Die Weiber am Brunnen: Roman

Part 13

Chapter 133,805 wordsPublic domain

„Jawohl,” sagt der Postmeister, „nehmen Sie nur den Jungen, schicken Sie ihn von einer höheren Schule in die andere und machen Sie ihn in äußeren Fertigkeiten vollkommen. Er wird wiederkommen und seine Gegend erfreuen und den Leuten noch tiefere geistige Abmagerung einüben. Dagegen wird er das Geschrei bei ihnen nicht dämpfen, o keine Spur, und er wird sie noch weiter von aller Innerlichkeit wegbringen. Aber vielleicht war es nun gerade das und nichts anderes, zu dem er taugte, das weiß niemand. Er hat vielleicht in einer Reihe früherer Erdenleben sich so geführt, daß er in seinem jetzigen nicht höher steigen kann. Da muß denn der Urheber auf ihn und die Seinigen warten, bis eine Änderung eintritt, der geduldige Urheber, der genug Zeit, genug Ewigkeit vor sich hat.”

Der Postmeister haut also wieder über die Stränge, und der Konsul will Schluß machen. Warum war der Mann überhaupt hergekommen? Einer zufälligen Sorge wegen, nicht fürs nächste Leben, sondern für dieses. Etwas mehr Politik würde ihn gefesselt haben; er war eine große Stütze der Gesellschaft, die der Neid umstürzen wollte, die die Emporkömmlinge nachäfften, dem die Matrosen auf der _Fia_ nun wieder Ärger und Arbeit verursacht hatten -- welche Hilfsmittel sollte er nun dagegen anwenden? An sich selbst arbeiten? Der Postmeister war ein Narr!

„Ja ja,” sagt der Konsul, indem er aufsteht, „das ist alles für uns sehr verborgen, sowohl für dieses wie fürs nächste Leben, besonders also fürs nächste. Wüßten wir etwas Sicheres über das Jenseits, dann würden wir uns jetzt schon danach richten.”

„Es ist verzeihlich,” erwidert der Postmeister lächelnd, „wenn wir etwas irdische Neugier in uns tragen. Aber das, was vorderhand unser voriges Dasein betrifft, so hat wohl die Weltregierung ihren Grund dafür, wenn sie es uns verborgen hält. Dieses Dasein wäre vielleicht durch Missetaten so finster, daß die Erinnerung daran uns überwältigen und erdrücken würde. Das kann gut sein. In der ungewissen Hoffnung, daß wir uns doch nicht zum Allerschlimmsten aufgeführt haben, liegt dann eine Aufmunterung für uns.”

„Aber war es in diesem Falle notwendig, uns ganz von Anfang an so gebrechlich auszurüsten?” fragt der Konsul.

„Wenn wir davon ausgehen, daß das Leben in dem einen besteht: in Bewegung um eines Zieles willen, dann ist es unlogisch, anzunehmen, wir hätten von Anfang an der Hoffnung ermangelt, seien demnach ohne sie ausgerüstet gewesen. Aber das sind wir nun also nicht. Immerhin -- wie Sie sagen -- gebrechlich ausgerüstet können wir gut sein, um sozusagen einen langen Lauf klein anzufangen. Aber daß wir so voller Gebrechlichkeit dastehen, wie die Leute es tatsächlich sind, das werden wir wohl uns selbst zu verdanken haben: weil wir unsere Aussichten mißachtet haben -- --”

„Ja ja, ja ja!” unterbricht ihn der Konsul. „Was ich meine, ist, daß es nur zur Besserung in diesem Leben reizen würde, wenn wir gewiß wüßten, was wir im nächsten zu erwarten haben.”

„Wenn es uns dann nur nicht am Ende noch schlimmer macht, Herr Konsul, und es ist so schon schlimm genug. Meinen Sie, die Menschen würden sich einen Vorrat an Gutem erarbeiten, wenn sie die Gewißheit hätten, daß es nicht streng gefordert wird, und vor allem, daß es keine Eile hat? Der Mensch würde lieber darauf los leben, lieber auf Kredit sündigen, bis zum letzten Heller sündigen und sich viele Dasein zurückversetzen. Es würde noch schwerer sein, sich emporzuarbeiten, als es jetzt ist, noch leichter, sich hinunter sinken zu lassen. Im nächsten Dasein könnte er dann ganz vom Grund aus wieder neu anfangen. Alles wäre verloren, da wäre kein Garten, keine Blume, aber die Bewegung wäre noch da ...”

Als Konsul Johnsen danach in sein Kontor zurückkehrte, ging ihm alles wie ein Mühlrad im Kopfe herum; er mußte sich erst wieder fassen. „Theologie!” sagte der Postmeister mit einem spöttischen Lächeln, aber seine Reden waren doch wahrhaftig richtige Theologie! Der Konsul ärgerte sich über den ganzen Besuch, er war kein Nikodemus, der bei Nacht zu dem Meister kam, er war ausgegangen, um sich etwas zu zerstreuen, nicht um bekehrt zu werden. Das einzige Reelle, mit dem er zurückkam, war die Nachricht, daß der Doktor nach Havre an Scheldrup geschrieben hatte. Klatsch und Bosheit vielleicht, Intrigen, ein Fünfkronenbesuch bei einer Wöchnerin auf der Werft -- zum Kuckuck mit dem Doktor!

Der Konsul vergaß nicht, seinem Geschäftsführer Berntsen Auftrag zu geben, dem Apotheker fünfzig Flaschen Madeira zu schicken. Und ganz plötzlich mußte er wieder an den Postmeister denken. Gott bewahre mich, was muß dieses Mannes Frau an Geschwätz ertragen! Wie, wenn er auch Postmeisters fünfzig Flaschen Madeira als Geschenk zuschickte? Aber sie würden wohl mit dem Boten gleich wieder zurückgebracht werden.

Kein Zweifel, der Wein würde mit dem Boten sofort wieder zurückgeschickt werden -- der Konsul mußte über die fabelhaft genügsamen Menschen lächeln. An sich selbst arbeiten, wieso? Sah man jemals, daß man von der Vorsehung einen Dank dafür gehabt hätte? Wir haben einen Schmied Carlsen hier am Ort, einen gottesfürchtigen Mann, der strebt dem Guten nach und ist stille, tut niemand etwas Böses, schwatzt niemand halb zu Tode über die vielen Erdenleben -- er wird vom Unglück verfolgt, von häuslichen Sorgen, hat mißratene Kinder, einer der Jungen soll ein Landstreicher sein. Ist das Gerechtigkeit? Der Schmied Carlsen hat einen Bruder, den Polizei-Carlsen, einen alten Gauner, einen Fuchs mit einer reichen Frau, die ein Klavier besitzt, mit einem Sohn im Kirchendepartement, mit einer Tochter in der Schreudermission -- alles miteinander vielleicht, weil der Polizei-Carlsen _nicht_ an sich selbst gearbeitet hat?

Laßt uns für _uns_ selbst arbeiten!

14

Henriksen auf der Werft hoffte zu Gott, daß seine Frau es diesmal auch gut überstehen werde, obgleich sie sehr krank war. Es war eine vergebliche Hoffnung. Gerade ehe er zu Mittag nach Hause gehen wollte, bekam er die Nachricht. Er stand mitten unter seinen Arbeitern und vernietete einen Nagel; da ließ er Nagel Nagel sein, warf den Hammer weg und rief, indem er eilig davonging: „Geht es ihr viel schlimmer?” -- „Ja, sie liegt jetzt ganz ruhig da.”

Sie lag jetzt ruhig da. Am Morgen war der Doktor sehr hoffnungsvoll fortgegangen, im Lauf des Vormittags hatte man nach dem Pfarrer geschickt, aber er war zu spät gekommen.

So konnte es gehen.

Nun handelte es sich um das Begräbnis, um den Leichenschmaus, die Blumen, schwarze Kleider, die Flagge auf Halbmast; Henriksen mußte nicht alles allein besorgen, Lydia, die Frau des Fischer Jörgen, und Petra halfen ihm, aber er mußte doch seine Zuflucht zu starken Getränken nehmen, um alles durchmachen zu können. Es war um so schwerer für Henriksen, als seine Frau den ganzen schrecklichen Vormittag hindurch, wo sie mit dem Tode rang, nicht erlaubt hatte, daß man ihn holte; sie hatte ihn schonen wollen, sie war immer so gut gewesen. „Aber holet den Pfarrer!” hatte sie geflüstert; der war indes nicht mehr recht gekommen.

Da lag sie nun, gefällt mitten in ihrem Lauf, mitten in ihrer Gesundheit und Jugend, einige dreißig Jahr alt. Es war zu traurig, und obgleich Henriksens nur gewöhnliche Leute waren, die sich heraufgeschafft hatten, wollten ihr alle Honoratioren der Stadt die letzte Ehre erweisen. Ja, das wollten sie. Frau Konsul Johnsen sträubte sich ein wenig: „Wir sind nicht bei Kaufmann Davidsen gewesen, als er Konsul wurde,” sagte sie. -- „Nein, er sollte aber auch nicht begraben werden,” erwiderte ihr Mann. -- „Diese Henriksens,” sagte sie; „wir verkehren ja nicht mit ihnen, warum sollen wir sie da zu Grabe geleiten?” -- „Dann wird darüber geredet,” versetzte der Konsul.

Frau Johnsen gab nach, aber sie behauptete, dann sei sie wirklich sehr liebenswürdig. Die arme Frau Konsul Johnsen, sie bewegte sich im allgemeinen so wenig wie möglich und war in den letzten zwei Jahren immer schwerfälliger geworden, sie war überhaupt nicht für Leibesübungen geschaffen, o nein. Der Konsul dagegen hielt sich immer mit derselben anständigen Rundung und dem langsam ergrauenden und lichter werdenden Haar, er ging im Leichenzug mit hohem Hut und leuchtend gestärkter Hemdbrust.

Dieses große Trauergefolge tröstete Henriksen in gewissem Sinne, er verbeugte sich vor Konsul Johnsens und Doktors, überhaupt vor allen, strahlender, als er eigentlich gesollt hätte, und seinen kleinen Mädchen hatte er eingelernt, dankbar zu knicksen. Die Werftarbeiter trugen den Sarg, aber hinter ihm ging die ganze Stadt im Zug; Flaggen trauerten von jeder Stange, die Kirchenglocken läuteten. Sogar Olaus vom Wiesenrain war mit im Gefolge, und er erklärte auch jedermann warum: allerdings sei ihm auf dieser verdammten Werft die Hand abgerissen worden; aber Frau Henriksen sei immer in jeder Beziehung ein guter Mensch gewesen. „Eine verflixt brave Frau, Ehre ihrem Andenken! Du hast wohl nicht eine Prise Tabak?”

Und dort am Brunnen stehen jetzt ein paar Weiber mit den Händen unter der Schürze; sie sehen dem Zuge nach und besprechen leise all den Blumenschmuck und die ganze Festlichkeit. „Gott steh mir bei, da ist wahrhaftig auch Olaus vom Wiesenrain, der hat keine Scham im Leibe! Er weiß wohl, was er tut, die Getränke und Kuchen sind's, auf die er es abgesehen hat; seine blaue Nase hat das von weitem gewittert.” Und Henriksen würde ja ordentlich traktieren, das ist sicher; er war kein Geizhals, seine Arbeiter hatten frei, und alle Leute von der Stadt, die nur wollten, konnten sich an die langen Tische setzen, die in seinem Garten aufgestellt waren.

Oliver hinkte auch mit. Er trank nicht und brauchte sich nicht um einen Bissen Kuchen zu reißen; was er von Näschereien und Backwaren gerne aß, das kaufte er sich selbst. Aber Oliver ging mit, weil alle besseren Leute vom Ort mitgingen. An diesem Vormittag war ohnedies kein Umsatz im Lagerhaus, die Menschen waren wie weggeblasen. Oliver bürstete seinen Anzug aus, betrachtete sich genau im Spiegel, verschloß die Tür und ging mit.

Ein Gefolge von vier Konsuln und einer ganzen Stadt war nichts Alltägliches, ja selbst eine schwedische Brigg, die am Landungsplatz lag und Mehlwaren für Grütze-Olsen löschte, flaggte auf Halbmast.

Das konnte sie wohl tun, die Taglöhner waren fortgelaufen, das Bollwerk lag verlassen da. Diese Brigg hatte übrigens einen kranken Mann an Bord, und es wurde nach dem Doktor geschickt, der Doktor konnte indes erst nach dem Begräbnis kommen, dann aber würde er keinen Augenblick weiter verlieren.

Doch nun sieht der Doktor vom Kirchhof aus, daß die Brigg auf Trauer geflaggt hat, und ein Gedanke erfaßt ihn: der kranke Matrose ist vielleicht gestorben. Er hat Unglück mit Frau Henriksen gehabt, nun ist er ängstlich geworden; sobald es also einigermaßen geht, flüstert er Henriksen eine Entschuldigung zu und verläßt das Trauergeleite.

Er geht geradeswegs nach Grütze-Olsens Bollwerk und steigt an Bord der Brigg. Hier scheint alles ausgestorben zu sein, schließlich findet er einen Mann auf dem Mannschaftslogis, und er tritt auf ihn zu. „Ich bin der Doktor,” sagt er, „kann ich Ihren Puls fühlen?”

Der Schwede reicht seine Hand hin.

„Lassen Sie mich Ihre Zunge sehen!”

Der Schwede sperrt den Mund auf.

„Können Sie essen?”

„O ja, jawohl.”

„Schlafen?”

„O ja.”

Der Doktor behorcht ihm die Brust, beklopft sie, dreht den Mann um und beklopft ihm auch den Rücken. „Sie schwitzen stark. Wie steht es mit Ihrer Öffnung?”

„Nein, die sei nicht so ganz ausgezeichnet und habe ihn seit dem gestrigen Tage sehr geplagt, aber es würde schon vergehen, es sei schon besser.”

„Ja, das dürfen Sie nicht vernachlässigen,” sagt der Doktor.

„Wieso?”

„Sie dürfen nicht gleichgültig dagegen sein. Jetzt werde ich Ihnen etwas aufschreiben, das Sie in der Apotheke holen lassen können.”

„Warum denn?” fragt der Mann verwundert.

„Warum?” fragt auch der Doktor und sieht den Mann blödsinnig an.

O dieser verflixte Schwede, dieser Spaßmacher, trieb er seinen Spaß mit dem Doktor? Da erklärt nun der Mann mit einigen wenigen Worten, er sei gar nicht krank, sondern einer von seinen Kameraden.

„Was? Wo ist denn dann der Kranke?”

„Ja seht -- aber er war eigentlich auch nicht krank, er hat sich an einer Flasche geschnitten, und das hat stark geblutet. Als da der Herr Doktor nicht gleich kam, hat er sich selbst verbunden.”

Der Doktor war gekränkt, das war deutlich zu merken. Er sagte scharf: „Wo ist also der Kranke, frage ich, der Mann, der sich geschnitten hat?”

Er sei zum Doktor ins Haus gegangen, dort sitze er wohl und warte auf ihn.

Ehe der Doktor das Deck verließ, konnte er sich nicht enthalten, die folgende, grimmige Frage zu stellen: „Aber beim Satan, warum haben Sie sich denn dann untersuchen lassen?”

Aber auch darauf hatte der Mann die glaubwürdigste Antwort bereit; er sagte das Wort Quarantäne, sagte, er habe gemeint, die Untersuchung gelte nur allein dem allgemeinen Gesundheitszustand an Bord, sonst nichts.

Na, dann war er wohl kein Gauner und Spaßvogel, sondern ein anständiger Mann. Wäre nun der Doktor in ein Gelächter ausgebrochen und hätte ein paar lustige Worte gesagt, dann hätte er seinem Mißgriff den Stachel genommen; aber er tat das, was weit schlimmer war, er zeigte seinen Ärger, er knurrte und war bitter, und dadurch bekam das Vorkommnis eine Bedeutung. Der Schwede gab dann auch Antworten, das war nicht verwunderlich, er lachte auch höchst respektswidrig, und plötzlich richtete er sich in seiner Koje auf. Da ging der Doktor.

Die Geschichte sickerte in die Stadt hinaus, in die kleine Stadt, und dem Doktor wurden boshafte Erweiterungen der Geschichte, die ohnedies lächerlich genug war, nicht erspart. Alle, die ihm eine Nase gönnten, waren obenauf, und Konsul Johnsen zum Beispiel lachte zum erstenmal seit mehreren Tagen wieder recht herzlich.

„So ein Mensch, dieser Doktor,” sagt der Konsul zum Rechtsanwalt Fredriksen. „Er sollte es wahrhaftig nicht nötig haben, einen Kranken auszufragen, wie es ihm geht, das müßte er als Arzt selber sehen, oho, mit einem einzigen Blick. Er ist ein Narr. Na, und da fand er heraus, daß auch der Schwede Kindbettfieber hatte?”

„Ja, Gott weiß, ob es nicht ungefähr so war!”

„Haha, das ist köstlich. Kommen Sie mit herein, Herr Rechtsanwalt, und lassen Sie uns ein Glas auf eine gute Wahl trinken!”

Die Herren gehen hinein.

Mit einer guten Wahl meinte wohl jeder von ihnen etwas anderes, aber Konsul Johnsen war kein Fanatiker und eigentlich auch kein Politiker. Er war nur Stütze der Gesellschaft. Fanatiker und Politiker, er? Ach nein, vor mehreren Jahren hätte er mit der größten Leichtigkeit in den Landtag gewählt werden können, aber er schlug es aus, er hatte keine Zeit, und außerdem war er ja vorher Doppelkonsul und ein großer Mann. Später schlug der Wind allmählich um, in diesem Jahre würde er kaum genug Stimmen für sich bekommen, wenn er es auch gewünscht hätte, so fleißig hatte Rechtsanwalt Fredriksen in dem Kreise gewirkt. Und es war auch so gleichgültig, wer gewählt wurde, für E. A. Johnsen, den Doppelkonsul, würde es keine Veränderung bringen. Dieser Fredriksen gehörte ganz und gar nicht zu seinen Leuten, aber mag er gewählt werden, meinethalben gerne! Und in diesem Falle war es nicht so ganz unklug, wenn er ihm ein privates Glas Wein gab, so einem Emporkömmling könnte es ja einfallen, aus der Meuterei an Bord der _Fia_ eine große Sache zu machen. Na, meinethalben auch das gerne, bitte, der Doppelkonsul blieb deshalb doch der, der er war. „Aber warum nicht -- bitte noch ein Glas Wein, Herr Rechtsanwalt! Sie sind ein seltener Gast in meinem Hause.”

O, aber Rechtsanwalt Fredriksen wünschte gar nicht in diesem Hause ein seltener Gast zu sein, nein, das wünschte er nicht. Hatte er sich nicht in den letzten paar Jahren mit dem jugendlichen Gedanken getragen, in diesem Hause als Familienglied aus und ein zu gehen, als einer von den eigenen! Dies war gut verborgen vor der Welt, und es würde auch nicht ans Tageslicht kommen, solange er hier noch nichts war, nur ein Rechtsanwalt in einer kleinen Küstenstadt, aber die Wahlen -- die Wahlen konnten ihn vielleicht zum Sprechen bringen. Es kam darauf an.

„Fräulein Fia ist mit Gästen heimgekommen, wie ich gesehen habe.”

„Ja, das versteht sich!” erwiderte der Konsul nachsichtig. „Es sind auch Maler, Kollegen, zwei Stück. Wären wir nicht mit Lebensmitteln so gut versehen und hätten wir nicht soviel Platz im Hause, dann wäre guter Rat teuer gewesen.”

„Es sind junge Leute, können sie etwas?”

„Das weiß ich nicht. Doch sicherlich. Man spricht viel von ihnen und schreibt auch über sie. Und sie bringen ordentlich Leben ins Haus.”

„So?”

„O, sie verkünsteln sich am ganzen Hause; der eine malt meine Frau, der andere mich, wir sitzen ihnen; stocksteif sitzen wir. Das schlimmste ist, daß meine Frau in ihrem höchsten Staat ist, sie ist so eifrig dabei, daß sie jetzt vormittags und nachmittags sitzt, und so trägt sie jetzt immer ein ausgeschnittenes Seidengewand. Heiraten Sie niemals, Herr Rechtsanwalt!”

„Sagen Sie das?”

„Dann bekommen Sir Frau und Kinder, lauter Ausgaben, haha!”

Na, das war nun Großtuerei, und dem Rechtsanwalt gefiel dieser Ton nicht. Es war eine Unverschämtheit, anzudeuten, er, der Rechtsanwalt sollte von jetzt an unverheiratet bleiben. Warum denn? Nichts als Ausgaben? Der Rechtsanwalt dachte nun wohl im stillen, der Konsul zum Beispiel habe durch seine Heirat durchaus nicht verloren; Frau Johnsen hatte die solide Mitgift gehabt und hatte den Mann von Anfang an in Gang bringen können. Warum hätte er denn sonst Johanna Holm genommen? Sie war keine Schönheit und kein Licht. O nein, Herr Doppelkonsul, du wärest ohne deine Frau bis auf den heutigen Tag ein Kleinkramhändler und nie Johnsen am Landungsplatz, vergiß das nicht! Aber gerade an das erinnerte sich der Konsul sehr ungern; der Doktor hatte ihn in seiner gewohnten stichelnden Art einmal daran erinnert, und von diesem Augenblick her schrieb sich die Feindschaft zwischen den beiden. Dagegen vergaß es Frau Johnsen niemals, obgleich sie durchaus nicht immer darüber redete und ihren Mann damit quälte. In jüngeren Tagen, wo sie den Mann ein paarmal in unvorsichtigem Geschäker mit den Dienstmädchen ertappt hatte und sich von ihm scheiden lassen wollte, hatte sie das Ihrige zurückverlangt; da aber das Geschäft ihre Unterstützung nicht entbehren konnte, mußte ihr Mann lernen, vorsichtiger zu sein, einen andern Weg konnte er nicht einschlagen.

Der Rechtsanwalt hätte deshalb jetzt eine hinterlistige Antwort geben und den Konsul dadurch noch zahmer machen können; aber er wagte es nicht, es war auch gar kein Grund dazu da, wenn er im guten seinen Zweck erreichen konnte. Er zitierte deshalb: „Heirate und du wirst es bereuen! Aber es ist wohl dasselbe wie mit dem Tode, wir müssen alle diesen Weg gehen.”

„Sie auch, Herr Rechtsanwalt? Ja ja, es ist nicht zu spät. Ja ja, es ist natürlich auch für Sie noch nicht zu spät. Prosit!”

Der Rechtsanwalt trank und schwieg. Zu spät? Er war jedenfalls ein gut Teil jünger als der Konsul, der immer noch ringsum eifrig auf Eroberungen aus war. Der Konsul verstand vielleicht nicht, daß er hier einem Manne gegenüber saß, der in den Landtag gewählt werden konnte, sein Ton war ein wenig zu sehr von oben herab.

„Im gegebenen Falle hab' ich nicht im Sinn, zu warten, bis es zu spät ist,” sagte Fredriksen. „Wir müssen es ja alle vermeiden, unsere Altersgrenze zu überschreiten!” -- So, da hatte er es dem Konsul gegeben!

Der Rechtsanwalt ging. O meinethalb, bitte auch das! So, er würde in den Landtag kommen, ein Mitglied des großen Haufens, vom Elternrat des Landes. Nein, da war der Konsul doch lieber der, der er war! Er hatte seinen Humor und seine Arbeitslust wiedergefunden, hatte den fremden Regierungen seine Rapporte geschickt, hatte sich seine Haltung in der Matrosenaffäre zurechtgelegt, sich auch dem Doktor gegenüber ein festes Auftreten vorgenommen; er wollte sich zornig anstatt ängstlich zeigen und schaffte sich in eine Art kriegerischen Willen hinein -- jawohl, es komme, was da kommen will!

War das nicht recht viel?

Und während all diesem war er der liebenswürdigste Wirt den Gästen seiner Tochter gegenüber; er unterhielt sich mit ihnen und saß ihnen Modell, versah sie mit Wein für die Waldausflüge sowie mit Süßigkeiten vom Ladengeschäft, war sehr freundlich gegen sie und schickte jedem ein gelbseidenes Halstuch, wenn sie bis zum späten Abend im Garten draußen schwärmten.

Der Konsul sah sehr wohl ein, daß seine Fia, wenn sie Gäste von dieser Art mit heimbrachte, es nur tat, um ihnen auf eine andere Art zu helfen, als nur ihre Bilder geradezu zu kaufen. Sie war keine billige Dame. Er mußte ja die Porträte von sich und seiner Frau behalten, und er durfte nicht einmal nach dem Preis fragen, sondern mußte ihnen eine Summe überreichen. Hätte er es wohl anders machen können?

Das konnte übrigens einerlei sein, der Konsul rechnete nicht so genau, er war im Gegenteil ein wenig stolz darauf. Es war ja in der Stadt bekannt geworden, was diese jungen Herren taten, ja, es war nicht nur in seiner eigenen kleinen Stadt bekannt geworden, sondern auch in der Hauptstadt. In den Zeitungen hatte gestanden, daß die beiden jungen Künstler sich zurzeit bei Konsul Johnsen, dem Matador der Küste, aufhielten, um die Porträte der Familie zu malen.

„Warum setzen Sie mich in die Zeitung?” sagte er göttlich scherzhaft zu den Künstlern. „Ich will keinen Skandal haben,” sagte er. „Und im übrigen sind Sie im geheimen hier bei mir, vergessen Sie das nicht! Kommt es heraus, daß Sie mich und meine Frau malen, muß ich bloß mehr Steuern bezahlen!”

Ha, wie er mit den jungen Leuten reden und von oben herab dabei lächeln und sich ihre losen Streiche erzählen lassen konnte! Sie verfielen auf keine gefährlichen Dinge, es waren anständige Burschen, soweit er es beurteilen konnte, aber der Teufel mochte ihnen allzuviel trauen, hehe! Sie fuhren ja auch hinaus in das Sommerhaus und trieben dort allerlei Kurzweil, unter anderem malten sie in einer Nacht den Rappen grau an. Ob es nun echtes oder gut gespieltes Entsetzen war -- der Hofjunge verlor am Morgen eine gute Weile den Verstand und fand ihn erst wieder, als er einen Fünfkronenschein bekam mit dem Auftrag, die Wasserfarbe von dem Pferde abzuwaschen.

Aber nun Fia, dachte sie an einen von den jungen Männern, war sie, sozusagen, verliebt in sie? Das müßte dann auf eine ruhige, ja eine gar zierliche Art sein. Sie war freundlich und kameradschaftlich gegen sie, aber immer mit etwas Vorbehalt, niemals vergaß sie, innerhalb der Schranken zu bleiben. Die Maler pflegten sie die Comtesse zu nennen. Gegen diesen Spitznamen hatte sie ihrerseits nichts, es war ein ganz passender Spitzname, sie kam sogar gut dabei weg; und verdiente sie ihn etwa nicht? Die Tochter ihres Vaters, aus einer annähernden Stadt, aus dem vornehmsten Hause, Künstlerin, eine poetische Dame, ein Talent -- wie sollten andere bestehen, wenn man davon reden wollte! Alice Heiberg, auch eine Konsulstochter, aber ohne besondere Talente, nur in der Haushaltung und den täglichen Pflichten erzogen, Grütze-Olsens Töchter, die das Zeug hatten, tüchtige Mädchen zu werden, aber von törichten Eltern, die sie vornehm machen wollten, gründlich verzogen wurden! Wer war sonst noch da? Die zwei kleinen Henriksens auf der Werft waren noch zu neu, nur Kinder, und aus ihnen würde übrigens auch sicherlich nie etwas Rechtes werden.

Fia war die Comtesse, groß und gertenschlank, von feinem Wesen, vollkommen recht und richtig. In den letzten zwei Jahren hatte sie sich große Hüte und etwas lebhaftere Farben zugelegt, aber nichts Übertriebenes, nur so viel, als ihr gut stand. Wenn sie wie ein Maler angezogen auf der Straße ging, war es nicht verwunderlich, daß ein anderer Künstler, der Postmeister, an einem Schaufenster stehen blieb und sich über Fias Anblick freute.