Part 28
Aber was tat Oliver jetzt? Er richtete sich vom Stuhl auf und griff nach ihr. Ein Affe, der die Gebärden anderer nachmacht, zwei ungewohnte Hände, die zufassen. Er spielte sich auf, tat, als könne er ihrem Liebreiz, der Sinnlichkeit ihres Wesens nicht widerstehen, er streckte die Zunge heraus, lachte mit seinem feuchten Mund. O, sie hatte Erfahrung! Hätte sie nicht gewußt, daß hinter seinen Narrenstreichen nicht das mindeste steckte, dann hätte sie ihm entgegenkommen, ja, sie hätte ihm sogar Anleitung geben können, jetzt fuhr sie bei seiner leeren Vorspiegelung zurück und schauderte. Als er das sah, sank er schlaff und mit unbehaglichem Ausdruck wieder auf seinen Stuhl nieder.
Petra wurde es wohl schwer, nicht vor ihm auszuspucken, sie war eine gesunde Natur, die Qualle dort am Brückenrand machte sie ängstlich und schamerfüllt. Um das Ganze etwas auszugleichen, sah sie ihn nicht mehr an und sagte wie zu sich selbst: „Wenn ich doch nur ergründen könnte, was du an Maren Salt gesehen hast!”
Oliver erwiderte matt: „Schweig! Ich hab' es nicht getan, hörst du!”
„Du weißt selbst, was du getan hast.”
„Ja, prosit Mahlzeit, glaub' es nur! Ich scher' mich nicht darum.”
„Nein, das versteht sich,” sagte Petra wie eine Märtyrerin. „Du bist ja der Mann im Hause, wir andern haben nicht das Recht, etwas über dein Benehmen zu sagen.”
„Na, ein solcher Tyrann bin ich doch auch nicht!”
„Um mich kümmerst du dich jedenfalls nicht,” sagte sie.
Nun war er doch allmählich wieder der alte Oliver geworden, und so fragte er nicht so wenig schlagfertig: „Nun, und wer hat sich denn dann um dich gekümmert?”
Eine Antwort auf diese Frage bekam er nicht, und er wünschte auch keine zu bekommen, aber Petra war frech und verstand es jedenfalls, ihn fernzuhalten: „Wenn ich zu denen gehört hätte, die gewollt haben, dann hättest du sehen sollen,” sagte sie. „Aber ich gehör' nicht zu denen. Ich bin auch gar nicht so neugierig, daß ich das ausschnüffle, was du tust, und Maren Salt ist wenigstens sechzig Jahre alt, da kannst du sie wohl haben!”
Na, Petra wollte also diese blödsinnige Idee durchaus nicht aufgeben, war es da nicht natürlich, daß Oliver gute Miene dazu machte und nicht länger widersprach? Sie ließ ihn nun auch auf dem Glauben, daß sie ihn tatsächlich im Verdacht habe, dieser Verdacht würde ihm nur zum Vorteil gereichen, und wenn er ihn richtig ausnützte, so hatte er sicherlich keinen Schaden davon.
„Ja ja,” sagte er, indem er so halb und halb zustimmte, „ich kann ja auch meine Fehler haben, ich kenne keinen Menschen, der nicht seine Fehler und seine Ausschweifungen und seine Lüste hätte.”
Es war merkwürdig, wie leicht er Petras Zustimmung dazu erhielt, und von da an waren sie nicht mehr uneinig, der Ton zwischen ihnen wurde im Gegenteil leicht und frivol. Das Verhör, dem er Petra unterworfen hatte, und die Frage, wie sie es in drei Teufels Namen angefangen habe, daß sie nun wieder dick werde, war ausgelöscht und verschwunden. Oliver ließ es hingehen, ja, er ging noch weiter und ließ ihr eine Art Anerkennung zuteil werden, er ließ ein paar Worte darüber fallen, daß sie eine verflixte Fruchtbarkeit habe: gut in den Vierzigern und noch immer gleich toll!
„Na,” erwiderte sie halb scherzhaft, „bin ich jetzt wieder gut?”
„Du?” rief er. „Wie dich gibt es keine mehr! Und das muß ich sagen, du hast es in dir, das Lob geb' ich dir. Und bei Gott, du hast dein Geschlecht nicht erst entdecken müssen, das war bei dir von selbst da.”
27
Am nächsten Morgen waren wohl Oliver wieder Zweifel aufgestiegen, denn er fragt Petra: „Hat Mattis es wirklich gesagt?”
„Was denn?”
„Daß ich der Vater des Kindes sei?”
„Jawohl, du hörst es ja!”
„Ich versteh' nicht, wie er darauf kommen konnte?”
Petra stemmt die Hände in die Seiten und versetzt: „Nein, du stehst der Sache ganz fremd gegenüber, aber Maren weiß es wohl selbst.”
„Sagt Maren es auch?”
„Jedenfalls hat sie den Jungen nach dir genannt.”
„Nach mir?” ruft Oliver. „Wie heißt er denn?”
„Ole Andreas.”
Schweigen. Das war fast wie der Spund im Loch, ja, und es _war_ auch etwas daran, aber trotzdem ... O diese verfluchten Weibsleute, auf was sie nicht alles kamen!
Schließlich sagt Petra noch: „Der Mattis hatte also seine guten Gründe, das zu sagen, was er gesagt hat.”
Da schien Oliver gründlich nachzudenken: „Aber wie hätt' ich das denn ins Werk setzen sollen?” Und als er die Stube verließ und zu Mattis hinüberging, tat er es, um nähere Erkundigungen einzuziehen.
Es ist Sonntagmorgen, und er trifft den Schreiner Mattis halb angekleidet in seiner Küche. Das Kind ist bei ihm, Maren Salt ist in der Kirche. Der Schreiner sieht den Mann, der von der Straße zu ihm hereinhumpelt, überrascht und fremd an.
„Guten Morgen!”
„Guten Morgen!”
Schweigen. Als Oliver kein Stuhl angeboten wird, muß er sich auf die Holzkiste setzen. Sie wechseln ein paar Worte übers Wetter, über die plötzlich eingetretene Kälte; Mattis ist wortkarg, plaudert aber hie und da mit dem Jungen, der auf dem Boden sitzt, ein paar Worte.
„Er ist gewachsen,” sagt Oliver.
„Ja, das fehlt nicht.”
„Wie alt ist er? Sieh nur, er hat auch schon Zähne bekommen! Wie heißt er denn?”
In den Augen des Schreiners glimmt es zornig auf: „Das ist einerlei,” sagt er. „Hier heißt er nur das Kind.”
„Ich fragte nur. Es geht mich übrigens auch nichts an.”
Die Mutter hat ihm einen lumpigen Namen gegeben, aber sie hatte wohl ihre Absicht dabei.
Da der Schreiner so feindselig ist, und es so lange dauert, bis er ihn dazu bringt, auf etwas Bestimmtes anzuspielen, fängt Oliver selbst davon an: „Wem soll er nun eigentlich gleichsehen?”
„Der Mutter,” antwortete Mattis kurz.
„Jawohl, der Mutter. Aber von Vaters Seite?”
„Wen meinst du denn?” ruft Mattis erbittert. „Du kennst vielleicht den Vater?”
Oliver lacht und nimmt es gleichsam gutmütig auf, aber er muß sich doch auch wehren. „O, du bist immer derselbe alte Mattis! Wenn ich mich auch sonst so frei von aller Schuld fühlte!”
„Das pflegen wohl alle miteinander zu sagen, wenn es Ernst wird.”
„Was meinst du damit?”
„Was ich meine? Daß alle miteinander leugnen. Und wer am schuldigsten ist, leugnet vielleicht am ärgsten, ich weiß es nicht anders. Sie wenden Bestechungen an und geben Geld aus, damit die Leute es verschweigen.”
Darin stimmt Oliver mit ihm überein, und er bedauert die Mütter, bedauert auch die Kinder. „Die armen Kinder!” sagt er.
„Das sagen sie auch alle miteinander,” erwidert Mattis, indem er das Kind auf den Schoß nimmt und mit ihm plaudert. „Hat deine Mutter dich hier allein gelassen? Ja, du siehst nach der Tür, aber sie bleibt wohl eine Stunde fort. Was kümmert sie sich darum? Da, hier hast du meine Uhr!”
Oliver schweigt, er gibt nicht acht auf Mattis' Geschwätz, er hängt einem Gedanken nach, der eben in ihm aufgestiegen ist. Oliver hat seine dösige Verschlagenheit, sein Kopf arbeitet am besten in der Dunkelheit und auf Seitenpfaden, jetzt fingert seine eine Hand in seiner inneren Westentasche, so ganz sachte, ganz verstohlen, nur wie wenn er sich zufällig kratzte. Dann zieht er ein paar Geldscheine ein Stückchen heraus, betrachtet sie, sieht sie an, ob sie passen, und sitzt dann mäuschenstill da. Mit dem wenigen, was Mattis gesagt hat, ist ja nichts festgestellt, er hat sich nicht deutlich ausgesprochen, und Oliver muß wieder von vorne anfangen: „Ich hab' gehört, der Junge heiße Ole Andreas, aber das ist wohl nicht richtig? Ich kann es nicht glauben.”
„So, das hast du gehört!” schreit der Schreiner rasend. „Beim Satan, warum fragst du denn dann? Ich glaub', du willst das Haus durchschnüffeln! Was willst du hier?”
Oliver antwortete sanftmütig und keineswegs unzufrieden über des andern Erregung: „Nein, es geht mich allerdings nichts an, wie der Junge heißt, und ich werd' dich nicht mehr danach fragen --”
„Nein, jetzt wo du es weißt!” schnaubt der Schreiner mit seiner großen Nase.
Nach einem wohlausgerechneten Schweigen sagt Oliver ebenso ruhig wie vorher: „Du wunderst dich wohl, daß ich zu dir ins Haus komm', Mattis?”
Mattis antwortet sofort mit ja.
„Das versteh' ich,” sagt Oliver. Nun aber zieht er zwei Geldscheine ans Tageslicht und sagt: „Was haben die Türen gekostet, die du einmal für mich gemacht hast?”
„Die Türen --?”
„Die du mir überlassen hast. Ich will sie bezahlen. Es ist lange angestanden, aber ich konnte es nicht früher tun.”
Der Schreiner Mattis ist ganz verwirrt und bringt nichts anderes heraus, als: „Es hatte auch keine Eile --”
„Aber ich kann nicht verlangen, daß du bis zum Jüngsten Tag wartest.”
„Die Türen? Nein, das hatte keine Eile. Bist du wegen der Türen gekommen?”
Oliver spricht würdig und rechtschaffen: „Siehst du, Mattis, du hast mir ja keine Rechnung geschickt, deshalb bin ich etwas entschuldigt, aber jetzt soll es nicht auf den Preis ankommen, ich will jeden Heller bezahlen. Und wenn es etwas zwischen uns gegeben hat, so will ich es jetzt wieder gutmachen.”
Mattis murmelt, die Schuld könne ja auf beiden Seiten gewesen sein. Er bereut wohl seine Heftigkeit und sagt: „Willst du dich nicht da auf den Stuhl setzen?” Im übrigen ist er trotzdem noch zurückhaltend; der Besuch scheint ihm auch ferner unbequem zu sein, er spricht hauptsächlich mit dem Kinde.
„Ja, er hat es gut hier bei dir,” äußert Oliver. „Das ist etwas Großes für ihn. Na, ich muß sagen, die Maren verdient eine Handreichung. Sie ist nicht schlecht gebaut.”
„Na,” sagt Mattis.
„Gar nicht schlecht gebaut. Und als sie vor ein paar Jahren das Kind bekam, war sie ja noch nicht so alt, wie sie jetzt ist. Deshalb brauchen wir uns nicht so sehr über sie zu wundern.”
„Nein, du darfst die Uhr nicht in den Mund stecken und sie verschlucken, Kind! Was das betrifft, so ist es nicht immer das Alter, worauf es ankommt,” sagt der Schreiner dann sachlich, indem er sich von dem Kinde weg an Oliver wendet. „Es ist nur, daß sie diese Nasenflügel haben, die immerfort winken und winken.”
„Hahaha, ja, du verstehst es, Mattis! Doch, was ich sagen wollte, er hat braune Augen, wie ich sehe.”
Keine Antwort.
„Das sollen gute Augen sein, die braunen. Ich selbst hab' blaue Augen und bin gut mit durchgekommen. Aber fast alle meine Kinder haben braune Augen, es ist gerade, als sollt' ich lauter Kinder mit braunen Augen bekommen.”
Noch immer kam der Schreiner mit keinerlei Anklage heraus, aber er machte auch keine gegenteilige Bemerkung, sondern erwiderte: „Seine Mutter hat braune Augen. Im übrigen darfst du das Kind so etwas nicht hören lassen, er versteht es.”
„Er versteht es nicht.”
„Er? Du kannst von nichts reden, was er nicht versteht. Alles versteht er. Wenn du Tür sagst, sieht er nach der Tür, und singst du ein Liedchen an der Hobelbank, dann versteht er, daß es ihm gilt.”
„Bei den meinigen war es geradeso,” sagt Oliver.
„Es ist ganz unglaublich,” fährt der Schreiner fort; „ich muß mich in acht nehmen, daß er nicht lernt, die Zeitung von einem Ende zum andern durchzulesen, bloß indem er mir zuhört. Das Abendgebet und seine Händchen falten, ist gar nichts für ihn.”
„Genau wie die meinigen!” erklärte Oliver.
„Ja, so ein Kind wie dieses gibt es nicht wieder auf der Welt,” stellte der Schreiner fest.
Oliver wiederholt: „Er hat jedenfalls Glück gehabt, daß er hier im Haus bei dir ist.” Übrigens ist Oliver enttäuscht über den Verlauf des Gesprächs. Er kommt nicht weiter, es führt zu nichts, er muß weiter zurückgehen, näher zum Abgrund hin. „Was hab' ich doch sagen wollen, ich bin so vergeßlich. Ja, da sitz' ich nun mit dem Geld in der Hand, wie du siehst, aber da fällt mir ein, daß ich dich etwas fragen wollte, nämlich, du hast jetzt das Kind bei dir und hast es liebgewonnen, aber wie, wenn nun sein Vater eines Tages käme, sich zu erkennen gäbe und behauptete --”
Der Schreiner fragte scharf: „Willst du mit ihm herkommen?”
„Ich? Mit dem Vater? Woher sollt' ich ihn nehmen? Ich bin nur ein Krüppel.”
„O, dir ist alles zuzutrauen!”
Oliver versetzt lächelnd: „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, o weit entfernt. Doch darüber wollten wir ja nicht reden; aber eines schönen Tages ist vielleicht das Kind nicht mehr bei dir --”
„Na, sie sollen nur daherkommen und ihn mir nehmen wollen! Sie können es ja versuchen!” drohte Mattis.
„Ich meinte, eines schönen Tages werdest du dich wohl selbst verändern und heiraten, und wo soll dann das Kind hin?”
„Hin?” schrie der Schreiner. „Meinst du, ich werf' ihn hinaus? Er soll nirgends hin, da steh' ich dafür!”
„Aber wenn der Vater kommt --”
„Was bohrst und gräbst du denn immer weiter? Was zum Teufel willst du denn wissen? Hast du Angst vor etwas, fürchtest du für deine eigene Haut? Da sitzt du und füllst ihm die Ohren mit unflätigem Geschwätz, ich will nichts mehr davon hören!”
Oliver gelingt es einzuwerfen: „Ich? Nein, ich rede nicht unflätig, ich sitze nur hier mit deinem Geld in der Hand, mit diesen zwei Banknoten --”
„Hat man je so etwas gehört, setzt sich hierher, tut ganz unschuldig und redet Schweinereien! Das Geld -- was ist denn damit? O!” ruft er plötzlich. Endlich geht dem Mattis wohl ein Licht auf, er wird ganz blaß vor Zorn und steht mit dem Jungen auf dem Arm von seinem Stuhl auf: „Steck' das Geld ein und mach', daß du fortkommst, ich will es gar nicht!”
Ja, Oliver steht auf und will keinen Streit, aber er reizt den Schreiner noch auf; während er nach der Tür humpelt, sagt er: „Hehe, es ist fast, als sei der Junge dein Kind! Bist du vielleicht sein Vater?”
„Ich, sagst du das?”
„Ich frag' nur,” antwortet Oliver. Und jetzt kann kein Zweifel mehr darüber herrschen, daß er Mattis noch mehr aufreizen will. „Du hast ja auch ein Bett für ihn gemacht,” sagt er.
Mattis verteidigt sich. „Das war gar nicht für ihn. Und liegst du vielleicht auf dem bloßen Boden? Hast du noch nie gehört, daß ein Kind ein Bett hatte? Aber jetzt sollst du zum Haus hinaus, das ist todsicher!” ruft Mattis, indem er das Kind auf den Boden setzt. „Und nimm dein Geld, mit dem du mich bestechen wolltest, nur wieder mit. Haha! Du meintest, du könnest mich kaufen, um deine Vaterschaft zu verschweigen, aber das ist dir nicht gelungen, heb' dein Geld für einen andern auf! O, du bist ein Schweinekerl! Hinaus aus dem Haus, sag' ich!”
Und Oliver geht.
Er sieht befriedigt aus, es war, wie es nicht besser hätte gehen können, als es gegangen war; Oliver summt wieder ein Liedchen. Als er heimkam, platzte ja Petra fast vor Neugier, aber er erklärte nichts, er tat nur noch mannhafter und stellte sich unter die Haustür mit der Hand in der Westentasche, als ob es gar nicht kalt wäre, und von diesem Platz aus schwatzte er albernes Zeug mit den Frauen und Mädchen, die vorübergingen.
Gute Zeiten, Einigkeit im Hause und Freude im Leben -- o, wir sind im Aufstieg, wir kommen immer mehr obenauf, gebe Gott, daß es so weitergeht! Das äußerte sich in richtig anständigen Taten: Mattis hatte ja diesen roten Briefkasten an seinem Hause, Oliver kaufte einen Messinggriff für seine Haustür und sagte zu Petra: „Daß du ihn mir nun aber auch ordentlich blank hältst!” Auf die Gefahr hin, als Verschwender verschrien zu werden, kaufte er kleine Geschenke für seine Töchterchen und seine Frau und war sehr gutherzig, ja, er brachte der Großmutter öfter als früher eine Tüte Kaffee mit -- die ihn übrigens wohl nichts kostete.
Wie erfreulich war jetzt das Leben! Der Winter verging, das Jahr verging, und Oliver hatte recht, daß nichts so schnell vergeht wie ein Jahr. Es ereignete sich nichts Großes, aber genug zur Abwechslung, die Familie war nicht an mehr gewöhnt, das Kind war wieder ein blauäugiges, und wie das zusammenhing, konnte wahrlich in der Geschwindigkeit niemand ergründen, aber die Frage hatte auch nicht mehr so ungeheure Bedeutung wie in den alten Tagen. Sollte Oliver näher untersuchen? Wie würde es dann gehen, wenn er selbst untersucht würde, ging nicht auch über ihn ein Gerücht in der Stadt? Als er sich einmal ein wenig bitter über die neuen blauen Kinderaugen aussprach, sagte Petra: „Na, haben denn nicht wir alle beide blaue Augen?”
In einem Gespräch mit seinem alten Freund, dem Fischer Jörgen, machte Oliver geltend, daß die Gewächse auf der Erde auch nicht alle gleich seien: die einen trügen Früchte über der Erde, die andern unter der Erde. „Nimm zum Beispiel die Apfelbäume, die einen sind rot, die andern gelb. Aber nimm die Kartoffeln, die unter der Erde wachsen -- eine Sorte Kartoffeln ist gelb und eine andere ganz blau. Geradeso ist es bei unsern menschlichen Augen, sie sind von höchst verschiedener Farbe. Ich hab' mir überlegt, daß das vielleicht von mir selbst kommt: wenn ich am tollsten auf eine Frau aus bin, dann gibt es braune Augen; was meinst du, Jörgen?”
Ach, Jörgen war über siebzig Jahre alt, mit Lydia, dem Reibeisen, verheiratet, Vater von drei großen Töchtern, großen Damen, seine Augen waren fast farblos geworden, er wußte nichts -- er erinnerte sich an nichts. „Wieso toll?” fragte er und sprach sich dahin aus, daß auch manches Frauenzimmer toll und böse sein könne.
Aber Oliver schien es darum zu tun zu sein, gründlich verstanden zu werden. „Nimm nun zum Beispiel die Maren Salt,” sagte er. „Man beschuldigt ja mich, der Vater ihres Kindes zu sein, und der Junge hat braune Augen.”
„Ach so,” sagte Fischer Jörgen.
„Oder nimm viele andere in der Stadt, es gibt genug braune Augen da, und ich kriege ja auch fast keine andern. Nun darfst du aber ja nicht alles glauben, was die Leute mir in die Schuhe schieben, Jörgen, ich bitte dich darum, aber ich will mich auch nicht entschuldigen, denn ich hab' eine feurige, unbändige Natur in mir, und es gibt daheim blaue und braune Augen, je nachdem es trifft.”
„Ja,” sagte Jörgen.
Auf diese Weise steigt Oliver täglich höher hinauf, und nimmt immer mehr eine feste Stellung in seiner Scheinwelt ein. Schweigt nur! Er ist der Schöpfer und Erhalter, er geht dahin mit seinem eigenen Maßstab und macht diese Welt weit, nach ein paar Jahren steht er auf einem Hügel und schaut über ein großes Land hin, das ihm gehört.
Und jetzt gefällt es ihm wohl, das Leben in dieser seiner Welt! Er schlägt kein Gelächter auf und läßt sie fahren. Mit der Welt, die man geschaffen hat, muß man fertig werden, das müssen alle Schöpfer.
Ab und zu mußte er sich mit allerlei Ärger herumschlagen. Es konnte ihn die Lust ankommen, am Abend noch auf der Straße herumzuschlendern, ein wenig mit den Frauenzimmern zu schäkern, sich mit ihnen unterhalten zu wollen. Er kannte die Worte und die Umgangsart von seiner Matrosenzeit her, aber er hatte nicht mehr das alte Glück, es versagte; ob es nun daherkam, weil er nicht mehr die alte Schießfertigkeit hatte, oder weil er nicht das rechte Wild antraf. Was war denn los, warum lachten ihn denn die dummen Gören aus? Die Pflänzchen, diese Kiek-in-die-Welt, wollten sie nicht recht an seine reellen Absichten glauben? Warum, beim Satan, fuhren sie zurück, wenn er nach ihnen greifen wollte? O, es hatte seine Nachteile, eine Welt regieren zu müssen!
In der letzten Zeit war er wieder auf den Fischfang hinausgerudert. Jawohl, das war eine gute alte Aushilfe, wenn die Heimsuchungen überhandnahmen, Gott wußte allein, wie schwer es war, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Es hieß, er fische, um einen kleinen Nebenverdienst zu haben, aber er war offenbar nicht so recht ernstlich auf den Fischfang aus, denn er kam sehr oft ohne Fische heim. Aber brauchte er etwa nicht Kleingeld? War die merkwürdige innere Tasche seiner Weste am Ende nicht unerschöpflich? O, er sah mit Sorge, wie die Tasche allmählich leer wurde, er hätte gern eine Anleihe gemacht, ja, er hätte stehlen mögen, um dem Schwinden des Geldes Einhalt zu tun, es ist nicht gut, wenn man zusehen muß, wie man verarmt. Er hatte ja seinen alten Platz im Lagerhaus und seinen Gehalt, jawohl, das tägliche Leben konnte er bestreiten, aber die Zubuße von Putz und Schleckereien, an die er sich gewöhnt hatte, dazu hatte er nichts mehr. Wo war eigentlich das Geld für die Eiderdaunen geblieben? Es war doch eine ganz erkleckliche Summe gewesen, und der Kuckuck mochte verstehen, wo sie hingekommen war. Er hatte weder dem Rechtsanwalt Fredriksen etwas am Haus abbezahlt, noch sich und seine Familie auf zwei Jahre mit Kleidern ausgesteuert; mit ein paar größeren Geldscheinen war er in den nächsten Ort gefahren und hatte sie dort wechseln lassen, aber das war nun schon ein Jahr her. Seine Innentasche war leer. Er konnte noch so eifrig hineingucken und sie umdrehen, sie war und blieb leer.
Mußte er da nicht auf den Fischfang hinausrudern? An und für sich hatte Oliver nichts dagegen, wieder in einem Boote zu schaukeln. Er versah sich mit einem Kochtopf und Fischgerätschaften, ruderte hinaus und blieb meist vom Samstagabend bis Montag früh fort. Vor allem fischte er für den eigenen Bedarf, in diesen eineinhalb Tagen. Das waren faule, sorglose Stunden, er ließ sich mehr treiben, als er ruderte, fuhr in die Buchten hinein und suchte die Inseln heim; natürlich sammelte er auch wieder Eiderdaunen, natürlich spähte er nach Strandgut und Treibholz aus. Einmal fand er ein leeres Fäßchen und ein anderes Mal eine Flasche mit einem Zettel darin, alles ohne wirklichen Wert. Weit draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfuhren, ragte ein Vogelberg ganz gerade aus dem Wasser auf, da war er seit zwei Jahren nicht gewesen; es war weit bis dahin, aber es konnte sich schon die Mühe lohnen, dort einen Besuch abzustatten, die Vögel nisteten da auf den terrassenförmigen Absätzen der Bergwand und waren sehr wenig scheu.
Die Tage vergingen, und Abel war ja ein guter Junge, ein komischer Kerl, er konnte seinem Vater bei Gelegenheit ein Zweikronenstück zustecken, sonst hätte es wohl mit Leckereien für Oliver knapp ausgesehen. Woher hätte er sonst Geld bekommen sollen? Er hatte einmal einen Sohn, der hieß Frank, ein wahres Wunder an Gelehrsamkeit; o, aber der schickte nichts nach Hause, er kam selbst nicht mehr heim, schrieb auch nicht, es ging das Gerücht, er habe irgendwo eine Lehrerstelle und er studiere weiter, nur immer weiter, wo wollte das enden? Die kleine Konstanze Henriksen auf der Werft hatte einen Brief von ihm bekommen, noch ein Jahr habe er vor sich, dann sei er fertig, das soll in dem Brief gestanden haben. Vor Verlauf eines Jahres konnte also Oliver keine Unterstützung von ihm erwarten, ein langes Jahr hindurch; aber dann würde ja etwas Erkleckliches kommen, nicht jedermann hatte einen gelehrten Sohn in der Hinterhand.