Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 16

Chapter 163,835 wordsPublic domain

Als er in die Nähe des Abhangs kommt, hört er lautes Rufen und Geschrei von anderen Jungen, die schon vor ihm dort sind; da geht er nicht weiter. Nein, denn das sind natürlich noch Kinder, achtjährige, und die sind so dumm. Verständige Leute schreien nicht auf der Kreuzotterjagd, sondern halten den Atem an und treten so sachte auf wie auf Rosenblätter.

Was jetzt? Jenseits des Hügels weiß er einen Platz, wo ein gutes Echo ist, dorthin lenkt er seine Schritte; ein Junge ist er eben doch noch.

Hier ist es still und abgelegen und keine Menschenseele weit und breit. Er ruft -- ja, das Echo ist da. Aber eigentlich ist er mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt, als ein Echo zu probieren, er wirft sich ins Heidekraut und lebt in Gedanken den Vorgang bei einem gewissen Fenster noch einmal durch. Na, was hatte er im großen und ganzen mit diesem Einfall erreicht? Das Messer mit der neusilbernen Scheide hing auf der richtigen Seite und glänzte sehr schön, aber hatte sie es auch gesehen? Und außerdem hätte die Gestalt hinter den Scheiben gut eine von ihren Schwestern und nicht sie selbst sein können. Nichts war entschieden.

Abel bleibt lange liegen und erlebt das Vorkommnis wieder und wieder; er überlegt alle Möglichkeiten, bisweilen droht sein Herz auszusetzen, so heftig klopft es vor lauter Glück, bald kriecht er zusammen vor Entzücken, bisweilen ist er hoffnungslos, und dann richtet er sich trotzig auf mit einem lauten: „Na, Glück auf die Reise!”

„Reise!” äfft das Echo nach.

Er ruft: „Jawohl, Glück auf die Reise!”

„Auf die Reise!” erwidert das Echo.

Er ruft deutlicher und lauter, er buchstabiert es dem Echo vor und bringt es dazu, jedes einzelne Wort zu sagen. Das beschäftigt ihn eine Weile; aber ins Endlose kann er sich ja nicht mit diesem Papagei in den Bergen unterhalten, dagegen versinkt er in Gedanken über das Echo selbst, dieser Sprache ohne Mund, diesem Laut ohne Stimmwerk, dieser Bauchrednerei aus einem Scheinbauch, der sich vielleicht jenseits der Grenzen des Lebens befindet. Abel hat sich daran gewöhnt, das, was ihm selbst begegnet, sowie auch das, was ihm auf seinem Wege begegnet, einer notdürftigen Untersuchung zu unterwerfen; niemand hat es ihn gelehrt, niemand seine Überlegung dazu entwickelt, nur er selbst. O, er verbrachte wahrlich manche behagliche Stunde in seiner eigenen Gesellschaft! Früher wandte er sich wohl an seinen Vater und fragte ihn nach den erstaunlichsten Dingen, und Oliver war nicht der Mann, der einer Untersuchung solcher Fragen aus dem Wege ging, denn er war ja weit in der Welt herumgekommen. Aber in der letzten Zeit, und besonders, seit seine unglückliche Neigung zu Klein-Lydia übermächtig in Abel geworden war, suchte er lieber die Einsamkeit auf und schlug sich mit den Fragen allein herum. Der Schmied Carlsen hatte auch auf ihn eingewirkt, des alten Mannes weise Einfalt und Milde tat ihm gut, und seine Fröhlichkeit ermunterte ihn.

„Bumm!” ruft Abel wie ein Schuß.

„Bumm!” antwortet das Echo.

Eine ganz kurze, dröhnende Antwort, es klang wie ein ferner Knall. Es ist merkwürdig, Abel plagt sich ordentlich mit der Aufgabe, ja, sie dreht sich tüchtig mit ihm im Kreise herum; das soll der Kuckuck verstehen! Abel ist von Rätseln und unbegreiflichen Vorgängen umgeben; da ist er ausgegangen, Kreuzottern aufzuspüren, und ganz richtig, dann hört er zum Beispiel ein Echo. Auch dieses Zurücktönen ist unbegreiflich und geheimnisvoll, auch darüber könnte er bis zum Abend nachgrübeln. O, er kann grübeln! Das ist nicht eine Art Eßlust oder ein Negersport oder ein Versuch, Geld zu verdienen, Gott bewahre! Aber was es nun auch sein mag, Klein-Lydia versteht jedenfalls nichts davon, sie sitzt jetzt wohl daheim und schaut durchs Fenster hinaus, aber sie sollte nur wissen, wie dumm sie ist! Er sieht große Ebenen mit Vieh darauf, sieht Berge, Wälder, Meere, Unendlichkeiten, Jahrhunderte. --

Hat er geschlafen?

Er richtet sich auf, räuspert sich, gähnt, schlägt mit den Armen um sich und reckt sich. In demselben Augenblick hängt etwas baumelnd zu seinem Jackenärmel heraus, ein dunkles Tauende mit einem aufgesperrten Maul, ein langes Tier, das sich blitzschnell ins Heidekraut hineinschlängelt. Ho -- hier schreit man nicht und rafft die Kleider zusammen vor Mäusen, man ist in einer Sekunde auf den Beinen und hinter dem Ausreißer her, findet ihn, tritt ihn nieder, zerschmettert ihm den Kopf. Getan!

O, aber wer hat es gesehen? Der Himmel und die Erde, niemand. Die Tat ist umsonst getan.

Er hebt das Tier am Schwanz auf und nimmt es mit, er will es unterwegs einem Ameisenhaufen zum Geschenk machen. Es ist ein prachtvolles Exemplar, gestreift, auf dem Rücken gekreuzt, eine Schönheit, o, so ekelhaft! Er findet keinen Ameisenhaufen, und so schleift er das tote Biest weiter mit, es begegnen ihm auch keine Menschen, nicht einmal ein Kind.

Allmählich wird es Abel langweilig, es ist doch weit bis ins Städtchen. Plötzlich fühlt er einen Stich in der Hand, in der rechten Hand, die die Schlange trägt, und als er nachsieht, ist die Hand dunkel und geschwollen, er ist also vorhin doch gebissen worden. Und da war man wieder kein Jüngferchen, das aufschreit und in Tränen ausbricht; obgleich kein Mensch zusieht, führt man sich doch wie der Mann von Eisen auf, der man ist. Abel läßt die tote Schlange los, sucht nach der Wunde und fängt an sie auszusaugen. Er kann das, er hat es früher auch schon getan. Merkwürdig, daß er den Schlangenbiß selbst nicht gefühlt hat, jetzt hat er das Gift schon mehrere Minuten im Körper, und da wird es immer schwieriger, es durch Aussaugen allein herauszuholen. Als er weitergeht, nimmt er die tote Schlange mit.

Die Stiche in seiner Hand verstärken sich, na, dies ist jedenfalls ein Sonntag ohne Einförmigkeit. Ab und zu betrachtet er seine Hand, die nicht weißer werden will, betrachtet die Wunde -- ein lächerlich kleiner Biß, kaum der Mühe wert. Aber allmählich, während er so dahinwandert und die Hand nicht besser wird, sieht er sie ungeduldig noch einmal an, gründlich, wie um zu untersuchen, ob es wirklich eine Wunde ist, und zwar seine Wunde. O ja, ein Irrtum ist ausgeschlossen, und es ist ihm nicht unwillkommen, daß eine kleine Strecke vor ihm ein Mensch sichtbar wird. Abel saugt im Weitergehen an der Wunde.

Er legt die Hand mit der Schlange auf den Rücken, um den Menschen nicht zu erschrecken. Der Schmied Carlsen sitzt da am Rain. Hierher ist er also gegangen, da sitzt er einsam auf einem Stein, die Hände um seine erloschene Pfeife gefaltet.

„Bist du wieder da, Abel?” sagt er. „Ich sitze hier ganz müßig, betrachte die Berge und Täler und muß mich verwundern, baß verwundern. Siehst du den Berggipfel dort, die Felsenkuppe? Hehe, ein gewaltiger Kerl, sieh nur alle die Steine, mit denen er sich behängt hat! O wie schön ist die Welt! Willst du nach Hause gehen?”

„Ja, nach Hause,” sagt Abel und nickt. Aber da habe er ja die Schlange, und er sei auch ein wenig gebissen worden --

Der Schmied springt auf, alt, verwirrt, zitternd.

„Neinneinnein --”

„O, es ist nicht gefährlich,” erklärt Abel.

Aber wie dieses Mitgefühl wohltut, älter ist man nicht, wenn man noch ein Junge ist; diese Verwirrung und dieses Entsetzen bei einem andern Menschen zum Vorteil für einen selbst ist geradezu köstlich, das Herz schwillt einem dabei, und man lacht, um sich als Mann zu zeigen, man sagt, ach was, es sei doch gar nichts, der Meister solle nur so gut sein und ihm das Handgelenk zuschnüren, etwas weiter oben, so, ja --

Sie gehen heimwärts. „Ich hab' noch keinen so kaltblütigen, standhaften Menschen gesehen wie dich,” sagte der Schmied. „Und tut es nicht weh?”

„Nein, keine Spur, nur ganz wenig.”

Abel macht einen Umweg, um einen Ameisenhaufen zu suchen, den er von seinen Streifereien her kennt; der Schmied schüttelt zwar den Kopf, geht aber mit. Von dem Ameisenhaufen begleitet er ihn nach Hause, der Alte ist wahrlich etwas stolz auf den Jungen, er zeigt ihn dem und jenem, der ihnen begegnet, und erregt großes Entsetzen.

Sie gelangen in die Stadt, und der Fischer Jörgen steht unter seiner Tür. „Da, sieh mal dem Jungen seine Hand!” sagt der Schmied eifrig. Aber Abel, von all der Ehre stolz geworden, hält vor dieser Tür nicht an, gerade vor dieser Tür nicht, er lächelt nur und geht vorbei. Und der Schmied ruft ihm nach, ihn zur Eile antreibend: „Ja, geh nur rasch! Und geradeswegs zum Doktor! Sofort!”

Abel ist eigentlich in kalten Schweiß gebadet und fühlt sich sehr elend, aber er ist überglücklich. Seht, nun bleiben die Menschen beieinander stehen und erzählen sich von ihm; gewisse Leute sollen nur erfahren, wie sich ein Mann von Eisen bei einem Schlangenbiß benimmt!

„Hab' ich nicht deinem Vater durch dich eine Aufforderung, hierherzukommen, geschickt?” fragt der Doktor.

„Ich weiß nicht.”

„Sag ihm, er soll sofort kommen! Sonst wird er geholt. Sag ihm das! Laß mich deine Hand sehen! Pfui, wie sieht sie aus!”

Der Doktor versteht sich auf seine Kunst; jeden Sommer hat er Kreuzotternbisse zu heilen, und noch nie ist jemand daran gestorben. „Aber dies ist ein besonders schlimmer Fall,” sagt er jedesmal; das macht den Kranken sehr stolz, er kann jedermann erzählen, daß er am Rande des Grabes gewesen sei. Hier jedoch sagt der Doktor mehrere Male, es sei ein sehr gefährlicher Fall.

17

Nein, Oliver ist nicht der Mann, der gleich läuft, wenn ein Doktor ruft, er ist eine wichtigere Persönlichkeit. Seine Stellung als Lagerhausvorsteher stellt ihn in die Klasse der besseren Leute, auf die gleiche Stufe mit den Ladenangestellten von Johnsens am Landungsplatz, ja, mit dem Geschäftsführer Berntsen. Und Oliver ist sogar noch eine Spur vornehmer, er läuft nicht für die Kunden auf den Bodenraum und in den Keller, sondern er ist ortfest, und das ist gerade eine passende Stellung für einen Mann wie Oliver.

Er hat sein richtiges Fach gefunden, o, es ist ausgezeichnet, so einem Lagerhaus vorzustehen, beim Kommen und Gehen von den Leuten gegrüßt zu werden, Kost und Kleidung zu verdienen, Zeit zu haben, sich im Spiegel zu beschauen und hübsch auszusehen. Daneben kann er seine persönlichen Liebhabereien pflegen, Sonntags fährt er regelmäßig zwischen die Scheren hinaus, er schaut sich um und träumt und sehnt sich, Gott mag wissen, wonach, vielleicht nach einem besseren Leben, einem neuen Jerusalem, und er kehrt von diesen Ausflügen mit dem und jenem heim, was er gefunden hat: einen Relingbalken, einige unerlaubte Möweneier oder das kostbarste und unerlaubteste von allem, eine Hand voll Eiderdaunen. Nie ist er dabei ergriffen worden, niemand kleidet einen Krüppel bis auf die Haut aus, um eine Tüte Eiderdaunen auf seinem bloßen Körper zu suchen. Und Oliver hat nun im Laufe der Jahre wahrlich viel Eiderdaunen gesammelt, die Frage ist nur, wie er sie absetzen soll. Aber selbst wenn er sie nie in Geld umsetzen kann, will er doch weiter sammeln, diese Art Ware kann er nicht sehen, ohne sie besitzen zu wollen.

Daheim geht es auch besser, die Jahre müssen seine Frau zahmer gemacht haben, sie hat mehr Geschmack am häuslichen Leben und Kaffeetrinken bekommen, und den Kaffee können sie ja verhältnismäßig billig haben; jetzt braucht Oliver nicht mehr so oft mit dem Fischmesser im Ärmel hinter ihr herzuschleichen. Sie war zwar noch oft unverträglich, jawohl, das war sie, sie schnaubte noch oft höhnisch mit den leichtbeweglichen Nasenflügeln und witterte gleichsam in der Luft. Petra hatte es nie gut genug und hatte auch nie genug, sie war ein unglückliches Geschöpf, ungenügsam von Geburt an, habgierig von Geburt, im Unterschied von Oliver, der sich an dem weniger Guten genügen ließ, ja, sich sogar an ihr genügen ließ. Darüber konnte kein Zweifel herrschen, Petra war in ihrer Art ein Teufelsweib. O, aber solange sie nicht ausschweifend war -- und sie war ja nie ausschweifend, sie übertrieb es nicht, die Unbeteiligten mochten sie anstarren, sie hatte nur einmal ein blauäugiges Kind bekommen. Alles in allem konnte Oliver zufrieden sein, sie war jeden Tag für ihn da, er wärmte sich bei ihr, aß seine Mahlzeiten an ihrer Seite und lag in ihrem Bett, ihr Atem ging im Schlaf über ihn hin. Seht, das war gar nicht so wenig! Und jedenfalls war sie seine Frau und nicht die eines andern, so weit man es wußte.

Ist sie nicht hübsch? Gewiß, gut gebaut, von anziehendem Wesen, von üppiger Fülle, mit etwas Schwelgerischem -- sonst hätte er sie gar nicht genommen, wohlgemerkt! Aber sie ist nicht gegen alle Winde gefeit; wäre nur der Schreiner Mattis fort und aus dem Wege, dann hätte Oliver ruhig sein können! Gegen alle Winde, sie? Petra, die sogar dem Scheldrup Johnsen eine Ohrfeige geben konnte! Als ob sie jeden einladen und sagen würde: „Komm, wir wollen ein wenig üppig sein und lasterhaft und ausschweifend!” Nein, nein, keine Spur! Sie war eher wie ein Altarbild; ach du lieber Gott, am Sonntag trug sie ein goldenes Kreuz, das sie sich erhandelt hatte, an einem Samtband um den Hals. Und niemand wäre etwas so Unsinniges eingefallen, daß sie leichten Kaufes zu haben wäre. O keine Spur!

Petra war in ihrer Art die richtige Frau für ihn, Oliver, sehr oft wünschte er sich gar keine andere. Die braunäugigen Kinder? Allerdings, dieses Mädelchen war ihm ein Strich durch die Rechnung, und mehrere Monate lang hielt es seinen Verdacht in heller Lohe; aber weichlich und weibisch, wie er geworden war, konnte er dem Kinde nicht auf die Dauer widerstehen, das tägliche Leben führte das Mädelchen zu oft in seine nächste Nähe; wenn niemand anders anwesend war, mußte er es wiegen. Und dann wurde sein Verdacht sozusagen geprellt: er hatte eine Pferdenase in dem kleinen Gesichtchen erwartet, aber das Kind wuchs heran und bekam eine außergewöhnlich hübsche Nase. Das mochte der Kuckuck verstehen. In jener Zeit besprach Oliver die Sache mit dem und jenem: daß er plötzlich der Vater eines blauäugigen Kindes geworden sei, während die andern Kinder braune Augen hätten, wie denn das zu verstehen sei? Er bekam ausweichende Antworten, der Fischer Jörgen verwunderte sich überhaupt nicht darüber, o man könne sonderbarere Sachen sehen, und im übrigen sei in der Natur vieles verborgen.

Oliver ist also den Umständen angemessen ein ganz glücklicher Vater. Aus solchen Kindern wurde gewiß etwas. Es gab nicht viele, die es besser hatten, und wenn er alt und von der Arbeit im Lagerhaus abgearbeitet war, würden seine Kinder erwachsen sein und ihm helfen. Von Abel erwartete er vielleicht nicht sehr viel, aber von Frank -- o, Frank ging in die höheren Schulen und wurde gelehrt, und mit der Zeit würde er eine hohe Stelle bekommen. Er war jetzt schon Student und studierte immer weiter.

Und schließlich noch eins: es war gar nicht so ohne, daß Johnsen am Landungsplatz Doppelkonsul war, Oliver rechnete sich das zur Ehre. Es hieß, Grütze-Olsen wolle jetzt auch einen Lagerhausvorsteher halten, nur um groß zu tun, und Martin auf dem Hügel, der alte Fischer, lauere auf die Stellung. O, bitte, nimm sie nur, auch Grütze-Olsen ist Konsul und ein reicher Mann, vielleicht hat man es bei ihm auch gut. Aber ist er zweimal Konsul? Hehe! Martin auf dem Hügel, du erreichst gerade die Hälfte, aber bitte!

So vergehen die Tage, und so vergehen die Jahre, und Oliver lebt so gut er kann und wandert auf seinem Wege dahin, wie wenn er gar nicht ein Krüppel mit nur einem Bein wäre. Nun hat er achtzehn Jahre lang den Menschen gespielt so gut wie irgend sonst jemand, ja besser als sonst irgendeiner.

An einem Samstagabend bürstet Oliver seinen Rock und seine Schuhe und macht sich zum Heimgehen bereit. In der letzten Zeit zeigt er eine wahrhaft rätselhafte Vorsichtigkeit. Warum er das nur tut? Er guckt auf die Straße hinaus, und da er den Doktor erblickt, zieht er sich zurück und wartet. Warum meidet er den Doktor, während alle andern es für eine Ehre halten, wenn sie auf der Straße von ihm angehalten werden?

Der Doktor geht mit dem Postmeister, dem er sonst immer eilig ausweicht, hin und her, sie gehen bis zu Davidsens Kramladen und wieder zurück, mehrere Male, Oliver ist eingesperrt. Lauert der Doktor dem Krüppel geradezu auf? Denn er kann ihn doch wohl nicht persönlich in einem Lagerhaus aufsuchen. Oliver hört Bruchstücke von des Postmeisters Worten, versteht aber keine Silbe; der Doktor versteht wohl alles, aber er scheint nicht aufmerksam zuzuhören, nein, er scheint viel eher den Postmeister als Vorwand zu gebrauchen, um hier lauern zu können. Das ist nicht fein.

Oliver ist also das Merkwürdige begegnet, daß der Doktor zweimal nach ihm geschickt hat, und er versteht vielleicht nicht, was es bedeuten soll. Oder wie? Oliver hat die Neugier und Verschlagenheit eines Frauenzimmers, und er fragt sich, ob diese Aufforderung wohl irgendwie in Verbindung mit Konsul Johnsen stehen könne? Er hat es sich überlegt, in aller Untertänigkeit ein Wort darüber beim Konsul fallen zu lassen: er sei ein geringer, ungelehrter Mann, der Doktor habe ihn aufgefordert, zu ihm zu kommen, was das denn zu bedeuten habe?

Der Konsul weist es sofort mit verwundertem Lachen zurück und sagt: „Was weiß ich davon?” Aber plötzlich wird er nachdenklich und fragt: „Hat er dich auffordern lassen?”

„Ja, zweimal.”

„So. Was will er von dir?”

„Ich weiß es nicht.”

„Kümmere dich nicht darum!”

Danach hat Oliver gehandelt und sich bis jetzt nicht darum gekümmert.

Aber nun geht der Doktor da draußen auf und ab und scheint ihm aufzulauern.

Der Doktor unterhält sich gewiß nicht gut, er wirft nur ab und zu ein Wort ein, hauptsächlich wenn ihnen jemand begegnet, wo er sich wichtig machen will, da richtet er eine richtige Frage an den Postmeister. Wenn Oliver etwas davon verstanden hätte, wäre folgendes Gespräch gewiß nützlich für ihn gewesen.

„Ja, es war wegen der Nachkommenschaft. Sie haben nicht darauf geantwortet.”

„Ich bin wohl nicht ganz verständlich gewesen,” sagt der Postmeister. „Ist es nicht so, daß sich die Eltern, wenn ihre Kinder groß geworden sind, weiter nicht mehr besonders um sie kümmern, sondern wieder mehr um deren Kinder, die Enkel? Dies würde auf einen in den Menschen niedergelegten Keim deuten, auf die endlose Fortsetzung.”

„Andererseits, ist es nicht ein wenig sorglos von diesem in den Menschen niedergelegten Keim, unaufhörlich Kinder gebären zu lassen, zum ärmlichsten Dasein, zu Schande und Untergang? Wenn sie wenigstens alle in guten Heimstätten geboren würden!”

„Ich weiß nicht, ob die Frage so gestellt werden kann,” erwidert der Postmeister. „Es kann ja sein, daß man zu dem Schicksal geboren wird, das man sich in früheren Erdenleben verdient hat. Es gibt etwas, was auch darauf hinweist: manche Kinder werden in den besten Häusern erzogen und mißraten, andere Kinder kommen in verkommenen Heimstätten zur Welt und werden prächtige Menschen, sie erziehen sich selbst. Auch hier in der Stadt ist wohl kein Mangel an solchen Beispielen. Das Leben ist eine Vermengung, ein einziger Wirrwarr von solchen Fällen, unsere Logik reicht nicht hin, sie zu erklären.”

„Doch lassen wir die Logik walten, sonst wird ja alles leeres Geschwätz, entschuldigen Sie! Jetzt eben haben Sie gesagt, daß Kinder aus den besten Familien mißraten können. Ganz richtig. Und zugleich sollen sie sich in früheren Erdenleben ihr Schicksal verdient haben. Dann hätten sie sich doch hinaufgedient und verdient, in besseren Familien geboren zu werden. So meinen Sie es doch wohl?”

„Warum nicht? Es ist ja nicht gesagt, daß eine gute Familie und zeitliches Wohlergehen das beste, daß ein Leben ohne Qualen das beste sei. Sehen wir nach der andern Seite; manche können durch Leiden geradezu aufrecht erhalten und ernährt werden, sie können ihr Glück im Leiden finden.”

Der Doktor konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, es war schwer, hier auf und ab zu gehen und höflich zu sein, seinem eigenen Besten gerade entgegen. Er sah auf seine Uhr, drehte jäh wieder nach Davidsens Haus um und machte ein paar rasende Schritte; aber der Postmeister ging mit. Als sie wieder zurückkamen, hatte das Gespräch eine andere Wendung genommen, der Postmeister hält jetzt eine soziale Rede.

„Natürlich ist es der arbeitende Mittelstand, der das Leben am Aussterben verhindert, ich begreife nicht, wie da jemand widersprechen kann. Es ist nicht nur die Masse, obgleich sie es ist, die sagt: wir Arbeiter! O, die Masse, sie hat die Kunstgriffe gelernt, sie kann ihr Radaublatt lesen und hat den Gedankeninhalt bekommen, den sie braucht. Wir Arbeiter! Ist damit der Bauer, der Fischer gemeint? Nicht wahr, damit ist niemand anders gemeint, als der Industriearbeiter? Er ist der, der so laut schreit. Erinnern Sie sich, Herr Doktor, daß Sie und ich eine Zeit erlebt haben, wo es keine Industriearbeiter bei uns gegeben hat, wo aber jedes Haus seine Industrie hatte? Das Leben war damals nicht so ausgefüllt, daß wir nicht noch Zeit hatten, den Sonntag zu feiern, die Lebensweise war einfacher, die Zufriedenheit größer. Dann bekam die Mechanik die Herrschaft, die Massenproduktion nahm ihren Anfang, der Industriearbeiter erstand -- zum Vorteil und zur Freude von wem? Für den Fabrikanten, für den Arbeitsherrn, für niemand anders. Er wollte mehr Geld verdienen, er und sein Haus wollten größeren irdischen Luxus genießen, er glaubte nicht, daß er sterben müsse --”

„Nein, hören Sie,” sagt der Doktor lächelnd, „setzte er nicht viele Leute in Tätigkeit, schaffte er nicht Brot für hungernde Magen?”

„Brot? Sie meinen Geld zu Brot. Er verschaffte ihnen Fabrikarbeit -- aber der Boden des Landes liegt unbebaut da. Ja, das tat er. Er lockte die Jugend von ihrem natürlichen Platz im Leben weg und nützte ihre Kräfte zu seinem eigenen Vorteil aus. Das tat er. Er stiftete einen vierten Stand in eine Welt hinein, die schon vorher zu viele Stände hatte, eine ganze Klasse Industrieleute, die unnötigsten Arbeiter des Lebens. Und dann sieht man, was für ein menschliches Zerrbild so ein Industriearbeiter wird, wenn er die Kunstgriffe der oberen Klasse gelernt hat: er verläßt das Boot, verläßt den Acker, verläßt Heimat, Eltern, Geschwister, verläßt das Vieh, die Bäume, die Blumen, das Meer, den hohen Gotteshimmel -- dafür bekommt er Tivoli, Vereinshaus, Kneipen, Brot und Zirkus. Dieser guten Dinge wegen wählt er das Proletarierleben. Und dann brüllt er: Wir Arbeiter!”

„Also keinerlei Industrie?”

„Wie? Gab es denn vorher keine Industrie?”

„Aber also keinerlei Fabrikbetrieb?”

„Was soll man darauf sagen? Wir können uns einige wenige Ausnahmen denken.”

„Also doch!”

„Zum Beispiel die Fabrikation von Fensterglas.”

„Hahaha!”

„In heißen Gegenden ist diese Ware unnötig, aber in unserem Klima brauchen wir sie. Das hab' ich gemeint.”

„O, dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, daß wir Menschen unter anderem auch Fensterglas brauchen.”

Der Postmeister war bisweilen recht hilflos, sehr wenig gewandt, er kam dadurch öfters in die Klemme. Bei einer Gelegenheit gebrauchte er die Redensart: „Die Letzten werden die Ersten sein!” Ein junger Rechtsbeflissener, der beim Hardesvogt angestellt war, kam gerade vorüber, und da fragte der Doktor eben boshaft, ja, wie wenn es ihm ein Rätsel wäre: „Aber was in aller Welt sollen dann die Ersten werden?” Der Postmeister antwortete wieder ganz treuherzig: „Die Ersten werden die Letzten sein.”

„Hahaha!” lachte der Doktor wieder. „Ei, zum Henker! Aber sagen Sie mir, Herr Postmeister, wie können Sie nur immer bei allem so glücklich sein?”

Der Postmeister versteht jetzt wohl, daß er zum besten gehalten wird, und er erwidert: „Ich bin es nicht immer und nicht bei allem.” Dann schwieg er.

„Es muß Angewohnheit sein,” sagt der Doktor. „Sie können das Glück nicht entbehren. Wir andern aber von dieser Welt, wir müssen ohne es leben. Natürlich ist es eine Angewohnheit.”