Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 29

Chapter 293,804 wordsPublic domain

Inzwischen hatte er ja Abel, auch einen Prachtkerl, Oliver war rechtlich gesinnt und machte keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen, wenn ja, so stand Abel seinem Vaterherzen jetzt am nächsten. Auf seinem Weg nach dem Lagerhaus kehrte er oft einen Augenblick in der Schmiede ein; Abel war da schon an der Arbeit, es machte dem Vater Spaß, ein Weilchen mit ihm zu plaudern und zu fragen, wie es gehe. Es ging immer ausgezeichnet. Abel hatte jetzt die Schmiede übernommen und war der Erste in allem. O, das war ein Sohn, auf den man stolz sein konnte! Auch andere kamen in die Schmiede, der Zeichenstift kam, der jetzt Heizer bei der Küstenlinie war, der wollte gewiß warten, bis eine von Abels Schwestern alt genug wäre, dann wollte er um sie freien, solche Absichten hatte also der Zeichenstift. Er kam in die Schmiede und fragte: „Hast du die Schmiede gekauft?” -- „Nein,” antwortete Abel, „ich hab' nichts, um eine Schmiede zu kaufen, aber ich bin an Stelle des Meisters hier. Kannst du mir einen Jungen verschaffen, der den Hammer bedient?” -- „Ei,” sagte der Zeichenstift, „sobald du dir einen Dampfhammer kaufst, der mit Paraffin getrieben wird, kannst du dir den Jungen für den großen Hammer ersparen.” „Ach, schwatz keinen Unsinn,” meinte der andere, „ich hab' in Horten mehrere solcher Hämmer gesehen.” -- Abel wußte selbst, daß es solche Dampfhämmer gab, die mit Paraffin getrieben wurden, aber warum sollte er so einen für eine Schmiede kaufen, die nicht ihm gehörte? Still damit! -- Der Zeichenstift schlug vor, Abel solle den Dampfhammer auf eigene Rechnung kaufen und das Geld für Lohn und Kost des Lehrjungen in seine Tasche stecken, das wäre eine Einrichtung, mit der auch Meister Carlsen gedient wäre. -- „Woher soll ich das Geld für den Hammer nehmen?” fragte Abel. -- Der Zeichenstift erwiderte: „Etwas hast du wohl selbst schon, etwas kann ich dir leihen, und den Rest kannst du schuldig bleiben ...” Ei, der tausend, der Zeichenstift mußte in die Blaumeise, Abels Schwester, bis über die Ohren verliebt sein!

Nein, nein, die Schmiede gehörte Abel noch nicht, aber er hatte sie in den Händen, und er verdiente einen schönen Lohn. Der Schmied Carlsen war nicht immer abwesend, nicht immer ganz fort, aber am liebsten stand er am Schraubstock und feilte an diesem und jenem, was geputzt werden mußte. In die Geschäftsführung mischte er sich immer weniger. „Was meinst du?” fragte er Abel, wenn er ein einzelnes Mal eine Arbeit übernehmen sollte. Im übrigen war er nicht einmal mehr ein halber Mann, er kam spät am Abend und ging früh wieder weg. So kam es, daß Oliver seinen Sohn fast ganz für sich hatte, wenn er seine Morgenbesuche machte.

Sie plauderten über ihre eigenen kleinen Vorkommnisse und besprachen die Ereignisse in der Stadt. „Nun wird der Fischer Jörgen allmählich ein ganzer Idiot,” sagte Oliver, „er kennt keinen Unterschied zwischen gelben Kartoffeln und blauen Kartoffeln, warum soll ich die Zeit vergeuden und mit so einem Mann reden? Ich lauf' davon, wenn ich ihn seh'.” -- Vater und Sohn wurden nie uneinig, sie redeten freundschaftlich über alles, sprachen gewissermaßen brüderlich über alles, was ihnen am Herzen lag; wenn sie sich trennten, hatten sie nicht etwas Besonderes verabredet, oder sich für eine bestimmte Lebensanschauung entschieden, o weit entfernt; aber Oliver erfuhr, was der Sohn an dem Tag zu tun hatte, für wen er diese Karrenbeschläge schmiedete, sie waren für Konsul Johnsens Landhaus, wem der feine Wandschirm gehörte, der seit gestern in die Schmiede gekommen war, er gehörte dem Doktor. O, dieser Abel, er war ein tüchtiger Sohn, er arbeitete für alle vornehmen Leute.

Abel fragt: „Was denkst du nun über den Dampfhammer, von dem ich dir gesagt habe? Du wolltest darüber nachdenken.”

Natürlich hatte der Vater durchaus keinen Begriff von diesem abenteuerlichen Hammer, das mußte der Sohn schon vorher wissen, und war dann Abel nicht ein sonderbarer Kauz, daß er des Vaters Ansicht darüber hören wollte? Aber er hatte vielleicht sonst niemand, bei dem er sich aussprechen konnte; er behandelte seinen Vater ganz und gar nicht von oben herab und hörte ihm mit innerlichem Mitleid zu, er sah aus, als brauche er des Vaters Zustimmung bei dem, was er sich vornahm.

„Das will ich dir sagen,” antwortete Oliver, „ich bin ja weit herumgekommen in der Welt und habe alle Arten von Völkern gesehen -- nun hab' ich gründlich darüber nachgedacht. Und wenn du den Hammer haben kannst, dann nimm ihn nur sofort. Das rat' ich dir.”

„So.”

„Ja, das sag' ich grad heraus. Denn es gibt in keinem Fach irgendeinen Meister, der so einen Dampfhammer hat, es wird in Stadt und Land bekannt werden, und du wirst schon die Funken sprühen sehen, wenn so ein Kerl aufs Eisen schlägt.”

„Ja.”

„Du kommst dafür in die Zeitung, und das kannst du mir aufs Wort glauben, denn ich bin selbst in die Zeitung gekommen. Ich hab' ein ausländisches, vollgetakeltes Schiff in Sturm und Unwetter vom Meere herein geborgen und es hier am Landungsplatz angelegt. Dann schickte ich nur einen Boten an Land nach dem Konsul und dem Protokoll. Was meinst du wohl, was all die Leute dachten, die da herbeiströmten und es sahen? Und drei Tage später stand ich in der Zeitung.”

„Ja.”

Nie wurde Oliver müde, andere mit diesem Ereignis zu ermüden. Aber er vergaß auch den Dampfhammer nicht, nein, er sagte, er könne ihn gar nicht mehr aus dem Kopfe hinausbringen. Und wenn er dem Sohn in der nächsten Zeit irgendwie behilflich sein könne, wenn er also etwas Geld, das der Mühe wert sei, zwischen die Hände bekomme, so werde er augenblicklich damit herkommen. „Laß mich nur erst mit mir selbst beraten!” sagte er und nickte mit nachdenklicher Miene dazu, wie wenn er vielleicht bald eine Möglichkeit sehen könnte. O, das Geld würde sich schon finden, und wenn nicht, dann wollte er jede Nacht im Boot draußen sein und am Morgen mit einer Ladung Treibholz heimkommen, die man verkaufen könne.

Nur ein Geplauder in aller Freundschaft. Abel blieb ja ebenso arm zurück, als der Vater fortging, ja, sogar noch etwas ärmer, da er zwei Kronen bei einer Wette verloren hatte. Das war so zugegangen: Abel sagte: „Du kannst nicht mehr bei Nacht hinausrudern, du hast die Kräfte nicht mehr dazu.” -- „In meinem oberen Körper hab' ich noch genau dieselben Kräfte,” versetzte der Vater. -- „Du kannst nicht einmal diesen Eisenblock hier aufheben.” -- „So, kann ich das nicht? Diesen hier, den ich schon früher aufgehoben habe?” -- „Ja, aber jetzt bist du ein Jahr älter. Es ist derselbe, ich setz' zwei Kronen!” -- Oliver spuckte nicht einmal in die Hände, er hob den Block auf und gewann zwei Kronen. „Ich will sie nicht,” sagte er. -- „Nein, du willst vielleicht lieber, daß dir der Block an den Kopf fliegt,” erwiderte der Sohn und überreichte dem Vater das Zweikronenstück.

Lauter Scherz und Freundschaft.

Keiner von ihnen erwähnte Klein-Lydia oder ließ etwas von der Heirat verlauten, nein, Abel war ein viel älterer, gesetzterer Mann geworden. Seinen dichtesten Bart hatte er allerdings noch immer auf den Händen, aber er hatte eine Schmiede unter sich und stand an Stelle des Meisters, da konnte man wachsen und heranreifen. Übrigens hatten da auch andere Ursachen mitgewirkt, Mutter Lydia war demnach nicht ohne Bedeutung für seine Entwicklung gewesen. Er mochte sich noch so sträuben, es anzuerkennen, aber an einem gewissen Abend vor ein paar Jahren hatte das alte Reibeisen ihm wahrlich ein Lehrgeld gegeben, das er nicht vergessen konnte. An dem, was sie gesagt hatte, war tatsächlich wirklich etwas dran gewesen, ein Knall vor seinen Ohren, eine Erweckung, die natürliche Folge davon war, daß er anfing, sich vom Hause des Fischer Jörgen fernzuhalten. Jawohl, er würde sich entfernt halten, wie er versprochen hatte! Er war furchtbar eifrig darauf aus, zu erfahren, wann Eduard von Neuguinea, oder wo es war, heimkäme, aber er ging doch am Hause vorüber. Später war ihm Mutter Lydia begegnet, sie war jetzt hinterdrein offenbar ganz friedlich gegen ihn gesinnt, hatte ihm zum Gruße zugenickt und ein paar freundliche Worte gesprochen. Er war auch ebenso höflich gewesen. Einige Wochen später begegnete ihm sein Liebchen, Klein-Lydia, selbst. Das Merkwürdige war, daß er ihr jetzt lieber nicht begegnet wäre, wenigstens nicht in diesem Augenblick, wo er rußig und ungewaschen von der Schmiede kam. Da das Zusammentreffen unvermeidlich war, versagten ihm fast die Knie, aber er brachte doch einen kurzen Gruß heraus und ging vorüber. In diesen Wochen hatte er es erlebt, daß er schüchtern wurde. In der folgenden Zeit traf er sie ab und zu in der Stadt mit Paketen in der Hand; er hätte sicher nähertreten und ihr die Pakete tragen können, aber er tat es nicht.

Nein, er redete nie mehr vom Heiraten.

„Du hast den Block nicht so hoch gehoben wie sonst!” rief er seinem Vater nach.

„Was hab' ich nicht?” versetzte der Vater. „Du hättest gut selbst noch oben drauf sitzen können!”

Wenn er so großartig scherzen konnte, so deutete das wohl auf eine besonders gute Laune bei Oliver. O, aber an diesem Tag hatte er besonders böse Ahnungen! Als er im Lagerhaus allein war, sich da zurecht machte, in den Spiegel schaute und an seine Arbeit ging, war ihm ganz klar, er stand vor einer Gefahr: Rechtsanwalt Fredriksen war ihm in der Stadt begegnet. Dieser Leuteschinder, dieser Blutsauger, er hatte einen Krüppel angesehen, als gehöre er ihm eigen. Und jetzt waren es zwei Jahre her, seit ihrem letzten Zusammentreffen.

Oliver übertrieb ungeheuer, der Rechtsanwalt war wie sonst freundlich und in Gedanken versunken an ihm vorbeigegangen, aber Oliver war ja nicht mehr der mutige Mann, seine innere Tasche war leer, die Erhebung seines Charakters war verschwunden. Als er zum Essen heimkam, hatte er eine Unterredung mit Petra, aber er erzählte ihr keine Neuigkeit, sie war dem Rechtsanwalt selbst begegnet.

„Hat er etwas gesagt?” fragte Oliver.

„Oho, sagte er etwas! Sollte er etwas zu mir sagen -- auf der Straße?”

„Wie hat er ausgesehen?”

„Das weiß ich nicht. Ausgesehen? Ich seh' die Mannsleute nicht an und schiele nicht nach ihnen hin. Das alte Schwein hat mich genug geplagt, als er das letztemal hier war.”

„Mir kam sein Aussehen unfreundlich vor.”

Nach einer Weile redet Oliver weiter: Jetzt werde wohl der Rechtsanwalt mit seiner Unvernunft wieder anfangen. -- „Ich rühr' mich seinetwegen nicht mehr von der Stelle,” sagt Petra. -- Oho, ob es besser wäre, wenn sie alle auf die Straße gesetzt würden? Oliver entwickelte die Sache weiter und von seinem Standpunkt aus: es habe ihm noch nie so davor gegraut, obdachlos zu werden, wie eben jetzt, sie müßten hoffen, daß der Rechtsanwalt ein Mensch sei, denn wenn er geradezu im Sinne habe, gegen einen Krüppel wieder auf Mörderwegen zu gehen, dann müsse Petra ihm noch einmal energisch ins Gewissen reden.

„Was hältst du davon?” fragte Oliver.

Petra überlegte und hielt es nicht für unmöglich. Aber da war soviel, was dagegen sprach. Sie habe nicht einmal ordentliche Kleider --

„Kleider?”

Sie habe die unglücklichen Hemden vertragen. Und sie brauche auch eine Bluse, eine von denen, die vorne aufgemacht werden. Und außerdem noch andere Kleidungsstücke.

Wenn nichts anderes im Wege stehe, meinte Oliver, so könnte er sicher einige Kleidungsstücke auf Vorschuß bekommen. Er flammte wieder auf, setzte die Mütze schief auf den Kopf, als habe er mächtige Gönner, und redete als Familienversorger: „Gleich jetzt geh' ich in das Modegeschäft und hol' die Kleidungsstücke für dich.”

Bei einer solchen Gelegenheit mußte er ja tun, was nur immer in seinen Kräften stand.

28

Der Rechtsanwalt Fredriksen dachte indes jetzt wohl am allerwenigsten daran, Oliver und sein Haus zu beunruhigen, er hatte ganz andere Dinge zu erledigen. In diesen Tagen wurde der Stadt eine schwere Prüfung auferlegt, eine so unerhörte Erschütterung beigebracht, daß es war, als ob die Welt stille stünde. Was war seinerzeit der Postraub dagegen gewesen? Das Dampfschiff _Fia_ war untergegangen! Was bedeuteten alle möglichen anderen Dinge, wenn das Dampfschiff Fia nicht versichert gewesen war und nun vielleicht den Doppelkonsul Johnsen in Ruin und Untergang mit hineinzog?

Nichts anderes bedeutete mehr etwas.

Auch früher schon waren mehrere ernste Ereignisse in der Stadt zu verzeichnen gewesen: der alte Schulvorsteher war nun tot, der die vielen Sprachen der ganzen Welt kannte und die letzte Generation in den Grammatiken und den notwendigen Kenntnissen unterrichtet hatte, er war jetzt tot und seine Gelehrsamkeit mit ihm begraben. Eine andere Sache war auch am Brunnen tüchtig besprochen worden: die Frau des Doktors jammerte nun schon seit zwei Monaten darüber, daß sie guter Hoffnung war; es war das erstemal bei ihr, ach du lieber Gott, wie sie es verabscheute, wie sie sich davor fürchtete und wie schlecht ihr war -- für dieses Unglück gab es keine Hilfe, und war es nicht auch ganz gerecht? -- Da, eines schönen Tages war die Frau Doktor plötzlich nicht mehr guter Hoffnung. „Was?” schrien die Weiber am Brunnen; sie pumpten kein Wasser mehr und gingen auch nicht mit ihren Eimern fort, sondern blieben unentwegt da. Hatte die Person sich über ihr Inneres getäuscht und war sie gar nicht --? Unsinn! Weit entfernt! Aber so ungleich verteilte es unser Herrgott bei den Frauen, manche mußten Jahr um Jahr Mutter werden, andere waren fürs ganze Leben davon befreit. So war es, wenn man einen Doktor zum Mann hatte, er hatte die Gelehrsamkeit, er konnte tun, was er wollte, das war keine Kunst --

Es fehlte also nicht an aufregenden Ereignissen.

Aber dann rollte eines Morgens der Donner über den Brunnen hin; das war die Nachricht von dem Untergang der _Fia_. Diese Nachricht kam von Scheldrup Johnsen in Neu-Orleans, das Telegramm war drei Tage alt, es meldete kurz und gut, nannte Ort und Zeit und ging davon aus, daß die Versicherung in Ordnung sei. Aber die Versicherung war nicht in Ordnung. Und da schlug der Blitz am Brunnen ein.

In der kleinen Küstenstadt, die von nichts als von ihren Schiffen lebte, verstand jedes Weib, was eine solche Versicherung zu bedeuten hatte, sollte da der Doppelkonsul es nicht gewußt haben? Waren es nicht gerade die großen Sachen, die der Konsul selbst unter den Händen hatte, Berntsen dagegen lag es ob, dem Kramladen und dem Modehandel vorzustehen. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen dem Konsul und seinem Geschäftsführer; der Konsul meinte, er habe Berntsen den Auftrag gegeben, die Versicherung zu erneuern, und Berntsen hatte auch ganz richtig die Versicherung damals, wo es ihm aufgetragen worden war, erneuert, aber nachher nicht mehr. -- Aber der Konsul habe doch ein für allemal den Auftrag gegeben. -- Nein, erwiderte Berntsen, so habe er es nicht verstanden. -- Der Konsul raufte sein Haar und behauptete, doch, er habe es ausdrücklich für immer, fürs ganze Leben gemeint. Berntsen hätte das außerdem selbst verstehen müssen, ob er denn nicht gesehen habe, was alles auf dem Pult des Konsuls herumlag, alles müsse er selbst besorgen, die ungeheuere tägliche Post, die Berichte an seine Regierungen, die Bücher, eine Welt, ein Chaos -- wie, wenn nun Berntsen das von selbst verstanden hätte! -- Es zeigte sich auch, daß Berntsen wirklich tüchtig eingegriffen hatte, sonst hätte es noch schlimmer auf des Konsuls Pult ausgesehen. -- Ja, aber der Konsul habe die Versicherungspapiere zur Erledigung herausgelegt. -- Berntsen hatte die Papiere auch da liegen sehen, und nachdem er sie drei Wochen vor Augen gehabt hatte, verschwanden sie. -- Jawohl, der Konsul hatte sie schließlich als erledigt weggelegt. Berntsen hatte kein Wort davon gehört, daß er sie fortschicken solle. -- Doch, beim Satan, der Konsul hatte vor langer Zeit einmal gesagt, er müsse die Prämie abschicken: „Vergessen Sie die Versicherung nicht!” hatte er befohlen. O, jetzt mochte Gott ihm gnädig sein!

Frau Johnsen wankte ins Kontor herunter und weinte, rang die Hände, wischte sich Nase und Augen, schluchzte laut, bebte und redete wie im Fieber. Das war nicht gut für die Frau Konsul, sie war wohl auch leberkrank, denn sie war gar so gelb im Gesicht. Die Tochter kam auch, Fräulein Fia, sie nahm es ganz anders auf und legte nicht noch Steine auf die schwere Last. Das nütze nun alles nichts, sagte sie, Prüfungen müsse man ertragen. Sie müßten jetzt zeigen, daß sie Kultur hätten, sagte sie, die Komtesse; was an ihr liege, so wolle sie noch fleißiger arbeiten, sie habe ihre Kunst und ihren Beruf; die zwei Bilder, die sie im Louvre kopiert habe, müßten nun eben springen, sie wolle sie sofort zur Versteigerung schicken. „Hab' keine Angst, Papa!”

Der Konsul hörte nicht und sah nicht.

Dafür war ein anderer Mann in der Stadt, der sowohl hörte als sah, der Rechtsanwalt Fredriksen. O, ein kluger Mann, ein glücklicher Gewinner, also ein ganz verflixt guter Rechner. Da kam er nun endlich wieder, nachdem er fast das ganze Jahr hindurch im Landtag und in seiner Kommission gesessen, und jetzt hatte er ein viel besseres Aussehen als vorher, er sah nicht mehr so gefräßig aus, Gott weiß, ob er nicht Gesichtsmassage gebraucht hatte! Woher sonst konnte diese fast seelenvolle Freundlichkeit kommen? Allerdings hatte das auch seine Wirkung nicht verfehlt, daß er während seiner Abwesenheit zum Wortführer in seiner Stadt gewählt worden war; aber das würde einen Rechtsanwalt doch nicht dazu bringen, die abgelegenen Winkel der Sorge und Armut aufzusuchen und dort eine halbe Stunde trostspendend zu verweilen! Er ging zu der Tochter des Schulvorstehers, die ihren Vater verloren, und zu dem alten Postmeister, der seinen Verstand verloren hatte, und überall war er sehr teilnehmend gewesen. So war er jetzt. Schon als er vom Schiff an Land stieg, hatte ja der abscheuliche Olaus vom Wiesenrain ihn geduzt und ihn nur Fredriksen angeredet; aber darüber hatte dieser nur ein wenig gelächelt und gesagt: „Trag' meinen Koffer hinauf, Olaus!” -- Olaus erwiderte: „Trag' du deinen Koffer selber!”

Ehe er sich nun aufs neue auf seine beschwerlichen öffentlichen Obliegenheiten warf und die Stadt zur ersten Versammlung zusammenrief, gönnte er sich noch ein paar freie Tage und wanderte in einem hellen Anzug und einem großen Hut umher; er hatte sich einen Stock gekauft, und seine Stiefel waren heil, er rauchte auch immerfort Zigaretten, ja, er war ein ganz anderer geworden. Warum wanderte er soviel umher, warum mußte der schwere Mann auch noch den Aussichtspunkt ersteigen? Das sah gesucht aus, ausgesucht einsam, nicht nur nach unerwiderter Liebe und tieferen Gefühlen. Wenn er an Konsul Johnsens Garten mit den Zementtürmen, dem Duft des spanischen Flieders und gaukelnden Schmetterlingen vorüberging, grüßte er Frau Johnsen, gegen die er nichts hatte, mit seinem großen Hut, er grüßte auch das Fräulein, ja selbst den Konsul, wenn dieser auf der Veranda saß. Wohl war er Vorsteher einer Kommission gegen den Konsul, aber Haus und Familie mußten außerhalb gehalten werden.

„Glücklich von Paris zurück!” rief er mit Donnerstimme über das Staket weg Fräulein Fia zu.

Es sei jetzt übrigens schon sehr lange her, seit sie von Paris zu Hause sei, dachte Fräulein Fia wohl, und sie hätte auch gut ihn selbst mit „Glücklich zurück vom Landtag!” begrüßen können, aber sie dankte nur mit einem nachlässigen Kopfnicken. Wer verstand diesen Menschen!

Er legt seine runden Arme auf das Staket und geht nicht gleich weiter, sondern sagt: „Sie finden es wohl daheim wieder sehr schön?”

„Ja.”

„Ich auch.”

Welche Unhöflichkeit vom Konsul! Da sitzt er auf der Veranda und liest in seiner Zeitung, dann wird er aufmerksam, lüftet schließlich den Hut ein wenig und grüßt, liest aber dann gleich weiter.

„Jawohl, auch ich finde es daheim wieder sehr schön. Selbst wenn ich keine schönere Heimat hätte --”

„Wollen Sie nicht hereinkommen?” fragt Frau Johnsen.

„Nein, ich danke, es ist spät geworden. Ich gehe nur vor Schlafengehen ein wenig spazieren, und ich kann Sie von dem Aussichtspunkt grüßen, Fräulein Fia!”

„Es war wohl heute abend hübsch da oben?”

„Wundervoll. Ein Sonnenuntergang mit ein paar besonders prächtigen Wolken! Ich verstehe mich ja nicht so darauf, wie die Maler und Künstler, aber für meinen Geschmack war es einzig in seiner Art. Würden Sie sich nicht zu einem kleinen Spaziergang hinauf überreden lassen?”

„Jetzt? Nein.”

„O nein. Und Sie gehen wohl auch am liebsten allein?”

Nun zündet sich der Konsul seine Zigarre wieder an, aber er kann sich dabei fast nicht von der Zeitung losreißen: Was in aller Welt interessiert ihn denn so ungeheuer? Und was ist denn mit Frau Johnsen? Diese Frau Johnsen war nicht immer so wortkarg gewesen; in den alten Tagen hatte sie höchst vergnügt geplaudert, wenn der Rechtsanwalt mit ihr sprach und sich mit ihr abgab, ja, sie tat wahrhaftig, als mache sie sich etwas aus ihm. Wie reich und groß waren diese Leute nun geworden; aber wie konnten sie es auch nicht lassen, es zu zeigen! Seht, da sitzt die Tochter des Hauses, sie ist nun seit mehreren Jahren alt genug und zum Überfluß auch hübsch genug, und da sitzt sie und hält sich eigensinnig zurück, bloß weil sie steinreich und eine gute Partie ist. Rechtsanwalt Fredriksen hätte übrigens der Familie in verschiedenem nützlich sein können, er war jetzt nicht mehr der erste beste, er war Landtagsabgeordneter und ein großer Mann, er konnte sogar noch größer werden, ja, er hatte beinahe sichere Aussicht, noch größer zu werden, die neuen Wahlen würden das entscheiden. Warum stand er denn da draußen und warb vor einem Gartenzaun? Das schickte sich nicht für jemand, wie er war; kommt ihm nur in die Nähe, gebt ihm den kleinen Finger! Er hatte in der großen Hauptstadt etwas gelernt, das nächste Mal würde es schon besser gehen, er wollte sie in den Arm nehmen --

„Guten Abend!” grüßte er und ging weiter.

Nach einer guten Weile schaute der Konsul auf und lüftete nun auch den Hut, aber da sah er nur noch des Rechtsanwalts Rücken und seine Hautwulst im Nacken unterhalb des Huts. So ein Übermut! Und dieses Zeitungslesen! Der Konsul warf das Blatt weg und stand langsam auf, er gähnte laut und sagte: „Na, jetzt geh' ich hinein und lege mich zu Bett.”

„Ja, gute Nacht!” sagten die Damen.

Alles atmete Frieden und durchaus keine Gefahr. Aber am nächsten Tag, ja, da schlug der Blitz ein.

Rechtsanwalt Fredriksen hörte es zuerst in der Barbierstube, nachher traf er mit dem Apotheker zusammen, der es bestätigte. Der Rechtsanwalt hatte eigentlich gedacht, sich recht schön rasieren zu lassen und sogar noch ein paar Tage lang an Konsul Johnsens Garten vorbei nach dem Aussichtspunkt zu spazieren; aber bei der Nachricht von dem Untergang des Dampfschiffs _Fia_ änderte er entschlossen seine Absicht und nahm den Weg nach dem Hause Olsen. Sein Gang zeigte keine Unsicherheit, nichts Geheimnisvolles, er hatte etwas ausgerechnet und es richtig gerechnet, natürlich ging er nun zum Grütze-Olsen, wohin hätte er sonst gehen sollen? O, in seinem Gang lag Selbstgefühl!

Er war erwartet; Fräulein Olsen errötete, als sie seine Stimme hörte. Sie wußte, er war schon vor zwei Tagen zurückgekommen, aber in diesen zwei Tagen hatte er sich noch nicht blicken lassen.

„Nun ja, man hat mich zum Wortführer ernannt, während ich fort war,” erklärte er, „und da mußte ich mich erst in diese neuen Sachen einarbeiten. O, ich hab' geschuftet! Und am Abend war ich dann so müde, daß ich ganz einsame Spaziergänge machen mußte, um mich zu erholen. Sonst würde ich mir schon erlaubt haben, Sie zu begrüßen, Fräulein Olsen.”

„Meine Eltern hatten mir gesagt, daß Sie zurückgekehrt seien,” sagte Fräulein Olsen.