Part 15
Vergebliche Mühe. Da geht nun dieser Mann denselben Weg zurück, den er gekommen war, der Doktor des Städtchens, eine wichtige Persönlichkeit, eine Autorität, da geht er mit enttäuschter Miene wegen einer Kleinigkeit, wegen nichts. Auch er hatte wohl einstmals junge Träume gehabt, hatte viel vom Leben erhofft, hatte sich schon auf den höchsten Zinnen gedacht, damals war seine Haut zart, sein Blut rot gewesen, er war verliebt gewesen, konnte lächeln -- wo war das alles jetzt? Das Leben -- das Leben hatte sich darauf gestürzt und es verzehrt! Er war mehr und mehr in kleinen Ärgernissen und kleinen Interessen aufgegangen, Jahr um Jahr war er runzliger und boshafter geworden; allein mit seiner Frau bei allen Mahlzeiten, in einem leeren Hause, ohne Familie, ohne Kinder, allein mit seiner Gelehrsamkeit und seinem eigenen Mißerfolg, neugierig, klatschsüchtig und kleinlich. Auch er hatte wohl einmal junge Träume gehabt, das war nun lange her, jetzt war er gerupft, was ihm von früher noch geblieben war, war der Jargon seiner Studentenbude, deren Radikalismus, deren Freidenkerei, deren ungewaschene Schlagfertigkeit, aber ohne eine Spur mehr von der Schönheit und Innerlichkeit der Jugend, ja selbst nicht von deren Fehlern. Er war ausgeartet, sein Sinn war verändert, und es war ihm schlimm gegangen, er war niemand mehr. Seht, nun sollte er ordentlich sparen, um die Rechnung bei Johnsen zu bezahlen. Dann wollte er mit einem andern Kaufmann in Verbindung treten und dort anschreiben lassen, vielleicht bei Davidsen, ja gerade bei Davidsen, der ein neugebackener Konsul war und die Kundschaft besserer Leute brauchte. Ein Plan, ein Vorsatz, würdig einer Hausfrau in Verlegenheit!
Er geht und findet seine Frau nicht zu Hause, dann geht er ins Schlafzimmer und findet den Wandschirm ganz. Na, da hatte ihm also das Umwerfen nichts getan, warum hatte er dann gescholten? Eine recht traurige, bittere Enttäuschung überkommt ihn auch hier und zugleich ein so rasender Zorn, daß er den Wandschirm umwirft und darauf herumtrampelt. Nun mag der Schreinerlehrling kommen! Nein, nicht eine einzige Befriedigung hatte er in seinem Leben, nicht eine einzige goldene Freude. In zwanzig Jahren, in zehn Jahren war er tot, und in derselben Stunde war er vergessen.
Er geht wieder aus, das Sprechzimmer soll für sich selbst sorgen. Da kommt ihm natürlich der arme Postmeister entgegen, wie gewöhnlich leise mit sich selbst sprechend, der Doktor bringt es kaum fertig, den Hut zu lüften, und geht an ihm vorüber.
Und nun trifft er Henriksen von der Werft -- seht nun bloß, wie klein die Stadt und wie klein auch die Menschen sind, sie haben so gut Platz hintereinander in derselben Straße, einer sieht dem andern schon von hinten an, was er denkt. Den Henriksen muß der Doktor grüßen, das geht nicht anders, der Witwer erwartet es sicher von ihm, und der Doktor hätte, wenn es anders gegangen wäre, seine Rechnung bei Henriksen erhöhen können. Um die Wahrheit zu sagen, so war es gerade dieses Honorar, das den größten Teil der Rechnung bei Johnsen hätte decken sollen. Aber jetzt war Frau Henriksen tot, der Patient war gestorben, das war ein schändliches Mißgeschick, ein Schlag.
„Geht es sonst gut bei Ihnen, ist das Neugeborene gesund?” fragt der Doktor.
„Ja, Gott sei Dank, er ist gesund, er ist großartig.”
Der Doktor versteht, daß der Besitz dieses Kindes Henriksens Schmerz etwas besänftigt; er ist Witwer geworden, jawohl, aber seine Frau hat ihm zu seinem Trost diesen prächtigen kleinen Jungen hinterlassen. Henriksen ist nicht ganz zu Boden geschlagen, nicht zerschmettert, und der Doktor kann doch noch Hoffnung auf sein Honorar haben.
„Ich gehe mit Ihnen und sehe nach dem Kinde,” sagt er.
„O ja, wenn Sie das wollten, Herr Doktor,” versetzt Henriksen froh und dankbar.
„Das tu' ich, ich stehle dem Sprechzimmer eine halbe Stunde und gehe mit Ihnen. Und Sie selbst, Henriksen, geht es Ihnen gut?”
„O ja, danke, Herr Doktor. Ja, es fehlt mir nichts.”
„Natürlich, wie ein Fels! Hat Ihre Frau nichts gesagt, bevor sie starb? Hatte sie nicht noch irgend etwas Intimes mit Ihnen zu besprechen? Das ist doch meist so.”
„Nein,” antwortet Henriksen und schüttelt den Kopf. „Sie meinen, ob sie mich gebeten habe, für die Kinder zu sorgen, für den Kleinen zu sorgen? Nein.”
„Wenn die Menschen sterben, haben sie einen Drang, für dies und jenes um Verzeihung zu bitten, sie können im geheimen etwas Unrechtes getan haben, einen Fehltritt oder so etwas. Sterbende haben mich bisweilen gebeten, ihre Bitten zu übermitteln.”
„Nein, o nein. Und außerdem hatte sie mich für nichts um Verzeihung zu bitten, o weit entfernt. Ich war auch leider nicht anwesend.”
„Ich habe gehört, sie habe nach dem Pfarrer verlangt.”
Ohne einen Schatten von Verdacht antwortet Henriksen: „Ja, sie hat wohl das Abendmahl nehmen wollen. Der Junge ist groß und prächtig, aus dem kann etwas werden; gewachsen ist er auch schon, obgleich er nur mit der Flasche aufgezogen wird, ein Schreihals und ein Zornickel ist er!”
„Aber er hat braune Augen,” sagt der Doktor.
„Ja, ist das nicht merkwürdig!” erwidert Henriksen. „Da hat sie nun alle die Monate hindurch diesem Kind braune Augen gewünscht, gerade wie dem vorhergehenden. ‚Wenn ihm nur Gott braune Augen schenken wollte, sie sind so sehr hübsch!’ sagte sie. Und da ist ihr dieser Wunsch erfüllt worden.”
„Nun, das war doch jedenfalls sehr gut,” sagt der Doktor mit einem erzwungenen Lächeln.
Aber Henriksen nahm es für echt: „Ja, nicht wahr? O, es war wohl so bestimmt! Ein Glas Wein, Herr Doktor? Vielleicht Sodawasser mit Whisky?”
Sie treten in die Stube und setzen sich, jeder mit einem Glas vor sich, und Henriksen trinkt gleich zwei. Er spricht von seiner Frau, von seiner Einsamkeit, die nicht zum Aushalten sei. Bei Tag und während der Arbeit, da gehe es noch an, aber wenn die Nacht komme, die Nacht --! Er ist äußerst freundlich und aufmerksam gegen seinen hochgeehrten Gast, allmählich sogar dankbar für dessen Hilfe -- ja für alle Hilfe, die er geleistet hat.
„Es stand leider nicht in meiner Macht, Hilfe zu bringen,” erwidert der Doktor.
„Allerdings, aber Sie haben getan, was Sie konnten, das sag' ich gerade heraus. Sie sind ja auch oft hier gewesen, um nach ihr zu sehen, und haben Medizin verschrieben. Wir haben alles getan, was wir konnten, den Trost haben wir, daß es ihr von unserer Seite an nichts gefehlt hat. Aber nun war wohl ihre Zeit abgelaufen. Noch ein Glas, Herr Doktor?”
„Ich weiß nicht. -- Ja, wenn Sie mir's anbieten.”
Henriksen strahlt. „Es ist mir eine Ehre, wirklich, es ist eine Ehre für mein Haus, das hätte meine Frau erleben sollen! Und nun möcht' ich gerne, daß Sie mir eine Rechnung schicken, Herr Doktor, eine ordentliche Rechnung. Doch, ich will es! Oder wenn Sie es mir jetzt gleich sagen wollten, nur die Summe, das genügt.”
„Das hat ja Zeit bis später.”
„Ach, alles, was getan werden konnte, ist getan worden, das ist mein Trost!” murmelt Henriksen, in tiefe Gedanken versunken. „Doch, ich will wirklich -- lassen Sie mich lieber jetzt gleich --”
Henriksen steht auf und öffnet seine Schreibkommode, er kommt mit einem Geldschein zurück, einem großen roten Schein und reicht ihn dem Doktor hin: „Diesen hier, wenn es Ihnen so recht ist. Stimmt es einigermaßen, ist es genug?”
Der Doktor ist durchaus nicht geldgierig, nicht habsüchtig; was er verdient hat, ist verbraucht worden, ja, mehr als das, verbraucht für Essen und Trinken, für „Genüsse”, nein, er ist nicht so schlecht, daß er über den großen Schein in Verlegenheit geriete, diese Banknote, das ist ein Geschenk, und er erwidert: „Das ist zuviel, ich bekomme nicht soviel, die Hälfte genügt!”
Henriksen schüttelt den Kopf; er ist freigebig und gutherzig, und er will sich auch des Danks von des Doktors Seite würdig erweisen. „Nehmen Sie nur, Herr Doktor, es ist von ihr und von mir. Und dann reden wir nicht mehr darüber.”
„Ich bin jederzeit bereit, zu kommen, Henriksen. Zu dem Kleinen. Bei Nacht oder bei Tage, jederzeit!”
Der Doktor ging als ein junger Mann heimwärts. Was war geschehen? Seht, er hatte sich wehrlos gefühlt, und nun hatte er plötzlich eine Waffe in der Hand: „Bitte, Herr Konsul Johnsen, Sie haben mir eine Rechnung geschickt, ich hatte die Kleinigkeit vergessen, hier ist eine Bescheinigung von der Post über einen Geldbrief für Sie.”
Ja, er war froh, aber es kam nicht zu einer Umkehr bei ihm, nicht zu einem hohen Wogengang und einer Krisis vor Dankbarkeit. Das Leben war unverändert, die Feinde dieselben wie vorher, ein Zufall hatte ihn instand gesetzt, sinnlos und dumm über sie zu triumphieren, und darauf wollte er nicht verzichten. Er hätte nun in Johnsens Laden gehen und seine Schuld bei Berntsen begleichen können, aber er tut es nicht, dagegen reibt er sich die Hände beim Gedanken an den boshaften Brief, in den er das Geld einwickeln will, wenn er es abschickt.
Er hätte darauf verzichten sollen! Seht, da ist schon wieder einer von den Braunäugigen, es wimmelt von ihnen in der Stadt. Er hält den Jungen an und fragt: „Lieferst du mir nicht öfters Fische?”
„Doch, früher.”
„Hast du das Fischen aufgegeben?”
„Ja.”
„Was tust du jetzt?”
„Ich -- ich soll zur See.”
„Aber was tust du jetzt? Du siehst so ungewaschen aus.”
„Jetzt im Augenblick bin ich beim Schmied, aber --”
„Aber dazu hast du keine Lust. Nein, geh du lieber zur See! Wie war dein Name?”
„Abel.”
„Sag deinem Vater -- deinem Vater daheim -- er soll einmal in meine Sprechstunde kommen. Ich hätte etwas mit ihm zu reden.”
16
Na, ungewaschen ist Abel seiner Lebtage gewesen, aber natürlich ist er beim Schmied nicht sauberer geworden.
Eigentlich war es gerade für ihn etwas Unnatürliches, in einer Schmiede zu stehen, an einem Lehmboden verankert zu sein, um den Blasbalg zu bewegen und auf das Kommando eines kleinwinzigen Vorhammers Eisen zu schmieden. Aber etwas mußte Abel ja tun, er war nun längst konfirmiert und dazu ein großer, starker Bursche geworden. Und da rief ihn eines Tages der Schmied Carlsen in die Schmiede herein und sagte: „Sieh her, kannst du nicht den großen Hammer nehmen und ein paar Schläge für mich tun?” Abel schlug, es war eigentlich ganz unterhaltend, hier zu stehen und seine Kräfte dazu zu gebrauchen, Sterne aus dem glühenden Eisen herauszuhämmern.
Abel hämmerte bis zum Mittag darauf los, da zog ihn der Schmied mit sich hinein und gab ihm zu essen.
„Da hab' ich nun diese eilige Arbeit,” sagte der Schmied, „kannst du mir auch heute nachmittag helfen?”
„Das kann ich gut,” erwiderte Abel.
Als es Abend war, bekam er wieder zu essen, und als er gehen wollte, eine Krone. „Du bist ein tüchtiger Mann gewesen,” sagte der Schmied, „könntest du nicht vielleicht auch morgen kommen?”
„Doch,” sagte Abel.
Er entschied das auf eigene Faust. Die Entscheidung lag immer bei ihm selbst -- entweder hatte er nun diesen Zug von seinem Vater, von Oliver, oder er hatte ihn sich selbst zugelegt, weil er doch während der ganzen Zeit des Heranwachsens alles allein hatte entscheiden müssen.
Eine ganze Woche lang blieb er beim Schmied.
„Wo bist du denn jetzt im Augenblick?” fragte der Vater.
„Beim Schmied. Ich bekomme dort Kost und eine Krone am Tag.”
„Du Abel, du Abel!” sagte der Vater, und es war nicht ausgeschlossen, daß sich etwas Stolz in dem Herzen des Krüppels regte. „Willst du ganz beim Schmied bleiben?”
„Ganz? Nein. Nur während er die viele Arbeit hat.”
Aber Schmied Carlsen hatte wochenlang viel Arbeit, ja monatelang, und er hatte soviel zu schmieden und instand zu setzen und aufzuarbeiten, Abel mußte dableiben. Nicht daß er richtig in die Lehre da gegangen wäre und das Meer vergessen hätte, o nein, aber er hatte es gut beim Schmied und verdiente sich ordentlich etwas für Essen und Kleider; er brauchte beides notwendig.
Zwischen dem Schmied und dem Schmiedejungen herrschte ein freundschaftliches Verhältnis, bisweilen setzten sie sich mitten in der Arbeit zusammen und rauchten eine Pfeife, indem der Schmied behauptete, er fühle sich elend und könne nicht mehr so hart schaffen. Im ganzen genommen hatte Abel den Eindruck, daß es mit der Arbeit, die jetzt noch übrig war, nicht so sehr eilte; allerdings kamen ab und zu neue Aufträge dazu, aber nicht mehr, als der Meister hätte allein bewältigen können. Eines Abends sagte Abel, ob er denn wiederkommen solle? Der Schmied meinte, er höre nicht recht, es habe ja noch nie so geeilt mit der Arbeit wie am morgigen Tage.
Der Meister war Witwer mit erwachsenen und verheirateten Kindern, er war der Bruder des Polizei-Carlsen, ein Mann, der unverdrossen arbeitete und von Tag zu Tag sein Tagewerk leistete, nach mehr trachtete er nicht, so hatte er seine kleine Schmiede seit anderthalb Menschenaltern betrieben. Er hatte eine verwitwete Tochter bei sich, die ihm das Hauswesen besorgte. Bisweilen erzählte er von seinen Erlebnissen, lauter Kleinigkeiten, alltägliche Ereignisse; aber da er seine Schmiede niemals verlassen hatte, bekam jede Kleinigkeit eine übertriebene Bedeutung für ihn. Warum er es nicht ins Große getrieben hatte mit Gesellen und Lehrjungen? Er hatte sich keine Mühe darum gegeben, hatte nicht die Mittel dazu gehabt, nicht das Haus dazu, nicht einmal die Schmiede dazu. Die große Kinderschar hatte ihn auch allmählich daran gehindert, es ins Große zu treiben.
„Denk dir, fünf Mädchen,” sagt er, „fünf Stück nur Mädchen, und außerdem noch zwei Jungen!” Dann war ja noch ein Schmied draußen auf dem Lande, grad am Weg nach der Stadt, der tat alle Bauernarbeit, Hufeisen, Pflüge und Sensen. Carlsen war der Stadtschmied, er schmiedete kleine häusliche Sachen für die Familien und bisweilen -- wie jetzt, wo er sich Abel zur Hilfe genommen hatte -- auch größere Sachen für die Schiffe.
„O ja, wonach soll der Mensch trachten?” sagt Carlsen. „Ich hab' mich die ganze Zeit durchgeschlagen, mit dem da!” fügt er lächelnd hinzu und deutet auf den Hammer. „Mehr brauch' ich nicht, und mehr bin ich auch nicht wert. Über kurz oder lang muß ich sterben, genau wie mein Vater gestorben ist und wie meine Kinder sterben werden. Dann muß ich ja doch alles verlassen und wenn ich auch noch so viel hätte. Adolf ist auf der See, er ist in England verheiratet, er verdient nur gerade genug für seine Familie und hat nichts übrig, um nach Hause zu schicken, ich schreib' ihm jedesmal, ich könnt' ihm eher etwas schicken, wenn er in Not sei. Dann fährt und fährt er auf der See, und über kurz oder lang muß auch er sterben. Ja ja, kleiner Abel, den Weg müssen wir alle gehen. Siehst du, Adolf war der jüngste, es ist achtzehn Jahre her, seit er mit dem Schiff fortfuhr, und seither ist er nicht mehr daheim gewesen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, das ist vor deiner Zeit gewesen, er hat sogar seine Schiffskiste von deinem Vater gekauft. Er fährt und fährt auf dem Meere, und zum Schluß muß man sich hinlegen! Es ist sonderbar, wenn ich daran denke, er war so klein, als er hier in der Schmiede bei uns herumkrabbelte, es ist mir gar nicht, als sei es so lange her.”
Die Stimme des Schmieds versagt ein wenig, dann steht er auf, geht an die Bank am Fenster und starrt durch die undurchsichtigen Scheiben hinaus.
„Hm!” räuspert er sich und rafft sich zusammen. „Eigentlich sollte ich die Scheiben einmal abwaschen,” scherzt er. „Oder was meinst du, Abel? Es ist wohl vierzig Jahre her, seit sie das Tageslicht nicht mehr gesehen haben.”
Er lacht und setzt sich wieder zu Abel. „Ja, ja, ja, wahrhaftig. Und mein ältester Junge tat allerlei Arbeit ringsum im Lande. Er wollte nichts Festes betreiben, sondern von einem Ort zum andern wandern; auch das kann vielleicht ganz gut sein, aber ich weiß doch nicht. Er ist nie daheim, nein, er ist recht eigen, er hat sich in den Kopf gesetzt, er wolle nicht heimkommen, ehe er so viel Geld habe, um das Haus auszubauen, damit wir in die Höhe kämen; der Junge ist da draußen in der Fremde wohl immer noch verdrehter geworden. In die Höhe -- meint er etwa, wir sollen fliegen? Ich möchte nur, ich könnte einmal nur eine Stunde lang mit ihm reden. Aber seine Schwester, sie, die bei mir ist, kommt ab und zu mit ihm zusammen, sie sind sehr gute Freunde, er spielt ihr auf der Mundharmonika vor. Als kleiner Bursche war er ein Meister auf der Mundharmonika, und jetzt soll er sogar noch besser spielen. Ist es nicht sonderbar, wenn ich so an uns alle denke! Erst kürzlich ist er mit seiner Schwester zusammen gewesen und hat ihr auf der Mundharmonika vorgespielt; aber er war so bärtig, daß sie ihn fast nicht erkannt hat, und er hatte auch schon einige graue Haare. Aber nein, er wollte nicht heimkommen; ehe er ein Geldmann geworden sei, würden wir ihn nicht zu sehen bekommen! Das ist doch eine Art Wahnsinn. Und dann kam er doch eines Tages in die Schmiede herein, schlug mit dem Hammer und trug Eisenstücke herbei und schwatzte mit sich selbst. Es ist noch nicht lange her, ich glaube erst einige Jahre. Und wo immer du ihn auf der Straße sahst, zog er seine Mundharmonika heraus und spielte ein wenig. Und seine Mutter steckte ihm ja, so lange sie lebte, oft eine besondere Portion Essen zu, weil er so in die Höhe schoß, und wenn er ein neues Kleidungsstück bekam, dann streckte er uns sein Händchen hin und bedankte sich. Hm!”
Der Schmied springt auf und macht sich zu schaffen: „Nein, das geht nicht an! Bist du bereit, Abel? Hehe, ja wir sind tüchtige Gesellen! So, nun zieh den Blasbalgen!”
Er scherzt und tut ganz lustig, aber er ist wohl eher alles andere, alt und müde, rührselig, verbraucht. Er hatte keine Kräfte mehr; Abel, der junge Kerl, konnte das doppelte Gewicht heben und den ganzen Tag aushalten. Was dem Alten half, war sein Handgeschick, die Übung, die Arbeit ging ihm leicht von der Hand; aber oft starrte er mit seinen matten Augen auf ein schweres Stück und scheute sich, es in Angriff zu nehmen.
O nein, er war sicher nicht lustig. Er hatte auch nicht die große Freude an seinen Kindern, nicht an allen. Über eine seiner Töchter war einstens viel geredet worden, jetzt war sie mit dem Kaspar verheiratet, der wegen ihrer „Weitschweifigkeit” den Dienst als Matrose aufgeben und auf der Werft Arbeit nehmen mußte. Jetzt war die Frau und das Gerede über sie verstummt, aber vor vielen Jahren, während der Mann draußen war, verließ sie ihr Haus und fuhr auch auf der See, fuhr frech dahin, fuhr lustig fort. O, sie war eine leichte Haut -- der Mann und vielleicht noch mehr der Vater wurden damals allgemein bemitleidet.
Und doch -- der Schmied Carlsen ist weit davon entfernt, ein trostloses Leben zu führen, er ist zufrieden mit seinem Los. Am Abend dankt er Gott für den vergangenen Tag, er ist verwundert, daß er so gut vorübergegangen und nichts Schlimmes geschehen ist. Wie leicht hätte ein Unglück passieren können! Nachher spaßt er wohl behaglich und schnurrig mit seiner Tochter: „Ja, wir zwei Männer haben heute wahrhaftig außerordentlich viel geleistet, aber was hast du getan? Ich seh' nichts davon, daß du dich hier gerührt hättest, die Stühle stehen noch ebenso heil, wie vorher.”
Sie lachen beide, und die Tochter sagt: „Aber ich hab' leider heute zwei Teller zerbrochen.”
„Ist das etwas?” sagt der Vater. „Wär' ich's gewesen, na, da hätt' ich ein Dutzend zusammengeschlagen.”
Wenn sie nun in so guter Laune sind, wagt es Abel aufs neue, zu fragen, ob er wohl morgen wegbleiben könne, ob er überhaupt noch zu kommen brauche? Aber da wird der alte Schmied ernst; er sieht den Jungen an und meint fast, das sei das Schlimmste, was er je von ihm gehört habe: ob er solche Eile habe, mitten in der strengsten Arbeit fortzugehen, und wohin er denn wolle?
Abel wollte sich verheuern.
Verheuern? Jetzt, so spät im Sommer, wo es dem Winter zugehe? Im Frühjahr sei die beste Zeit. Ob er nicht wenigstens noch einen Monat bleiben könne? Denn jetzt hätten sie ja die vielen großen Arbeiten; sie müßten Hauen und Minenbohrer für den Stadtingenieur machen, für Konsul Heiberg zwei Türschlösser instand setzen, für Henriksens auf der Werft eine neue Stahlfeder in den Kinderwagen einsetzen, für die Buttermaschine in Konsul Johnsens Landhaus eine neue Achse drehen, und für den Maler, der die Kirche malen sollte, alle möglichen Kloben schmieden. Das sei für lange Zeit die Arbeit von vielen Gesellen.
Abel blieb.
O, aber die See, es fehlte nur noch, daß er sie vergaß! Sein Kamerad Eduard, der nach den letzten Nachrichten in Südamerika war, der war nun schon zwei Jahre auf der See, und hier war Abel noch auf dem Festlande und stand in einer Schmiede! Nein, danke! Allerdings, ganz ohne Reiz war es nicht; er wurde tüchtig und ordentlich rußig dabei, die Leute konnten sehen, was er leistete, und es gab ihm ein gewisses Ansehen bei den andern Jungen von seinem Alter, wenn er mit klirrenden Eisenstangen auf der Schulter wie ein Erwachsener durch die Straßen schritt. Und mußten nicht die kleinen Jungen sich vor seinen Eisenstangen in acht nehmen und auf die Seite treten, um nicht aufgespießt zu werden?
Es war also gar nicht so schlimm. Dazu kam, daß Abel zu regelmäßigen Zeiten nahrhaftes Essen bekam, er schlief regelmäßig, er wuchs fest in einer besseren Lebensweise. War es nicht auch äußerst behaglich in diesem Handwerkerheim, wo alles an seinem Platz war, der Fußboden sauber, blühende Fuchsien am Fenster! Am Sonntag zog der Schmied einen guten Anzug an und wanderte langsam in der Stadt und in Feld und Wald umher. In die Kirche pflegte er nicht zu gehen, aber er war ein redlicher, frommer Mann mit tausend Sünden, die er bereute, und tausend Wohltaten Gottes, über die er sich freute. Alles war unverdient gut.
Eines Sonntags trifft ihn Abel auf der Straße. „Komm ein Stück mit!” sagt der Meister. „Wohin willst du?”
O, Abel wollte nirgends hin, er trieb sich nur herum, er war einsam, Klein-Lydia war ihm ganz aus dem Gesicht gekommen. Na, Glück auf die Reise! Und jetzt hätte sie es so gut haben können, er wendete den Kopf nicht mehr nach ihr um! Ihr Bruder Eduard war einmal sein guter Freund gewesen, aber nun war wohl auch er hochmütig geworden, er schrieb niemals ein Wort an Abel, und jetzt war er in Südamerika. Aber wo sollte Abel dann an einem Sonntag hingehen? Daheim konnte er jedenfalls nicht sitzen bleiben, sauber gewaschen, in seinem neuen Anzug und mit einem blanken Messer in glänzender Scheide, das er sich gekauft hatte; sein Bruder Frank war auf der höheren Schule und nie daheim, und Oliver, sein Vater, war zwischen die Scheren hinausgerudert, was er ohne Ausnahme an allen Sonntagen tat; er ließ nicht davon ab, auf Abenteuer auszugehen. Nein, Abel wollte nirgends hin. Aber er kannte im Ödland einen guten Platz, wo es Kreuzottern gab, und nun war er wohl auf dem Wege dahin, um einige zu erlegen. Älter war er nicht, ein Junge war er noch immer.
Oder hatte er auf den Schmied gewartet? Es müßte denn sein, damit ihn gewisse Leute in geachteter Gesellschaft sehen sollten. Wenn sie am Stubenfenster saß, und er ging mit dem Meister vorbei, so schadete das gar nichts. Aber sie konnte es dabei genau so halten, wie sie selbst wollte -- wie heißt sie nur gleich? Klein-Lydia -- na, jedenfalls ging er ganz wie ein Schmiedsgeselle und unentbehrlich für Carlsen vorüber ...
Als sie Fischer Jörgens Haus hinter sich haben, merkt der Schmied allmählich, daß er ganz allein spricht und Abel ihm nicht antwortet. Der Schmied hatte zwar nicht mit einem blitzschnellen Seitenblick nach einem gewissen Fenster etwas entdeckt und dadurch heftiges Herzklopfen bekommen, aber er fühlt, daß er für Abel ein zu alter Gefährte ist. Lächelnd sagt er: „Ja, jetzt danke ich dir für die Begleitung, Abel, ich muß diesen Weg hier einschlagen.”
Abel geht nach den Kreuzottern. Auf einem steinigen Abhang pflegten viele zu sein; sie lagen da auf dem Geröll und sonnten sich in aller Behaglichkeit, Abel und andere Jungen hatten im Lauf der Jahre gar oft Jagd auf sie gemacht. Mit dieser Jagd war Gefahr und Ehre verbunden; in den Schultagen stand man in großem Ansehen dafür.