Part 30
Weiter ging sie nicht, o nein; aber wenn er ihr in diesem Augenblick zu verstehen gegeben hätte, daß sie jetzt seiner rasenden Liebe nicht mehr ausweichen könne, dann wäre sie wohl schwankend geworden. Es waren nun mehr als zwei Jahre verflossen, seit sie sich zum letzten Male gesprochen hatten, sie war indessen noch älter geworden, ein paar Briefe in der Zwischenzeit hatten eine hinsterbende Erinnerung nur gerade am Leben erhalten. Mit dem andern Maler, dem Tünchersohn, wurde es nichts, der war nur ein Künstler und Bruder Leichtfuß; o, er war beständig in die eine oder andere verliebt, daran fehlte es durchaus nicht, aber er hatte keine Beständigkeit. Schließlich ging er hinunter an den Landungsplatz und malte den Olaus vom Wiesenrain. Das schickte sich nicht, nachdem er Konsul Olsens gemalt hatte; wahrhaftig, Konsul Olsens bildeten sich nichts darauf ein, aber sie würden in der Leute Mund kommen. Und im übrigen -- einen Maler heiraten, das war so eine Sache, ihre Schwester hatte es erfahren, sie hatte es nicht so ergötzlich, sie redeten sogar von Scheidung -- die neueste Mode im Lande. Sie hatte jetzt zwei Kinder und war überdies in den ersten Jahren verschiedentlich zu sehr langem Aufenthalt bei den Eltern gewesen, um die Ausgaben für den Haushalt zu vermindern, und wenn sie wieder abreiste, bekam sie eine Menge Geld und vollgepackte Kisten mit. Im letzten Jahr hatte sich dieses Verhältnis allerdings geändert, der Maler hatte einen größeren Namen bekommen, er stellte in Berlin aus und verkaufte seine Bilder zu höheren Preisen. Die Folge davon war, daß jetzt er, der Maler, auf eine Scheidung anspielte, jetzt konnte er auf eigenen Füßen stehen. Das war sehr traurig und sehr dumm, und bis jetzt war ja die Katastrophe abgewehrt worden, aber es war jedenfalls eine unglückliche Ehe daraus geworden. O, diese Künstlerverbindungen, sie waren nicht immer dauerhaft!
Aber wie stand es mit dem Bureauvorsteher beim Hardesvogt? Abgereist. Er war ein Jahr da, dann kam er in das Revisionsdepartement, niemand vermißte ihn, niemand bedauerte seinen Fortgang. Sein Nachfolger war wieder ein juristischer Kandidat, aber es zeigte sich, daß er sowohl Braut als Verlobungsring hatte -- was wollte der hier in der Stadt, und was hätte Fräulein Olsen mit ihm anfangen können? Als er Besuch machte, ging sie zwar nicht aus dem Hause, nein, das tat sie nicht, aber sie blieb ganz einfach auf ihrem Zimmer, warum hätte sie hinuntergehen sollen. Später sah sie ihn in der Stadt, er sah aus wie ein Flüchtling, mit abgetragenen Beinkleidern, sehr nachdenklich und niedergedrückt, aber mit Braut und Verlobungsring. Einen solchen Mann mußte man in Frieden lassen.
Und so war Fräulein Olsen noch immer zu Hause; sie wurde älter und beschäftigte sich mit ihren Erinnerungen. Ihr Herz hatte den Rechtsanwalt wahrscheinlich nicht vermißt, aber er war ihr nicht so ganz aus dem Sinn gekommen, er war der sprichwörtliche Sperling in der Hand. Wie war es wohl, hatte er Aussicht, Staatsrat zu werden? Noch immer war es die Natur selbst, die Fräulein Olsens Politik führte, einmal mußte doch auch sie eine verheiratete Frau werden.
„Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anzünden?” sagt sie zum Rechtsanwalt.
Er fing an, von dem Untergang der _Fia_ zu sprechen, das sei ein ordentliches Menetekel für die Familie Johnsen. Denken Sie doch, ein Dampfschiff nicht einmal versichern! Was denn der Konsul auf seinem Kontor tue, wenn er eine so überaus wichtige Sache vergesse? Das müßte doch eine Grenze haben! Allerdings solle man ja mit Menschen, die im Unglück sind, Mitleid haben, aber Gott wisse es, vielleicht schadete dem guten Johnsen so eine Züchtigung gar nichts. Sie hätten ja alle miteinander einfach unverschämt dumm-groß getan.
„Ich weiß nicht,” sagt Fräulein Olsen, „den Scheldrup halt' ich nicht für dumm.”
Der Rechtsanwalt erwidert gleichgültig: „Was der Scheldrup ist oder nicht ist, das weiß ich auch nicht. Ich rede von der Tochter und den Eltern.”
„Ich möchte wissen, wie es der Scheldrup aufnimmt. Was meinen Sie, daß er nun ergreifen wird?”
Da sieht sie der Rechtsanwalt wie aus einer ganz andern Welt an, er kann es nicht lassen, die Stirne zu runzeln und sie anzusehen. „Ihre Frage ist sehr komisch,” sagt er, „ich hab' mich wirklich nicht mit ihr abgegeben, denn ich hab' an andere Dinge zu denken. Was der und jener Junge anfangen wird? Ich weiß es nicht, er wird wohl das tun, was er bisher auch getan hat. Steht er nicht hinter einem Ladentisch oder etwas Ähnlichem?”
„Scheldrup! Nein, er hat nie hinter einem Ladentisch gestanden.”
„So, also nicht. Ja, mir ist es gleichgültig.”
„Vielleicht kommt er jetzt heim und übernimmt das Geschäft.”
Den Rechtsanwalt ärgert dieses Gerede, und er versucht, noch mehr von oben herab aufzutreten. „Wer künftighin dieses bankerotte Geschäft und den kleinen Laden übernimmt, darüber nachzudenken hab' ich wirklich noch keine Zeit gehabt. Vielleicht ist der Scheldrup der Mann dafür, ich weiß es nicht. Hat er etwas gelernt?”
„Etwas gelernt? Ja, das wird er wohl im Ausland in all den Jahren getan haben.”
„So? In die Schule gegangen, auf fremden Universitäten studiert? Merkwürdig, daß niemand etwas davon gehört hat!” -- Aber hier geht wohl dem Rechtsanwalt ein Licht darüber auf, daß er in völlig verkehrter Weise vorgeht, und er sagt: „Es ist überhaupt nicht die Rede von Scheldrup Johnsen, sondern die übrige Familie ist es, der es vielleicht ganz gut tut, wenn sie den stolzen Nacken beugen muß. Sie war's, die ich gemeint hatte.”
Fräulein Olsen kann es sich leisten, ein gutes Wort für Fia einzulegen.
„Fia malt so hübsch,” sagt sie.
„Finden Sie das?” Hier sieht der Rechtsanwalt aus, als könne er sich gezwungen fühlen, sich anders auszusprechen. Als das Fräulein fragt: „Ja, finden Sie das nicht auch?” antwortet er: „Wollen wir nicht von etwas anderem reden -- Sie und ich?”
Da kam er nun auf seine eigene Angelegenheit.
O, nun aber war es wohl möglich, daß es besser gewesen wäre, wenn er geschwiegen hätte. Er hatte nicht den rechten Schick. Fräulein Olsen mußte natürlich seine jahrelange kühle Zurückhaltung auffallend gefunden haben, und nun sollte er sich erklären, sich gewissermaßen entschuldigen, das war keine einfache Aufgabe. Wo hätte er die schwierige Kunst lernen sollen, um ein Herz zu werben, aber die Mitgift zu meinen? Außerdem war seine Löwenstimme gegen ihn, die war für Schlägereien und Wortkämpfe, hier aber sollte sie etwas hinhauchen, gewissermaßen singen, wahrlich, ein anderer hätte es aufgegeben. Aber er verstand die Gefahr nicht und ging nur drauflos.
Es war ein Glück, daß es das Fräulein damit nicht so genau nahm. Im Lauf der Jahre hatte sie sich ja einige vornehme Unarten angewöhnt, aber sie hatte noch ein richtiges Verständnis für die Dinge und war kein kleines Mädchen mehr. Fia Johnsen war wirklich mit ihrem Komtessewesen auch nicht so sehr weit gekommen.
Der Rechtsanwalt begann ja zu nachdrücklich -- der Bauer, der Klotz! Zusammenarbeiten, sagte er, ob also die Rede von einem Zusammenarbeiten zwischen ihnen sein könnte? Ob sie darüber nachgedacht habe?
Darauf antwortete sie nichts, aber Zusammenarbeiten, was war denn das? Sie fand jedenfalls nicht, daß das ein Wort sei, das ihr keine andere Wahl ließ, entweder puterrot zu werden oder das Zimmer zu verlassen.
Nun entwickelte der Rechtsanwalt deutlicher, wie er in diesen zwei Jahren immer an sie gedacht habe -- sie habe ihn vielleicht in dieser Zeit vergessen, aber er habe nichts vergessen, er könnte auf die Beilagen hinweisen, seine beiden Briefe. Alles, was er bei ihrer früheren Zusammenkunft ausgesprochen habe, sei in den Briefen wiederholt, und das gelte auch jetzt noch. Also, Fräulein Olsen, nun ist die Frage die: ist etwas Verständnis und Neigung auf beiden Seiten vorhanden?
Keine Antwort. Er wartete reichlich lange, und schließlich sagte sie wie er: „Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!”
War das nun wieder Ziererei? Er fühlte sich wohl nicht mehr ganz sicher, ihr Gerede über Scheldrup Johnsen hatte ihn unsicher gemacht; sie hatte so bestimmt behauptet, daß er nie hinter einem Ladentisch gestanden habe und daß er nun heimkommen werde, um das Geschäft zu übernehmen. Was bedeutete das alles in einem Augenblick wie diesem? Zum Henker, er konnte nicht singen, aber er redete weiter, ob sie längere Bedenkzeit haben wolle? Für ihn sei die Zeit jetzt gekommen, die Ungewißheit habe ihn gerade an diesem Morgen fortgetrieben, um für sich zu reden und zu hören, wie die Sache stehe. Aber vielleicht möchte sie doch lieber noch eine längere Bedenkzeit haben? fügte er hinzu.
„Ja,” sagte sie nur.
Wirklich? Er müsse gestehen, das könne er kaum glauben, nach Verlauf von zwei langen Jahren und nach allem, was zwischen ihnen vorgegangen sei. Ob sie denn nicht gerade herausgesagt finde, daß diese Stadt allmählich ein trauriges Loch geworden sei? Eine Stadt voll Kummer und Bankerott und Elend, an andern Orten lachten die Leute und es gehe ihnen gut. Welche Art Belustigungen man denn hier habe?
Hier warf sie lächelnd ein: „Ich bin nicht an Belustigungen gewöhnt.”
Aber sie könne es werden! lautete die Entgegnung. O, an andern Orten alle die vornehmen Straßen und die Schaufenster und Tivoli und Kaffeehäuser, ob sie denn das nicht reizen könne? Und was die Lebensweise betreffe, so handle es sich ja nur darum, wie man sie selbst bestimmen wolle, es gebe nichts, gar nichts, was man dort nicht bekommen könne. Alle Annehmlichkeiten des Lebens seien da auf einem Brett beisammen, die Zeitungen erschienen jeden Morgen und jeden Abend, die Musik spiele, beim Landtag würde geflaggt; am Sonntag könne man, wenn man wolle, den ganzen Tag im Bett liegen, oder man könne ins Theater gehen, oder mit der Straßenbahn irgendwo hinfahren, oder im Studentenwäldchen spazieren gehen, oder einen guten Vortrag hören. Was man hier am Ort denn habe! Wenn sie wolle wie er, dann zöge sie fort von hier --
Auch das war eigentlich kein Gesang, aber es war doch nicht so ganz verkehrt, und das Fräulein hätte nun einiges Interesse an den Tag legen sollen; aber nein. Gott weiß, was hergehörte, um diese Dame etwas aus dem Konzept zu bringen? Der Rechtsanwalt rückt ihr vorsichtig immer näher und erreicht sie schließlich; er hat in der Hauptstadt etwas gelernt, er tastet weniger ängstlich, legt schließlich den Arm um sie und sagt: „Liebes Fräulein, wenn es doch zu einem etwas besseren Verständnis zwischen uns kommen könnte!”
Sie stand auf, das tat sie, stand auf, lief aber nicht nach der Tür, die Dame stand nicht vor etwas Unumgänglichen, sie sah ihn nur an und sagte: „Ich hoffe, Sie sind nobel, Fredriksen?”
„Natürlich. Hm. Aber Damen pflegen doch im Gegenteil Freude an ein wenig Hofmacherei zu haben,” sagte er, und dabei nickte er und zwinkerte mit dem einen Auge, als habe er recht genaue Kenntnis gewonnen. Er habe durchaus nichts Böses gemeint, nur eine Annäherung, sie wisse doch, wer er sei, sie kenne ihn --
„Ja, das allerdings,” erwiderte sie und setzte sich auf das Sofa.
Er sei ja mit einer Menge Damen zusammengewesen, das fehle durchaus nicht, habe auch an den Gesellschaften auf dem Schlosse teilgenommen, berühmte Sängerinnen gehört und was dergleichen mehr sei -- o ja, und einige seien richtig feinfein und nach seinem Geschmack, einzig in ihrer Art gewesen, sie hätten tief ausgeschnittene Kleider an, machten die tiefsten Verbeugungen, trügen Halsketten und Brillanten. „Aber eine Familie mit so einer gründen und sie zur Lebensgefährtin erwählen -- nein!” donnerte Fredriksen und schüttelte den Kopf. Er habe im Gegenteil immer an eine gewisse Dame in seiner eigenen kleinen Stadt gedacht, und auf sie habe er seine ganze Hoffnung gesetzt --
„Auf Fia,” warf Fräulein Olsen ein.
Wie plötzlich das herauskam! Er wurde ein wenig verdutzt und bemerkte nur: „Warum nennen Sie gerade diese?”
Fräulein Olsen lächelte.
„Fia,” sagte er, „lassen Sie sie nur in Ruhe, lassen Sie sie in ihrem roten Hut spazieren gehen und lassen Sie sie ihre Bilder malen. Ist es nicht wahr, wenn ich sage, kann man sich ein unnützlicheres Geschöpf denken? Aber das geht uns nichts an, ich begreife nicht, warum wir von ihr sprechen. Ja, mißverstehen Sie mich nun nicht, Fräulein Olsen, die Kunst und schöne Bilder und Gemälde haben ihre große Bedeutung. Ach, du lieber Gott, aber wie so ganz anders sind Sie als dieses Frauenzimmer, es ist nicht halb soviel an ihr wie an Ihnen, dünn und zart und lange Stelzen. Gott bewahre mich davor!”
Es konnte Fräulein Olsen nicht unlieb sein, auch einmal vorgezogen zu werden und als die erste zu gelten, seinerseits war der Rechtsanwalt keineswegs karg: wenn Anerkennung ihr etwas Ungewohntes war, dann sollte sie solche jetzt bekommen! Fräulein Olsen steht wahrhaftig auf und stellt den Aschenbecher vor ihn hin, da hat er es behaglich, und bei dieser Freundlichkeit, dieser Häuslichkeit riß ihn wohl die Liebe mit fort, und er nahm sie in den Arm. Sie wiederholte nur: „Seien Sie nobel, Fredriksen!” entfloh aber nicht wie ein Traum, sondern ließ sich neben ihm auf einen Sessel niederfallen. Er war ja nicht gefährlich und gefräßig, er war nur ein wenig grob und ungebildet wie alle Männer -- was übrigens die Mannsleute nicht übel kleidet.
„Aber Sie müssen doch zugeben, daß Sie sehr hingenommen von Fia gewesen sind,” sagte sie.
„Von Fia?” Daß sie das sagen konnte, daß sie das in den Mund nehmen mochte! Hören Sie einmal, eine Malerin, die reine Bleichsucht! Fräulein Olsens wegen würde er sofort die ganze Welt umsegeln, aber Fias Bilder wegen keinesfalls. „Da haben Sie's!” Die Kunst jawohl, aber fürs Tägliche ziehe er im ganzen genommen Fräulein Olsens Beine und Arme und Brustpartie und Figur vor. „Ach, Fräulein Olsen!” sagte er.
„Sie hat hübsche Zähne.”
Sprachen Sie denn noch immer von Fia? Beim Satan, wie zäh war doch Fräulein Olsen, wenn sie von etwas zu sprechen angefangen hatte. Er antwortete damit, daß er sich an sie anlehnte, bedeutend näherrückte, daß er den Arm um sie legte und sich's an ihrem warmen Rücken bequem machte. Und natürlich redete er währenddessen: nun wolle er ihr sagen, wer hübsche Zähne habe. Und jetzt wolle er ihr sagen, wer ein hübsches stattliches Mädchen und ein Schmuck in ihrem reichen Hause sei. Er sei ja jetzt in vornehmen Häusern gewesen, ja, geradezu an höheren Orten, deshalb könne er vergleichen, und das wolle er hervorheben, eine so herrliche Gestalt und so herrliche Formen im großen und ganzen genommen -- wohingegen Fia, sehen Sie nur an sich selbst hinunter, Fräulein Olsen, und dann sehen Sie Fia an, das ist, Gott helfe mir, wie wenn man aus den Wolken wieder auf die Erde herunterkommt. Und im übrigen, alles, was sie sagt und tut und wie sie aussieht -- lauter Kunst und Finesse und Spitzen und Ziererei alles miteinander.
Fräulein Olsen mußte über die Spitzen lachen, und da wuchs dem Rechtsanwalt der Mut noch mehr. „Wären es wenigstens Spitzen an Beinkleidern gewesen!” sagte er.
Er fühlte, wie sich ihm ihr Rücken etwas entzog, als ob sie aufstehen wollte, aber sein Arm hielt sie fest. Ja, das habe er gerade heraus sagen müssen. Und hohoho, lachte er, man wolle sich doch nicht nur mit Luft verheiraten. Er gehöre nicht zu denen, die die Freuden des Lebens verachteten, im Gegenteil, er sei in dieser Beziehung ein Freund von guten Narrenstreichen und Annehmlichkeiten, und wenn er es recht verstehe, so sei Fräulein Olsen selbst genau so beschaffen und gerade so angelegt, nicht wahr?
„Jetzt müssen Sie mich loslassen,” sagte sie, und wieder glitt ihr Rücken von ihm weg.
Er mußte zum Ernst und dem Geschäftlichen zurückkehren; nun erklärte er ihr, jetzt sei der Augenblick gekommen, die nächsten Wahlen würden ihn wieder in die Nationalversammlung führen, und dann sei es selbstverständlich, daß er in die Regierung komme. Es könne von ihm sanguinisch aussehen, so zu denken und so zu sprechen, aber es fehle ein Vertreter für die Seefahrt, und er habe ja als Obmann der Matrosenkommission eine gründliche Kenntnis auf diesem Felde bekommen, sagte er.
„Ei, dann werden Sie ja Staatsrat!” sagte sie.
„Nach menschlicher Berechnung, ja,” erwiderte er. Sie solle doch ja nicht denken, das sei nur ein Hirngespinst von ihm. Außerdem daß er schon in den Zeitungen als der kommende Mann bezeichnet worden sei, habe er auch dies und jenes hinter den Kulissen gehört. „Und Fräulein Olsen, jetzt frage ich Sie von ganzem Herzen, könnte es sich nun nicht so schicken, daß Sie mein Schicksal mit mir teilten und die Frau eines bekannten Politikers würden, die Frau eines Staatsrats?”
Keine Antwort.
Er redete weiter, aber er ließ doch so nebenbei durchblicken, daß er auch ohne sie nicht ganz und gar verzweifeln müßte, er habe verschiedene Bekanntschaften gemacht, jetzt aber sei Fräulein Olsen sein einziger Gedanke. Er gehe davon aus, daß ihre Eltern, der Konsul und seine Gattin, nichts dagegen einwenden würden, er wolle sie ja nicht zu einer gewöhnlichen Frau machen. Wie nun ihre Antwort laute, ob er hoffen dürfe?
Und endlich gab sie Antwort. „Ich kann nichts darüber sagen” lautete diese.
„Sie meinen doch wohl jedenfalls, daß Sie es sich noch überlegen wollen?”
„Ja, ja. Ich will es mir überlegen.”
„Wie lange?”
„Das weiß ich nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden.”
„Wollen wir nach den Wahlen darauf zurückkommen?”
„Wie lang ist das?”
„Vier bis fünf Wochen. Ich möchte Sie so gerne mitnehmen, wenn ich wieder nach Christiania muß, ich sehne mich nach Ihnen und ich liebe Sie. Wir wollen uns eine eigene Wohnung einrichten, Gäste bei uns sehen, einflußreiche Leute, Politiker. Und ganz richtig, während ich daran denke: wir wollen Ihrem Schwager zwei Bilder abkaufen, wenn ich es gesagt habe, dann steht es fest, aber Sie müssen sie selbst auswählen. Sollen wir also sagen, wir warten bis nach den Wahlen?”
„Ja, ja.”
Sie versprach nichts, keine Spur. Als er gegangen war, blieb sie noch eine Weile sitzen und überlegte. Fräulein Olsen konnte sich nicht beklagen, nichts war ihr zerstört worden, sie war durchaus noch nicht verloren, ihr Los war sicherlich nicht das schlimmste. Soweit konnte es kommen, daß sie einen Mann hatte, für den die Stadt einmal, wenn er kam, beflaggen würde, wer hätte in dem Falle dann einen ähnlichen Mann aufzuweisen?
Sie hört Schritte auf der Treppe und denkt: „Kommt er noch einmal?” O, eine viel größere Überraschung als das sollte ihr werden: herein traten ihr Vater und Konsul Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der noch niemals einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hatte, jetzt kam er und verkaufte sein Landhaus an Grütze-Olsen.
29
Es stand ernster beim Doppelkonsul, als man dachte. Er hatte es gar nicht zu vertuschen versucht, daß die _Fia_ unversichert untergegangen war; in seiner ersten Bestürzung hatte er es im Gegenteil laut ausgerufen. Jetzt meldeten sich die Folgen davon; er und sein Geschäftsführer Berntsen hatten genug zu tun, um erschreckte Gläubiger fernzuhalten. Sie berieten sich miteinander, sie handelten und wandelten, der Konsul hatte sogar das Dampfschiff noch telegraphisch versichert, als es schon untergegangen war; aber das hatte er auf eigene Faust getan, und Berntsen hatte augenblicklich und ebenfalls auf eigene Faust diesen tollen Einfall rückgängig gemacht. Berntsen war eine Perle.
Aber die Perle Berntsen war doch auch ein Mensch. Mitten in der großen Aufregung in der Stadt hielt er seinen Kopf klar und dachte menschlich auch an sich selbst.
Seht, da stehen die Leute in kleinen Haufen vor den Häusern und sprechen von der Katastrophe: jetzt sei der Doppelkonsul bankerott, er, der noch niemals ohne Hilfsquellen gewesen war, er, der jederzeit Geld genug für alles gehabt hatte, der Mittelpunkt in dem Wohl und Wehe der ganzen Stadt, der nach rechts und links austeilte, der das große Haus mit Veranda und Altan besaß -- nun sei er bankerott. Was wußten die Leute davon? Alle wußten es. War nicht gestern ein Herr aus Christiania gekommen, um sein Geld zu verlangen! War nicht heute ein anderer Herr aus Hamburg angekommen, um sein Geld zu verlangen! Und würde nicht ein dritter und vierter daherkommen, würde nicht jeden Tag einer daherkommen! Die Leute verstanden gut, daß dies den Untergang bedeutete.
Das wirkte nach allen Seiten hin, es zerrte an allen Gliedern der Stadt, der Doktor merkte es in seiner Praxis, die Werft stand still. Henriksen auf der Werft verlor den Kopf und sagte: „Geht heim, Leute, ich kann nicht mehr!”
Und nun, da die Stadt in Krämpfen lag, war es wohl Zeit, daß der Mensch zum Nachdenken kam und sich bekehrte. Die Menschen waren vor mehreren Jahren bei einem gewissen Postdiebstahl ernstlich gewarnt worden; aber darum hatten sie sich ebensowenig gekümmert wie um ein Kalb mit zwei Köpfen, die Menschen waren auch weiterhin geblieben, wie sie waren.
Aber jetzt? Sollte wirklich nicht einmal eine solche Erschütterung, ein Erdbeben, wie der Bankerott des Doppelkonsuls, imstande sein, die Menschen zu erwecken? Wie waren denn diese Leute beschaffen? In der Tageszeitung des Orts stand jetzt ein Aufruf an das Volk, fromm zu werden, und die Weiber am Brunnen verhandelten dieses Programm eifrig; bald war es in jeder Stube in der Stadt bekannt geworden, aber die Leute änderten sich offenbar nicht, es war von Tag zu Tag nicht die Spur von Veränderung an ihnen wahrzunehmen, im Gegenteil, war eine solche da, so schien sie eher zum Schlimmen zu sein. Allerdings kam ja wahrhaftig mit demselben Küstendampfer, der den Herrn aus Hamburg brachte, auch ein anderer Gast in die Stadt, eine alte Dame, eine von früher bekannte Persönlichkeit, die Tanzlehrerin! Die Welt war leider verrückt. Gerade jetzt, wo die Leute fromm sein und vor lauter Gottesfurcht nicht wieder zu erkennen sein sollten, kam die Tanzlehrerin wieder, um in einer Generation zu wirken. Und die Menschen blieben, wie sie waren.
Aber was ist mit Berntsen? O ja, Berntsen schließt seinen Kramladen wie sonst auch und geht mit seinem gewöhnlichen Schritt an dem einen Haufen Leute, die vor den Häusern stehen, nach dem andern vorbei und sieht auch nicht eine Spur niedergedrückt aus. So soll auch der Mann auftreten, der Geschäftsführer bei einem bankerotten Chef ist, er soll das beste seines Herrn im Auge haben und aussehen, als ob er ein gutes Geschäft in Aussicht hätte. Daneben kann er dann auch menschlich an sich selbst denken.
Der Geschäftsführer Berntsen geht an diesem Abend nicht geradeswegs heim in sein Mansardenzimmer, o, weit entfernt, er geht ohne weiteres nach dem großen Hause von C. A. Johnsen und bittet Fräulein Fia um eine Unterredung. Er wußte wohl, daß der Konsul nicht da war, der Konsul ging lieber anderswo hin, als nach Hause, wenn ihn etwas bedrückte. Aus der Stube drangen fremde Stimmen, Alice Heiberg war da, Konstanze von der Werft war da, auch Fräulein Olsen und sogar die Tochter des Postmeisters, die im Modegeschäft angestellt war, sie alle waren wohl gekommen, damit Fräulein Fia mit ihrem Kummer nicht ganz allein sein sollte.
Nun, Fräulein Fia, die Komtesse, konnte eins ausgezeichnet gut zeigen: wenn sie Kummer hatte, so hatte sie auch die Bildung, ihn zu tragen; im Augenblick erzählt sie den Damen ein indisches Märchen, das sie gelesen habe und das sie nun illustrieren wolle.