Part 18
„Nicht gerade weh. Aber es ist nicht angenehm für mich, ich werde älter und weniger leistungsfähig, und Scheldrup ist abwesend. Na, gottlob, daß ich dich habe, Fia,” schließt er.
„Wenn ich nur etwas leisten könnte! Papa, sie sind doch wohl nicht hinter dir hergewesen?”
„Sie nennen mich nicht mit Namen. Aber es ist doch mit Fingern auf mich gedeutet worden, und zwar von unserem eigenen Abgeordneten.”
„Von --?”
„Ja, von Fredriksen, dem Rechtsanwalt also.”
„Soo?” sagt sie und wird nachdenklich.
„Ich weiß nicht, was ich ihm getan habe, daß er nun so auf mich losgeht.”
„Es ist nur Mangel an Kultur.”
War es Enttäuschung oder Überlegung, was bei dieser Antwort über ihr Gesicht hinflog? Der Konsul war sich nicht ganz einig darüber; er sagte: „Kultur? Ich weiß nicht, wieviel Kultur er hat. Es ist, als hätte die jetzige Zeit keine Verwendung dafür. Wir sind jetzt alle Menschen.”
Sie schweigt. Ihr Gesicht bekommt einen hartnäckigen Ausdruck, und dann gibt sie nicht nach, das weiß er.
„Ich glaube, dies ist eines der hübschesten Bilder, die du je gemalt hast,” sagt er. „So, du meinst also, es sei Mangel an Kultur? Es kann wohl sein, daß du recht hast. Sag' mir übrigens -- nicht wahr, du machst dir nichts aus dem Rechtsanwalt?”
„Ich?”
„Neinnein, nicht das geringste, das wußte ich. Er ist natürlich recht tüchtig und wird es zu etwas bringen ... Wenn nun aber weder du noch deine Mutter sich etwas aus ihm macht, dann braucht der Mann ja gar nicht bei uns zu verkehren. Wir laden ihn von jetzt an nicht mehr ein, rede mit deiner Mutter darüber, sie hat ihn früher recht geschätzt.”
So war dies erledigt, und eigentlich konnte der Konsul nun wieder gehen.
„Das ist wahr,” begann er wieder, „der Maler, wie heißt er doch nur, hat sich also verlobt. Ist es die ältere oder die jüngere von den Töchtern? Ja, du hast es doch wohl gehört, Fia?”
Sie lächelt. „Ich bin die erste gewesen, die es gehört hat. Unter uns gesagt, Papa, ich bin ja für beide Parteien der Vermittler gewesen.”
„Ei sieh! Du, Fia! Vermittler!”
So nahm sie es also auf.
Als der Konsul in sein Kontor zurückging, hatte er zwar keinen guten Rat betreffs des Rechtsanwalts bekommen und ebensowenig zehntausend bei einem Geschäft verdient, aber er machte sich selbst weis, er habe etwas erreicht, und er rieb sich die Hände, wie wenn er außerordentlich arbeitslustig wäre. Aber es war wohl nur ein wenig künstliche Energie. Er grüßt den einen und den andern unterwegs, grüßt auch die Damen freundlich; jawohl, sie grüßen den Konsul wieder, wie man einen großen Herrn grüßt, sie haben den Vorgang im Reichstag noch nicht gelesen. Und doch, die Damen erwidern seinen Gruß nicht wie in alten Tagen, sie schlagen die Augen nicht verlegen nieder wie früher, wenn er ihnen begegnete, er war gealtert, die jungen Damen von heute sehen auf unergrautes Haar, er mußte jetzt in tiefer stehenden Reihen suchen, er stand wohl schon auf dem Boden. Ach was! Er war der, der er war.
Der Konsul trat in sein Kontor, sah auf seine Uhr und ließ sich in seinem Sessel nieder. „Es ist wunderbar, welch eine Erfrischung so eine Viertelstunde ist!” hätte er sagen können, wie wenn er es selbst glaubte. O, sie hatte ihn aber nicht dauernd erfrischt, die Interpellation des Rechtsanwalt Fredriksen spukte immer noch in seinem Kopf. Mangel an Kultur? Fia hatte vielleicht recht. Sie war wahrlich auch die klügste, wenn sie für Liebesgeschichten nur das Interesse eines Vermittlers hatte, ein verflixt kluges Mädel, die Fia! Er hatte auch gar nichts dagegen, wenn sie sich noch einige Zeit solcher Art Kameradschaft enthielt, er wußte, was für eine unbändige Macht die Liebe ist; das würde sie schon noch zeitig genug erfahren.
Verstümmelte Matrosen? Die man also versorgt, die man also geradezu auf seinen Schoß nimmt und ihnen den Schnuller gibt. Wenn nur Scheldrup daheim wäre! Aber Scheldrup war von der modernen harten Art, er dachte an niemand anders, als an sich selbst, jetzt redete er von einem Jahr Aufenthalt in Neu-Orleans.
Und da im Kontor liegt die ungetane Arbeit Berge hoch, auf dem Pult Briefe, Telegramme und Frachtbriefe holter di polter, Berntsen könnte wohl hereinkommen, eine Hand voll aus dem Haufen herausgreifen und einiges erledigen. Der Konsul alt? Etwas überschafft, etwas abgerackert; war es verwunderlich? Aber alt? Und selbst wenn er alt war, so war er doch der, der er war. Wenn sein Haar sich lichtete, so ließ er sich im Hut photographieren, ja, im hohen Hut --
Er steht auf und ruft Berntsen vom Kramladen herein.
„Was ist das für ein junger Mann in einer Studentenmütze, der da draußen steht?” fragt er.
„Frank,” antwortet Berntsen.
„Frank?”
„Für den der Herr Konsul bezahlt. Olivers Sohn.”
„Ach so, der!”
„Er holt sich eben seinen neuen Anzug bei uns. Seinen alljährlichen Anzug.”
„So. Hören Sie, Berntsen, könnten Sie nicht einiges von hier übernehmen und mir ein wenig helfen? Sehen Sie, wie es sich anhäuft und mir über den Kopf wächst. Ihnen geht es so leicht von der Hand.”
Berntsen verspricht, am Abend Zeit dafür zu haben.
„Ich danke Ihnen. Schicken Sie vor allem die Versicherung für die _Fia_ ab. Hier ist das reine Chaos, und ich habe soviel zu überlegen. Haben Sie die Zeitung gelesen? Was sollen wir mit dem Rechtsanwalt tun?”
„Sollen wir etwas tun?” fragt Berntsen.
„Ich weiß es nicht. Nein, Sie haben vielleicht recht, wir sollten einfach gar nichts darauf tun. Aber es kommt vielleicht eine Kommission und stellt allerlei Fragen.”
„Dann werden wir ihr darauf antworten.”
„Richtig! Punkt für Punkt. Und Berntsen, könnten Sie das nicht übernehmen, ich meine, der Kommission antworten?”
„Doch.”
Damit ist die Sache in den besten Händen, und der Konsul fühlt sich von einer schweren Last befreit. Er ist so erleichtert, daß er sich wieder als Herr fühlt, er will wieder etwas auftreten und sagt: „Den Studenten schicken Sie mir einen Augenblick herein, Berntsen!”
Frank tritt ein und steht vor dem großen Mann.
„Das gefällt mir, daß Sie nicht so oft zu Hause sind,” sagt der Konsul, und er sagt Sie zu Frank. „Denn dann sind Sie wohl fleißig beim Studieren. Ich erkannte Sie gar nicht wieder, sondern mußte Berntsen nach Ihnen fragen. Sie sind ja in den letzten Jahren riesig in die Höhe geschossen. Und nun sind Sie also Student. Geht es Ihnen gut?”
„Ja, danke.”
„Das freut mich. Wir sollen alle etwas werden, Sie in Ihrem Fach und ich in dem meinigen. Was ich sagen wollte: Sie nehmen sich doch wohl als junger Mensch vor Ausschweifungen in acht?” sagt der Konsul plötzlich.
„Vor jeder Art von Leichtsinn?” sagt er. O, dieser Konsul Johnsen, er hätte ja einen Grabstein zum Lächeln bringen können, und er fährt fort: „Ja, das sollen Sie wirklich, Sie sollen ein verständiger junger Mann sein und an den Versuchungen vorübergehen. Das erwarte ich von Ihnen.”
Frank lächelt nicht. Groß und mager und tief vorgeneigt wie in einer Kirche stand er da, antwortete gut und richtig ja oder nein am richtigen Platze, der Konsul bekam den besten Eindruck von ihm. War es seine Absicht, daß dieser junge Mann auch von ihm, seinem Wohltäter, eine vorteilhafte Erinnerung an diese Begegnung mitnehmen sollte? Wer weiß, es konnte vielleicht dem Wohltäter in der Zukunft von Nutzen sein, falls neue Überfälle drohten! Jedenfalls schadete eine kleine Rede nichts.
Der Konsul konnte in durchaus gutem Glauben diese Gelegenheit benützen, um seine moralische Seite zu zeigen. „Es gibt edle Vergnügen und leere Vergnügen,” sagte er; „in meinen späteren Jahren bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß die Vergnügungen im eigenen Heim und in der Familie die richtigen sind. Man kann die andern Vergnügen entbehren, wenn man ernstlich will. Das ist meine Erfahrung.”
Dieser Konsul Johnsen! Er war jetzt wohl in der Zeit der Abkühlung, jetzt, wo ihn allmählich die Lüste verließen, wollte er sich den Vorteil, sie überwunden zu haben, nicht entgehen lassen. So weit war er Kaufmann.
Übrigens war ja der Konsul Johnsen nicht lauter Hohlheit und nichts anderes, er hatte auch Gemüt; so dachte er einen Augenblick daran, dem jungen Studenten einen Stuhl anzubieten, gab es aber wieder auf, tat indes das dafür, was besser war: er trat an seinen Geldschrank und kam mit einem Geldschein zurück, mit einer großen roten Banknote, die er mit den Worten: „Bitte, hier ist ein kleines Taschengeld!” Frank schenkte.
Und Frank verneigte sich mit der tiefen Verbeugung, die ihm seinerzeit von der Tanzlehrerin beigebracht worden war.
„Es ist nicht der Mühe wert, es auszuposaunen,” sagt der Konsul; „es steht ja geschrieben, du sollst deine linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte tut; ist es nicht so?”
„Doch.”
„O ja, wir Menschen! Aber wir müssen versuchen, es so gut zu machen, als wir können. Sie wollen wohl Pfarrer werden?”
„Nein, ich weiß es nicht --”
„Wissen Sie es nicht?”
„Ich habe mehr Talent für Sprachen.”
„Sprachen?”
„Philologie.”
„So. Haben Sie da Aussichten? Ja?”
Aber etwas fremd schien es dem Konsul in den Ohren zu klingen; ob er nun dachte, er hätte sich seine moralische Rede sparen können, oder ob er fürchtete, ein Sprachgelehrter könne ihm in Zukunft nicht ebenso nützlich sein wie ein Pfarrer.
Er entläßt den jungen Menschen in netter Weise: „Ja, jetzt muß ich an die Arbeit!” Aber er jagt ihn nicht fort, sondern spricht noch weiter freundlich mit ihm: „Überlegen Sie sich nun, ob Sie nicht doch lieber Pfarrer werden wollen. Ich habe mich ja eigentlich Ihrem Vater und Ihnen gegenüber nicht schlecht benommen, ich benehme mich niemand gegenüber schlecht. Aber was Sie schließlich werden wollen, das müssen Sie selbst entscheiden, ich kann Ihnen nur einen kleinen Rat geben. Adieu, junger Mann!”
19
Der junge Mann ging wieder in den Kramladen und wählte wieder zwischen den fertigen Anzügen. Da er mager und schmalschulterig war, hatte er keine Mühe, eine Joppe zu finden, die ihm paßte, da er aber auch sehr aufgeschossen war, paßte ihm die dazugehörige Hose nicht, sie war zu kurz. Ein Rockanzug war allerdings da, der in jeder Beziehung paßte, aber Berntsen meinte, er sei zu teuer.
Der gute Berntsen war nicht immer ganz so, wie er aussah, er war zwar freundlich und wohlwollend gegen alle Menschen, aber durchaus kein Lamm. Er war außerordentlich zuverlässig, und das Geschäft ging ihm über alles, aber gerade durch diese Eigenschaften wurde er sogar oftmals für den Chef unbequem. Selbst Frau Johnsen ging nicht gerne zu Berntsen, allerdings auch ebensowenig zu einem der andern Angestellten, wenn sie irgend etwas aus dem Laden verlangte. Sie fand kein Vergnügen dabei, Kleiderstoffe und Putz mit Berntsen zusammen aussuchen zu müssen. Aber er war ein verflixt tüchtiger Geschäftsmann.
„Meiner Ansicht nach bist du zu jung für einen Herrenrock,” sagte er zu Frank. „In ein paar Jahren ist es immer noch Zeit dafür.”
Reinert trage auch schon einen Herrenrock, obgleich er jünger sei, wendete Frank ein.
Es half aber nichts. Was Reinert, der Küstersohn, trage, sei keine Vorschrift für alle andern, er sei ja auch früher schon in Kniehosen herumstolziert. „Und im übrigen,” sagte Berntsen sehr freundlich, „so ist das etwas anderes bei Reinert, sein Vater bezahlt dafür.”
Der junge Frank war frühzeitig daran gewöhnt, Zurückweisungen zu verstehen und zu deuten; sie kränkten ihn nicht sehr, sie hatten ihn nur auf seinem Platz zurückgehalten, so daß er nur äußerst selten zu weit ging; geschah dies, so zog er sich sofort wieder zurück. Er wußte ja, daß doch Rat geschafft wurde. Jetzt nahm er den Anzug, der für ihn ausgesucht worden war, und bedankte sich dafür. Was waren außerdem Anzüge für ihn? Andere höhere Dinge lagen ihm im Sinn.
Reinert hatte draußen auf ihn gewartet, die beiden Studenten wanderten nun miteinander durch die Straßen, nicht weil sie Busenfreunde gewesen wären, sondern weil sie Studenten waren. Nein, sie waren keine Busenfreunde. Begabt waren beide, glänzende Sprachtalente, aber Frank stand in dem Rufe, ein gutes Stück voraus zu sein. Dieses Stück war es, was Reinert nicht ertragen und auch trotz aller Mühe nicht einholen konnte, das machte ihn oft bitter und gewissermaßen rachgierig. Aber auf einem Gebiet war er überlegen, obgleich er Frank an Jahren nachstand: bei den jungen Mädchen, den Damen. Konnte ihm Klein-Lydia widerstehen, konnten es die kleinen Mädel auf der Werft? Hier kam es ihm zu gut, daß er für Staat und schöne Kleider, für gestärkte Leibwäsche und spitzige Schuhe Sinn hatte, dazu kam, daß er Mut in der Brust trug und nicht schüchtern war; seht, er war ja nie durch Zurückweisungen niedergedrückt worden. Deshalb fiel es Reinert auch gar nicht ein, in eine Seitengasse auszuweichen, als den beiden nun Heibergs Alice begegnete, er begrüßte sie und blieb stehen; ja, das tat er.
Und jetzt war Frank an der Reihe, sich unterlegen zu fühlen, die Dame gönnte ihm kein Wort, kaum einen Blick. O, aber er würde sich wohl hüten, seine Augen auf den Kirchturm zu richten, um zu sehen, wieviel Uhr es sei, denn Reinert hatte die Gewohnheit angenommen, seine Uhr herauszuziehen und mit einem neuen Medaillon, in dem eine Haarlocke lag, zu glänzen, natürlich baten die Damen dann sofort, die Haarlocke sehen zu dürfen, sie waren so albern. Frank trug einen neuen Anzug unter dem Arm und eine große Banknote in der Brusttasche, er fühlte sich ausnahmsweise einmal obenauf und fragte die Dame: „Wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?” -- „Danke, gut,” antwortete sie zu Reinert gewandt. -- O, Heibergs Alice war nicht so albern wie die andern!
„Ich trage nur rasch meinen Pack nach Hause und komme gleich wieder,” sagt Frank schlauerweise.
Da konnte Reinert doch unmöglich sagen: „Willst du schon nach Hause? Es ist noch nicht spät, laß mich einmal sehen!” Aber Reinert ist weder eine feine noch eine merkwürdig zart besaitete Seele, durchaus nicht; er antwortet: „Ich gebe dir eine halbe Stunde Zeit,” und zieht dabei seine Uhr heraus.
O, Frank würde wohl in einer halben Stunde wieder da sein, jawohl!
Daheim kam er viel mehr zu seinem Recht, er wurde der Herr des Hauses, alle gingen auf den Zehenspitzen um ihn herum. „Laß mich sehen, was für einen Anzug du diesmal bekommen hast!” sagt die Mutter. „Zieh ihn nur gleich an!”
Frank erzählt, daß er zum Konsul hineingerufen worden sei, die Mutter und Großmutter sind voller Neugier und stellen eifrig Fragen. Was wollte er? O, der Konsul! Frank stellt sich gleichgültig, bisweilen antwortet er, bisweilen auch nicht, nein, denn bisweilen ist Schweigen die beste Antwort. Sie sind sehr enttäuscht, weil er nicht Pfarrer werden will, die Großmutter versteht es überhaupt nicht, denn sein Kopf sei doch gut genug dafür. Da lächelt Frank; sein Lächeln ist betrübt und schwach, es ist eigentlich gar kein Lächeln, nur ein Anlauf dazu. Die Schwesterchen streichen über den neuen Anzug, „schöne Knöpfe,” sagen sie. Ein kleines Dreieck von rotem Seidenstoff guckt aus der äußeren Brusttasche heraus, es ist da ein für allemal festgenäht und ist das Taschentuch. Die Beinkleider sind zu kurz, und die Mutter will sie durch herunterlassen verbessern; sie macht sich auch gleich daran, denn Frank soll noch einen Besuch beim Schulvorsteher machen. Die Großmutter aber sitzt in tiefe Gedanken versunken da, sie schüttelt den Kopf, murmelt vor sich hin und ist unzufrieden.
„Dann werden sie darüber reden können,” murmelt sie.
„Was sagst du?”
„Daß du nicht Pfarrer werden könntest!” Sie dachte wohl an die Weiber am Brunnen.
Da schweigt Frank, und das ist eine gute Antwort.
„Das muß sich Frank erst noch überlegen,” sagt Petra, die noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat.
O, aber Frank ließ sich wohl nicht herumbringen, sein Vorsatz stand fest, war Stein und Bein geworden, unerschütterlich, tage- und nächtelang hatte er die Sache überlegt und schweigt; er kennt seinen Beruf.
Er geht zum Schulvorsteher. Die Beinkleider sind und bleiben trotz allem zu kurz, die Joppe hängt an ihm herunter so von ungefähr wie nach einer Grammatik mit wahlfreien Formen herausgeschnitten. Er ist sehr aufrecht, sieht sonderbar aus, er trägt eine Mütze, die ihn als zur Chineserei gehörig bezeichnet, zur Kaste. Da der Weg zur Schule seit seinem letzten Aufenthalt im Ort verlegt worden ist, verirrt er sich etwas und steht dann plötzlich vor einem Haus. Er sagt zu sich selbst und zu einer Frau, die unter der Tür steht:
„Ich war ganz in Gedanken versunken --”
„Wohin willst du?” fragt die Frau.
„Nach der Schule,” antwortet er kurz und biegt nach einer Seite ab.
„Dann mußt du dort hinaufgehen!” ruft ihm die Frau nach.
Ja, das war sonderbar, daß sie nicht wußte, wer er war. Oder wußte sie es? Jedenfalls kannte sie ihn aber nicht genügend, um so vertraut zu werden, ihn zu duzen und ihm ungefragt den Weg zu zeigen.
Der Schulvorsteher ist vom Examen mitgenommen, er sitzt in Schlafrock und Pantoffeln in seinem Sessel, er macht es sich mit der Grammatik, insbesondere der Satzlehre, behaglich, er erfrischt sich daran. Es gibt doch nichts Besseres auf der Welt, als so eine ruhige, gelassene Satzlehre einer fremden Sprache, so rein, so ohne Aufregung, ohne Erdichtungen!
„Herein! Bist du's, Frank? Nett, daß du kommst! Kennst du diese hier, Freund Frank? Ich hab' sie eben bekommen, ausgezeichnet! Diese Satzlehre hätte ich vor dem Examen haben sollen, aber da hab' ich mich abgeschunden und mich in der alten vorbereitet. Meine Tochter hat nämlich fast das ganze Jahr hindurch für mich französisch gegeben, und da mußte ich mich aufs Examen wieder vorbereiten. Es ist eben so in unserem Fach, sind wir eine Zeitlang außer Übung; was wir gekonnt haben, ist dann vergessen. Na, dann ist es Gott sei Dank recht angenehm, sich wieder hinein zu versenken, nicht wahr? In dem heiligen Tempel zu knien und mit der göttlichen Weisheit gelabt zu werden!”
Der Schulvorsteher war in diesen Jahren alt geworden, ein ergrautes Kind mit verblaßten Augen hinter der Brille. Er war zufrieden mit Frank, hatte nur Gutes von ihm gehört, wünschte ihm auch ferner alles Gute, setzte die größten Hoffnungen auf ihn. O, mit dem Fleiß, den er zeigte, gehe er einer ehrenvollen Zukunft entgegen, es sei nicht unmöglich, daß er einmal der Vorsteher dieser selben Schule hier, aus der er hervorgegangen war, werden könne. --
Der alte Philologe war demütig, das Leben selbst und auch seine ganze Laufbahn hatten ihn drunten gehalten und dazu gebracht, bescheiden zu denken, niemand konnte sich weniger mit seiner Philologie brüsten, als er es tat. Er nannte niemals die großen Forscher, die großen Sprachgenies, verstand wohl auch nicht viel davon, kannte wohl kaum ihre Namen, was sollte er mit den Genies? Sein Beruf war es nicht, Funde zu machen, er sollte nur lehren, nur lehren: ganz genau soviel lehren, um leben zu können, ganz genau soviel lehren, um andere durch die „Pensa” fürs Examen zu bringen. Der Schulvorsteher hatte also das Seinige getan. Ein mageres, trauriges Dasein, Armut und Geistesdunkelheit, Niedergang, aufreibende Arbeit und Blindheit. War das noch Geisteskrankheit, war es noch Schicksal, eine Torheit des Himmels? Nein, es war die des Menschen, des Affen.
Jetzt sprach der Schulvorsteher übrigens von andern lobenswerten Schülern, von zwei andern, auch sie glänzende gewaltige Lernköpfe; Frank war jetzt so weit gekommen, daß der Schulvorsteher seine Aufmerksamkeit neuen Fällen von begabten Kindern zuwenden konnte. „Leb' wohl, Freund Frank, Gott sei mit dir!”
Frank geht heim, auch er zufrieden und erhoben. Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich für ein bestimmtes Brotstudium auszusprechen, der alte Sprachlehrer nahm wohl für selbstverständlich an, daß es Philologie sein werde, was denn sonst? Und im Grunde war es ja auch gleichgültig, wenn er nur viel las und lernte: das war sein eigentliches Ziel. Frank verläßt den Vorsteher der Schule, den Vorsteher des großen Steinhauses und geht heim.
Am Abend kommt der Vater aus dem Lagerhaus und Abel aus der Schmiede; das ändert für Frank nichts, er hat die Kammer im alten Hause als Heim und Bude. Die Absicht war, daß er auch in den Ferien studieren und lernen sollte, studieren, sein Gedächtnis vollstopfen, in Sprachen untertauchen, und das tat er auch. Wenn er zum Essen gerufen wurde, hatte er irgend etwas ausgeklügelt, war noch gelehrter und unirdischer geworden. Aber alle diese Mahlzeiten nahmen ihn sehr in Anspruch.
Er konnte mit einer leeren Konservendose hereinkommen, die er von draußen mitgebracht hatte, und fragen: „Was meint ihr wohl, daß auf dieser Büchse steht?” Ach, das wußte niemand. Aber die Mutter kannte das Zeichen von ihrer Dienstzeit bei Konsul Johnsens her und riet „Lachs vielleicht?” -- „Jawohl, aber das ist doch nicht Englisch,” sagte Frank gekränkt, die Mutter machte ja mit ihrem praktischen Wissen seine ganze Weisheit zuschanden. „Hier steht ~Alaska Salmon~.” Nun griff der Vater ein. Er war Matrose gewesen und wußte viel: „Alaska ist ein Land, ich werde doch wohl wissen, was Alaska ist.”
Die Konservendose brachte Frank keinen Triumph.
Sie kamen zu ihm mit andern Dingen, die sie nicht verstanden. Die Mutter kam mit einer Fadenrolle, bitte „~Brook Brothers, fünfzig Yards.~” Wieder griff der Vater ein, ohne Rücksicht auf seinen Sohn, und sagte mit geschwellter Brust, was es bedeutete. „Seemannsenglisch!” sagte Frank. Im ganzen war Oliver, der Hausvater, ungenau mit seinen englischen Erklärungen, er schwächte die Größe und das Geheimnisvolle dieses Augenblicks ab, indem er den Nadelbrief seiner Frau erklärte: „~Silver Eye, Cast Steel.~” -- „Das gehört mit kleinen Buchstaben geschrieben,” erklärte Frank. -- Dies begriff der Vater nicht. „Warum sollten die Buchstaben kleiner sein?” fragte er. Da gab Frank die einzig richtige Antwort: er schwieg. Und plötzlich ward ihm eine wohlverdiente Erhöhung. Die Mutter brachte eine Schachtel, die sie in einem Laden bekommen hatte, darauf stand: „~Toilet Soap. Superior.~” Nein, jetzt war Olivers Weisheit zu Ende, jedes Wort war ihm fremd, Frank mußte feierlich nachhelfen.
Da saß nun sein Bruder Abel, er verstand nichts von der Vorstellung und schwieg. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Einen Augenblick schien sich im Herzen des gelehrten Bruders ein wenig Mitleid mit Abel regen zu wollen, er war ja eben erst heimgekommen und wollte sich nicht über ihn erheben. „Jaja, Abel,” sagte er. „Das ist gar keine Hexerei, du wüßtest gewiß ebensoviel wie ich, wenn du studiert hättest.” Abel lächelte etwas verlegen und schüttelte den Kopf.
In vielen Fällen hatten die Betreffenden Nutzen von Franks Sprachenkunde; die Gelehrsamkeit hatte in Olivers Haus ihren Einzug gehalten. Sonderbar, daß niemand von den Nachbarn sich einstellte, um sich rätselhafte und ausländische Worte in der Zeitung oder auf einem Paket Tee erklären zu lassen! Sie hatten keinen Sinn für Bildung und geistige Fragen, sie waren dumm und faul. Derartig war Franks Umgebung.
Eines Abends kam Oliver nach Haus und sagte: „Wenn du nachher gegessen hast, Frank, und ganz satt bist, dann will ich dich etwas fragen.” Sie aßen unter einer gewissen Spannung, Frank allein war gelassen, er zweifelte nicht daran, daß er antworten könnte.
Dann kam der große Augenblick. Oliver legte etwas auf den Tisch. Der alte Sünder legte ein Spiel Karten auf den Tisch und fragte Frank, was auf dem Futteral stehe. Ein Spiel Karten also! Die Frauen fielen über ihn her, aber er stillte den Sturm. „Maul halten!” rief er. „Was ihr sagt, das weiß ich schon im voraus, ich würde auch nicht die Hand dazu bieten und so etwas heimbringen, aber Olaus auf dem Hügel hat mich darum gebeten.”