Die Welt in Gold: Novelle

Part 3

Chapter 33,943 wordsPublic domain

»Ich, Klaus? Ich war ja, wie Marianne sagte, ein kokettes dummes Ding, und die Couleur hatte es mir nun einmal angetan. Der Hans Werder war nicht wie du, aber er gab sich doch alle Mühe, so zu scheinen, und mir schien er daher auch so. Nachher, wie ich den Unterschied merkte, und daß heißes Blut noch lange keine heiße Seele ist, siehst du, da hatte ich das heiße Blut nun schon mal gern gewonnen, und als der verliebte Bursche durchs Staatsexamen fiel, heiratete ich ihn zum Schrecken der ganzen Familie. Nun,« fügte sie nachdenklich hinzu, »er wäre auch ohne dies und zum zweiten und dritten Male durchs Examen gefallen, denn außer Liebesabenteuern wußte er in der Tat recht wenig, und ich habe ihn doch noch ein Dutzend Jährlein über Wasser gehalten.«

»Es müssen schwere Zeiten gewesen sein, Traud.«

»Er hat nichts davon gemerkt, Klaus. Er war der geborene Zigeuner, und weil ich ihn nahm, hielt er mich auch dafür, das ist ja so klar. Durfte ich ihn enttäuschen? Der Mann muß daran glauben, daß er der Führer und Lenker des Frauenherzens ist, er muß an seine Liebeskraft glauben. Und dann glauben wir auch an ihn, so wenig wundergläubig man mit der Zeit wird.«

Klaus Kreuzer war stehen geblieben: »Aber die Sorgen, die Sorgen des Lebens?«

Sie standen im blühenden Gold der Sträucher, und der Wald wölbte sich über ihnen und streute aus den Wipfeln wilder Obstbäume silberne Blätter auf sie herab. Trauds Hände spielten in den Zweigen des Gesträuchs, und ein Regen goldener Blüten rieselte durch ihre Finger, als wäre sie eine Goldmacherin, von der die Märchen erzählen.

Klaus Kreuzer hielt den Atem an und staunte auf das Bild.

»Ach, Klaus, es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Nur den Mut braucht es.«

»Aber leben muß man doch können, wenigstens leben!«

»Einmal war er Privatsekretär, ein andermal ordnete er Bibliotheken, zuletzt war er Fechtmeister in Heidelberg. Und wenn er nach Hause kam und sich ein wenig schämte, daß der Verdienst gar so mager ausgefallen war, machte ich ihm meine strahlendsten Augen -- weißt du: so! -- als ob ich ihn zum ersten Male sähe, und sagte nur immer: ›Kerl, was für ein Kerl bist du! Ach, du holst mir ja doch noch einmal den Mond und die Sterne vom Himmel!‹ Und dann -- ja, was tut ein Mann dann wohl? Er gibt sich eine Haltung vor seiner Frau und sucht schleunigst das Beste hervor, was er hat, seine allerdankbarste Liebe, damit die Frau nicht merken soll, was für ein armer Teufel er im Grunde ist. Und siehst du, Klaus, um dieser Haltung willen, die für eine Frau etwas Rührendes hat, liebte ich ihn.«

»Und ist in diesem Wunderglauben gestorben ...«

Sie nickte und ließ immer noch das Gold der Ginsterblüten durch ihre Finger rieseln.

»Fünf Jahre sind es. Und wie er mir sagte, starb er mitten aus dem Glück heraus, obwohl kaum ein Stück Brot im Schranke war. Marianne sagt: ein Dornenweg, kein Rosenpflücken. Marianne irrt sich. Wenn man genauer hinblickt, sieht man auch am Dorn die Heckenrosen blühen.«

Er antwortete nichts, und plötzlich fühlte sie das Schweigen. Und sie hob den Kopf und sah, daß er auf ihre Hände starrte, die mit den goldenen Frühlingsblüten dicht gefüllt waren, und daß seine Gedanken erst weitere und immer engere Kreise zogen. Und mit rascher Bewegung hob sie die Arme und schüttelte die Hände voll Blütengoldes über ihn aus.

»Klaus, Klaus! Ich verzaubere dich! Nun stehst du mitten im Frühling, und im allergoldensten, du Sonntagskind!«

»Sonntagskind,« ahmte er ihr nach.

»Das bist du und das bleibst du, und wenn du die Schultern hebst und sie schüttelst, werden deine Krankheiten von dir abfallen wie Einbildungen.«

»Wer sagt dir denn, daß ich krank bin?«

»Ich habe es gefühlt, Klaus, und deshalb brauchst du es mir nicht zu sagen.«

»Und möchtest mich gesund sehen?«

»Ja, Klaus, das möchte ich wahrhaftig.«

Sie standen und sahen sich in die Augen. Und dann sagte der Mann leise und stockend: »Traud, ich wollte -- du wärst meine Frau geworden.«

Und sie erwiderte und sah ihn ruhig an: »Ja, Klaus, das wollte ich auch.«

Und sie sahen sich an, bis die Sonne, die zwischen ihnen war, ihre Augen blenden wollte und es in goldenen Punkten vor ihren Blicken tanzte. Da streckten sie suchend die Hände aus.

»Traud ...«

Und er wiederholte ihren Namen wie eine Bitte.

Sie legte den Kopf in den Nacken. Ihre Lippen zitterten ein wenig.

»Du ...« sagte er. --

Da hob sie sich auf den Fußspitzen, nahm sein Gesicht zwischen beide Hände und bot ihm den Mund.

Und er fand nichts anderes als das eine Wort: »Du! ...«

»Bist du nun zufrieden, du meine alte, liebe Mädchensehnsucht?«

Er schüttelte den Kopf.

Und nach einer Weile wieder: »Bist du nun zufrieden?«

»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner einstigen Mädchensehnsucht. Nun bist du meine Mannessehnsucht, und das ist heute, und morgen und alle Tage wird es nun nicht mehr anders sein!«

»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder etwas zu ersehnen hast.«

»Traud -- ist das dein Leichtsinn?«

»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn. Das ist der Sinn, der das Leben leicht macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas zu ersehnen hast, du lieber Mann, denn die Sehnsucht wird dich jung halten und dir Träume geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft, an Schöpfungen heranzugehen, die voll blühenden Lebens sind und nicht voll Bücherweisheit.«

»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug! Ich werde oft und oft kommen müssen, um nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde noch standhält!«

Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die schlanke Gestalt lief.

»Komm nur, ich fürchte mich nicht.«

Und er stand und trank mit weitgeöffneten Augen das Bild in sich hinein und wußte, daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt vor und nahm sie fest in beide Arme.

»Bleibst du mir treu?«

»Ich liebe dich!«

»Ob du mir treu bleibst?«

»Sorge dafür.«

Da verstand er sie.

»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge mehr um mich. Ich lass' von meiner Jugend nicht mehr locker, und die Menschen sollen den Gewinn davon haben.«

»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach sie fröhlicher als weise!«

Und im Wald war ein Frühlingsrauschen, und sie gingen ihm nach, bis die Schwedenschanze sich vor ihnen hob, und bunte Mützen, weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden und auftauchten und verharrten. Und ein junges Lachen war um sie her. Und da unten lag Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die Elisabethenkirche ihre Türme zu ihnen auf, winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und dicht im Grün des Hanges das Haus seiner alten Verbindung, die jung blieb durch den unerschöpflichen Menschenfrühling.

»Und da lachten sie beid', Zur Sommerzeit, Wenn am Walde, am Walde, Die Heckenrosen blühn --«

sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle Jungmännerstimmen und helle, süßklingende Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die beiden Menschen am Waldrande nahmen das Lied auf, und sie spürten den wilden Rosenduft noch auf ihren Lippen, als sie lange schon im lauten, frühlingsbewegten Kreise saßen, den Rosenduft, der aus der braunen Dornenhecke bricht, wenn die Natur befiehlt.

Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste Fuchs, und Mütze und Band waren mit Anemonen dicht besteckt, und an jedem Arme führte er ein lachendes Mädchen dem Vater zu. »Papa, du sollst entscheiden. Sie wollen beide von mir wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide entzückend.«

»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen Mädchen, »wir sind in Deutschland und nicht in der Türkei!«

»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil unterwerfen, ihr fröhlichen Frühlingskinder?«

»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten ihm zu beiden Seiten und machten ihre lieblichsten Augen.

»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus Kreuzer, »ist das Unsichtbare, die Seele. Und die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie liegt auf den Lippen. Dort in euren rosigen Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf, Gutes zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat, ist die allerschönste auf der Welt! Vorwärts, ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!«

Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel, und die weißen Röcke stoben um sie her wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten mit purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein, das die Arme nach ihnen ausbreitete und durcheinander schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch Seelenkunde treiben!«

»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen, Klaus! Ist das nicht die fröhlichste Wissenschaft?«

»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen hast du!«

»Ich bin nur der Torhüter.«

»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?«

»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch nur ein Mensch und muß Stunden haben, in denen er sich mal gründlich um das Wohl der lieben Seinen bekümmert.«

»Traud, ich glaube -- diese Stunde ist jetzt da.«

Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre kein Wort an ihr Ohr gedrungen, über den Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes Lachen, und sie drängte es zurück, daß es ihr zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich hob.

»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts verheimlichen.«

Da sprang sie auf und lief zu den Frauen und Mädchen und riß sie mit zu tausend Neckereien und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer Blicke mehr zu ihm hinüber. --

Im purpurnen Abendschein lag Marburg. Und die Luft war so voll vom Jubilieren der Vögel, daß die Menschen in ihrer lauten Lustigkeit innehielten, stiller wurden und endlich schweigsam. Die purpurne Glut aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der Himmel ihr hinhielt, und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der Menschen.

Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte hinter ihr her.

»Wo bist du, Klaus?«

»Neben dir!«

»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird der Harmonie wegen und lediglich der Harmonie wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte Paare -- Wie? -- Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung? Ich habe hier die Mamas zu vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden nur gespitzt zum schönen Lied. Silentium! Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die Straßen ziehen! ...‹«

Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige Professorengattin am Arm, setzte sich, kräftig intonierend, an die Spitze des Zuges.

Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und Braus, Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus. Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her, Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'.

Die Fackeln blitzten durch den Wald, und die Augen blitzten hinüber und herüber, und junge Schultern suchten aneinander Halt beim Abstieg zur Stadt, als könnten sie so noch einen Herzschlag lang den Zauber bannen, der sie alle befallen hatte im Frühlingswald.

Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend und liedersingend, und Klaus Kreuzer und Traud Werder schritten inmitten der großen Schar und waren still und ganz allein mit sich und freuten sich, als sie es fühlten und einer es dem anderen immer wieder mit einem Druck des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser waren voll von nickenden und lachenden Mädchenköpfen, und vor den Haustüren erhoben sich die Philister von den Bänken und zogen die Mützen und setzten sie ärgerlich wieder auf, wenn ihnen ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen kam im Überschwang des Jugendübermutes.

Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße unbemerkt aus der Reihe heraus und Klaus Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden Schwarm an sich vorbei und atmeten tief auf. Dann standen sie vor Traud Werders Haus, und sie schloß auf, wandte sich in der offenen Tür nach ihm um und reichte ihm die Hand.

»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir so viel Schönes mitgebracht, daß ich nicht mehr allein bin.«

Er trat zu ihr in den Hausflur. »Du willst mich fortschicken?«

»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur fortschicken, Klaus, damit wir nicht ins Verschwenden geraten.«

»Traud -- wir sind ja so reich -- --«

Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und schüttelte den Kopf. »Nichts, nichts haben wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das, Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die Zinsen bringen soll, an diesem steten und immer stärker werdenden Zusammenbegehren, das die kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht, nichts als diesen einen allerersten Frühlingstag, der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus, ein rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat, nimmt nicht die Blüten. Klaus, der freut sich täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh, du lieber Mann, ich möchte dir mehr sein als eine Episode, ich möchte dein Garten sein.«

Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in den dunkeln Gang. »Also ich soll warten und werben. Das ist es.«

Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit hinein mit ruhiger Stimme: »Ich gehöre dir.«

Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie und küßte jede einzelne. »Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute Nacht, und auf morgen und all die Tage.« Und er wollte schnell an ihr vorbei.

Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre Fröhlichkeit zurück, und sie ergriff ihn bei den Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun soll ich hier sitzen und meine geküßten Hände besehen, während du dort oben in eurem Hause Lieder singst und den Becher schwingst und mit deinen Kumpanen in alten Abenteuern schwelgst? O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig, und wenn ich für den Handkuß aus besonderen Gründen auch sehr dankbar bin, Bevorzugungen dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier der Mund, will auch sein Privatissimum haben.«

»Genug? Du --! Bevorzugungen dulde ich nicht. Diese lieben Augen -- dieser liebe Hals --«

Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm entschlüpfte. »Gute Nacht -- alter Pirat!« Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe hinaufklappern. Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht, daß er sie mit Händen hätte greifen mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder jung geworden -- wieder so jung geworden!«

Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen den Freunden von einst und den Gedanken von heut, und kein Neid kam mehr an sein Herz heran, weil es voll war vom Köstlichsten der Erde, voll von Erwartungen. Mit dem Sohn ging er heim und hörte lächelnd seinen Schwärmereien zu, die er nie in dem streng erzogenen Jungen zu finden geglaubt hätte, und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.

»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen bist.«

»Weshalb denn, Walter?«

»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen habe, und das hat mich dir soviel näher gebracht. Ich könnte dir jetzt immer alles sagen und würde mich nur noch vor dir schämen, aber mich nicht mehr vor dir fürchten. Wir -- zwei Männer.«

An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir -- zwei Männer ...«

Er hatte seinen Stuhl neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie das Morgenlicht über die Tasten rieselte und sich unter dem leisen Anschlag ihrer Finger streicheln ließ. Und wenn sie seinen Blick fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn lange an und nickte ihm zu.

»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug und holt mich nach Berlin. Wirst du mit zum Bahnhof gehen?«

»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar nicht.«

»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von dir mit mir genommen. Aber du hast recht, und es muß auch ohne das Symbol gehen!«

Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger im leisen Anschlag durch die Sonne gleiten und nickte ihm zu.

»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß _ihn_ zuweilen zuhören, wenn du spielst, und zusehen, wenn soviel Sonne im Zimmer ist.«

»Ja, Klaus.«

»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben, und ich saß wie ein rechter Streber zwischen den Büchern und wurde abends von Marianne in den Gesellschaften -- vorgezeigt. Da blieb nicht viel übrig für den Jungen. Und doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie in jedem jungen Menschen.«

»Er ist ja dein Sohn, Klaus.«

»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte, daß er es wird. _Mein_ Sohn.«

»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen, in der sein Vater jung war und« -- sie lächelte -- »in der er es wieder wurde.«

Er beugte sich über sie und küßte sie aufs Haar.

»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt du schon seine Mutter sein.«

»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde still und feierlich in ihnen und um sie her.

Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände zwischen den Knien. Und begann noch einmal, leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von uns, so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter Haus geerbt hattest, wahrzunehmen und den Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und du ergriffst auf diese Weise gewiß gern die Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und Amen. Traud, ich kannte dich ja gar nicht.«

Sie war blaß geworden und ließ die Hände in den Schoß sinken.

»Den verlorenen Anschluß an die Familie ...« murmelte sie. Und plötzlich erhob sie sich mit einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein Junge gehört mir auch. Schon als Kind habe ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude, und die andere hat dich mir genommen, und dir hat sie deine Freude genommen.«

»Nicht so, Traud --«

»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie wieder davon sprechen. Aber geben wollen wir uns aus vollem Herzen alles das, was die anderen nicht wollen und was uns so nötig ist wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.«

Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen hinein sagte er: »Daß wir noch so jung sind, Traud.«

»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke vor uns haben, Klaus.«

»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied. Das ist ein Dank aufs Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, du -- --«

Ein paar Schritte tat er und kehrte um, nahm ihr Gesicht in seine Hände und blickte tief in ihre Augen.

»Ich mußte noch einen Blick in meinen Garten werfen.«

Dann ging er.

Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen und wieder herabkommen. Band um, Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über die Straße schreiten, den Sohn neben sich, der seine Farben trug. Und Klaus Kreuzer schritt zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig versammelt und die alten Herren, die vom Feste noch übriggeblieben waren, und er ging von einem zum anderen und schüttelte allen die Hand.

»Wiederkommen! Wiederkommen!«

»Ihr könnt euch darauf verlassen.«

Und der Zug lief ein, der Abschied vom Jungen war vorbei, und er stand am offenen Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust.

»Abfahren!« Und der Zug zog an.

»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch! Die Philister sind uns gewogen meist, Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt. Frei ist der Bursch -- frei ist der Bursch!«

Das klang wie Schwerterklang und Bechersang aus einem halben Hundert Jungmännerkehlen zu ihm auf und schwang sich hinter dem Zuge her und rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten, daß ihm das Wasser in die Kehle treten wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und hielt die Mütze zum Gruß fest vor der Brust. Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat einen Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte geradeaus.

Da stand am Ende des Bahnsteigs eine Frau und sah ihn an mit weitgeöffneten, hellen Augen.

Da grüßte ihn seine Jugend, die wiedergeborene. --

Ernst legte er Mütze und Band ab ... Und auf der ganzen langen Fahrt dachte er an ihre Augen, diese Augen, die ihn wieder sehend gemacht hatten. -- --

Spät abends kam er an und fand Marianne im Wagen vor dem Bahnhof halten.

»Der Minister hat zweimal heute nach dir fragen lassen.«

Er wollte eine Entschuldigung sagen, aber ein klingendes Wort lief ihm durch den Kopf, und er mußte hinterher und es greifen und es nochmals zum Klingen bringen.

»Der Minister? Und Marburger Frühling? Das reimt sich schlecht zusammen.«

»Lieber Freund, rede, bitte, keine Torheiten. Der Minister will dich in sein Ministerium ziehen, und es müßte doch seltsam zugehen, wenn bei einem Wechsel Majestät --«

»Ich pfeife auf den ganzen bureaukratischen Quark. Ich will zwischen meiner Jugend sitzen, zu der ich gehöre, und die zerquälten Burschen zu frischen Männern erziehen.«

»Lieber Freund, mäßige dich, bitte, ein wenig. Ich glaube wahrhaftig, dir spukt der Maitrank noch im Kopf.«

»Der Maitrank.« Er lachte: »Ja, ja, da magst du wohl recht haben, Marianne. Übrigens läßt dich der Junge grüßen.«

»Danke. Sieht er gut aus?«

»Äußerlich oder innerlich?«

»Ach, laß uns doch lieber morgen miteinander reden, wenn deine Marburger Stimmung verflogen ist.« --

Dann hatte ihn das tägliche Leben wieder, aber die Stimmung hielt an und wuchs insgeheim wie ein Garten voll blühender Bäume, die der Reife entgegenharren. Und seine Studenten merkten es am hinreißenden Ton, der Quellen erschloß und sie hinströmen ließ über lauter sonniges Land, als er sein neues Kolleg begann: »Über die Lebensbejahung in der deutschen Literatur.« Donnerndes Getrampel begrüßte ihn beim Aufstieg zum Katheder, und donnerndes Getrampel gab ihm beim Abstieg das Geleit. Da wußte er, daß er den rechten Weg beschritten hatte, und fuhr kraftvoll fort, seinen Studenten die fremde Schminke quälerischer Lebensbetrachtungen aus dem Gesicht zu wischen und ihnen die Frische und Kraft zur Lebensfreude in die aufhorchenden Seelen zu tragen. »Nur eins ist not. Nur dies eine. Und Tod ist Wahn, wenn wir für die Nachfolgenden goldene Spuren hinterlassen. Auf, ins Leben!«

Und eines Abends, als Marianne ohne ihn zu einer ihr wichtig scheinenden Gesellschaft gefahren war und er sich mit dringenden Kollegarbeiten entschuldigt hatte, saß er vor seinen Kollegheften und schrieb. Und als er fertig geschrieben hatte, sah er, daß es ein Gedicht geworden war. Und er nahm es und schickte es ihr, der es gehörte.

Die Sonne.

Es lief das Herz dir über schier Und war voll Sonne nur. Da stieg sie bis ins Auge dir Und ließ die goldne Spur.

Ein Weilchen standst du wie gebannt, Als ob's dich blenden wollt' ... Und wie du senktest scheu die Hand, Da lag die Welt in Gold.

Da lag die Welt in Sonnenschein, Die gestern alt und kalt, In Flammen stand der Blumenrain, In Flammen stand der Wald.

Ich kam des Wegs, du sahst mich an, Dein Blick rief mich zurück. War nur ein friedeloser Mann Und ward ein Mann im Glück.

Und ward ein Ritter hoch zu Roß und ward des Lachens kund. Das tat dein Herz, das überfloß, Das tat dein Aug' und Mund.

Und wenn im Feld die Raben schrein, Im Zorn der Donner grollt: Ich schau' mit deinen Augen drein -- Da liegt die Welt in Gold.

Traud las das Blatt, faltete es zusammen und ging durch das Haus. Überall öffnete sie die Fensterläden und ließ an Licht und Luft in die Räume, was hineinwollte, und im Gärtchen schnitt sie einen Fliederstrauß und stellte ihn auf den Tisch in Walters Zimmer. In froher Geschäftigkeit verbrachte sie den Tag, und als am Nachmittag die Hausarbeit geschehen war, kleidete sie sich hübsch und festlich an und setzte sich vor ihr Klavier. »Jetzt mach' ich meinen Ausflug,« sagte sie, und die Töne zogen wie eine Schar Wandervögel zum Fenster hinaus, und ihre Seele war mitten darunter und schwang sich an die Spitze und zeigte den Weg. Und es wurde Abend und Nacht. Und sie erwachte in ihrem Stübchen, dachte, noch halb im Traume, angestrengt hin und her, ermunterte sich und machte Licht. Auf bloßen Füßen huschte sie zu ihren Kleidern, suchte ein zusammengefaltetes Blatt hervor und huschte in ihre Kissen zurück. Das Licht blieb brennen, bis es tagte, und sie hatte alle die Zeit offenen Auges hineingeblickt. Und doch war sie frischer und gesunder denn je, als sie sich zum neuen Tagewerk erhob und schnell ein Frühstück für Walter rüstete, der in die Fechtstunde mußte.