Part 2
»In die Kanne, lieber Lindner. So -- geschenkt. Nun wird dein Zeigefinger wohl nicht mehr höchst unchristlich in alten Wunden wühlen. Du trinkst auf mein Spezielles? O, du Seele von einem Menschen.«
Und wieder rauschten Geigen, Bässe und Flöten von der Musikantentribüne durch den Saal, sang es aus jungen und alten Kehlen in die hinabsteigende Frühlingsnacht, irgendeinem Frühlingsmorgen entgegen, der in der Zukunft lag, der sich aus der Vergangenheit aufgemacht hatte, irgendeinem, der den Duft der Jugend trug.
Das Präsidium war an die alten Herren übergegangen. Der lange Ritter hielt es in starken Händen. Scheffel regierte die Stunde, und der Rodensteiner brauste durch den Odenwald: »Raus da, raus aus dem Haus da, o Horn und Zorn und Sporn!« Der dicke Baum stand würdevoll vor dem Präsidentensessel, und er gebot das Lied an die Lindenwirtin, den ewigen Jugendgruß an Ännchen von Godesberg, am Rheine, am Rheine! Und nun hatte der reine Tor, hatte der bärtige Knabe Lindner die Kommandogewalt.
»Ich stehe hier nur,« sagte die zarte Stimme, »als ein Vorläufer. Wir haben ihn unter uns, den wir schon liebten, als wir jung waren wie ihr, und unsere Liebe ist mit ihm gegangen von der Fuchsentafel und über die Mensurböden und durch die Burschenzeit ins Leben hinein. Er war die Sonne unserer Jugend und der beste Student, den Marburgs Mauern, Marburgs Töchter, ja Marburgs Häscher je gesehen. Wer kann die Sonne fangen? Es fing ihn keiner, noch sein Lachen, und sich und seine Lebensfreude trug er hinaus in die Welt, gab sie der Menschheit. So wurde er der Stolz unseres Mannesalters, mehr als das, er wurde uns die lebendige Versicherung, daß auch wir recht getan hatten, das Gottesgeschenk der Jugend zu genießen, sehen wir ihn doch heute auf hoher Höhe, gefeiert von der Wissenschaft, stürmisch geliebt von seinen Jüngern. Silentium! Wir reiben einen Salamander auf unseren alten Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Doktor Klaus Kreuzer.«
Der Donner der Gläser auf den Tischplatten war verklungen. Still saß der Professor auf seinem Platze. Mit geweiteten Augen schaute er über die Buntmützen hin, als sähe er Menschen und Dinge in den Saal strömen, die nicht mehr waren. Sprach der bärtige Mann am Präsidententisch wirklich von ihm? Hatte es das gegeben? Soviel Sonne --? Soviel Sonne? Und log der bärtige Mann mit dem glücklichen Knabengesicht nicht? Jetzt, jetzt, da er von dem Gewordenen, der Gegenwart sprach? Nein, nein, nur er selber hatte gelogen, sich selbst belogen. Und nun donnerte die Huldigung in sein Ohr hinein. Und sein Blick kehrte aus der Weite zurück und sah wieder feste Linien, sah junge Gestalten, sah junge, lachende, fragende, schwärmerische Augen auf sich gerichtet. -- Da riß es ihn auf.
Noch hörte er Lindners Stimme. »Ich übergebe das Präsidium --«
Da stand er am Platz des Präsidenten, an dem er -- fünfundzwanzig Jahre waren es bald -- so oft gestanden hatte.
»Ich danke euch. Ihr habt mir eine Ehrung dargebracht, und das ist ein Geschenk. Da bedarf es einer Gegengabe. Wollt ihr sie haben? Nun, dann nehmt von mir das Gelöbnis, daß ich jung bleiben will, wie ich es einmal war, wie ihr es heute seid. Jung sein, jung bleiben! Und wenn die Welt voll Teufel wär'! Nur diese eine Tugend gibt's. So wünsche ich uns alle tugendhaft zu sehen bis ans Ende, und nicht anders. Ach, was wißt ihr, wie ihr den Burschensang und -klang braucht im Leben! Gott gab ihn uns zum Ausgleich. Gott gab ihn uns, damit wir im Jagen und Drängen zur Besinnung kommen, wenn er uns plötzlich -- irgendwoher -- im Ohre ertönt. Daß wir vergleichen, prüfen, wägen und -- zu leicht befinden. Daß wir beschämt innehalten. Wenn's not tut: das Steuer herumwerfen. An Bord nehmen, was hinter uns her schwimmt mit verlangenden Armen. Es ist der Kriegsschatz, ohne den wir verloren sind gegen den schlimmsten Feind, gegen die schlimmste Sünde: Die Blasiertheit. Nur diese Sünde gibt's, und keine andere. Ein blasierter Mensch ist ein Bankerotteur, der sich seiner Daseinsberechtigung begab, als er die Gaben Gottes nicht mehr zu erfassen vermochte. Laßt es euch gesagt sein, ihr Burschen und Füchse: Die Schönheiten der Welt sind keine Fuchsfallen, und der Herrgott liegt nicht auf einer Wolke auf der Lauer und späht durchs Fernglas, zu sehen, wer von den armen Menschlein ihm ins Eisen gehe. Es ist seine Vatergüte, die uns die kurze Erdenspanne mit seinen Sonnen und Sternen bestreut. Greift sie auf, und ihr könnt nicht altern. Nützet den Tag, und ihr behaltet eure hellen Augen und euer klingendes Lachen. Nur wer den Kuß der Jugend auf seinen Lippen spürt, ist noch im Sterben glücklich zu schätzen. Das ist der Weisheit letzter Schluß. Trinkt Rest darauf, Leute!«
›Professor Kreuzer -- Geheimer Regierungsrat -- Mariannens Gatte --‹ schoß es ihm durch den Kopf.
Er lachte.
Um ihn herum stürmte der Beifall, die Begeisterung, die erschlossene Seligkeit junger Gemüter.
Er lachte.
Das aber war ein anderes Lachen.
»Wir singen das Heckenrosenlied. Silentium! Musikanten, den ersten Vers! Silentium -- das Lied steigt.«
»Es war ein Knab' gezogen wohl in die Welt hinaus, War ihm sein Lieb auch gewogen, das Glück, das Glück blieb aus. Und er wanderte weit Zur Sommerzeit, Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
Das Mägdlein barg sein Klagen daheim im Kämmerlein. Sie durft' es ja niemanden sagen, und hoffte jahraus, jahrein. Schaut' über die Heid' Zur Sommerzeit, Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
Ein Reiter kam geflogen, weit flattert sein Mantel im Wind. Sag', bist du mir noch gewogen, herzallerliebstes Kind? Da lachten sie beid' Zur Sommerzeit, Wenn am Walde -- die Heckenrosen blühn.
Und er hielt sie in den Armen, ihr Herz vor Wonne schlug. Hat auch die Welt kein Erbarmen, die Liebe ist stark genug. Und da küßten sich beid' Zur Sommerzeit, Wenn am Walde, am Walde, die Heckenrosen blühn.« --
Waren Stunden vergangen, seitdem das Lied verklungen war?
So waren sie wie Minuten gewesen, von denen der Sekundenschlag mehr zählte als eine Stunde.
Kreuzer ging zum Fenster und zog die schwere Leinengardine zurück. Ein dunkelblaues Dämmern füllte Nähe und Weite, ein letztes Verhüllen des Morgenwunders. Und eine Nachtigall schlug vom blühenden Hang hinauf. Das hatte er seit Jahren nicht mehr erlebt.
Er stand und horchte. Und vernahm, wie die Jugendfreunde hinter ihn traten. Da griff er, ohne sich nach ihnen umzuwenden, nach ihren Händen. »Kinder -- das ist zum Glücklichwerden!«
»Alter Pirat -- du hast dein Teil geborgen.«
»Ja, ja ... Und ihr?«
»Da es bedeutend schlimmer hätte kommen können, haben wir also -- das große Los gezogen.«
»Sprecht ernsthaft.«
»Noch ernsthafter? Eine blühende Pfarrei, eine fröhliche Landpraxis -- beim heiligen Veit von Staffelstein, wir sind doch keine Duckmäusernaturen?!«
Halt. Das Wort hatte er schon gehört. Wann? Heute? Gestern? Ganz gleich. Es war ein Wort im Alltagsgewand und voll innerer Köstlichkeiten. Und -- Traud hatte es gesagt. Natürlich ...
»Unsere jungen Leute sind wohl schon heim? Wollen wir Überlebenden -- ja, was wollen wir Überlebenden?«
Seine Augen suchten das blaue Gewoge des dämmernden Tages zu durchdringen.
»Den Morgen begrüßen, Kreuzer!«
»Marburg zeigen, wir leben noch! Wir werfen uns wie Antäos an der Mutter Brust, neue Lebenskräfte einzusaugen, wenn uns ein Schicksal trifft.«
»Hierher, Fax, Bowle hierher ans Fenster -- als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!!«
»Still,« sagte Kreuzer, »der Morgen will mit uns sprechen.«
Die Gläser in den Händen, saßen sie stumm beieinander und blickten in die blauen, flatternden Schleier. Immer inbrünstiger wurde das Lied der Nachtigall. Und nun kam eine Woge frischen Blütenduftes.
Die Sonne ...
Von den Hängen flatterten die Schleier los, über die Lahnwiesen strichen sie hin in eiliger Flucht, die Bergkette schüttelte sie von den Häuptern, daß sie zu silbernem Tau zerstiebten. Bilder taten sich auf in stiller, schwelgender Frühlingspracht, in stiller, drängender Liebe, in lebenzeugender Sonne.
Da lag Marburg, die alte, liebe Stadt, und war nur schöner geworden. --
»Versteht ihr?« fragte Klaus Kreuzer.
Die anderen nickten.
»Das will uns sagen,« fuhr Klaus Kreuzer fort, »ich bin ein Gleichnis und will in euer Leben hinein und euch aufrufen, wenn ihr vergeßt, was euch not tut. Euer Leben mag älter, aber es darf nur schöner werden. Nein -- mehr noch. Es gibt keine Zeit, wenn ihr es nicht wollt. Seht her und macht sie nach: die tägliche Auferstehung. Habt nur den Mut zum Glücke ...«
Er brach ab und starrte hinaus. Was würden die guten Kerle davon wissen ... Kaum ihre Atemzüge hörte er.
Und in die tiefe Stille klang die Stimme des Landarztes, und über seinem Gesichte lag ein merkwürdiger Hauch, der es verschönte und vergeistigte. Und in die tiefe Stille hinein sagte er nur: »Es braucht kein Geist aus dem Grabe und kein Professor aus Berlin zu kommen, um uns das zu verkünden.«
Und der lange Ritter fügte hinzu, und seine Blicke tranken den Morgen: »Siehst du, deshalb sind wir hier.«
Da war es Kreuzer, als griffe ein Neid an sein Herz.
So viel war er geworden und so wenig die anderen, und doch wußte er nichts zu erwidern.
»Klaus,« bat die schmeichelnde Knabenstimme Lindners, »komme öfter herüber von Berlin. Wirklich, du solltest es tun. Der Lorbeer läuft dir nicht weg, aber die Rosen, Klaus. Und du bist doch erst fünfundvierzig.«
Das packte ihn, daß der Neid sein Herz losließ, daß der Hochmut die Segel strich, daß nichts mehr in seinem Blute war als eine grimmige Sehnsucht.
»Ich komme, Kinder, ihr habt mein Wort darauf. Das mit dem Lorbeer und den Rosen, Lindner, das war gut gesagt. Nur ein reiner Tor konnte das Wort prägen, dem keine Wissenschaft beikommt. Her mit den Gläsern. Angestoßen. Guten Morgen, du Frühlingsmorgen!«
»Nach Hause jetzt.«
»Um drei Uhr Fäßchenpartie nach der Schwedenschanze.«
»Burschen heraus!«
Zu zweit untergefaßt, traten sie in den blinkenden Morgen hinein, gingen sie die krummen Gassen hinab, verweilten sie vor diesem Haus, vor jenem Platz, standen sie sich lachend Red' und Antwort, riefen sie sich Mädchennamen zu und die Namen der Gegner, die sie auf der Mensur bestanden hatten, die Namen der Philister, die sie gemartert, und die Namen der herbeigestürmten Häscher, die sie nicht minder gemartert hatten.
»Weißt du noch, Klaus? Hier saustest du barhaupt und hemdärmelig die Straße hinunter, ein Bündel unterm Arm, und wir schrien aus dem Fenster hinter dir her, bis alle Philister aufgeregt in den Fenstern lagen und mitschrien, und die Stadtschergen erschienen und wie besessen die Verfolgung aufnahmen. Das ging wie die wilde Jagd den Schloßberg hinunter und um die Elisabethenkirche herum und zurück zur Universität, und die ganze Studentenschaft war auf den Beinen. Und plötzlich bogst du um und ranntest gegen den atemlosen Polizeimann, der die Hand nach dir streckte, und sagtest: ›Pardon, mein Herr, wissen Sie hier in der Nähe nicht einen billigen Schneider? Ich habe hier einen Rock zu flicken!‹
»Wie Lots Weib stand der Mann, und es folgte eine Tobsucht. ›Mensch, weshalb laufen Sie denn, als ob Sie gestohlen hätten? Sie -- Mensch!‹ Und verwundert erwidertest du: ›Mein Herr, weil ich es nicht für anständig halte, in Hemdärmeln langsam über die Straße zu gehen!‹ Verneigtest dich und warst im Schwarm der Buntmützen verschwunden.«
»O Academia!«
»Kinder, Kinder!«
Und die Erlebnisse wuchsen aus dem Boden und trugen die edle Patina der Verklärung, und die Geschichten folgten sich.
»Hier geht mein Weg,« sagte Klaus Kreuzer. »Ich habe euch versehentlich durch die halbe Stadt begleitet und muß nun wieder den Berg hinauf. Schlaft wohl!«
»Wo wohnst du, Kreuzer? Nicht bei uns im Hotel?«
»Ich wohne bei Frau Werder.«
»Frau -- Werder? Haben wir nicht einen Werder in der Couleur? Natürlich! Werder, der Amoroso. Wo ist er geblieben, der heißblütige Kerl?«
»Verstorben. Und seine Witwe ist die Cousine meiner Frau. Deshalb wohne ich dort. Und mein Junge hat Marburger Quartier dort bezogen.«
»So, so. Auf Wiedersehen, Kreuzer.«
»Auf Wiedersehen, ihr.«
Prachtvoll war die Morgenluft. Er atmete sie aus tiefen Lungen, als er den Berg hinaufschritt. Die Mütze saß im Nacken. Das Band lag fest um die Brust. Und in ihm sangen und klangen die alten Studentenweisen. Weit, ganz weit dehnte er die Arme ...
Er trat ins Haus und dämpfte den Schritt. Vor der weißlackierten Tür blieb er stehen. War das nicht ein Kichern? Er klopfte.
»Willst du wohl!« tönte eine Stimme.
»Nur guten Morgen wünschen. Auf Wiedersehen, Traud.« Und elastisch ging er die Treppe weiter hinauf.
Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und die Hausfrau stand im hellen Morgenkleid und lachte hinter ihm drein.
»Guten Morgen, Klaus. Gut bekommen -- das Stelldichein mit dem Klaus von ehedem?«
»Warte, ich habe dir eine Probe mitgebracht.«
»Pirat,« lachte sie und war in ihrem Zimmer.
Klaus Kreuzer aber schlief einen festen Jugendschlaf, und als er um die elfte Morgenstunde erwachte, stand der Sohn an seinem Lager.
»Was, du bist vor mir auf?«
»Frühschoppen, Papa.«
»Ich denke, du wolltest sofort ins Kolleg?«
»Ach, Papa, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen.«
Ein Lächeln huschte um des Professors Mund. »Nein, nein, auf den einen Tag wird's wohl nicht ankommen. Aber damit du nicht weiter in Anfechtungen fällst, werde ich -- ja, ja, das werde ich -- an Mama depeschieren, daß ich erst morgen komme.«
»Papa! Famos, Papa!«
»Und nun laß mir eine halbe Stunde zur Toilette. Wir gehen dann zusammen.«
»Du -- Papa ...«
»Was denn, mein Junge?«
»Ich war gestern abend rasend stolz auf dich. Und ich habe es auch Tante Werder schon gesagt.« Und nun war der Junge draußen. Und der Vater sann hinter ihm her. -- --
Eine halbe Stunde später betrat er frisch und hoch gestreckt das Frühstückszimmer.
»Guten Morgen, verehrte Cousine. Bin ich nicht ein Frühaufsteher?«
Sie legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn.
»Alle Achtung, Klaus. Dafür, daß du schon um sechs Uhr früh auf den Beinen warst, bist du noch immer recht rüstig.«
»Spötterin. Dürfte ich wirklich noch um eine Tasse Kaffee bitten? Wo steckt der Walter?«
»Das ist ein Junge, Klaus. Nachdem er mir mit strahlenden Augen von _ihm_, dem herrlichsten von allen -- das solltest du nämlich sein, Klaus -- erzählt hatte, bekam er plötzlich das zweite Gesicht und mußte eiligst noch ein Kolleg belegen. Sehr beschämend für den väterlichen Leichtsinn.« Und sie schenkte ihm das Frühstück ein.
»Leichtsinnig? Ich --? Ach, Traud, ich wollte, ich könnte es noch einmal von Herzen sein.«
»Ja, ja, ich glaub's. Was ihr so darunter versteht. Von Zeit zu Zeit mal über die Stränge schlagen und sich heimlich freuen, daß es keiner gemerkt hat. Lieber Klaus, das ist ein billiger Leichtsinn für kleine Leute und würde gar nicht zu dir passen. Schlag's dir aus dem Kopf.«
»Kennst du _zwei_ Arten von Leichtsinn? Eine passende und eine unpassende?«
»Ja,« sagte sie und hob die Stirn. »Wenn du schon bei dem Wort bleiben willst, so kenne ich zwei Arten.«
Er sah ruhig auf zu ihr, die neben ihm stand. »Nenn sie, Traud.«
»Nein, ich fürchte mich nicht. Es wär' ja eine Lüge, wenn ich anders sprechen wollte. Es gibt einen leichten Sinn, der sich heimlich aufmacht und durch die Niederungen schleicht, einerlei, ob es durch Sumpf- und Brackwasser geht, wenn nur die Spur nicht gefunden wird, und es gibt einen leichten Sinn, der sich über alle Miseren in lichte, frohe Höhen zu schwingen versteht, bis die Augen der Nachstaunenden ihn nicht mehr zu fassen vermögen, bis er selber die Sonne verspürt und er Gott anders begreift und seine Welt und erkennen lernt, daß es über jede Misere hinaus einen lachenden, blauen Himmel gibt für den, der zu fliegen versteht.«
»Weiter,« sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile, »ich höre dir zu.«
»Weiter?« wiederholte sie. »Lern fliegen, und du brauchst meine Weisheit nicht.«
Und wieder sagte Klaus Kreuzer nach einer Weile: »Ich habe es einmal gekonnt -- oder wohl nur zu können geglaubt, denn ich schlage nur noch zur Schau mit den Flügeln.«
»Weshalb?«
»Gott, liebe Traud, es gibt eben Menschen, die sich lieber einen Pfauhahn halten, der der allgemeinen Bewunderung zugängig gemacht werden kann, als einen Adler, der sich den Blicken der Leute entzieht.«
»Ich glaube gar, Klaus, du hast deinen ganzen Geheimratsfrack voll Orden.«
Eine Röte glitt über seine Stirn. Dann sah er scharf auf.
»Keine Sorge, du wirst keinen zu sehen bekommen.« Und er erhob sich mit verschlossenem, hochmütigem Gesicht.
Sie erwiderte nichts, stand auf und sah ihn lächelnd an. Bis es ihn unruhig machte.
»Weshalb lächelst du denn nur, Traud?«
»Weil ich dich gerade im Schmucke deiner Orden sehe ... Adieu, Klaus, und recht viel Vergnügen.« Und sie nahm das Tablett vom Tisch, winkte ihm zu und ging aus dem Zimmer.
Einen erregten Schritt tat er ihr nach, besann sich, daß er Gastfreundschaft in diesem Hause genoß, und meisterte seine Erregung. Auf dem Tisch lag die Studentenmütze. Er griff nach ihr und zog sie in den Nacken. Da kam Walter die Treppe hinauf. Straff ging er ihm entgegen. »Junge, der Frühschoppen wartet, und wir wollen uns -- über die Erdenschwere in die Lüfte schwingen.«
»Bist du nicht aufgeräumt, Papa?«
»Ich bin es sogar sehr, und zum Zeichen dessen machen wir jetzt den Umweg übers Telegraphenamt.« -- -- --
Es war Nachmittag, und Frau Traud Werder saß in ihrem Zimmer vor dem Klavier und spielte sich zur Freude ein still dahinschwebendes Lied. Ihre Augen blickten über die Noten hinweg, und die Sonne lag, als wüßte sie sich keinen schöneren Platz, voll auf ihrem Haarknoten und auf ihren schlanken Schultern. Da pochte es an die Tür.
»Herein, wenn's eine Frühlingsbotschaft ist.«
Und die Hände auf die Klavierbank gestemmt, wandte sie sich um.
»Ach, Klaus -- Du? Schon Schluß gemacht mit der Freude?«
»Falsch geraten. Sie soll erst anheben. Und dazu bin ich hier.«
Sie sah ihn forschender an und erhob sich langsam. Und sah die aufsteigende Spannung in seinen Zügen und lachte ihn aus.
»O nein -- jetzt hast _du_ falsch geraten. Ich habe durchaus keine Angst vor dir und unserem Alleinsein. Also?«
Der Mann in ihm reckte sich in den Schultern. »Sei nicht immer so schrecklich selbstsicher, das sieht fast wie Koketterie aus.«
»Wie's aussieht, ist mir gleich, ich tu' nur, was mich freut. Mach's nach, Klaus.«
»Du,« sagte er, und die Stimme war ihm ganz schwer, »wenn ich dich jetzt beim Wort nähme. Ich habe Hunger.«
Ohne Besinnen hatte sie die Klavierbank losgelassen und war bis vor ihn hingetreten. »Es ist nicht der richtige, Klaus, es ist nur ein Heißhunger. Das ist wie mit dem zweierlei Leichtsinn, weißt du? Und nun sag dein Sprüchlein.«
»Wir wollen einen Ausflug machen. Hinaus zur Schwedenschanze. Die anderen sind schon vorauf, und es sind Damen dabei.«
»Nun -- und?«
»Ich hätte dir so furchtbar gern eine Freude gemacht. Du sitzest hier in deinen vier Wänden. Das behagte mir nicht.«
»Klaus -- da sind doch Professorengattinnen und hochwohlerzogene Töchter?«
»Ich möchte sie alle zusammen mit dir ausstechen.«
»Wirklich --?« sagte sie leise. »Wirklich -- --?« Und ihre Brust hob sich. »Gib mir mal deine Hand, Klaus. Wahrhaftig, jetzt sehe ich auch deine Orden nicht mehr. Also mir wolltest du eine Freude machen, und ich« -- sie strich ihm, wie tags zuvor, mit der Hand über die Augen -- »schau mich nicht so dumm an, ich hole mir meinen Hut.«
Sie war hinaus, und er stand, hob seine Hand und ließ sie denselben Weg über die Augen gehen, den ihre Hand genommen hatte. Und blickte sich um und horchte zugleich nach innen und nach außen. Ein leises Singen war's. Sein Blut? Ihre Stimme, deren Klang noch durchs Zimmer flatterte? Oder doch -- sein Blut? Und es konnte noch strömen und der Freude entgegenwallen wie Jünglingsblut? Und er horchte nach innen und nach außen und fand keine Begründung und nur -- dies Gefühl. Da wußte er, daß es für dies Gefühl keine Begründung gab vor lauter warmer Menschenfreude. --
»Deinen Arm, Traud.«
Sie legte ihn hinein und ging schlank und schmiegsam an seiner Seite. Die Bürgersleute grüßten aus den Haustüren hinaus, und sie grüßten beide wieder und verfolgten schweigend ihren Weg, der sie aus der Enge der Gassen hinausführte ins weite Lahntal und den waldigen Höhen zu, die im Gold des Ginsters standen.
»Weshalb sprichst du nicht, Klaus?«
»Wir haben ja nichts anderes getan, als miteinander gesprochen.«
»Gut,« sagte sie mit einem wohligen Ton, »schweige weiter.«
Er faßte die Hand, die in seinem Arme lag, führte sie an die Lippen und legte sie wieder in seinen Arm zurück. »Nein -- jetzt, wo die Stimmen einmal laut geworden sind, können wir auch bei dieser Sprache bleiben. Denn nun werden wir uns auch in ihr nichts mehr verheimlichen.«
»Ich verheimliche nie etwas, Klaus. Das war ja schon immer der Kummer der Familie.«
»Du hast deinen Mann sehr lieb gehabt, Traud?«
»Ja, Klaus, das habe ich.«
»Trotz aller Nöte und Bedrängnisse, in die er dich hineingebracht hat?«
»Das hat doch mit der Liebe nichts zu tun.«
»Ich meine -- es bedarf doch immer eines hohen Maßes von Achtung, um jemanden durch dick und dünn immer noch lieb zu behalten. Ich meine so, daß man die Augen schließen kann und nichts verspürt -- als Wohlsein --«
»Ach, Klaus, red doch keine Dummheiten. Das steht ja nur in deinen dicken Büchern, und wenn sie noch viel dicker wären, wüßten sie darum doch nichts vom Selbstverständlichen.«
»Was nennst du das Selbstverständliche, Traud?«
»Jemanden lieb haben, ohne nach Dingen zu fragen, auf die es keine Antwort gibt. _Das_ nenn' ich so, du hochgelehrter Professor. Achtung? Was heißt Achtung? Heiratest du nur die Tugenden oder auch die Fehler? Aussondern ist nicht, und Achtung habe ich nur vor der grenzenlosen Liebe, die sich immer wieder erschöpft, um sagen zu können: Da, nimm. Besseres habe ich nicht zu vergeben. Und wenn der Mensch ein armer Schlucker ist oder ein Himmelsstürmer.«
»Du -- Traud -- und so hast du immer -- gelebt?«
Sie drückte schweigend seinen Arm. »Leb' ich? Nun, wenn ich also nicht dabei gestorben bin, so weißt du die Antwort.«
»Traud, ich habe Respekt vor dir. Wer hätte das vor einigen zwanzig Jahren in dem kleinen Mädel gesucht.«
»Ja, Klaus, damals war ich fünfzehn und trug lange Zöpfe, bis in die Kniekehlen. Das war meine Schwärmerei. Und noch eine andere Schwärmerei kam hinzu, und du brauchst dich nachträglich nicht in die Brust zu werfen, wenn ich dir heute sage, daß diese Mädchenschwärmerei Studiosus Klaus Kreuzer hieß, denn das war ein ganz anderer, als der nachmalige Professor und Geheime Rat gleichen Namens, und hatte den rechten sonnigen leichten Sinn, der es verstand, zur rechten Zeit alle Erdenschwere zu Boden fallen zu lassen und zu seiner und der Menschheit Freude ein echtes Sonnenkind zu sein. Und schon damals hatte ich den Glauben an die Wunderkraft der Sonne.«
»Und -- nachher?« fragte der Mann an ihrer Seite: »Und dann?«
»Und dann gab es eine schreckliche Szene mit meiner fünf Jahre älteren Cousine Marianne, die mich ein kokettes dummes Ding schalt und dich einen leichtsinnigen Couleurburschen, dessen große Fähigkeiten mit Gottes Hilfe auf den rechten Weg gebracht werden müßten. Und das Leben wäre kein Rosenpflücken, sondern ein Dornenweg.«
»Und das glaubtest du?«
»Hast du es etwa nicht geglaubt? Fort warst du von Marburg und trugst Mariannens Ring und Siegel statt des goldnen Dichtersinnes -- denn ehrlich, alter Klaus, das schmale Bändchen Gedichte, das du als Student in die Welt schicktest, ist mir heute noch lieber als die dicksten Bände Literaturgeschichten, die dir später einen so hohen Namen machten. -- Ja, fort warst du, wurdest Doktor, Professor gar, saßest mit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lehrstuhl und im Ehehafen.«
»Und du?« fragte er hastig.