Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 21

Chapter 213,804 wordsPublic domain

Der Rechtsanwalt erwidert abweisend: „Nein, mit dieser Interpellation bin ich selbst von allem, was ich darin getan habe, am wenigsten zufrieden.”

Sofort stichelt der Doktor: „Was haben Sie denn sonst noch getan?”

„O, nichts,” sagte der Rechtsanwalt und will einen Wortwechsel vermeiden.

Da der Doktor jetzt den großen Mann klein genug hatte, so hatte er seinen Willen und konnte nun gerne auch sein Wohlwollen zeigen: „Natürlich tut man vielerlei im Landtag, wovon wir Außenstehenden keine Ahnung haben. Komiteearbeit zum Beispiel, von der Arbeit in den Kommission gar nicht zu reden. Es ist ganz gut, daß Sie einmal in das Verhältnis zwischen Matrosen und Reedern hineinleuchten, machen Sie nur ganze Arbeit, warum in aller Welt sollen diese Reeder so reich werden? Unwissende und ungebildete Kerle, die gelernt haben, hinter einem Ladentisch zu stehen, aber sie rauchen Zigarren mit goldener Bauchbinde, trinken Madeira von einem alten guten Jahrgang, und ihre Frauen und Töchter tragen Brillantringe, es ist zum Speien! Ei, zum Henker, da kommt ja der Postmeister! Da müssen Sie mich entschuldigen, ich drücke mich jetzt! Jetzt wird er wieder seine Überzeugung von den vielen Erdenleben lüften. Können Sie sich etwas Schrecklicheres denken, als diesen Mann? Schon allein, daß sein Leben bewußt und unablässig auf das Gute gerichtet ist, hehe! ‚Nachkommen!’ sagt er und freut sich über seine Kinder. Er ist ein Narr. Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich mich davonmache, ich meine es besser mit mir, als daß ich ihn anhören möchte. -- Guten Abend, Herr Postmeister! Sie sind wohl wieder auf der Suche nach Gott? Eben haben wir von Ihnen gesprochen.”

„Ich sage Dank für alles Gute, das die Herren von mir gesprochen haben.”

„Und was vielleicht Böses gesagt wurde?”

„Das haben Sie jedenfalls nicht angehört.”

„So. Auch ich bin mir selbst der Nächste.”

„Gerade darum,” sagt der Postmeister.

Der Doktor stutzt und sagt: „Sieh, sieh, Sie meinen also, ich diene mir selbst am besten, wenn ich Gutes von Ihnen rede?”

„Ja, das mein' ich, wenn Sie Gutes von allen Menschen reden. Herr Rechtsanwalt, ich heiße Sie willkommen in der Heimat!”

Der Doktor wollte ja eigentlich gehen, aber in der milden Zurechtweisung des Postmeisters lag etwas, das ihn veranlaßte, noch einen Augenblick zu bleiben und ihm jedenfalls die Spitze zu bieten: „Herr Postmeister, Sie gehören gar nicht in diese Welt hinein. Sie glauben an das Gute und sagen: ‚Was soll man glauben?’ Diese Welt will Logik und Realität, keine Gefühlsduselei.”

Bei solchen Streitigkeiten hatte der Postmeister den Vorteil, auf bekanntem Gebiet zu sein, wo ihn sein Nachdenken wenigstens auf einen festen Standpunkt geführt hatte. Darum war er auch oft dazu aufgelegt und vollkommen bereit, seine Meinung zu verteidigen, zuweilen sogar recht schlagfertig. Außerdem war der Postmeister durchaus kein Lamm, er konnte bisweilen recht verletzend sein mit niedergeschlagenen Augen und einem leichten Lächeln. Was er sagte, war eigentlich gar nicht viel, nur einige ganz höfliche Worte, aber sie waren nicht immer harmlos.

„Was diese Welt will, weiß ich nicht,” sagte er. „Es sollte übrigens nicht nur darauf ankommen, was sie will, sondern auch darauf, was sie wollen sollte. Da die Logik nun einmal so eine armselige Sache ist, so hätte die Welt vielleicht noch etwas außer ihr nötig. Ich weiß nicht, mit der Logik kommt man nicht weit.”

„Doch, in der Wissenschaft.”

„Meinen Sie?”

„Ob ich das meine? Die Wissenschaft hat keinen Gebrauch für Metaphysik und Aberglauben; das ist ihre Logik.”

Der Postmeister schüttelt den Kopf. „Die Wissenschaft tanzt mit ihrem Spieß um die Metaphysik herum und sticht und sticht nach ihr, ohne daß ihr das im geringsten schadet. Schadet es wirklich nicht? Nein. Denn diese fundamentale Lebensmacht ist unverletzlich und ewig. Man kann nicht mit dem Spieß in ein Meer stechen und es verletzen.”

„Sind Sie auf der Volkshochschule gewesen?” fragt der Doktor.

„Nein, ich bin nicht -- wie Sie -- auf einer hohen Schule gewesen.”

Durch diese Stichelei ließ sich der Doktor verleiten, grob zu werden. „Es hätte Ihnen gar nichts geschadet, wenn es der Fall gewesen wäre. Dann säßen Sie vielleicht nicht hier in dieser guten Stadt als Postmeister.”

„Sie meinen, das sei nichts Großes?”

„Was meinen denn Sie selbst?”

„Ich bin zufrieden. Einige können allerdings ihre Lust, für groß zu gelten, selbst wenn sie es sind, nicht verleugnen. Diesen Fehler haben manche.”

„Wir haben von der Wissenschaft gesprochen.”

Der Postmeister unterbricht ihn: „Nein, entschuldigen Sie! Ich bin nicht -- wie Sie -- ein Mann der Wissenschaft, wissenschaftliche Fragen kann ich nicht erörtern.”

„Das ist entschieden ein Fehler von Ihnen,” sagte der Doktor und fuhr dann fort: „Wissenschaftliche Wahrheiten sind entweder selbstverständlich oder logisch zu beweisen, oder beides. Nun, die Metaphysik ist keines von beiden.”

„Aber, Herr Doktor, ich sage weder, noch meine ich, die Metaphysik sei eine Wissenschaft, sie ist vielmehr gerade das Gegenteil.”

„Dann ist es leeres Geschwätz, Herr Postmeister, und nichts anderes. Wenn wir die Wissenschaft nicht hätten, was hätten wir denn dann? Moses und die Propheten -- laßt sie diese hören!”

„Die Metaphysik setzt da ein, wo die Wissenschaft aufhört; jawohl, das tut sie.”

„Die Wissenschaft hört niemals auf. Sie tastet, sie reicht nicht immer völlig zu, aber sie strebt und strebt vorwärts und geht immer weiter.”

„Gewiß, so sagt man ja,” erwidert der Postmeister. „Ich habe mich auch unrichtig ausgedrückt, ich wollte sagen, die Metaphysik setze da ein, wo die Wissenschaft nicht völlig zureicht, an den wenigen Punkten, Kleinigkeiten, Einzelheiten, wo die Wissenschaft nicht bis auf die oberste Spitze gedrungen ist. Es handelt sich nur um Haaresbreite. So wollen wir sagen.”

„So, Sie wollen spotten! Sie glauben ja, um das Rätsel des Lebens zu erklären, an ein ganzes System von Erdenleben. Daher nehmen Sie das Licht auf Ihrem Wege.”

„Was soll man glauben!” erwiderte der Postmeister. „Zuweilen ist ein kleines Licht darin, das sind Sterne in der Nacht. Es ist kein starkes Licht, ist nicht Sonne und heller Tag, aber es sind doch Sterne in der Nacht. Man kann doch etwas dabei erkennen.”

„Wär' es nicht besser, das Licht der Wissenschaft zu haben, so weit es eben reicht?”

„Das hab' ich auch. Wo dieses aufhört, muß ich mich ohne es behelfen. Dann steht die Wissenschaft weit hinter mir -- das heißt um Haaresbreite -- und schaut mir nach, wo ich gehe.”

„Na, entschuldigen Sie, die Wissenschaft hat anderes zu tun, als Ihnen nachzuschauen. Und wenn sie zurückbleibt, so tut sie klug daran, denn sie will festen Grund unter den Füßen haben.”

„Einen Grund, der sich in jedem zweiten Menschenalter ändert.”

„Ja, so sagen die Toren, die nichts davon verstehen. Ändert zum Beispiel die Mathematik ihre Grundlagen?”

„Nicht, um Ihnen zu antworten, sondern um Ihnen noch weiter Spaß zu machen, sage ich: Die Mathematik muß zu Anfang etwas ‚setzen’. Sie suchte im Licht meiner Sterne und fand ein armseliges ~X~, um darauf zu fußen. Ehre dem ~X~, es steht statt etwas Besserem.”

„Kurz und gut, die Mathematik hat also auch keinen Wert?”

„Meinen Sie? Sie ist gewiß viel wert für Leute, die reine, klare Gedankenarbeit lieben, um des Denkens willen. Die Mathematik steht für sich allein und ist, was sie ist. Aber für unser geistiges Leben ist sie vollkommen gleichgültig.”

Der Doktor fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren, als ob er sie zuhalten wollte, eine unwillkürliche Bewegung gänzlicher Ratlosigkeit. Warum hatte er sich auch auf diesen nutzlosen Wortwechsel eingelassen, der ihm langweilig war und ihn ermüdete! Er ging nicht so weit, sich die Ohren wirklich zuzuhalten, er schwankte vielleicht einen Augenblick, ob er einen Schrei ausstoßen oder davonlaufen sollte, dann faßte er sich aber und trieb seine Festigkeit so weit, daß er den Hut zog und sagte: „Danke, jetzt hab' ich genug. Ich muß Krankenbesuche machen mit meiner armen Wissenschaft!” Damit bog er in eine Seitengasse ein.

Als auch der Postmeister gehen wollte, hielt ihn der Rechtsanwalt zurück; sie mußten jetzt am Geschäft von C. A. Johnsen, am Doppelkonsulat vorbei, und der Rechtsanwalt wollte jemand haben, mit dem er reden konnte, während er an den Fenstern vorbeiging. Ach, er wußte wohl, was er tat, wenn er diesen Weg wählte, er wollte bis hinaus an das Haus des Doppelkonsuls und daran vorbeigehen, hinauf in die Berge, zum Aussichtspunkt. Er hatte seine Gründe dafür.

Der Rechtsanwalt erhob seine Stimme bis zur Stärke der Stimme der Interpellation: „Alles, was Sie da gesagt haben, Herr Postmeister, ist ja sehr schön, und ich hab' viel Herz dafür. Aber wird uns nicht all diese Metaphysik und Geistigkeit untüchtig fürs Leben hienieden machen? Wird sie nicht unsere Tatkraft hemmen?”

„Ich will Sie nicht belehren, aber wenn Sie mich fragen: ich hoffe, daß sie uns ein wenig vorwärtsbringen wird. Wir werden davor zurückschrecken, uns ungerechte Vorteile zuwenden zu wollen, wir werden uns davor hüten, einander gar zu offenkundig auszusaugen. Das finden Sie doch nicht verkehrt?”

„Nein.”

„Wir sind jetzt sinnlos damit beschäftigt, einander auf die Seite zu stoßen, um selbst vorne hinzukommen, wir sollen konkurrieren, heißt es, ja mehr als konkurrieren. Wie wär's, wenn wir etwas mehr an uns selbst anstatt für uns selbst arbeiteten?”

„Aber wenn es nun gerade diese Arbeit an uns selbst ist, die unsern irdischen Tatendrang hemmt? So kommen wir in der Welt nicht vorwärts.”

„Aber wir kommen im Leben höher hinauf. Wie wäre es, wenn wir uns von Zeit zu Zeit vor Augen hielten, daß wir nicht Hunderte von Jahren in einem Zug hienieden leben werden! Wir kommen auf die Welt, werfen auf alles einen Blick und gehen wieder. Gewiß, Herr Rechtsanwalt, wir kommen vorwärts, wenn wir auch nicht über die andern hinauskommen.”

„Wir sind verschieden fürs Leben ausgerüstet, haben vielleicht auch verschiedene Bestimmungen, Napoleons Tätigkeit war von dieser Welt, er wollte vorwärts, wenn es auch über die andern hinwegging.”

„Aber das war nicht die Seite von ihm, von der er selbst und die Welt den größten Segen hatte.”

„Das war wohl sein Schicksal. Er und andere -- wir handeln alle, wie wir getrieben werden.”

„Wir stellen die Übermacht des Schicksals fest, ja. Damit haben wir eine süße Entschuldigung für unsere eigene Aufführung.”

Na, jetzt nahm sich der Postmeister doch etwas zu viel heraus, wurde vielleicht sogar persönlich ausfällig, das wollte sich der Rechtsanwalt nicht bieten lassen, dazu hatte er ihn nicht mitgenommen. „Ich will bis hinauf zum Aussichtspunkt. So weit wollen Sie doch vielleicht nicht mit gehen?”

„Nein,” erwiderte der Postmeister, und nun kehrte er um.

Rechtsanwalt Fredriksen atmete auf, alles ging, wie er berechnet hatte, er sah nach der Uhr. Am meisten freute ihn, daß er den Doktor losgeworden war, er kannte dessen gespanntes Verhältnis zu Konsul Johnsen und wollte jetzt nicht gern in seiner Begleitung gesehen werden. Er pfiff auf die Geistigkeit und Metaphysik, Dinge, die unserm Leben hienieden nur im Wege stehen, wir wollen doch weiterkommen in der Welt. Er wollte nicht gerade einen andern über den Haufen rennen, nein, das wollte Rechtsanwalt Fredriksen nicht, aber er wollte auch nicht gehemmt werden. Das war der gesunde Tätigkeitsdrang. Nein, jemand über den Haufen rennen, mit dem Messer zustoßen? Keine Spur! Berntsen, der Geschäftsführer bei Konsul Johnsen, wartete wohl auf Haussuchung und Verhör, aber es sollte nicht geschehen, der Herr Reeder sollte Frieden haben.

Das fehlte gerade noch, daß er noch unangenehmer gegen Konsul Johnsen wurde, als er gewesen war. Der Rechtsanwalt hatte die Zähne gezeigt, brauchen wollte er sie nicht, als Vorsitzender des Komitees hatte er humane, und als Rechtsanwalt Fredriksen intime Gründe, so aufzutreten.

Er geht am Hause des Doppelkonsuls vorbei, ein Haus mit Schnitzwerk, Altan und Veranda, ein großes Haus, Garten mit Flieder und Jasmin, ein Duft von Reichtum und Kultur, Springbrunnen, Zementurnen, Schmetterlinge, Flaggenstange, alles, was dazu gehörte. Er geht in die Berge, richtig, Fräulein Fia macht ihren Abendspaziergang, sie sucht Erholung nach der Arbeit des Tages. Er hat sie nicht vergessen und nicht aufgegeben, er schaut sie mit denselben Augen an wie zuvor, wie die Armut Millionen anschaut. So viel war sicher, jetzt hatte er bessere Aussichten bei ihr, vielleicht wollte die Dame nicht noch weiterhin sich selbst im Wege stehen und schlecht rechnen. Hatten sie und ihre Familie jetzt nicht Hochachtung vor seinem Abgeordnetentum bekommen?

Fia sah ihn hinterher kommen und ging rascher zu.

Ach, die Dame rechnete wohl gar nicht, hatte keine Übung im Rechnen, keinen Bedarf zu rechnen; wie sie geschaffen und angelegt war, mußte Gott wissen!

Sie geht immer rascher, aber das hilft nichts, er holt sie ein, und er bekommt auch in dieser rosenroten Abendstunde seinen endgültigen Bescheid von ihr. Wie rasch sie ging, wie eifrig sie ihm auszuweichen versuchte! Wie stark mußte ihr Verlangen nach Sonnenuntergang und Schönheit sein, wenn sie so lief! Aber Rechtsanwalt Fredriksen war nicht der Mann, der etwas gleich verloren gab.

Er rief ihr von hinten einen Gruß zu und sagte außer Atem: „Sie rennen mir beinahe die Seele aus dem Leibe, Fräulein Fia.”

Sie, fein und blaß, mit vielen Vollkommenheiten, wie gewöhnlich etwas geputzt, kühl wie gewöhnlich, wieder ganz die Komtesse, sprach: „Das tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken, ich pflege hier spazieren zu gehen, um allein zu sein.”

„Ist es Ihnen angenehm, so allein zu gehen?” fragt er. „Woran denken Sie, wenn Sie hier oben sind?”

„An das da draußen,” erwidert sie und deutet auf die ganze Welt, Wolken, Meer, Nirwana. „Ja, das tut mir gut.” Und sie begriff wohl diesen Mann gar nicht, dieses Tier, das neben ihr stand und keinen edlen Naturgenuß kannte. Wie jemand nur dafür kein Gefühl haben konnte!

„Ich bin eben erst vom Landtag heimgekehrt,” sagte er; „und ich wollte Sie gerne begrüßen.”

„Sehr liebenswürdig.”

„Sie sind wohl auch eine Weile weggewesen?”

Sie erwiderte: „Sie wissen, ich komme und gehe. Jetzt will ich nach Paris.”

„Beim Satan!” dachte er wohl, groß, groß mußte es sein, Notre Dame, Eiffelturm, Rothschild. Und in diesem Augenblick überkam ihn wohl eine gewisse Angst, er stehe etwas unter ihr, denn er sagte: „Was sollen wir Abgeordneten und Rechtsanwälte sagen über das wirklich Große? Daß es unerreichbar ist. Aber auch wir verstehen das eine und das andere, Fräulein Fia.”

War das eine Unterhaltung für diese Dame!

„Ich meine, auch wir können steigen Stufe um Stufe, zu höheren und immer höheren Stellungen. Das ist das Gute bei der demokratischen Gesellschaftsordnung, daß jeder die höchsten Posten erreichen kann.”

Schweigen. Die Dame schien seine Aussichten nicht zu erwägen.

Nein, Rechtsanwalt Fredriksen ging also zu seinem Vorhaben über, er gab ihr zu verstehen, was sie für ihn war, daß sie einfach alles für ihn sei, und ob sie ihm ein wenig mehr Hoffnung machen könne, etwas mehr Hoffnung als das letztemal.

„Nein,” sagte die Dame.

Ob er recht gehört habe, ob sie es sich auch diesmal nicht noch überlegen wolle?

„Nein,” sagte sie und schüttelte den Kopf. „Betrachten Sie doch lieber den Sonnenuntergang,” sagte sie. „Sehen Sie doch nur diese Farben! Wie prachtvoll die Welt von hier aus ist!”

Nein, er gab sich nicht: „Ja, die Aussicht ist recht schön, aber die Aussichten?”

Fragend schaute sie ihn an.

„Meine Aussichten? Die Zukunft!”

Nun wurde sie wirklich ein wenig ärgerlich, er hätte doch etwas anderes sagen können, wenn sie ihn auf Farben aufmerksam machte. Hatte denn dieser Mensch gar keine Poesie und Kultur? „Nein, entschuldigen Sie, von Ihrer Zukunft müssen Sie mit andern reden,” sagte sie.

22

Über Oliver ging es aus, über einen Unschuldigen, der sich den Plänen des Rechtsanwalts Fredriksen nicht in den Weg gestellt hatte. Weshalb mußte er es entgelten?

Oliver hinkte vom Lagerhaus heim, als ihn der Rechtsanwalt einholte und sofort von Geschäften anfing: „Na, Oliver, du hast jetzt eine feste Stellung, es ist Zeit, daß du das Haus einlöst.”

Was auch schuld sein mochte, der Rechtsanwalt kam von dem Aussichtspunkt herunter, von einem Geschäft her, das ihm vorbeigelungen war, nun sollte ihm wohl ein anderes gelingen. Legte er keinen großen Wert auf die bindende Abrede mit Konsul Olsens Tochter? Oder mißtraute er der Mitgift? Jedenfalls sprach er jetzt kurz und gut, wie einer, der retten will, was noch zu retten ist, an seinen Worten war nichts Unsicheres und Unbestimmtes.

Oliver erwiderte nur, wie er denn das Haus einlösen solle, mit seinem Lohn im Lagerhaus, der gerade groß genug sei, daß er davon leben könne?

„Ja, was geht das eigentlich mich an?” fragte der Rechtsanwalt. „Verkaufe du das Haus und bezahle mir mein Geld, dann sind wir quitt.”

Wo Oliver mit seiner Familie hinsolle?

„Da haben wir es wieder einmal!” fährt der Rechtsanwalt los. „Was wäre denn das für eine Pflicht meinerseits, mit der du rechnest? Überleg' dir doch einmal, das Haus verliert von Jahr zu Jahr an Wert, du hältst es nicht einmal mit Anstrich gut im Stand, es vermodert ja.”

„Ich wollte es in diesem Sommer anstreichen lassen.”

„Nein, das kann nicht länger so weitergehen. Du weißt, wo mein Kontor ist -- entweder du kommst selbst oder deine Frau kommt.” Damit ging der Herr Rechtsanwalt weiter.

Natürlich mußte Oliver seine Frau schicken. Sie hatte die Sache schon einmal gedeichselt und paßte am besten dazu. Es traf sich auch, daß Petra jetzt gerade sehr gut und munter aussah, schöne neue Leibwäsche hatte sie auch bekommen, und die ganze Person war demgemäß voller Selbstgefühl. Das konnte ihr niemand verdenken. Und sie wollte sofort gehen, diesen Abend noch. „Aber das Kontor ist jetzt geschlossen,” wendete Oliver ein. -- „Dann klopf' ich an seinem Zimmer an,” erwiderte Petra. Da konnte Oliver nicht anders, er mußte ihren Eifer bewundern und sagte ermahnend: „Ja, aber das will ich hoffen, daß du ihm nun auch recht klar machst, was er einem Krüppel anzutun gedenkt.”

Nachdem Petra gegangen war, zog Oliver Zuckerwaren und Bäckerbrot aus der Tasche, die er für sich und die kleinen Mädchen mitgebracht hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen den beiden, sondern teilte gleich, und die mit den blauen Augen, die Blaumeise, bekam eher noch mehr, weil sie die freundlichste und im Grunde genommen die herzigste war. Merkwürdig, daß das so endete! Der Vater hatte lange auf eine Pferdenase in diesem blauäugigen Gesicht gewartet, sah sich aber angenehm enttäuscht. Vor lauter Freude darüber hatte er das blauäugige Kind ebenso lieb, wie das mit den „Familienaugen”. Einmal hatte er die Blaumeise geschlagen, als sie von seinem eigenen Landungssteg aus ins Wasser gefallen war. Da hinkte er nicht, da flog er herbei, um sie zu retten, und zog sie mit der Krücke aus der Tiefe. Als sie die Augen aufschlug, stieß er einen Schrei aus und schlug sie ein paarmal mit der Faust auf ihr kleines nasses Hinterteil, seine Freude hatte sich im Augenblick in Raserei verwandelt. Sonst schlug er seine Kinder niemals, das war die Sache der Mutter. Oliver verstand es am besten mit den Kleinen, und deren ganzes Herz gehörte auch ihm.

Jetzt tun sich die drei in allem Behagen gütlich und freuen sich über die Heimlichkeit ihrer Schleckerei. Es ist gerade, als ob sie gestohlenes Gut teilten und verzehrten, sie erschrecken einander zum Spaß mit dem Ruf: „Mutter kommt! Großmutter kommt!” Sie tun etwas auf die Seite für die Brüder, den Studenten und den Schmiedknecht. O, solch einen Vater, um den Kindern einen Festschmaus zu bereiten, gab es nicht wieder! Dann erzählt er ihnen von seinen Seereisen, er ist in der Welt draußen gewesen, er hat Feuerfresser gesehen, Menschen, die brennendes Werg verschlangen, und Hunde, die Milchwagen zogen. „Du große Welt!” sagen die kleinen Mädchen. Ho, was war das gegen alles, was er sonst noch gesehen hatte: Affen, Pfauen, Kameele, wie Abraham, Isaak und Jakob sie hatten. Wilde, mit Ringen in der Nase, Wolkenkratzer, feuerspeiende Berge, einmal ein Seeräuberschiff, einen Klipper, einen Dreimaster mit einunddreißig gesetzten Segeln, einmal einen Mord in einem Kaffee am hellichten Tag. „O Gott!” schauderten die kleinen Mädchen, „bist du selbst niemals von bösen Leuten überfallen worden?” Dazu hätte etwas gehört, ihn zu überfallen, sagt er. Leider sei es sein Schicksal gewesen, krank und lahmgeschlagen zu werden. Die kleinen Mädchen bedauern ihn, und die drei sitzen zusammen wie drei Weibsleute.

Da meinen sie plötzlich, jemand kommen zu hören, der Vater beeilt sich, den Tisch abzuleeren, er schiebt im letzten Augenblick zwei ganze süße Brötchen in den Mund und sitzt mit unbeweglichen Kinnladen da. Ach, er ist so ausgestopft und so unsäglich komisch mit seinem ernsten Gesicht und seinem vollen Mund.

Es war ein blinder Lärm, niemand kommt, die Verschworenen sind wie erlöst. Da werden die kleinen Mädchen von einer tollen Freude erfaßt, sie fragen den Vater allerlei, um ihn zum Sprechen zu bringen, sie kitzeln ihn in der Seite, drücken auf seine Wangen, kichern und lachen. Der Vater muß auf einen Stuhl steigen, um fertig kauen zu können; drei Kinder!

Nach einer Weile kommt Frank herein, der Student, erschöpft und blaß von seinem Tagewerk, wie einer, der von Ausschweifungen geschwächt ist. Er bekommt sein Essen und seine Kuchen und schweigt, auch in diesem Augenblick noch beschäftigt er sich mit der mageren Gedächtnisarbeit, von der er herkommt. Es ist etwas Trauriges um den Jungen, in geschenkten Kleidern und mit Händen, die nicht zuzufassen verstehen. Ach, er ist so sprachenkundig, und er ist so unreif!

Oliver, sein Vater, meint wohl, es könne ihm nicht schaden, wenn er ihm einige väterliche Worte gönne: „Du solltest nicht so übermäßig viel studieren, Frank, du wirst ganz krank davon. Und soviel ich merke und verstehe, so weißt du mehr als sonst irgend jemand in der Stadt, was das betrifft.”

Frank schweigt.

„Erzähl' uns ein wenig von dem, was du heut gelesen und erforscht hast.”

Ach, davon verstehen sie doch nichts; allein Frank läßt das eine und das andere verlauten, damit sie einen Einblick in die Dinge bekommen, nennt Verbalformen, Suffixe, dissimilatorische Ausrufe; er gibt sich weit, weit herunter und erklärt Kasus und Geschlecht. Der Wilde spricht, er hat es im Kopf, es geht ihm zum Munde heraus, Laute, ein mühselig angelerntes Hirngespinst, das ihn Tag und Nacht beschäftigt, eine Vogelsprache, ein fürchterliches Durcheinander. Er behandelt das als etwas Köstliches und Feines; wenn die kleinen Mädchen ein Wort verkehrt wiederholen, verbessert er sie, und der kleine Mann fühlt sich überaus groß darüber, mitten in seiner gelehrten Unwissenheit hat er es zu der eingelernten Sicherheit eines Schuljungen gebracht. Kein Mensch hat ihn denken gelehrt, unter dem Druck seiner Aufgabe hat er nur immer weitergestrebt, davon konnte keine Rede sein, daß er seine Zeit und Kraft vertrödelt hätte, er hat das Leben zur Sprachwissenschaft gemacht und fühlt sich nicht betrogen. So schreitet er weiter durch seine Öde, eine leere, törichte Wanderung, nicht um irgendwo hinzugelangen, sondern nur, um auch einer von denen zu sein, die durch die Öde schreiten. Das ist seine Aufgabe sein ganzes Leben lang.

Er langweilt seine Zuhörer, und der Vater gähnt, geht aber nicht so weit wie die kleinen Mädchen, die vom Tisch aufstehen. Frank merkt, daß sie abtrünnig werden, das beleidigt ihn ein wenig, und er sagt grinsend: „Jawohl, ich soll wohl hier schön sitzen bleiben und euch etwas beibringen!”

Die kleinen Mädchen setzen sich vorsichtig wieder auf die Stühle, und der Vater entschuldigt sie: „Sie lernen es doch nicht, das ist ihnen zu hoch. Aber wir meinen alle, es gehöre dies zu dem Merkwürdigsten, was wir je gehört haben. Und doch hab' ich draußen in der weiten Welt die Neger sprechen hören.”