Part 2
Am nächsten Tag versucht Peter es wieder, auszureißen. Die Sehnsucht nach dem Draußen, nach den andern verläßt ihn nicht mehr.
Die große Verführerin.
»Mutti, dürfen wir auf die Straße?«
Das Trüpplein steht vor der Mutter, die Augen glänzen unternehmungslustig, sie hoffen auf ein Ja, und die Mutter sagt es auch, sie sagt es freilich ungern und zögernd, es ist ihr gar nicht recht, wenn die Kinder allein spielen. Doch, um sie spazieren zu führen, dazu fehlt es ihr an der Zeit, und die drei lebhaften Dinglein immer in der engen Wohnung zu lassen und ihnen kein Draußensein zu erlauben, geht doch auch nicht an. Luft und Sonne, sie brauchen beide so nötig.
Doch der Mutter ist die Straße unheimlich, ihre Flurnachbarin hat gesagt: »Das sind Kleinstadtgewohnheiten, die muß man überwinden. Wer nicht mit 'nem goldenen Löffel in der Hand geboren ist, der darf sich heute nicht absperren. Meine Kinder sind immerzu auf der Straße, da werden sie dreist und umgänglich und kommen nachher gut fort im Leben.«
Gut fortkommen im Leben, es leichter haben als ich sollen meine Kinder auch, denkt Frau Anna. Um ihretwillen ist sie ja weggezogen aus der lieben kleinen Heimatstadt, auf deren Plätzen noch die Brunnen rauschen wie in einem Eichendorffschen Liede. Kluge Ratgeber haben gemeint, sie würde in der Großstadt bessere Arbeitsgelegenheiten haben, und sie ist dem Rat gefolgt und hat wirklich die erhoffte Arbeit gefunden, nun sitzt sie von früh bis abends an der Maschine und stickt mit farbiger Seide feine schöne Blumen und Muster auf köstliche Stoffe. Dem Prunk und heiterem Glanze dient die Arbeit ihres einsamen Lebens. Ihr Mann ist tot und die Sorge für ihre drei Kinder ruht auf ihr. Eine schwere Sorge, ja, und doch eine liebe Sorge.
Frau Anna hört die Flurtüre klappen, jetzt trappeln ihre drei die Treppen hinab, und der große Bruder, der nun bald ein Schulrekrut ist, beschützt sorgsam die kleinen Schwestern, so wie er es daheim schon tat.
Wenn nur die Straße, der sie zustreben, auch jener der verlassenen Heimat gleichen möchte: Da hatten sich Gärten zwischen die Häuser geschoben und die Bäume hatten im Frühling ihre Blüten, im Sommer und Herbst wohl auch einen Teil ihrer Früchte auf die Straße niederfallen lassen, zum Ärger ihrer Besitzer, zur Freude der Kinder.
Die Maschine klappert, Stich um Stich. Frau Anna stickt verschlungene Linien auf blauen Grund; wer der Linien Anfang und Ende nicht kennt, hält das Ganze wohl für ein regelloses Gewirr, und doch ist es ein Muster, schön und geheimnisvoll, schwer zu enträtseln freilich, wie manchmal des Lebens Gang.
Die Zeit vergeht. Frau Anna sieht nach der Uhr und erschrickt, die Kinder bleiben doch so lange aus.
Sie wird unruhig und wartet, und die Arbeit schreitet langsamer voran. Da endlich krabbelt es draußen an der Flurtüre, ein zaghaftes Klingeln ertönt. Das ist doch nicht der Seppel, der klingelt immer herzhafter, vom Stuhl kann man fallen vor Schreck, wenn der Einlaß begehrt. Frau Anna geht und öffnet und sie findet draußen Ruth und Trinchen stehen, und allen beiden laufen die Tränen über die Bäckchen. »Seppel ist fortgelaufen«, klagt Ruth, und das Trinchen jammert: »Fottelaufen!« Seppel hat die Schwestern allein gelassen! Zum erstenmal tat er das.
Frau Anna denkt nur an ein Unglück, das geschehen sein muß, und sie bringt es kaum noch fertig, die etwas redselige, aber immer hilfsbereite Nachbarin um Schutz für ihre beiden Kleinen zu bitten, dann rennt sie eilig die Treppe hinab, ihren Jungen zu suchen, ihren Liebling. Wo ist er, was ist ihm begegnet?
Sie braucht nicht weit zu gehen, da findet sie ihn schon. Er steht mitten unter einer Schar von Buben, der Kleinste ist er unter ihnen, aber sein Stimmlein kräht doch laut im Chore mit.
»Seppel!« Als die Mutter ihn ruft, schrickt er zusammen, er blinkert verlegen mit den Augen, denn leise dämmert der Gedanke an die verlassenen Schwestern in ihm auf. Unsicher murmelt er: »Sie sind weggelaufen.«
»Nein, du bist weggelaufen!« Frau Anna sagt es ganz ruhig, und ein heimliches Lachen kommt ihr, als sie in Seppels bedrücktes Gesichtlein sieht, sie straft ihn aber doch mit Worten, wenn sie auch milde sind, und schon auf der zweiten Stiege stammelt der Kleine reumütig die Bitte um Verzeihung, sagt, er will's nicht wiedertun. Das Versprechen kommt aus ehrlichem Herzen, und die Mutter atmet auf, als sie ihre drei wieder beisammen hat.
Am nächsten Tag gelobt Seppel feierlich, die Schwestern treu zu hüten, und sie kommen auch alle drei vereint wieder zurück, ein bißchen verheult sieht das Trinchen aus, es ist hingefallen, weil die beiden Großen zu schnell gelaufen sind. Der Feuerwehr nach.
Was kommt alles auf so einer Straße daher, was zum Nachrennen verlockt!
Besonders so einen kleinen, kecken Draufgänger, wie der Seppel ist, einen, der einem dummen Streich nicht immer ausweicht und dem sich leicht ein Geschehen im Bewußtsein vergrößert und verschiebt, weil seine bewegliche Phantasie alles zu einem besonderen Erleben gestaltet.
Wenn die Kinder zurückkommen, haben sie immer viel zu berichten, sie nennen auch Namen von anderen Kindern, und manchmal fallen Worte, bei denen die Mutter erschreckt aufhorcht und mahnt, das sagt man nicht und dies nicht. Nur das Trinchen hat immer weinerlich das gleiche Erlebnis zu beklagen. »Bin defall'n.«
Frau Anna merkt es, das Trinchen kommt bei dem Auf-der-Straße-Spielen zu kurz, und an einem Tage, der warm und sonnenreich ist, als wäre es schon Frühling, verläßt sie die Arbeit und geht ihren Kindern nach, um zu sehen, mit wem sie unten spielen.
Als Frau Anna die Straße betritt, erschrickt sie vor ihr. Der warme Tag hat mehr Menschen als sonst herausgelockt, und die Straße ist ganz erfüllt von brausendem Leben, ihr, der Kleinstädterin, erscheint es ungeheuer, und doch rechnet der Einheimische diese Straße zu den stilleren der Stadt. Die Mutter schaut ängstlich nach ihren Dreien aus, und übersieht dabei beinahe das Trinchen, das auf der Bordschwelle zwischen Bürgersteig und Fahrdamm sitzt, ganz allein hockt es da und haut mit einem alten Blechlöffel immer auf das Pflaster und summt vor sich hin: »Bumsa, bumsa!« Die Puppe liegt daneben, und inmitten alles Lebens erscheint der Mutter ihr Kleinchen so unsäglich verlassen, daß ihr die Tränen kommen. Sie hebt es auf, und Trinchen jauchzt laut beim Anblick der Mutter, aber gleich klagt es wieder, wie so oft: »Bin defall'n.«
Nach Ruth braucht Frau Anna nicht weit zu suchen, die kommt bald angerannt, will nach dem Schwesterchen sehen und erzählt strahlend, sie hätten Haschens gespielt, aber das Trinchen könne noch nicht so geschwind laufen. Und Seppel?
Der spielte mit den großen Jungen Krieg, er hatte die Schwestern wieder vergessen, und als die Mutter suchend die Straße entlang geht und eine ganze Schar Buben daherstürmen sieht, begreift sie es, Seppel ist eben ein Junge, er will sich austoben. Diesmal ist Seppel auch gar nicht reumütig, ja er brummt, als die Mutter ihn ruft, und er setzt das Brummen oben fort; denn er kommt sich ein wenig wie gefangen im Käfig vor.
Am nächsten Tag hat sich der vorzeitige Frühlingsglanz in Regen verwandelt, und auf Frau Annas Herz ist eine neue Sorge gesunken, Trinchen fiebert und liegt im Bett. Die Nachbarin holt bereitwillig den Arzt herbei, der kommt auch und beruhigt die Mutter, es wäre nicht schlimm. Dennoch wagt sich Frau Anna von der Kleinen nicht fort, und da die Nachbarin keine Zeit hat, schickt sie Seppel nachmittags auf die Straße, er soll allerlei einholen. Sein Wiederkommen dauert sehr lange, und als er endlich kommt, tanzt die Klingel nicht so lebhaft wie sonst, nur zaghaft tönt sie, und Seppel kommt sehr bedrückt in das Zimmer, und sein Blick weicht scheu dem der Mutter aus. Was bedrückt ihn denn?
Frau Anna prüft das Eingeholte, es ist alles da, nur das Geld, das Seppel zurückbringen soll, fehlt. Er hat es verloren. Noch während er das Wort ausspricht, kommen ihm die Tränen; er heult laut und erklärt schluchzend, man hätte es ihm fortgenommen.
»Wer denn?«
Seppel schweigt. Im Mundwinkel und am Kinn sieht die Mutter zwei verdächtige braune Fleckchen, und sie frägt und forscht, und da kommt es denn heraus, zwei Freunde von der Straße, zwei größere Jungen, haben Seppel das Geld fortgenommen und es in Näschereien angelegt, ihm haben sie ein Beuteteilchen davon abgegeben und den guten Rat dazu, das Märlein vom verlorenen Gelde zu sagen. --
In dieser Nacht findet Frau Anna keine Ruhe. Sie sitzt an Trinchens Bett und hört den Atem des Kindes ein wenig unruhig gehen. Nebenan in der Kammer schlafen Ruth und Seppel tief und fest. Der Bube ist unter Tränen eingeschlafen, und als die Mutter einmal zu ihm geht, sieht sie ein Lächeln auf seinem Gesichtchen kommen und gehen, seine Schulderkenntnis ist noch nicht so tief, um ihm den Schlaf zu stören, noch spürt er nicht, wo sich die Wege senken, die in die Tiefe führen.
Frau Anna geht ruhelos zwischen Kammer und Stube einher. Trinchen schläft jetzt ganz ruhig, und sie tritt an das Fenster und sieht auf die Straße hinab.
Es hat geregnet und die Lichter spiegeln sich auf dem feuchten Pflaster. Die Fenster gleichen alle geschlossenen toten Augen, nur zwei glänzen noch hell in die Nacht hinaus. Und Frau Anna denkt, wer ist es, der dort noch wacht, vielleicht auch eine Mutter in Sorge wie ich?
Da hallen Schritte unten. Ein paar Männer reden laut, Frauenstimmen mischen sich hinein und ein häßliches kreischendes Lachen schallt auf. Dann verlieren sich Schritte und Stimmen in der Ferne, nur der häßliche Nachklang bleibt Frau Anna noch im Ohr. Und ein Grauen packt sie vor der langen dunklen Straße da unten, der großen Verführerin. Was verhüllt und verbirgt sie alles, was erblickt der Wissende und hört der Hörende, wenn er sie entlang geht? Wieviel Jugend, wieviel lachender Leichtsinn fiel ihr schon zum Opfer!
Da tönt nebenan ein leises Rufen auf und rasch tritt sie zurück und geht wieder zu ihren Kindern. Seppel sitzt aufrecht im Bett und als die Mutter in den Lichtschein der Lampe tritt, blinzelt er schlaftrunken. »Durst, Mutti«, murmelt er.
Frau Anna läßt ihn trinken. Er schluckt ein paarmal, zuletzt schon mit geschlossenen Augen, dann sinkt er zurück, greift noch tastend nach der Mutter Hand und ein ganz holdes Lächeln geht über sein Gesichtchen. Mutti! Da ist er wieder eingeschlafen und vielleicht tummelt er sich nun schon auf der allerbuntesten Traumwiese herum. Der Mutter Hand aber hält er fest, und aus dieser kleinen Hand scheint der Frau ein Kraftstrom zuzufließen. Ihr Herz schlägt ruhiger, still sitzt sie im warmen Schein der Lampe, draußen liegt die Straße im Dunkel, aber innen ist Licht und Leben. Liebes junges Leben, das ihr gehört. Wird sie es schützen können gegen die Welt draußen?
Sie lächelt tapfer. Meine Kinder, denkt sie, meine Kinder, und es ist ihr als fühle sie ihre Stärke wachsen. Riesenkraft kann eine Mutter haben.
Hansels Liebe.
Elf Tanten und vier Onkels, alle sollte Hansel lieben, und er stopfte sie auch wirklich alle in sein Herzelein hinein, so gut es ging, er spendete Patschhände und freundliche Blicke, er ließ sich auch mal küssen, doch glücklicherweise nicht allzugern. Und wenn die Tanten gar zu lange bei seiner Mutter blieben, war er höflich und öffnete die Flurtüre und rief in das Zimmer hinein: »Ich habe schon die Türe aufgemacht.«
Machte er Pläne für künftige Lebenszeiten, er schwankte, ob er Kutscher, General oder Schutzmann werden sollte, dann brachte er auch da und dort einen Onkel oder einige Tanten unter, von letzteren versprach er etlichen die Ehe und einen Onkel ernannte er schon zu seinem Trompeter, im Fall er das Generalsein erwählte.
Die Tanten waren mitunter ein bißchen eifersüchtig gegenseitig auf Hansels Liebe, obgleich der Kleine seine Gunst ziemlich gerecht verteilte und die Schokolade von Tante Anna genau so gern aß wie die von Tante Ida, sie hätten aber alle gern in seinem kleinen Herzen auf dem Sofa neben Vater und Mutter gesessen, aber der Platz gehörte für einige Zeit jemand, der gar nichts davon ahnte.
Am eifersüchtigsten warb Tante Ida um Hansels Liebe; mit süßen Gaben, mit Spaß und Neckerei suchte sie das kleine Herz an sich zu fesseln, es gehörte ihr auch, bis die seltsame Nebenbuhlerin kam.
Ein Vorfrühlingstag war es. Ein rauhes Lüftlein wehte, und Tante Ida strebte mit Hansel heimwärts, sie fand, es sei Zeit, und sie war der Ansicht, ihr Tantenamt gut erfüllt zu haben. Eine Trillerpfeife -- seine höchste Sehnsucht zur Zeit -- steckte in seiner Tasche, ein Küchlein ruhte auf dem Grunde seines Magens, und immer hatte Tante Ida vorsichtig die Sonnenseite aufgesucht.
Und auf einmal walzte sie daher: »Hansels Liebe«.
Die Straße zitterte und dröhnte, schwarz, ungeheuer, fauchend kam sie angekeucht, die Dampfwalze.
Hansel stand wie angewurzelt.
»Komm«, mahnte die Tante, »komm!«
Hansel rührte sich nicht. Seine Augen ruhten unverwandt auf ihr, der Herrlichen. Was war selbst die Elektrische gegen sie!
Die Tante bat und mahnte, es half alles nichts. Hansel rührte sich nicht von der Stelle. Endlich rief die Tante, der es kühl um die Ohren wehte, ärgerlich: »Ich glaube wirklich, Hansel, du hast die Dampfwalze lieber als mich.«
Und Hansel drehte sich um, sah die Tante liebenswürdig mit seinen strahlenden Braunaugen an und sagte tröstend: »Nur ein bißchen, Tante.« Vergessen waren alle Liebesbeweise, die Dampfwalze hatte gesiegt.
Wer kennt sich aus in einem Kinderherzen!
Hansel, der inzwischen ein Hans geworden ist, will Ingenieur werden. Wenn er das Dröhnen und Rasseln der Maschinen hört, wenn die Bahnen sausen, die Kraftwagen surren, wenn er den gewaltigen Rhythmus der Arbeit spürt, dann zuckt sein Herz in tiefer Freude, weil er ein Mitschaffender sein kann, und er lauscht dem Zusammenklingen der vielen Stimmen so hingegeben wie damals, als er die Dampfwalze erblickte.
Die Fahrt nach Schönblick.
Einmal, so um die Sommerferienzeit, sagte der neunjährige Hellmut beim Mittagessen: »Kirchners verreisen; Max sagt, er kann dann auf 'nem richtigen Schiff fahren, immer, alle Tage.«
Die zehnjährige Else bekommt unruhige, erwartungsvolle Augen, und Sehnsucht schwingt in ihrer Stimme, als sie erzählt: »Bei uns in der Klasse reisen fast alle.«
In dem blassen Gesicht der Mutter zuckt es, sie sieht an ihrem Mann vorbei; denn sie weiß genau, der denkt jetzt: Könnte ich doch mit euch auch eine Ferienreise machen, einmal ein paar Wochen lang im Walde leben. Im Wald, den er so liebt, er, der Förstersohn.
Wenn nur nicht alles so teuer wäre, wenn man nur einmal etwas sorgloser dem Tage leben könnte!
Weil die Eltern schweigen, verebbt das Gespräch.
Den beiden Kleinen, die mit ihren fünf und drei Jahren ohnehin noch keine Reisesehnsucht kennen, ist es gleich, ob eine oder zehn Klassen reisen, und Ferdel schwatzt lustig dazwischen, und die sinnige Marie freut sich an den bunten Flecken, die hinter einem geschliffenen Glas auf dem weißen Tischtuch glitzern.
Die Tage eilen, die Ferien sind nahe.
Bei Hahns werden keine Reisepläne geschmiedet. Bis eines Tages doch die Reisefreude in das Zimmer tritt und Gastrecht erhält. Else und Hellmut erhalten eine Einladung von Vaters Schwester, sie zu besuchen. Die Tante lebt in einem Nest am Thüringer Wald, einem Städtchen, das beinahe in einer Spielzeugschachtel Platz hat, so klein ist es. Und klein ist auch der Tante Häuschen, winzig ihr Geldbeutel, doch groß ihre warme Güte. Sie hat die Sehnsucht in der Schwägerin Brief verstanden und gedacht: zwei bring' ich zur Not unter und durch; wenn es doch alle sein könnten! Die zwei, die kommen dürfen, sind selig. Sie fahren am ersten Ferientag zur Stadt hinaus. Strahlender als mancher, der eine Weltreise macht und denkt, wenn sie nur recht viel Geld kosten möchte, damit ich etwas los werde, sitzen sie in der vierten Klasse. Sechs Stunden Fahrt, vier Wochen Ferien, was sind alle Freuden der Welt dagegen!
»Und wir reisen auch«, sagt der Vater, als er mit seiner Frau vom Bahnhof aus heimkehrt. »Nächsten Mittwoch früh bis nach -- Schönblick.«
Ach du lieber Himmel, diese weite Reise!
Drei Haltestellen weit liegt Schönblick am Rand eines Kiefernwaldes. Sandweg bis hin, karg die Natur, äußerste Bescheidenheit gab ihm den Namen. Doch als Frau Marie, trotz des heiteren Tons, den Kummer in ihres Mannes Augen sieht, ihr nur so eine dürftige Freude bieten zu können, lächelt sie tapfer und sagt ganz heiter: »Ich freu' mich darauf.«
Den Zwang zur Freude haben die kleine Marie und Ferdel nicht nötig. Sie jauchzen laut, denn die Geschwister haben so viel von ihrer Reise erzählt, daß nun auch in ihnen die Lust erwacht ist, zu reisen, und Ferdel schreit wieder: »Will mit der Puffpuffbahn fahren.« Und flink rutscht er Stühle zusammen, Marie muß einsteigen, ihre Puppenkinder dazu, ein Sofakissen wird freundlich zur Mitfahrt eingeladen, und fort geht die Reise.
»Wohin?« -- »Schönblick.«
»Und weiter?« -- »Balin!«
»Noch weiter!« -- »Auf'n Mond. Puff, puff, puff!«
Abends im Bettchen wird die Reise fortgesetzt. Ferdel fährt ins Traumland hinein und murmelt schon halb im Schlafe: »Puffpuff, mußt einsteigen, Mie!«
Sie brauchen gar keine Reise; ihre Phantasie trägt sie ja noch in goldene Wunderländer, denkt Frau Marie wehmütig. Ihr fehlt jede Lust zur Fahrt, aber sie muß daran denken, denn der Kinder Fragen umschwirren sie gleich am nächsten Morgen.
»Mutti, wann reisen wir?« -- »Mittwoch!«
»Wann ist Mittwoch?« -- »Noch dreimal müßt ihr schlafen gehen!«
»Und dann?« -- »Dann ist Mittwoch und wir reisen.«
»Sechs Stunden, Mutti?« -- »Nein, dreiviertel Stunden!«
»Ach, so lange.«
»Mutti, was zieh ich an?« »Mutti, darf ich meine Trommel mitnehmen?« »Mutti, darf Lotte mit?« Lotte ist das liebste Puppenkind. »Mutti, kommt der Hansi mit?« Hansi zwitschert im Bauer, als hätte er wirklich Reisesehnsucht. »Mutti, darf ich Blumen suchen?« »Mutti, kann ich auf der Lomotive sitzen? Ganz vorn, ja, Mutti?«
Es nahm kein Ende mit den Fragen, hunderterlei Dinge fielen den Kindern ein, nur an das schöne Reisewetter dachten sie nicht, das erschien ihnen selbstverständlich.
Und ihr froher Glaube, daß nichts die Reise nach Schönblick stören könnte, wurde nicht getäuscht. Ein Tag voll Sonne brach an, und als die vier Reisenden am Mittwochmorgen zeitig nach der Bahn wanderten, kam es Frau Marie wirklich vor, als wären sie im Begriff, eine große Reise zu tun.
»Laß alle Sorgen hinter dir,« bat der Mann herzlich, »wir wollen froh sein.«
In Schönblick im Kiefernforst!
Frau Marie schwieg. Sie überließ es dem Vater, die vielen Fragen zu beantworten, ließ ihn Ferdel trösten, der durchaus auf der Lokomotive sitzen und pfeifen wollte, ihr Blick ging zum Fenster hin. Großstadtbilder, lange Straßen, hohe Häuser, große, aufdringliche Geschäftsanzeigen daran, ein paar Bauplätze, ein Gartenwinkel und wieder Straßen, Häuser und Fabriken; nun mehr Gärten, Eigenhäuser, ein Stück Wald, wieder Häuser, und zuletzt die weite, stille Ebene. Flachland, durch das ein Flüßlein rann. Da waren sie am Ziel. Der Kiefernwald stand dunkel gegen den Himmel, der wie blaue Seide glänzte, mit goldenen Fäden darin. Es stiegen nur wenige Menschen auf der Haltestelle aus, keine Überfüllung wie an Sonntagen, und den Weg zum Walde hin wanderte niemand.
Des Kornes goldene Breiten wogten, und das erste, was die Kinder erblickten, waren ein paar Kornblumen. Mit einem Jubelschrei lief Marie zu ihnen hin. Ferdel aber blieb wie festgenagelt mitten auf dem Wege stehen, starrte mit großen Augen erschrocken auf etwas, das sich langsam bewegte -- ein Regenwurm.
Er hatte noch nie einen gesehen.
Wäre ein Löwe dahergekommen, groß und stattlich, er hätte ihm vielleicht zutraulich entgegengeblickt, der Regenwurm flößte ihm unsägliche Angst ein, und erst, als er an der Mutter Hand ein Stücklein dem Tier entronnen war, atmete er auf, befreite sich und sah sich nach neuen Abenteuern um.
Marie hatte auch etwas entdeckt, sie hatte eine Schnecke gefunden, die saß in ihrem gelben Häuschen und kümmerte sich wenig darum, daß zwei Menschlein sie sehen wollten, sie kam erst wieder aus ihrem Haus, als der Vater sie auf ein Wegebreitblatt setzte und alle still von ferne standen, da streckte sie sacht ihre feinen, kleinen Fühlhörner aus.
Ein Wunder schien den Kindern dies einsame kleine Leben, sie konnten sich nicht davon trennen, bis ein paar Schmetterlinge an ihnen vorbei über den Weg flatterten. Die langsame Schnecke hatte sie zum stillen Zuschauen gezwungen, der Schmetterlinge leicht beschwingtes Gaukeln erweckte ihre Unruhe. Sie rannten den bunten Faltern nach, sahen andere, wollten sie greifen, bis Marie auf dem Wege ein neues Wunder erblickte.
Ein Käferlein kroch da, schwerfällig, stahlschimmernd. Mistkäfer wird er genannt, Marie fand ihn süß.
Der Vater lachte über ihr Entzücken und er streifte von einem Halm einen anderen Käfer, grüngolden schimmerte der und Marie ließ den Mistkäfer seines Weges ziehen, ihr kleines Herz wandte sich flink dem zu, der glänzte.
Der Weg zum Walde war nicht weit, und doch brauchten die Wanderer lange dazu, denn die Kinder erlebten auf der kurzen Strecke so viel, daß der Vater meinte, am Ende des Tages würde es sein, als hätten sie eine Weltumseglung hinter sich. Und dann tat sich ihnen der Wald auf. Es war der karge Wald der sandigen Ebene. Kiefern, dazwischen mal ein heller Birkenstreif, die Blumen blühten spärlich, und ein kleiner dunkler See im Walde war seine größte Schönheit. Aber Marie und Ferdel waren nicht verwöhnt, die waren noch nie in einem richtigen Wald gewesen, und sie betraten den bescheidenen Forst, als läge in ihm das goldene Wunderschloß der Märchenkönigin.
Ferdels Mund stand nicht still. Das ewige »Warum« nach dem Ursprung aller Dinge, das dem Erwachsenen oft noch an der Grenze des Lebens auf den Lippen brennt, wandelte sich bei ihm zu einem »Weilrum«.
»Weilrum Mutti sind die Bäume so groß? Vati, weilrum heißt es Wald?« Und weilrum, weilrum immerzu.
Marie ging still versonnen einher, sah zu den Bäumen empor und ungeheuer erschienen ihr die dünnstämmigen Kiefern, deren Kronen im goldenen Licht des Sommertages standen. Scheu, beklommen fragte sie endlich leise: »Mutti, wer hat die Bäume gemacht?«
»Der liebe Gott!«
Da schlossen sich sacht die kleinen Hände zusammen und tief aus dankerfülltem Herzlein heraus klang es. »Lieber Gott, dankeschön, daß du die feinen Bäume gemacht hast.« Und ehe noch die Mutter nach dem Sinn des Dankes, der dem Schatten galt nach dem sonnenheißen Zuweg, fragen konnte, kam schon wieder eine Frage: »Mutti, geht der liebe Gott oft im Walde spazieren?«
Der Antwort auf diese schwere Frage wurde Frau Marie enthoben, ihr Mann sagte mahnend: »Seid still, ganz still, dort kommen Rehe.«
Drei waren es, die schlank und zierlich daherkamen, ein paar dürre Zweige knackten, die Rehe schritten ganz langsam, doch plötzlich stutzten sie, sie hatten der Menschen Nähe gespürt, eine Sekunde nur, dann rasten sie davon und verschwanden im Walde.
Den Kindern war's wie ein Märchen. Marie hielt den Atem an, sie zitterte vor Erregung, Ferdel jedoch tat sein Mäulchen weit auf und schrie: »Dabeiben, Rehe dabeiben!« Doch sein Stimmlein verhallte, die Rehe hatten kein Ohr dafür, und so sehr auch Ferdel eilte, er kam ihnen nicht nach.
Es wurde nun heller im Walde, ein paar Minuten noch und die Wanderer standen auf einer kleinen Lichtung, ein abgeholztes Stück, auf dem sich Buschwerk und Blumen angesiedelt hatten, hier summten wieder die Insekten und flatterten die Schmetterlinge.
»Hier wollen wir rasten,« sagte der Vater, »wir sitzen im Schatten und haben vor uns das Licht. Das ist gut!«