Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 8

Chapter 83,844 wordsPublic domain

Das war ein Zustand, die Heimat dicht vor dem Abgrund. Was war dabei, wenn sich Petra da von Hause fortschlich und sich auf die Treppe des Tanzsaales setzte, um in einer Abendstunde ein wenig selig zu träumen! Oliver, der Mann, krepierte nicht vor Scham und Not, im Gegenteil, er tat noch groß und schimpfte über den Rechtsanwalt, über den Leuteschinder, der sich einem Krüppel gegenüber nicht als Mensch zeige. Na, einerlei, wenn Oliver um das Geld für das Haus betrogen werde, dann sei er dadurch nicht mehr ruiniert als vorher; es fehlte ihm durchaus nicht an Auswegen, wenn er daheim saß und mit seiner Familie redete. Den Platz beim Leuchtturm, nein, den hatte er aufgegeben, aber wer könne ihn daran hindern, sich einen Rollwagen anzuschaffen und in den Gemeinden herumzufahren? Oder wie, wenn er in eine große Stadt führe und auf der Drehorgel spielte?

„Ja,” sagte Petra, „das solltest du nur tun!”

„So. Und wovon solltest dann du und die Familie leben?”

Ja, wovon sollten sie leben? Vielleicht konnte er so viel verdienen, daß er etwas Geld heimschickte. Aber da hatte Petra ihre Zweifel. Auch die Großmutter zweifelte daran, ja, sie sagte gerade heraus, Oliver werde wohl den ganzen Verdienst aufessen.

So wurde nichts aus der Reise des Versorgers, und der Fuß, auf dem die Familie lebte, blieb derselbe wie vorher. Aber sie lebten von einem Tag zum andern, sie lebten es auch durch, sie überlebten es.

Warum sollte es auch so schlecht gehen? Der Versorger war körperlich unvollkommen, was dann? Hannibal war einäugig, Alexander hinkte. Oliver war von guten Eigenschaften nicht ganz entblößt, was wollte man denn? Er war eigentlich friedlich von Natur, er ging nicht mit blutunterlaufenen Augen und furchtbar gebleckten Zähnen umher und wartete darauf, bis die kleinen Kinder fürs Schlachten reif wären, nein, er war freundlich gegen Kinder. Mißgestaltet? Jawohl, da war das leere Hosenbein, das so jämmerlich hin und her schlug, wenn er ging. Aber er war zum Beispiel nicht wie die Buckligen, die, wenn sie gehen, aussehen, als trügen sie sich selbst auf dem Rücken. Entblößt von guten Eigenschaften? Er trank nicht, o nein, niemals, er rauchte nicht einmal mehr Tabak, nein, in dieser Beziehung war er wie ein Frauenzimmer geworden.

Natürlich wurde es nicht ein bißchen besser, sondern eher schlimmer, als das dritte Kind kam, ein Mädelchen, das bei Nacht schrie und den müden Versorger aufweckte. Nun konnte Oliver seiner Lust zum Umherschweifen wieder nachgehen, von Hause verschwinden, in seinem Boot weit hinausfahren und tage- und nächtelang fortbleiben. Gott mochte wissen, was er da suchte und was er fand. Besonders nach einem Sturm auf dem Meere machte er diese Ausflüge, er war vielleicht so kindlich, auf ein neues, havariertes Schiff zu hoffen. Einmal fand er übrigens einen umhertreibenden Handkoffer; er enthielt nur etwas Leibwäsche, etwas weiblichen Staat, aber Oliver trug ihn heim und tat groß damit, und es fiel ihm nicht ein, an diesem Tag noch irgendwie Hand an eine Arbeit zu legen. Ein andermal fand er eine leere, aber verkorkte Paraffinkanne, ab und zu kam er mit einem Häufchen Eiderdaunen an, das er von den Nestern auf den Brutinseln geraubt hatte. Er wußte, daß dieser Flaum sehr wertvoll war, aber er wagte nicht, ihn in der Stadt zu verkaufen, er mußte ihn aufheben.

Das Ärgerliche war, daß Petra seine Fundstücke so wenig schätzte, o, sie pfiff darauf. Er konnte sich vom Bollwerk aus heimschleichen, um von niemand gesehen zu werden, mit geschwellter Brust in die Stube treten und seine Beute auf den Tisch legen. „Hier, da ist etwas zum Verwundern, bitte!” Aber Petra murrte dann: „Das ist der Verdienst von drei Tagen! Was sollen wir mit Eiderdaunen! Und was sollen wir mit einer leeren Paraffinkanne?”

Da fiel Oliver kopfüber wieder auf die Erde herunter, und er antwortete wohl: „Jetzt hast du mal wieder deinen Koller!”

Doch Petra entgegnete auffahrend. „Was hab' ich, einen Koller? Sieh die Kleine dort in der Wiege an, liegt sie etwa auf Eiderdaunen?”

Oliver richtet seine Augen auf das Kind; es liegt in Lumpen, aber es fehlt ihm nichts, es schreit nur, weil es zahnt. Doch plötzlich steht Oliver auf und sieht näher hin, zum erstenmal betrachtet er das Kind genau.

„Was zum Kuckuck, hat sie blaue Augen?” fragt er.

Petra zuckt zusammen und antwortet: „Das siehst du doch!”

„Woher kommt das?”

„Woher es kommt? Kann ich das wissen? Wie du nur fragen kannst!”

Oliver bleibt wie angewurzelt stehen und starrt und starrt. Wie verwirrt er ist und wie dumm: sollte ein Kind von blauäugigen Eltern nicht blaue Augen haben? Aber die andern, die Jungen, sie hatten braune Augen. Da steckte etwas Neues dahinter. O, Oliver hatte wohl in all diesen Jahren seine eigenen Gedanken gehabt und sie in stumpfer Gleichgültigkeit mit sich herumgetragen; jetzt stand er vor einem Rätsel. Wo war Petra gewesen? Daheim. Daheim. Eine Frau, die Scheldrup Johnsen Backpfeifen gab, war nicht auf dem Strich.

War sie nicht auf dem Strich -- war sie nicht?

Eine ungeheuere, unnatürliche Eifersucht lodert in dem Krüppel auf, zum erstenmal kennt er diesen fremden, brennenden Schmerz, er ist so heftig, daß sich sein Gesicht verzerrt, so daß Petra Angst bekommt; sie deckt das Kind zu. Oliver schwankt ans Fenster hin und sieht hinaus. Wenn nun braune Augen die richtigen Familienaugen waren, wie konnten dann blaue Augen dasselbe sein? Er kennt all den Klatsch über sich und sein Haus recht wohl, der ist nicht so zart und unschuldig gewesen, daß er ihn nicht verstanden hätte, das letzte, was er gehört hatte, war: Petra werde wohl Scheldrup Johnsen nicht immer Backpfeifen versetzt haben! Und wenn auch -- Scheldrup Johnsen hatte braune Augen, die Kleine in der Wiege aber blaue.

Eine Schlange fraß sich in sein Herz hinein. Bis jetzt war es ihm gut gegangen, nun würde es ihm nicht mehr beschieden sein, sich die Unruhe fernzuhalten. Unruhe? Not drang auf ihn ein, sie wurde zur Qual. Er fing an, an den Straßenecken aufzulauern, dann sprang er plötzlich vor, packte Petra an der Brust und fragte, wohin sie wolle. Nacht und Tag war er auf der Wacht, und er fand nie mehr Ruhe, sein Haar ergraute. Der einzige Ort, wohin Petra ungehindert gehen konnte, war auch jetzt noch das Haus Johnsen am Landungsplatz, dahin, ins Haus und in den Laden, durfte sie jedesmal ohne Einwand gehen. Aber er ging ihr nach und gab acht, daß sie auch wirklich dahin ging.

Seine Verrücktheit dauerte an; er versäumte das Meer, um im Hinterhalt zu stehen und Petra aufzulauern, er bettelte Fische bei den andern Fischern, um etwas nach Hause bringen zu können. Und Petra, die dumme Person, verstand es nicht, seine Eifersucht zu dämpfen, sie stachelte sie eher noch auf. Als diese eine Zeitlang gedauert hatte und sie merkte, daß sie ihr für Leib und Leben ungefährlich war, stachelte sie Oliver bis zur Raserei auf. Die blauen Augen können von dem Schreiner Mattis stammen, dachte er wohl, und er fand keine Worte, die für diesen Mann verächtlich genug waren, dieses Nashorn, diesen Schürzenjäger!

Petra verteidigte ihn.

„Na, hat er jetzt nicht einmal mehr eine schreckliche Nase?”

„Nein. Diese Nase steht ihm gerade.”

„Schweig! Er ist ja Schreiner, da sollte er sich einen Stall für seine Nase bauen.”

Und sonderbar: es war, als gebe es noch andere, die der blauen Augen wegen, sozusagen, eifersüchtig wurden; aber Konsul Johnsen scherzte ja und tat nur so, wie wenn er eifersüchtig wäre, als er mit Petra darüber sprach.

„Du hast ein Mädelchen bekommen, Petra, wie ich höre?”

„Ja.”

„Und mit himmelblauen Augen diesmal.”

Petra sah zu Boden und schwieg.

„Nicht alle können himmelblaue Augen haben,” sagte der spaßhafte Mann. „Nein!” tat er dann plötzlich kund, „ich habe keinen Platz für deinen Mann, hörst du? Probier' es beim Grütze-Olsen!”

Wieder mußte Petra unverrichteter Sache heimgehen, heim zu ihrer Familie und dem Elend. Es war ein Zustand, niemand wurde so hart geprüft. Ab und zu weinte sie und hatte aufrichtig Mitleid mit sich selbst; aber sie war zu jung und zu gesund, um ganz mutlos zu werden, nicht so sehr selten stand sie unter ihrer Tür, lachte und schwatzte mit den auf der Straße Vorübergehenden -- tiefer war sie nicht getroffen.

Die Jahreszeiten wechselten, und die Zeit verging, Olivers Buben waren nun beide in der Schule; Frank hatte die besten Gaben, er hatte einen Freiplatz und glänzende Zeugnisse, aber das Eichhörnchen Abel war auch nicht dumm, nur ein unglaublicher Bandit war er, mit ganz anderen Neigungen. Es ging und ging, die Gewohnheit half dazu, und Gott verlieh der Familie zur Stärkung einen gewissen zähen Willen, nicht unterzugehen. Der kleine Abel zum Beispiel kleidete und ernährte sich meist selbst ringsum in der Stadt. Übrigens war es für ihn selbst oft am schmählichsten, so ein kleines Eichhörnchen zu sein: als er eines Tages draußen auf dem Lande war, plagte ihn der Hunger über die Maßen. Da er aber weder etwas zu essen noch ein Wams, das er auf einem Waschseil „fand”, geschenkt bekommen konnte, fragte er ganz einfach, ob er nicht eine Tasse Kaffee kaufen könnte. Aber da wurden die Leute auf dem Hofe schändlich gegen das Eichhörnchen, sie erwiderten, ob er denn überhaupt Kaffee trinken dürfe. Was, dürfe? Diesem Hof wollte er nie mehr nahe kommen, ehe er erwachsen war!

Bruder Frank ging nicht auf Erlebnisse aus, dazu war er zu klug. Auch er bekam manche Mahlzeit und manches Kleidungsstück im Städtchen, ja, einmal im Jahre bekam er einen vollständigen Anzug in Konsul Johnsens Geschäft und kam vom Scheitel bis zur Sohle erneuert heim. Ein solcher Mann war Johnsen am Landungsplatz, herrlich dazu geeignet, zu leben und andere leben zu lassen.

Es ging und ging. Bisweilen zog auch die Großmutter wieder hinaus und kehrte dann mit guten Sachen heim, mit Kartoffeln, Speck, einer Tüte Mehl, einem Käslaib. O, die Großmutter war nicht zu verachten; wenn sie nur die Unterstützungskasse nicht in Anspruch zu nehmen brauchte und die andern Weiber am Brunnen sie nicht schmähten, dann konnte sie mehrere Kirchspiele durchwandern, und ihre Vorräte aus den Dörfern waren eine gute Hilfe. Wahrlich, sehr oft war es nur der Großmutter zu verdanken, wenn die Familie etwas zum Beißen und in den Ofen zu legen hatte, so fleißig war die Großmutter geworden.

Oliver selbst ging es am schlechtesten. Seine Krankheit wollte nicht weichen. Jetzt war er wieder kurze Zeit auf dem Fischfang gewesen, und zwar nur, weil er ein neues Boot bekommen hatte, daher kam's. Seht, er hatte ja eine Fahrt aufs Meer hinaus gemacht, und da hatte er das Boot herrenlos umhertreibend gefunden; das war ausgezeichnet, das Boot hatte wohl irgendwo vertäut gelegen und war abgetrieben worden, es konnte von weit her sein, vielleicht vom Ausland. Nun hätte er allerdings das Boot anmelden sollen, wer zweifelte daran; aber wie es nun ging oder nicht ging, Oliver behielt das Boot und kam auch nicht in Verlegenheit dadurch. Niemand machte ihm einen Vorhalt, der Krüppel brauchte das Boot, er konnte in seinem eigenen elenden Fahrzeug sonst eines Tages untergehen. Zuerst hatte Oliver ja gedacht, er könnte das Boot verkaufen und Geld dafür bekommen, aber das verbot ihm die Stadt, das wäre zu weit gegangen. „Nein,” sagten die Leute im Ort, „wenn du es gefunden hast, dann sollst du es haben!” Also fischte Oliver in allen Freistunden und gebrauchte sein neues Boot.

In allen Freistunden.

Er hatte durchaus nicht oft frei, seine Krankheit fesselte ihn ans Land, fesselte ihn ans Haus. Petra zeigte ja wieder leichten Widerwillen gegen den Kaffee, und jetzt war Oliver beinahe ganz erschöpft von seiner Wachsamkeit. War er nicht monatelang in Winkeln und Gassen auf der Lauer gestanden, hatte spioniert und gehorcht! Er war schlecht gekleidet und schlecht ernährt, aber die Eifersucht hielt ihn stundenlang auf seinem Posten fest; er stand da mit klopfenden Pulsen und litt wahre Höllenqualen, der Wind zerrte an seinem Hosenbein wie an einer Flagge, die sich um eine Stange gewickelt hat. Er hatte ja eigentlich niemals frei, er war bei Nacht nicht sicherer als am Tage, er machte Überstunden, er schindete sich ab. Wenn ihn das wenigstens aufs Krankenlager gebracht und getötet hätte, aber nein! Ein Frauenzimmer ausspionieren! Warum sie nicht lieber laufen lassen und das Haus zuschließen! Was war bei dieser Frechheit zu tun, eine Frechheit, die ganz unschuldige Augen hat und des Lügens überdrüssig wird? Er konnte sie von der einen Seite her erwarten, und dann kam sie von einer andern, wo war sie da gewesen? Sie konnte, ein Liedchen trällernd, daherkommen, da war gar nichts, was sie bedrückte; was für Gedanken hatte sie wohl, warum schmunzelte sie vor sich hin und wiegte sich in den Hüften?

„Was stehst du hier und lauerst?” sagt Petra nur und versinkt durchaus nicht in den Boden.

„Woher kommst du? Jetzt ist es Nacht.”

„Bin ich nicht beim Konsul gewesen? Was hast du da in der Hand; das Messer?”

„Das siehst du wohl.”

„Das Fischmesser! Warum stehst du mit dem Messer da?”

„Ich hab' es am Bollwerk gebraucht.”

„Nein, aber du meinst, du könnest mir Angst machen.”

„Schweig!”

„Ach, gib dir keine Mühe!”

Nein, Petra war sicher; er war feig und widerlich, er war nichts, sie scherte sich den Kuckuck um ihn. Dann geht sie nur an ihm vorbei und hinein, der Mann kommt hinterher. Sie bleibt einen Augenblick im Flur stehen, um ihn zu beschämen, ja, um ihm zu zeigen, daß sie, die Nachtwandlerin, die ordentliche und zuverlässige ist: Seht jetzt nur, ist nicht sie es, die die Haustür hinter sich und ihm zuschließt!

„So, du willst zuschließen,” sagt Oliver. „Abel ist sicher noch nicht daheim.”

„Dann muß er draußen übernachten.”

„Er soll nicht draußen übernachten!” schreit Oliver erregt, er dreht rasch seinen schweren Oberkörper im Kreise herum und schiebt Petra auf die Seite. Sie fährt auf und sagt: „Warum schlägst du mich nicht lieber auf einmal tot!”

Ein heftiger Streit entspinnt sich; sie gehen hinein und werfen sich Schimpfworte an den Kopf. Die Großmutter liegt im Altenteil mit der Kleinen und Frank. Sie richtet sich auf den Ellbogen auf und lauscht, dann legt sie sich wieder nieder, das ist nichts Neues, sie kennt das. Olivers Eifersucht ist für den Augenblick vorbei, und er fühlt sich außerdem befriedigt von seinem Auftreten; leicht wie ein Kind war sie an die Wand geflogen, er ist der Mann, hoho, er wiegt den Oberkörper hin und her.

Das nächtliche Scharmützel zwischen den Eltern kommt dem Eichhörnchen Abel zugute: er schlüpft so leise wie möglich von der Straße herein und hört, als er zu Bett geht, von keiner Seite irgendein böses Wort.

9

Nichts konnte so wild und qualvoll sein, als in dieser Spannung leben zu müssen. Oliver hat seit Tagen ausgeruht, und er treibt sich in den Straßen herum, fühlt aber keine Spur von glücklicher Ruhe. Jetzt sind die Fenster seiner Stube mit Röcken und Schürzen verhangen, und er kann nichts erspähen, deshalb wandert er wie blödsinnig vor dem Hause hin und her.

Schließlich trifft er die Großmutter, und sie sagt zu ihm: „Es ist wieder ein Mädchen.”

Das interessiert ihn nicht, ach, wie gleichgültig ist das; aber er redet, um noch mehr zu hören. „Ach so, wieder ein Mädchen? Hat sie alle ihre geraden Glieder?” fragt er.

„Ja, ich hab' nichts anderes gesehen.”

„Sie hat wohl nicht nur einen Fuß?”

„Nein.”

„Nun, dann dürfen wir ja froh sein. Es ist nicht leicht, wenn man einen Stelzfuß hat. Doch was ich sagen wollte, hat sie aufgeschaut? Mit den Augen?”

„Wie? Was?”

„Ich frage nur. Warum schreit sie nicht? Sie ist doch nicht etwa totgeboren? Kann ich sie sehen?”

„Sie schläft jetzt.”

Wieder mußte Oliver warten, die Fischerei aussetzen, sich in der Straße herumtreiben und warten. Gegen Abend bekommt er die nun erwachte Kleine zu sehen, er trägt sie ans Fenster und überzeugt sich, was für Augen sie hat. Petra sieht vom Bett aus beruhigt zu, es ist nichts im Wege: das Kind hat braune Augen.

Es war merkwürdig, wie diese unbedeutende Tatsache den Vater beruhigt; er lobt das Kind und sagt sogar einen freundlichen Scherz zu Petra. „Du bist ein Hauptkerl, wenn du willst!” Obgleich es schon gegen Abend war, ruderte er doch noch hinaus auf den Fischfang. Die ganzen letzten Monate hatte er in seinem Herzen gegen Petra gewütet, sie hatte vielleicht abermals schlecht und niederträchtig gehandelt, jetzt dachte er anders, sie war doch nicht so ganz toll gewesen, sondern gerade großartig, Gott sei Dank! Und bitte, es soll Fische geben, so gewiß, als Fische zu fangen sind! Es sind wieder braune Augen, die echten Familienaugen, die Natur hatte gesiegt, alles kam wieder in Ordnung.

Ach, der geistesschwache Mann, Gott mochte wissen, wie er sich die Sache zusammenreimte!

Eines Tages trifft er Scheldrup Johnsen auf der Straße und sagt zu ihm: „Jetzt kommt der Winter, nun mußt du so gut sein und an mich denken.”

„Ich soll an dich denken?” fragt Scheldrup.

„Ja. Daß ich ein Krüppel bin.”

„Was geht das mich an?”

„Und daß ich viele Kinder habe.”

„Wie verrückt die Menschen doch reden können!” äußert Scheldrup unschlüssig.

Oliver lächelt ehrerbietig und schaut zu Boden. „Ja ja, das ist wohl möglich,” sagt er. „Aber jetzt mußt du so gut sein und mir Arbeit geben.”

„Ich? Was für Arbeit?”

„Im Lagerhaus.”

„Darüber mußt du mit meinem Vater reden.”

Oliver schlägt langsam die Augen auf, richtet den Blick fest auf Scheldrup und sagt: „Nein, das mußt du tun!”

Drohte Oliver? Der junge Scheldrup weicht etwas zurück, er sieht den Krüppel an. Aber sein Blick ist erloschen. Seht, zuerst hatte er einen so recht heftigen, rasenden Ausdruck, aber dann erlosch er. Scheldrup überlegte wohl ein bißchen, erinnerte sich an sein Benehmen, an die Backpfeife, an all den Klatsch, er hätte das Ganze nur sehr ungern noch einmal hervorgezogen, deshalb sagt er: „Na ja, ich kann ja meinen Vater fragen, wenn das dein Wunsch ist.”

„Das ist recht,” erwiderte Oliver darauf.

Einige Tage später trifft Oliver wieder mit Scheldrup zusammen, und da fragt dieser: „Meinst du, du könnest das Lagerhaus übernehmen?”

Das Lagerhaus übernehmen? Das war nun allerdings Großtuerei und Dünkelhaftigkeit von seiten Scheldrups; es war bis jetzt kein fester Angestellter in Johnsens Lagerraum gewesen, nur einer von den Ladenbediensteten lief manchmal hinunter, um das nötige zu tun, da sollte doch wohl der ganze Oliver diese Kleinigkeit leisten können!

„Mein Vater will mit dir reden,” sagt Scheldrup.

Oliver wandert schon als großer Lagerhausvorstand heimwärts. „Wie war es doch,” fragt er Petra, „hat dir Johnsen am Landungsplatz nicht abgeschlagen, mich anzustellen?”

„Doch. Und nun frag' ich ihn nicht noch einmal.”

Schweigen, o ein Schweigen, das Oliver gewichtig, ja verhängnisvoll macht. „Nein, ich werde selbst ein Wörtchen mit ihm reden,” sagt er und geht hinaus.

Die Frauen sehen einander an. Na, das würde nichts helfen, wenn Oliver ging, vielleicht ging er auch gar nicht. Und Petra warf plötzlich den Kopf in den Nacken.

Als Oliver zurückkam, schwieg er eine gute Weile vollkommen, o, ein gewichtiges, langes Schweigen! Die Frauen mochten nicht fragen, aber sie lächelten ein wenig, und Petra sagte sogar: „Ich möchte wohl wissen, wer nun zum Konsul gegangen ist und mit ihm gesprochen hat.”

Endlich bricht Oliver das Schweigen und sagt: „Mein Islandwams muß heut' abend noch gestopft werden. Es ist kalt im Lagerhaus.”

Petra schrie beinahe: „_Sollst_ du ins Lagerhaus?”

Und sogar die Großmutter blieb stehen und sperrte den Mund auf.

Aber Oliver sieht sich mit der größten Verwunderung um und versteht nicht, was sie meinen, wahrhaftig, die Frauen sind ihm das große Rätsel. „Ja, natürlich?” antwortet er in fragendem Ton.

Sie schlagen die Hände zusammen.

„Natürlich soll ich ins Lagerhaus,” sagt er. „Sobald es geht. Ich fang' schon morgen an.”

Sie besprachen es hin und her: das bedeutete Veränderung, festen Gehalt, Vorwärtskommen, o, das hatte sehr viel zu sagen! Und da sitzt er nun, er, der das zustande gebracht hat, der Herr, von Stolz geschwellt, stutzerhaft den Hut schief auf dem Kopf, Großsprecherei ist's. Er spricht wieder: „Ich hab' ja gesagt, daß ich zu ihm gehen und mit ihm reden werde.”

„Aber ich hab' den Konsul doch schon mehrere Male gebeten,” wendet Petra ein.

Oliver erwidert: „Das ist eben nicht so, wie wenn ein Mann kommt.”

Das bedeutete Veränderung, jawohl! Aber Oliver, der weiß, worauf er eingegangen ist, denkt wohl: ein buchstäbliches Sparkassenbuch und den Garten Eden bedeutet es nicht; der Johnsen am Landungsplatz ist nicht überflott gewesen; aber auf der andern Seite war er der Erste Konsul, für die Familie Oliver war er also eine Art Retter geworden.

Im Lagerhaus war keine schwere Arbeit zu verrichten; Oliver konnte da Tag um Tag hingehen, bloß um überhaupt da zu sein. Seine geschäftvollsten Tage hatte er, wenn ein Frachtschiff an dem kleinen Bollwerk anlegte, Mehl und Sirup, Kaffee, Paraffin und Leinöl auslud und Fisch und Tran dafür einnahm. Da mußte Oliver die empfangenen Waren im Lagerhaus und Keller unter Dach schaffen, und bei solchen Gelegenheiten erreichte er es, abends wirklich müde zu sein. Außerdem hatte er zu scheuern, aufzuräumen und alles in gehöriger Ordnung zu halten. Ein offener Kaffeesack durfte nicht mitten auf dem Boden stehen bleiben, daß nicht etwa kleine Jungen daherkommen und ihn als Fund erklären könnten. Wenn sich dann die Kunden mit einem Zettel vom Kramladen einfanden, las Oliver den Zettel und lieferte dem einen Sack Mehl, zwanzig Meter Tauwerk oder jenem ein Liespfund Fische aus. Dem Lagerhausvorsteher lag es ob, jeden Morgen die Schiebladen im Kramhandel mit Kolonialwaren vom Lagerhaus aufzufüllen; schließlich mußte er aufschreiben, welche Waren im Lagerhaus knapp wurden, damit das Kontor beizeiten neue Bestände bestellen konnte.

Alles in allem war es gar keine so geringe Stellung, die Konsul Johnsen für Oliver eingerichtet hatte, und die Leute hatten wieder einmal guten Grund, seine Handlungsweise zu loben. Allerdings war ja Oliver auf seinem Schiff ein Krüppel geworden; aber das verpflichtete den Konsul zu nichts, höchstens zu allgemeiner Barmherzigkeit und Gnade. Und von diesen hatte der Erste Konsul ein gut Teil, er war ein großer Mann und ein Wohltäter.

Was war also dagegen zu sagen? Nichts. Es konnte ja oft im Lagerhaus wohl ein häßlicher Geruch nach alten Fischen und verfaulten Lebern sein, besonders im Sommer war oft ein durchdringender Gestank darin -- aber was war dabei! Im ganzen war Oliver auch jetzt ebenso wie früher eine genügsame Seele, er verdiente genug für Margarine aufs Brot, für faule Sonntage, für etwas Staat, einen herrlichen bunten Schlips, frischgebürstete Schuhe, einen neuen, schief auf den Kopf gesetzten Hut. Konsul Johnsens Wohltätigkeit gegen ihn wirkte auch noch auf weitere Kreise, Oliver merkte an Kleinigkeiten, daß die Stadt ihn nicht mehr übersah, und der Rechtsanwalt Fredriksen wollte auch nicht zurückstehen, sondern hielt Frieden wegen des Hauses.

O ja, das Glück war eingekehrt! Aber das beste war, daß Oliver der Vorstand seines Lagerhauses geworden war, seines eigenen kleinen Bereichs; er war nicht weit davon entfernt, ein Herrscher zu sein, sozusagen eine Person von Stande. Das gefiel ihm, es kitzelte ihn förmlich, wenn die Leute aus der Stadt als Kunden daherkamen und guten Tag sagten, ehe sie ihre Zettel vorwiesen. „Guten Tag!” grüßte er dann wohl wieder, so ein Mensch war er, auch er übersah niemand. Jetzt war es nicht so ohne, ja, es lohnte sich, gegen den Krüppel ein wenig höflich zu sein, er konnte bei mancher Gelegenheit allerlei davon oder dazu tun, durch volles oder geringes Maß, durch schlechtes oder gutes Gewicht.