Part 1
Deutsche Elternbücherei
Herausgegeben von Dr. Johannes Prüfer
Heft 40
Die Welt im Kinderköpfchen
Von
Josephine Siebe
Verlag und Druck von B. G. Teubner · Leipzig · Berlin 1919
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
Frau Dr. Henriette Goldschmidt
in verehrender Liebe zugeeignet
Inhalt.
Seite Erste Schritte 3
Aus dem Tagebuch einer Mutter 6
Peters Reise in die weite Welt 8
Die große Verführerin 12
Hansels Liebe 17
Die Fahrt nach Schönblick 19
Pusteblumen 25
Der Brief an den lieben Gott 28
Ein Schlüssel zum Himmel 32
Einleitung.
Wenn das Kind im Märchen hört, »er ging bis an das Ende der Welt«, so scheint ihm das Ziel nicht weiter erstaunlich und der Weg für einen Märchenprinzen schon ergehbar. Denn hinter Stadt, Dorf und Wald, ja vielleicht schon hinter dem Gartenzaun liegt für das kleine Kind in seiner Phantasie das Ende der Welt; nahe und doch unendlich weit, weil seinem Welterkennen immer Neues entgegentritt, mit dem es sich erst auseinandersetzen muß. Der Forschungsreisende, der nach langer Fahrt unbekanntes Land erblickt, erlebt im Grunde nichts Wunderbareres als das kleine Kind, das zum ersten Male eine Straße entlang geht, einen Garten betritt, dem sich eine bisher unbetretene Stube, eine Bodenkammer öffnet. Tut das Kind allein seine ersten Schritte und geht etwa bis zu einem Stuhl, so ist ihm der Stuhl im Augenblick Weltgrenze und Ziel. Doch weitet sich für das Kind rasch der Weltbegriff. Hinter dem Stuhl liegt die Türe, der Flur kommt, die Treppe, das Haus tut sich auf und Straße, Hof und Garten dehnen sich vor ihm, neue Gegenstände, neue Menschen treten in den Umkreis seines Blickes und jedes Wort, das es hört, jede Blume, jedes Insekt, ein Kieselstein, ein Schneckenhaus, eine Regenlache und alles was geht, kommt und fährt erweitern des Kindes Weltbild, erweitern es heute namentlich bei dem Großstadtkind mit beängstigender Schnelligkeit; doch auch das Kleinstadtkind, ja selbst das vom Lande, wenn es nicht in völlig abgelegener Gegend wohnt, lernt im Maschinenzeitalter die Welt ungleich rascher kennen als die Kinder früherer Zeiten.
Zum sinnlichen Welterfassen tritt frühe auch das Streben, sich mit Gott auseinanderzusetzen; freilich, der Himmel, der sich über uns wölbt mit Sonne, Mond und Sternen, erscheint dem Kinde greifbar nahe, und wie es oftmals begehrt, die lieben kleinen Sterne in seine Händchen zu nehmen, es den Mond verlangt und die Sonnenstrahlen fangen will, so nahe, menschlich nahe scheint ihm der liebe Gott zu sein. Der ist ihm meist der gute alte Mann, der irgendwo hinter der blauen Himmelswand sitzt, mit dem es sich abends in seinem Bettchen aussprechen kann, ja mit dem es gelegentlich auch etwas schilt wie jenes kleine Mädchen, das bei einem plötzlichen Regenguß auf die frisch geputzten Fenster weisend, mit erhobenem Fingerlein mahnte: »Na warte nur, lieber Gott, wenn das die Mama sieht.«
Der Erwachsene hat für diesen kindlichen Gottesbegriff leider oft nur ein Lächeln, wie er manchmal auch nur ein Lächeln hat für die tausendfachen Fragen der Kinder nach dem Wesen aller Dinge, für das drängende, flehende, nie verstummende Warum und doch wollen die Kleinen vom ersten Schritt in die unendliche Welt hinaus, auch wenn diese nur der nächste Stuhl ist, ernst genommen werden, verstanden sein von den großen Leuten. So ernst wie der Gelehrte, der am heiligen Born der Weisheit lauschend grübelt, oder der Forscher, der in nimmersatter Sehnsucht die Welt umschifft. Nur wenn wir versuchen, des Kindes Gedanken nachzudenken, wenn wir im Verkehr mit dem Kinde gleichsam noch einmal schon zurückgelegte Wege wiedergehen, uns des eigenen Werdens bewußt werden, dann kann es uns gelingen, einem Kinde gerecht zu werden. Wir müssen wieder mit Kindergedanken denken lernen, damit wir anscheinende Torheiten, Unsinn, ja schlimme Fehler als Entwicklungsstufen richtig werten können.
In den nachfolgenden Bildern aus dem Kleinkinderleben ist versucht worden, das vielgestaltige Welterkennen des Kindes, sein Verhältnis zu seiner Umwelt, zur Natur und zu Gott in leisen Umrissen festzuhalten. Nicht als Geschichtchen aus Kindermund etwa möchten diese kleinen Schattenbilder angesehen werden, sondern als ein Beitrag zu dem großen Kapitel »Eltern und Kinder«, dem die vorliegende Elternbücherei in allen ihren Erscheinungen dienen will.
Erste Schritte.
»Unser Traudchen lernt leider so schwer laufen.«
Die junge Mutter sagte dies immer ein wenig bedrückt, denn von einem Erstling verlangt doch die ganze liebe Sippe ein linschen Wunderkindtum; wenn es da mit dem Sprechen und Laufen nicht so flink gehen will, wenn Kleinchen nicht Spuren ganz ungewöhnlicher Fassungsgabe zeigt oder bedeutende Talente verrät, dann ist das für junge Eltern, namentlich wenn der Verwandtenkreis groß ist, immerhin peinlich. Und Traudchen war zwar rund und rosig, es lachte, versuchte sich auch mit wundersamen Lauten in der Redekunst, aber der kleine Ernst von Tante Elli konnte doch alles schon viel besser, und Maiers Lotte erst, die nur um zwei Tage älter als Traudchen war, erstaunlich, was die alles leistete!
Überhaupt Maiers Kinder! Gegen die kam so leicht kein Kind auf, und Frau Maier füllte ihre Besuchsstunden damit aus zu erzählen, was ihre Kinder alles sagten, taten, meinten und vermutlich fühlten und dachten.
Vielleicht achte ich doch nicht genug auf mein Kind, dachte Frau Irma wohl, wenn sie von der fabelhaften Entwicklung der Maierschen Kinder hörte. Und sie versuchte mit Bitten und sanfter Gewalt das schwerfällige Kind zum Laufen zu bringen. Traudchen tat dann auch ein paar schwankende ängstliche Schritte an der Mutter Hand, doch sobald diese losließ, gab es ein Zetergeschrei, und meist fiel Traudchen einfach hin, heulte und rutschte heulend zu ihrem Spielteppich zurück. Alle Künste versagten. Selbst der Vater, der einmal tatkräftig eingriff und der schwächlichen Muttererziehung nachhelfen wollte, erreichte nichts, ja Frau Irma und Minna, das Mädchen für alles, riefen, so jämmerlich habe Traudchen noch nie geschrien.
Der Arzt erklärte Traudchen dabei für ein völlig normales gesundes Kind, er riet zur Geduld und redete lächelnd von Erstlingssorgen. Ach Geduld, wenn man sein Kindchen doch etwas bewundert sehen möchte und heimlich, trotz aller Versicherungen des Arztes, doch die Angst im Herzen trägt, vielleicht ist das Kindchen nicht ganz gesund, vielleicht bleibt es zurück im Wachstum an Körper und Geist.
Was man für Sorgen hat um so ein Kindchen!
»Man muß es mit Lockmitteln versuchen«, erklärte der Vater. Und er ging hin und kaufte als erstes Lockmittel einen bunten Hampelmann, nach dem Traudchen kreischend griff. Zwei Minuten durfte es damit spielen, dann wurde der Hampelmann an der Tür befestigt und der Vater rief: »Komm Traudchen, komm, sieh Hampelmann!«
»Dada!« Traudchen griff mit den Händchen in die Luft, stellte sich mit Hilfe der Mutter auf ihre Beinchen, doch als die losließ, gab es das übliche Zetergeschrei. Plumps! saß Traudchen und darüber vergaß es den Hampelmann.
Am nächsten Tag versuchte der Vater es mit einem schwingenden Ball, den löste ein Holzpapagei ab, ein schnurrender Blechhahn folgte und jedesmal gab es den gleichen Verlauf. Traudchen freute sich, griff danach, versuchte auch das Gehen, schrie und versuchte schließlich kriechend ihr Ziel zu erreichen.
Und immer wieder die Frage: »Kann Traudchen noch nicht laufen?« -- »Nein, immer noch nicht!«
Eines Tages kam Frau Maier, die Mutter der vortrefflichen Kinder, sie kam von einem Einkaufsgang, und da sie sich nicht allein als besondere Mutter, sondern auch als besondere Hausfrau fühlte, kaufte sie immer besonders billig, und nachdem sie ihr Erstaunen über Traudchens Nichtlaufenkönnen wortreich geäußert hatte, fing sie an, ihre Einkäufe zu zeigen. Sie hatte im Warenhaus allerlei Tand erstanden, für den sie Bewunderung heischte. Darunter war auch ein kleiner feuerroter Milchtopf, der bei dem Auskramen seine Umhüllung verlor, Frau Maier stellte ihn etwas achtlos neben sich auf einen Hocker und vergaß ihn über den vielerlei weisen Reden, die zu halten sie sich verpflichtet fühlte.
Da stand das Töpfchen und die Sonne blinkerte auf ihm herum, vielleicht weil sie nichts anderes zu tun hatte. Denn ein besonderes schönes Töpfchen war das kleine feuerrote Jahrmarktdings gerade nicht, keins, das auf Ausstellungen oder in einen Glasschrank gehört, aber dem Traudchen gefiel es. »Dada!« jauchzte es und patschte in die Hände.
Dada hatte vielerlei Bedeutung. Die Mutter sah auf, doch da Traudchen ganz vergnügt an einem Stuhlbein herumkletterte und Frau Maier kein Päuslein in ihrem Redefluß eintreten ließ, achtete sie nicht weiter auf die Kleine.
»Dada!« Traudchens Hände griffen in die Luft und ihre Blicke hingen wie gebannt an dem roten Töpfchen. Wenn's nur nicht so weit gewesen wäre!
Traudchen stand auf einmal auf seinen zwei Beinchen und niemand sah es. Und die Kleine vergaß das haltgebende Stuhlbein, ihr Eifer, zu dem roten seltsamen Dings zu gelangen, war zu groß. Ein Schrittchen tat es in die grenzenlose Weite der Stube hinein, noch einen. »Mein Gott, sehen Sie!« Frau Irma ließ Frau Maier nicht Zeit, das notwendige Gewürz unter den Kuchen zu mischen, dessen geheimnisvolle Zubereitung sie gerade verraten wollte, »sehen Sie doch, unser Traudchen läuft. Fritz, Fritz, Minna kommt schnell herein, Traudchen läuft!«
Doch ehe die Gerufenen anlangten, hatte Traudchen schon ihr Ziel erreicht und -- es klirrte, platsch lag das rote Töpfchen auf dem Boden.
»Dada!« Traudchen sah sich nicht ohne einen gewissen Stolz über das vollbrachte Werk um. »Dada«, sie griff nach einem geheimnisvollen Päckchen, was Frau Maier auch auf den Hocker gelegt hatte, doch die kam ihr zuvor und mit dem entrüsteten Ruf: »mein schönes Milchkännchen«, entriß sie Traudchen den neuen Raub.
»Traudchen läuft, da vom Stuhl bis hierher ist sie gelaufen!« Der Vater und Minna bekamen beide das Wunder verkündet und Traudchen platschte mit ihren Händchen auf den Hocker und kreischte vor Lust.
Frau Maier lächelte sauersüß. Nein, so hatte sie sich mit ihren Kindern wirklich nicht angestellt, und nicht einmal ein Wort der Entschuldigung sagten die Eltern. Sie stand auf und erklärte, sie müßte gehen.
»Ist es nicht entzückend, wie sicher das Kind gegangen ist?« Frau Irma strahlte. Sie schob mit dem Fuß ein wenig die Scherben beiseite und sagte gleichmütig: »Morgen bringe ich Ihnen einen andern Topf, liebe Frau Maier. Im Warenhaus gibt es ja noch so viele.«
Frau Maier kam gar nicht dazu, eine höfliche Abwehr zu sagen, denn der junge Vater rief eifrig, man müßte etliche von diesen Töpfen holen, denn es sei immerhin erstaunlich, warum das Kind es gerade darauf abgesehen hätte und man müßte untersuchen, ob Farbe oder Form den Anreiz gegeben hätten.
Frau Irma war das gleichgültig. Sie dachte nur: mein Kindchen läuft, Gott sei Dank, es hat keinen verborgenen Fehler.
Und nach zwei Jahren klagte die junge Mutter: »Unser Traudchen ist ein Quirl. Nicht zehn Minuten sitzt das Kind still, heute ist es wieder heimlich auf die Straße gelaufen, wenn es nur nicht so eine Range wird wie Maiers Kinder.«
Die Sorgen nehmen halt kein Ende!
Aus dem Tagebuch einer Mutter.
Wirklich, ich bin keine eingebildete Mutter. Ich finde zwar meinen Erstgeborenen über die Maßen lieblich, doch das finden andere auch, die beiden Großmütter zum Beispiel, aber ich erkenne doch an, daß es noch andere nette Kinder gibt. Wenn freilich mein kleiner Schelm so seinen blonden Kopf an meine Brust lehnt und mich mit seinen dunklen Augen anstrahlt, dann -- ja dann erscheint er mir eben wie ein kleiner Engel.
Doch ganz engelhaft ist er nicht immer. Leider. Er hat einen Dickkopf. Sein Vater sagt, den hat er von mir, ich sage, darin gleicht er ihm.
Neulich kam Tante Berta gerade dazu, als Mutter und Sohn über das Spazierengehen anderer Meinung waren. Etwas laut ging es zu. Das kann ich nicht leugnen. Das Söhnlein trampelte und schrie, die Mutter schalt und weinte. Nein, engelhaft war es wohl nicht. Doch abscheulichen Trotzkopf brauchte Tante Berta den Buben auch nicht zu nennen. Das war zu viel.
Wenn Bubi nur weniger geschrien hätte! Zum Davonlaufen war es wirklich und Tante Berta lief auch davon. Ich begleitete sie hinaus, ein bißchen heiß und aufgeregt und just da kam unsere Hausgenossin, die Hofrätin, die Treppe hinauf. Sie sah meine Tränen, hörte Tante Bertas Ermahnungen, strenger zu sein, und da klagte ich ihr meine Not.
Da strich mir die liebe alte Frau sacht über das heiße Gesicht und sagte sanft: »Ruhe und Geduld braucht es zum Muttersein. Kind, mit Heftigkeit in Strenge und Liebe richtet man wenig aus.«
»Ich würde den Bengel tüchtig verwichsen«, rief Tante Berta, die mit festem Schritt die Stiege abwärts ging.
Wer hatte nun recht?
Still kehrte ich zu meinem kleinen Unband zurück. Mit verheultem Gesichtchen saß er in seiner Ecke und knurrte: »Will nicht spazieren gehen, will nicht gehen!«
Ich schwieg. »Ruhe und Geduld« klang's in mir nach. Zwang ich ihn jetzt, begann wohl das Geschrei von neuem. Ich setzte mich also an meinen Schreibtisch und begann meine Wirtschaftsrechnung.
Auf einmal kam aus Bubis Ecke ein Seufzerlein.
Ich rechnete weiter -- wieder ein Seufzer!
Nun war er still, dann klang es zaghaft: »Mutti!«
Mein Kopf machte eine halbe Wendung. Nein noch war es nicht Zeit. Ich rechnete krampfhaft 15 und 37 sind 74 -- oh welche närrischen Summen kamen heraus!
Wieder ein Seufzerlein. Es raschelte. Trapp trapp kam's daher, und dann huschelte es sich weich und warm an mich an und flehend und ach so kläglich klang es: »Mutti -- Mutti!«
Rasch wollte ich den lieben unnützen Schelm an mich ziehen und ihn tüchtig abküssen, als mir der alten Frau Mahnung einfiel: »Mit Heftigkeit in Strenge und Liebe richtet man wenig aus.« Ich streichelte also nur linde meinen Trotzkopf und fragte gelassen: »Warum hast du denn keine Lust zum Spazierengehen?«
»Weil -- weil ich doch in der Eisenbahn saßte und weil ich doch Schaffner war und weil -- weil ich doch nach Berlin fahrte!«
Also im Spiel hatte ich ihn gestört, das war's. Herausgerissen aus seinem heiteren bunten Phantasieland hatte ich ihn.
Ich sagte ganz ernsthaft: »Schau, Bubi, nun bist du doch einmal ausgestiegen, da kannst du ja auch spazieren gehen. Wenn du heimkommst, fährst du dann weiter!« -- »Hm!«
»Marie, bringen Sie Bubis Mantel, wir gehen jetzt spazieren.«
Und er ging mit. Erst etwas mürrisch, dann so froh wie immer.
Mein -- ich muß es leider gestehen -- erster Sieg.
Doch ich hoffe mehr zu erringen. Ruhe und Geduld, ich will immer daran denken und auch daran, meinen Buben nicht zu rasch aus seinem Spiel zu reißen. Ich werde ja selbst ärgerlich, wenn man mich gedankenlos in meiner Arbeit stört, und dem Kinde ist das Spiel Arbeit, Betätigung, für die es ganz unbewußt von den Erwachsenen Verständnis fordert.
Was ist das, Bubi schreit nebenan! Ganz aufgeregt klingt seine Stimme. »Marie, Marie, Sie gehen ins Wasser.« -- »Ih nee!« brummt Marie und schlurft aus dem Zimmer.
Ich gehe hinüber. Da sitzt Bubi auf einem Kissen auf dem Fußboden und ruft mir glückselig zu: »Ich bin Schiff, Mutti, fall nicht ins Wasser!«
Nein, ich will nicht in das rinnende klare Traumwässerlein treten, auf dem er so selig dahinfährt, wie der Schiffer auf dem blauen Meer der Insel des Glücks zuschifft.
Peters Reise in die weite Welt.
Wenn ein kleiner Peter Höslein trägt mit Taschen darin und vier Jahre alt ist, dann kann er schon in die weite Welt reisen. Nur die Unvernunft der großen Leute sieht das nicht ein.
Ach, die großen Leute! Man hat es manchmal schwer mit ihnen, wenn man selbst noch nicht zu ihnen gehört. Da sagt zum Beispiel der Vater an einem schönen lichten Sommertag ganz ungewöhnlich streng: »Peterle, wenn du wieder wie gestern die Kaninchen aus dem Stall läßt, dann gibt es Haue, merke es dir!«
Peter hat heute gar nicht an die Kaninchen gedacht, aber nun läuft er schnell zum Stall, natürlich nur, um den Kaninchen ihr Schicksal zu verkünden. Er redet mit den geliebten Schnupperchens und denkt nicht daran, die kleine Stalltüre zu öffnen. Bewahre. Wenn nur das weiße Kaninchen, sein besonderer Liebling, nicht so eindringlich bitten möchte. Peter nimmt dies beharrliche Am-Gitter-Sitzen für eine sehr flehende Bitte, und er redet dem Weißling betrübt zu: »Mußt drin bleiben!«
Aber da hopst ein gelbes heran, auch ein schwarzes nähert sich, alle sehen Peter so bittend an, und auf einmal, Peter weiß selbst nicht, wie es geschehen konnte, ist das Türlein auf, und husch, husch! laufen die Kaninchen in den Garten, in den schönen gepflegten Garten.
Wer soll sie nun wieder einfangen?
Peter weiß gleich, das kann er nicht. Vorgestern hat er die Ausreißer heulend gejagt, aber keines ergriffen, und dazu fällt ihm noch des Vaters Drohung ein. Und Vater spaßt nicht.
Peter rennt durch den Garten, dahin, dorthin. Dabei kommt er an das Ausgangstor, ein Spältchen steht es auf, man kann gut hinausschlüpfen. Ausreißen, wie die Kaninchen ausgerissen sind, in die weite Welt hinauslaufen!
Peter denkt es nicht, er fühlt es nur halb unbewußt, und plötzlich steht er draußen auf der Straße. Zum erstenmal allein. Peterle ist ein wohlbehütetes Kind, immer geht er sonst nur mit den Eltern oder mit Fräulein spazieren und immer nur in den Gängen des nahen Parkes, er kennt nur die Straße, in der seines Vaters Villa liegt, und die nachbarliche, in der die Großeltern wohnen, nicht jene Straßen, in denen die Häuser dicht gedrängt stehen, himmelhoch aufgebaut. Und doch braucht man nur ein paar Schritte zu gehen, und schon läuft so eine lange Häuserzeile dahin, eine Straße voll Leben. Wagen fahren, Menschen hasten sie entlang und Kinder spielen auf ihr, immer zu jeder Tageszeit, viele, viele Kinder.
So viele Kinder hat Peter noch gar nicht gesehen. Wenn nun einer in die weite Welt reisen will und nicht fahren kann, dann muß er laufen, und Peterle läuft, ein bißchen Angst, erwischt zu werden, ist auch dabei, also rennt er trapp trapp die Straße entlang, und so eilig hat er es, daß er eine dumme Bordschwelle nicht sieht, er stolpert und pardauz! gibt es den ersten Aufenthalt auf der Reise in die weite Welt hinaus.
Wenn Peter daheim fällt, dann heult er, bis man ihn aufhebt, ihn tröstet, ihm einen Leckerbissen verspricht, und darum heult er jetzt auch, heult jämmerlich, aber -- es hebt ihn niemand auf. Nur eine dünne schrille Stimme schreit ihn an: »Biste gefall'n?«
Es ist, als ob diese Stimme den Kleinen in die Höhe zieht, er steht auf und sieht sich höchst verwundert um, da steht ein Mädel, etwas größer als er, die sieht ihn spöttisch an und fragt höhnisch: »Haste dich dreckig gemacht?«
Daß die weißen Höslein schmutzig sind, bekümmert Peter nicht weiter, denn daheim liegen noch viele saubere weiße Höslein, er sieht nur die Fragerin, wie ein Weltwunder starrt er sie an. Sie trägt ein verschlissenes Kleid, im schwarzen Wuschelkopf brennt ein rotes Bändchen und in den festen braunen Händchen hält sie eine unglaublich dicke Schnitte, deren Musbelag seine Spuren dem ganzen Gesichtchen aufgedrückt hat.
»Willste mal beißen?«
Peter ißt zu Hause nicht alles, was man ihm reicht, aber in die dicke Schnitte beißt er herzhaft hinein, und während er kaut und schluckt und auch ein Musbärtlein bekommt, sagt die Spenderin: »Ich heiße Mine, wie heiste denn?«
Peter gurgelt seinen Namen heraus, und die Freundschaft ist geschlossen. Mine pflegt schnell Freundschaften zu schließen, und weil weder Guste noch Marie, Liese, Otto, Fritze und Paul just auf der Straße sind, um mit ihr zu spielen, kommt ihr der kleine Weltreisende gerade recht. Sie fragt: »Wo kommste denn her?«
Peter weiß nicht, wo seines Vaters Haus liegt, er ahnt aber dumpf, Mine würde Verständnis haben für seine Reise in die weite Welt. Er erzählt. Nicht ganz so zungenschnell, wie Mine redet, aber die versteht ihn gut, sie nickt und antwortet beifällig: »Wenn ich Haue kriegen soll, reiß ich immer aus. Vater haut so sehr. Woll'n mer Himmel und Hölle spielen?«
Peter kennt das Spiel nicht, und Mine nennt ihn ohne viel Umstände dumm, sie sieht ihn etwas verächtlich an, aber sein weißer Anzug, seine wohlgepflegte Niedlichkeit versöhnen sie doch wieder, und sie nimmt den kleinen Ausreißer gnädig als Lehrling an. Und dann kommen Guste und Marie, Fritz und Paul gesellen sich dazu, und alle blicken halb mißtrauisch, halb verlegen den »feinen Neuen« an. Doch Mine erklärt, und das Zauberwort: »Er ist ausgerissen« befördert das Vertrauen; Peter darf mittun.
Sie spielen auf der Straße. Peter hat es noch nicht geahnt, welche wunderbaren Spiele es gibt. Himmel und Hölle ist bald abgetan, Feuerwehr wird gespielt und Schutzmann. Paul mimt zur johlenden Freude der anderen einen Betrunkenen, so wie gestern einer auf der Straße herumgetorkelt ist. Er schimpft wie der Betrunkene, stößt Worte aus, die Peter noch nie gehört hat, aber die er sich flinker merkt als die Verslein in seinen Bilderbüchern, die Fräulein ihm manchmal vorsagt. Fritz ist ein sehr schneidiger Schutzmann, die Mädels kreischen, und Peter kreischt mit. Er findet das Spiel so köstlich wie noch keins zuvor, und er vergißt darüber den Garten, die entlaufenen Kaninchen, alles; er ist draußen in der weiten, unbekannten Welt, und er genießt sein erstes Abenteuer mit vollen Zügen. --
In Peters Elternhaus ist die Sorge wach geworden.
Fräulein hat des Kleinen Verschwinden zuerst entdeckt. Sie meint, er habe sich versteckt, und sie sucht ihn, erst lässig mal seinen Namen rufend, dann besorgter, aufgeregter; sie läuft mit ihrer Angst zu den anderen Hausbewohnern und zuletzt sind alle auf der Suche nach dem Ausreißer. Sie rennen auf die Straße, fragen da und dort, niemand hat Peter gesehen, und die Mutter weint verzweifelt; sie sieht ihr Kind bereits überfahren, verschleppt, sie ruft nach ihrem Mann, nach der Polizei. Der Fernsprecher klingelt, und als die Aufregung auf das höchste gestiegen ist, erscheint Fräulein mit dem heulenden widerborstigen Peter. Er sieht schmutzig und erhitzt aus, daß er seine Weltreise so schnell aufgeben mußte, bereitet ihm offenbar wenig Vergnügen.
Mit Straßenkindern hat er gespielt. Unglaublich!
Die Mutter ist entsetzt, Fräulein ist entsetzt, und die Mädchen stellen sich an, als wäre ein goldenes Krönlein in einen tiefen Brunnen gefallen.
Der Vater lacht. Doch er ist ein Mann der Tat und vergißt nicht, sein väterliches Wort einzulösen. Diesmal hilft kein Bitten der Mutter, nicht Fräuleins Tränenströme. Vater und Sohn reden eindringlich und recht unangenehm miteinander, und zuletzt sagt der Vater stolz auf seine Erziehungskunst: »So, das Ausreißen habe ich ihm gründlich ausgetrieben.«
Nach drei Tagen ist Peter wieder verschwunden.
Diesmal ist es kein unbewußtes Hineintappen in die weite Welt mehr, heimlich und bedacht ist er entschlüpft; denn die Straße mit Mine und ihren Spielgenossen erscheint ihm lockender als der große, stille Garten; in ihm brennt die Sehnsucht, einer unter anderen zu sein. Fräulein hat die Flucht entdeckt, und sie holt ihn diesmal zurück, ohne erst das Haus zusammenzuschreien, nur der Mutter wird der neue Streich verraten, und die beiden Frauen reden eindringlich auf Peter ein; seine Sünde wird ihm wortreich vorgehalten, und als die Mutter meint, es sei genug, redet Fräulein noch weiter.
Peter schielt sie bockig an, und auf einmal sagt der wohlerzogene kleine Junge, der nach seiner Eltern Willen aufwachsen soll, behütet von allem Häßlichen, Unreinen der Welt, trotzig zu Fräulein: »Du Luder!«
So sagt Mine, und Mine ist für ihn Lust, Spiel, Lachen; sie ist ihm das bunte, wechselreiche Leben, und was Mine sagt, ist fein, hat Geltung für ihn.