Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 25

Chapter 253,759 wordsPublic domain

„Natürlich. Eine ganze Menge wichtiger Dinge, nicht zum mindesten Ihre wertvollen Berichte. Nun wird wohl auch die andere Regierung nachfolgen -- war es nicht Bolivia?”

„Wieso? Ich bin nicht Konsul für Bolivia.”

„Verzeihen Sie.”

„Entweder Olsen oder Heiberg muß Konsul für Bolivia sein.”

„Aber sind Sie denn nicht Doppel --”

„-- konsul? Doch,” antwortet Konsul Johnsen und lacht laut über die Verlegenheit des andern. „Ja, das versteht sich, Doppelkonsul, hahaha! Aber es muß wirklich einer von den andern sein, der Doppelkonsul von Bolivia ist, hahaha!”

„Ach, ich hab' ja Holland gemeint,” sagt der Apotheker ganz geknickt. „Ich bin sehr unglücklich. Auf jeden Fall ist Ihr Ritterkreuz eine Ehre, nicht allein für Sie, sondern auch für die ganze Stadt, wir alle sind dadurch geehrt. Die holländische Regierung wird nun wohl auch nicht mehr lange zaudern, Ihre Verdienste anzuerkennen.”

„Wieso? Nein, dazu liegt gar kein Grund vor. Wollen Sie nicht Ihre Zigarre anstecken, ehe Sie gehen? Na, wie Sie wollen!”

„Die werden sich jetzt ordentlich schämen!” denkt der Konsul vielleicht von den eben weggegangenen Herren. Und er denkt gewiß auch, daß bei diesem ganzen dummen Besuch der Doktor jedenfalls nicht auf seine Kosten gekommen sei. Die Herren selbst dachten vielleicht etwas ganz anderes, Gott weiß, der Apotheker ging vielleicht aus der Tür und grinste inwendig, und als er nachher dem Doktor von seinem „Sortie” aus dem Doppelkonsulat berichtete, grinsten vielleicht beide Herren gemeinsam. O, dieses Dirigieren der Schiffe auf allen Weltmeeren -- es war ja eine bekannte Sache, daß Konsul Johnsen dazu gar nicht ganz befähigt war und daß über das Frachtschiff _Fia_ meist durch den Sohn Scheldrup disponiert wurde.

Der Doktor schien trotzdem höchst befriedigt zu sein. Er sagte: „Bei Licht betrachtet hat er den Hohn gar nicht begriffen. Wahrscheinlich sitzt er in diesem Augenblick zu Hause und versucht, wie ihm der Dannebrog steht.”

Der Apotheker meint, er habe doch begriffen.

„Begriffen? Was begreift denn der! Haben Sie Riesenarbeit gesagt?”

„Ja, ich sagte Riesenarbeit.”

„Und Bolivia und Zürich? Und er hat Sie nicht hinausgeworfen?”

„Die Weisheit kommt ihm hinterher. Er merkt es zum Schluß doch noch.”

„Keine Spur. Nein, das war ein verunglückter Einfall von uns.”

Der Doktor geht zu Grütze-Olsens. Er geht oft zu ihnen, in der letzten Zeit beinahe jeden Tag, er hat dort etwas zu besorgen. Der Schwiegersohn des Hauses, der Kunstmaler, war mit Frau und Kind zu einem Sommerbesuch angekommen. Dem Kinde fehlte nichts, aber die junge Mutter war ängstlich wie alle jungen Mütter und verlangte einen Arzt.

Der Doktor hatte nichts dagegen, in Grütze-Olsens Haus zu kommen, er verdiente extra gut dabei und hatte angefangen, der Sache Geschmack abzugewinnen. Hier war nicht alles gar so vornehm und abgemessen, aber es war auch nichts zugemessen, alles war Breite und Überfluß, es war etwas protzig und verschwenderisch. Einzelne Damenhandschuhe trieben sich schon im Vorplatz herum, teuere Regenschirme standen mit geknicktem Stock da. In den Zimmern herrschte keine Unordnung, aber alles sprach von etwas zu viel Geld, die Bilderrahmen, die Teppiche, die Möbelbezüge. Die Vorhänge hingen bis auf den Boden herunter und breiteten sich da noch aus. Nein, hier herrschte keine Knauserei, aber die Art der Einrichtung lenkte die Gedanken unwillkürlich auf ~selfmade~, auf neuerworbenes Geld.

„Ach was!” dachte wohl der Doktor und trank den teuern Wein und rauchte die guten Zigarren. Hier herrschte jedenfalls gute Gesinnung und Gastfreundschaft, und dazu der redlichste Wille, ihn anzuerkennen. Er hatte ein weiches Plätzchen in der Sofaecke, und alles hing an seinem Munde. Was tat's, wenn das Geld neuerworben war! Geld ist Geld, eine Million ist nicht schlimmer als ein Tausend. Und da saß der Doktor. Er war ja nicht der Mann, der sich imponieren ließ, aber er sah in dieser Umgebung doch etwas kahl aus, sein gestärktes Vorhemd knarrte etwas aufreizend auf seiner Brust, und die Manschetten mußte er mit den kleinen Fingern zurückhalten, sonst rutschten sie ihm vor auf die Knöchel.

„Nein, dem Kinde fehlt auch heute nichts,” sagt er. „Sie bekommt nur noch ein paar Zähne mehr, um ihrer schönen Mutter auch darin zu gleichen.”

Die junge Frau sagt mit tiefem Erröten: „Nun, das ist ja gut. Wir haben uns wieder so um sie gesorgt. Das komischste dabei aber ist, daß nicht ich am ängstlichsten gewesen bin.”

Konsul Olsen fragt: „Wer war denn am ängstlichsten?”

„Du, Vater! Das mußt du doch zugeben.”

Der Konsul entschuldigt sich: „Ich war nicht ängstlich, aber ich sah nicht ein, warum das Kind Schmerzen haben sollte, wenn doch zu helfen war. Sie ist nach mir genannt, Herr Doktor.”

„Das erklärt viel!” sagt der Doktor.

Hier war der Doktor ein anderer Mann, er hatte nicht nötig, immer auf der Hut zu sein und Nadelstiche auszuteilen, hier hatte man die nötige Hochachtung vor ihm, auch ohne das. Hier trat er freundlich und herablassend auf, er machte sich's sozusagen bequem. Im Bewußtsein, daß er der Überlegene war, vertiefte er die Kluft zwischen sich und diesen Menschen nicht noch mehr. Hier im Hause herrschte außerdem gute Laune, es schmeckte zur Abwechslung nicht armselig. Der Doktor war in dieser Beziehung von Hause nicht verwöhnt, hier war Lachen und Gesundheit, und natürlich war hier auch einige kindische Vornehmheit.

Fortwährend gingen Leute aus und ein. Außer dem Schwiegersohn mit seiner Familie hatten sie auch noch Besuch von dem andern Kunstmaler, dem Tünchersohn; o sie hatten ihn mitgenommen, er war allerdings nicht in die Familie eingeheiratet wie sein Kollege, aber auch er war willkommen und bewohnte ein Mansardenzimmer mit Teppichen und Vorhängen, die bis auf den Fußboden herunterhingen.

Und nun wollte dieser Tüncher das Bildnis des Doktors malen.

„Was wollen Sie denn damit?” fragte der Doktor aufrichtig. „Ich kann es nicht kaufen, und jemand anders wird es Ihnen auch nicht abkaufen.”

„Ich will Sie um Ihres Gesichtes willen malen,” antwortete der Maler. „Auf Lohn wird nicht gesehen!” fügt er munter hinzu. Dieser Tünchersohn war gar nicht so übel, er konnte zuweilen recht schlagfertig sein, er war leicht entzündlich und immer verliebt, hatte auch ein ehrliches Gesicht, aber seine Hände waren groß und ungeschlacht, der Doktor betrachtete diese Hände mit Widerwillen.

„Ja, malen Sie nur!” sagte der Doktor und tat gleichgültig.

„Danke! Aber ich will Sie in Ihrem Studierzimmer malen, umgeben von Arzneikolben und dicken Büchern, versunken in Ihre Wissenschaft.”

Der Doktor zuckte sichtlich zusammen. Das war einmal ein merkwürdiger Künstler, welches Verständnis für einen Gelehrten und dessen Tätigkeit! Der Doktor war augenscheinlich gerührt, eine schwache Röte stieg ihm in die Wangen, und er trank sein Glas aus, um das zu verbergen.

Ja, hier in Grütze-Olsens Haus hatte er es gut!

Ursprünglich hatte er da gar nicht so viel erwartet. Er hatte dieses Haus adeln wollen, wie er schon andere Häuser geadelt hatte, Henriksens von der Werft, Heibergs, Davidsens Kramladen, Johnsens am Landungsplatz, jetzt fühlte er sich hier wohl, solange es währte. Er hatte außerdem noch einen andern Gedanken: Er konnte Konsul Olsens wegen Johnsens am Landungsplatz geradezu eine Weile auf die Seite setzen -- bitte, versuchen Sie einmal, wie das schmeckt! Er wollte gerne ein gewisses Gleichgewicht in die Dinge bringen, eine gleichstarke Macht jenseits der Grenzscheide herstellen. Er konnte die Stadt regieren mit Uneinigkeit, mit zwei Kampfhähnen.

Das hätte sehr schön gehen können, allein alles strandete an der Gutmütigkeit und Trägheit der Familie Olsen. Nein, die Familie Olsen war nicht lernbegierig und hatte keinen Verstand für Ränke und Kniffe. Sie verstanden sich auf gutes Essen und Geld und die eines Großhändlers würdigen Möbel; aber sie hatten keine Kultur, keine illustrierten Zeitschriften und keine von der Tochter des Hauses gemalten Teller. Die Familie Olsen klebte an der Erde.

„Johnsen am Landungsplatz ist Ritter geworden,” sagt der Doktor. „Jetzt sind Sie an der Reihe.”

Grütze-Olsen schüttelt wieder wehmütig den Kopf und sagt: „Dazu ist keine Aussicht.”

„Das ist gar nicht unerreichbar. Es gehört nur ein wenig Arbeit dazu.”

Grütze-Olsen schüttelte noch einmal wehmütig den Kopf und erwidert: „Ich bin Konsularagent für ein Land ohne Orden.”

„So. Aber jetzt hören Sie einmal, Herr Konsul. Jedenfalls könnten Sie ein Landhaus haben.”

„Ein Landhaus? O ja, allerdings!”

„Nicht wahr? Warum soll hier nur _einer_ ein Landhaus haben? Und warum soll gerade er es haben? Sie sind sicherlich ein reicherer Mann als er.”

Grütze-Olsen schüttelt lächelnd den Kopf: „Na, übertreiben Sie nicht!”

„Also ein Landhaus. Und dann fahren Sie mit zwei Pferden hinaus.”

„Mit zwei Pferden? Nein!”

„Das können Sie sich doch leisten!”

„Ja, allerdings,” erwidert der Konsul und wirft sich in die Brust. „Aber zwei Pferde. -- Nein, entschuldigen Sie -- ich kann nicht einmal mit einem Pferde fahren.”

„Dazu nehmen Sie sich doch einen Kutscher! Sie sind doch ein Mann, der weiß, was sich gehört. Einen Kutscher mit blanken Knöpfen und einer goldenen Borte um die Mütze.”

„Nein, nein, nein, da müßte der Kutscher ja selbst lachen, daß es ihn schüttelt,” erklärt Grütze-Olsen. „Und ich mag nicht drinsitzen hinter zwei Pferden.”

Der Doktor schlägt vor: „Dann sitz' ich die ersten Male drin, das heißt, Frau Olsen und ich. Nicht wahr, Frau Olsen?”

Frau Olsen ruft ganz überwältigt: „Ich? Nein, Gott bewahre mich! Die Frau Doktor kann -- die Frau Doktor kann selbst --”

Es war durchaus nichts zu machen.

25

So ging es denn nun im alten Trab weiter in der Stadt -- nur der Postmeister war und blieb gebrochen. Er hatte mit einer dürftigen Pension seinen Abschied erhalten, die Familie war in ein kleines Haus bei der Werft übergesiedelt, und ein neuer Postmeister hielt seinen Einzug im Posthaus.

Der Sommer war vergangen, und die beiden Leuchten der Stadt reisten zurück zu ihrem Studium. Sie waren ja nicht gerade Busenfreunde, aber sie fuhren mit demselben Schiff. Busenfreunde? Frank hatte doch die ganzen Ferien hindurch gearbeitet und war Reinert wieder um eine Nasenlänge vorausgekommen, wie hätte daraus ein zartes und harmonisches Verhältnis entstehen können?

O, was hatte Frank nicht alles in diesen Wochen gelernt! Aber man sah es ihm auch an. Er hatte in sein Bewußtsein hinein soviel verschiedene Sprachwissenschaft verwoben, ein Stückchen ums andere, ohne Drängen, ohne Gewalt, nur indem er Zeit und Lebenskraft dransetzte, jetzt stand er auf dem Schiff ein bißchen gelb und mager, ganz ohne Fett und also wie dazu geschaffen, immer noch mehr zu lernen. Selbst dem Leben um ihn her widmete er nicht mehr Gedanken, als es wert war, mit seinen Händen wußte er nichts anzufangen, der Arbeit der Matrosen an Bord schaute er stumpfsinnig zu, die Maschinenleute fand er entsetzlich schmierig. Frank konnte keine Fässer und Kisten in den Schiffsraum verladen, nein, dazu war er nicht da; aber er konnte in Wörterbüchern nachschlagen; aber er saß voll zarter und heiliger Sprachwerte, ein Vergleich war gar nicht möglich. Feinheit wird durch Schulfleiß errungen und geht durch Arbeit verloren.

Auf dem Schiff traf er einen Bekannten von der Schulbank her, den Zeichenstift; als bleicher Neger tauchte er aus dem Maschinenraum empor, nur halb bekleidet, mit verschwitztem Gesicht und weitoffener Hemdbrust.

„Guten Tag!” sagte er und nickte Frank zu.

„Guten Tag!” sagte auch Frank und suchte sich den Neger in seine Erinnerung zurückzurufen. „Bist du hier?”

„Ja, hast du das nicht gewußt?”

„Nein,” erwiderte Frank etwas zurückhaltend.

„Ich bin Heizer. Wie geht es Abel? Gut?”

„Abel? Ja, ich weiß nichts anderes.”

Der Zeichenstift wollte Schulerinnerungen auffrischen. „Weißt du noch? Denkst du noch daran?” Er lachte, daß seine weißen Zähne blitzten, und dachte nicht daran, wie schmierig er war, da stand er mitten im Zug und machte sich nichts daraus. Frank stellte sich mehrere Male auf einen andern Platz und sagte: „Es zieht hier sehr!”

„Geht es bei dir zu Hause und deinen Schwestern gut?”

„Ja, ich hab' nichts anderes gehört.”

„Hahaha, man könnte gerade meinen, du kämest nicht von daheim,” sagt der Zeichenstift. „Und wie komisch, daß du nicht gewußt hast, daß ich hier bin. Deine Schwestern wissen das doch.”

Frank sagt ausweichend: „Ich hab' soviel anderes zu denken.”

„Aber dann weißt du doch wohl noch, wie wir die Fenster eingeschlagen haben? Und wie der Vorsteher dazukam?”

Immer ferner, beinahe schon am Horizont, sagt Frank: „Nein, das ist schon lange her.”

Der Zeichenstift merkt, daß sein Kamerad sehr gelehrt ist, und macht nun den Versuch, ihn nach seinen eigenen Angelegenheiten zu fragen: „Du willst wohl wieder auf die Universität?”

„Selbstverständlich.”

„Ach du liebe Zeit, wie weit hast du es denn schon gebracht? Bist du jetzt bald Pfarrer?”

„Pfarrer?” grinst Frank. „Nein, gewiß nicht.”

„Na!”

„Ich studiere Sprachen.”

„Na, aller Welt Sprachen! Ja, das ist auch keine Kleinigkeit. Aller Welt Sprachen, wie der Vorsteher. Reinert wird aber doch Pfarrer?”

„Nein, das weiß ich nicht.”

„Das weißt du nicht?”

Frank sagt unwillig: „Nein, ich weiß nicht, was er werden will.”

„Ich hab' Reinert heut morgen an Bord kommen sehen, aber er kannte mich augenscheinlich nicht.”

„Nein, das kann gut sein. Du bist ja so schwarz.”

„Allerdings, ich hab' ihn aber doch gegrüßt,” sagte der Zeichenstift und fing an, Asche aus dem Feuerraum heraufzuziehen und über Bord zu werfen.

„Hier staubt es so!” sagte Frank.

Nein, Reinert kannte nur, wen er kennen wollte; er kannte kaum Frank, der doch sein Kollege und ihm voraus war. Frank sah ihn an Bord kaum, Reinert fuhr auf dem zweiten Platz und trieb sich meist auf dem ersten herum. Aber Frank stand auf seinem dritten Platz und hatte das Bewußtsein, mehrere Sprachen zu verstehen.

Reinert hatte in den Ferien nichts Nennenswertes gearbeitet, ein wenig hatte er ja studiert, um seinem Vater, dem Küster, eine Freude zu machen, aber sonst hatte er sich meist im Freien aufgehalten. Reinert hatte kein Gras unter seinen Füßen wachsen lassen, er hatte Klein-Lydia und die kleinen Mädchen von der Werft vollständig erobert und auch bei Heibergs Alice große Fortschritte gemacht. Der Junge sah ja auch verflucht gut aus mit seinen Locken und seinen schönen Kleidern, dazu trat er so keck auf, daß er gut für erwachsen gelten konnte. Das ging sogar so weit, daß er sich bemüht hatte, den Assistenten beim Hardesvogt bei den Damen auszustechen, obgleich er es bei ihm mit einem ausstudierten Manne zu tun hatte.

Frank trieb sich blaugefroren auf Deck herum und suchte immer wieder ein warmes Plätzchen, wenn sich das Schiff drehte. Das erste, was er nach Ankunft in Christiania tun wollte, war, sich einen Überzieher mit einem Samtkragen zu kaufen.

Er kam am Rauchsalon vorbei, die Tür stand weit offen, er schaute hinein und blieb stehen. Dann grüßte er und wollte weitergehen, aber er war ein wenig zu lange stehen geblieben, außerdem waren es ja Bekannte, die da vor ihm saßen, Rechtsanwalt Fredriksen aus seiner eigenen Stadt, ein großer Mann, aber er plauderte da mit einem geringeren, mit Reinert, sie saßen beieinander und schwatzten, der Rechtsanwalt putzte sich die Nägel mit einem Perlmuttermesser, und beide rauchten.

Frank trat nicht näher, aber er sah auch nicht ein, warum er sich davonschleichen sollte, so weit bekannt und anerkannt war er doch auch, darum redete er durch die offene Tür Reinert an und sagte: „Ich hab' den Zeichenstift getroffen, er fragte nach dir.”

Reinert gab keine Antwort, er saß da und tat, als ob er nachdenke.

„Er ist Heizer hier auf dem Schiff.”

„So!” sagte Reinert geistesabwesend.

„Wer ist der Zeichenstift?” fragte der Rechtsanwalt, als ob er das nicht recht gut wüßte.

„Ein Schulkamerad von uns,” erwiderte Reinert. „Ja, ich freu' mich sehr darauf, _die Glocken von Corneville_ wieder einmal zu sehen.”

„Ich hab' sie nicht gesehen.”

„Klausen ist großartig; das sagt jedermann.”

„Ich hab' so wenig Zeit für Theater und Zirkus,” donnert Rechtsanwalt Fredriksen. „Ich hab' doch meine Arbeit für den Landtag, und außerdem bin ich Vorsitzender einer parlamentarischen Kommission --”

Frank begriff, daß er hier nichts mehr zu suchen hatte, und ging weiter. Er begab sich wieder an ein warmes Plätzchen und lächelte vor sich hin. O, er verstand mehr Sprachen als die beiden zusammen. Fredriksen verstand wohl nichts, als einen kleinen Rest Deutsch -- das war alles!

Aber konnte nicht auch der Rechtsanwalt Fredriksen lächeln? Es ging ihm mit seinen Sprachen wie mit seiner Anatomie: er verstand soviel davon, als er zu wissen brauchte. Jetzt war er wieder auf dem Wege zu seiner Kommission, vollkommen ausgeruht und bereit, die Arbeit da wieder aufzunehmen, wo er sie hatte liegen lassen. Diese Zusammenkünfte in den Kommissionen waren nicht so übel, es stand in der Zeitung, wenn er ankam; er konnte wieder Fahrt- und Kostgelder aus der Staatskasse erheben, abends traf er mit Kollegen und Gleichgestellten bei Punsch und langen Pfeifen zusammen. Das gab Ansehen, ein kleines Winkelblättchen hatte unter anderen auch ihn als künftigen Staatsrat genannt: „Haben wir denn keine Männer? Da ist doch der Oberstaatsanwalt Fredriksen!” Das tat dem Herrn Rechtsanwalt keinen Eintrag, wenn auf ihn hingewiesen wurde, dabei konnte er nur gewinnen, er hatte die Zukunft vor sich, er war nun schon ein Mann, der bei einer Unterredung das Taschenmesser herausziehen und damit in seinen Nägeln herumstochern konnte.

So reisten also diese drei Stadtkinder nach Christiania, Frank, Reinert und der Rechtsanwalt, jeder mit seinem Vorhaben, seinem Ehrgeiz, seiner Zukunft. Der Zeichenstift heizte die Maschine.

Und die Küstenstadt lag wieder hinter ihnen.

Sie wurden daheim vermißt, jeder auf seine Weise. Frank vielleicht am wenigsten. Seine Kammer stand leer, aber die Großmutter hatte nicht mehr nötig, auf den Zehen zu schleichen und konnte am Herde rasseln, soviel sie wollte. Das war keine kleine Änderung zum Besseren. Abel erbte die Kammer von seinem Bruder; aber das war einerlei, hin oder her, er war nur bei Nacht darin, und außerdem war Abel kein Mann der Wissenschaft.

Da hinterließ doch der Rechtsanwalt eine größere Lücke bei seiner Abreise. Nicht als ob sein Kontor durch seine Abwesenheit stark gelitten hätte, sein Geschäft war nicht so groß, daß es ihm nicht mit der Post nachgeschickt und von ihm auf der Bank im Landtag erledigt werden konnte. Aber der Rechtsanwalt hatte doch eine gewisse vorläufige Abrede getroffen, Fräulein Olsen vermißte ihn vielleicht, jedenfalls mußte es ihr sehr still vorkommen, als seine Stimme fehlte. Was war sonst noch erfolgt? Nur abgewartet, die Zeit war noch nicht gekommen, aber sie näherte sich, ein Winkelblättchen hatte schon die kommenden Männer genannt, darunter auch ihn, den mit der Abrede. Fräulein Olsen mußte jedenfalls gewisse schwere Tritte auf der Treppe vermissen, wenn nicht mehr, einen schwer schnaufenden Herrn, der hereintrat, einen Nacken mit einem Speckwulst, eine tastende Hand: „Guten Abend, guten Abend!” Wenn sie nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie sich auch an die Zigarrenstummel im Aschenbecher erinnern, an das Zwiegespräch, an die sachliche Art, seine Liebe und norwegische Politik zu betreiben: „Was haben wir im Grunde in diesem Dasein zu erstreben? Es gut zu haben, was denn sonst? Wir steigen von Stellung zu Stellung, und es geht uns besser und immer besser, wir speisen gut, kleiden uns gut, legen zurück, werden vermöglich, besitzen Häuser in der Stadt und Anteile an Schiffen auf dem Meere, bewohnen eine Sommervilla, segeln oder fahren in der Kutsche, wann es uns gefällt. Wir tun nichts, was uns nicht paßt, wir wollen das Unebene nicht eben machen, das sollen die andern tun, jeder nach seinem Geschmack! Nachher -- nachher können wir Geschäfte in Gang bringen und den Leuten Arbeit geben, wir können rund um uns herum wohltun, eine helfende Hand reichen. Wir hören von einer obdachlosen Familie und lassen sie in einem von unsern Häusern wohnen: Bitte, nur hier eingezogen mit den Deinen! Wir hören von Unglücksfällen und nehmen Anteil, wir sind alles andere als hartherzig, Matrosen werden zu Krüppeln in ihrem gefahrvollen Berufe, wir greifen ein und verschaffen ihnen ihr Recht. Auf diese Weise werden wir solidarisch, wir wollen Fortschritt und Demokratie, laßt nur uns alles in Ordnung bringen mit dem Dienst, der Fahne und dem Vaterland --”

„Jawohl,” sagte Fräulein Olsen darauf.

„Nicht wahr, so geht es, und so muß es auch gehen! Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sowohl die Person als die Stellung verlangen eine Gehilfin, Fräulein Olsen --”

„Wollen Sie sich nicht noch eine Zigarre anstecken?”

„Doch, danke. Eine Gehilfin also. Sie ist notwendig aus mehreren Gründen: Dem Haus muß eine Hausfrau vorstehen, sie soll die Zimmer in Ordnung halten, die Einkäufe für den Haushalt gehen durch ihre Hände. Jemand kommt und will den Mann sprechen, er arbeitet, er ist im Staatsrat, aber die Frau repräsentiert. Der Verwaltungsrat eines Altersheims oder einer Anstalt für Geistesschwache wünscht ihre wertvolle Unterstützung, nun gut, die Frau setzt ihren Namen unter einen Aufruf. Sie ist jetzt auf eine höhere Warte gehoben, zu neuen Ehren gelangt, aber auch zu neuen Pflichten. Sie kann sich diesen nicht entziehen, die Öffentlichkeit hält die Augen auf sie gerichtet, die Gesellschaft stellt ihre Forderungen. Könnten Sie diese Forderungen erfüllen, mein Fräulein?”

„Ich?” sagt wohl Fräulein Olsen lachend. „Ach, das weiß ich nicht. Nun, wenn es sein müßte, könnte ich es wohl. Was meinen Sie?”

„Das setze ich voraus. Und nun bleibt nur noch übrig, darüber ins reine zu kommen, ob auch Sie wollen. Seit unserer ersten Abrede sind nun mehrere Monate verflossen, Sie haben Zeit gehabt, oftmals darüber nachzudenken. Aber ich warte auf gewisse Veränderungen, die eintreten sollen, es eilt nicht, ich lasse Ihnen noch mehr Zeit.”

Da fragt wohl Fräulein Olsen etwas verwundert: „Unsere erste Abrede, sagen Sie? Was für eine Abrede?”

„Liebes Fräulein, unsere vorläufige Abrede. Erinnern Sie sich denn nicht mehr, bei der Hochzeit Ihrer Schwester? Ich meine doch, wir seien darüber einig geworden --”

„Ja, wir waren nicht uneinig.”

„Na, sehen Sie!”

„Aber _Sie_ trafen die Abrede.”

„Na ja, darüber wollen wir nicht streiten, ich hab' am meisten geredet, darin haben Sie recht. Ich gab Ihnen mein Versprechen --”

„Sie stellt sich nur ein wenig an!” mag der Rechtsanwalt Fredriksen denken. Aber um sicher zu gehen, will er etwas zur Sprache bringen, etwas verlauten lassen, das ihm eingefallen ist. Diese Maler und Künstler, die ins Haus gekommen sind, könnten ihm das Mädchen wegschnappen, es wäre unglaublich, wenn so etwas geschehen würde, aber jetzt wollte er es andeuten: „Ich hab' Ihnen also meinen Antrag zu Füßen gelegt, und da liegt er. Hm. Wer singt denn da droben auf dem Boden?”

„Das sind die Maler. Sie haben droben ihr Atelier.”

Der Rechtsanwalt lächelt: „Ach, diese Gesellen! Sorglose Seelen, singen und bemalen die Leinwand! Von dem andern rede ich nicht, aber Ihr Schwager ist doch aus gebildetem Hause, ich bin mit seinem Vater auf der Universität gewesen. Wie geht es dem Sohn? So ein junger Mann hat nichts, worauf er zurückgreifen könnte, er hat nichts Rechtes gelernt, hat nicht studiert. Von dem andern will ich gar nicht reden, aber Ihr Schwager hatte doch von Geburt an Aussicht auf eine Zukunft. Na, es kann ja gut gehen, er kann ja hie und da einmal ein Bild verkaufen, ich selbst will ihm später eines abkaufen, und ich werde es Ihnen übertragen, die Auswahl zu treffen.”

„Was --”

„Ja, das will ich,” nickt Herr Fredriksen wie von oben herab, von seiner Höhe. „Ein Bild kaufen und Sie bitten, die Wahl zu treffen. Wollen Sie?”

„Würden Sie mir das anvertrauen?”