Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 26

Chapter 263,784 wordsPublic domain

„Ich würde Ihnen natürlich noch viel wichtigere Dinge anvertrauen. Und was die Bilder betrifft, so wollen wir ihm nicht eins, sondern zwei abkaufen, das wollen wir. Ich reise jetzt wieder nach Christiania im Dienste meines Vaterlandes. Unsere Abrede soll inzwischen ruhen, wenn die Zeit gekommen ist, werden wir gleicher Meinung sein, das hoff' ich ...”

So hing es also zusammen mit der vorläufigen Abrede! Der Rechtsanwalt war beinahe allein dabei beteiligt. Seht, er hatte vor einigen Monaten diese Sache in Ordnung gebracht, und zwar zu seiner eigenen Zufriedenheit, aber heute war es ihm eingefallen, er wolle doch nicht so ganz allein sein mit dieser Abrede, er wolle auch den andern Teil dabei haben. Selbstverständlich würde Fräulein Olsen einschlagen, er mußte sie nur fragen, sie ein wenig ausforschen. Dann ging es, wie es ging, sie zierte sich ein wenig, aber das hatte nichts zu bedeuten, die Sache endete damit, daß sie versprach, die Bilder für ihre Wohnung zu kaufen.

Damit ging Rechtsanwalt Fredriksen an Bord.

Aber nun saß also Fräulein Olsen wieder einsam und allein in der Stadt und überlegte. Was hatte sie diesem Manne versprochen? Nichts! Nicht das allermindeste. Aber hatte sie ihn von der ersten Stunde an entschieden abgewiesen? Manche Frauen weisen keinen ab, keinen einzigen. Selbst der Unmöglichste läßt sich dazu gebrauchen, die Gedanken zu beschäftigen. Fräulein Olsen gehörte gewiß nicht zu den Berechnenden, den Abgefeimten, aber da war nun einmal dieser Mann, sie hatte ihn im Rückhalt, er war immer besser als gar keiner, sie wurde älter, die Schwester war verheiratet, weiß Gott, eine Zukunft war eine Zukunft, ein Staatsrat ist etwas Rechtes, wenn er wirklich Staatsrat wird. Man konnte immerhin daran denken! Aber berechnend? Sie steckte bis über die Ohren in Berechnungen, war aber doch ein natürliches Mädchen und wie alle andern, die Natur selbst lenkte ihre Politik. Sie hatte noch an nichts Mangel gelitten, sollte sie Mangel an einem Verehrer leiden? Von allem andern hatte sie vollauf, und hier hatte sie nun einen Staatsrat, wenn er es wurde! Daran war nichts Unverständliches, ein Huhn im Gartenbeet ist auch nichts Unverständliches.

Natürlich mußte Fräulein Olsen den Rechtsanwalt vermissen, wenn er abgereist war.

Vermißten ihn noch andere? Vielleicht das Haus Oliver? Das ist nicht wahrscheinlich. Oliver war wohl mehr als froh, als sein draufgängerischer Gläubiger die Stadt wieder verließ, und Petra mußte wohl das ewige Gerenne zu dem Rechtsanwalt satt haben. Endlich waren ihre Verhandlungen erledigt. Sie konnte doch unmöglich etwas übrig haben für diesen Mann, der sie so geplagt hatte, hier konnte sicherlich von Anhänglichkeit keine Rede sein, das fehlte auch gerade noch! Hörte man von einem Wunder und einer schonungslosen Liebe, war am Brunnen die Rede davon, daß beide in Flammen stünden, war das Wort „Kurzschluß” gefallen? Dem Rechtsanwalt gehörte das Dach über Petras Haupt, sie sprach mit diesem Manne, damit sie dieses Dach behalten durfte, das war alles. Gewiß, sie mußte öfter hingehen und über diese Sache mit ihm reden, auch Oliver, ihr Mann, konnte gelegentlich darüber murren, daß sie nie damit fertig wurde. Aber zog sie sich zu diesen Besuchen irgendwie auffallend oder aufreizend an, außer mit einem neuen Hemd unter dem Kleid? Nein, durchaus nicht, soviel Oliver wußte. Sie hatte ja nun einmal diese neuen Hemden bekommen und mochte sie wohl gerne tragen, Petra war eine verheiratete Frau, keines Mannes Annäherungsversuche würden Eindruck auf sie machen. Sie hatte vor vielen Jahren, als sie noch jung war, Scheldrup Johnsen für ein zärtliches Wort eine Backpfeife gegeben, was würde sie dann jetzt wohl tun, wo ihre Haare anfingen an den Schläfen grau zu werden und sie beinahe erwachsene Kinder hatte?

Oliver hatte also keinen Grund zum Mißtrauen. Er sagte: „Jetzt ist er also fort?”

„Ja,” antwortete Petra. „Und mir ist's recht, wenn er nie wiederkommt.”

„Wieso? Meinst du, er bleibe für immer weg?”

„Das weiß ich nicht. Mir wär's recht, wenn er nicht wiederkäme.”

Oliver sah seiner Frau an, daß es ihr ernst war mit dem, was sie sagte; sie machte eine Gebärde des Abscheus und spuckte zur Seite aus. Deutlicher konnte sie nicht reden, sie verabscheute den Rechtsanwalt.

„Ja, er ist kein Mann Gottes,” sagte er. „Aber die Rechtsanwälte! Sind die jemals anders gewesen!”

„Und das sag' ich dir,” beharrte Petra. „Das nächstemal kannst du selbst zu ihm gehen. Ich tu' keinen Schritt mehr.”

Hätte jemand deutlicher reden können! Oliver nahm das nicht übel auf, im Gegenteil; ja und das nächstemal werde er selbst zu Rechtsanwalt Fredriksen gehen, sagte er, nur ein einziges Mal, kurz und gut, sagte er und nickte dazu. Und er werde die Sache ein für allemal abmachen, er werde ihm sagen, wie er heiße, Oliver Andersen, und er werde eine Quittung verlangen für eine gewisse Summe Geldes, die er dem Blutsauger auf den Tisch werfen werde. Der Krüppel und Hasenfuß malte sich aus, wie er auftreten werde.

Übrigens war Oliver in der letzten Zeit wirklich etwas dreister geworden. Das Bewußtsein, daß er Geld in der Tasche hatte, hob den Mann, sein Charakter wurde fester. In den ersten Tagen nach dem Postraub fühlte er sich noch unsicher und bat Petra, ihm eine Innentasche in seine Weste zu nähen. Petra spottete über ihn und hielt es für Großtuerei. „Eine starke Tasche!” verlangte Oliver. „Jawohl, von Segeltuch!” sagte Petra. Da mußte sich Oliver an seine Mutter wenden, damit die Arbeit gemacht wurde.

Und jetzt, wo er seine Innentasche hatte und seine Geldscheine darin, fühlte sich Oliver geborgen; niemand würde auf den Gedanken kommen, einen Krüppel zu untersuchen, der nichts Böses getan hatte. Das Eiderdaunengeld war sein rechtmäßiges Eigentum.

Ärgerlich war es, daß dieses Geld nicht so recht ans Tageslicht kommen durfte. Es hätte Oliver Freude gemacht, in die Kaufläden der Stadt zu gehen und dies und jenes zu verlangen, und dann all sein Geld aus der Tasche zu ziehen und davon zu bezahlen; diese Freude blieb ihm versagt, das Geld mußte mit einer gewissen Lichtscheu ausgegeben werden. Ein Gutes war allerdings dabei, es bestand zum größten Teil in kleinen Scheinen, in vorsichtigen Zwischenräumen konnte Oliver einen solchen dem Pack entnehmen und ihn in Waren umsetzen. Auf diese Weise verschaffte er sich jeden Tag etwas Gutes zum Lutschen, außerdem ein wenig Putz, einen neuen Schlips um den Hals und einen steifen Kragen; den kleinen Mädchen hatte er Schuhe mit Schleifen auf dem Spann gekauft. Niemand faßte Verdacht gegen ihn wegen allzu großer Ausgaben; ein paar größere Geldscheine steckten ausgebreitet in seiner Innentasche.

So ging alles gut, Oliver hatte weiter keine Gelüste, er war leicht zufriedengestellt. Ein Freßsack war er nicht, wenn er auch etwas naschhaft war. Petra war das genaue Gegenteil, ein habsüchtiges und gieriges Weib. Gerade in dieser Zeit hatte Oliver seinen neuen und besseren Charakter recht nötig, er mußte Petra andauernd entschuldigen und ihr milde Ermahnungen angedeihen lassen. Der Teufel mochte sie verstehen, sie war sehr verdreht und querköpfig geworden, es war ihr wie angeflogen, jetzt war ihr weder Essen noch Trinken mehr recht, sie konnte dies und jenes nicht ertragen, der letzte Kaffee hatte geradezu verdorben geschmeckt. „Was für Kaffee bringst du auch nach Hause!” sagte sie. Sie hatte bei Davidsen ein Stück Schweizerkäse gesehen, und wenn sie jetzt noch Stubenmädchen bei Konsul Johnsens gewesen wäre, dann hätte sie solchen Käse bekommen! Übrigens hatte sie im Schaufenster bei Barbier Holte ein Stück Goldseife gesehen, was mußte die gut riechen!

Und Oliver, der die Innentasche voll Geld hatte, konnte antworten: „Sei doch nicht so begehrlich nach allem, was du siehst, Petra! Denk lieber daran, was wir verdienen, du und ich. Es geht uns doch recht gut, wenn schon einmal die Rede davon ist.”

Hier offenbarte sich nun Petras ungebärdige Verdrehtheit, und sie fing an, mit dem Manne zu zanken. Statt sich vor seiner Krücke zu fürchten, die in erreichbarer Nähe lag, verhöhnte sie nun diese und ihn selbst und sagte, sie lebe mit einer Krücke, spreche mit einer Krücke, liege im Bett bei einer Krücke und müsse sterben mit einer Krücke; das sei ein Leben! Und dabei spuckte sie wieder zur Seite aus, gerade als ob sie sich erbrechen müßte.

Oliver mit seinem kräftigen Oberkörper hätte den Tisch mit dem Beile spalten oder den Ofen einreißen oder sonst etwas als kleine Warnung vornehmen können, aber er tat etwas völlig Unerwartetes, er ging in die Stadt und kam zurück mit dem Käse und mit dem Stück Seife, bitte! Nein, so etwas! Petra war einen Augenblick wie gelähmt von dieser Unverständlichkeit, dann fing sie an zu weinen: sie wolle die Sachen nicht haben und besitzen! Wie er ein solcher Dummkopf sein könne, sich wegen dieser Narrheiten in Schulden zu stürzen! „Bring die Sachen sofort zurück!”

„Nein, jetzt hast du, was du haben wolltest,” sagte er.

Was sie haben wollte? Durfte sie jetzt nicht einmal mehr einen kleinen Spaß machen? Oder sollte sie zu allem hin auch noch ihr Leben lang stumm sein? Pfui!

Nun mußte es Oliver doch wirklich kränken, daß sie vor ihm ausspuckte wie vor dem Rechtsanwalt, aber er schwieg dazu. Ach, es geht eine große Veränderung vor mit einem Manne, der einen neuen Charakter bekommen hat. Oliver überredete seine Frau, den Käse doch wenigstens zu versuchen, nun ja, sie versuchte ihn und spuckte ihn wieder aus. „Was soll das heißen? Das ist ein anderer Käse, meinst du, du könnest mich anführen?” Petra wurde ganz blaß vor Erregung, sie war über die Maßen ungebärdig, die kleinen Mädchen bekamen heftige Schelte, nur weil sie gelächelt hatten. Als sie an der Seife roch, mußte sie sich die Nase zuhalten.

Es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen.

Na ja, weder Oliver noch die kleinen Mädchen hatten etwas dagegen, die gekauften Leckerbissen für sich behalten zu dürfen.

So verging ein Tag nach dem andern, mit Gutem und Bösem, mit Reibereien, kleinen Tageserlebnissen, hie und da mit einem herrlichen Fischgericht, wenn Oliver einmal abends hinausruderte, zuweilen mit Backwaren zum Kaffee, wenn Oliver einen Schein hatte wechseln lassen. Es ging durchaus nicht armselig zu, die Familie hatte es erträglicher als die meisten kleinen Leute in der Stadt; wie viele hatten denn eine feste Stellung und eine Innentasche voll Geld?

Da war nun der unglückliche Postmeister mit seiner Familie, denen ging es viel schlechter. Der Doktor konnte bei dem schwer heimgesuchten Kranken immer noch keine Besserung feststellen; der Postmeister saß, wo man ihn hinsetzte, stumm und geknickt, wie abgestorben. Man konnte auch nicht annehmen, er sei stillvergnügt über irgend etwas, er kichere und lache in der Einsamkeit und schlage sich vor Lustigkeit auf den Schenkel. Weit entfernt! Es war nichts davon zu merken, daß er sich mit seiner alten Philosophie tröste, mit der Freude über seine Kinder, darüber, daß die Kinder soviel mehr wurden, als er war, darüber, daß sie gottlob schon jetzt an einem besseren Erdenleben für das nächste Mal arbeiteten. Der Postmeister schien gar nichts mehr zu denken, zu sinnen, zu glauben. Er hatte viele Jahre lang gesucht und endlich einen kleinen Pfad mit etwas Licht darauf gefunden, den war er gegangen -- bis ganz weit draußen das schreckliche Schicksal furchtbar und hoch aufgerichtet vor ihm stand und ihn aufhielt. Die Wogen seiner Überlegungen hatten ihn verschlungen.

Seine Frau und seine Töchter waren tüchtige Menschen; die eine Tochter sollte jetzt eine Stelle in Konsul Johnsens Laden bekommen, der Sohn, der Landwirt war, steuerte bei, soviel er konnte, und die dürftige Pension reichte eigentlich weiter, als man erwartet hatte, aber so viele erwachsene Menschen konnten doch nicht davon leben. Es hätte schlimm ausgesehen, wenn nicht der Sohn in England, der tüchtige zweite Steuermann, eingetreten wäre. Als er von dem Postraub und dem Unglück seines Vaters hörte, trat er ein wie ein Mann. In einem herrlichen Briefe forderte er seine Eltern und Geschwister auf, in der Stunde der Prüfung ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, er erzählte, daß auch er Unannehmlichkeiten von der Sache gehabt habe, er sei verdächtigt und verhört worden, aber natürlich sei nichts auf ihm sitzen geblieben. Er vergab der Welt, daß er verdächtigt und angezeigt worden war, gottlob, das Recht habe gesiegt, in England siege jederzeit das Recht. Zum Schluß äußerte er die Ansicht, daß darin eine Mahnung für die Stadt zur Umkehr und zum Nachdenken zu erkennen sei, ein so unerhörtes Ereignis gehe nicht nur ihn und seine Familie, sondern alle Leute an. Kurzum, er war fromm. Welch ein Sohn! Nicht mit einem Wort berührte er das Wichtigste, aber das Wichtigste war, daß er augenscheinlich jetzt mehr Geld hatte; ob er nun größere Heuer bezog oder in Englands Erde eine neue Kohlengrube entdeckt hatte, jedenfalls schickte er eine anständige Summe Geldes und versprach, noch mehr zu schicken. Das war Rettung, seine schöne Tat verschaffte der Mutter und den Schwestern ein unerwartetes Glück. Sie gingen zum Herrn des Hauses und erzählten ihm die Neuigkeit, sie hatten sich überlegt, daß sie ihn plötzlich damit überfallen wollten, um sein träges Hirn damit aufzurütteln, sie hofften, daß die Freude ihm mit einem Schlage den Verstand wiedergeben werde, bedenkt doch nur, wenn das geschähe! Aber es geschah nicht, sie wurden enttäuscht. Der Postmeister hörte ihnen zu, er schien sich sogar Mühe zu geben, zu verstehen, was sie ihm erzählten, wobei eines dem andern das Wort vom Munde wegnahm, aber er wurde nicht klüger davon. Es war gerade, als ob er die Neuigkeit schon gehört, oder als ob er sich das gedacht hätte, die einzige Veränderung in seinem Gesicht war, daß er noch etwas blasser wurde. Seine Frau brach in Tränen aus.

„Nein,” sagte der Doktor, „Ihr Sohn, der zweite Steuermann, kann Ihren Mann nicht kurieren.”

Die Frau Postmeister pflegte nicht viel zu reden, sie fühlte sich aber verletzt von des Doktors beständiger geschäftsmäßiger Sicherheit und fragte: „Warum nicht?”

„Ja, warum nicht!” erwiderte der Doktor. „Ich glaube viel eher, daß es der Herr Postmeister schließlich selbst satt bekommen, nur so in seinem Stuhle zu sitzen und seinen Nabel zu betrachten.”

Welche Sprache einer vom Unglück getroffenen Familie, ja Gott gegenüber! Aber das war ganz so geredet, wie es der Doktor im Brauch hatte, da war nichts zu machen.

Der Doktor geht nach Hause in sein Studierzimmer. Er saß in dieser Zeit dem Maler, darum trug er seinen abgetragenen Überzieher und die gestreiften Hosen, die er sich zu Fia Johnsens Konfirmation angeschafft hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.

Er geht an Johnsens Doppelkonsulat vorbei, und da er stets ein wachsames Auge auf dieses Geschäft hat, sieht er bald, daß wieder ein neues Schild ausgehängt ist: „Modewaren, Blusen, gestrickte Sachen. Hüte werden garniert.” -- Das Schild muß während der Nacht über die Tür gekommen sein.

Der Doktor bleibt stehen und liest das Schild ganz genau, und um nicht völlig mit sich selbst reden zu müssen, sagt er zu einem knicksenden Dienstmädchen, das vorbeigeht: „Unser Herr Ritter schwärmt für neue Schilder.”

Jawohl, Konsul Johnsen hat den Anbau des Ladens, wo jahrelang Öfen und ein paar Eggen standen, ausräumen lassen und einfach ein Modengeschäft daraus gemacht.

Der Doktor geht weiter und lächelt vor sich hin, er kommt an eine Haustür und trifft da den Maler, der auf ihn wartet. „Eine Entdeckung, junger Mann!” ruft er schon von weitem. „Ein Erlebnis!” Und dann fängt er an loszulegen.

Für gewöhnlich pflegte der Doktor mit dem Sohn eines Tünchers keine Zwiesprache zu halten, aber mit diesem jungen Mann war es eine andere Sache, es war ein Künstler und kein unbedeutender Mensch, allerdings jämmerlich unwissend in Bücherweisheit, aber mit soviel Verstand, zu schweigen, wenn die Gelehrsamkeit redete. Während der Sitzungen wurde die ganze Stadt durchgenommen, von dem unglücklichen Postmeister an bis zu Johnsens am Landungsplatz und Grütze-Olsens, von Davidsen und Heiberg bis zum Rechtsanwalt Fredriksen und Oliver, dem Krüppel -- mit all der braunäugigen Brut im Hause. Der Maler erhielt viele unterhaltende Aufklärungen über die Verhältnisse in der Stadt; der Doktor war witzig und boshaft, ihm fehlte die Übung im Schießen durchaus nicht, allein es kam doch vor, daß er zu schnell sein wollte, daß seine Pfeile zitternd gerade vorbeifuhren. Auch ein Doktor kann manchmal daneben schießen.

„Junger Mann, Sie sind fremd hier,” konnte er sagen. „Die ganze Stadt ist ein Nest, ein Loch, aber ohne mich wäre sie ein Sumpf. Ich gebe den Leuten etwas zum Einnehmen.” So saßen die beiden im Studierzimmer des Kleinstadtdoktors, der Maler malte, und der Doktor ließ sein Mundwerk laufen. Es war weiter nicht viel Wissenschaftliches in dem Zimmer, obgleich der Maler das gewünscht hatte und das Bild „Der Arzt” heißen sollte. Der Doktor hatte einige Bücher hervorgekramt und einige Arzneikolben aufgestellt, ein Hörrohr stand auf dem Tisch und an der Wand hing eine Tafel mit Buchstaben, nach der für augenschwache Leute die Brillen ausgesucht wurden, in einer Ecke stand auch noch ein wenig Sublimat in einer Tasse, das war alles. Wo war der Operationstisch und die Wandbretter von Glas mit den tausenderlei Instrumenten? Zwei Rohrstühle standen in dem Zimmer. Hier war kein Mikroskop, kein Skelett, nicht einmal ein Schädel zum Beweis des festen Mutes eines Mediziners im Verkehr mit den Toten.

In diesem Rahmen wurde der Doktor gemalt. Es waren behagliche Sitzungen, nur hier und da einmal unterbrochen durch einen Mann mit einem geschwollenen Finger oder eine neuverheiratete Frau mit merkwürdigem Zahnweh. Der Doktor war ein prächtiges Modell, voll Leben, voll treffender Bemerkungen, Bitterkeit, Unglauben und Kampflust, sein Gesicht wechselte beständig und behielt nur als stehenden Ausdruck eine unerschütterlich überlegene Miene bei. Ach, wie verstand er es, dem jungen Mann einleuchtend zu machen, daß die Stadt ein Nest und ein Loch sei!

Nun stößt er also hier an seiner Haustür mit ihm zusammen und läßt sich nicht einmal soviel Zeit, erst einzutreten, ehe er mit seinem Erlebnis anfängt: „Junger Mann, es ist nicht nur der Rechtsanwalt Fredriksen, der Vorteil und Vaterland miteinander zu verbinden versteht.” Wie er Pfeile schoß, abwechselnd traf und daneben schoß! „Johnsen am Landungsplatz hat heute nacht ein Modengeschäft aufgemacht. Das ist übrigens wohl seines Geschäftsführers Berntsen Werk, der ist ein Mann mit großen Gaben, er verdiente mit den Öfen und den Eggen zu wenig, sie standen zu lang herum, nein, Modewaren müssen her! Na ja, das stimmt ja gut zusammen mit allem andern in diesem Geschäft, Johnsen am Landungsplatz verkauft den Haushaltungen ihren täglichen Bedarf, warum sollte er den Dienstmädchen nicht auch ihren Staat verkaufen? Modehandel! Wer soll diesem neuen Zweig vorstehen? Der schiffbrüchige Postmeister hat ja zwei Töchter, die älteste von ihnen soll dem vorstehen. Es ist ein Glück für Johnsen am Landungsplatz, daß der Postmeister ganz gebrochen ist und eine seiner Töchter in dienende Stellung gehen muß. Sie ist ein gewandtes, anständiges Mädchen, jetzt muß sie also aus ihrer Wohnung an der Werft drunten heraustreten und einen Modehandel leiten. Sie hat das nicht gelernt, allein das schadet nichts, es gehört nicht viel dazu, Johnsen bekommt sie billig, ja, es fällt sogar noch ein Schein von Wohltätigkeit auf ihn, weil er ihr Arbeit gibt. Junger Mann, die Stadt ist ein Loch --”

Die Mühle lief, der Maler kam nicht zu Wort; endlich sagte der Doktor: „Na ja, wir wollen hineingehen und malen.”

„Ich möchte heute gerne schwänzen,” sagt der Maler.

„So, schwänzen? Meinethalben gerne. Haben Sie etwas anderes vor?”

Der Maler erwidert: „Ich bin nicht recht aufgelegt.”

„So? Na, meinetwegen gerne. Guten Morgen!”

Aber der Doktor sah dem Maler nach, und dieses Nichtaufgelegtsein war ihm verdächtig, der junge Mann hatte ja wie sonst seinen Malkasten bei sich; ob der nicht doch wo anders hin wollte!

Ganz richtig, der Maler wollte wo anders hin. Frau Konsul Johnsen hatte ihn aufgefordert, ins Konsulat zu kommen, um auf dem Bilde, das er vor einigen Jahren von ihrem Manne gemalt habe, das Dannebrogkreuz hinzuzufügen. Ach, diese Konsuln und deren Frauen in den Küstenstädten! Na ja, sie hatte in dem Briefchen, das sie dem Maler schickte, die Sache erklärt; das Bild sei ja auch vorher schon sehr ähnlich, schrieb Frau Konsul Johnsen, aber Fia, die eben erst von Paris nach Hause gekommen sei, habe gemeint, noch ein paar farbige Striche würden dem Bilde entschieden zum Vorteil gereichen. Pasteur habe auch die Ehrenlegion auf seinem schwarzem Rock.

26

Es wird Herbst, wird Winter, und die Tage sind sehr kurz. Gewissermaßen war es ganz behaglich, in der Schmiede zu stehen, ein Dach überm Kopf zu haben und glühendes Eisen zu hämmern, das von selbst leuchtete, auch gab es ordentlich zu essen und zu trinken im Hause des Schmieds, ja wahrlich, mancher andere hatte es schlimmer als Abel! Er selbst dachte auch, es gehe ihm gut. So zum Exempel, daß die Arbeit selbst ohne Fausthandschuhe und so ohne Mühe vollbracht werden konnte. Ein großes Schurzfell war Abels wichtigstes Kleidungsstück. Meister Carlsen war in den letzten Monaten sehr zusammengefallen, er sprach immer mutloser von seinen Kräften, machte Bemerkungen, daß er die Schmiede aufgeben wolle, murmelte über den Tod: daß der Tod eintrete oder bis zum nächsten Male vorübergehe, aber es müßten ja alle sterben. Der Herbst hatte ihm hart zugesetzt, hatte ihm das Haar gelichtet und es weiß gemacht, seine Gedanken waren kärglich und unweltlich geworden, er gönnte sich lange Ruhepausen, während Abel arbeitete. Natürlich hatte der Einbruch in der Post Eindruck auf ihn gemacht, sein Bruder, der Polizei-Carlsen, hatte es nicht lassen können, ihm von dem Verhör in England zu berichten und daß Adolf schweinische Malereien auf dem Körper trage. Der alte Schmied erwiderte: „Das ist nicht unser Adolf,” aber der Polizei-Carlsen fuhr fort: „Und denk' dir, die ganze lange Zeit über, während das Schiff gelöscht wurde, war er hier und hat dich nicht ein einziges Mal aufgesucht!” -- „Doch,” antwortete der Schmied, „er hat gewiß die Schwester getroffen, als er hier war, es schwebt mir so vor. Die beiden Jungen besuchen ihre Schwester, warum sollen sie mich aufsuchen? Du darfst ihnen nicht unrecht tun!” -- „Na, dann ist Adolf also hier gewesen?” fragt der Polizei-Carlsen. -- „Nein,” antwortete der Schmied.

Lauter Unsinn. Es war kein Verstand darin. Der Schmied Carlsen nahm es übrigens anders auf als der Postmeister, er war ungelehrt und von einfachem Gemüt, er betrachtete alles mehr gewohnheitsmäßig, es war keine Hysterie in seinem Gedankengang, sondern Handwerk, er war Schmied, er gehörte seinem Stand an. Es ist gut, wenn man seinem Stand angehört, sonst wird man ein Emporkömmling, und die Ursprünglichkeit geht verloren. Und war der Schmied nicht der Vater? Er wußte viel mehr Schlechtes als Gutes von Adolf und verzweifelte nicht. Vor wenigen Jahren noch kroch ja der Junge hier in der Schmiede umher, stellte Fragen, hämmerte auf kleinen Eisenstücken herum und schlug sich dabei auf seine Fingerchen, weinte und wurde wieder getröstet, war es nicht so? Der Adolf in England mußte ein ganz anderer Adolf sein -- und selbst der hatte sich wohl die Finger verbrannt, er war vielleicht sogar noch jung. „Die Menschen sind alle miteinander gut, ausgenommen die Halunken!” konnte der Schmied sagen. Jedenfalls aber hatte er es nun wohl aufgegeben, einen seiner Söhne als Nachfolger in der Schmiede zu sehen, wer aber sollte ihn dann ablösen?

Er sagte zu Abel: „In einem Jahr kannst du mehr, als ich konnte, da ich für mich selbst angefangen habe.”