Part 24
Am Morgen will er vor lauter Kränkung gegen Petra keinen Ton verlauten lassen; eine Frau, die die große Gelegenheit, etwas zu erfahren, verschlafen hat, ist nichts Besseres wert. Aber er hatte gar nichts davon, denn es ging wahrhaftig so, daß Petra selbst von einem unerhörten Ereignis Kunde brachte: sie kam vom Brunnen und hatte den Eimer noch nicht abgestellt, als sie schon erzählte, das Posthaus sei heute nacht ausgeraubt worden; den Postmeister habe man auf einer Haustreppe weit draußen in der Stadt gefunden. Er habe da ohne Hut gesessen und sei nicht recht bei Verstand.
Zu jeder andern Zeit hätte Oliver da augenblicklich zu seiner Krücke gegriffen und wäre in die Stadt gehumpelt; aber der Ärger darüber, daß ihn Petra in der Nacht um seinen Triumph gebracht hatte, hielt ihn zurück. Er wollte jetzt lieber auch keine Spur von Überraschung über ihre Erzählung, über ihre Räubergeschichte an den Tag legen, nein, nein, weit entfernt! Er frühstückt weiter, und Petra ist in tausend Qualen, weil er sie nicht ausfragt. Wie sie rasend und immer rasender wird! Es scheint, daß sie sich selbst gelobt hat, ihm keinen Kaffee mehr einzuschenken, obgleich seine Tasse leer ist; mag er doch für sich selbst sorgen! Endlich sagt sie: „Na, hast du heut nacht die Sprache verloren?”
„Die Sprache verloren?” erwidert er sehr verwundert.
„Mach, was du willst!”
„Wovon sollt' ich denn reden?” fragt er. „Was meinst du denn?”
„Dann hast du wohl nicht gehört, was ich erzählt habe?”
„Was -- der Dreck? Ich weiß viel mehr als das!”
Sie schaut ihn an, und es kommt ihr ein Gedanke: „Du bist doch wohl nicht selbst dabei gewesen und bist mit darein verwickelt?”
Das war ja nett, hier saß er und sah so unschuldig aus wie ein Kind, und hatte reine Hände, und dennoch sollte sich ein solcher Verdacht an ihn heften! Er räusperte sich mit Würde und sagte: „Willst du wohl das Maul halten?”
„Ich hab' ja nur gefragt. Es war nicht schlimm gemeint.”
„Du, nimm dein Maul in acht!” wiederholt er und steht auf.
Allerdings, Petra war sehr ergrimmt darüber, daß er ihre große Neuigkeit so gar nicht anschlug, ihre gewaltige Neuigkeit; aber da er seine Krücke in greifbarer Nähe hat, findet sie es geratener, zu gehen, als zu bleiben; sie wirft den Kopf in den Nacken und begibt sich mit ihrer Neuigkeit in die Stube zur Großmutter.
Oliver ißt sich satt und geht dann von Hause fort.
Da die ganze Stadt wegen der Ereignisse der letzten Stunden vollständig verstört ist, kommt im Lagerhaus kein Betrieb in Gang, und Oliver hat die beste Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Das war ein Glück, daß er in der Nacht nicht dazugekommen war, etwas zu offenbaren, eine Fügung Gottes, Petra hätte es wichtig gehabt, jedes Wort weiterzutragen, und hätte ihn in den Postraub mit hineinverwickelt. Und es hätte vielleicht wegen des Eiderdaunengeldes trotz seiner Unschuld gespukt. Jetzt hieß es vorsichtig sein, vorerst keine großen Ausgaben zu machen, keine allzuschönen Kleider anzuschaffen, gar keinen Putz, der hellrote Schlips im Schaufenster des Stickereigeschäfts durfte also nicht seinen Hals zieren.
Oliver überlegte sich alles ganz genau: einen Teil des geraubten Geldes hatte er in der Tasche, daran konnte er nicht zweifeln, aber er hatte es nicht geraubt, Gott war sein Zeuge. Schmied Carlsens Kinder konnten vielleicht einige Aufklärung in der Sache geben, wenn sie angezeigt wurden, aber Oliver hatte nicht im Sinn, sie anzuzeigen, das fehlte gerade noch! Alle Umstände sprachen dagegen, erstens schon der, daß Abel bei dem Schmied in der Lehre war und die Witwe dort dem Haushalt vorstand. Und war nicht der Schmied selbst sein Meister? Oliver hatte Vatergefühl genug, daß er seinen Sohn nicht ins Unglück stürzen wollte. Übrigens konnten die Schmiedskinder leicht auch unschuldig sein, wer konnte das sagen, vielleicht wußte der fremde zweite Steuermann am meisten von der Sache, und wer kannte den?
O, dieser zweite Steuermann und dieser Adolf mit der Schiffskiste waren vielleicht die schlimmsten Verbrecher! Hatten sie denn nicht auch Oliver gebeten, seine Frau mit auf den Engländer zu bringen, sie würden sie nicht fressen! Aber Oliver hatte glücklicherweise Petra nicht mitgenommen und sie, wer weiß was, ausgesetzt, er gehörte nicht zu denen, die ihre Frau zu einem andern mitnehmen. Und nun zeigte es sich, daß ihn sein Schicklichkeitsgefühl ganz richtig geleitet hatte, sie hätte in eine wahre Räuberhöhle geraten können. --
In der Stadt schwirrten die unglaublichsten Gerüchte durcheinander, die Zeitung brachte einen Artikel, der von einem Manne, dem das Wort zu Gebot stand, geschrieben sein mußte, der Polizei-Carlsen war an allen Ecken und Enden und untersuchte, denn aus dem Postmeister war keine richtige Aufklärung herauszubringen; er saß niedergeschlagen und völlig fassungslos da und starrte zu Boden. Zuerst gab er eine Art Beschreibung eines fremden Mannes, den er auf dem Flur des Postkontors gegen zwölf Uhr in der Nacht getroffen habe; der Mann sei alt gewesen, habe einen langen grauen Bart gehabt, vielleicht auch eine Maske getragen; er habe englisch gesprochen. Bei einem späteren Verhör änderte der Postmeister seine Aussage: Der Fremde sei vielleicht gar nicht alt gewesen, sondern im Gegenteil jung, er wäre nicht imstande gewesen, ihn zu überwältigen. Der Mann habe keinen Regenschirm gehabt. Kurzum, der Postmeister redete nur Unsinn und verwirrte alle. Er war blödsinnig geworden, vom Schlag getroffen, der Doktor war bei ihm und stellte eine Hirnblutung und geistigen Stumpfsinn fest. Herrgott, ein Mann, der vorher Türme und Häuser mit Säulen hatte zeichnen können!
Und in der Stadt schwirrten die Gerüchte umher. Es wäre Unrecht gewesen, zu behaupten, daß die Leute dem Polizei-Carlsen und den Behörden nicht mit Nachforschungen an die Hand gegangen wären, in den ersten Tagen ließen sie sogar so gut wie alles liegen und stehen und opferten sich dieser Sache völlig auf. Und in diesem großen Aufruhr ertrank eine andere Neuigkeit vollständig, die sonst wohl die allgemeine Aufmerksamkeit verdient hätte, die nämlich, daß Konsul C. A. Johnsen das Ritterkreuz des Dannebrogs bekommen hatte. Wer war von dieser Ehre ganz hingenommen, wer erwähnte sie? Ein Bericht von ein paar Zeilen in der Zeitung, ein zufälliger Glückwunsch von dem einen und andern Stadtkind, das gerade daran dachte. Frau Konsul Johnsen aber, ja, sie legte mehr Wert auf die Auszeichnung, und sie telegraphierte sowohl an Scheldrup, der jetzt in Neu-Orleans war, als an Fia, die sich in Paris befand.
24
In den großen Städten geht man von der Ansicht aus, es gebe in kleinen Städten aber auch ganz und gar nichts von großen Ereignissen. Das ist eine verfehlte und kränkende Ansicht, denn es gibt da wahrhaftig Bankerott, Betrug, Mord und Skandal gerade so gut wie in der großen Welt. Allerdings schickt die Zeitung des Ortes keine Extrablätter darüber aus; aber jede Neuigkeit verbreitet sich sicher und rasch von den Brunnen her und dringt bis in das engste Kämmerlein. War in der ganzen Küstenstadt wohl noch irgendein Mensch vorhanden, der in der Frühe des nächsten Morgens noch nichts von dem Postraub gewußt hätte? Höchstens konnten es vielleicht Grütze-Olsens sein, denn das waren Leute, die lange liegen blieben und häufig im Bett frühstückten.
Und so wenig den Kleinstädten die aufregenden Ereignisse fehlen, ebensowenig fehlt es ihnen an Abwechslung darin. Kleinstädter haben die nötige Abwechslung in den Ereignissen vollauf. Sollten sie vielleicht darauf angewiesen sein, mit einem Postraub zu leben und zu sterben? Dann hätte diese Neuigkeit nicht so rasch aufgehört, eine berühmte Sache zu sein. Der Doktor erhielt sie noch am längsten am Leben, denn sie ließ ihn gewissermaßen dem vernichteten Postmeister gegenüber als Sieger dastehen, aber es dauerte nicht lange, bis es den Leuten überdrüssig wurde, sie zu erörtern.
Was war das Ende davon? Es gab überhaupt kein Ende, es kam gar kein Zug in die Sache. Der alte oder junge Mann, der Englisch sprach und vielleicht eine Maske trug, aber jedenfalls keinen Regenschirm hatte, dieser wahrscheinliche Verbrecher war nicht zu finden. Es wurde an das englische Schiff telegraphiert, allein das hatte in Norwegen bereits geladen und war auf dem Weg nach irgendeinem heimatlichen Hafen. Auch dorthin wurde telegraphiert, und als das Schiff ankam, ward auch eine Art Verhör abgehalten, aber das führte zu nichts. Natürlich kam es an den Tag, daß Adolf Adolf war, ein Schmiedsohn, norwegischer Matrose; aber er war in England verheiratet und dort ansässig, so war er auf einer englischen Schute von der englischen Flagge vollständig geschützt. Außerdem war sein Kapitän ein frommer Mann.
Auch der zweite Steuermann entpuppte sich als Norweger, Sohn eines Postmeisters in einer näher bezeichneten kleinen Stadt, unverheiratet, mit ausgezeichneten Zeugnissen über vorzügliches Betragen, auf ihm ruhte kein Verdacht -- der Vater hätte betreffendenfalls in dem Fremden auf dem Gange doch auch seinen Sohn erkennen müssen, was er ja aber nicht getan hatte. Außerdem war es bei ihm dieselbe Sache mit der englischen Flagge, und daß die englische Flagge keinen Tag, ja keinen Augenblick einen Verbrecher geschützt hätte, das wußte alle Welt. Der zweite Steuermann und Adolf waren also zurzeit im englischen Dienst bei einem frommen englischen Kapitän, und von Auslieferung konnte keine Rede sein.
Warum hatten diese zwei Männer nicht ihre Eltern besucht, wenn doch ihr Schiff in ihrer Heimatstadt gelöscht wurde? Ja seht, das war eine von den zarteren Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, aber sie wußten auch darauf eine ganz befriedigende Antwort zu geben: sie wollten sich Vater, Mutter und Geschwistern nicht mit leeren Händen vorstellen, und es war ihnen noch nicht gelungen, etwas Ordentliches von ihrer Heuer zurückzulegen. Das war der Grund. Aber Gott sei sein Zeuge -- gab der zweite Steuermann an -- er sei manchen Abend an Land gewesen und habe sein Vaterhaus umkreist, habe zu den Fenstern hinaufgeschaut und gezittert, wenn er eine Tür habe gehen hören, und die Hände gefaltet, wenn der Schatten seiner Mutter auf die Vorhänge gefallen sei. Das war ergreifend, das Gericht selbst war gerührt, und das will etwas heißen, wenn ein Gericht gerührt ist.
Von dem Matrosen Adolf kam eine eigentümliche Sache an den Tag: Als er und seine Sachen untersucht wurden, stellte es sich heraus, daß er über den ganzen Körper mit liederlichen Zeichnungen tätowiert war. Die Zeichnungen waren auffallend unanständig, und auf die Frage, wo das gemacht worden sei, antwortete er: „In Japan.” Diese Zeichnungen schadeten Adolf in den Augen des Untersuchungsrichters ganz ungemein, konnten ihn aber nicht des Postraubes überführen. Der zweite Steuermann war ohne Tätowierung und ganz schön und rein am Körper, so daß er viel besser aus der Sache hervorging; ja, das kam beiden Verdächtigen zugute.
So verlief nun also die Sache mit dem Postraub im Sande, und der Dieb oder die Diebe hatten auch nicht so besonders viel in die Finger gekriegt: Sieben- bis achttausend Kronen in Wertsendungen. Wenn sich mehrere in diese Beute teilten, kam auf jeden nicht sehr viel, und man konnte sich versucht fühlen, zu sagen, es sei ihnen gegönnt!
Die Sache war nun nicht mehr sehr wichtig, der Polizei-Carlsen zeigte keinen großen Eifer in den Nachforschungen, was ihm auch gar nicht zu verdenken war, da sein Neffe und damit auch er selbst Ungelegenheiten davon gehabt hätten. Aber auch der Vorgesetzte des Polizei-Carlsens legte wenig Wert darauf, in dieser Sache bis aufs äußerste zu gehen; es wäre eine Dummheit gewesen, um einer Kleinigkeit willen mit England Händel anzufangen, und außerdem war es der allgemeine Wunsch der Stadt, den Schmied Carlsen zu schonen, der bessere Kinder verdient hätte, als ihm zuteil geworden waren.
Aber nun der Postmeister? Er hatte sich das Ereignis so zu Herzen genommen, daß er nicht mehr zu kennen war: eine gebeugte und gebrochene Gestalt mit irren Augen und einem beständig mummelnden Munde. Der ehrgeizige Mann konnte den Schaden und die Schande, die ihn in seinem Beruf getroffen hatten, nicht überwinden, über etwas anderes brauchte er sich ja nicht zu grämen, da sein Sohn nichts Böses getan hatte. Der Postmeister war der Gegenstand allgemeinen Mitleids. Er hatte ja wohl während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt vernünftige Leute mit seiner ewigen Frömmigkeit und seinem metaphysischen Geschwätz auf allen Straßen und Gassen zum Sterben gelangweilt, aber jetzt, wo ihn das Schicksal geschlagen hatte, erinnerte man sich mehr der Tugenden als der Laster dieser heimgesuchten Seele. Hatte nicht er die Zeichnung zu dem großen Schulhaus gemacht, zu diesem Säulenhaus, das die Reisenden schon von der See aus sahen und darum bis an ihr Lebensende nicht vergaßen? Jetzt saß er da mit umnachtetem Verstand und war weniger denn ein Kind.
„Er ist selig und verwirrt und tot,” sagte der Doktor. „Es ist mir schon in der letzten Zeit aufgefallen, er hatte so einen stechenden Blick, er war morsch geworden, und es brauchte nur noch eines kleinen Anstoßes, um ihn zu zerbrechen. Der Glaube hat ihn zu Fall gebracht.”
Im Gegensatz zu allen andern fiel es dem Doktor schwer, den Postraub zu vergessen, er ließ den Verdacht nicht fahren, das Geld sei auf dem englischen Schiff davongefahren. Was hätte den lokalkundigen zweiten Steuermann hindern sollen, sich in sein Vaterhaus zu schleichen und die Wertsendungen zu stehlen? „Nachkommen!” pflegte der Postmeister zu sagen. Ach, ein Nachkomme, der zu allem fähig war! Der Nachkomme Adolf war von derselben Sorte, die entsetzlichen Zeichnungen auf seinem Körper legten Zeugnis ab von seinem Charakter. Wahrhaftig, die beiden Väter konnten sich ihrer Nachkommen freuen!
Der Doktor konnte es wirklich nicht lassen, ein wenig zu frohlocken. Noch niemals hatte er die sandigen Gassen der Stadt mit geringerer Überwindung durchschritten als jetzt, und noch nie war ihm die Richtigkeit seiner Lebensanschauungen so klar bestätigt worden. Zu dem frommen und gläubigen Wrack, dem Postmeister, ging er sehr oft, betrachtete ihn eine Weile und verließ ihn dann wieder; er konnte keine Anzeichen feststellen, daß seinem Patienten Licht und Klarheit wiederkehrte, und schloß daraus auf dauernde Finsternis bei ihm. Waren es nicht die _Menschengedanken_, mit denen dieser Kindermund großzutun pflegte? Daß die Menschengedanken niemals aufhörten, daß die Menschengedanken ein Licht seien, das niemals erlösche? Nun, für ihn selbst waren sie jetzt jedenfalls erloschen und hatten nur einen schwarzen Docht zurückgelassen. Solche schwache Köpfe sollten sich nie darauf einlassen, auf eigene Faust nachzugrübeln, die sollten Kirchen und Schulhäuser zeichnen und ihrem Katechismus treu bleiben.
Der Doktor hatte ja gerade keinen Grund, sich zu überheben und närrisch zu freuen, er empfand aber auf seine Art eine gewisse Befriedigung. Sein Materialismus behielt recht, der Zufall, daß der Postmeister zum Blödsinnigen geworden war, stärkte die Stellung des Doktors unter den Menschen; es war ja, als ob er das Unglück richtig vorausgesagt hätte, niemand kam ihm gleich an Autorität, seine Behauptungen mußten zu Recht bestehen bleiben. Wenn er nun also vom Postmeister behauptete, daß der Glaube ihn zu Fall gebracht habe, so konnte ihn der eine und der andere fragen: „Der Glaube?” Dann erwiderte der Doktor: „Jawohl, der Aberglaube.” Und das mußte bestehen bleiben.
Aber eine richtige Herzensfreude hatte der Doktor jetzt so wenig als vorher, das Leben war und blieb ein Elend, eine Gemeinheit. Wenn er nicht von Zeit zu Zeit den Genuß gehabt hätte, einen Menschen zu ärgern, so wäre es nicht auszuhalten gewesen. Meint man zum Beispiel, er hätte sich etwas daraus gemacht, den Kaufmann zu wechseln? Er hatte ja seine vieljährige Verbindung mit Konsul Johnsen aufgegeben und war zu Konsul Davidsen übergegangen, und wohlgemerkt, das war nicht geschehen, um Davidsen zu schaden, sondern im Gegenteil, um seinem kleinen Kramladen aufzuhelfen. Und was wurde daraus? Es wurde weiter gar nicht anerkannt, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Sie waren doch alle gleich, Davidsen war nur ein neuer Konsul. Und überdies war Konsul Davidsen nicht einmal ein Mann, mit dem sich der Doktor ordentlich unterhalten konnte, er gab ja keine Antwort, sondern staunte nur, die Schlafmütze, und fand sich lächelnd darein, ordentlich verhöhnt zu werden.
Da war der Doppelkonsul doch besser, obgleich auch er nur ein Kaufmann und Schiffsreeder war.
Man munkelte, es müsse köstlich zugegangen sein, als der Doktor kam und dem Doppelkonsul zum Dannebrog Glück wünschte. Er hatte zu diesem Besuch den Apotheker mitgenommen, und beide waren sehr untertänig gewesen. Sie waren durch den Laden ins Konsulat gegangen, was sonst nicht ihre Gewohnheit war, hatten durch einen von den Ladenschwengeln ihre Besuchskarten hineingeschickt, dann Hut, Stock und Galoschen abgelegt und sich Haar und Bart mit einem Taschenkamm zurechtgemacht. Beide Herren hatten Handschuhe an.
Der Konsul trat ihnen etwas verwundert mit den Karten in der Hand an der Tür entgegen und fragte scherzend, ob sie Audienz haben wollten? Bejahend verbeugten sie sich. „Na ja, dann bitte!” sagte der Konsul und nahm die Sache immer noch leicht.
Aber als sie im Kontor angelangt waren und immer noch mit derselben Feierlichkeit ihren Glückwunsch aussprachen, da fing der Konsul an, selbst etwas an seinem Orden zu finden und zu denken, es sei vielleicht dies die einzige richtige Art, wie einem Glückwunsch zur Ritterschaft Ausdruck verliehen werden müsse, was konnte er wissen! Er wehrte sich allerdings ein wenig und sagte: „Na ja, das ist doch nun nicht der Mühe wert, um so formell zu sein!” Aber die beiden Besucher waren standhaft und ließen sich nicht zu einem leichteren Tone verleiten.
Der Konsul bot den Herren Zigarren an, und sie erhoben sich und nahmen mit tiefer Verbeugung jeder eine Zigarre, steckten sie aber nicht an. Der Konsul wollte sich nun wohlwollend zeigen und fing von dem Postraub an, der sich eben erst ereignet hatte. Die Herren verbeugten sich zu allem, was er sagte, und legten großes Gewicht auf seine Worte. Noch ging alles gut, Konsul Johnsen war ausgesucht höflich, als der größte Mann der Stadt durfte er dem guten Ton nicht fremd gegenüberstehen. Einer von den Ladenjünglingen trat herein und legte die Post in die eigenen Hände des Konsuls, und der legte sie auf das Pult, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Der Geschäftsführer Berntsen trat ein und fragte etwas, und der Konsul erwiderte über die Achsel weg: „Später, ich bin jetzt beschäftigt!”
Unterdessen saßen die beiden Herren mäuschenstill, es war, als ob sie auf noch einen feineren Ton warteten. Aber da nichts mehr zu kommen schien, fuhr wohl der Teufel in den Doktor, er wollte sich selbst auf eine handfestere Weise eine Befriedigung verschaffen. Darum wendete er sich nun an den Apotheker und sagte einige Worte; aus Hochachtung vor dem Ritter sprach er leise, aber er sagte: „Wir hätten wohl eigentlich auch unsere Schuhe draußen ausziehen sollen!”
Da begriff der Konsul; innerlich schnitt er vielleicht eine Grimasse, aber seinem Gesicht war nichts anzusehen, als er dem Doktor antwortete: „Sie fürchteten wohl, Sie hätten keine heilen Strümpfe an?”
Na, hatte Konsul Johnsen keine Schneid? Sein Hieb saß, der Doktor war einen Augenblick geschlagen, dann lächelte er und sagte: „Vielleicht, das kann wohl sein.” Aber gleich darauf ging sein Pulver los, und er sagte: „Ich hab' übrigens meine Strümpfe und alles, was ich sonst aus Ihrem Kramladen bezogen habe, bezahlt!”
„Wirklich?” erwiderte der Konsul in zweifelndem Ton.
„Ich kann die Quittungen vorlegen.”
„So?” erwidert der Konsul, und da der Doktor schweigt, fährt er fort: „Ich weiß nicht, wo Sie hinauswollen.”
„Ich will nirgends hinaus,” antwortete der Doktor. „Das ist alles.”
Hier hätte der Konsul haltmachen und nicht weitergehen sollen; aber er war wohl gekränkt, daß er auf solche Weise geuzt wurde, und so konnte er es nicht lassen, ein wenig überlegen zu tun: „Von Ihren und anderer Leute kleinen Einkäufen im Laden draußen weiß ich wirklich recht wenig, das besorgt Berntsen. Ich sitze hier innen im Kontor und habe etwas größere Entscheidungen zu treffen.”
„O, das bezweifle ich durchaus nicht,” gibt nun auch der Apotheker zu; er wird feig und möchte gerne vermitteln.
Aber der Doktor grinst nur, kühl wie eine Hundeschnauze: „Selbstverständlich!” sagt er. „Wir sind groß, wir sitzen hier und disponieren, sage und schreibe, über ein kleines Frachtschiff, wir stehen nicht selbst hinter dem Ladentisch und verkaufen Schmierseife und Fingerhüte.” Da der Doktor hier die Luft durch die Zähne einzieht, macht es den Eindruck, als friere er -- oder vielleicht noch mehr den, als sei er rasend.
Der Konsul erwidert: „Es ist genau so, wie Sie sich das denken, in die Kleinigkeiten mische ich mich nicht ein.”
„Ach, wie groß sind wir!” ruft der Doktor. „Herrgott, wie groß sind wir, Sie und ich!”
Der Apotheker greift ein: „Nein, so war es nicht gemeint. Entschuldigen Sie, daß ich die Sache so ansehe; was fällt Ihnen denn ein, Herr Doktor?”
Der Doktor steht auf: „Nein, wissen Sie was, Sie Apothekerseele, Herr ...”
„Still! Die Sache ist die, Herr Konsul, wir wollten heute herkommen, um -- wir meinten, der Doktor und ich, wir als gute Bekannte dürften uns schon einen kleinen Scherz erlauben mit -- es ist uns natürlich nicht eingefallen, Sie persönlich lächerlich machen zu wollen, wir wollten nur ein wenig spaßen mit dem Orden, mit der Ritterschaft, die wohl weder Sie noch wir sehr hoch anschlagen. Wir haben uns vielleicht etwas verkehrt benommen, aber wir setzten voraus, wir dürften schon kommen und sowohl Ihnen wie uns ein wenig Spaß machen.”
„Das haben Sie auch ganz richtig vorausgesetzt,” erwidert der Konsul. „Wie Sie sehen, bin ich ja auch vom ersten Augenblick an auf den Scherz eingegangen.”
„Daß Sie etwas so Selbstverständliches noch lange erklären mögen! Ich bin erstaunt, Herr Apotheker!” ruft der Doktor. „Kommen Sie, wir gehen! Adieu!”
Der Apotheker stand nun allerdings auf, aber er ließ den Doktor gehen und fing von neuem an, dem Konsul Erklärungen zu geben, und gebrauchte dabei äußerst höfliche Worte. Er hoffe, daß es keine Mißstimmung zwischen guten alten Bekannten geben werde, der Doktor gehe zu weit, das habe doch keinen Sinn, die Schuhe auszuziehen, und ein großes Dampfschiff von einem Hafen in den andern zu dirigieren, von Genesien den einen Tag, nach Zürich den andern -- das gehe doch beinahe über Menschenverstand --
„Zürich ist nun eigentlich kein Seehafen,” sagt der Konsul und lächelt überlegen.
„Na, dann nicht. Ich verstehe leider nicht viel vom Seewesen, ich weiß nur, daß ich aus Zürich Pillen bekomme. Aber was ich sagen wollte. Jedenfalls ist es eine Riesenarbeit, hier zu sitzen und der Direktor von Schiffen auf dem Ozean zu sein und zugleich das größte kaufmännische Geschäft der Stadt zu leiten. Dafür hätten der Doktor und ich eigentlich wohl die Schuhe draußen ausziehen dürfen, das sag' ich gerade heraus, aber wenn ich Sie recht kenne, so wäre Ihnen das nicht angenehm gewesen. Der Doktor kann ja schon im voraus vieles verkehrt gemacht haben, und ich möchte den Herrn Konsul bitten, es uns beiden nicht nachzutragen.”
„Das hab' ich längst vergessen, reden Sie doch nicht so, das sollte mir gerade fehlen, dem Doktor etwas übel zu nehmen, ich habe wirklich anderes zu tun,” erwiderte der gutmütige Konsul Johnsen. „Da machen Sie sich keine Gedanken darüber!”
„Was schließlich den Orden betrifft, so sind Sie ja der erste Ritter, den die Stadt aufzuweisen hat, und es ist gewiß niemand da, der Ihnen die wohlverdiente Ehre mißgönnt. Es ist wohl die Anerkennung dafür, daß Sie das mit dem Wrack vor zwanzig Jahren so gut gemacht haben?”
Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, es ist seither noch die eine und die andere Kleinigkeit dazugekommen.”