Part 33
Oliver legt ein Zeugnis vom Doktor vor, daß er ein maroder Mann sei. Der Staatsrat liest das Zeugnis, gibt es wieder zurück und kann nicht einsehen, was ihn das angehe. „Nein,” sagt auch Oliver. Der Herr Staatsrat habe an so vielerlei zu denken, deshalb sollte er das Haus in seiner Heimatstadt gänzlich aus seiner Erinnerung streichen und für alle Ewigkeit eine Quittung dafür schreiben.
„Nein. Warum denn?”
Oliver sieht ihn vom Boden herauf an und antwortet:
„Sonst bekämen der Herr Staatsrat noch mehr zu denken!”
So hatten sie miteinander geredet.
Dämmerte es dem Herrn Staatsrat Fredriksen, daß sein guter Name in Gefahr war? Kurz und gut, er sah ein, daß er nicht wohl wegen eines Hauses mit einem Krüppel und maroden Menschen in einem Geschäftsverhältnis stehen könne, was würde sein alter Wahlkreis, was würde seine Heimat dazu sagen? Und er schrieb die Quittung.
Eine Zeitlang sonnte sich nun Oliver in seinem Triumph und verbarg das Wohlbehagen nicht, das er dabei fühlte. Noch hatte er Geld, obgleich er auf seiner großen Reise viel davon verbraucht hatte, auch zu Kleidern für die Familie, für den Zollstab, eine Klarinette, für Süßigkeiten, alles miteinander, aber noch hatte er Geld, und sein Wesen war das eines Mannes, dessen Ehre wieder hergestellt ist. Nur eines hatte sich nicht geändert: seine Stellung im Lagerhaus war ihm noch immer gekündigt, und er mußte nun schon in allernächster Zeit dort weg. Hierin lag sein Unglück; nach kurzer Zeit würde das ein Ende mit ihm machen und ihm den Nacken beugen.
Eines Tages nahm sich Oliver eine recht freche und faule Arbeit vor: er ging mit seinem ärztlichen Zeugnis zum Konsul. Ja, zum Konsul selbst. Es war ja beim Staatsrat Fredriksen so glatt abgelaufen. Oliver mußte den Versuch wiederholen, es war allerdings das letzte, zu dem er sich selbst überreden konnte, aber wenn kein anderer Ausweg mehr da war -- -- Er hatte früher von sich selbst niemals so niedrig gedacht, er hätte den Konsul Johnsen mit Zudringlichkeiten solcher Art gerne verschont, hätte die lustigen braunen Augen davor schützen mögen, daß sie sich verschleiern müßten. Aber was sollte er tun? In kurzer Zeit war er brotlos, soviel Anteil konnte der Konsul noch an dem Wohl und Weh der Familie Oliver bezeugen, daß er auch ferner eine Stelle in seinem Lagerhaus für den Krüppel hatte. Alles. Er könnte dem Konsul als Schürze dienen, o, in seiner Ergebenheit für seinen flotten Chef war nichts verändert, er konnte ihm sein Recht abtreten, konnte sein Hund sein, konnte der Wächter seines Harems sein --
Oliver ging zum Konsul.
Das führte zu nichts. Nein, der Konsul und Doppelkonsul Johnsen war nicht mehr derselbe von früher, er ruhte aus, war abgelöst, der Sohn hatte ihm die Macht genommen, der alte Turm war gestürzt. Auch schon äußerlich war es dem Konsul anzumerken, daß er nichts mehr war, grau und fahl sah er aus und sein Rock geradezu nicht recht ausgebürstet. Hätte man es nicht besser gewußt, so hätte man glauben können, er allein von allen andern habe den Aufforderungen im Tageblatt Folge geleistet und sei fromm geworden. Natürlich war er dennoch Konsul für zwei Länder und schrieb seine Berichte an seine Regierungen, er hatte noch immer seine runde Leibesfülle -- aber was sonst? Jetzt hieß es nur Scheldrup und Scheldrup, auf dem Wege zum Sohne ging man am Vater vorüber, ohne auch nur sein Anliegen zu nennen; ja, der Konsul hatte in der letzten Zeit sogar hören müssen, daß ihn die Leute wieder „Johnsen am Landungsplatz” nannten, schlecht und recht Johnsen am Landungsplatz. So waren die Menschen. „Wo ist die Mannschaft von der _Fia_ geblieben?” fragten sie. Allerdings waren es Burschen, die persönlich wohl zehn Jahre fortgewesen waren, aber ihre Familien hatten jedenfalls die Heuer bis zu diesem Tag beim Reeder für sie abgehoben; jetzt aber waren sie ganz verschwunden, auf den Grund des Meeres versunken. Und wer trug schließlich die Schuld daran? O, Johnsen am Landungsplatz! Im Anfang versuchte es der Konsul, sich zu verteidigen, Erklärungen zu geben, aber hatte es überhaupt einen Nutzen, gegen solchen Unverstand anzukämpfen? Sie ließen ihn nicht einmal aussprechen, sie redeten drein, knurrten. Die Zeiten waren vorbei, wo man sich allein schon durch eine dicke goldene Kette auf der Weste als Herr aufspielen konnte.
Oliver hatte in Christiania Glück gehabt, hier am Ort ließ es ihn im Stich. Der Konsul hörte ihn an; er tat Oliver fast leid, als er sah, wie aufmerksam der Konsul zuhörte und wahrhaftig immer hilfloser dreinschaute. Oliver kam nicht einmal dazu, das ärztliche Zeugnis vorzuweisen. „Ich habe mich ja seither gegen dich und die Deinen nicht schlecht erwiesen,” sagte der Konsul. „Jetzt kann ich nichts mehr für dich tun, ich habe nichts mehr zu sagen, laß uns auf bessere Zeiten hoffen.”
O, für einen treuen Diener war es wirklich betrüblich, das mit anzuhören! Dann verfiel Oliver auf den Ausweg, zu dem Halunken selbst zu gehen, zu diesem Scheldrup, und ihm eine aufrichtige Faust zu zeigen. Ob das helfen würde? Ohne Zweifel. Man war nicht umsonst Oliver Andersen. Aber jetzt war die herrliche Innentasche allmählich recht mager geworden, und in demselben Maße hatten auch Mut und Seelenstärke abgenommen. Oliver ließ einen Tag um den andern vergehen, ohne etwas Entscheidendes zu unternehmen, und eines Abends sagte dann Scheldrup zu ihm: nun solle er den Schlüssel des Lagerhauses Berntsen abliefern.
Oliver sollte also am nächsten Morgen nicht mehr kommen, er war verabschiedet.
Das war nicht mehr, als er erwartet hatte, aber trotzdem fiel es jählings und lähmend über ihn herein, nun hatte er nicht einmal soviel Energie gehabt, beizeiten für etwas billigen Kaffee und Grütze zu sorgen, die Familie konnte also von jetzt an Hungerpfoten saugen.
Es vergeht einige Zeit, ein böser Monat, Oliver ist schlechter Laune und wird ungesellig, er spricht nur das Allernotwendigste daheim und treibt sich draußen zwischen den Häusern umher, jedenfalls wenn er einen ordentlichen Anzug an hat. Im Schoße der Familie ist kein Behagen mehr, die Kinder werden blaß, das Messinghorn hängt ungeputzt an der Wand, auch die Großmutter kann es nicht lassen, zu stöhnen und zu seufzen, sie hat nicht eine einzige Kaffeebohne mehr. Da schreit Oliver plötzlich: „Ja, von jetzt an kannst du Kaffee von der Unterstützungskasse bekommen!” -- „Ach, ich bin jetzt so alt, wollte Gott, daß ich im Grabe läge!” erwidert die Großmutter.
Eines Morgens steht es besonders schlimm bei der Familie, und es gibt nicht einmal eine Tasse warmen Getränkes zum Frühstück. Petra kommt vom Brunnen zurück und ist vielleicht durch die andern Frauen ein wenig aufgekratzt, aber Oliver ist schweigsam. Er meinte wohl, jetzt müßte die Vorsehung eingreifen, aber die Vorsehung schien nur mit den Lilien auf dem Felde und mit allen den ungezählten Haupthaaren beschäftigt zu sein. Petra sagt, und es klingt, wie wenn es ihr von jemand Außenstehendem eingegeben würde: „Ich möchte wohl wissen, wie es wäre, wenn ich zu dem Scheldrup ginge und mit ihm redete?”
Darauf gibt Oliver keine Antwort. Seine Wangen sind magerer geworden, noch nie hat er einen so schlappen und unheimlich leblosen Ausdruck gehabt, er kümmert sich um nichts. Er geht aus, und als er um die Mittagszeit von draußen wieder hereinkommt, wirft er sich selbst mit samt der Krücke auf einen Stuhl und fragt höhnisch: „Bist du es nicht gewesen, die zum Scheldrup gehen wollte?”
Die arme Petra trifft dies ganz unvorbereitet, und sie antwortet nur: „Doch --”
„Aber du bist nicht gegangen?”
Sie gewinnt ihre Seelenruhe wieder und macht Einwendungen: Heute? Sie könne doch nicht stehenden Fußes hingehen, sie müsse sich erst etwas Wäsche waschen, sie sei unordentlich angezogen.
Als sie dann aber am nächsten Tag ordentlich angezogen und hergerichtet bereit war, da war sie auch wieder ein verflixt prächtiges Frauenzimmer, Oliver hätte nur ihren Mund sehen sollen, wie er gewölbt war und wie es um ihre Lippen spielte wie eine wahre Galoppade, Oliver hätte sie küssen können, aber er war leblos. Was hatte sie nun davon, daß sie hübsch war?
Ihr Besuch bei Scheldrup Johnsen führte zu nichts, sie kam zu einem Stein, einem Holzklotz, Scheldrup wies sie ab, er habe keine Verwendung für Oliver, er sei nicht in der Lage, ihn noch länger zu füttern -- nun, reden wir nicht mehr darüber! O, Scheldrup hatte wohl eine gewisse ernste Backpfeife, die Petra ihm in seiner Jugend versetzt hatte, nicht vergessen; jetzt war er ein Bräutigam und ein kleinlicher Geselle, er glich seinem Vater, dem Konsul, ganz und gar nicht, der oftmals recht freigebig sein konnte.
Da blieb denn nichts anderes übrig; Oliver steigerte sich so weit in Wut hinein, daß er selbst zu Scheldrup ging. Ein verhängnisvoller Schritt, der für ihn bittere Widerwärtigkeiten im Gefolge haben sollte. Seine alte Art des Vorgehens, nämlich mit dunkeln, drohenden Worten und einem schielenden Blick von unten herauf, nützte ihm hier gar nichts, Scheldrup war ein moderner, entschiedener Mann mit gehärteten Gefühlen. Meinte man, dieser Herr fürchte sich vor einem Skandal, so täuschte man sich, das könnte höchstens sein, wenn er noch etwas dabei verdiente; in diesem Falle konnte er ganz ruhig sein, er hatte Fräulein Olsen, was auch geschehen mochte.
Oliver mußte den Kürzeren ziehen, er benahm sich verkehrt und verlor das Gleichgewicht, er schrie. „Still!” wehrte Scheldrup scharf ab. Oliver schleuderte sein wertvolles ärztliches Zeugnis auf den Tisch; nun ja, auch Scheldrup Johnsen nahm das Papier und las es, darauf fragte er: „Was soll das bedeuten?”
„Ich bin nicht Vater,” sagte Oliver.
Scheldrup fragte lachend: „Ja, was zum Henker geht das mich an?”
Dieser Handelsmann hatte kein Verständnis für das unerhörte Schicksal, dem er hier gegenüber stand, er hatte wohl auch nur einen oberflächlichen Eindruck von der Gemeinheit und der Schmach, die in den Worten des Krüppels zum Ausdruck kam; er lächelte noch immer. Oliver aber sank wie gewöhnlich zusammen und erbleichte; er sagte alles, was er nicht hätte sagen sollen, nannte seine fünf Kinder, wiederholte sich und redete von braunen Augen, o hübsche Augen, die braunen --
„Mach, daß du fortkommst!” sagte Scheldrup.
„Braune Augen --”
„Na, und was ist damit?”
Oliver hatte alle Haltung verloren, aber bei dieser harten Verständnislosigkeit flammte seine Anzüglichkeit noch einmal hell auf. „Ja, lachen Sie nur! Wer hat denn braune Augen hier in der Stadt --?”
„Ich!” unterbrach ihn Scheldrup, und dann lachte er nur noch mehr.
„Nein, nicht Sie, daß wissen Sie wohl. Was Sie haben, das ist einerlei. Aber was manche andere haben --”
„So, nun hör' einmal,” sagte Scheldrup, indem er aufstand, „es nützt dem Doktor auch diesmal nichts, nimm nur sein Papier wieder an dich und und geh! Jetzt ist es Ernst.”
31
Es vergingen nicht viele Tage, da verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, daß Oliver nicht bloß ein Bein habe, sondern daß er auch noch auf ganz besondere Weise marode sei, daß er ein ärztliches Zeugnis habe, demnach seine Kinder nicht seine eigenen seien. Was blieb dann noch von ihm übrig? Das Gerücht erreichte auch Olivers eigene Ohren, und zwar durch den Schreiner Mattis.
Das auch noch, diese Schmach zu allem andern hin auch noch! Wie war das so still bewahrte Geheimnis enthüllt worden? Kann irgendein Geheimnis bewahrt werden? Durch die Wände sickert es heraus, die Pflastersteine reden davon, alles Stumme bekommt eine laute Stimme, ein junger Handelsmann wirft es vielleicht als einen guten Witz den Menschen lachend hin.
Der Schreiner Mattis grämt sich augenblicklich darüber, daß er einen unschuldigen Mann betreffs Maren Salts Kind im Verdacht gehabt hat, er ist sehr aufrichtig und sehr ungeschickt, er will sein Unrecht wieder gut machen und paßt deshalb Oliver auf der Straße ab, begrüßt ihn und streckt ihm die Hand hin. Es ist ein unglaubliches Zusammentreffen, das die beiden Männer einander gegenüberstellte.
„Ja,” sagt Mattis, „ich hab' dich nur einmal begrüßen wollen. Und daß du es entschuldigen sollst, wie ich gegen dich gewesen bin!” Er spricht so vorsichtig wie möglich und bringt es auch wirklich so weit, sich Oliver gegenüber, der keinen Unrat merkt, eine Weile vollkommen unverständlich zu machen. O, dieser Schreiner Mattis, da steht er, ein sonderbarer Kauz, ein komischer Prachtmensch, er sieht davon ab, daß Oliver ihm unrecht getan hat, ihn um zwei Türen betrogen, ihn um einen goldenen Ring, ja gewissermaßen um Petra selbst geprellt hat, er ist nur darauf versessen, sich zu entschuldigen, er habe keine Ruhe mehr gehabt, seit er gehört habe, wie Oliver sei --
„Wie ich sei?”
„Ja, daß du so marode und so operiert bist.”
Oliver starrt ihn an, und schließlich sagt er: „So, das weißt du?”
Oho, warum sollte Mattis es nicht wissen! Die Stadt redete davon, Maren Salt hatte es gestern vom Brunnen mit heimgebracht, und es wurde, mit Einzelheiten und Zusätzen ausgeschmückt, weiter verbreitet; es war nicht so besonders traurig, es war auch etwas komisch, ja urkomisch. Und dann die Petra, die ihre Kinder selber machte, das brachten nicht alle Frauenzimmer fertig, hihi!
Mattis geht nicht gerade scharf auf dieses ein, aber er bezeugt Mitleid mit dem Verstümmelten und läßt einige Worte darüber fallen, wie schwer das Leben ihn doch mitgenommen habe, ja, das sei sehr traurig. Oder ob am Ende alles rump und stump erlogen sei?
Oliver stand vor ihm mit gesenktem Kopf, er war im Augenblick ganz verwirrt und wußte wohl nicht recht, ob er seinen Fall leugnen oder eingestehen solle. Er gab nach, ließ alle Keckheit fallen und sagte: „Nein, es ist nicht gelogen.”
Bei dieser Antwort schien sich der Schreiner plötzlich erleichtert zu fühlen, ja, wie wenn vor ihm plötzlich ein Hindernis aus dem Wege geräumt worden wäre, was es nun auch immer sein mochte. Dachte er in diesem Augenblick an eine Sache, die ihn nur ganz allein anging? Dann sagte er zu Oliver: „Ja ja, du Armer, wenn du so unglücklich gewesen bist! Aber nun will ich dir etwas sagen: keiner von uns weiß, wie es ihm selbst noch gehen kann, wir stehen alle in der Hand des Schicksals. Denk' dir, bei uns hat das Kind eines Tages die Zündhölzer erwischt und damit die Hobelspäne in der Werkstatt angezündet! Es hätte selbst verbrennen können.”
Mattis schwatzt, er tröstet Oliver, sagt „du Armer” zu ihm und tut, was er kann. Und um von dem einen aufs andere zu kommen, fährt er fort, so solle er jetzt für Abel eine Bettlade machen. Dieser sei heute morgen bei ihm gewesen und habe sie bestellt; in vierzehn Tagen müsse er sie haben.
„Ach so,” sagt Oliver, „für Abel?”
Ja, für Abel. Er wolle sich verändern. Es sei höchst merkwürdig, wie schnell die Jugend jetzt heranwachse und ehe man sich's versehe, selbständig werde. Was man dazu sagen solle? Aber abgesehen davon, so seien die Menschen in höheren Jahren ebensogut in der Hand des Schicksals. So sprach Mattis, ja, er drosch die ganze Zeit leeres Stroh.
Als Oliver nichts erwidert, sagt Mattis gerade heraus: „Ich will mich jetzt auch verändern, mit Respekt zu vermelden.”
Oliver hat das Talent, seine eigenen Angelegenheiten loszulassen und auf die der andern zu hören, deshalb fragt er überrascht: „Du?”
„Ja, du magst wohl fragen! Aber jetzt ist es sicher,” der Schreiner nickt bekräftigend. „Maren will den Jungen nicht hergeben, und ich Esel hab' mich nun ein wenig an ihn gewöhnt; aber wenn ein Kind die Hobelspäne in der Werkstatt anzündet, dann verbrennt es, das wissen wir alle. Und da krabbelt er die ganze Zeit um mich herum, und am Sonntag nimmt er mich bei der Hand und sagt: „Ausgehen, ausgehen!” Er ist ein merkwürdiger kleiner Kerl. Es ist jedoch nicht so, daß ich ihn nicht entbehren könnte, aber Maren will ihn auch nicht hergeben.”
Wieder eine lange Litanei, schließlich fragt Oliver: „Dann nimmst du also die Maren?”
„Was soll ich tun?” versetzt der Schreiner. „Ja, es ist die Maren.”
Aber wie merkwürdig, als der Schreiner Mattis schließlich weitergeht, scheint es ihm gar nicht mehr so schrecklich vorzukommen, daß er die Maren zu heiraten gedenkt, es ist im Gegenteil, als eile es ihm, heimzukommen. Es ist ihm vielleicht eine Last abgenommen worden, ein Druck von seiner Seele, Gott weiß es. Hatte es vielleicht dem Schreiner über das Schlimmste hinweggeholfen, daß Oliver jedenfalls mit Maren und ihrem Jungen nichts zu tun hatte? Wer nun auch der Vater sein mochte, Oliver war es jedenfalls nicht.
Und dort wandert auch der Krüppel heimwärts. Natürlich gibt es niemand, der sich nicht von ihm zurückgezogen hätte, der sich nicht vor ihm versteckt hätte, er ist ja so verstümmelt, so merkwürdig zugerichtet, er ist den Menschen widerlich. Kann er erwarten, irgend jemand werde ihn gutwillig ansehen? Sein wabbeliges Fett ist furchtbar, sein Wesen abstoßend, seine Sprünge auf der Straße unerträglich. Selbst als Tier, als Vierfüßler ist er unvollkommen, und er ist nicht nur ein Krüppel, er ist ein ausgehöhlter Krüppel, ist leer. Einmal war er ein Mensch.
Da hinkt er daher. Sogar der Schreiner Mattis ist von ihm fortgegangen.
Da er den Weg am Doktor vorbei nimmt, hat er vielleicht diesen im Verdacht, sein Geheimnis verraten zu haben, und will Rechenschaft von ihm fordern. Kann Oliver noch von jemand Rechenschaft heischen? Das ist vorbei. Er sieht den Doktor am Fenster seines Sprechzimmers stehen und macht, daß er weiterkommt; vielleicht ist ihm auch klar geworden, daß er auf falscher Fährte ist. Er geht vorbei, die ganze Straße hinunter, der Doktor steht an seinem Fenster und folgt ihm mit den Augen. Oliver ist eine Erscheinung, ein Problem, der Doktor macht sich seine Gedanken über ihn und schätzt ihn auf seine eigene Weise ein. Dieser Hinkebein hat etwas durchgemacht, ein Wirbelsturm hat ihn erfaßt, der Blitz hat ihn getroffen, er ist vernichtet. Der Volkswitz hat ihn einmal die Qualle genannt, ein Spitzname, den seine eigene lustige Frau aufgebracht haben soll. Der Doktor fand diesen Spitznamen dumm. Die Qualle ist nicht vernichtet. Die Qualle, das ist wie eine Entleerung, ist Schleim, jawohl, sie ist ohne Umriß, ohne Haltung, jawohl. Aber es ist als Schleim ein farbenreiches Wunder, ein abenteuerliches Spiegelei. Was ist Oliver? Er hüpft auf dem Boden herum, er ist ein Kuriosum, ein Rebus. Was seinen Gliedern fehlt, kann jeder sehen, dort hinkt er dahin, er ist nicht einmal körperlich anwesend, nur ein Teil von ihm hinkt dort die Straße hinab; was ihm sonst noch fehlt, hat jetzt des Doktors Magd am Brunnen erfahren. Eines Tages wurde er von dem gemeinsamen Lebensinhalt der Menschen losgelöst, es geschah in Bausch und Bogen, mit einem Messerschnitt, von diesem Tag an hat er außerhalb der Menschheit gestanden, er verlor seine Wirklichkeit, er wurde eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sind das zu starke Worte? Wieso -- ist er nicht vernichtet? Bitte, untersucht ihn noch einmal, es ist eine ungewöhnliche Fehlerlosigkeit in seiner Leerheit, diese ist besonders vollkommen, das Unglück hat sie potenziert, hat den früheren Matrosen zu etwas gemacht, was nichts ist. Er ging unter, sein Untergang ist ein Meisterwerk, er ist unerhört gut bewerkstelligt und mit Absicht ausgeführt.
Wartet ein wenig! Da er lebt, ist er doch nicht ganz ausgelöscht, er ist ein Rest, der sich mit einem Stelzfuß und einer Krücke ausspreizt; man kann mit ihm eine Ruine bilden, einen hebräischen Buchstaben. Warum hat ihn der Tod verschont? Fragt die menschliche Vorsehung! Was war ihre Absicht dabei? Sollte dieser Mann nur ein mißglückter Versuch sein, ein Entwurf zur Vernichtung? Er ist ein Rest, dieser Rest hat Reste, kommt und holet sie, ein Bein ist ihm noch geblieben, er kann sprechen --
Einmal war er ein Mensch.
Es ist ihm noch soviel gelassen worden, daß er die ganze Zeit über den Mut hatte, das Leben weiterzuschleppen. Gut gemacht! Er hat Kunstgriffe gebraucht, um das zu leisten, er log, um den Schein zu retten, gab sich fälschlicherweise als Mann aus, trug lange Hosen. Um einen Mangel zu verbergen, erfand er die Prahlerei mit der Trantonne, er kleidete den Fall in eine erhabene Würde und nannte ihn Schicksal. Er hatte seine Ehre zu retten durch einen Betrug; wenn er dafür gelten wollte, daß er sei wie andere seien, daß er mit dem gleichen Maßstab zu messen sei wie sie, dann mußte der arme Tropf seinen eigenen Maßstab anlegen und sich selbst überreden, daran zu glauben. Vielleicht fand er dabei sein bescheidenes Glück, jedenfalls hatte er kein anderes. War es also lauter Kunst? Nichts als Kunst. Aber kein schlechtes Kunstwerk.
Jetzt ist alles an den Tag gekommen, das Kunstwerk ist als solches aufgedeckt, der Künstler entschleiert, die Magd des Doktors hat die unaussprechlichsten Dinge am Brunnen gehört. Petra sei vom Mond besucht worden und habe davon Kinder bekommen, hihi! Aber Oliver selbst sei der Hausherr gewesen; seit zwanzig Jahren habe er angesichts aller in einem Lagerhaus gestanden und habe den Menschen gespielt. Eine Behandlung, wie sie diesem Oliver zuteil geworden ist, hätte jeden andern dazu gebracht, in sich zu gehen, die Einsamkeit zu suchen, Gott zu suchen, wozu wären denn sonst die Züchtigungen da? -- Aber Oliver? Nein. Das mußte Verstockung sein. Die Frau Doktor brachte den Klatsch vom Brunnen zu ihrem Manne hinein. Der Doktor sagte: „Das ist witzig, können die Menschen seinen Mangel an Gottergebenheit jetzt, wo er vernichtet ist, nicht begreifen? Hat er sich nicht mit Gott abgegeben? Sollte es ihn vielleicht nicht Anstrengung kosten, sich mit den Maßnahmen der höheren Macht einverstanden zu erklären?”
Da steht nun der Doktor und folgt dem Krüppel mit den Augen, er redet vor sich hin und findet wieder Worte für seine kecke Jugend, seine Lebensauffassung hat keine Veränderung erlitten: Ein Orientale in Fett und Unfruchtbarkeit. Aber war er das wenigstens? Er ist unbekannt in der Biologie, ein Tier mit hölzernen Gliedern. Was hat es übrigens geholfen, daß er so zugerichtet worden ist? Er wurde ja groß dadurch. Invalide, jawohl, aber Veteran. Die ganze Zeit hat er aufrecht dagestanden, auf seinem einen Bein, auf seinem Holzpfahl, und wurde nichts Geringeres als ein Säulenheiliger. Hoho! Diese Vorsehung der Menschen!
Dann verschwindet Oliver ganz oben an der Straße.
Oliver geht heim. Petra ist nichts Ungewöhnliches anzumerken, aber sie weiß gewiß alles. Da ihr Ton nicht anders ist als sonst, erwachen seine Lebensgeister aufs neue, er merkt, daß er hungrig und gut aufgelegt ist, er sieht ein Gericht auf dem Tisch stehen, das vielleicht nicht für ihn bestimmt ist, aber es spricht vieles zu seiner Entschuldigung, wenn er sich eilig darüber hermacht. Es ist kalte Grütze. Um Vorwürfen von Petras Seite vorzubeugen, erzählt er ohne alle Umschweife: „Nun will sich Mattis wirklich endlich verändern.”
Petra merkt seine List wohl und gibt nicht auf einmal nach, sie sagt: „Was, du ißt ja die ganze Grütze auf. Das muß ich sagen!”
Schweigen.
Im übrigen ist ja Olivers Neuigkeit sehr groß und merkwürdig, und Petra fragt: „Hast du den Mattis selbst gesprochen?”
„Ja.”
„Wen will er nehmen?”
Oliver schweigt eine Weile, dann antwortet er: „Wen er nehmen will?” und schweigt wieder.
„Na ja, das geht mich ja nichts an,” sagt Petra und kommt dann auf die Grütze zurück. „Jetzt ist die Schüssel leer, was sollen wir nun zu Abend essen?”
„Er will die Maren nehmen,” sagt Oliver jetzt.
Petra braucht eine Weile, bis sie es glauben, bis sie es fassen kann, sie wird ganz komisch eifersüchtig und lästert über Maren, spuckt über Maren aus: Ein Weib in Methusalems Alter, eine Magd mit einem Kind! O, es war ein Glück für Oliver, daß er mit dieser Neuigkeit heimkommen konnte, sie zog die Aufmerksamkeit der Frau von allem andern ab, seine eigenen Widerwärtigkeiten traten in den Hintergrund.