Die Welt im Kinderköpfchen

Part 3

Chapter 33,872 wordsPublic domain

Sie fanden es alle gut, die Kinder, die Entdeckungsreisen auf die kleine Lichtung antraten, und die Mutter, die heiter die ruhsame Stille genoß. Fern aller Stadtlärm, in die Weite gerückt alle Alltagsmühe, alle kleinen und großen Sorgen, stille die Stunden und doch so voll Erleben. Immer wieder kamen die Kinder an, sie hatten eine unbekannte Blume gefunden, hatten einen höchst seltsamen schwarzen Vogel gesehen und wollten es nicht glauben, daß es eine Krähe war, sogar eine Blattwanze brachte Ferdel mit lautem Freuderufen an. Und dann fanden sie einen Ameisenhaufen, und der Vater erzählte ihnen von dem emsigen kleinen Volk, und Ferdel verlangte stürmisch Ameisen mitzunehmen, er träumte schon von einem Ameisenhaufen mitten in der Wohnstube. Er war überhaupt sehr dafür mitzunehmen, während Marie selbst die Blumen mit behutsamer Scheu pflückte.

Frau Marie hatte Mundvorrat eingepackt, sie brauchten darum kein Gasthaus aufzusuchen und so blieben sie auf dem gewählten Platz, blieben viele Stunden, die erschienen ihnen kurz und doch lang; als der Vater zum Aufbruch mahnte, riefen alle: »schon?«, und nachher sagte die Mutter doch: »Es war, als hätte ich eine weite Reise gemacht.«

»Jedenfalls müßte man ein Buch schreiben von alledem, was unsere Kinder heute gesehen haben«, sagte der Vater, als sie dem Bahnhof zuschritten und in die rote Glut des Abendhimmels sahen. Die vielerlei kleinen Stimmen, die am Tage so laut gesummt und getönt hatten, schwiegen nun, doch dafür zirpten die Grillen laut, und in einem Tümpel am Wege quakten die Frösche. Das waren die letzten Laute von draußen, die die Kinder hörten, und darum redete Ferdel zuletzt nur von den Fröschen, und Marie verlangte das Märlein vom Froschkönig zu hören. Doch sie schlief darüber ein. Kaum saßen sie im Abteil des Heimzuges, da fielen den Kindern die Augen zu. Sie waren müde von Luft und Sonne, von den vielerlei Ereignissen des Tages und ihre Gesichtlein sanken tief herab auf die welken Blumen in ihren Händen. Auch Frau Marie war müde, aber sie schlief nicht, sie träumte vom Walde draußen, und als die Großstadt wieder begann, die Bahn wieder an den hohen Häusern mit den aufdringlichen Geschäftsanpreisungen daran vorbeifuhr, da sagte sie noch einmal: »Es ist mir, als hätte ich eine weite Reise gemacht, eine schöne Reise.«

Ihre Hand suchte die ihres Mannes, und der sagte nachdenklich: »Ich dachte an den Wald meiner Jugend, er war reicher, war schöner deutscher Hochwald, und doch habe ich ihn heute wiedergefunden im seligen Erleben unserer Kinder.«

Pusteblumen.

Der Vater hatte am Fenster gestanden, hinausgesehen in den Garten, der wieder einmal seinen hellen Frühlingssang angestimmt hatte, und dabei gesagt: »Das ist heute wirklich ein Tag, an dem man es wachsen sieht.«

Dem vierjährigen Rudi klingt das Wort in den Ohren. Es wachsen sehen draußen, die Blumen alle aus der Erde emporschießen sehen, wie hübsch muß das sein: Man darf so etwas nicht versäumen. Er läuft eilig zu seiner nur ein Jahr älteren Schwester Gretel und ruft der zu: »Komm mit auf die Wiese!«

Gretel schüttelt den Kopf. Sie hat just keine Wiesenlust, sie bleibt lieber auf dem Hausbänkchen sitzen und sieht den Hühnern zu, die mit viel Gegackere sich mit ein paar Sperlingen um das Futter streiten. Unlustig frägt sie: »Was willst denn?«

»Draußen wachst es, man kann's heut' sehen!«

»I wo!« Gretel lacht, sie fühlt sich sehr als ältere erfahrene Schwester dem kleinen Bruder gegenüber, und sie belehrt ihn herablassend: »Das kann man nicht sehen!«

»Doch, Vater hat es gesagt!«

Die Kleine horcht auf. Was Vater sagt, muß doch wahr sein, denn Vater ist Pfarrer und ungeheuer klug, zu dem kommen viele Leute sich Rat holen. Darum sieht sie auch auf, als der Bruder noch einmal lockt: »Komm mit!«

Sie laufen beide durch den Garten, bleiben ein paar Herzschläge lang am Erbsenbeet stehen; sollen sie hier das Wachsen ansehen? Doch Rudi ist mehr für die Wiese, er meint, auf der müsse das heute am schnellsten wachsen, und darum schlüpfen beide durch ein Heckenloch, dahinter dehnt sich Wiesenland bis zum Walde hin. Dort, wo der dunkle Tannenwald als blaue Wand aufsteigt, ist noch Schatten, aber vorn liegt die Wiese im vollen Sonnenglanz.

Hier ist gut sein. Die Kinder kauern sich im Grase nieder, jedes sucht sich ein Fleckchen aus, auf das es ernst und andächtig niederschaut, meinend, nun müsse Blume auf Blume aus der Erde hervorschießen und die Gräslein müßten sich recken und dehnen; wenn eins dem Rudi gleich bis an die Nasenspitze geschossen wäre, es hätte ihn nimmer gewundert.

Eine Minute vergeht, noch eine.

»Gretel, siehst du was?«

»So schnell geht's nicht!« Gretel hält ihren rechten Zeigefinger an einen Grashalm, schießt der nicht bald über das lebendige kleine Maß hinaus?

Insekten schwirren und summen, ein Schmetterling kommt flatternd angetanzt. Die Wiese läßt sich behaglich von der Sonne liebkosen, und jeder kleine Halm fühlt den warmen Kuß der gütigen Lichtmutter.

»Da, da wachst es!« Rudi beugt sich aufgeregt vor. Doch was da zitternd zu wachsen scheint, ist eine Raupe, die langsam und satt an einem Grashalm entlang klettert und die nun eine Minute der Kinder Aufmerksamkeit fesselt.

Gretels Finger ist dabei tiefer in den weichen Wiesenboden eingedrungen und sie schreit plötzlich stolz: »Mein Gras ist gewachsen, da so viel!«

Rudi will das Maß nicht gelten lassen; aber er versucht es auch und sein Finger rutscht gleich ganz tief hinein. »Dummchen du!« Gretel nimmt des Bruders Hand, gibt sorgsam dem Zeigefinger die Richtung und sagt: »Nun mußt du stillhalten.«

Ein Marienkäferlein denkt: hoho, was ist das für eine sonderbare Leiter, die muß ich erklettern, und flink kriecht es am Finger in die Höhe, es findet den Weg zur Handfläche, steigt weiter und weiter und Rudi sieht ihm zu, vergißt das Gras, warum dauert es auch so lange, bis es wächst? »Ich mach's so«, ruft er plötzlich von einem Gedanken erfaßt, er wirft sich lang hin, so macht es der Vater manchmal, wenn er auf dem Waldboden allerlei beobachten will. »Da seh' ich's besser!«

Auch Gretel streckt sich aus, und so liegen sie beide bäuchlings im Sonnenschein, und um sie herum singt, summt und schwirrt es, ein unablässiges Tönen ist in der Luft, das winzigste Insekt stimmt ein in den frohen Lobgesang. Den Kindern fallen die Augen zu, sie schlafen nicht, bewahre, sie wären arg entrüstet, wollte jemand eine so leichtfertige Behauptung aufstellen.

Ein heller, etwas schriller Ton durchzittert die Luft -- die Mittagsglocke!

Rudi dreht sich um, er blinzelt ein wenig, öffnet die Augen mehr und sieht gerade neben seiner kleinen Nase eine sehr große, dicke, gelbe Pusteblume.

Die war eben noch nicht da, er weiß es ganz genau. Einen Herzschlag lang sieht er sich noch das goldene Blumenwunder an, dann schreit er: »Gretel, Gretel ich hab 'ne Blume wachsen sehen.«

Und Gretel dehnt sich und blinzelt, Grashalme kitzeln sie an den Wangen, war denn das vorher auch so? Und dann sieht sie auch neben sich eine goldgelbe Pusteblume, noch eine, viele, viele und vorher hat sie die doch gar nicht gesehen. Die Pusteblumen sind gewachsen! »Rudi,« ruft sie selig, »da, so viele Blumen sind gewachsen.«

Sie greift mit den Händchen nach den Blumen, bricht sie ab, sie springt auf, pflückt mehr ab und will auch die nehmen, die der Bruder noch immer verträumt anschaut. »Nein,« schreit der entrüstet, »ich hab' sie doch wachsen seh'n!«

»Na ja, gerade darum!«

»Nein, Nein!« Rudi hält beide Hände schützend über das kleine goldene Wunder, das darf ihm niemand anrühren, denn was sind alle Pusteblumen der Welt gegen die eine, an der sein Glaube hängt, sie wäre vor seinem Näslein gewachsen.

Gretel findet diese eine Blume nicht schöner als die anderen, und Pusteblumen sind ihrer Meinung nach dazu da, um Kränzlein daraus zu winden, mit denen man sich schmückt. Und als sie sich den goldgelben Kranz auf den Kopf setzt, sich auch eine Ringelkette dazu umhängt, sagt der Bruder glückselig: »Sie ist ganz groß geworden, viel, viel größer als deine.«

Es wird ihm ordentlich schwer, sich von der schönen Blüte zu trennen, doch Gretel, die immer aus allerlei Zeichen weiß, wenn es Zeit zu irgendeiner Mahlzeit ist, sagt eilig: »Wir müssen heim.«

So wandern sie wieder durch das Heckenloch und den Garten dem Hause zu, Gretel stolz im goldenen Blumenschmuck, Rudi verträumt. Sie kommen wirklich gerade noch zum Mittagessen zurecht und auf die Frage nach ihrem Verbleib, erzählen sie, Gretel sehr eifrig, Rudi langsamer und nachdenklich.

Der Mutter drängt sich ein Lachen auf die Lippen, der Vater will sagen: »Unsinn!« Doch da sehen sich beide an, und der Mutter Lachen wandelt sich zu einem stillen Lächeln, und der Vater nickt den Kindern zu. Er denkt zurück an die eigene Jugend. Damals. Er hat auch auf der Wiese gelegen, um das Gras wachsen zu sehen, und er hat daran geglaubt, bis sacht in ihm die Erkenntnis gewachsen ist und er vom Märchenglauben der Kindheit dazu gekommen ist, nachdenklich im schönen Buch der Natur zu lesen. Und die Freude daran ist in ihm gewachsen.

Der goldene Kranz auf Gretels Haar glänzt, Rudis Händchen beschreiben einen weiten Kreis: »So groß war meine Pusteblume.«

Was sind alle Schätze der Welt gegen eine Pusteblume, die golden auf der Wiese gewachsen ist! Und Rudi hat sie wachsen sehen, wer zweifelt daran?

Der Brief an den lieben Gott.

Leni wollte einen Brief an den lieben Gott schreiben.

Sie dachte ganz ernsthaft daran, obgleich das Schreiben eine beschwerliche Sache war. Man mußte sich da das Händchen führen lassen, sah krause schwarze Zeichen entstehen, die man nicht deuten konnte und meist verstanden die Erwachsenen gar nicht, wie wichtig solch ein Brief war; ja, sie sagten wohl ein bissel unwirsch: »Warte doch, bis du selbst schreiben kannst.«

So lange konnte Leni aber wirklich nicht warten. Ostern tat sich ihr erst die Schule auf, und dazwischen lag noch Weihnachten und Mutters Geburtstag; also dauerte es noch ewig lange, ehe die Schule begann. Und Lenis Bitte eilte. Der Vater sollte doch endlich aus dem bösen Krieg heimkommen, bald zu Mutters Geburtstag. Am einfachsten wäre es ja gewesen, den Wunsch im Abendgebet vorzubringen, aber da hörte Mutter zu und manchmal auch die Tanten, die im gleichen Hause wohnten. Sehr liebte Leni dies Zuhören eigentlich nicht. Sie schämte sich immer etwas, denn sie hatte es wohl gemerkt, die Tanten lachten manchmal heimlich, wenn sie dem lieben Gott recht viel zu sagen hatte, und wenn sie dem Schutze des gütigen Vaters selbst den Kohlenmann empfahl, auch die Gemüsefrau Müller und alle Leute, die nur den Fuß über die Schwelle der Wohnung setzten. Freilich, wenn sich dann die Tanten zunickten und Tante Nora sagte: »Süß!« und Tante Traute antwortete: »Goldig!«, das gefiel ihr dann.

Sie hörte es überhaupt gern, wenn die Erwachsenen von ihr sprachen. Manchmal taten die das in ihrer Gegenwart und meinten, sie höre es nicht. Aber Leni hatte Mäusleinohren. Sie paßte gut auf, sie hörte dabei freilich auch andere Dinge und sie fand es manchmal etwas sonderbar, wie die Erwachsenen miteinander redeten; gar nicht zu verstehen war da allerlei. Auf den Gedanken, einen Brief an den lieben Gott zu schreiben, hatte sie auch ein Gespräch der Tanten gebracht, die hatten sich so einen Brief aus der Zeitung vorgelesen und herzhaft darüber gelacht, hatten den Brief entzückend gefunden und gesagt: so etwas brächte unsere Leni auch fertig.

Warum der liebe Gott seine Briefe in die Zeitung tat, verstand Leni freilich nicht, aber der Gedanke, an den lieben Gott zu schreiben, beschäftigte sie seitdem sehr. Der Gedanke lief freilich wieder fort, denn andere kamen und huschten durch das kleine Hirnchen, aber auf einmal mußte Leni doch wieder an den Brief denken und da ging sie und trug ihre Sorgen zu Martha in die Küche. Und Martha sagte: »Das tu nur!« Sie versprach auch ihre Schreibhilfe und allertiefstes Stillschweigen, sie spendete sogar einen himmelblauen Bogen, »ein Brief an den lieben Gott muß schon ein Ansehen haben«, sagte sie.

Mit Marthas Unterstützung schrieb dann Leni am Nachmittag, an dem die Mutter ausgegangen war, ihren Brief. Er wurde »fein«, darüber waren sich die Schreiberinnen einig, obgleich Leni ihn nicht lesen konnte und Martha der guten Frau Orthographie manches Schnippchen geschlagen hatte. Über den rechten Weg der Beförderung gingen die Ansichten freilich auseinander. Martha schlug das Fensterbrett vor, Leni hatte mehr Zutrauen zum Briefkasten, der Briefträger fand doch alle Leute, warum sollte er da nicht des ewigen Vaters lichte Wohnung finden! »An den lieben Gott im Himmel«, wie leicht war das! -- Der Briefkasten siegte.

Martha sagte: »Heute abend werfe ich den Brief ein, da merkt es niemand.«

»Niemand, auch die Mutter nicht!«

Der Gedanke an das große Geheimnis bedrückte Leni ein wenig. Abends, als sie betete, hätte es die Mutter beinahe erfahren, doch Leni hielt es gerade noch fest, nur eine Frage hüpfte ihr eilig über die Lippen: »Antwortet der liebe Gott, wenn er einen Brief kriegt?«

»Nein, Kind!« Die Mutter lachte. »Da hätte er viel zu tun, aber er sieht alles und hört alles.«

Die Kleine atmete tief. »Vielleicht ist Sonntag schon der Krieg aus«, sagte sie froh, und die Mutter sah ein holdes Scheinen unendlichen Vertrauens auf dem Gesichtchen erblühen, und sie lächelte wissend, denn ein blaues Brieflein knisterte in ihrer Tasche.

Der nächste Morgen brachte so warmen Sonnenschein, daß der Spätherbsttag sommerlichen Glanz erhielt. Leni konnte im Garten spielen und darüber vergaß sie den Brief. Am Nachmittag, als sie über ihren Bilderbüchern hockte und darin dem Christkind begegnete, dachte sie wieder daran. Im Nebenzimmer saßen der Mutter Freundinnen, und auf einmal dämpften die Frauen ihre Stimmen, geheimnisvoll klang es, und Leni vergaß ihren Brief und rutschte mit ihrem Schemelchen der Tür näher und näher, denn sie meinte ihren Namen zu hören.

»Lies ihn noch einmal,« bat drinnen Tante Nora, »er ist zu niedlich.«

»Sie hört es vielleicht.«

»Ach nein, sie hat ihre Bilderbücher vor.«

Die Mutter las. Leni erschrak tief.

Wie seltsam das war! Mutter las alles vor, was sie gestern an den lieben Gott geschrieben hatte, und als sie fertig war, riefen die Tanten »Reizend!« und »Süß« und Tante Traude fragte: »Hat sie dir den Brief gegeben?«

»Bewahre, er soll ein Geheimnis sein. Martha brachte ihn mir, sie sollte ihn in den Briefkasten stecken.«

»O das kleine dumme Dummchen!«

»Entzückend, dies Vertrauen!«

»Gut, daß nicht alle Leute den lieben Gott so viel bitten wie unsere Leni, der Arme, er hätte sonst zu viel zu tun.«

Die Frauen lachten. An das Ohr der kleinen Lauscherin drangen seltsame Worte, sie verstand sie nicht und meinte doch, der liebe Gott müßte bitterböse werden, weil man so von ihm sprach. Konnte denn der liebe Gott nicht alles, wußte er nicht alles?

Wieder umtönte das Lachen der Frauen Leni. Die schrie plötzlich laut auf, und nebenan verstummte jäh das Lachen. Die Mutter und die Tanten kamen erschreckt in das Zimmer, und Leni sah -- ihren himmelblauen Brief in der Mutter Hand.

»Sie hat gehorcht!«

Die Mutter sah verwirrt auf ihr Kind, sie wollte es in die Arme nehmen, doch Leni wehrte sich störrisch, sie rutschte von ihrem Schemelchen herab und rannte hinaus, lief in die Küche und stand plötzlich vor Wut schreiend vor Martha.

Die begriff nicht den Zorn ihres Lieblings, wußte nicht, daß sie des Kindes Vertrauen getäuscht hatte, und sie wollte trösten mit täppischen Liebkosungen wie sonst, doch Leni wehrte sich ungestüm, sie biß und kratzte, sie ließ sich auch nicht von der Mutter in die Arme nehmen, und als auch die Tanten in die Küche kamen, streckte sie ihnen ihr rotes Zünglein entgegen.

An diesem Nachmittag war Leni kein süßes, reizendes Kind. Sie blieb ungebärdig, und als sie in ihrem Bettchen lag und die Mutter ein wenig zögernd mahnte: »Willst du nicht beten!«, da huschelte sich Leni flink in die Kissen und knurrte: »Ich mag nicht!«

»Du bist ungezogen,« sagte die Mutter streng, »der liebe Gott wird ganz böse auf dich sein!« Sie ging hinaus und wußte nicht, wie tief ihres Kindes Sehnsucht nach ihr klagte. Sie wußte nichts von allem, was heute in dem kleinen Herzen zerbrochen war, welch köstliches feines Blümlein zerknickt am Boden lag. Leni war ungezogen gewesen, das kam vor, morgen würde sie wieder brav sein, denn ein süßes Ding war sie doch.

Und Leni weinte sich in den Schlaf, tat dann eine Reise ins bunte Traumland und wachte am Morgen hungrig und spiellustig auf.

Es war wie sonst. Doch am Abend wollte Leni wieder nicht beten, und als die Mutter ärgerlich wurde und das Gebet forderte, schlabberte sie ganz schnell ihr Verslein her vom kleinen reinen Herzen, besondere Wünsche, besondere Sorgen vertraute sie dem lieben Gott nicht mehr an.

Tat es nie mehr. Scheue Scham verschloß ihr den Mund.

Ein Schlüssel zum Himmel.

Die Mutter hatte ein Märlein erzählt, eine feine liebe Geschichte von einem Englein, das eine Erdenreise machen wollte. Heimlich hat es dem alten Petrus, wie der gerade etwas auf der blühenden Himmelswiese spazieren ging, von seinem Schlüsselbund das kleinste, goldene Schlüsselein für die allerkleinste Himmelstüre genommen, hat die aufgeschlossen und ist abwärts geflogen, der Erde zu, nach der es Sehnsucht hatte -- vielleicht, weil es ihm im lichten, hohen Himmel zu friedestill war. Wer weiß es denn.

»Tun Engel denn so etwas?« hat Heinerle, der Jüngste, gefragt.

»Ja, manchmal doch. Manchmal, aber nur sehr sehr selten, sind auch kleine Engel ein linschen unnütz. Freilich, der ausgerissene kleine Engel hat seine Strafe auch gleich bekommen, sein Schlüssel ist zu Boden gefallen, ist in Millionen Splitterchen zerschellt, von denen war jedes ein Samenkorn, daraus ist dann eine feine, zarte, goldgelbe Blume erblüht. Himmelsschlüssel heißen sie die Menschen.«

»Kann man damit den Himmel aufschließen?«

»Schon. Wenn ein Mensch hier unten stirbt und ein Engel wird, der kann sich dann oben selbst die Himmelstüre aufschließen, und Sankt Petrus lacht dann wohl und sagt: »Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du, hast gleich den Schlüssel mitgebracht.««

»Hat der kleine Engel auch so wieder den Himmel aufgeschlossen?«

»Nein, nein, die Blumen erblühten erst im Frühling, und als der Engel auf die Erde kam, war es Winter. Kalter, eisiger Winter. Es ist ihm übel ergangen, dem kleinen Vorwitz. In sternenlosen Nächten, an bitterkalten Tagen ist er lange, lange auf der Erde umhergeirrt, bis er endlich dem Engel des Todes begegnete, der sich seiner erbarmte und ihn hinauf in den lichten, warmen Himmel trug. Denn zurückfliegen konnte der kleine Engel nicht mehr, seine Flügel waren zerbrochen, und traurig war er, wie es nie ein Engel im Himmel ist.«

»Hat der liebe Gott sehr gezankt?«

»Nein, nein, so sehr nicht! Er hat ein bißchen mit dem Finger gedroht und dann hat er dem kleinen Ausreißer über die Flügel gestrichen, da wurden die wieder heil. In seiner großen Güte hat der liebe Gott wohl gedacht, du kleiner Vorwitz du, du hast Strafe genug gehabt.«

Dem Heinerle war die Geschichte tief ins Herz gesunken, so wie ein Regentropfen in eine Blüte fällt. Er läuft auf die Wiese, wo die Himmelsschlüssel blühen, goldgelb und heiter, so recht frühlingsfroh.

Blau ist der Himmel, klar die Luft, eine Lerche wirbelt singend zur hellen Höhe empor, doch Heinerle hört nichts und sieht nichts, er pflückt Blumen, viele, viele und denkt an das Märlein, das ihm Wahrheit dünkt. Die gelben Blumen schließen den Himmel auf!

Wem denn?

Wer ein Engel werden will, muß sterben. Heinerle steht und denkt an das Sterben und leise Schauer durchzittern sein Herzlein.

Wer stirbt denn aber? Der alte Tischler Seifert vielleicht, gestern noch hatte es Heinerle sagen hören, er würde bald sterben.

Soll er dem die Blumen bringen? Damit er es leicht hat, in den Himmel zukommen und Sankt Petrus auch sagt: »Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du!«

Ich bring' ihm die Blumen! Husch, ist der Gedanke da, und schon rennt Heinerle ins Dorf zurück. Er hat es sehr eilig, will nicht zu spät kommen mit seinen goldenen Wunderschlüsseln.

Seiferts Johann ist alt und arm, und alle Not des Lebens ist über ihm gewesen, und er ist durch viele dunkle Täler geschritten. Davon weiß Heinerle nichts, er weiß noch nicht, was es heißt, alt, arm und einsam sein. Für ihn hat der alte Mann in Lust und Freude gelebt, denn dem muß es doch gut gehen, der eine Katze und vier Vögel hat, die sich mitsammen vertragen. So etwas Wunderbares.

Ob er wohl die Katze und die Vögel mit in den Himmel nimmt? -- Wer weiß das alles!

Er will den Alten fragen, aber als er eintritt in die niedrige, dumpfe Stube, erhält er keine Antwort mehr. Der Tischler Johann Seifert steht schon auf der Schwelle des großen, unbekannten Landes, ein paar Atemzüge noch und er ist drüben. Alles Klingen und Lärmen der Erdenwelt ist schon für ihn verstummt, und Fragen sind ihm nicht mehr Fragen.

Heinerle erschrickt vor dem Alten. Wie sonderbar der aussieht! Er wirft hastig die Blumen auf das schmutzige, zerwühlte Lager und rennt wieder hinaus, von der Furcht gejagt. Doch an der Türe bleibt er stehen, dreht sich noch einmal um und ruft mit angstgedämpfter Stimme: »Vergiß die Himmelsschlüssel nicht, da -- damit du gleich rein kannst.«

Die Türe klappt. Heinerle steht draußen im Sonnenschein.

Niemand erfährt etwas von seinem Gang. Der Tag wird müde und läßt sich von der Nacht in die Arme nehmen. Ein neuer steigt herauf, und an ihm hört Heinerle sagen: Der alte Seifert wäre tot.

Ein Nachbar redet es im Flur des Hauses, er lacht dazu, und Frau Mädler, die Wirtschafterin, sagt: »Na, schade ist's nicht um den alten Lump. Einer weniger von der Sorte, das ist gut.«

»Er ist jetzt im Himmel«, sagt Heinerle auf einmal ernsthaft.

»Der und im Himmel!« Der Nachbar lacht grob. »Der hat da drin nichts zu suchen, den lassen sie gar nicht ein.«

»Doch -- er hat ja einen Schlüssel!« Heinerle hätte gern erzählt, wie der alte Seifert in den Himmel gekommen ist, aber vor dem lauten ungläubigen Lachen der andern läuft er davon. Er flüchtet zur Mutter und vertraut der sein großes Geheimnis an. Und die Mutter glaubt auch, daß sich Seiferts Johann nun den Himmel aufgeschlossen hat, sie zweifelt nicht, sie lächelt nicht, sie hält ihren kleinen Jungen fest im Arm, und ihr Blick taucht tief in den seinen.

»Ist er jetzt -- schon oben?« Heinerle hält den Atem an, so sehr erregt ihn selbst die Frage.

»Gewiß, jetzt ist er schon beim lieben Gott.«

Heinerle lächelt glückselig. Er träumt dem Engel nach, der zum Himmel emporgeflogen ist und der hier auf Erden der alte Tischler Johann Seifert war, von dem die Leute reden, er sei ein Lump gewesen.

Die Mutter sinnt ernst der Zukunft entgegen. Wird ihrem Kind auch einmal das goldene Schlüsselein zum Himmel des Glaubens in tausend Splitter zerschellen, wird er sich auch die lichten Flügel seiner reinen kleinen Seele zerbrechen? Nein, nein, ruft es in ihr, ich will wachsam sein immerzu und ihm selbst eine Türe der Erkenntnis nach der anderen öffnen, sacht und vorsichtig, damit seine Seele nicht Schaden leide.

Ein schweres Werk. Wird es gelingen? Wer weiß es denn?

Anmerkungen zur Transkription:

Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:

Herzelein und herzlein

Tante Traute und Tante Traude

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

geändert wurde "Frau Marie schwieg, Sie überließ" in "Frau Marie schwieg. Sie überließ" (Seite 21)

geändert wurde "heißen sie die Menschen." in "heißen sie die Menschen.«" (Seite 32)

geändert wurde "gleich den Schlüssel mitgebracht.«" in "gleich den Schlüssel mitgebracht.««" (Seite 33)