ihr Brüder und Schwestern!

EINE GELLENDE STIMME. Münster brennt! Münster steht in Flammen!

ROTTMANN. Fort! Helft alle löschen! Fort! Zu den Eimern!

JOHANN (groß, entflammt): Laßt Münster brennen! Gott will, daß wir ausziehen! – Kann Gott uns ein klareres Zeichen geben?

EINE HÖHNENDE STIMME. Weshalb fängst du denn nicht die Kugeln mit dem Ärmel auf, Johann?

EINE ZWEITE STIMME. Hast wohl nur geprahlt?

EINE DRITTE STIMME. Und geschwätzt?

JOHANN. Wer vermißt sich hier?

Ein Gelächter antwortet.

JOHANN. Ihr Toren, ihr Toren! Gott gibt sein Zeichen und ihr erkennt es nicht!

Der Rest enteilt. Er ist allein. Nur Divara ist bei ihm.

JOHANN (ist fassungslos und entgeistert. Er schreitet die Stufen hinab): Wo sind sie? Ist das ihr Glaube? – Laßt Münster zu Asche vergehn, wenn Gott es will.

DIVARA (umschlingt seine Knie): Ich bin bei dir, Johann!

JOHANN. Wo ist ihr Glaube? Wehe! Wehe! (Er zerreißt seinen Mantel.)

DIVARA. Ich bin bei dir!

Vorhang.

Fünfter Akt

Nacht. Am Kreuztor in Münster.

Den Hintergrund nimmt ein niedriger Wall ein, zu dem eine Holztreppe emporführt. Etwa in der Mitte des Walles ist ein derbes niedriges Tor. Links und rechts niedrige Hütten; aus einigen kleinen Fensterchen schimmert kaum wahrnehmbares Licht.

Vorn links, etwas zur Seite, steht ein niedriger Tisch mit runder Steinplatte.

Abwechselnd greller Mondschein und tiefe Nacht.

Zu Beginn Dunkelheit.

JOHANN (sitzt zusammengekauert auf dem Tisch. Trägt eine Art Kutte.)

DIVARA (kauert neben ihm, flehend): Rede, Johann! Sprich ein Wort! Johann!

Pause.

JOHANN, (als spräche er zu sich selbst): Sieht dich der Herr an, so gedeiht dein Haus, deine Kinder blühen, dein Acker trägt vielfache Frucht. Wendet er aber seinen Blick von dir, wehe, so verbrennen deine Scheunen, Krankheit befällt deinen Leib, deine Felder verdorren. Der Mensch ist nichts ohne ihn ...

DIVARA (umschlingt seine Knie): So bin ich nichts ohne dich, Johann!

JOHANN. Und doch, möge er mir vergeben: Weshalb verfolgt er die, die ihm gehorsam sind, und erhört er die Heuchler? Weshalb?

DIVARA. So müssen wir noch stärker glauben, Johann.

JOHANN. Noch stärker glauben? Stärker! Er ächzt. Noch stärker glauben! Noch stärker! Ja, Divara. All die Tage und all die Nächte habe ich zu ihm geschrien ohne Unterlaß –

DIVARA. Rufe erneut zu ihm!

JOHANN. Als ich zwanzig Jahre alt wurde, hat Gott mir zum erstenmal seine Gnade offenbart! Ich hatte bis dahin gelebt wie ein junges Tier, ohne Verstand, nach meinen Gelüsten, ganz wie die anderen Gesellen. Ich hatte ein Weib genommen und ein Kind gezeugt, arbeitete und feilschte. In einer Nacht aber, da träumte ich, ich sähe ein großes Feuer. Das Feuer blendete mich so stark, daß ich erwachte. Da sah ich eine Flamme in der Finsternis. Die Flamme, sie bewegte sich wie ein Licht im sanften Hauch des Mundes. Ich rieb meine Augen. Da sagte eine Stimme: Johann, folge mir. Ich erhob mich und die Flamme ging vor mir her. Da stand ich im finsteren Haus und die Flamme sprühte. Und wieder vernahm ich eine Stimme. Sie sagte: Johann, verlasse Weib und Kind und folge mir.

DIVARA. Du tatest es?

JOHANN. Ich zögerte nicht. Ich ging. Der Morgen kam und die Sonne ging auf, aber trotz der hellen Sonne sah ich die Flamme sprühen. Ich stand am Hafen, ein Schiff löste die Taue, und ich betrat dieses Schiff, ohne zu wissen, wohin es fuhr. – Das Schiff fuhr nach Portugal. Ich trat an Land und ging und kam an ein Kloster. Ein Jahr saß ich in der Stille des Klosters, arbeitete und dachte nach und lauschte.

DIVARA. Und die Flamme, Johann?

JOHANN. Sie war immer bei mir. Nun spürte ich weder Hunger noch Durst mehr, weder Kälte noch Hitze. Auch hatte mich die Furcht, die die Menschen haben, gänzlich verlassen. Ich lebte, als ob ich gebannt sei in einen Traum. Und die Flamme glänzte vor meinen Augen und sie verhieß mir: Warte, bald ist die Zeit erfüllt.

DIVARA. So war dein Herz voller Zuversicht.

JOHANN. Ich kehrte nach Holland zurück und wanderte durch Deutschland, nach Wittenberg, Münster, Straßburg, um die neuen Prediger zu hören, die erstanden waren. Hierauf kehrte ich wieder nach Leyden zurück und ging meinem Gewerbe nach. Ich lebte still für mich und forschte in der Schrift, um die Wahrheit zu ergründen. Eines Abends aber traf ich auf der Straße einen Mann mit dunklen Zügen und Augen, die wie Gestirne funkelten. Er blieb stehen und sah mich an.

DIVARA. Es war Mathys!

JOHANN. Es war Mathys, der Prophet! – Die ganze Nacht sprach er zu mir und seine Rede war Feuer, genommen von jenem Feuer, das ewig brennt. Seine Rede war die Wahrheit.

Und Mathys sagte: Gott hat mir offenbart, dich zu meinem Propheten zu machen, Johann. Und er taufte mich in der gleichen Nacht. Mein Herz aber war trunken von Seligkeit von dieser Stunde an.

DIVARA. Wunderbar hat Gott dich deine Bahn geführt, Johann!

JOHANN (erhebt sich, düster): Auch hier, in Münster, glänzte die Flamme vor meinen Augen. Und oft ging sie, ohne zu erlöschen, Tag für Tag vor mir her. Liebliches Licht, süße Leuchte! (Seine Stimme steigert sich.) Und sie glänzte in der Nacht und manchmal wurde sie zu einem Feuer, dessen Wärme ich fast spüren konnte. (Leise und hastig.) Und Gott sprach aus dem Feuer ...

DIVARA (versteht plötzlich seine Verzweiflung): Und jetzt, Johann?

JOHANN (krümmt sich zusammen): Sie ist erloschen. Ich sehe sie nicht mehr. (Er sinkt auf den Tisch.)

DIVARA. Vertraue, Johann! Vertraue!

JOHANN. Der Herr hat sein Auge von mir gewendet.

DIVARA (schreit): Sündige nicht, Johann!

JOHANN (sich aufrichtend): Als Dusentschur seine Offenbarung vor dem Volk kundgab – siehe, da schien ein Glanz in der Luft zu schweben – plötzlich, so war es mir ... aber es war nur eine Blendung, die meiner spottete.

DIVARA (heiß): Vertraue, Johann! Höre: der Versucher ist um dich! (Er starrt sie an.) Schreie zu Gott in seinen Himmeln! Ermatte nicht. Bete! Auch ich will beten! Höre, Johann, ich will gehen und beten und alle Frauen sollen mit mir beten, diese ganze Nacht. Das will ich tun, Johann, und kein Schlaf soll in unsere Augen kommen.

Divara geht. Johann bleibt ohne Bewegung auf dem Tisch sitzen.

Helles Mondlicht.

Knipperdolling, Gert tom Kloster, Tilbeck kommen von rechts, laut polternd, gutgelaunt, von zwei Knechten begleitet.

TILBECK. Es ist merkwürdig ruhig heute nacht.

GERT TOM KLOSTER. Haben sie nicht in den fünf Tagen und fünf Nächten genug getobt mit den Geschützen, Tilbeck?

TILBECK. Man muß es dem Bischof Franz zugestehen, er hat manche Tonne Pulver drangegeben und ist über Münster gefallen wie ein Erdbeben. Manchmal warf es mich, bei Gott, einen Schuh hoch vom Boden.

KNIPPERDOLLING. Das kommt daher, weil du so leicht bist. Die Gelehrten haben kein großes Gewicht für gewöhnlich. Der Geist verzehrt die Schwere. Mich hat der Bischof nur etwas an den Fußsohlen gekitzelt, daß ich lachen mußte, Freunde. Speie dir die Zähne aus dem Rachen, du höllische Mißgeburt, dachte ich, und wurde heiter.

GERT TOM KLOSTER. Ist dies Johann?

TILBECK. Ich glaube, Johann, du hast in all den Tagen und Nächten auch nicht eine Stunde geruht. Überall und allerorts bist du, wie ein Gespenst.

JOHANN (mustert sie, geistesabwesend, dann steht er auf und streckt Knipperdolling die Hand hin): Nochmals bitte ich dich, Bruder Knipperdolling, mir meine Heftigkeit und meinen Zorn am Gerichtstag zu vergeben. Ist auch noch ein Körnchen Arg gegen mich in deinem Herzen, so nimm meine Hand nicht.

KNIPPERDOLLING (preßt Johanns Hand): Ich walle rasch auf, Johann, wie der Topf über dem Feuer. Aber stirbt die Glut, ist der Topf auch wieder still und vergißt, daß er kochte. Die Züchtigung war gut, Bruder Johann. Sie hat das Gift aus mir gezogen! Der Hochmut hatte mir den Kopf betäubt und der Neid. Mir vergib meinen Frevel, Johann. Ich habe gebüßt – und so geschah mir recht. Nie in seinem Leben wird Knipperdolling vernünftig werden, ihr Freunde.

JOHANN. Dank für deine Nachsicht, Knipperdolling. Dein Herz ist besser als das meinige. – Ihr macht die Runde, Freunde?

GERT TOM KLOSTER. Wir sehen nach den Wallmeistern, Büchsenschießern und Wachen.

TILBECK. In der Stadt, am Überwassertor, gab es einige Brände zu löschen.

JOHANN. Ist alles bereit?

KNIPPERDOLLING (fröhlich, als schildere er die Vorbereitung zu einer Hochzeit): Es ist alles bereit, Johann, sei ohne Sorge. Das Pech kocht schon in den Kesseln. Holzstöße sind da in Haufen, damit wir ihnen brennende Scheite um die Köpfe schlagen können. Die Weiber bereiten ihnen schon den Morgenbrei. Willkommen, herzlich willkommen!

GERT TOM KLOSTER. Die Schmiede haben lange Haken geschmiedet zum Umreißen der Sturmleitern.

TILBECK. Alle Breschen sind ausgebessert. Auch die Erdschanzen und Laufgräben sind wieder in Ordnung gebracht worden, wo die Geschütze Schaden anrichteten.

Es pocht ans Tor. Eine Schildwache steigt die Treppe vom Wall herunter.

ERSTER LANDSKNECHT. Die Losung!

DUSENTSCHUR (draußen): Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Der Landsknecht öffnet. Dusentschur tritt ein; trägt die Kutte eines Mönches.

ERSTER LANDSKNECHT (erschrocken): Ein Mönch?

DUSENTSCHUR. Wenn du schon vor einem Mönch Angst hast, du Memme, so wirst du in die Hosen machen, siehst du den Bischof. Erblickst du aber gar den Papst, so wird dich der kalte Schweiß erwürgen. (Er nähert sich der Gruppe, segnend.) _Pax vobiscum!_

TILBECK. Wahrhaftiger Gott: Dusentschur!

Lachen.

DUSENTSCHUR (wirft die Kutte ab): Gott segne diese Nacht, Freunde!

JOHANN. Warst du im Lager, Bruder Dusentschur?

DUSENTSCHUR (in Erregung, hin und her, mit hochgezogenen Knien): Ich war im Lager. Heissa, heissa! Habe da und dort gepredigt und da und dort ermahnt. Habe auch bei einigen Ängstlichen die Beichte abgenommen, habe einige Briefe geschrieben. Es hätte nicht viel gefehlt, hätte mich der Bischof zum Abendschmaus eingeladen. (Lachen.) – Höre, Freund, dies ist das Kreuztor? Wie? Heißt der Wallhauptmann nicht von der Langenstraaten?

ERSTER LANDSKNECHT. Wenzel von der Langenstraaten.

DUSENTSCHUR. Wo ist er?

ERSTER LANDSKNECHT. Wir haben ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen.

DUSENTSCHUR. Heissa, heissa. Ich glaube, Freunde, ich bin ihm im Lager des Bischofs begegnet!

GERT TOM KLOSTER. Sollte es möglich sein?

TILBECK. Langenstraaten ein Verräter?

DUSENTSCHUR. Es ist eine große Anzahl von Knechten aus der Stadt entwichen, denn Fresser und Säufer beten den Speck an und das volle Faß! Jedenfalls heißt es, die Augen offen zu halten! Heissa, heissa! Welche Angst sie vor dir haben, Johann, die Knechte! Sie glauben, du bist der Satan und wirst sie auf deine Hörner spießen. Die Gesandten und Feldherrn aber stolzieren mit ihren Federbüschen. Und es wimmelt von Mönchen in Wolbeck! Und es wimmelt gleichfalls von Huren!

KNIPPERDOLLING. Werden sie angreifen heute nacht? Glaubst du?

DUSENTSCHUR (lachend): So wahr Christus auferstanden ist. Sie stehen schon in Rotten bereit. Morgen wird die Hölle großen Zulauf haben, großen Zuspruch. Heissa! Gib das Zeichen der Bereitschaft, Johann! Auch die Federbüsche wird Gottes Atem versengen. Heissa, heissa! (Ab.)

JOHANN. Gott gebe es! – Stoße ins Horn!

Einer der jungen Knechte stößt ins Horn. Der Hornruf pflanzt sich über die Wälle fort.

KNIPPERDOLLING. Vorwärts, Freunde! Für den Himmel! Für Wahrheit und Frieden auf Erden!

Sie gehen. Johann bleibt.

Dunkelheit.

JOHANN (keuchend): Gott! – Gott! – Herr! – Herr! – Vater über den Sternen!

Er stürzt in die Knie und brüllt wie ein Tier.

ERSTER LANDSKNECHT (nähert sich ihm): Weshalb brüllst du, Johann?

ZWEITER LANDSKNECHT (öffnet die Tür und blickt hinaus): Wer brüllt hier wie ein Stier im Schlachthaus?

JOHANN. Laßt mich! Gott hat mich aus dem Paradies gestürzt. Ich bin unter die Tiere gefallen.

ERSTER LANDSKNECHT (zuckt die Achseln): Zur Ruhe sollst du gehen, Johann! (Er begibt sich in die Hütte rechts.)

Grelles Mondlicht.

JOHANN (rutscht auf den Knien): Vater – Vater – Vater im Himmel! (Er erhebt sich, keucht, geht zur Treppe und steigt langsam zum Wall empor): Höre mich, Vater im Himmel! (Er rutscht auf den Knien die Treppe empor.) Neige dein Ohr, ich bin elend und arm und kläglich! Speise die Seele deines Knechtes, du Gütiger, der du die Sterne lenkst und die Welten! Zürne mir nicht! Zürne mir nicht länger, du süßes Licht in der Finsternis! (Schreit.) Verlasse nicht deine Stadt Münster, die du auserwählt hast unter den Städten der Erde, daß sie deinen Ruhm verkünde. Verlasse sie nicht, die Brüder und Schwestern! Zertritt mich mit deinem Fuße, wenn du willst, aber überliefere sie nicht der Schmach! Gib nicht zu, daß das Blut der Gläubigen umsonst geflossen ist. – Herr, der du warst, bevor Leben und Tod war, antworte mir. Ist es wahr, was Roll verkündete? – Dein Reich ist ein Reich im Geiste und kein irdisches Reich! Hörst du mich? Antworte, antworte mir! Gib mir ein Zeichen, du Gütiger, Vater aller Kreatur!

Kanonenschüsse.

(Er stürzt nieder.) Antwortest du mir durch das Maul der Mörser? – Aus meiner Not schreie ich zu dir, da ich verblute. Erbarme dich deines gemarterten Volkes am Kreuze. (Er erhebt sich, jagt über den Wall, schreiend.) Herr, Herr, Gott, Vater im Himmel! Engel der Liebe und des Lichtes ...

Finsternis.

Es erscheinen fünf zerlumpte Kinder im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren. Sie pochen an die Tür der Hütte rechts.

ERSTES KIND. Soldat, mach auf!

ZWEITES KIND. Soldat, gib uns Brot! Hab Erbarmen!

DRITTES KIND (im Hemd): Uns hungert, Soldat!

ERSTER LANDSKNECHT (kommt heraus): Was wollt ihr, Gerippe? Mitten in der Nacht? – Kommt ihr aus dem Kirchhof?

Die Kinder weichen ängstlich zurück.

ERSTES KIND. Soldat, hab Mitleid! Gib uns Brot!

ZWEITES KIND. Wir haben Hunger!

ZWEITER LANDSKNECHT (kommt heraus): Freßt Gras! Johann sagt, ihr sollt Gras fressen. Auch das Vieh frißt Gras, sagt Johann!

KINDER. Soldat, Soldat!

ERSTER LANDSKNECHT. Fangt Mäuse! Freßt Ratten! Kocht euch einen alten Stiefel. Morgen wird euch der Bischof füttern. (Er hebt einen Stein auf.)

Die Kinder entfliehen. Die Landsknechte lachen und schließen die Tür.

Gekreisch. Die Türe des Hauses links fliegt auf.

HÄNSLEIN, (der Irre, in zerfetztem Hemd, erscheint schreiend, hinter ihm werden zwei lachende, betrunkene Landsknechte sichtbar.)

HÄNSLEIN. Diebe, Mörder! Hilfe! (Er faucht wie eine Katze, da ihn die Knechte festhalten.)

DRITTER LANDSKNECHT (legt eine Flinte an): Lauf, Hänslein! Tummle dich!

HÄNSLEIN. Diebe! Spitzbuben! Ich war Rektor in der freien Stadt Schmalkalden. Sprach einst Latein. (Faucht wie eine Katze.)

VIERTER LANDSKNECHT. Du bist nicht mehr im freien Schmalkalden. Bist in Münster und Münster ist eine Maus, um die die Katzen sitzen.

HÄNSLEIN (bittend): Liebe Gesellen.

DRITTER LANDSKNECHT. Sag dein Sprüchlein auf und wir lassen dich laufen.

HÄNSLEIN.

Lag also in dem tiefen Turm, Der war voll Ungeziefer und Wurm ...

VIERTER LANDSKNECHT. Gut, Hänschen, sage: Meine Mutter hurt mit dem Teufel.

HÄNSLEIN. Meine Mutter hurt mit dem Teufel.

DRITTER LANDSKNECHT. Lauf, Hänslein! Der Bischof kommt und wirft dich in den Turm!

Der Irre enteilt entsetzt. Die Knechte lachen.

DRITTER LANDSKNECHT. Heute nacht wird Knipperdolling nicht vor die Schanzen gehen und Geschütze vernageln!

VIERTER LANDSKNECHT. Die Zeiten haben sich bös verändert, seit wir aus dem Lager nach Münster übergingen.

DRITTER LANDSKNECHT. Auch der Stern, der sonst jede Nacht über Münster funkelte – wo ist er hingekommen?

VIERTER LANDSKNECHT. Seltsam ist es immerhin. Und er funkelte doch alle Nächte wie ein Edelstein. – Münster! Münster!

DRITTER LANDSKNECHT. Was ist deine Meinung, Bruder –?

VIERTER LANDSKNECHT. Meine Meinung ist: es wird bald Zeit sein, dem neuen Jerusalem den Hintern zu zeigen.

DRITTER LANDSKNECHT. Das glaube ich auch.

Schließen die Tür.

Zwei junge Mädchen in Tücher eingehüllt, bleich und verhungert, kommen, scheu, ängstlich.

ERSTES MÄDCHEN (pocht an die Tür der Hütte rechts): Soldaten! Knechte! (Die Tür öffnet sich.) Wir haben Hunger! Gebt uns zu essen!

ZWEITES MÄDCHEN. Seit drei Tagen haben wir auch nicht eine Krume bekommen.

ERSTER LANDSKNECHT (kommt heraus): Bei den gewaltigen Fürsten der Hölle! Kamerad, wir bekommen Besuch. Zwei zarte Jüngferchen machen uns ihre Aufwartung. (Er tritt aus der Tür und mustert sie.)

ZWEITER LANDSKNECHT (erscheint in der Tür): Kommt herein, ihr Bräutchen. Wir haben Brot und Speck und gebratene Ratten in der Pfanne. Und auch Wein haben wir, das Mäulchen zu spülen.

ERSTES MÄDCHEN. Aber ihr müßt uns schwören, liebe Gesellen –!

ERSTER LANDSKNECHT (lacht): Wenn du sonst nichts von uns verlangst, im Schwören sind wir stark wie Könige und Feldherrn.

ZWEITER LANDSKNECHT (lacht): Wir schwören wie der Papst und der Luther zusammen. (Faßt eines der Mädchen an.)

ZWEITES MÄDCHEN. Wir haben Angst vor euch! Große Angst!

ERSTER LANDSKNECHT. Niemals haben wir einer Jungfer etwas zuleide getan, die so lieblich war wie ihr. Kommt, oder wir schließen die Tür.

ZWEITER LANDSKNECHT. Wollen euch Kunststückchen beibringen, daß euch das Lachen bis in den Magen kitzeln soll. Könnt ihr auf dem Rücken tanzen? Könnt ihr auf Zehen und Fingerspitzen tanzen? Das alles sollt ihr bei uns lernen und noch mehr! (Die Mädchen treten ein.)

Schreien der Mädchen.

Wüstes Lachen. Die Tür wird geschlossen.

Grelles Mondlicht.

JOHANN (erscheint von rechts auf dem Wall. Sein Antlitz ist mit Schweiß bedeckt. Schreit): Ich lasse dich nicht, Herr! Siehe deine Stadt! Dein Reich! Die Heiden umschwärmen deinen Thron, Herr! Vater im Himmel, laß diese Erde endlich Frieden haben. Siehe, sie haben dein Wort in den Staub getreten. Sie haben Lüge und Spott aus deinem Wort gemacht. Dulde nicht, daß sie dich länger verhöhnen. Die Armen und Elenden weinen zu dir Tag und Nacht und die Heuchler und Hochmütigen stolzieren einher.

Herr, Herr! Vater im Himmel! Laß dein Reich kommen auf diese Erde!

Der große Mönch erscheint von links auf dem Wall.

Dunkelheit.

JOHANN (steigt langsam die Treppe herab. Er spricht keuchend): Lösche mein Augenlicht aus, wenn es dir gefällt. – Schlage mich mit Aussatz, wie Hiob, wenn es dir gefällt. Fordere mein Blut, es gehört dir. (Er ist unten angelangt und geht schwankend.) Aber zürne mir nicht länger ... (Verzückt lächelnd.) Ich schlief und du wecktest mich auf. Du hast deinen heiligen Samen in mein Herz gelegt und er ging auf. Weshalb willst du jetzt die Saat verderben? (Er kniet und neigt den Kopf bis zur Erde.) Dein Wille geschehe!

Pause.

Der große Mönch steigt die Treppe herab und bleibt im Schatten stehen.

DER GROSSE MÖNCH. König Johann!

JOHANN (richtet sich auf): Wer spricht hier? (Er erhebt sich.)

DER GROSSE MÖNCH (tritt aus dem Schatten): Gegrüßt seist du, König der neuen Christenheit! Herr im neuen Tempel!

Pause.

JOHANN. Wie kommst du hierher in die Stadt? Mitten in der Nacht?

DER GROSSE MÖNCH. Für mich gibt es weder Tore noch Wächter, Johann.

JOHANN. Wer bist du?

DER GROSSE MÖNCH. Ein Bote, Johann!

JOHANN. Ein Bote? Des Lichts? Der Finsternis?