Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 19

Chapter 193,932 wordsPublic domain

Frank nahm das nicht übel, im Gegenteil, er nahm das gut auf. Er hatte in der letzten Zeit nicht viele Sprachkenntnisse entfalten können und hatte nichts dagegen, sich wieder einmal zu zeigen. „Whist à 52 Blatt. Verzierte Asse. -- Ja, Abel, was meinst du, daß das bedeutet?” fragte Frank immer noch gutwillig. Abel lächelte wieder verlegen und mußte die Frage unbeantwortet lassen. Frank fing an: „Eigentlich sind das drei verschiedene Sprachen.” Und dann erklärte er den Sinn vom ersten bis zum letzten Buchstaben, keinen Augenblick war er im Zweifel. Fabelhaft! Indessen hatte Abel das schmutzige Kartenspiel in die Hand genommen und zeigte, daß es ganz gewöhnliche Asse waren; wie war das zu verstehen? Darauf wurde Frank nachdenklich und ließ sich auf nichts Weiteres ein. „Aber ich kann für den Grundtext einstehen,” sagte er.

Oliver hatte ihm schweigend zugehört, jetzt rief er: „Ausgezeichnet!”

Alle sahen ihn an, und er hatte wohl auch etwas getrunken, Frank schien nicht zu strahlen. Aber Oliver hatte ja sonst schon den Sohn geduckt und war ihm mit seinem Englisch auf den Leib gerückt, jetzt wollte er ihn wieder aufrichten, er verstand sich auf Kinder. Er stellte sich an und tat ganz entzückt: nein, so ein Kopf, wie ihn sein Sohn Frank auf den Schultern trüge, großartig!

Wurde Petra eifersüchtig? Sie fuhr bei Olivers Ausspruch auf und warf den Kopf in den Nacken: „Dein Sohn!”

Oliver ist wie vom Schlag getroffen, sein Gesichtsausdruck wird ganz leer, er läßt den Mund hängen, und seine fetten Finger liegen leblos auf dem Tisch.

Petra gibt eine nähere Erklärung. „Er ist doch nicht dein Sohn allein, er ist doch auch meiner!”

Langsam kommt Oliver wieder zu sich: „Ja, wer hat denn etwas anderes gesagt? Natürlich ist er auch dein Sohn!” Und jetzt wird Oliver wieder prachtvoll der Alte, er wird wieder gerecht und will keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen machen, er zog Abel mit herein und sagte: „Ja, wenn ich nur euch Jungen gut ins Leben hinausstelle, euch in eine nützliche Lehre oder in die Gelehrsamkeit bringe, dann hab' ich das meinige getan. Mehr kann ich nicht leisten.”

Am nächsten Abend konnte Oliver erklären, wie das mit den Assen zusammenhing. Dieser Lump von Olaus auf dem Hügel hatte zum Scherz ein falsches Spiel Karten in das Futteral gesteckt und hatte gemeint, er könne Frank aufsitzen lassen. Aber Frank hatte recht gehabt. „Und du, Abel, hast auch recht gehabt, es waren keine andern Asse, als man sie in der ganzen Welt hat, so weit ich herumgekommen bin. Und es ist, wie ich sage: Gelehrsamkeit habt ihr, Gott sei Dank!”

Was auch der Grund sein mochte, Frank strahlte dennoch nicht; diese Sitzungen daheim brachten ihm wohl nicht genug ein. Oder wie, hatten sie denn überhaupt einen Umfang? Keine Länge und keine Breite, ein enger Rahmen, Vater, Mutter, drei Geschwister und die Großmutter. Er verfiel darauf, seine gelehrten Schulbücher herzunehmen. „Mathematik,” sagte er, „himmelhohe Rechnung.” Ja, er las laut vor über Geometrie, Algebra, Derivationsregeln, Integralrechnung -- „ein Kreis, dessen Krümmung der Krümmung eines Bogens in einem gegebenen Punkt gleich ist, wird der Krümmungskreis des Bogens in dem gegebenen Punkt genannt, sein Radius heißt Krümmungsradius --”

Oliver sagt ganz geknickt: „Das klingt ja beinahe, als ob es gar kein Mensch mehr wäre, der das sagt. Müßt ihr das lernen?”

„Wir müssen alles lernen.”

Frank war weit über seinen Stand hinausgewachsen und sprach wie ein Verrückter. Er war nur noch sich selbst verständlich und konnte sich nicht einmal wie die Elster den Elstern verständlich machen. Wo will das noch hin? Er fragte Abel: „Es gibt wohl nicht eine einzige ausländische Zeitung hier in der Stadt?”

„Das weiß ich nicht,” erwidert Abel. „Aber der Stadtingenieur hält sich Zeitungen.”

„Ausländische? In ausländischen Sprachen?”

„Das weiß ich nicht. Aber die norwegischen.”

„Die norwegischen!” macht Frank verächtlich.

In dieser kleinen Küstenstadt konnte jedermann englisch; wer hätte nicht englisch gekonnt? Aber der Jüngling Frank konnte allzuviel, er mußte sich selbst mitteilen, mußte fragen und antworten, nicken, den Kopf schütteln, zweifeln und stumm glauben. Zuweilen drang ein Stöhnen zu der Großmutter in die Stube heraus, das kam aus der Kammer, es kam von dem Felsen, kam von einem, der in Ketten lag.

Abel war unglaublich einfältig; er konnte ein Buch in die Hand nehmen und fragen: „Was ist das für ein Buch?”

„Latein. Das verstehst du nicht.”

„So, dann ist es also lateinisch gedruckt.”

Frank schweigt.

„Willst du am Sonntag eine Bootfahrt mit uns machen?” fragt Abel.

Frank schüttelt zweifelnd den Kopf. „Wer geht mit?”

„Wir sind eine ganze Gesellschaft.”

„Einige von der Werft?”

„Was, von der Werft? Die sind ja so klein. Klein-Lydia kommt mit.”

„Klein-Lydia!” versetzt Frank spöttisch.

Unglaublich einfältig ist Abel. Er fühlte kein Entzücken, wenn er Bücher las, er dachte wie ein Schmied. „Klein-Lydia,” sagte er. Frank hatte sich nie etwas aus Bootfahrten gemacht, jetzt machte er sich noch weniger daraus, er war daran gewöhnt, für sich zu bleiben. Er ging nicht einmal mehr mit Reinert um, die beiden Studenten traten nun jeder für sich auf. Der gute Reinert trat ja allmählich auf der Straße allzu überlegen auf, er trug Überzieher und Medaillon und sprach sehr erwachsen, eines Tages begrüßte er Fia Johnsen und sagte ihr eine Schmeichelei über ihren Hut. Das war zu viel, Fräulein Fia ging stumm vorbei. Frank stand allerdings in der Nähe, als dies geschah, und Reinert zog ihn frech mit in den Skandal hinein, indem er laut lachte und sagte: „Hast du das gesehen, Frank?” Frank wählte einen Richtweg nach Hause.

Nein, er hatte anderes zu tun, als sich mit Reinert herumzutreiben, die Mädchen zu grüßen, die Damen, und sie heimzubegleiten. Leeres Vergnügen! Dagegen ging er hie und da auf die Werft hinaus, er hatte bei Henriksen, der Achtung vor dem studierten Mann empfand, Zutritt gefunden und machte nun zuweilen einen Spaziergang mit der ältesten der kleinen Töchter, mit Konstanze, und erzählte ihr einiges aus einer größeren Welt, als die ihrige war. Seht, Konstanze war noch ein kleines Mädchen und noch nicht ganz erwachsen, nein, aber wahrhaftig, sie war schon recht verständig und horchte dankbar auf seine Erzählungen aus einer großen Welt. Das waren angenehme Ausflüge. Frank betrug sich bei Henriksens sehr gebildet, er sagte „wie beliebt!” und „bitte um Entschuldigung!”; er erhielt eine Zigarette und nahm sie aus dem Munde, wenn er sprach, er trank Kaffee und spreizte dabei sehr gebildet den kleinen Finger. Von großer Verliebtheit war keine Rede, nur von einer kleinen Herzensregung, einem guten Geschmack im Munde. Man sah, wohin Reinerts Gewaltsamkeit führen konnte, sein Herz machte am hellen Tage große Sprünge auf der Straße, es konnte ihn eine leichtsinnige Lust ankommen, laut zu pfeifen, zu singen. Frank hielt sich jede Verliebtheit auf Armeslänge vom Leibe.

Es wurde Sonntag, und Abel kam nach Hause, um seine Schwestern zu der Bootfahrt abzuholen; noch einmal fragte er Frank, ob er nicht mitkommen wolle.

„Nein.”

„Wir haben Mundvorrat mitgenommen, dann legen wir an und tanzen. Der Zeichenstift nimmt seine Ziehharmonika mit.”

„Nein.”

Trotzdem schaute ihnen Frank lange nach, als sie weggingen, er fühlte wohl ein schwaches Leuchten in sich, den Widerschein des Lebens draußen. Der Ärmste war von Anbeginn an irre gegangen. In der Tiefe seines Handgelenks sieht er einen blauen Puls schlagen, seine Brust weitet sich, in seinem achtzehnjährigen Kinderhirn brennt ein sonderbares Feuer.

Seiner Großmutter draußen in der Stube gefiel es, daß er abgelehnt hatte, an der Bootfahrt teilzunehmen; das war der künftige Pfarrer! Die Großmutter hat den Befehl, den Studenten nicht zu stören, jetzt macht sie aber doch furchtsam die Tür auf mit einer Tasse Kaffee in der Hand und bittet ihn, den Trank nicht zu verschmähen.

Das kam ihm gerade recht.

„Du hast sehr recht daran getan, daß du zu Hause geblieben bist,” sagt sie.

„Was sollte ich denn dabei?” erwidert er.

Er zweifelt nicht daran, daß er keinen Fehler gemacht hat, als er daheim blieb und sich so vernünftig auf der rechten Seite hielt. Er wußte nicht, daß nur die, die gar nichts tun, keinen Fehler machen.

Dann steckte er die Nase wieder in seine Bücher. Aber die Mahlzeiten kosteten ihn viel Zeit. Der Ruf zum Essen führte ihn ja in die Wirklichkeit hinein und machte ihm klar, daß er nicht hungrig war; aber das wußte er schon vorher.

20

Es kann gut sein, daß Abel einen Fehler machte, als er diese Bootfahrt ins Werk setzte. Klein-Lydia kam nicht mit, und der Tag war verdorben. Er hielt bis zum Abend auf einer grünen Insel aus, schrie und machte sich zum Hanswurst, aber als er wieder zu Hause war, wollte er sofort Klein-Lydia aufsuchen und Rechenschaft von ihr fordern. Er traf sie nicht; es war Sonntag, Klein-Lydia saß beim Polizei-Carlsen und übte Klavier.

Gut.

Am nächsten Abend suchte er sie wieder auf, traf sie aber wieder nicht; sie war ausgegangen. Ihre Schwestern waren zu Hause.

Nun mußte es Klein-Lydia erfahren haben, daß er sie sprechen wollte, aber sie kam ihm nicht entgegen, sie wich ihm aus. Na, dann war es wohl eine natürliche Sache, daß sie ausgegangen war, am dritten Abend würde sie gewiß zu Hause sein.

Nein.

Da wurde Abel zahm. Er hielt zwar die Welt immer noch für einen Ort, an dem es sich aushalten ließ, aber es war keine interessante Welt, und das Leben war abscheulich und unnötig. Heute hatte er Klein-Lydia und ein paar andere Mädchen mit Reinert zusammen gesehen -- dieser Küstersohn, der sich immer mit den Mädchen herumtrieb -- mit dem zusammen hatte Abel Klein-Lydia gesehen. Das war ja nett! Dem Reinert wollte er einen Riegel vorschieben vor sein ruchloses Betragen, und Klein-Lydia mußte gerettet werden. Das wollte Abel tun, er wollte sie retten. Allein so etwas läßt sich nicht mit dem Hammer machen, dazu gehört Geduld und große Feinheit. Kann man nicht in den Hafen flott hineinfahren, dann warpt man sich eben in den Hafen. Er nahm sich nicht vor, noch öfter zu dem Mädchen zu gehen, weit entfernt, er gedachte sie zufällig auf der Straße zu treffen. Als er sie aber nach ein paar Tagen noch nicht gesehen hatte, schlich er sich doch in den bekannten Hinterhof.

In dieser Zwischenzeit war er still geworden, war wieder aufgeflammt, wurde wieder still, flammte noch mehrere Male auf, jetzt im Augenblick war er rasend, als er aber das Mädchen traf, konnte er doch nicht weniger zu ihr sagen, als: „Na, wo hast du dich herumgetrieben? Wenn wir heiraten, wird das ein anderer Tanz. Warum bist du am Sonntag nicht zu der Bootfahrt gekommen?”

Klein-Lydia hatte ihn vielleicht an diesem Abend erwartet, hatte sich vielleicht aus sehr großer Freundlichkeit eingestellt, sie lächelte, nickte ihm als Erwiderung seines Grußes zu und sagte: „Bist du's, Abel?”

Dies entwaffnete ihn. Eigentlich hätte er nun mit einem Menschen Abrechnung halten müssen; aber als Führer dieses Unternehmens blieb er merkwürdig mutlos stehen und starrte gerade aus.

Lydia ihrerseits wich keineswegs davor zurück, zu den Tatsachen zu kommen: „Warum ich am Sonntag nicht mitgekommen bin? Ich mußte Klavier üben und beides konnte ich doch nicht zu gleicher Zeit.”

„Nein,” sagte er. Aber er wußte ganz gut, daß sie durchaus nicht den ganzen Tag Klavier gespielt hatte, sondern erst am Abend. Außerdem hatte sie seinen Schwestern versprochen gehabt, mitzukommen, diese aber dann im Stich gelassen. Da mochte der Henker drauskommen!

Klein-Lydia saß auf der ärmlichen, engen Holztreppe und nähte, sie flickte oder veränderte etwas an einem Kleid, sie war geschickt mit den Händen. Dann ging es, wie derartiges zu gehen pflegt. Allmählich dachte sie wohl, sie sei überfallen worden; und warum sollte sie sich das gefallen lassen? Dieser Schmiedknecht und seine Schwestern glaubten am Ende, sie seien ihresgleichen, aber sie wollte sie schon eines Besseren belehren. „Ich hab' etwas mehr zu lernen als du,” sagte sie. „Du meinst wohl, Klavierspielen sei leicht?”

„Nein,” sagte er.

„Schon allein die Noten sind entsetzlich schwer. Und dann alle die Übungen.”

„Aber wozu lernst du es denn?”

Ach, wie war er einfältig! Warum sie Klavier spielen lernte! Weil alle besseren Leute es lernten. Sie hatte Tanzen gelernt, sie mußte Klavier spielen lernen, und Sticken und Spitzen häkeln an ihre Hemden, ach, was sie alles lernen mußte! Es war ihr nicht einmal angeboren, mit einem Sonnenschirm in der Sonne zu gehen, sie mußte das erst üben, eine herrliche Sache war es. Auch ihre Schwestern hatten gelernt und gelernt, auch sie waren nicht die ersten besten und dachten nicht daran, sich wegzuwerfen, sie blieben zu Hause und warteten auf einen Steuermann, einen Kommis. So benehmen sich bessere Leute.

Klein-Lydia ärgerte sich nicht sehr über Abels Worte, aber sie schwieg dazu.

Da stand nun also Abel wieder.

Sie hatte einen Augenblick ihren Fingerhut neben sich gelegt; er nahm ihn in die Hand und fing an: „Was kann das sein, das so wie geädert ist?”

„Das? Elfenbein.”

Sein Sinn für Elfenbein war wenig entwickelt, das prächtigste, wovon er je gehört hatte, war der Tempel Salomonis, aber kein Fingerhut. Jetzt ritt ihn indes der Teufel, er legte den kostbaren Fingerhut aus der Hand, strich einmal über den blauen Waschstoff des Kleides, an dem sie nähte, und sagte: „Das ist Brokat, so weit ich es beurteilen kann.”

Sie faßte das augenblicklich als Anzüglichkeit auf, was es vielleicht auch war, und sagte: „Davon verstehst du nichts.”

Schweigen.

„Hast du nicht etwa noch eine Treppenstufe?” fragte er.

„Eine Treppenstufe? Willst du sitzen? Bitte schön!”

Sie stand auf und machte ihm Platz.

„Nein, so war es nicht gemeint,” wehrte er ab. „Wenn wir nicht beide auf der Treppe Platz haben, kann ich ja stehen.” Übrigens war er jetzt recht im Zug und fuhr fort: „Was ich sagen wollte -- das ist doch ein Unsinn mit deinem Klavier spielen. Du hast doch keine Verwendung mehr dafür, wenn wir verheiratet sind.”

Sie sank wahrhaftig auf die Treppe nieder, sie wurde klein wie ein Punkt, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie die Sprache wiedergefunden hatte. „Verheiratet? Ich mit dir?”

Er sah sie forschend an, als wolle er unparteiisch sein. Er verstand nicht, daß dies war, als hätte sie ihn an der Nase herumgeführt, nur ein wenig, natürlich, aber doch an der Nase gefaßt, ihn dem Ausgang zugedreht und ihn hätte gehen lassen.

„Dich heirat' ich in meinem Leben nicht,” sagte Klein-Lydia.

Aus diesen Worten schließt Abel, daß sie ihm einen Korb gegeben habe; er blieb aber trotzdem stehen und schaute sie an, konnte es nicht lassen und blinzelte von Zeit zu Zeit. Das war ja eine nette Art zu reden, die sie an sich hatte, es war ja gerade, als ob sie ihn nicht haben wollte! Sie konnte das halten, wie sie wollte, Glück auf die Reise! Verdrießlich stand er eine Weile da.

Klein-Lydia sieht auf, nickt ihm lächelnd zu und sagt: „Es ist wahr, was ich sage!” -- Ach, aber es war gar kein Zweifel, daß sie etwas sehr scharf gewesen war, und das war unnötig, sie konnte schon ein wenig freundlicher sein. „Du könntest mir wohl ein wenig helfen und hier festhalten,” sagt sie, und damit reicht sie ihm eine Falte ihres Kleides.

Nein, er regte sich nicht.

„Hörst du!” rief sie und stach ihm mit der Nadel in die Wade.

Er machte einen Satz, und, ist es zu glauben, wurde ärgerlich, wurde böse. Ohne mehr zu sagen, als ein einziges Mal „Au!” zu rufen, blieb er einen Augenblick stehen und biß sich auf die Lippen, wurde leichenblaß und war im Begriff, gehörig herauszulangen. Es machte ihn nicht sanfter im Gemüt, daß Klein-Lydia in lautes Lachen ausbrach. Was in aller Welt -- er, der sich aus einer Kreuzotter nichts macht, der sich in der Schmiede oftmals Blutblasen an die Hände schlug, sollte jetzt eines Nadelstiches wegen einen Luftsprung machen! Aber das tat er. Und nun merkte sie wohl, daß sie etwas Ordentliches tun mußte: „Du, der Reinert ist einmal ein Affe!” sagte sie.

Das rief Abel wieder zurück und erinnerte ihn an seine Pflicht, Klein-Lydia zu retten. „Ja,” sagte auch er.

„Ein Wichtigtuer!”

„Ja. Hast du das bis jetzt noch nicht gewußt?”

„Aber er ist ein flotter Kerl. Und was er für hübsche Locken hat.”

„Na, dir gefällt er also doch?”

„Mir? Meine Mutter sagt, er habe sich herausgemacht. Und dann hat er doch auch eine Menge gelernt.”

„Hahaha!” sagt Abel. „Blech!” sagt er. „Der soll viel gelernt haben? Ich weiß hundertmal mehr als er, wenn du es wissen willst. Ich weiß nicht gerade dasselbe wie er, nicht das, was in den Büchern steht, aber von andern Dingen weiß ich hundertmal mehr als er.”

„Ja, von andern Dingen!” höhnte sie.

„Ja, wohlgemerkt, hundertmal mehr! Und du wirst schon sehen, daß er niemals Pfarrer wird. Das ist mit ihm genau so wie mit Frank, der wird auch niemals Pfarrer. So ein Küstersohn! Und wenn du dich auf einen verlassen willst, der nach so viel mehr aussieht, als wirklich hinter ihm ist, dann bist du recht dumm, das sag' ich dir.”

„Ich? Ich mach' mir nicht das geringste aus ihm.”

Das veränderte die Sache, und Abel fühlte sich wohl mit einem Male recht erleichtert, er hätte sie küssen können, wahrhaftig, sie auf den Mund küssen, da saß sie. Aber ein Mädchen mit Küssen zu überrumpeln, ist schwierig, das verlangt technische Fertigkeit, man muß treffen. Statt dessen nahm er den Schleifstein, der an der Wand stand, hob ihn aus Mutwillen oder aus unmenschlicher Kraft aus seinem Ständer und legte ihn ihr in die Arme.

Na ja, man redet ja oft vom Verstummen, aber eine so ohrenbetäubende Stummheit hatte er noch nie gehört. Dann schreit sie, Klein-Lydia schreit, brüllt, ihre Empörung macht sie ganz fremd und häßlich. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr den Schleifstein wieder abzunehmen und ihn an seinen Platz zu tun.

„Du Schwein!” zischte sie. „Wie kannst du dir herausnehmen --”

„Hehehe!” lachte er verlegen und unglücklich. „Hast du je gesehen, daß ich so etwas getan habe?” Übrigens war es merkwürdig, wieviel Klein-Lydia zuweilen ertragen konnte, ohne wild zu werden. Er selbst war nicht so. Das hatte er vielleicht von seiner Mutter.

„Da sieh her, wie du meine Näharbeit eingeschmutzt hast!” sagt sie. „Ein frischgewaschenes Kleid!”

„Ich nehm's an den Brunnen,” bot er an.

„Dummkopf!”

Dann wollte er sie wieder beruhigen, deutete von weitem auf seine Gefühle für sie hin, sagte, daß er sie liebe, er könne ihr zuliebe an alle Brunnen der Stadt gehen, sie solle ihm seinen Narrenstreich mit dem Schleifstein verzeihen --

Sie stand auf und schüttelte ihren Rock zurecht, schlug sich den Sand ab und ließ sich wieder auf die Treppenstufe niederfallen, daß diese krachte, und schwieg.

„Und im übrigen hab' ich es gar nicht tun wollen,” sagte er. „Und es ist nichts, um es sich zu Herzen zu nehmen.”

„So!” erwidert sie und schaut ihn wütend an; sie spießte ihn beinahe auf mit ihren Blicken.

„Ich möchte nur wissen, wo sich dein Bruder Eduard herumtreibt?” sagte er.

„Schweig!”

„Wann kommt er denn heim, weißt du es?”

„Schweig, hörst du nicht, halt doch den Mund!”

„Sehr wohl!” sagte er und nickte dazu. „Du brauchst nur zu befehlen, wie du es haben willst,” sagte er, und damit zog er sich in sich selbst zurück.

Allein so konnte es doch nicht bleiben. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und fing wieder an, sich den Sand abzuklopfen, als ob sie noch nicht sauber genug wäre. Aber sie war beinahe wieder freundlich geworden und lächelte sogar ein wenig.

Sie waren ja doch auch keine so sehr alten Menschen. Wenn er neunzehn Jahr alt war, so war sie ungefähr siebzehn; oder wenn man die Wahrheit sagte, daß er nämlich erst sechzehn war, so war sie noch jünger. Das ist doch kein Alter! Und da standen sie also.

„Was hast du denn damit gemeint, du Narr?” fragte sie lachend.

„Gemeint? Das weiß ich nicht.”

„Warum setzt du dich denn nicht, hörst du!” sagte sie dann und nahm selbst Platz.

Jetzt war er an der Reihe, zu schweigen, er stand nur da und lehnte sich ans Geländer. Aber als sie ihm wieder eine Falte ihres Kleides hinhielt, die er festhalten sollte, während sie nähte, griff er zu. Da deutete sie auf seine Hand und sagte: „Was du doch für einen sonderbaren Haarwuchs auf den Händen hast!”

„Sonderbar? Der ist ganz recht!”

Dieser Haarwuchs! Der war in der Hitze der Schmiedeesse hervorgesproßt, ein schwarzes Fell, er war stolz darauf gewesen, seine Altersgenossen hatten das nicht, er war über sie hinausgewachsen, hatte sie hinter sich gelassen. Und was für Manneshände er im ganzen genommen bekommen hatte!

„Ich überlege mir, ob ich nicht am besten daran täte, meine Lehrzeit bei Carlsen auszuhalten,” sagte er. „Was meinst du dazu?”

„Das weiß ich nicht. Wie lange dauert sie denn?”

„O, sie dauert nicht lang. Und nachher soll ich die Schmiede um einen billigen Preis bekommen, sagt Carlsen. Er will mir dazu verhelfen.”

„Die Schmiede? Was willst du denn damit? Na ja, darin schmieden. Ja, willst du denn für immer dableiben?”

„Etwas anderes ist auch nicht viel besser. Andere Leute kommen mir auch nicht netter vor.”

„Aber du wirst so schwarz,” sagte Klein-Lydia.

„Und wenn die Zeit kommt und wir einander heiraten --”

Sie wurde nicht mehr wütend, nein, das wurde sie nicht, aber sie unterbrach ihn bestimmt: „Nein, daraus wird nichts.”

„Dann wird es auch noch zu einem Haus reichen.”

„Niemals!”

„Wie?” fragte er verständnislos.

„Ich liebe dich nicht,” erwiderte sie.

Er schaute ihre Hände an, schaute ihr Gesicht an und überlegte. „O, das gibt sich schon,” sagte er in einem Tone, als ob die Sache damit für sie abgetan sein müsse. Aber wieder war Klein-Lydia die Tochter ihrer rasch besonnenen Mutter, und sie wollte das nicht auf sich sitzen lassen. „Laß los!” kommandierte sie und zerrte an ihrem Kleide.

Aber natürlich ließen solche Hände nicht los.

„Hörst du nicht? Ich hab' gesagt, laß los!”

„Na, du brauchst ja nur zu sagen, wie du es haben willst.”

Dann ließ er los, und nun war das Wasser wieder zwischen ihnen verschüttet.

„Du solltest dich schämen!” sagte Klein-Lydia.

Er erwiderte in sehr erwachsenem Tone: „Ich bin also nicht älter als zwanzig, wenn du das meinst. Oder vielleicht noch nicht einmal ganz zwanzig.”

„Gott, wie du übertreibst!” rief sie. „Du bist ja der reine Garnichts, du bist nicht im letzten, du bist im vorletzten Jahr konfirmiert worden. Meinst du, ich wisse nicht, wann du geboren bist?”

Da lachte Abel: „Nein, Klein-Lydia, entschuldige. Als ich geboren wurde, hat man an dich noch nicht einmal gedacht. Ich bin nicht mehr weit von zwanzig, was die Leute auch sagen mögen. Ich muß es doch selbst am besten wissen.”

„Na --” Klein-Lydia winkte ungeduldig ab und sagte: „Ich werd' im Frühjahr konfirmiert.”

„Das ist ja gut.”

„Das ist gut, was soll das heißen?”

Schweigen. Er meinte wohl, es sei gut, wenn das erledigt sei, dann sei sie frei und fertig, aber er wagte es nicht, sie noch mehr zu ärgern.

„So, jetzt hab' ich fertig genäht,” sagte sie und stand auf.

„Dann guten Abend!” versetzte er. Aber gleich darauf war er dreist genug, sie um ein wenig Wasser zu bitten.

„Gewiß, wenn nur Wasser da ist,” sagte sie und schaute sich um. „Du kannst ja hineingehen und trinken.”

Darauf erwiderte Abel: „Nein, ich kann heimgehen und da trinken. Es ist ja ganz einerlei.”

„Durchaus nicht!” rief Klein-Lydia. „Ich will hineingehen und dir Wasser holen,” sagte sie, als ob er ihr ein und alles auf der Welt wäre.

Nachdem er getrunken hatte, redeten sie noch eine Weile miteinander, und ehe er ging, hatte er sie dennoch die verschiedensten Male umarmen und küssen dürfen. Was doch dieser Schmiedknecht für schrecklich geschmeidige und gefährliche Arme hatte!

Er schlenkerte mit den Armen, als er nach Hause ging, ein Herr der Welt, der Auserwählte der Mädchen, der zukünftige Besitzer einer Schmiede. Ja, es gab sich alles. Am liebsten wäre er jetzt allein gewesen, aber als er heimkam, war Besuch da, Maren Salt saß in der Stube.