Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars.

Part 10

Chapter 103,484 wordsPublic domain

In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht:

Matupi, 31. August, nachts.

Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller, Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.

In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos gestorben sein.

Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!

* * * * *

Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde. Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.

Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig! Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.

Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal, alles körperliche Unbehagen.

»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!« erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt gewesen!«

»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei

»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier und Brummhuber bei.

»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,« antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen, daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den offenen Ozean geraten.«

»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun, Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen Wein gesetzt. Also trinken wir!«

Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der Weltensegler fiel rasch abwärts.

»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland landen.«

»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen Schluck!«

Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert zu werden.

»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.«

In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene, zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition, die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.

Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch, daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.

Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen hatte.

Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.

»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus.

»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort.

»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte nicht mehr,« meinte Dubelmeier.

»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte Piller.

»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen Boden!« drängte Stiller.

Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als Gouverneur der Insel vor.

»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.«

Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht begriffen hatte.

»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?«

»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.«

»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen Reisenden . . .?«

»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen? Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus Piller.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem Mahl und einem guten Trunk einladen?«

»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.

»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren. Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!«

»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!«

»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt, und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.«

»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel heruntergefallenen Gäste blickten.

Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte, weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.

Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den Herren kredenzt.

»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum zweiten Male füllen ließ.

»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt.

»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen Göttertropfen besiegt worden.«

»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier.

»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen zusammen.

»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine rege Unterhaltung.

»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer Heimat erregen!«

»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.«

»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore. Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?«

»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte werden Bände füllen,« erwiderte Stiller.

»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder heimzukommen.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante Sachen vom Mars mitgebracht haben?«

»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst, sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf uns hierher.«

»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.«

Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm nach Stuttgart ab.

Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein: Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete:

»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt. Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart einzutreffen.

Stiller.«

Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten. Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden, daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über alle trüben Gedanken.

Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor im Leben getrunken zu haben.

Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer »Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des gleichen Tages von Matupi ab.

»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten. »Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in Singapore, um uns nach Genua zu bringen.«

Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.

In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt. Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen, die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und die Straße von Malakka hinaufdampfte.

»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller.

»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.«

»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe, daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind, nachdem sie kaum begonnen haben.«

»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller.

»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete Dubelmeier.

Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein. Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder den Boden Europas.

Zehntes Kapitel In der Heimat

Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.

Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war. Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach dem fernen Planeten angetreten hatten.

Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.

In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet. In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als sie in den Saal traten.

Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise eingraviert seien.

Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.

»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel, wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her, als Sie selbst vielleicht annehmen.

Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere Bitte.