Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 9

Chapter 93,857 wordsPublic domain

Der Fischer Jörgen kam mit einem Zettel -- Kaspar, der Matrose auf der Fia gewesen war und seine Frau jetzt nicht mehr zu verlassen wagte, damit sie nicht zu neuen Auslandsreisen verführt würde -- ja, dieser Kaspar kam auch mit einem Zettel; Martin vom Hügel kam, der Schreiner Mattis und der Polizei-Carlsen kamen und später alle von nah und fern; und Oliver war der, der sie unter der Tür des Lagerhauses empfing und ihre Wünsche anhörte. Wahrlich, Josef war ein großer Herr bei Pharao in Ägypten geworden.

„Ja, jetzt bist du ja ordentlich hoch hinaufgekommen,” sagte Fischer Jörgen in all seiner Gutmütigkeit.

„Ich kann nicht klagen,” gab Oliver wohl zur Antwort. „Die Vorsehung hat mich hierhergestellt und mich nicht vergessen.”

Nun übergab er Jörgen für alle Zukunft seinen Platz drunten am Bollwerk, den Platz, den Oliver den Fischmarkt nannte. „Nimm nur alles miteinander, die Kisten und den Platz, und wohl bekomm's! Du hast mir manches Gericht Fische gegeben, wenn ich elend war und nicht auf die See hinaus konnte,” fügt er noch hinzu und tut dabei gerührt. „Was mich nun anbetrifft, so hab' ich mit den Meinigen jetzt das tägliche Brot, und was weiter brauchen wir Menschen denn zum Exempel? Und deine Kinder und meine Kinder, Jörgen, sie lassen sich gut an, und der Frank geht in die höhere Schule und wird immer gelehrter, es ist ein wahres Wunder, er kann das Deutsche lesen, sobald er es nur vor Augen hat.”

Jörgen bestätigt mit einem Kopfnicken, daß auch seine eigenen Jungen und Mädel mit hoher Achtung von Frank sprechen.

„Ja, es ist ganz außerordentlich, fast wie in einem Geschichtenbuch! Er kann jede Stelle bekommen, die er nur will, er kann geradeswegs auf eine Bank, auf ein Kontor; das fehlt gar nicht. Wenn du ein klein wenig wartest, Jörgen, dann gehen wir zusammen heimwärts.”

Oliver zog ein Taschentuch heraus, rieb das Schweißleder in seinem Hut damit ab, ebenso Mehl und Staub von seinem Gesicht, er bürstete seine Schuhe und seine Kleider und ließ Jörgen warten. Er wollte wohl Jörgen gerne merken lassen, daß er nicht mehr derselbe wie früher war, daß seine neue Stelle nicht die des ersten besten sei. Dann schließt Oliver die Lagerhaustür für diesen Tag ab; sie knirscht durchdringend in den Angeln, aber das ist ein freundlicher Laut für Oliver, der abendliche Schwanengesang einer Lagerhaustür. Er steckt den schweren Schlüssel in die Tasche, und dann ist er fertig.

Sie gehen heimwärts. Jörgen trägt ruhig seine Ölkanne und hört Olivers Reden zu, die einfach und eigentlich demütig, aber voller Prahlerei sind. „So, du willst dein Haus anstreichen?”

„Ja.”

„Du bist glücklich, daß du das selbst tun kannst. Ich muß mir nun Maler nehmen, um meines anstreichen zu lassen, selbst hab' ich keine Zeit dazu.”

„Nein.”

„Aber ich kann nichts anderes sagen, es hat sich für mich recht günstig gewendet, ich kann anstreichen und aufputzen lassen, wie es gerade nötig ist. Es kostet zwar, aber da ist nichts zu machen.”

Jörgen hat etwas auf dem Herzen und sagt: „Wir müssen versuchen, unsere Jungen mehr daheim zu halten.”

„Die Jungen? Warum?”

„Gestern abend sind sie wieder draußen gewesen. Ich bin manchmal recht in Sorge um sie.”

„Um den Eduard und den Abel? Nein, Jörgen, das ist nicht nötig,” erwidert Oliver und fühlt sich überlegen. „Diesen Burschen geschieht nichts.”

„Sie kommen manchmal so sehr spät heim. Ich wünschte, du gäbest ihnen das Boot nicht.”

„Laß doch die Jungen!” sagt Oliver. „Als ich im Ausland fuhr und in allen Städten der Welt war, hab' ich überall kleine Jungen gesehen, die in einem Boot draußen waren. Du solltest auf den großen Ozean kommen, da springen sie vom Boot aus ins Wasser und schwimmen wie die Aale.”

„Aber dann lernen sie ihre Schulaufgaben nicht.”

Die beiden Väter besprechen die Sache verständig nach beiden Seiten hin, und Oliver ist überdies der erfahrenere von den beiden und ein Weltumsegler; Jörgen kann ihn wohl anhören. Aber plötzlich sagt Jörgen: „Ja, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie Fische stehlen.”

„Na,” sagt Oliver. Darauf kommt ihm wohl der Gedanke, daß Diebstahl unvereinbar mit seiner neuen Stellung sei, und er bleibt jählings stehen. „_Stehlen_ sie Fische?” fragt er.

„Nicht von den meinen, aber Martin auf dem Hügel klagt über sie.”

„Jetzt werd' ich mit den Jungen reden!” erklärt Oliver. „Jawohl, und dann soll auch ordentlich mit ihnen geredet werden.”

Diese beiden, der Fischer Jörgen und Oliver haben im Lauf der Jahre manches Gespräch miteinander geführt, und sie waren immer ohne einen Gruß und Gute Nacht auseinandergegangen; aber an diesem Abend sagt Oliver: „Willst du nicht bei uns hereinsehen?”

Jörgen ist langsam und als Geist betrachtet nicht schlagfertig: Was meinte denn der Nachbar, der Mann vom Lagerhaus?

„Ich weiß nicht, ob Petra vielleicht eine Tasse Kaffee und etwas Backwerk hat; wir könnten es ja probieren.”

„Nein, ich danke, aber es ist für heut' abend zu spät,” erwidert Jörgen auf diese Großtuerei.

„Na, ja ja. Nun, dann grüß daheim!”

So etwas hatte Jörgen noch nie gehört: daheim grüßen!

Als er heimkam, mußte er seiner Frau sein Erlebnis erzählen, und Lydia, die Kluge, war nicht faul, alles zu durchschauen. „Sie werden verrückt,” sagt sie. „Dies wäre ja einerlei, den Kaffee bezahlen sie wohl nicht mehr teuer, wenn sie ihn im Lagerhaus finden können; aber Backwaren! Und jetzt ist Petra selbst beim Schulvorsteher gewesen und hat gefragt, ob ihr Frank nicht Pfarrer werden sollte.”

Die tüchtige Lydia, sie war nicht ganz frei von Neid. Na, Petra hatte wahrlich Grund, stolz zu sein -- es müßten nur die vielen braunäugigen Kinder sein, haha! Nein, das war wahrlich nicht der Mühe wert! Den grauen Mantel, den sie bekam, ehe sie verheiratet war, den konnte sie jetzt nicht mehr tragen, was man auch nicht erwarten konnte; aber eine verheiratete Frau sollte nicht wieder einen hellen rotbraunen Mantel haben, den sie eben jetzt von Frau Johnsen geschenkt bekommen hatte, das schickte sich nicht, sie machte sich ja lächerlich damit.

Arme Petra, alle waren hinter ihr her, sie war eigentlich ein unglückliches Geschöpf, ein angebundenes Stück Vieh, das die Fessel toll macht. Das schlimmste aber für sie selbst und für andere war, daß sie so ungenügsam und so unzufriedenen Sinnes war. Sie hatte nun ihr Heim und ihr Auskommen, hatte Mann und Kinder, da hatte sie sich doch nicht so schlecht gebettet, oder wie? War sie mehr wert? Hatte sie nicht alle Ursache, mit einem Manne wie Oliver, der zum Vorstand von Konsul Johnsens Lagerhaus emporgestiegen war, glücklich zu sein? --

Oliver tritt in seine Stube und hängt den mächtigen Schlüssel an seinen Nagel am Fensterpfosten. Er hat selbst das Kleingeld für die Kuchen, die beim Bäcker geholt werden sollen, hergegeben; jetzt kommen sie auch auf den Tisch, jawohl, aber nicht viele, nicht ein Haufen für ihn, der der Versorger ist, außerdem benimmt sich Petra nicht im geringsten höflich, sondern legt die Kuchen auf den bloßen Tisch. Um ihr eine Lehre zu geben, nimmt Oliver seine Obertasse weg und legt die Kuchen auf die Untertasse, dann schaut er auf. Aber Petra ist nun verdrießlich und sagt: „Ich wußte nicht, daß du in Gesellschaft bist.” Oliver ist sich seiner Würde bewußt, streiten tut er nicht, wenn er es vermeiden kann; so gibt er den beiden kleinen Mädelchen jedem einen Kuchen, dann hat er noch einen für sich. Jawohl, Oliver ist naschhaft wie ein Frauenzimmer, er genießt sein süßes Kuchenbrot mit Behagen und trinkt Kaffee dazu, danach macht er sich zum Abendbrot tapfer an den Brotlaib und die Margarine.

„Was hatte denn Jörgen in der großen Blechkanne?” fragt Petra.

„Maleröl.”

„Was, will er anstreichen?”

„Das ist wohl seine Absicht.”

„Ja, manche Leute können anstreichen lassen und es hübsch bei sich machen!” sagt Petra.

Von Olivers Seite Schweigen. Kurz nachher nimmt sie wieder das Wort. „Der Mattis, der ist nun obenauf, er hat einen roten Briefkasten an seinem Haus.”

„Woher weißt du das?” fragt Oliver.

„Woher ich es weiß? Ich ging da vorbei, und da sah ich's.”

„Was hattest du in der Gegend zu tun?”

Petra spottet: „Ich werde dich wohl um Erlaubnis fragen, ob ich vor meine Haustür hinausgehen darf!”

„Warum hast du denn den Mattis nicht genommen?” fragt Oliver. „Dann hättest du ja jetzt einen roten Briefkasten.”

Von Petras Seite Schweigen.

Die Sache aber war die: jetzt war Oliver gut und dankbar gegen die Vorsehung für das Große, was er erreicht hatte, er philosophierte nicht mehr gottlos über sein Unglück und meinte, es sei Sünde und Schande, wenn andere es taten, der jetzige Oliver war geradezu ein glücklicher Mensch. Aber der Schreiner Mattis, der war gleichsam das Gift in seiner Freude, und wenn dieser Mann aus der Welt draußen wäre, zum Beispiel mitten in der äußersten Finsternis, das wäre ein Glück! Hoho, wie komisch geistesschwach war doch Oliver, er sah den Schreiner im Zusammenhang mit seinem blauäugigen Mädelchen, wart' nur, er würde schon ordentlich aufpassen, wenn das Kind eine Pferdenase bekommen sollte!

Eigentlich war an dem Schreiner Mattis nichts auszusetzen, er stand nicht im Geruch, hinauszuschlagen. Dieser solide Mann, der jetzt Haus und Werkstatt hatte und mit einem Gesellen und Lehrling schaffte, „veränderte” sich nicht, er hatte keine Frau, war vollständiger Junggeselle. Es war, als hätte er zu sich selbst gesagt: „Nein, ich danke, ich hab' einmal eine lange Nase bekommen, diese Nase braucht nicht noch länger zu werden, das steht fest.” Jetzt hatte er Maren Salt als Haushälterin, und sie war wohl über vierzig und würde ihn nicht in Versuchung führen. Da stand er nun jahraus, jahrein in seiner Werkstatt, sägte und hobelte und hatte heruntergezogene Mundwinkel, sah auch mit der Zeit immer trauriger und einfältiger aus, aber er tat seine Arbeit.

Aber gerade das, daß Mattis sich nicht verheiratete, machte ihn in Olivers Augen verdächtig. Was hatte der Mann im Sinn, schlich er hinter Petra her? So oft des Schreiners Name genannt wurde, bekam Oliver einen Rückfall seiner Eifersucht.

„Kannst du mir sagen, was ein Briefkasten am Haus für ein Staat sein soll?” fragte er.

„Nun ja, es ist ein kleiner Schmuck und eine Aufmunterung. Nicht jedermann hat einen Briefkasten an seinem Haus.”

„O, ich, der weit in der Welt draußen gewesen ist, ich hab' vergoldete Briefkästen gesehen!”

„Vergoldete?”

„Ja, von oben bis unten vergoldet. Und mit einer Kaiserkrone darauf.”

Oje, aber Petra hatte schon tausendmal gehört, was Oliver in der Welt draußen gesehen hatte.

10

Es war gut, daß Oliver den Jungen das Boot nicht wegnahm. Hätte es einen Sinn gehabt, die Leute an ihrem Erwerb zu verhindern?

Die vier Bratfische, deretwegen es ein ehrenrühriges Gerede gegeben hatte, hatten die Jungen sehr richtig in Martins Fischkasten „gefunden”, und nun gingen sie selbst hin und gestanden es ihm. Aber sie hätten sie nur entlehnt, um ein Dutzend Bratfische aufzufüllen, die dem Doktorhause versprochen waren. Und bitte, hier sind die Fische wieder, wir bringen sie ganz von selbst, und wir werden dir ein andermal vier Stück dafür geben, Martin.

Der arme Martin wurde wahrhaftig so ehrlichen Leuten gegenüber etwas flau über seine losen Reden, er murmelte, es hätte ja nicht so sehr geeilt mit dem Zurückgeben.

„Doch,” sagten die Jungen, „hier sind die Fische, und wir danken schön für die Hilfe.”

Ja, Oliver hatte mit den Jungen geredet, wie er versprochen, das heißt, er hatte ihnen eine blanke Krone gegeben, damit sie die Sache wieder gut machen könnten. O, Oliver war nicht so dumm, er war auf seine Art gut gegen Kinder, und die Kinder liebten ihn dafür. Abel kaufte sogar manchmal Näschereien für den Vater.

Und wovon kaufte er denn? O, Abel verdiente Geld, er fischte.

Diese kleinen Jungen waren ordentlich tüchtig, sie waren ganz hingenommen von ihrem Gewerbe. Nicht Schulaufgaben und Lehrer wurden zwischen ihnen verhandelt, sondern ihr Geldbestand. Sie hatten ihre Rechnungen im Kopf: ein wenig hatten sie wohl einem Kameraden, der in einer Klemme war, vorgestreckt, ein wenig ging manchmal beim Spielen verloren, aber der Rest war da. Keiner von ihnen hatte wenig, sie hatten Silber und Scheine, aber sie hatten auch große Ausgaben. Eduard mußte für sich beständig Rauchtabak in Silberpapier halten, sonst würde er seekrank, behauptete er, und Abel war leider auch kein besserer Kerl, er hatte Auslagen für Sirupkuchen, für ein Pistol mit Zündplättchen, für Rotstifte, mit denen er auf die Hauswände schrieb. Das waren keine Kleinigkeiten; aber die Jungen waren fleißig und klebten förmlich an ihrem Boot.

Später, als die Schule sie im Ernst einfing, waren sie nicht mehr so sehr erpicht auf ihre Arbeit, es war eine Schande, wieviel Zeit und Kräfte sie auf ihre Aufgaben verwenden mußten. Sie hielten sich dafür schadlos, daß sie in der Stadt auf Erlebnisse ausgingen, und auf diese Weise gerieten sie auch in allerlei hinein. Ganz besonders hatten sie es auf zornige Gartenbesitzer abgesehen. Um freundliche Gartenbesitzer, wie den Postmeister und den Grütze-Olsen, kümmerten sie sich nicht, aber der Apotheker war ausgezeichnet. Im vorigen Jahre hatte er mit Salz nach ihnen geschossen, als sie eine Maus bis in seinen Garten hinein verfolgten, in diesem Jahr rächten sie sich dafür, sie scheuchten herzlos seine Hühner, rissen seine Flaggenschnur herunter und hielten seinen Garten vollständig frei von Obst.

Bei diesen Streichen hatten sie nun einen dritten Verschworenen bekommen, und dieser war überdies nur ein Mädchen, Klein-Lydia, eine rechte Range, aber eifrig und geschickt, besonders ein schlaues Füchslein, wenn es galt, auf dem Wachtposten zu sein und herannahende Gefahr zu melden.

Eduard war der größte von den dreien und auch am tüchtigsten im Pläne schmieden, aber Abel war leicht und mager und deshalb unentbehrlich beim Klettern und sich durch enge Löcher hindurchzuzwängen. Es kostete unendliche Mühe, herrliche schwarze Kirschen, die auf einem hohen Baum in des Apothekers Garten wuchsen, herunterzuholen, und wenn es gelingen sollte, mußte Abel auf das Dach des Nebengebäudes hinaufklettern und von da aus den Versuch machen. Es war ein später, aber mondheller Abend, alle drei waren auf ihrem Posten, Klein-Lydia steht mit spähenden Augen da, Eduard stützt die leeren Kisten, auf die Abel steigen soll, Abel selbst steigt hinauf. Es kostet Zeit, das steile Ziegeldach zu ersteigen, aber Abel klettert mit den Nägeln; als er endlich rücklings auf dem First sitzt, muß er noch ein gutes Stück nach der Seite rücken, um zu den Kirschen zu gelangen -- und als er dicht vor dem Ziel ist, räuspert sich das Füchslein leise. Klein-Lydia hat den Lichtschein gesehen, der durch eine sich öffnende Tür in der Apotheke fällt. Jawohl, so war's. Aber jetzt ist das Eichhörnchen am Ziel, und es wagt einen Augenblick zu zögern; das Füchslein räuspert sich laut -- der Apotheker steht plötzlich drunten am Hinterhaus. „Aha!” schreit er. „Komm herunter, du Satan! Nun sollst du sehen!”

Aber der Apotheker war der, der sehen mußte.

Zuerst regnete es Dachziegel auf ihn herunter, das Eichhörnchen verläßt das Dach auf der andern Seite, verfolgt von einem Steingeröll, verfolgt von Erdschollen, die hinter ihm herunterrollen. Er gelangt nicht auf die leeren Kisten, sondern fällt auf ein Staket, das ihn aufspießt, von da springt er schließlich auf die Straße hinaus, als ein geretteter, aber blutender Mann. Zu allem andern kam auch noch ein Schuß Salz durchs Staket, das drang mit Glanz durch Abels dünne Hose. Aber am schlimmsten war doch das Spottgelächter des Apothekers.

Und wie lief es ab, als die Jungen ihr ausgeliehenes Geld zurückfordern wollten?

Da hatten sie zwei Kameraden, die in Not gewesen waren, geholfen und ihnen einen anständigen Kassenkredit eröffnet, doch die Zeit verging und verging, und die Schuldner machten keine Miene, ihre Schulden zu bezahlen. Da wurden sie auf Tag und Stunde vorgeladen, eine große Versammlung fand sich ein, die Sünder ebenfalls, da sie aber sehr eingebildete Jungen waren, lächelten sie ihre Gläubiger, um sie zu ärgern, nur an. Aber Eduard und Abel hatten sich nun einmal vorgenommen, die Sache ins reine zu bringen, im Notfall mit Gewalt.

Eduard kommt zuerst daran.

Er geht direkt auf Reinert zu. Dieser ist der Sohn eines Küsters und hat moderne Kniehosen an, und die Uhrkette seines Vaters baumelt auf seiner Weste -- auf ihn geht Eduard zu, ganz ruhig, wie wenn gar nichts los wäre, ja es ist, als wolle er ihm zum Gruß die Hand reichen. Aber da verbarg Eduard bloß eine teuflische List; plötzlich stößt er mit Arm und Faust zu und fährt kopfüber auf seinen Gegner los.

Die Versammelten wagen kaum zu atmen und sehen dem Auftritt mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; die beiden wälzen sich am Boden, sie kommen wieder in die Höhe und tanzen auf dem ganzen Platze herum, sie sprühen Funken gegeneinander. Dann, in einem unseligen Augenblick, entdeckt Reinert, daß er die Uhrkette verloren hat; alle miteinander suchen sie, und Klein-Lydia, das Füchslein, findet sie im Kies.

„Gib her!” schreit Reinert. Aber Klein-Lydia hat besseren Verstand, sie läuft damit zu ihrem Bruder hin, und Eduard steckt die Kette in seine Tasche. „Aha,” sagt die Versammlung.

Hätte nun Reinert besser Zeit gehabt, dann hätte er sich vielleicht die Kette zurückerobert, aber er muß augenblicklich zum Gürtler mit ihr, um nicht mit einer zersprungenen Kette nach Hause zu kommen. „Ich bezahle!” ruft er Eduard zu; „ich wollte dich nur ein wenig reizen.” Und die Versammlung bekundet mit lauter Stimme ihren Beifall zu dieser Entscheidung.

Jetzt waren das Eichhörnchen und ein lustiger, fester Kerl, der den Spitznamen der Zeichenstift hatte, an der Reihe. Aber als Reinert, des Zeichenstifts großes Vorbild, den Walplatz verlassen mußte, war niemand mehr da, um diesem den Mut zu stählen, er sah sich verraten und verlassen, und da murmelte er: „Ich bezahl' auch.”

Auf diese Weise gab es allerlei Erlebnisse, nicht alle so einfach und ehrlich, aber alle lehrreich und je nachdem entwickelnd wirkend.

Nun kam eine Zeit, wo Abel etwas in die Höhe schoß und ordentlich heißhungrig wurde, gleichzeitig verlor er alle Arbeitslust, er war in recht frühzeitigen Flegeljahren. Das war keine gute Zeit für Abel. Als er sein bares Geld aufgebraucht hatte, konnte er sich beim Bäcker privatim keine Eßwaren mehr kaufen, da verdingte er sich beim Stadtingenieur für die Abende als Laufbursche und zum Holzspalten. In diesem Dienst bekam er großen Geschmack an verstohlenen Fahrten in den Straßen, er hängte sich nur mit ein paar Zoll seines Körpers an einen Wagen, um jeden Augenblick abspringen zu können, falls er entdeckt wurde. Er, der sich früher nie um Pferde und Fuhrwerke gekümmert hatte, hörte jetzt das Rasseln eines Wagens schon von weitem und paßte ihm eifrig auf, denn es war gar keine so leichte Kunst, im richtigen Moment auf einen Wagen zu springen.

Bei Stadtingenieurs bekam er außer etwas Lohn jeden Abend noch herrliche große Butterbrote, die ihm ordentlich aufhalfen und seine Lebensgeister stärkten. In dieser Stellung blieb er einen Monat um den andern den ganzen Winter hindurch, und in dieser Zeit traf er zwar mit Eduard noch in der Schule zusammen, erlebte aber keine weiteren Abenteuer mit ihm. Dagegen erlebte er ein Abenteuer mit Klein-Lydia: als er zwölf Jahr alt war, freite er um sie.

Er hatte ja Klein-Lydia die ganze Zeit über als ein gutes Mädchen gekannt und sich recht an sie angeschlossen; jetzt war sie überdies seit kurzem außerordentlich hübsch geworden, und er glaubte zu bemerken, daß der Küstersohn Reinert in seinen Kniehosen um sie herumschwänzelte. Da nahm sich Abel vor, rasch zu handeln.

Es ist Sonntag, sie sind drüben beim Fischer Jörgen, die Hühner laufen auf dem kleinen Hofe um sie herum, Abel und Klein-Lydia plaudern miteinander. Sie trägt ein schönes gelbes Kleid, weil es Sonntag ist, er aber ist an dem Tag angezogen wie am vorhergehenden und wie an allen andern Tagen auch, aber an so etwas denkt Abel nicht. Sie erklärt ihm gerade, sie könne nicht begreifen, daß sich Grütze-Olsens Ragna noch etwas aus Puppen mache: „Wenn ich doch meine Puppe gar nicht mehr ansehe.”

Hier dachte nun wohl Abel, wenn sie so erwachsen geworden sei, dann sei es auch hohe Zeit für ihn zum Handeln, und so legte er ihr seine Herzensfrage vor. Obgleich er nun ganz offen redete und alles Nötige sagte, verstand ihn Klein-Lydia gar nicht, sondern mußte ihn noch einmal fragen. Das war Abels schlimmster Augenblick. Nicht weil er an ihrer Antwort zweifelte, sie würde gewiß gleich ja sagen, so sehr wie sie seither im Leben verbunden waren. Aber als sie sein Anliegen noch einmal gehört hatte, runzelte sie die Stirn und sagte nein. Glatt nein!

Er sah sie forschend an, ob sie auch nüchtern sei.

Klein-Lydia dachte nach und überlegte wohl hin und her: der Freier tat ihr leid, ja wahrhaftig! Sie waren gute Freunde gewesen, und hatten sich gut gekannt, aber sich mit ihm verloben -- nein! Allerdings war er ein Junggeselle, in dieser Beziehung stand nichts im Wege, aber sich wirklich mit ihm verloben -- nein!

O die Frauen! Leider stand es so, daß er vorläufig, um eine Familie zu gründen, nichts anderes hatte, als seinen Laufdienst beim Stadtingenieur; aber er konnte ja steigen, was hinderte ihn daran, zu steigen? Und überdies sollte sie nicht übersehen, daß er mit ganz reellen Absichten vor ihr stand, Gott mochte wissen, in was sie mit dem Reinert in Kniehosen hineingeraten konnte! Aber die Frauen! „Nein!” sagte sie also und schüttelte den Kopf.

„Ja ja,” erwiderte er nur.

Da stand er wie begossen, und er war nicht einmal gefaßt genug, fortzugehen, am liebsten wäre er in den Boden versunken. Was hätte er tun sollen? Die Mütze hätte er abnehmen sollen und sich verbeugen -- mein Fräulein! Nun mußte er aber doch etwas sagen, ein paar Abschiedsworte, um so mehr, als sie wohl nicht in Grund und Boden verdorben war. „Ja ja, leb wohl!” sagte er. Und als er ihr noch für alles danken wollte, konnte er es nicht, er fühlte, daß sich sein Gesicht verzerrte; ach, und wie er Klein-Lydia bedauerte wegen all des Kummers und des Elends, dem sie mit Reinert sicher entgegenging!

Dieses Erlebnis versetzte seinem Lebensmut einen schweren Schlag. Jetzt halfen nicht einmal mehr die Butterbrote beim Stadtingenieur, er wurde mager, war verfroren und zu allem unlustig, er versteckte sich in dunkle Winkel und verzehrte sich in Mutlosigkeit und Schwermut. Das waren die schwersten Wintermonate, die er je erlebt hatte. Schule und Hausaufgaben -- ja, mit Maßen, gerade noch genügend! Fischerei -- keine Spur! Niemand, dem er sich hätte anvertrauen können, allein in der Wüste zwischen Trümmern und Leid. Und Klein-Lydia, machte sie keine Annäherungen? Hatte sie ihn so bald vergessen? Es sah so aus, sie schien ihm auszuweichen. Nichts wäre leichter für sie gewesen, als merken zu lassen, daß auch sie tiefbetrübt sei; aber nein, nie kam sie eiligst dahergelaufen und warf sich reuevoll vor ihm auf die Knie.

Er bat seinen Vater, ihn doch gleich konfirmieren und dann auf die Kriegsschule gehen zu lassen. Der Vater spottete auch nicht über sein Kind, sondern beriet sich mit ihm darüber; aber es sei noch etwas zu früh, sagte er, gar nicht so sehr viel zu früh, nur ein wenig, es müßten noch einige Monate hingehen, und einige Monate, die vergingen wie im Flug. Abel werde schon sehen! Jetzt sei es gleich Frühling, und dann dürfe er mit Vater an Ostern oder an Pfingsten eine weite Fahrt machen.

Aber Abel machte sich nichts aus einer weiten Fahrt, er saß am liebsten in einem Winkel am Land und brütete. Was für eine Verwendung hatte er nun für Meer und Boot und Eier von den Brutplätzen und für Treibholz und Abenteuer? Er war weit, weit weg von all dem, eingefangen von einer schweren Windstille, der arme kleine Kreuzer.