Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars.
Part 9
»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.«
»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein ein und leerte es auf einen Zug.
»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher Weise verwirklicht angetroffen haben.«
Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die Hand.
Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.
Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,« hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis in die fernsten Zeiten.
Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen gewesen sein!« Anan setzte sich.
Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem Irrtum seien sie befreit worden.
»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.
Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!
Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt zurück, was ihr entsprossen.
Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.«
Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.
»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.«
Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um nahezu das Doppelte größeren Planeten.
Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz, der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise jederzeit angetreten werden konnte.
Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen anfingen.
Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot der Pflicht.
Achtes Kapitel Ein Abtrünniger
Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse.
Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen. »Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.«
Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen zurück und ließ die Herren allein.
»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die Epistel vor, Stiller!«
»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.«
In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem Stiller den Brief vorgelesen hatte.
»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so sonderbar benommen hat.«
»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?«
»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer gewiß,« riet Hämmerle.
»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei.
»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber bei.
»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?«
»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig.
»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.«
»Das fehlte noch!« wetterte Piller.
»Warum nicht?«
»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!«
»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden der Vergessenen verbannt werden könnte.«
»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein.
»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.«
»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .
»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich von ihnen etwas gelernt habe.«
»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, Stiller!« rief begeistert Hämmerle.
»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den Bericht Stillers.
»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.«
»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.«
»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art nachgedacht.«
»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller.
»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu brauchen wir aber ein Wörterbuch.«
»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.«
Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen, der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages schaukelte.
»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt glücklich in eurer Heimat an.«
Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die Menge machte ihm Platz.
»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir, daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, mir mein teures Schwabenland!«
Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte bald im dunkeln, kalten Weltenraum.
Neuntes Kapitel Wieder auf der Erde
Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume. Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.
Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an das märchenhafte Unternehmen.
Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger« erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der Wahrheit der Nachricht überzeugt.