Part 20
Außer dem Studenten waren alle anwesend, und es wurde in kurzer Zeit viel gesprochen. Maren Salt hatte es eilig, sie habe nur eine Besorgung in der Stadt zu machen gehabt und habe Lust bekommen, bei den alten Bekannten eben einmal einen Blick hineinzuwerfen. Oliver selbst ließ das eine und andere gewichtige Wort fallen, während der Gast einige Tassen Kaffee trank und Bäckerwaren dazu aß.
„Kannst du denn von Hause weg sein?” fragt Petra. „Schläft der Junge?”
„Nein, das weiß ich nicht. Mattis ist bei ihm.”
„Mattis?”
„Ich kann Mattis den Jungen ruhig anvertrauen.”
„Du willst doch nicht sagen, daß dir Mattis deinen Jungen hütet?”
„Nun, warum denn nicht? Wie sollte es denn sonst gehen?” fragte Maren Salt. „Ich mußte heut abend ausgehen und für den Haushalt einkaufen, und Mattis bleibt zu Hause. Das tut er immer, anders geht es doch nicht.”
Oliver spricht mit großer Würde: „Meine Meinung ist, daß Mattis dich nimmt, Maren, wenn der Tag kommt, an dem er sich verändert.”
Maren Salt hatte durchaus nichts dagegen, das zu hören, aber es war beinahe, als ob Petra etwas eifersüchtig würde. „Das glaub' ich nun doch nicht,” sagte sie. „Na ja, mir kann es ja einerlei sein.”
„Es wär' noch nicht das dümmste, was er tun könnte,” meinte Oliver, der neben Maren stand. „Dann hätt' er den Jungen und könnte ihn anlernen, wenn die Zeit dazu gekommen ist, und ihm die Werkstatt übergeben.”
„Ach, der Junge ist ja kaum geboren,” wendet Maren ein. „Bis dorthin fließt noch viel Wasser den Bach hinunter.”
„Ich hätt' ihn gerne einmal gesehen. Er ist wohl recht groß,” sagt Petra.
„Ja, das fehlt nicht. Der Doktor sagt, er sei einer von der Rasse.”
Petra wird aufmerksam. „Hat das der Doktor gesagt?”
„Ja. Ist das so etwas Besonderes?”
Schweigen. Petra denkt nach. „Nein,” sagt sie dann. „Das ist etwas, was der Doktor zuweilen sagt; von meinen hat er das auch gesagt, sie seien von der Rasse. Ich weiß nicht, was er damit meint.”
Oliver spricht wieder. „Soviel ich verstehe, will er damit sagen zum Exempel, das Kind sei groß und stark und frisch. Ja, Gott sei Dank, unsere sind alle kräftig gewesen.”
Petra fragt: „Was für Augen hat er denn?”
„Braune Augen,” erwidert Maren.
Da wurde Petra wieder ganz wie eifersüchtig und wunderlich und konnte sich nicht halten, sondern rief: „Wo hast du denn braune Augen für ihn hergenommen?”
„Hehe, das möchtest du wissen!” erwiderte Maren Salt und lachte kokett.
„Ich kann es mir schon denken,” sagt Petra scharf und bitter. „Er ist überall!”
Maren sieht sie an. „Wie du redest! Wen meinst du denn?”
„Ach, niemand. Ich meine niemand.”
„Und du sollst auch gar nicht raten, du bringst es doch nicht heraus!” Sie sieht pfiffig und geheimnisvoll aus und schweigt. Verwünschtes altes Frauenzimmer, wer ist nur der Vater des Kindes? Sie sah aus, als ob sie sich das selbst erst überlegte, ja, als ob sie die Wahl hätte und schwanke.
„Ist nichts mehr in der Kaffeekanne für Maren?” fragt Oliver.
Eine vierte Tasse wird eingeschenkt und ausgetrunken, und unterdessen wird von dem und jenem geplaudert. Petra hätte ihre gute Laune so ziemlich wiedererlangt haben sollen, denn es zeigte sich, daß Maren selbst braune Augen hatte -- war es da ein Wunder, wenn ihr Kind auch solche mit auf die Welt brachte? Aber es schien, als ob Petra nun einmal einen bestimmten Verdacht hätte und diesen Verdacht nicht mehr loswerden könnte. „Er ist es doch,” behauptete sie. „Er ist so schlau gewesen, diesmal eine mit braunen Augen zu nehmen, um sicher zu sein.”
„Ich versteh' dein dummes Geschwätz nicht, Petra! Ja, ich muß es gerade heraus sagen, daß das ein dummes Geschwätz ist,” erklärt Maren immer noch mit freundlichem Lachen.
Petra ist erbost und wahrt den Anstand ihrem Gaste gegenüber nicht. „Meinst du vielleicht, er hab' dich aus irgendeinem andern Grunde genommen, als deiner braunen Augen wegen? Nein, Maren, mach dir nur klar, daß du nicht mehr die Jüngste bist.”
Als man auf diesem Punkt angelangt war, meinte Oliver wohl, es sei Zeit für ihn einzugreifen, und er tat dies, indem er seinen Hut nahm und hinaushumpelte. Abel nahm er auch mit, und nun saßen fünf Frauenzimmer, alt und jung zusammengerechnet, beieinander. Aber die sehr erregte Petra war kein großer Genuß für ihren Gast, und Maren hätte am liebsten die Kaffeetasse zerschmettert, hielt sich aber im Zaum und sagte nur bis ins Innerste gekränkt: „Ich bin allerdings nicht mehr die Jüngste, nein. Aber du bist auch kein heuriges Häschen mehr, Petra, vergiß das nicht! Und was das betrifft, so hast du jetzt wohl mehr als genug bekommen von dem Mann, mit dem du mich jetzt im Verdacht hast.”
Nun wurde Petra aufmerksam darauf, daß die kleinen Mädchen die Ohren spitzten, und sie fing an zu lachen, um damit über die Sache wegzukommen. „Ich, bekommen? Keinen Öre hab ich bekommen von irgendeinem andern Mann als meinem eigenen, das kannst du glauben. Wofür sollten mir andere Männer Geld geben? Und wir kommen auch Gott sei Dank mit dem aus, was Oliver verdient.”
Dies war nur gesagt, um das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken; es wurde eine Brücke geschlagen, über die alle gingen, und auch die beiden streitenden Mütter schlossen etwas später Frieden. Sie gingen zu den Stadtneuigkeiten über, und die fünfte Tasse Kaffee wurde eingeschenkt, alle die Frauenzimmer beugten sich weit über den Tisch vor und schauten einander ins Gesicht. Da war wieder ein Skandal gewesen, draußen bei dem Kaspar, der auf der Werft arbeitete, jetzt hatte er seine Frau geschlagen. Maren hatte es gestern abend gehört.
Petra wurde ganz wütend auf Kaspar. „Was hatte denn die Frau getan?”
„Ach, es war wohl etwas mit einem andern Werftarbeiter.”
„Er hätte es wagen sollen, Hand an mich zu legen!” drohte Petra.
„Allerdings, aber was hat er auch für eine Frau!” sagt die Großmutter, die alt und ausgebrannt ist. „Was hat sie damals getan, in dem Jahr, wo ihr Mann zur See war? Sie ging an Bord einer fremden Schute und war lange Zeit im Ausland Kellnerin.”
Maren Salt äußert: „Es ist sonderbar, daß sie kein Kind bekommen hat.”
„Was weißt denn du, was sie bekommen hat?”
„Dann hätte sie doch seither auch wieder ein Kind gehabt.”
„Nein,” sagt Petra. „Sie ist keine von denen, die Kinder kriegen, sie kann tun und lassen, was sie will.”
Die Großmutter versinkt in Gedanken über jenes alte Ereignis; über die Reise der jungen Matrosenfrau ins Ausland war seinerzeit sehr viel geklatscht worden. Und sie hat doch so einen vorzüglichen Vater, den Schmied Carlsen, eine gute und ehrenwerte Heimat, und dennoch!
„So geht's auf der Welt!” sagt Maren Salt. Und sie weiß noch andere Stadtneuigkeiten. „Grütze-Olsens jüngste Tochter hat Mitte letzten Monats in Christiania Hochzeit gehabt.”
„In Christiania? Warum denn dort?”
Es hatte in der Zeitung gestanden, Maren hatte mit angehört, wie es im Laden bei Davidsen vorgelesen wurde.
„Wen hat sie denn gekriegt?”
„Einen Maler, stand in der Zeitung.”
Die kleinen Mädchen waren sofort auf dem Laufenden. „Das ist der Maler, der bei Johnsens am Landungsplatz und bei Grütze-Olsens Bilder gemalt hat,” sagen sie, das war ihnen ganz klar, das wußten sie ganz genau, diese Kiek-in-die-Welt, o, sie waren Schlauköpfchen!
„Er muß aus einer reichen und vornehmen Familie stammen, nach dem, was Davidsen gesagt hat.”
„Sonderbar, das ist alles so still vor sich gegangen, kein Mensch hat ein Wort davon gehört.”
Darauf erwidert Maren: „Man sagt, für die Braut sei es höchste Zeit gewesen.”
„Na also!” flüstert die ganze Stube verständnisvoll; und dann denken alle eine Weile darüber nach.
„Ja, alles heiratet und rackert sich ab, ohne Ende,” sagt Petra. Und dann wagt sie sich wieder auf gefährlichen Grund hinaus. „Du kannst froh sein, Maren, daß du dich darauf nicht eingelassen hast.”
„Es ist noch gar nicht zu spät dazu,” sagt die Großmutter.
„Petra meint das doch,” sagt Maren von neuem beleidigt.
Petra lenkt nicht ein: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hast du dir doch wohl derartiges ganz aus dem Kopf geschlagen. Wie alt bist du denn eigentlich?”
„So alt, daß ich es selbst nicht mehr weiß,” sagt Maren und steht auf. „Aber ich bleib' ja beinahe den ganzen Abend hier sitzen! Vielen Dank für die Aufwartung und alles Gute! Vergiß nicht, zu mir hereinzusehen, wenn du am Haus vorbeigehst, Petra!”
Nein, die Jüngste war Maren Salt nicht mehr, aber als sie nun nach Hause ging und schwere Pakete aus den Läden so leicht trug, als seien sie gar nichts, und die Füße regte wie zum Tanz, da konnte sie niemand alt schelten. Sie sah auch gar nicht so aus, die braunen Augen waren klar und kein bißchen feurig, aber man wußte ja, wie dieses Menschenkind war, wenn sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommen hatte. Schweigt nur ganz von Maren Salt, an der ist nichts auszusetzen. Waren die Töchter von Jörgen und Lydia vielleicht besser, die zu Hause saßen und etwas Besseres sein wollten? -- Waren sie besser? War etwa Fia Johnsen so viel besser, die blauen Flieder malte und einen Mann und einen Wegzeiger mit ganz denselben Augen anschaute?
„Ich bin lang ausgeblieben,” sagte Maren, als sie daheim eintrat. Mattis gab keine Antwort und war im ganzen genommen nicht gut auf sie zu sprechen. Übrigens sang er eben dem Kinde vor und war mitten in einem Vers.
„Soll ich es mit Stadtneuigkeiten versuchen,” dachte Maren, „ein wenig von Kaspar und seiner Frau erzählen, oder von der Hochzeit in Christiania?” Aber Mattis war keiner von denen, die sich um Stadtneuigkeiten kümmerten. „Ist er wach gewesen?”
Mattis singt seinen Vers zu Ende und antwortet dann: „Nein, aber du weckst ihn auf mit deinem Geschwätz.”
„Das tut nichts, er soll jetzt die Brust bekommen,” sagt sie.
Ein sonderbarer Anblick: Der Schreiner Mattis, der an einem Kinderbettchen sitzt und singt!
Er hatte Wut geschnaubt und auf einem Bein getanzt. Das Schicksal hatte ihm einen fürchterlich albernen Streich gespielt, er hatte Maren Salt nicht aus dem Haus gebracht, bevor sie niederkam; das setzte ihm zu und verwirrte ihn vollständig. So etwas, zum Henker, in seinem Haus! Aber es sollte nicht lange währen, zwei, drei Tage, dann warf er sie auf die Straße. -- „Und dann ein wenig plötzlich, vergiß auch nicht, deinen Balg mitzunehmen!” Aber es vergingen mehr als nur einige Tage, und dann verging ein Tag um den andern, er hätte einen Besen nehmen und sie aus dem Hause hinauskehren müssen, aber wo sollte sie hingehen? Und dazu ein ganz neugeborenes Kind, allerdings ein kräftiger kleiner Kerl mit fürchterlichen Lungen, aber trotzdem --
Der Schreiner Mattis war ein gutmütiger Mann; er ließ sich gutmütig zwei Stubentüren abspannen, er ließ gutmütig eine junge Frau laufen, die ihn um einen goldenen Ring gebracht hatte, und so weiter. Er fuhr zwar zuerst wutschnaubend auf, und dann ließ er sich gutmütig alles gefallen. Was sollte er auch machen?
Und Maren Salt war ja auch rasch wieder auf den Beinen und kam ihrer Arbeit nach. Das Kind machte nicht viel Last, zu essen brauchte es nichts, es bekam die Brust und schlief, es lag in Marens Kammer in deren eigenem Bett und nahm keinen Platz weg, Mattis fand allerlei Gründe, nicht gar so streng zu Werk zu gehen. Aber in einem halben Jahr etwa, mitten im Sommer, wo niemand mehr erfrieren konnte, da mußten sie zur Tür hinaus, da half alles nichts! Oder allerspätestens in zwei Jahren, wenn der Junge allein gehen konnte.
Er schwur hoch und teuer, er wolle das Kind niemals vor Augen sehen, aber das ließ sich nicht durchführen. Es kam vor, daß Maren Salt, die Mutter, an den Brunnen gelaufen war, aber das Kind richtete sein Schreien nicht danach ein, sondern brüllte rücksichtslos den Schreiner herbei. So ging das einige Male, Mattis knirschte mit den Zähnen und war rasend, aber von Stein war er nicht, er machte die Beobachtung, daß das Kind schwieg, wenn er mit ihm sprach, daß es sich beruhigte, wenn es eine Menschenstimme hörte, und das führte dazu, daß er mehr und mehr mit ihm sprach, und endete damit, daß er ihm vorsang. Als das Kind etwas ins Auge zu fassen vermochte und anfing, ihn zu kennen, nahm er es auch auf und trug es herum. Dieser kleine Unnutz, dieser kleine Kerl, der so nett und leicht in seinen Armen lag -- „Sei doch still, nicht so schreien, daß es der Lehrling und der Gesell in der Werkstatt hören, Mund gehalten! Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn du schreist, armer Kleiner; dich friert, und du kriegst die Brust nicht, ich muß ihr wahrhaftig einmal die Meinung sagen! Es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie dich in dem schmalen Bett in der Nacht einmal totdrückte. Da sieh her, jetzt nehmen wir das Kissen und tragen dich darin herum. Siehst du, so ist es schon wärmer, und ihr werde ich bei Gott die Meinung sagen.” --
„Er friert!” ruft er der Mutter zu.
„So, friert er?”
„Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen; das ist nicht meine Sache. Aber du sollst ihn nicht hungrig liegen lassen.”
„Er hat keinen Hunger.”
„Meinst du, er weine für nichts und wieder nichts? Und das will eine Mutter sein!”
Maren Salt hat herausgefunden, daß es sich lohnte, gefügig gegen den Schreiner zu sein. „Ich will ihm die Brust geben,” sagte sie.
„Und das ordentlich!” begehrte der Schreiner. „So hab' ich ihn noch nie schreien hören wie heute.”
Dann geht Mattis wieder hinaus in die Werkstatt zu Lehrling und Gesell. Er ist ärgerlich und schämt sich, in der Tür dreht er sich um und sagt zu Maren: „Du mußt ja nicht meinen, ich komme jedesmal zu ihm herein, mir ist es einerlei, wenn er sich totschreit. Aber wir wollen in der Werkstatt, in meinem eigenen Hause kein Kindergeschrei hören. Du kannst ihn da nicht liegen lassen, bis er sich totschreit.”
Damit geht Mattis in die Werkstatt, der Gesell und der Lehrling sind im Begriff zu gehen. Er schilt noch über Maren und das Kind: „He, was man nicht alles erleben muß! Aber nun dauert es auch nicht mehr lange. Ich weiß einen, der davon nichts mehr in seinem Haus wissen will. Wäre nur nicht eine Strafe aufs Hinauswerfen gesetzt, aber es steht eine schwere Strafe darauf, eine von den schwersten. Du weißt das doch auch?” fragt er den Gesellen.
Der Gesell hat keine Kunde davon, findet es aber nicht unwahrscheinlich.
„Eine fürchterliche Strafe, mehrere Jahre. Und dem will ich mich nicht aussetzen.”
Bei Tag arbeitet er jetzt an einer kleinen Bettstelle, einem Kinderbettchen für eine Familie in einer andern Stadt, sagt er; die Maße sind ihm angegeben, es ist also eine einfache Bestellung. Es wird ein schönes Gitterbettchen mit ein wenig Schnitzerei am Kopf- und Fußende, und er hat auch den Auftrag, es weiß anstreichen zu lassen, ehe er es abschickt. Er steht also da und arbeitet. Aber es ist eine verfluchte Geschichte mit dem Lied, mit diesem Kinderverschen, es kommt ihm tagelang nicht aus dem Kopf, er ertappt sich dabei, daß er es während der Arbeit vor sich hinsummt und sich lächerlich macht. Ein Mann mit so einer Nase beim Hobeln ein Kinderliedchen summen! Er hat den Gesellen im Verdacht, daß der sich das Lachen nicht recht verkneifen kann.
Er war recht froh, als er so weit war, daß er den Lehrling mit dem Bettchen zum Maler schicken konnte.
Noch froher hätte er sein können an dem Tage, da er es schneeweiß und blank wieder zurückerhielt und es einpacken und fortschicken konnte. Aber dem Mattis hatte das Schicksal wohl abermals einen Streich gespielt, jetzt war das Bettchen abbestellt worden, die Leute hatten ein fertiges gekauft, Mattis hatte einen Brief dieses Inhalts bekommen. Jawohl, ein neuer Streich vom Schicksal! Aber Mattis nahm es diesmal merkwürdig gelassen hin; er sagte: „Das tut nichts, das Bett kann ich immer wieder loswerden. Aber es ist, wie ich sage, was man nicht alles erleben muß! Nein, man sollte sich auf solche Bestellungen aus einer andern Stadt niemals einlassen!” sagte Mattis.
Kurz gesagt, er mußte das Bett behalten.
Und nun konnte der Junge, Maren Salts Kind, das Bettchen gerne leihweise benützen, eine Woche oder so, bis es verkauft wurde. Das schadete dem Bettchen nichts.
21
Gewiß ist es am besten, wenn eine Hochzeit im Hause der Braut gefeiert wird, aber Konsul Olsen feierte die Hochzeit seiner jüngsten Tochter in der Hauptstadt, im Palmensaal eines großen Hotels. Er hatte allerlei Pläne im Kopf, wer weiß, ob er nicht sogar daran gedacht hat, die Hochzeit in einem überseeischen Land, in Argentinien oder Australien zu feiern. Das gefiel diesem Mann mit dem weiten Gedankenkreis, etwas Derartiges recht flott und augenfällig zu machen, ein großes Hotel war gut, man hatte nichts nötig, als um fünf Lohndiener zu telephonieren. Das war nicht nur fein, sondern auch praktisch, denn seiner Frau blieb dadurch viel Mühe und Arbeit und Sorge mit der Bewirtung erspart.
Dann wird also der Maler, der Hardesvogtsohn, mit seinem Modell getraut. In der Heimatstadt der Braut wird ein wenig darüber gelästert; als man am Brunnen alles genau überlegte, so war das entschieden auffallend. Aber auf jeden Fall hatte die junge Dame den Kaufmannstand und Scheldrup Johnsen aufgegeben; jetzt sollte es nicht mehr am liebsten der Scheldrup sein, sondern am liebsten ein anderer.
Zu dieser Hochzeit ist der Rechtsanwalt Fredriksen eingeladen; er ist ja als Abgeordneter und Vorsitzender seiner Kommission schon in der Hauptstadt anwesend. Er konnte nicht gut umgangen werden, denn er war eine bedeutende Persönlichkeit, hatte gewissermaßen etwas Amtliches, beinahe den norwegischen Löwen auf der Brust. „Willkommen!” sagte Grütze-Olsen und führte seinen Gast zu einem Ehrensitz an der Tafel.
Und hier bei dieser Gelegenheit will der Rechtsanwalt Fredriksen den Grundstein zu seinem Glück legen und eine vorläufige Abrede mit Grütze-Olsens anderer Tochter -- der älteren -- treffen. Es sollte noch geheimgehalten werden, sie wollten noch ein wenig warten, Gott weiß warum, allein das gehöre mit zu seinen Zukunftsplänen, sagte der Rechtsanwalt, er werde ja doch nicht immer nur Abgeordneter bleiben, und damit Punktum. Aber die vorläufige Abrede sollte bindend sein.
Also sollte auch Grütze-Olsens zweite Tochter den Kaufmannstand und die flotten Kaufleute aufgeben. Sie war groß und gesund, hatte eine schwere Menge aschblonder Haare, der Rechtsanwalt war schon bei Jahren, kein Turner mehr, ein bißchen unreinlich, ohne griechische Nase, aber ein Teufelskerl, ohne viel Haare, aber mit einer wulstigen Hautfalte im Nacken -- es war also eine Schattierung Unterschied zwischen den beiden. Der Rechtsanwalt war schon recht.
Er kehrte wieder in die Stadt zurück. Gewiß, er war sofort Vorsitzender der Kommission wegen der mißhandelten Matrosen geworden, und er trug den Kopf hoch. Eine solche Karriere! O nein, er rannte niemand über den Haufen, aber es war, als ob er eine noch gewichtigere Stimme bekommen hätte, eine Donnerstimme. Das kam wohl von der Übung im Landtag, als er seine berühmte Interpellation einbrachte.
Da geht er nun gegen Abend in den Straßen spazieren, es könnte ja jemand Lust haben, mit ihm zu reden, der Doktor, der dem Doppelkonsul die Interpellationen gönnte, der Zollverwalter, der zur Linken gehörte, der junge Assistent beim Hardesvogt, der selbst Rechtsanwalt werden wollte, und noch mancher andere aus dem Volke. Und der Abgeordnete gönnt jedem im Vorbeigehen ein paar Worte. Aus irgendeinem Grunde war es ihm am wenigsten angenehm, daß sich der Doktor jetzt gerade an ihn hängte; aber er konnte dem nicht entgehen, die andern gingen ihres Weges, der Doktor jedoch ließ ihn nicht los, er war ganz wie früher.
Ganz derselbe Mann in der Stadt, ja. Der Doktor ändert sich nicht, er besucht Kranke, schreibt lateinische Rezepte, glaubt an seine eigene Gelehrsamkeit und an seine Wissenschaft und verdient sein Brot. Er hat genug an der Plage jedes Tages. Selten einmal trifft ihn ein kleiner Glückszufall, wie zum Beispiel, als ihn Henriksen von der Werft nach dem Tode seiner Frau mit einem großen Geldschein bezahlte; aber im großen und ganzen hat der Doktor wenig Freuden. Er ging seinerzeit von dem einen Kaufmann, von Johnsen, mit dem er unzufrieden war, zu einem andern über, zu Davidsen, und wollte es einmal mit diesem versuchen; aber sie waren beide ganz gleich, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Der Ärmste war zwar Konsul, allein er war nicht reich und mußte kleinlich sein, alle waren Krämer. So war der Doktor zuzeiten ohne einen festen Lieferanten.
Er war nicht zu beneiden, mit seinem Dasein war kein Staat zu machen. Natürlich grämte er sich niemals über sich selbst, darüber, daß er nicht die Gabe hatte, sich zu ändern, zu bessern, daß er nicht ins Leben paßte, ein Verirrter, ein sauertöpfischer Mensch, ein Narr, dummstolz inmitten der Zweifelhaftigkeit seines Charakters. An den Leuten, an der Stadt und zum Teil auch an der Vorsehung lag der Fehler. Sicherlich war es so, er selbst war ganz so, wie er sein sollte.
Ach, wie er sich hätte ärgern können!
Der Doktor hatte kein Herz für ein richtiges Wagnis, für Gefahren; aber einen Streit scheute er nicht, im Gegenteil, er bohrte und stichelte, wo er Gelegenheit dazu hatte, und machte sich seiner Zunge wegen überall gefürchtet, eine unverscheuchbare Bremse, eine Wespe mit einem Stachel. Es freut ihn, daß ihm nicht jedermann richtig zu antworten wagt. Das war ein Triumph im gegebenen Augenblick, er spottete und lachte darüber. Von Natur böse war er nicht, weit entfernt, seine Eigenschaften hatte er sich erst zugelegt, die Schule und die schematische Entwicklung nach Büchern hatten ihn zu dem gemacht, was er war. Nein, er brachte es auch nicht zu einer achtbaren Größe in der Bosheit, er hatte zu spät damit angefangen, erst als älterer, schiffbrüchig gewordener Mensch, er brachte es nur bis zu einer säuerlichen Unzufriedenheit, brachte es zu Bitterkeit, Groll, Eifersüchtelei, Klatsch. Wenn ein Mensch starb, sagte dieser Arzt mit der gefährlichen Zunge: „Jetzt ist wieder ein Paar Schuhe freigeworden!” und es freute ihn zu sehen, daß seine Zuhörer ein etwas sonderbares Gesicht machten.
Er konnte dies auch dem Abgeordneten gegenüber nicht lassen, sondern stichelte auf allerlei Weise drauf los. So mußte der Doktor mißbilligen, daß ein Mann wie der Rechtsanwalt Fredriksen auf Stiefeln mit hohen Absätzen daherwackle, wenn er auch Abgeordneter geworden sei. Er sei ja vordem schon mühselig genug gegangen. Der neue Überzieher gehe noch an, aber solche Stiefel für solche Füße!
Der Rechtsanwalt wußte nichts davon, daß mit seinen Füßen irgend etwas Besonderes los sei.
„Das kommt davon, weil Sie nichts von Anatomie verstehen!”
„Soviel Anatomie, als ich brauche, versteh ich schon.”
„Da haben wir's: man kommt in den Landtag und meint, man brauche dazu gar nicht mehr zu wissen, als man weiß.”
„Man kommt zuweilen zum Bezirksarzt in seinem Wahlkreis zurück und vervollständigt sein Wissen.”
„Hoho, das Vervollständigen tut's nicht, man muß am Anfang anfangen, lieber Freund.”
Der Rechtsanwalt wollte keinen Wortwechsel, andererseits wollte er aber auch dem respektlosen Kerl nicht den Triumph gönnen, daß er böse wurde und davonlief. Er blieb also und schwieg, o, aber er war sich die ganze Zeit über bewußt, wie klein der Doktor in seinen Augen war! „Da haben wir ja auch den Barbier Holte. Guten Abend, Holte!” sagt er und bleibt stehen, in der Hoffnung, der Doktor werde weitergehen. Nein, der ging nicht. „Um welche Tageszeit ist es am wenigsten voll bei Ihnen, Holte? Ich möchte mir die Haare schneiden lassen.”
„Was, mögen Sie in den Barbierladen gehen und dort warten, bis Sie an die Reihe kommen? Sie können ihn ja zu sich kommen lassen.”
„Wir Demokraten sind nicht so vornehm,” erwidert der Rechtsanwalt.
„Sagten Sie vornehm? Nein, das weiß Gott!”
Sie begegneten dem Schreiner Mattis und: „Guten Abend!” grüßte der Rechtsanwalt wieder, sprach einige Worte mit ihm und ließ ihn dann gehen.
Der Doktor sagte: „Ja, der gute Mattis, er hat wahrhaftig auch braunäugige Nachkommenschaft im Hause. Das ist ihm auch keine Freude gewesen.”
Aber nun kam der Doktor durch irgendeine Gedankenverbindung auf etwas anderes, er sagte plötzlich: „Ihre Interpellation war prächtig. So hat es ihm gehört, dem Schweinigel!”