Part 17
Der Postmeister war schweigsam. Der Doktor mußte seine Zuflucht wieder zu der Frage über die Nachkommenschaft nehmen, um ihn zum Sprechen zu bringen. Und hier wollte der Postmeister nicht auf sich herumtreten lassen, er machte unerwartet Halt. „Waren nicht Sie es, Herr Doktor, der damals die Liebe nannte? Was verstehen Sie darunter? Sie hätten Triebleben, tierische Funktion sagen sollen, sie hätten Liederlichkeit sagen sollen, o, aber auch diese so klug, so vorbeugend, so kinderlos wie nur möglich.”
„Ei du große Zeit!” rief der Doktor verwundert aus. Dann wurde er wieder der überlegene Mann und zeigte keine Lust zum Disputieren. Er sah auf seine Uhr. Plötzlich war der Postmeister nicht mehr für ihn da, er rief nur ins Lagerhaus hinein: „Komm heraus, Oliver, ich will mit dir reden!”
Als ob Oliver gleich käme, wenn ein Doktor rief! Er blieb in seinem Versteck im Lagerhaus sitzen, bis der Doktor fort war, dann schloß er ab und ging.
Aber er sollte diesem Zusammentreffen doch nicht entgehen; der Doktor paßte ihn in der ersten Querstraße ab, griff sogar mit einem Finger nach seinem Hut und sagte in ganz verändertem Tone: „Guten Abend, Oliver, gut, daß ich dich treffe, kannst du mit mir in mein Sprechzimmer kommen?”
Oliver ging mit; ob er nun seiner Neugier nachgab, oder ob er sich die Sache vom Hals schaffen wollte?
„Hast du etwas dagegen, wenn ich deine Hüfte untersuche?” fragt der Doktor.
„Wie --?”
„Es ist der Wissenschaft wegen. Du bist ein gutes Objekt. Zieh dich aus!”
Oliver zögert.
„Es wird bald geschehen sein, fünf Minuten genügen, ja, zwei Minuten. Ich will mir nur deine Hüfte ansehen. Tut sie dir nie weh?”
„Nein.”
„Nun laß mich einmal sehen!”
Nein, Oliver wollte nicht. Es sei Samstagabend, er müsse jetzt nach Hause.
„Was ist das für ein Geschwätz, zwei Minuten!”
Oliver weigerte sich, o nein, so weit war er gegangen, weiter ging er nicht. Der Doktor stand allerdings in hohem Ansehen in der Stadt, aber die Geschichte mit dem schwedischen Matrosen hatte es nicht gerade erhöht, im Gegenteil. Immerhin würde ihm wohl Oliver nachgegeben und sich ausgekleidet haben; aber er schien sich davor zu fürchten, er mußte einen besondern Grund haben, es nicht zu tun. Was hatte er nur? Sein Gesicht trug jetzt den bösen, verschlagenen Ausdruck, er sah den Doktor langsam an und sagte: „Nein, das tu' ich nicht.”
„Du bist ein Dummkopf,” sagt der Doktor. „Du hast auch keinen Bartwuchs mehr, woher kommt denn das? Und du wirst fett und glatt wie ein Frauenzimmer.”
„Mir fehlt nichts,” sagt Oliver.
„Gerade das wollte ich ja untersuchen. Du solltest nicht dabei verlieren, ich wollte etwas ins reine bringen, den Unterleib, es ist in einer einzigen Minute geschehen.”
„Nein, ich tu' es nicht.”
Der Doktor gab es noch nicht auf: „Wie bist du denn damals zu Schaden gekommen?”
„Eine Trantonne kam auf mich zugestürzt.”
„Das versteh' ich nicht.”
„Sie zerschmetterte mir das Bein, das dann abgenommen werden mußte.”
„Laß mich sehen, wie hoch es abgenommen ist!”
Oliver deutete mit der Hand.
„Ich meine, du solltest die Hose ausziehen.”
„Nein,” erwidert Oliver zum drittenmal, „ich tu' es nicht.”
Der Doktor sagte -- und er legte einen tiefen, würdigen Sinn in seine Worte: „Wie du willst. Ich dachte übrigens nur daran, dir zu helfen.”
Oliver wandert heimwärts; es ist spät geworden, und er hört die Tanzmusik vom Tanzsaal her, es ist ja Samstagabend. Da fällt ihm ein, er sei am Ende nicht gut genug angezogen, um an den Burschen und Mädchen in ihren Staatskleidern vorüberzugehen, und er macht deshalb einen Umweg. Welch ein Zufall -- da steht ja Petra und spricht mit niemand anders als mit dem Schreiner Mattis. Die beiden sind sehr eifrig, der Schreiner sieht sogar höchst leidenschaftlich aus; und wieder spürt Oliver, wie ihm ein scharfer Stich durchs Herz fährt, er knirscht mit den Zähnen, während er näher tritt. Nun erblickt Mattis den herankommenden Oliver, da zieht er sich zurück und tritt in seine Werkstatt. Er tut auch klug daran, sich zurückzuziehen, zu verschwinden, denn in diesem Augenblick tritt Oliver zähneknirschend auf ihn zu. Und Petra tut auch klug daran, auf ihren Mann zu warten, hätte sie einen Augenblick daran gedacht, wie eine Hündin zu entfliehen, dann hätte dieser Mann, ihr Ehemann, sie mit einer Donnerstimme zurückgerufen.
Sie gehen nebeneinander. Oliver schweigt und knirscht mit den Zähnen.
Petra fühlt wohl, daß ein Gewitter im Anzug ist, sie ergreift die Offensive und murmelt: „Hm! Ist das ein Zustand!”
„Ja,” sagt auch Oliver, „es ist ein Zustand.” Und jetzt dreht er die Augen nach ihr hin.
„Bei Mattis, mein' ich. Du hast es wohl gehört?” fragt sie.
„Gehört? Was?” Er hat nichts gehört, ist nur von seinem Eigenen erfüllt und erwidert: „Du, du sollst etwas zu hören bekommen!”
„Was brummst du denn da?” sagt sie unschuldig und sorglos. „Na, dann hast du es also nicht gehört?”
Es muß etwas Besonderes sein, die Neugierde bekommt die Oberhand bei ihm, die Stiche in seinem Herzen sind nicht mehr so heftig. „Was willst du mir denn da weismachen?” fragt er.
Das ist nun Petras günstigster Augenblick, sich ein wenig kostbar zu machen, sie tut sogar etwas gekränkt und sagt: „Ich will dir gewiß nichts weismachen, ich werde schweigen.”
Oliver mußte einen ganz andern Ton anschlagen, bitten, ehe Petra nachgab. O, aber die Neuigkeit ist doch zu gut, um nicht die erste zu sein, die sie erzählt; Petra kann sie nicht länger für sich behalten. „Es ist Maren,” sagt sie.
„Was ist mit ihr?”
„Maren Salt.”
„Ja, hörst du --”
„Ja, sie liegt zu Bett; sie hat ein Kind bekommen.”
Oliver wußte wohl nicht recht, wie er diese Neuigkeit aufnehmen sollte, jedenfalls war er nun wieder um eine kräftige Auseinandersetzung mit seiner Frau betrogen. Halb ärgerlich sagt er: „Dann hast du also darüber mit ihm lange Reden gehalten?”
„Lange Reden gehalten? Er kam zu seiner Tür heraus und sagte es mir. Er ist ganz verstört.”
„Das geschieht ihm gerade recht.”
„Ach, du glaubst doch wohl nicht, daß der Mattis der Vater sei?”
„Na, das weißt du wohl?”
Sie stritten sich darüber, bekamen ernstlich Streit. Wenn Mattis nicht der Vater war, dann wußte Oliver noch weniger, wie er es aufnehmen sollte. Aber jedenfalls war es Samstagabend und spät, Oliver war hungrig und ungnädig, er wollte so rasch wie möglich heim. Als er endlich zu essen bekommen und überdies viel bekommen hatte, lag das Leben wieder heller vor ihm, er lachte und fragte Petra genauer über Mattis aus, was er gesagt und wie er es aufgenommen habe.
Petra erzählte. Sie war sehr zufrieden, daß das Gewitter vorübergezogen war, nun war auch sie wieder in guter Laune, o nein, das fehlte nicht, sie machte Mattis nach und machte sich über ihn lustig: Mattis habe sofort verlangt, daß Maren aus dem Hause solle, ehe sie sich legen müsse, aber Maren habe eine spätere Zeit angegeben und ihn tüchtig angelogen, o, es sei noch lange bis dahin. Dann hört er in der Nacht plötzlich ein Kind schreien, Mattis fährt aus dem Bett und läuft nach der Hebamme, läuft auch zum Doktor. Der Doktor sagt ungläubig: „Maren Salt, ist sie nicht vierzig bis fünfzig Jahre alt? Das ist doch wohl nicht möglich?” -- Mattis hatte geantwortet: „Glauben Sie vielleicht dann, ich hätt' ein Kind bekommen?” -- „Bist du sicher, daß ein Kind da ist?” fragt der Doktor. -- „Es schreit jedenfalls, es liegt drinnen. Kommen Sie und sehen Sie selbst nach!”
Petra lacht, und Oliver lacht, und die Großmutter lacht, selbst die beiden kleinen Mädel merken gut, wie lächerlich der Schreiner Mattis sich benommen hat, und können nicht ernst bleiben.
„Ihr hättet den Mattis sehen sollen,” sagt Petra. „Da stand er, trat von einem Fuß auf den andern und schnaubte mit der Nase, er war ganz verzweifelt, weil er die alte Person nicht bei Zeit aus dem Hause hinausgebracht hatte. ‚Es heißt, sie sei zwischen vierzig und fünfzig, aber sie ist wenigstens sechzig,’ rief er, ‚und ist das menschlich? Hingehen und mit den Nüstern wedeln genau wie mit Kaninchenohren, wenn sie schon in einem Alter ist, wo man zu Asche wird.’”
Dann war Petra verschmitzt gewesen und hatte gesagt: „Ja, du wirst am besten tun, wenn du sie nimmst, Mattis.” -- „Sie nehmen!” schrie er. „Ich? Warum sollte ich sie denn nehmen? Beim Satan werde ich! Und wenn je der Tag kommt, wo ich mich verändere, dann, das weißt du, ist es sicher nicht mit so einer Dirne! Das ist todsicher.”
Das ganze Haus lachte.
Aber wie um wieder etwas Würde zu zeigen, faßt sich Oliver und sagt: „Aber war nun all das etwas, um mit einem fremden Mannsbild zu schwatzen und dazu mitten auf der Straße?”
Doch Petra ist jetzt sicher. „Nein, ich hätt' zu ihm hineingehen können, aber das wollt' ich nicht.”
„Das hättest du nur probieren sollen!”
„Warum nicht? Er ist so gut und einfältig, es gibt keinen bessern Menschen als Mattis. Das weiß ich gewiß, wer mit dem Mattis verheiratet wäre, der könnte ein Kind nach dem andern ohne ihn bekommen; er würde gar nichts davon verstehen.”
„Das würde dir gefallen ... Geht zu Bett, Kinder!” schreit Oliver plötzlich die zwei kleinen Mädchen an, die sofort verschwinden. Selbst die Großmutter verläßt die Stube. „Ja, das würde dir gefallen,” wiederholt Oliver.
„Mir?” versetzt Petra. „Ist es der Mühe wert, mich zu nennen?”
„Du denkst wohl, du habest zu wenig Vergnügen, du darfst dich am Hafen nicht weit genug herumtreiben?”
„Ich?” fragt Petra lachend. „Hehehe!” lacht sie. „Nein, ich hab' einen Mann, der auf mich aufpaßt. Das weiß ich ganz gewiß.”
Oliver sieht sie mißtraurisch an, ob sie vielleicht ihren Spaß mit ihm treibt, er setzt eine düstere Miene auf.
Aber Petra wickelt ihn um den Finger: „Übrigens,” sagt sie einschmeichelnd, „übrigens solltest du menschlich sein und mich etwas mehr dahin gehen lassen, wohin ich gerne wollte. Ja, das solltest du, Oliver. Denn du weißt, ich tu' nichts Böses, ich seh' mich nur um, seh' mich nur um, gucke in die Fenster und schlendere umher.”
„Es paßt sich nicht für eine verheiratete Frau, die zu den besseren Leuten gehören sollte,” erwiderte Oliver. „Wo wolltest du denn hingehen, auf den Tanzboden? Das will ich gern glauben.”
„Und wenn ich auf den Tanzboden ginge? Wenn ich nur einen Augenblick zusehen würde?”
„Ja, und wenn du die kleinen Mädel mitnähmst,” spottete Oliver. „Aber so lange ich Oliver Andersen heiße und so lange ich meine jetzige Stelle habe, wird das nicht geschehen. Da hast du meine Antwort.”
„Neinnein,” erwidert Petra nachgiebig. „Du hast hier zu befehlen, und wenn du nein sagst, dann ist es nein.”
„Ja, das ist es,” entgegnet Oliver selbstbewußt.
„Aber ich darf doch wohl einmal hingehen und nach Maren Salt sehen?”
Oliver fährt auf. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du begreifen würdest, daß du nicht zu solchen Menschen gehen kannst, hörst du, und daß du nicht in dieses Haus gehen kannst. Denn wenn ein Mann Vorsteher geworden ist, dann kannst auch du nicht überall hingehen, sondern sollst dich nach deinem Stand benehmen. Ich leid' es nicht, und du mußt dir einfach klar machen, daß ich es nicht haben will.”
„Neinnein,” seufzt Petra, und sie läßt ihn das letzte Wort haben.
Aber Oliver fühlte sich eigentlich geschmeichelt, daß seine Frau ihn um etwas weiteren Spielraum bat, ja, das war er. Denn nicht alle Frauen baten darum, sondern viele machten schlechte Streiche, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
18
Das eine Ereignis löst das andere ab. Frau Konsul Johnsen geht eines Tages mit ihrer Tochter auf der Straße; sie sind beide zufrieden mit sich selbst und mit andern, dann erblicken sie in einer Querstraße den Maler, der Frau Johnsen gemalt hat, den Hardesvogtsohn, sie sehen ihn mit einer von Konsul Olsens Töchtern am Arm. Frau Johnsen ist dick und schwerfällig, sie hätte sich am liebsten auf der Stelle niedergesetzt. Aber Fia sagt nur: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.”
Das ist etwas vom Härtesten, was Frau Johnsen erlebt hat, wäre es wenigstens der andere Maler gewesen, der Tünchersohn. Doch so oder so, keiner von ihnen würde ihre Fia bekommen haben, das fehlte gerade noch! Aber ging man wirklich hin und tat so etwas -- gerade vor Fia, vor ihrer Nase! Was sagte sie dazu? Sie nahm es ganz ruhig und äußerte: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.” Wie war denn nur die Fia angelegt und beschaffen, war sie directement kalt? Jetzt fehlte nichts mehr, als daß der andere verhungerte Bursche, der Tünchersohn, daherkam und Fia anflehte; o, dann würde aber Frau Johnsen die Tür weit aufmachen, jawohl, sperrangelweit!
Ach, war das eine Welt, in der man lebte!
Konsul Johnsen nahm es viel weniger tief, es machte ihm fast gar keinen Eindruck, er sagte ungefähr wie Fräulein Fia: „Na, haben sie sich verlobt? Aber störe mich nicht!” Darauf wendete er sich wieder seiner Zeitung zu und las weiter.
„Bedenke, die jungen Burschen, für die wir alles Mögliche getan haben!” sagt Frau Johnsen.
„Jawohl. Aber stör' mich nicht, hörst du?”
Der Konsul hatte an anderes zu denken. Da hatte nun der Rechtsanwalt und Abgeordnete Fredriksen die Regierung darüber interpelliert, was sie in bezug auf die verschiedenen Klagen von den Mannschaften an Bord unserer Schiffe zu tun gedenke. Er nannte zwar den Vorgang auf dem Dampfschiff Fia nicht ausdrücklich, verbarg aber doch nicht, daß sogar in seiner kleinen Stadt das Gerücht von ausgesprochener Unzufriedenheit mit den Reedern herrschte. Diese Verhältnisse müßten untersucht werden.
Wie ein Sturm fiel das über Konsul Johnsen her. Dieser Prokurator, dieser unrasierte Emporkömmling hatte Wein und Wohlwollen in seinem Hause genossen, und nun bezahlte er mit diesem Überfall! Man mußte wirklich viel ertragen, wenn man Doppelkonsul und ein großer Mann war!
Hätte Konsul Johnsen gewußt, was vorausgegangen war, dann würde er sich nicht so sehr verwundert haben; für diesen schlechten Streich des Abgeordneten konnte er sich bei seiner Tochter bedanken. Seht, da ging nun die junge Dame, Fräulein Fia, höchst bieder und freundlich und unschuldig dahin, aber ihretwegen gab es eine Interpellation im Landtag. So konnte es gehen. Es gehörte jetzt weniger als vorher dazu, um Herrn Fredriksen zu kränken.
Er war ja über ihre stehenden Fußes gegebene Abweisung seines Antrags etwas verwundert. Da hatte er nun endlich seine Wahl in den Landtag durchgesetzt, jetzt war er also nicht mehr bloß Rechtsanwalt; aber das schien keinen Eindruck auf sie zu machen, nicht einmal um Bedenkzeit hatte sie gebeten. „Nein,” sagte sie lächelnd und schüttelte den Kopf dabei.
Dies hatte er natürlich gut aufgenommen und gefragt: „Geben Sie mir gar keine Hoffnung, Fräulein Fia?”
Nein, es tue ihr leid.
Und er hatte es auch noch weiter gut aufgenommen und wie ein feiner Mann gefragt: „Dann sind Sie nicht mehr frei, Fräulein Fia?”
Doch, das sei sie.
„Na,” sagte er und schwieg.
Er verstand sie nicht, verstand das ganze Mädchen nicht, er dachte wohl, sie stehe sich selbst im Lichte. Er zog sich zurück.
In dieser seltenen Lage weiß sich die Komtesse nicht recht zu helfen, sie läßt sich verleiten, mehr zu sagen, Dummheiten, Beleidigungen. Sie tat es wohl, um nett zu sein, um die harte Entscheidung etwas zu mildern, aber sie sagte, sie stamme aus einem guten Heim und könne sich nicht denken, es zu verlassen.
„Sie könnten ja wieder ein gutes Heim bekommen!”
Es würde wohl nicht dasselbe sein. Alles fessle sie an ihre Heimat, sie habe gebildeten Umgang, sei umgeben von Vornehmheit, illustrierten Blättern, alter Kultur --
Der Rechtsanwalt sah sie an. Darauf nahm er es nicht mehr gut auf, sondern fing an zu lachen. Sie ließ ihn lachen, sie wurde gar nicht verlegen. Als er wieder ernst wurde, sagte er: „Aber liebes Fräulein Fia, was Sie da aufzählen, könnten Sie ja alles wiederbekommen. Nicht wahr?”
„Wo?” fragte sie.
„Na” -- hier konnte er nicht vorbeikommen. Der Rechtsanwalt schwieg wieder, schwieg endgültig.
Eine Zeitlang war er dann selten auf den Straßen zu sehen, er ließ sich mit niemand in ein Gespräch ein, war verschlossen, saß daheim und grübelte, was es nun auch sein mochte, worüber er nachgrübelte, ob vielleicht über die prächtige Mitgift, um die er nun gekommen war. Das hätte es mit gutem Grund sein können.
Auch im Landtag war er in den ersten Wochen ein zurückhaltender Mann, er stimmte jedesmal richtig ab und tat nichts Verkehrtes, aber er war schweigsam. Bis er in der Matrosensache das Blatt vom Munde nahm und da endlich offenbarte, welche Glut in seinem Innern brannte.
O, er sprach ausgezeichnet und rührte den Landtag, rührte Land und Volk, seine Teilnahme an den Unterdrückten war sehr groß, seine Gesinnung sehr human: Es wurde hervorgehoben, daß diese Sache zwei Seiten habe, jawohl, das sei es gerade. Und nun schade es nichts, wenn die vornehmen Reeder, wenn sie von dem gebildeten Umgang und der vorgeblichen Kultur weg auch einmal nach der andern Seite sähen. Die Schiffe könnten reine Abenteuerfahrten machen und Geld scheffelweise einnehmen, während die Mannschaften mit derselben Kost und Verpflegung verkämen, die sie von alter Zeit her hatten, wo die Menschen noch abgehärteter waren als jetzt. Und ob es eine gefahrlose Arbeit sei, in der sie stünden, ob das etwa ein Spiel sei? Die Regierung solle sich einmal an Bord unserer Kauffahrteischiffe begeben und nachsehen, in welchem Zustande die Mannschaften manchmal heimkämen; die, so nicht abgerackert seien, kämen auf einem Bein dahergehinkt oder hätten nur einen Arm, der Dienst habe sie verstümmelt. In einem solchen Zustand kehrten sie zurück zu den Ihrigen, der Redner kenne Beispiele von seiner eigenen Stadt. Aber wenn es sich darum handle, die ärmlichen Verhältnisse dieser Menschen zu verbessern, da stoße man bei ihren großen Herren auf Widerstand. Wie, wenn nun humane Rücksichten, wenn Recht und Gerechtigkeit ans Ruder kämen? „Und kann nicht die Regierung in diesen miserablen Verhältnissen Wandel schaffen, dann kann der Landtag die Änderung erzwingen -- wenn er will.”
Ein Konservativer, ein Schatten der Vorzeit, sprach natürlich gegen die Rede, er wendete sich gegen die Übertreibungen; leider komme es ja vor, daß einmal ein Matrose verunglücke, aber es gebe fast keine Arbeit, die ganz gefahrlos sei; er sei in seiner Jugend selbst Matrose gewesen, das müßten ja alle jungen Burschen in seiner Stadt sein, er habe aber keine trüben Erinnerungen an die Kost und an die Verpflegung, die er gehabt habe.
Greisengerede, altes Geschwätz! Rechtsanwalt Fredriksen hörte wohl gar nicht auf ihn. Und er hörte wohl auch kaum auf den Staatsrat, der nachher redete. Dieser Mann wußte nichts Bestimmtes zu sagen, er schwebte über den Wassern, er werde seine Aufmerksamkeit auf diese Verhältnisse richten.
Das sei ja schon etwas! sagte Herr Fredriksen, und er wolle insofern dem Herrn Staatsrat für das Entgegenkommen danken. Mit diesem kühlen Vermerk schien er sich wieder gesetzt zu haben, er wollte vielleicht auch zu verstehen geben, wie wenig ihm das imponiert habe.
Das Referat berichtete:
Der Präsident wirft einen Blick auf die große Uhr und nimmt fälschlicherweise an, daß diese Sache nun erledigt sei. Der Vertreter von Telemarken erhebt sich, der Dauerredner, er widersetzt sich der Verabschiedung und sagt, jetzt wolle auch er das Wort dazu ergreifen.
„Ja, dann mache ich mir keine Hoffnung, daß wir bald fertig werden!” sagt der Konservative mit einem Lächeln.
Das traf. Aber es schien die Mehrzahl nur aufzureizen. Sollte der Vertreter vom Gebirge den Rechtsanwalt aus der Küstenstadt, einen neuen Mann, der in der Sache der unterdrückten Matrosen so ganz genau auf der rechten Seite stehe, nicht unterstützen dürfen?
Und am Nachmittag siegte denn auch Rechtsanwalt Fredriksen gründlich und bekam seine Untersuchungskommission bewilligt. Das konnte man einen vielversprechenden Anfang nennen, sein Wahlkreis legte Ehre mit ihm ein.
Konsul Johnsen liest die Zeitung, wirft sie hin und nimmt sie wieder auf. Seit lange ist er nicht so aufgeregt gewesen.
Schließlich gibt er die Zeitung Berntsen hinaus und sagt: „Lesen Sie das Geschwätz!” Er war sehr empört. Hier thronte er in seiner Stadt und half freigebig nach rechts und links, nahm Krüppel in seine Dienste, zahlte für ihre Kinder auf höheren Schulen, übte Barmherzigkeit, tat Gutes -- was hatte er davon? Überfälle! Wenn nur Scheldrup daheim gewesen wäre, um die Verteidigung zu übernehmen, C. A. Johnsen war müde, dieser Kampf ums Leben mußte ja jeden Tag neu aufgenommen werden, er konnte nicht mehr.
Hätte er jetzt wenigstens einen einzigen Ort gehabt, wohin er sich wenden könnte! An den Postmeister wieder? Ja, wenn er durchaus wünscht, von religiösem Geschwätz übermannt zu werden! Nein, da macht er lieber einen Spaziergang in seinen Garten, bleibt eine Stunde weg, kehrt dann in sein Kontor zurück und geht mit frischen Kräften wieder an seine Arbeit. Wer weiß, es war vielleicht ein scharfsichtiger Einfall, eine Hilfe in der Not, eine plötzliche Eingebung, vielleicht kam sie vom Himmel, das konnte gut sein!
Und der Konsul holte sich wirklich etwas Beruhigung in seinem Garten; da saß seine Tochter in aller Unschuld, sie malte spanischen Flieder und plauderte mit ihm, es war ein Vergnügen ihr zuzusehen, wie ihr die Blüten so gut gelangen, ganz täuschend ähnlich, und es wirkte wohltuend auf den Vater, daß sie so zufrieden mit ihrem Dasein war.
„Da sitzt du und bist fleißig, Fia?”
„Ja. Dies ist für die große Ausstellung. Meinst du nicht, ich könne stolz auf dieses Bild sein, Papa?”
„Jawohl.”
„Das meine ich auch. Und doch ist es eben erst angefangen.”
O, Fräulein Fia war ein merkwürdiges Wesen, sie lebte ihr Leben mit großartigem Vorbehalt, laßt sie nur sein, wie sie ist, sie selbst hält es für das richtige! Das sind wohl ihre glücklichsten Stunden, wenn sie in der Nationalgalerie sitzt, Bilder kopiert und diese ähnlich werden. Wenn jemand sich für ihre Malerei interessieren und ein wenig darüber in den Zeitungen bringen würde, dann hätte sie nicht den Wunsch, noch glücklicher zu werden, als sie ist. Sie war gut veranlagt, ohne Bitterkeit, war voller Wohlwollen, ihr Ehrgeiz verursachte ihr keine Qualen.
Ja, ein merkwürdiges Wesen, es fehlt ihr wohl dies und jenes, aber die Mängel schienen nur zu ihrem eigenen vorteilhaften Besten zu sein. Hatte sie ein Schuldgefühl? Es sah nicht danach aus. Sie war in ruhiger Weise mit sich selbst zufrieden, tat nichts Böses, bereute nichts, kannte keine Traurigkeit. Was sollte sie anders wünschen? Sie malte und machte Reisen, weiter nichts, in den Städten hatte sie gute Freunde, sie hat vielerlei erlebt, aber nicht viel. Viele fanden, sie sei in Gelehrsamkeit und Unnatur erstickt. „Hör' einmal,” konnten sie sagen, „ist dir das Maßhalten angeboren, Kind? Aber es gibt erlaubte und zulässige Freiheiten, Komtesse, du kannst dich also ruhig verlieben, Mädchen!” -- „Aber warum denn?” konnte sie erwidern.
Was sollte sie anders wünschen? Hätten nicht diese so viele im Streben nach der Malerei weggeworfenen Jahre auf andere Weise angewendet werden können? Warum denn? Es waren geliebte Jahre, war eine poetische Mission, ein Beruf, diese Jahre bewahrte sie gut auf, wie man Erbsilber aufbewahrt. Sie strebte, kam aber nicht vorwärts, o nein, aber sie blieb dabei, es war eine Art Trotz. Ein Aufhören, ein Umkehren auf dem Wege schien ihr unmöglich, sie brauchte keine Erlösung von ihrer fixen Idee, für diese war sie angelegt. Nein, sie hatte kein Schuldgefühl und empfand keine Traurigkeit.
Und wie nun ihr alternder Vater da neben ihr sitzt, ihr zuhört und sich in ihrer Freundlichkeit und ihrem Behagen sonnt, dann denkt er vielleicht: „Gott weiß, ob nicht die Fia die klügste von uns allen ist! Sie ist vom Schicksal ganz unverfolgt und ungestraft, während wir andern uns in ewigem Kampfe abmühen!”
„Im Landtag sind sie hinter uns Schiffsreedern hergewesen,” sagt er. „Sie berichten, wir ließen unsere Matrosen verhungern und sich zu Krüppeln schlagen.”
Sie fährt nicht auf, sondern nimmt es gelassen hin, läßt nur den Pinsel sinken und sagt: „Wirklich?”
„Ja, das versteht sich! So erscheint es also den Außenstehenden.”
„Tut es dir weh?”