Part 14
Nein, der Konsul konnte sich nicht denken, daß seine Fia Absichten habe, in diesem Falle hätte er als Vater ernstlich mit ihr sprechen müssen. Diese jungen Leute waren nichts für sie, der eine war der Sohn eines Hardesvogts und insofern aus einer studierten, gebildeten Familie, der andere der Sohn eines Tünchers, und beide waren gleich arm. Der Konsul verachtete keine Klasse, nein, das tat Konsul Johnsen wahrhaftig nicht, aber er hatte nun eben diese einzige Tochter, sie war sein liebes Kind, und er wollte sie auf die beste Weise beschützen. Der Sohn eines Geschäftsmannes aus einem alten großen Hause würde ihm besser passen.
Deshalb war es dem Konsul gar nicht unangenehm, als die jungen Künstler eines Tages beim Mittagessen erzählten, sie hätten beide Bestellungen bekommen. „Und das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Konsul,” sagten sie.
„Ich gratuliere!” erwiderte der Konsul. „Was sind das für Aufträge?”
„Wir sollen die Bilder von Konsul Olsen und seiner Frau malen.”
„Vom Grütze-Olsen!” schreit Frau Johnsen. „Nein, wissen Sie was!”
Da lachen alle andern am Tisch, und der Konsul sagt freundlich: „Eine Bestellung ist eine Bestellung, das wirst du doch verstehen, Johanna!”
„Haben nicht auch Heiberg und Davidsen ihre Porträte bestellt?” fragt Frau Johnsen. „Die werden sicher noch kommen.”
Und wieder lachen alle miteinander.
Der Konsul wendet sich an die beiden Künstler und gibt eine kurze Erklärung: Es seien so viele Konsuln am Ort, und alle die jüngeren wollten die älteren nachahmen. „Daran kann man sich nur ergötzen, Johanna!” Nun sei allerdings andererseits eines recht ärgerlich, man könne sich hier im Hause fast nicht bewegen, ohne daß die andern sich ganz auf dieselbe Weise bewegten, sozusagen im Takt. „Aber es ist doch nicht der Mühe wert, so etwas ernsthaft zu nehmen, Johanna!”
Frau Johnsen sagte, sie nehme es durchaus nicht ernsthaft, das sei ein Mißverständnis. Wenn irgend jemand die andern Konsuln mit einem Lächeln betrachte, so sei sie es. Ihr Ausruf vorhin sei als reiner Freudenschrei gemeint gewesen.
„Und was Davidsen betrifft,” fährt der Konsul fort, „so ist er von einem ganz anderen Schlage: ohne Ansprüche, ohne Bildung, aber auch ohne Narrheit. Er ist ein Mann der Arbeit, steht hinter seinem Ladentisch und verkauft grüne Seife. Ich habe Davidsen schätzen lernen.”
„Hehe,” lacht Frau Johnsen sehr nachdenklich. „Ich überlege mir eben etwas; wenn ich nun in einem Seidenkleid gemalt worden bin, was wird Frau Olsen anziehen, um noch großartiger auszusehen?”
Sie beredeten sich eine Weile über Farben, Kostüme, Schmucksachen, ob eine goldene Kette oder ein reicher Schmuck angebrachter sei. Die Standespersonen der früheren Jahrhunderte scheuten nicht davor zurück, sich mit Pracht abbilden zu lassen, mit Spitzen, Spangen, Ketten, Juwelen, jetzt saß man im Gehrock, den man auch Diplomatenrock nannte, wie der Konsul, und er konnte so ein gutes Diplomatenbild abgeben.
„Ja,” sagt der Konsul, indem er sein Glas erhebt. „Möge es nun den Herren ebensogut gelingen, mögen Sie ebenso genial inspiriert sein, wenn Sie den Konsul Olsen malen, wie Sie es bei mir und meiner Frau gewesen sind! Wir sind beide hochbefriedigt und Ihnen tief dankbar.”
Darauf tranken sie ihr Glas aus.
„Wann fangen Sie bei Olsens an?” fragte Fia.
„Sobald wir wollen, sofort!” Und sie erzählten, die beiden jungen Töchter des Hauses sollten wahrscheinlich auch gemalt werden.
„Da haben wir es, noch viel großartiger soll es sein!” ruft Frau Johnsen wieder. „Und jetzt weiß ich, was Frau Olsen anhaben wird: sie wird in zwei seidenen Kleidern sitzen.”
Wieder lautes Gelächter, daß es von der Decke widerhallte. Frau Johnsen machte so selten einen Witz; das hatte wohl seine Gründe, und niemand erwartete es von ihr. Der Konsul sagte nun sofort, sie sei großartig, sie sei brillant!
Aber Frau Johnsen kann Lobsprüche nicht gut vertragen, und so verdirbt sie das Vorhergehende, indem sie fragt, was wohl Frau Olsen an den Füßen haben werde -- zwei Paar Stiefel?
Darauf lachten alle wieder; aber wenn sie jetzt nur aufhören wollte, wünschten die Maler.
Bei Konsul Olsen zu sein und zu malen, erwies sich als ein schöner, guter Aufenthalt; die beiden Künstler hatten es noch nie besser gehabt mit Frühstückswein und Kuchen und Nachmittagskaffee mit Sahnewaffeln. Dazu waren die „Mädel”, die beiden jungen Töchter, überaus gesund und lustig, geradezu zum Anbeißen. Der Tünchersohn verliebte sich in alle beide, aber er richtete nichts aus, so leicht war es nun doch nicht, Eingang bei Konsul Olsen zu bekommen; wäre es wenigstens der Hardesvogtsohn gewesen! Die Mädchen waren schon recht, sie zierten sich vielleicht ein wenig und sprachen etwas feiner, als sie es gewohnt waren, aber sie waren verflixt hübsche Mädchen und junge Mädchen, nichts fehlte ihnen, es müßte denn sein, daß sie zuviel von allem hatten, sogar auch von Körpergröße, sogar von üppigem aschblondem Haar und etwas zu vollen Lippen. Ihre Mängel lagen im Übermaß; sie wackelten auch ein wenig, wenn sie gingen.
Frau Olsen mußte verleumdet worden sein, sie war eine liebenswürdige Dame, gutherzig bis zur Rührseligkeit, mütterlich, mit freundlichen Augen und einer zurückweichenden Stirne. Ihre ganze Fürsorge gehörte ihren Töchtern, sie sollten vornehm und glücklich werden. Wie sehr liebte sie diese Töchter, sie ließ sie tun, was sie wollten, ließ sie heranwachsen zu Unnützlichkeit und Ungezogenheit, als Zierpuppen und Hohlköpfe.
Nein, Frau Olsen war es sicher nicht gewesen, die verlangt hatte, gemalt zu werden, sie wehrte sich jeden Tag dagegen und wollte die Töchter statt ihrer gemalt haben, beide auf einem Bilde, ein Doppelporträt. Konsul Olsen mußte seine Frau jedesmal überreden, ruhig zu sitzen. -- „Hörst du, Henriette, nachdem nun einmal angefangen ist. Das Doppelporträt kommt später dran!”
So saß denn das Opferlamm in Seide, mit vielen Ringen und der Uhrkette geschmückt, und war dem Manne willfährig.
Bei ihm selbst ging's mit mehr Prunk und Gepränge; er war vom Kleinstadtreichtum wohlbeleibt geworden, ein Emporkömmling, ein glücklicher Spekulant. Es machte ihm Spaß, Gassenhauer zu singen und Fratzen zu schneiden und dann plötzlich wieder eine gute Weile ganz würdig und schweigsam dazusitzen und nur zu nicken oder den Kopf zu schütteln. Er gab sich das Aussehen, als hätte er große Geschäftsangelegenheiten zu überdenken. „Still,” sagte Frau Olsen, „laßt den Vater nun in Ruhe, Mädchen!”
Und der Vater war lieb und gutmütig und sehr eitel, er sah es gerne, daß es still um ihn her war, wenn er an große Geschäfte dachte.
„Richtig!” sagte der Maler, „da haben wir gerade den rechten Ausdruck, das ist großartig, der feste Mund, die Klugheit. Bleiben Sie nun so sitzen, Herr Konsul,” sagte er, wie wenn er photographieren sollte.
Und Konsul Olsen gab sich aus Eitelkeit Mühe, sich mit einem großen Kornhandel in Argentinien zu beschäftigen, anstatt zu singen und den festen Mund durch Grimassenschneiden zu verunstalten.
Das Porträt versprach ganz besonders gut zu werden, und der Maler, der Tünchersohn, bat, es in Christiania ausstellen zu dürfen. Bitte, ja, jawohl!
Der Konsul selbst verabscheute zwar, ausgestellt zu werden, aber wenn es für den Maler von Nutzen sein konnte, dann --! Er wollte sich gerne dem jungen Künstler entgegenkommend zeigen, alle in der Familie zeigten sich entgegenkommend, auch die Töchter, aber sie verliebten sich nicht in ihn. Da schien sein Kollege, der die Frau Konsul malte, bessere Aussichten zu haben, o, aber auch er wurde eines Tages ordentlich geprellt! Das mußten ein paar eigene Damen sein, sie waren aus einem Kaufmannshaus und wollten wohl am liebsten im Kaufmannsstande bleiben; sie nannten deshalb auch sehr oft Scheldrup Johnsen. Komische Mädchen also und vielleicht nicht besonders aufgeweckt. Oder wie? Eines Tages, als der Hardesvogtsohn ihr Porträt angefangen hatte, schwänzten sie einfach mir nix dir nix die Sitzung. Als Entschuldigung gaben sie an, daß sie ganz unerwartet Scheldrup Johnsen auf der Straße getroffen, bei ihm stehen geblieben seien und mit ihm geplaudert hätten; er sei zu kurzem Aufenthalt zu Hause.
Als ob das eine Entschuldigung wäre! Der Maler empfand es als einen Betrug -- eine Beleidigung.
15
Scheldrup Johnsen war unerwartet heimgekommen und mußte auch ebenso unerwartet wieder abreisen.
Er nahm des Vaters Geschäftsführer Berntsen mit sich und ging in des Doktors Sprechzimmer, grüßte kurz und tat folgende Fragen: „Was bedeuten die Briefe, die Sie mir geschickt haben? Ich bin hierhergekommen, um es zu erfahren.”
Der Doktor sagte überrumpelt und halb lächelnd: „Die Briefe? O die --”
„An einem Tage schreiben Sie mir, es sei ein neues braunäugiges Exemplar von einem Kind auf die Welt gekommen, ein paar Tage später, die Mutter sei tot.”
„Ja.”
„Ja. Ich will wissen, warum Sie mich von diesem Ereignis in Kenntnis gesetzt haben.”
„Können wir nicht allein sein?” fragte der Doktor in zahmem Tone.
„Nein, ich will einen Zeugen gegen Sie haben,” erwiderte Scheldrup.
„Aber was ich sagen will, eignet sich nicht für fremde Ohren.”
„Aber dann weiß ich, was sich für die Ihrigen eignet,” sagt Scheldrup und tritt ein paar Schritte näher. Der Doktor weicht zurück, sein Mund bebt, und er sagt: „Nein, warten Sie ein wenig, ich merke, daß ich mich getäuscht habe, und ich bitte um Entschuldigung. Ich tat es, ich täuschte mich also, in Ihnen und noch jemand, entschuldigen Sie! Eigentlich war es nicht so schlimm gemeint.”
„Eigentlich sollte ich Sie einfach durchprügeln,” sagt Scheldrup mit zornbebender Stimme. „Sie sind ein Verleumder, ein -- --”
„Warten Sie ein wenig, lassen Sie mich -- --”
„Ein Halunke, eine abscheuliche Klatschbase! Ja, ich sollte Ihnen den Kopf waschen.”
Der Doktor hat sich etwas gefaßt: „Warten Sie ein wenig, ich habe Fragezeichen gemacht, erinnern Sie sich? Eigentlich wollte ich Sie der Wissenschaft wegen etwas fragen, meiner eigenen Wissenschaft wegen. Haben Sie die Briefe bei sich?”
„Hätte ich sie bei mir, dann würde ich Sie zwingen, sie zu zerkauen und zu verschlucken.”
„Nein, nein, nein, wir wollen darüber reden, ruhig darüber reden, nicht wahr? Ich bitte Sie um Entschuldigung, es war der Wissenschaft wegen, ich glaubte, ich könnte es tun, wir kennen ja einander. Erinnern Sie sich nicht, daß ich gefragt habe, daß ich Fragezeichen setzte? Es ist nämlich ein unsicherer Punkt in der Wissenschaft --”
Scheldrup ist wütend, er wird immer ausfälliger, maßlos, sein Auftreten verliert dadurch und wird gewöhnlich. „Die Wissenschaft und Ihr Geschwätz! Sie sind überdies ein Kujon, ein Hasenfuß, jetzt wollen Sie Ihren Brief wegschwatzen, ich könnte Sie anspucken.”
Der Doktor hatte sich indessen noch mehr gefaßt: „Seien Sie nicht so wütend, das Ganze ist das gar nicht wert, durchaus nicht. Es ist auch nicht klug, ich bitte Sie um Entschuldigung.”
„Was meinen Sie damit, es sei nicht klug?”
„Wenn wir allein wären, würde ich es sagen. Es ist nicht klug, es kann sich rächen.”
„Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Rache, verstehen Sie!” ruft Scheldrup.
„Ich bitte Sie um Entschuldigung!” wiederholt der Doktor.
Aber diese lauten Stimmen in dem sonst so stillen Zimmer erregen Aufmerksamkeit im Hause, sie rufen die Hausfrau herbei und zwingen Scheldrup, sich stumm zu verbeugen und mit seinem Begleiter fortzugehen.
Eine Entschuldigung war also das ganze Ergebnis einer Reise von Havre her, ein paar leere Worte! Am Abend dachte Scheldrup an einen neuen Besuch beim Doktor, und er sprach auch mit Berntsen darüber, bekam aber den Rat, beizeiten aufzuhören, der Doktor habe genug bekommen, habe übergenug bekommen. O Konsul Johnsens ausgezeichneter Geschäftsführer, er gab gute Ratschläge, er wußte, was er tat, und dachte an mehr, als nur an eine Seite einer Sache; es ist auch gar nicht unmöglich, daß er dort im Sprechzimmer recht gut verstand, worauf der Doktor jedesmal anspielte. Was war übrigens da zu verstehen? Nichts, Klatschereien. Scheldrup solle seiner selbst und seiner ganzen Familie wegen darüber schweigen.
„Nein, lassen Sie es nun gut sein, Sie haben ihm schon einen tödlichen Schrecken eingejagt, mehr kann er nicht ertragen,” sagte Berntsen.
Scheldrup beruhigte sich. Sein Zorn hatte sich gelegt, er wollte sich mit der Entschuldigung begnügen. Es war auch so eine Sache mit einer Backpfeife, er hatte selbst vor vielen Jahren eine bekommen, die ihm nicht zur Ehre gereichte, jene schändliche Backpfeife von Petra, er konnte nicht für ewige Zeiten Backpfeifen auf sich sitzen lassen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe begab sich Scheldrup wieder an Bord und reiste zurück nach Havre.
Und da geriet der Doktor wieder in eine nette Klemme.
Da war er ja hinunter zum Postschiff gegangen, und zwar am frühen Morgen wie so viele andere, er hatte viel ausgestanden und wollte sich ein wenig erfrischen -- aber das wurde eine verflixte Erfrischung! Hätte er sich denken können, daß Scheldrup so bald wieder abreisen würde, er, der sonst wochenlange Ferien daheim zubrachte! Da kam er gerade auf das Bollwerk zu in Begleitung von Vater, Mutter und Schwester und von zwei fremden Malern. Sollte der Doktor grüßen? Zuerst grüßen? Gewiß, es waren ja Damen dabei. Er stand peinlich weit zurück, aber grüßte also, und als er das getan hatte, ging er noch weiter abseits.
Aber plötzlich schien der Zorn in Scheldrup wieder aufzukochen, und er ging dem Doktor nach. Er hielt des Doktors Gegenwart hier für Trotz, für Frechheit. Und was nun? Er geht dem Doktor weiter nach und wie um ihm direkt unter die Augen zu treten, aber ohne ihn selbst anzusehen, o, nicht mit einem Blick! Will er ihn umrennen, ihn ins Wasser hineintreiben? Jetzt sind nur noch vier Schritt frei zwischen ihnen.
Doch da taucht plötzlich der merkwürdige Geschäftsführer Berntsen mitten zwischen den beiden Herren auf, und sagt zu Scheldrup: „Sehen Sie, das haben Sie wohl vergessen!” Damit zieht er Scheldrup ein paar Schritte mit sich fort und übergibt ihm etwas, Gott mag wissen, was es ist, vielleicht ein Plunder. Aber von da an ist Berntsen am Bollwerk sehr in Anspruch genommen, er ist überall und doch immer an Scheldrups Seite. „Ich sehe mich hier nach einem Teil Waren um,” sagt er, „wir erwarten gewisse Waren.” Ja, sogar als Scheldrup über den Landungssteg an Bord geht, folgt ihm Berntsen, um sich auf dem Schiff nach den Waren zu erkundigen.
Scheldrup steht an der Reling und spricht gedämpft mit seiner Familie auf dem Bollwerk. Und diese Familie steht nun da, über die Maßen verwundert, sowohl über sein Kommen als auch über die rasche Abreise. Der Vater war mit keinem Wort in ihn gedrungen, und für Mutter und Schwester hatte er nur die eine Antwort gehabt: „Geschäfte!” Aber alle waren im unklaren.
Während nun Scheldrup da an der Reling steht, deutet er plötzlich auf den Doktor drüben am Land und ruft Berntsen laut und deutlich zu: „Hören Sie, Berntsen, ich hätte nun doch eigentlich den Kerl dort durchwalken sollen! Er hat es gewagt, hierherzukommen!”
Stille. Nur eine einzelne Stimme wird am Bollwerk laut. „Was beim Satan -- was hat er gemeint? --” Das war Olaus vom Wiesenrain, er witterte Hallo!
„Und wenn Sie wieder in Havre sind, vergessen Sie nicht, uns Stoffe zu senden,” erwiderte Berntsen sofort; „Baumwollstoffe in passenden Mustern, wohl einhalbhundert Stücke.”
„Ja.”
„Wollen Sie es nicht aufschreiben?”
Scheldrup kann nicht anders, als sein Buch herausziehen und es aufschreiben.
Dann fängt das Schiff an, sich zu bewegen, und Berntsen springt an Land.
Der Doktor stand da, wie wenn ihn der Schlag getroffen hätte, schwankend, mit ausdruckslosem Gesicht. Das dauerte einen Augenblick, dann richtete er sich auf, streckte die Brust heraus und ging davon. O, es war nicht wahrscheinlich, daß er sich in den Hohn des jungen Krämers auf dem öffentlichen Bollwerk finden würde!
Alles in allem hatte der Doktor in der letzten Zeit gar manchen Ärger gehabt, aber als er nun das Bollwerk verließ, sah er aus, als habe er sich vorgenommen, alles zu ertragen. Olaus vom Wiesenrain sah ihm nach und sprach sich über seine Hochnäsigkeit aus.
In diesem Augenblick kamen die beiden Fräulein Olsen eiligen Laufes daher; sie waren sehr hübsch und jung und atemlos. „Ach, nun sind wir zu spät gekommen,” sagten sie. „War heute etwas Interessantes an Bord? Warum seid ihr denn alle hier, warum winkt ihr nach dem Boot hin, Fia?”
O, sie wußten es wohl; die Fräulein Olsen hatten es wohl am frühen Morgen im Bett gehört und waren eilends in ihre Kleider gefahren, waren aber doch zu spät gekommen.
„Scheldrup ist wieder abgereist,” sagt Fia.
„Scheldrup -- was du nicht sagst! Schon? Ei, wirklich?”
Mehr wagten sie wohl nicht zu sagen, sie zogen sich mit den beiden Malern zurück und gingen heim zur Sitzung.
Sie holten den Doktor ein, der stehen geblieben war und mit dem Rechtsanwalt Fredriksen sprach. „Na,” rief der Doktor den jungen Mädchen zu, „sind Sie zum Abschied zu spät gekommen?” Ha, der Doktor war nun gerettet, er war nicht mehr in Gefahr, und so hatte er seine Überlegenheit wiedergefunden.
„Abschied? Welcher Abschied?” fragten die Fräulein Olsen, gingen aber gleich weiter.
Der Doktor sah ihnen spöttisch nach und wendete sich wieder dem Rechtsanwalt zu: „Wir wurden unterbrochen. Können Sie mir keine Auskunft auf meine Frage geben?”
„Nein, nicht ohne weiteres.”
„So?” sagt der Doktor. „Aber es ist doch eine Sache der bürgerlichen Gesellschaft.”
„O ja. Aber es ist auch eine sehr private Sache.”
Der Doktor lächelt anzüglich. „Ich glaubte, daß Sie als Gesetzeskundiger, der nun mit Gottes und guter Menschen Hilfe vielleicht Gesetzgeber wird, gegen ein soziales Übel Rat schaffen könnten.”
„Vermehrte Geburten in einem Lande werden nun eigentlich nicht zu sozialen Übeln gerechnet,” versetzt der Rechtsanwalt.
„Da haben wir es wieder! Das ist des Postmeisters Elegie über die Nachkommenschaft!”
„Nein, da tu' ich nicht mit.”
„Ich rechne sie zu den Übeln. Im übrigen aber ist hier die Rede davon, daß ein bestimmter Mann die Stadt mit seiner braunäugigen illegitimen Brut füllt.”
„Sagen Sie das?”
„Und ich weiß es.”
„Es ist sehr schwer, so etwas zu beweisen.”
„Allerdings, besonders wenn die Zeugen sterben. Aber dann kann vielleicht die Wissenschaft eintreten. Die sachkundige Wissenschaft ist ein unwiderlegbarer Zeuge.”
„Sagen Sie das auch?”
O, das war etwas zu keck gesagt vom Rechtsanwalt, er hätte den Löwen nicht reizen sollen. Überrascht fragt der Doktor: „Zweifeln Sie an der Wissenschaft? Legen Sie sich auf diesem Standpunkt fest?”
Der Rechtsanwalt, der Volksredner dachte wohl so: Er sagt absichtlich, ich lege mich auf meinen Standpunkt fest, das war schlau gesagt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als etwas von dem schweren Ernst dieser Unterredung wegzunehmen. „Nein, Sie mißverstehen mich. Die Wissenschaft natürlich! Aber nun hören Sie, Herr Doktor: braunäugige Kinder sind ja hübsche Kinder. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann muß der Vater ein tüchtiger Mann sein und Übung darin haben, ein guter Stammvater also. Unsere liberale Zeit --”
„Wollen Sie Ihren Spaß mit mir treiben?” fragt der Doktor. „Guten Morgen, Herr Rechtsanwalt!”
O, er hätte laut hinausschreien, hätte platzen mögen! Alles und alle waren gegen ihn. So ein Rechtsanwalt auch, er war borstig und unrasiert, o, so demokratisch, und dann hatte er sich eine Feder auf den Hut gesteckt wie zu einer Alpenbesteigung. Schöner Jüngling das!
Alle diese Ärgerlichkeiten machten den Doktor allmählich ungeduldig, sollte er nicht aufstehen und sie lehren, ja, dieses Pack lehren! Natürlich war seine Stellung trotzdem fest, aber man war jetzt gerade nicht besonders ehrerbietig gegen ihn, ganz und gar nicht ehrerbietig. Hätte er nicht gegen die meisten Leute eine große Verachtung im Busen getragen, dann würde er sich ab und zu umgedreht und gefragt haben, was zum Kuckuck sie denn zu grinsen hätten, wenn er vorüberging?
Und da hatte ihm nun Konsul Johnsen in der letzten Woche eine lange Rechnung geschickt, der Johnsen am Landungsplatz, der Krämerpapa. Ja, er sollte sein Geld haben, sollte sobald wie möglich alle seine Groschen bekommen, bitte hier, in den allernächsten Tagen. Haha, der Doktor mußte lachen; er wollte das Geld durch die Post schicken, daß es alle sahen; wäre das nicht ein Streich! Und von diesem Tag und dieser Stunde an sollten alle Einkäufe in diesem Geschäft, in dieser Kneipe aufhören. Es war ja ein Ort, wo ein gewisser geachteter Bürger der Stadt nicht einmal sein ehrliches Gewicht beim Mehlkaufen bekam.
Plötzlich bekommt er eine Eingebung; er will mit dem Schreiner Mattis sprechen und etwas Näheres über den berühmten Mehleinkauf hören. Er sieht auf seine Uhr. Doch, es geht noch.
Einen so großen und vornehmen Besuch hatte der Schreiner Mattis nicht in seiner Werkstatt erwartet, und er führte den Doktor sofort in die Stube hinein. Sie ließen sich zwischen Sesseln und Schaukelstühlen und Etageren und Tischen mit dicken Plüschdecken nieder. Über dem Tisch in der Mitte hing die Hängelampe bis auf die Platte herunter, an den Wänden hingen Photographien von ausgewanderten Verwandten und ein Bild des Landtags vom Jahr 1884. Die Laubkränze auf dem Ofenkranz waren so trocken wie Papier. Es war eng und stickig in dem kleinen, überfüllten Raume, und eine Unterhaltung kam auch nicht recht in Gang. Mattis schien ganz anders geworden zu sein als früher, ganz und gar nicht aufgelegt.
Der Doktor sagte, er habe einen Wandschirm, der geleimt werden müsse.
Jawohl, der Schreiner würde ihn durch den Lehrjungen holen lassen.
„Der Wandschirm hat eines Tages bei offener Tür und offenen Fenstern im Zug gestanden, da warf ihn der Wind um, und da ging er natürlich entzwei.”
„Ja, das ist bald geschehen.”
„Aber es sollte nicht so sein, durchaus nicht. Es hätte kein Zug sein sollen. Die dummen Mägde sind schuld daran. Wie steht es bei Ihnen, Mattis? Ihr Haus wird vielleicht gut versorgt, aber Dienstmädchen sind eben Dienstmädchen.”
Mattis, plötzlich lebhaft, plötzlich hitzig, schüttelt mehrere Male heftig den Kopf, das konnte alles mögliche bedeuten, nur nicht ja. „Es ist alles gut versorgt worden, aber nun muß sie fort.”
„Muß sie fort? Warum denn?”
„Ich will nicht darüber reden. Die Frauenzimmer sind verrückt.”
„Wie heißt sie nur gleich?”
„Maren Salt. Schon recht alt, vielleicht fünfzig Jahre, aber trotzdem verrückt. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit! Sie blasen die Nüstern auf wie junge Fohlen.”
„Es wird bei Ihnen schon wieder in Ordnung kommen.”
„In Ordnung kommen? Da soll der Teufel in Ordnung kommen!” gibt der Schreiner erregt kund. „Es ist verbrieft und versiegelt,” fügt er hinzu.
Der Doktor will wieder gehen. Diese häuslichen Verhältnisse in einem Arbeiterheim interessierten den Akademiker nicht, und er fühlte sich durch die Ungezwungenheit des Schreiners gekränkt, sie waren keine Gleichgestellten. Aber er hatte ein Anliegen.
„Hört, Mattis,” sagt er, „haben Sie nicht bei Johnsen am Landungsplatz einmal falsches Gewicht bekommen?”
„Was?”
„Ich frage, weil andere auch dort dieses und jenes erfahren haben können.”
„Nein,” antwortete Mattis kurz und schüttelte den Kopf.
„Nein, sagen Sie?”
„Es war nicht beim Konsul, es war im Lagerhaus.”
„Ist Ihnen wirklich im Lagerhaus Ihr Mehl nicht richtig gewogen worden?”
„Der Oliver hat's getan. Kein anderer als der Oliver ist's gewesen. Ich versteh' aber nicht, warum Sie danach fragen; Sie müssen entschuldigen, Herr Doktor.”
„Wann wollen Sie den Wandschirm holen?” fragt der Doktor, indem er aufsteht.
„Sogleich. Augenblicklich. Und er kann morgen schon trocken sein. Ja, ich mache ihn gern zurecht. Bitte, diesen Weg, Herr Doktor!”