Part 7
„Hätte ich jetzt das Geld, das sie verdient hat!” wünschte Henriksen auf der Werft. „Das waren keine Kleinigkeiten, o nein!” Wie das Konsul Johnsen wohltat! Aber er sagte: „Ich antworte darauf, weil Schweigen mißverstanden werden könnte. Fia hat in Wirklichkeit nicht so sehr viel verdient. Ich war sehr oft froh, daß ich's aushalten und sie über Wasser halten konnte. Aber jetzt, in den letzten Jahren natürlich --”
„Oho!” rief Henriksen und schüttelte den Kopf.
„Die Gesellschaftsmoral hat ganz gewiß einen unverdient schlechten Ruf,” sagt der Doktor plötzlich.
„Wieso?”
Der Doktor fährt fort, als habe er die Frage nicht gehört: „Denn wenn ein Mann wie Konsul Johnsen sich ihrer bedient, dann muß sie sehr brauchbar sein.”
„Die Gesellschaftsmoral? Wieso?”
Ein langes, gewichtiges Schweigen entsteht; der Doktor hat keine Lust, etwas zu sagen, über das man verächtlich lächeln könnte. Und er will sich auch nicht in eine Erörterung mit Henriksen einlassen, deshalb äußert er nur im allgemeinen über die Versammlung hin: „Es ist eine Verleumdung, daß Geschäft und Ausbeutung miteinander verwandt seien.”
„Aber nun hab' ich doch noch nie --!” ruft Henriksen verwundert, und er zieht die Augenbrauen in die Höhe, ganz genau so, als ob das eben Gehörte großartig wäre.
Aber nun war ja Konsul C. A. Johnsen unantastbar, vielleicht nicht in jeder Hinsicht ein Muster, aber ein tüchtiger, großer Mann. Der Volksmund nannte ihn den Ersten Konsul, zum Unterschied von den Konsuln, die später gekommen waren und nicht viel bedeuteten.
Konsul Johnsen antwortete: „Geschäft ist Arbeit, die ihres Lohnes wert ist.”
„Das meine ich auch. Deshalb ist es auch nicht richtig, daß Geschäft Spekulation genannt wird.”
„Doch, gewissermaßen. Wir spekulieren alle. Ehe ein Doktor Doktor wird, spekuliert er auch, er denkt sich aus, daß dies sein Lebenswerk sein soll und strebt danach. Schütteln Sie den Kopf?”
„Jawohl, den ganzen Kopf.”
„Haha!” lacht die Frau des Doktors.
„Medizin, das ist eine Wissenschaft,” erklärt der Doktor. „Aber ob die _Fia_ wenig verdient oder ob die _Fia_ viel verdient, das --”
„Wollen Sie nicht weiter sprechen?”
„Doch, das ist nicht mehr als billig. Das ist ungefähr so etwas, wie das Geschäftsverfahren der _Fia_, das die Leute -- Spekulation nennen. Nach meiner Ansicht mit Unrecht.”
„Dann sind ja alle einig,” versuchte der Postmeister, der immer gute Mann, einzulenken.
„Ich werde ihm das eintränken für sein ungewaschenes Maul,” unterließ der Konsul zu äußern. Er gesellte sich unauffällig zu Frau Henriksen und sprach mit ihr; sie war eine junge hübsche Frau, aus der Tiefe des Volkes hervorgegangen wie ihr Mann auch, Mutter von zwei kleinen Mädchen in der Tanzstunde, aber doch noch nicht dreißig Jahr alt. Konsul Johnsen war ritterlich gegen sie und recht unterhaltend, ja bisweilen sprach er überaus leise, damit die andern es nicht hören sollten. Seht, der Konsul hatte es wohl im täglichen Leben nicht so sehr angenehm und herzerfreuend, er mußte die Gelegenheit benutzen. War er nicht eine Kraftnatur, etwas ergraut zwar, aber noch ein Mann? Es ärgerte ihn, daß sein großer Sohn Scheldrup hier dabei war und zuhörte: „Geh voraus und laß alles herrichten!” sagte er zu Scheldrup.
Ei, und Frau Henriksen? So ungeheuer geehrt durch die Begleitung, die sie an diesem Abend bekommen hatte und durch all das Schöne, das sie zu sehen bekommen würde, wenn sie zum Ersten Konsul kam, das war ein Erlebnis, ein Übererlebnis!
„Wollen Sie mir etwas versprechen?” fragte sie.
Da ritt ihn der Teufel, er wurde keck gegen die Dame und antwortete: „Ich wage Ihnen kein Versprechen zu geben.”
„Aber -- warum nicht?”
„Ein Versprechen? Ihnen? Ich würde es ja nur halten müssen.”
Da lachte die Dame, und sie dachte nichts weiter, als er sei reizend, der Erste Konsul sei reizend. Und dann rückte sie mit ihrer Bitte heraus, ob der Herr Konsul einmal zu ihnen hereinsehen wolle, zu ihnen, Henriksens auf der Werft, er und seine Frau Gemahlin?
„Kommt ihr nicht?” rief Frau Johnsen, indem sie stehen blieb.
Da war nichts anderes zu machen, sie mußten vorgehen zu den andern. Aber der Konsul gelobte sich selbst, er wolle mit Frau Henriksen noch mehr reden, später, wenn ihr Mann von dem Punschbrauen ganz in Anspruch genommen sei. Dann wolle er der gute Gastgeber sein und sagen: „Ja, bitte Henriksen, tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären,” und sich dann mit Frau Henriksen unterhalten.
Der Postmeister sprach von Nachkommenschaft. Er war ein magerer, unbedeutender Mann, und man hielt ihn eigentlich für eine recht verfehlte Existenz. Man hielt ihn auch für fromm, und er pflegte mit einer recht gedankenvollen Miene zu sagen. „Ja, was soll man glauben!” Als junger Student hatte er meist von der Kunst geträumt, von Schlössern und Domen, von Architektur, er kam indes nie soweit, sich für einen bestimmten Beruf zu entschließen, und landete schließlich beim Postfach. Jetzt zeichnete er Gotteshäuser und Menschenhäuser in seinen Freistunden; er hatte den Plan für die höhere Schule im Ort gezeichnet, das hübsche Haus mit Säulen, das man schon weit draußen im Fjord am Ufer sehen konnte; er nahm nichts für seine Arbeit, aber die Stadtverwaltung hatte ihm viel Lobenswertes darüber gesagt. Seine Frau war in keiner Weise verfehlt, aber keine Schönheit, nur gut und ein Segen für ihr Heim. Sie war älter als ihr Mann, aber nicht so viel, daß es etwas ausgemacht hätte. Unter Fremden war sie schweigsam, auch jetzt zog sie sich zurück und redete nicht von sich selbst.
„Nachkommenschaft,” sagte der Postmeister. Seine Theorie war, daß den Eltern im allgemeinen weniger Bedeutung zugemessen werden sollte, als den Kindern. Ja durchaus. Alles sollte sich um die Nachkommen drehen. „An dem heutigen Abend haben die Eltern leere Wände entlang auf schlechten Bänken gesessen und doch einen Genuß und eine Festfreude an ihren Kindern gehabt. Die Mütter sind nicht im Staat gewesen, die Kinder dagegen sehr fein angezogen. So fein angezogen waren auch einst die Mütter, als sie kleine Töchter gewesen waren, damals vor dreißig Jahren, als die Damen ungeheuer weite Kleiderröcke trugen. Du lieber Gott! dachte ich und erinnerte mich an alte Zeiten.”
„Elegie!” sagte der Rechtsanwalt, der Junggeselle Fredriksen.
„Jawohl, ganz richtig!” erwiderte der kinderlose Doktor. Und da es sich um den unschädlichen Postmeister handelte, der im Grunde genommen ein feiner Mann war, wollte er ihm ein paar Worte sagen. „Nachkommen,” sagte er, „was wollen Sie damit? Ist dies eine Welt, um Nachkommen hineinzusetzen? Wie lange halten wir uns hier im Leben auf und zu welchem Zweck, außer für uns selbst? Lassen Sie uns die Zeit ausnützen, Herr Postmeister, der Tod ist uns auf den Fersen und wird uns gleich ergreifen. Wir liegen zwischen dem untersten und dem obersten Mühlstein. Die einen sind weich und nachgiebig, sie werden ohne Murren zermahlen, andere winden sich, wie Sie, Herr Postmeister, sie drehen den Kopf zurück und haben Angst für ihr Gesicht -- o, aber in der nächsten Sekunde sind auch sie schon zermahlen. Es muß ein sonderbares Gefühl sein, und wir werden dieses Gefühl alle einmal kennen lernen; wenn es von unten beginnt, muß man ja fühlen, wie die Beine und der Leib allmählich --”
Als der Doktor nun Beifall erntete, scherzte er weiter, der witzige Kerl, und brachte alle zum Schaudern: „Schließlich liegt wohl nur noch ein Stückchen von einem da, das sich vielleicht ganz unabhängig vom andern bewegt. Alles ist geradezu herrlich, alles ist vollendet.”
Schweigen.
„Es ist so trostlos, dergleichen zu denken,” sagt der Postmeister. „Aber selbst unter diesen Voraussetzungen ist es gut, man hinterläßt --”
„Nachkommen! Die auch zermahlen werden sollen! O trostlos! Ich weiß nicht. Was mich betrifft, so hab' ich guten Mut, ich ertappe mich gelegentlich darauf, mir das Haar über die kahlen Stellen zu streichen und also meinen Ruin so gut ich kann wieder herzustellen. Dann pfeife ich drauf.”
„Ja ja,” sagte der Postmeister, der nicht weiter darauf eingehen wollte.
Aber Konsul Johnsen griff nach dem Knochen, wahrhaftig, er wollte bei soviel Überlegenheit nicht im Rückstand bleiben. „Wenn es keine Nachkommen mehr gibt, müssen ja die Menschen aussterben.”
„Bitte, das geht mich nichts an.”
„Aber Sie sind ja gerade darauf aus, die Menschen vom Tode zu erretten, nicht wahr?”
„Herr Konsul, Herr Erster Konsul, wollen Sie Menschen, die sich zwischen den Mühlsteinen befinden, mit Logik kommen? Wo ist da die Logik des Lebens, wo die Logik des Weltregiments?”
Da sagte der Konsul: „Ich stelle fest, daß Sie, Herr Doktor, persönlich für die Ausrottung der Menschen sind, aber Ihr Handwerk, Ihr Lebensberuf ist es, die Ausrottung zu verhindern.”
Und der Doktor will sich am liebsten einem wenig gebildeten Menschen gegenüber nicht zu gewandt zeigen, aber der Erste Konsul war ein so großer Herr geworden, er war zu hoch hinaufgekommen, der Doktor war gezwungen, ihm zu antworten: „Dies steht wohl etwas über dem Begriff Geschäft, nicht wahr? Hier handelt es sich um eine Frage der Lebensanschauung. Wenn ein Arzt über einen Kranken gebeugt steht, dann tut er es wohl hauptsächlich aus Mitgefühl mit der armen Menschheit.”
„Ach ja!”
„Ja, seufzen Sie nur. Er spekuliert jedenfalls nicht.”
Der Konsul sagte rücksichtslos: „Er verdient seine fünf Kronen. Der Arzt ist wie wir andern: er spekuliert in fünf Kronen, wenn ich in Tausenden spekuliere, das ist der Unterschied.” -- Darauf sah sich der Konsul lächelnd im Kreise um und machte die Sache dadurch noch peinlicher für die andern.
Der Doktor war gezwungen, mitzulachen; er sagte: „Sie haben uns ordentlich erhitzt, Herr Postmeister.”
„Ich?”
„Mit Ihrer Nachkommenschaft.”
Da mußte der Postmeister wieder eingreifen. „Ja, aber lieber Doktor, Nachkommen müssen wir doch haben. Man kann über die Mühlsteine sagen, was man will, die können nicht unser Ziel sein.”
„Unser Ziel tragen wir in uns selbst. Wenn ich sterbe, ist alles, was mich angeht, tot. Glauben Sie an Gott, Herr Postmeister?”
„Was sollen wir glauben? Tun Sie es nicht?”
Der Doktor schüttelte den Kopf: „Bin ihm nicht begegnet. Glauben Sie, er sei von hier?”
„Haha!” lachte die Frau Doktor.
Der Postmeister fragte: „Was für ein Ziel kann das sein, das einer in sich selbst trägt?”
„Man gestaltet sein Dasein so gut wie möglich. Genießt zum Beispiel.”
„Armes Ziel, kurzes Ziel. Dann ist allerdings sehr richtig alles mit einem selbst aus. Aber man kann sich ein weiter gestecktes Ziel denken: Unsere ewige Fortsetzung durch die Nachkommen. Wie denken Sie nun im Ernst darüber? Ich nehme an, daß Sie bis jetzt mit uns gescherzt haben.”
„Durchaus nicht.”
„Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin Postmeister hier in der Stadt. Die eine Stellung kann dabei so gut wie die andere sein. Aber mit welcher Hoffnung kann dann der Kinderlose, der selbst nichts Besonderes geworden ist, sterben? Für mich ist es nun keine Befriedigung, selbst noch mehr zu werden, im Gegenteil, jetzt freut es mich, wenn ich selbst nichts Besonderes geworden bin, dann hab' ich meine Gaben für meine Kinder nicht verbraucht. Sehe ich, ehe ich sterbe, Zeichen davon, daß meine Kinder mich in allen Dingen überstrahlen werden, dann werde ich, was ganz natürlich ist, der Allmacht gegenüber von tiefer Dankbarkeit erfüllt sein. Etwas vom Traurigsten, was ich erleben kann, das sind demgemäß die Söhne und Töchter großer Männer, die Kinder berühmter Eltern. Das ist ein traurigerer Anblick, als Kinder ohne Eltern. Von mir kann man gottlob annehmen, daß meine Kinder, selbst wenn ich noch einmal so viel geworden wäre, als ich tatsächlich geworden bin, daß meine Kinder mehr werden als ich. Jawohl, und gerade das wird meine Hoffnung sein, wenn ich sterbe; daß ich also durch das Emporkommen meiner Kinder selbst emporgekommen bin. Daß ich nicht Göttersöhne gehabt habe.”
Die Theorie des Postmeisters sagte niemand zu, es war eine Theorie und ein Trost für Leute ohne Erfolg, Leute, die wenig im Leben erreicht hatten, es war nicht für Leute in hohen Stellungen, oho!
„Sie sind ein guter Mann!” sagte der Doktor freundschaftlich. Und der Konsul war ja wahrlich selbst sehr viel und nicht nur der Vater seiner Kinder, ja, er konnte sogar noch mehr werden, als er jetzt war, er stand aufrecht auf freier Bahn, und er hatte etwas im Auge. Aber Konsul Johnsen wollte auch freundschaftlich gegen den Postmeister sein und nicht einmal herablassend, er nickte ihm zu und sagte: „Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist vieles an dem, was Sie sagen, Herr Postmeister.”
„Nach Ihrer Meinung!” wies der Doktor zurück.
Rechtsanwalt Fredriksen, der bis jetzt mit Henriksen von der Werft geplagt worden war, warf ein: „Jawohl, Meinung. Wir Junggesellen und Kinderlose haben doch auch eine Meinung in der Sache.”
Und in demselben Augenblick fürchteten wohl alle, jetzt sei es aus, niemand werde mehr ein Wort vorbringen können. Der Konsul beschleunigte seine Schritte, machte seine Haustür auf und forderte die Gäste auf, einzutreten. „Jedenfalls wollen wir jetzt versuchen, ob wir bei einem Glas Wein einig werden können,” sagte er lächelnd.
In demselben Augenblick, wo die Gesellschaft hineinging, trat der junge Scheldrup durch den Küchenausgang auf die Straße. Er machte sich wohl nichts aus solchen ergebnislosen Diskussionen, wie sie der Postmeister zuwege brachte. Das konnte ihm niemand verdenken, in seinem Alter ist das Leben kein Rätsel, die Sommernacht gehört der Jugend.
8
Ältere Leute erinnern sich deutlich an Tage und Daten aus der Vergangenheit; sie finden es so herrlich, allerlei Kleinigkeiten im Kopfe zu behalten, als sei das etwas Wertvolles, etwas, das ihnen einmal nützlich sein könnte. Sie heben auch Zeitungsausschnitte auf.
Jetzt hören die Leute eine fremde Dampfpfeife in der Bucht ertönen. Das ist keiner der Postdampfer, und es ist auch nicht das kleine Frachtboot, das jede Woche einmal zu jeder Haustür kommt, deshalb steigen die Leute auf ihre Hausdächer und halten Ausschau.
„Es ist die _Fia_!” sagen sie. „Seht, wie sie geflaggt hat!”
Und in demselben Augenblick denken sie unwillkürlich an die große Volksmenge, die an jenem längstvergangenen Sonntag ans Bollwerk hinuntergewandert war; sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wissen am Alter ihrer Kinder, in welchem Jahr das gewesen ist. Es war eine wahre Völkerwanderung, dessen entsinnen sie sich wohl, und damals sollte die _Fia_ nach dem Mittelmeer fahren. Nun kehrt sie zurück nach den langen Fahrten auf den weiten Meeren, an Bord ist alles festlich geschmückt, und die Herzen sind wohl von Stolz geschwellt. Auch der Matrose Oliver Andersen war damals an Bord gewesen.
Jetzt humpelt Oliver ans Bollwerk hinunter, er wirft sich mit dem Stelzfuß vorwärts, strengt sich an; er ist so unschuldig, zu glauben, die Kameraden werden nach ihm ausschauen, sie würden ihn als den ersten am Bollwerk erwarten. Nein, sie erwarten ihn nicht, er ist vergessen. Sie betrachten von der Reling aus diesen Krüppel und erkennen ihn; aber sie bezeugen keine Freude, er muß sie zuerst grüßen und zu den alten Freunden hintreten. Da steht nun Oliver; er ist etwas ergraut, und sein Haar ist dünn, obgleich er noch ein junger Mann ist, dagegen ist er merkwürdig dick geworden, mit wahren Hängebacken. Hat er es auf der lieben Gotteserde so gut bekommen? Ist sein Unglück ein verkapptes Glück gewesen?
Von der Reling aus werden einige teilnehmende Worte mit ihm gewechselt, weil er ein Krüppel geworden ist, aber die Matrosen halten sich nicht mit ihm auf; sie haben wohl keine Zeit, ihre Augen laufen suchend den Weg hinauf -- gerade jetzt kommt ihr Mädchen, ihre Mutter oder ihre Frau mit den Kindern, sie müssen sich nun in aller Eile noch ein wenig putzen, ehe sie da sind.
Natürlich ist auch Olaus vom Wiesenrain mit seiner Pfeife da, und er ist so, wie er immer war, betrunken und großsprecherisch. Wenn die Mannschaft der _Fia_ beabsichtigt hatte, sich bei ihrer Heimkehr aus unglaublich fernen Landen etwas aufzuspielen, so verdarb ihnen Olaus das gründlich, er bewies ihnen auch nicht das kleinste bißchen Hochachtung.
„Woher kommt ihr?” fragte er.
„Von einem Lande, das China heißt.”
Das bedeutete für Olaus gar nichts. „Ach so, von China. Ja, die Welt ist nicht mehr groß,” sagte er, „in alten Tagen, da konnte ein Seemann sagen, er komme von weit her. In der vorigen Woche liefen hier im Ort zwei Männer herum und bettelten um Geld und Essen. Ich fragte sie, woher sie kämen. ‚Von Persien,’ sagten sie. Ja, aus Persien, von dem wir in der biblischen Geschichte gehört haben und von dem niemand weiß, wo es liegt. Hast du Tabak für meine Pfeife?”
Man reicht ihm eine Pfeife voll; er bedankt sich nicht, aber er anerkennt den Tabak, indem er äußert: „Ich hab' schon schlechteren geraucht.” Und während er eine Landungstreppe mit seinen anderthalb Armen aufs Schiff wirft, kommandiert er: „Da, faßt an und vertäut sie!”
Das war Olaus. Das Schicksal hatte auch ihn verfolgt, den Einhändigen mit dem ewig blauen Gesicht, aber ob er dabei dick und ruhig geworden wäre? Zum Kuckuck nein! Er war nicht dick und tot wie ein Tier, und ebensowenig hatte er ein blasses Gesicht wie ein Adliger, sondern er war betrunken und großsprecherisch. Er zehrte von seinen Reserven. Ja, wozu hat man denn sonst Reserven, als um von ihnen zu zehren?
Oliver steigt an Bord. Das hätte er nicht tun sollen, nein, sie begrüßten ihn nicht mit Jubel, sie nahmen nur seine ausgestreckte Hand und sagten das Notwendigste. Alle waren von ihrem Eigenen in Anspruch genommen. Sollte sich Oliver über Menschen verwundern, die es möglich machten, aus China zurückzukommen? Der weitgereiste Matrose war ja selbst dort gewesen, für ihn war nichts neu. Nein, Oliver hätte nicht an Bord gehen sollen, jetzt hatte er überdies sein Englisch vergessen und konnte nicht mehr so recht in der Matrosensprache reden. Das Mannschaftslogis war genau wie früher, ein dunkler, übelriechender Schacht, obgleich da gespült worden war wie zum Sonntag. Er setzte sich an den wohlbekannten Tisch und schwatzte und schwatzte da immerfort von sich; im Anfang hörte man ihm zu, aber sie wollten ihn lieber nach den Ihrigen am Lande und nach den Honoratioren des Ortes fragen; so gingen sie wieder auf Deck und schauten nach ihren Angehörigen aus.
Oliver sagt: „Ja, nehmt nun an, daß ich ganz marode bin.”
„Ja du, dir ist wohl der Unterleib ordentlich kaputt geschlagen worden?”
„Was, mir, der Unterleib? Ich bin ein verheirateter Mann mit vielen Kindern. Eine Trantonne kann einem Mann nicht den Leib zerschlagen.”
„Was für eine Trantonne?” fragt Kaspar.
Oliver denkt nach und wird verwirrt.
„Bist du nicht heruntergefallen und hast einen Querbalken zwischen die Beine bekommen?”
„Nein.”
So lange hatte Oliver nun von dieser Trantonne geredet, daß er vielleicht selbst an sie glaubte, aber dann war es also keine Trantonne gewesen. Was hatte er mit dieser Lüge erreichen wollen? Wollte er etwas verbergen? Oliver faßt sich und schwatzt weiter. Vom Kapitän sah er gar nichts, und die Matrosen waren zurückhaltend, o, sie hatten wohl in den Briefen von Hause von seinem ganzen späteren Lebenslauf Kunde bekommen; er hatte sich schlecht gemacht, es war genug Klatsch über ihn und sein Haus im Umlauf. Armer Oliver jetzt, selbst als er aus der Tasche die Zeitung mit der Seemannstat herauszog und vorzeigte, machte das keinen größeren Eindruck. Nein, denn jetzt kamen die Angehörigen heran.
In Olivers Augen glimmte es auf. Jawohl, er war dick und wie etwas geistesschwach, aber bisweilen brach eine rohe Verschlagenheit bei ihm durch. Er trat zu Kaspar, seinem Freund und früheren Altersgenossen, und sagte: „Kommt deine Frau nicht, Kaspar?”
„Doch, das wird sie schon,” sagt Kaspar.
„Ja, denn sie ist wohl wieder daheim.”
„Wo ist sie gewesen?”
„Das weiß ich nicht. Sie ist ein Jahr lang fort gewesen. Es hieß, sie sei im Ausland.”
„Was erzählst du da?” fragt Kaspar unbehaglich berührt.
„Ich? Ach, es ist einerlei, was so ein armer Tropf wie ich sagt. Aber für dich und die andern kann es doch ganz einerlei sein, ob eine Trantonne oder ein Balken mich kaputt gemacht hat.”
„Ja, das ist wahrhaftig einerlei,” sagt jetzt auch Kaspar. „Was hat sie denn im Ausland getan?”
„Es heißt, sie sei Kajütjungfer auf einem Schiff gewesen.”
„Nein, denn ich hab' jedes Jahr von hier aus Briefe von ihr bekommen.”
„Ja ja,” sagt Oliver.
Auf dem Heimwege begegnet er Kaspars Frau; sie ist im Staatsgewand, sieht unschuldig aus und ist auf dem Wege, ihren Mann abzuholen. Im Vorbeigehen sagt Oliver zu ihr, daß ihr Mann auf sie warte; aber ob die Frau nun zu geputzt und zu unschuldig war, um Oliver etwas zu erwidern -- sie eilt nur an ihm vorüber.
Oliver geht heim in sein Haus und zu seiner Familie. Der Besuch an Bord der _Fia_ war entschieden ein Mißgriff gewesen. O, Glück auf die Reise, er würde nicht öfters hingehen. Und was Kaspar und seine Frau betraf, so erwartete er nicht viel von dieser Seite: hier war ein ganzer Ort Mitwisser. Überdies war ein Krüppel durch seine eigene Elendigkeit geschützt, selbst wenn er ein paar Eheleute aufeinanderhetzte.
Er setzt sich an den Tisch und fängt an, über die Mannschaft auf der _Fia_ zu schimpfen, sie sei lauter Pack, er hätte jeden einzelnen durchprügeln sollen, damals, als er noch seine volle Körperkraft hatte.
Petra erwidert nichts, sieht nicht nach der Seite, wo er sitzt, so überdrüssig ist sie seines Geschwätzes und seiner Person. O, dieser Fettklumpen auf dem Stuhl dort, er schnauft, er hat einen regelrechten Anzug an, er hat Knöpfe am Anzug, auf dem oberen Ende sitzt ein Hut schräg auf dem Ohr. Sie kannte alles in- und auswendig, seinen Stelzfuß, der absteht und das kleine Zimmer versperrt, seine Reden, seine Lügen, seine Großmäuligkeit, seine Stimme, die einer Frauenstimme immer ähnlicher wird, die matten wasserblauen Augen, den allzeit feuchten Mund! Mit jedem Jahr verfiel er sozusagen mehr, nur sein Appetit war immer derselbe. Und es gab nicht immer Essen genug.
Merkwürdig! Das Leben in der Stadt ging seinen Gang, und es war sogar stark im Aufschwung begriffen. Als die Tanzlehrerin ihre Arbeit getan hatte und abgereist war, wurde jeden Samstagabend im Rathaussaal getanzt, und ebenso deutlich zeigte sich der Aufschwung in den Kleidern und in der Lebensweise der Leute. Aber bei Oliver und Petra ging nichts aufwärts, nein, nur abwärts ging's, ganz herunter ging's. Hatte nicht der verrückte Mann die Zieraten auf der Kommode verkaufen wollen, den weißen Engel und das Sparschweinchen vom Ausland? Dann eines Tages im Winter ging Oliver in die Stadt und verkaufte das Haus, in dem er wohnte. Es war ein gewissenloses Tun.
Schon mehr als einmal hatte er das Haus verkaufen wollen, der Rechtsanwalt Fredriksen, dem es gehörte, würde einem Krüppel gegenüber doch wohl ein Mensch sein. Aber Rechtsanwalt Fredriksen dachte wohl, er habe Oliver schon genug geholfen, als er ihn mit seiner Bemerkung über die Seemannstat berühmt gemacht hatte; warum tat er nicht noch mehr Großtaten? Das Haus verkaufen, das Haus eines andern --
Oliver wurde einfach verklagt.
Seht, dieser Oliver Andersen hätte ja von Rechts wegen längst hinausgeworfen werden müssen, aber die Stadt beschützte den Krüppel. Jetzt hatte er sich endlich selbst durch ein Verbrechen jegliches Schutzes verlustig gemacht.
Oliver stapfte zum Rechtsanwalt und bat um Gnade, der Handel solle rückgängig gemacht werden, das Ganze sei also fast ungeschehen. Es half aber nichts, der Rechtsanwalt wollte die Gelegenheit benützen, das Haus leer zu bekommen. Nein, es half nichts, bis Petra zum Rechtsanwalt ging und recht hübsch bat; aber auch Petra gelang es nicht gleich beim ersten Male.