Part 10
Er kämpfte sich durch den Winter hindurch. Daheim hielt er sich gerade nur die Nacht auf, am Tage hatte er Schule und ab und zu eine todlangweilige Aufgabe zu machen, am Abend versah er seinen Dienst beim Stadtingenieur. Der kleine Streiter, gut, daß er es durchmachte! Frank, sein Bruder, ging ja seinen geraden Weg ohne jegliche Schwenkung -- welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Er war fortgesetzt ein tüchtiger Schüler und behauptete seinen Freiplatz, er war das Licht, alle sahen seinen Glanz, und alle begriffen, daß dies etwas Außergewöhnliches war. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern, es war, als seien sie gar nicht von demselben Stamm. Jawohl, Frank hatte dieselben Eltern, aber wahrlich, seine Eltern schienen nicht mit ihm verwandt zu sein. Auch daheim in der Stube war er eigen, sehr wählerisch, sehr ernst und fleißig, gegen Abel tat er unerträglich erwachsen: „Das solltest du in diesem Alter wissen,” konnte er im Ton eines Schulmeisters sagen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, Abel unnötig deutlich gewisse Höflichkeiten einzuprägen: „Wenn der Lehrer in die Klasse hereinkommt, mußt du aufstehen und grüßen, und wenn du das getan hast, darfst du nicht stehen bleiben, sondern mußt dich wieder setzen.” -- „Affe!” sagte Abel.
Als Frank sein Examen in der Mittelschule gemacht hatte, handelte es sich darum, was er tun solle. Was er nun tun solle? Dasselbe wie vorher, was sonst! Konnte man hingehen und das scheinende Licht auslöschen? Das würde nicht mit dem guten Willen des Betreffenden geschehen. Aber während Franks Schicksal entschieden wurde, rieten ihm der Schulvorsteher und der Doktor mit andern jungen Leuten, die auch zuviel studiert hatten, einen stärkenden Ausflug ins Gebirge zu machen. Ehe er abzog, wog er seine Reisetasche auf einer Wage, nahm da etwas weg, legte dort etwas dazu, um das richtige Gewicht zu bekommen; er wog auch seine Schuhe in der Hand und fand sie unerlaubt schwer.
Wäre nun Abel auch so fleißig gewesen und hätte sich halbtot studiert, so hätte er bei diesem Gebirgsausflug auch nicht fehlen dürfen, er hätte ihm außerordentlich gut getan und ihn tüchtig gekräftigt. Aber Abel war nicht von der Art, nein, das war er nicht, und zur Zeit war er überdies in Leid und Untätigkeit versunken.
Eines Tages sagte Eduard zu ihm, nun müßten sie wieder hinausrudern, es kämen große Merlanschwärme dahergezogen. Abel zeigte sich niedergedrückt und zu nichts aufgelegt, der Kamerad brauchte eine ganze Stunde, um ihn zu überreden. Und trotzdem ging Abel nicht ohne weiteres mit. Die Sache war nämlich die: Abel fiel es über die Maßen schwer, eine Verbindung abzubrechen und von einem Ort Abschied zu nehmen; und wenn er jetzt wieder mit Fischen anfangen sollte, dann mußte er seine Stelle beim Stadtingenieur aufgeben. Er hatte da eine elende Bezahlung bekommen, und er hatte wenig Geld, aber es hatte in diesem Haus dicke Butterbrote gegeben, und alle waren freundlich gegen das Eichhörnchen gewesen; konnte Abel da einfach hingehen und Lebewohl sagen? Er wußte, er konnte es nicht tun, ohne daß sich ihm das Herz im Leibe umdrehte, und so schob er es von einem Tag zum andern hinaus.
Da wurde Eduard böse und sagte, er werde schon einen andern Kameraden finden.
„Ach so! Aber wo willst du ein Boot hernehmen?” fragte Abel.
Ja, da wurde Eduard wieder zahm; denn es handelte sich ja um Abels Boot -- Olivers Boot.
Und zum erstenmal seit langer Zeit konnte nun Abel ein wenig triumphieren, konnte er nun auf der Straße erwachsen ausspucken und sich als mehr denn ein Nichts fühlen. Das konnte Eduard ganz gut tun, diesem Bruder von Klein-Lydia.
Überdies hing Abel ja auch an seinem alten Kameraden, und als er sich die Sache ordentlich überlegt hatte, machte er ernst und verabschiedete sich bei Stadtingenieurs. Es wäre auch einigermaßen gut abgelaufen, wenn ihm nicht die Hausfrau gar so mütterlich die Hand gedrückt und gesagt hätte: „Armer Abel, du hast so eine kleine magere Hand!” Ganz geblendet von Tränen kam er auf die Straße hinaus.
„Hoho!” rief ihm da einer zu, „hast du da drinnen Haue bekommen?” Es war der Zeichenstift.
Dann saß er also wieder auf der Ruderbank und kam allmählich wieder zu sich. Seht, er war die reine Landratte und ein ganzer Pferdeknecht geworden, jetzt legte er dem Boote Zaum an und fuhr dieses, und wenn ein ordentlicher Seegang war, saß er wieder mit zwei Zoll Körper auf einer scharfen Kante und balancierte. O ja, das waren wohlbekannte Dinge, die Kameraden hatten wieder das Leben vor sich und verdienten wieder Bargeld. Der Kaufmann Davidsen war ein neuer, netter Kaufmann, mit dem ließ sich gut handeln, er verkaufte ihnen herrliche Fischleinen und nahm dafür Fische als Bezahlung. Kein Fischer war jetzt besser ausgerüstet, als die beiden Jungen. Nachdem eine Woche vergangen war, konnte Abel einen Wagen sehen, ohne von ihm in Versuchung geführt zu werden.
Aber trotzdem quälte ihn die Erinnerung an Klein-Lydia noch lange; er machte Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen, und erwähnte sie niemals. Nein, aber er brachte Eduard dazu, von ihr zu sprechen, ihren Namen auszusprechen, wenn auch nicht mehr. Abel fragt:
„Ist das nicht Alice, die dort drüben geht?”
„Wo?”
„Dort. In dem gelben Kleid.”
„Nein. Es ist Klein-Lydia.”
In alten Tagen war er damit betraut worden, schwere Sachen für sie zu tragen, wenn sie Besorgungen gemacht hatte und er ihr begegnete, jetzt war das vorbei, er bot sich auch nicht mehr dazu an. Laß sie laufen! Und besonders jetzt, wo die Tanzlehrerin wieder in die Stadt gekommen war und Klein-Lydia in die Tanzstunde ging, was Abel nicht tat; nun waren ihre Wege erst recht geschieden. Das Schicksal hatte eingegriffen.
Nach vierzehn Tagen dachte keiner von den beiden Jungen mehr an etwas anderes als ans Meer. Abels Kriegsschule konnte ganz gut sein, und sie besprachen auch diesen Plan miteinander; aber später hörten sie, daß eine Kriegsschule wieder gleichbedeutend mit Lehrern und Aufgaben war. O nein, wenn sie nur erst konfirmiert waren, dann verheuerten sie sich und gingen auf See. Das war das einzige für einen Mann.
„Wem sollen wir heute Fische liefern?” fragt Eduard.
„Heute nehm' ich das Bündel mit nach Hause,” erwidert Abel.
„Willst du keine verkaufen?”
„Nein. Mein Vater sagte, ich solle für heut abend zum Kochen mitbringen, weil Frank heimgekommen ist.”
Eduard sitzt eine Weile in Gedanken versunken da, dann sagt er: „So, ist er heimgekommen? Was meinst du, wenn Frank Pfarrer wird, dann kann er uns verdammen.”
„Uns verdammen? Kann er das?”
„Ja, denn dann lernt er das Beschwören.”
Frank wurde eine Art mystische und halb gefährliche Erscheinung für die beiden. Es hätte keinen Sinn, wenn man sich mit ihm überwürfe.
11
Was ist das für ein neuer Schild, der über Konsul Johnsens Kontortür angebracht wird? Wieder ein Schild oder ein Wappen, war er geradezu adlig geworden? Belgischer Konsul war er geworden.
Die Leute hatten wohl gemerkt, daß er mit etwas Besonderem beschäftigt war, nun war es also wohl das gewesen, nämlich noch einmal so viel zu werden, als die andern Konsuln am Ort.
Und das hatte sehr viel zu bedeuten: noch ein Wappen am Hause, Frau Johnsen noch einen Ring am Finger mit einem Stein darin!
Als der Schulvorsteher das neue Schild betrachtet und entziffert hatte, schlug er sich den Staub von seinem abgetragenen Rock weg und ging hinüber in das Doppelkonsulat. Wenn er jetzt die Gelegenheit benützte, eine Unterredung mit dem Herrn Konsul zu bewerkstelligen, so war das wirklich recht schlau gemacht.
Er gratulierte mit wohlgesetzten, ehrerbietigen Worten. Der Herr Konsul sei also von einer weiteren Regierung zum Vertrauensmann ausersehen worden.
O ja, allerdings. Übrigens sei da nichts als Arbeit und auch keine so kleinen Ausgaben mit verbunden. Aber man könne sich dem nicht gut entziehen. „Doch um auf etwas anderes zu kommen, so möchte ich Ihnen, Herr Schulvorsteher, für meine kleine Fia bestens danken. Ich bin froh, daß das Examen überstanden ist. Es hätte ja etwas besser ausfallen können, aber das ist nun nicht zu ändern, sie soll ja auch nicht Lehrerin werden.”
Sie sprechen weiter über dieses Thema: jawohl, Fia könnte gut Lehrerin werden, in mehreren Fächern andere unterrichten. Warum nicht? „Und nun Herr Konsul, komme ich zu Ihnen als dem Ersten in allem miteinander, ich habe ein Anliegen an Sie.”
„Nun?”
„Ein ernsthaftes Anliegen. Es handelt sich um einen Schüler, der in seiner glänzenden Entwicklung nicht aufgehalten werden und zugrunde gehen darf. Es ist Frank, der Sohn von Oliver.”
„Was ist mit ihm?”
„Sie haben ihn ein Jahr ums andere gekleidet, und Sie haben für die ganze Familie Ihre große Teilnahme bewiesen --”
„Durchaus nicht!” unterbricht ihn der Konsul.
Der Schulvorsteher sieht den Konsul verwundert an, dann sagt er: „Zuerst haben Sie seine Mutter gehabt --”
„Im Dienst. Jawohl, Petra, sie hat bei uns gedient.”
„Ja. Und dann haben Sie dem Vater sein Auskommen gegeben. Deshalb meine ich, Ihre Wohltaten gegen die Familie sind sehr groß und sehr zahlreich gewesen. Aber jetzt braucht Frank Hilfe, er braucht sie sofort höchst notwendig, helfen Sie ihm also weiter, Herr Konsul!”
Zuerst war der Konsul durchaus nicht entzückt über dieses Ansuchen, im Gegenteil, er runzelte die Stirne. Er war der Erste in der Stadt, jetzt war er so hoch gestiegen, als er überhaupt steigen konnte, und so hatte er wohl keine Lust, noch größer zu sein, als er war; deshalb sagte er:
„Wenn Sie meine Wohltaten aufzählen -- wie Sie sie freundlicherweise nennen -- meinen Sie dann, das sei ein weiterer Grund, wieder zu mir zu kommen?”
„Wir möchten so gerne den ersten Namen der Stadt obenan haben, dann versuchen wir es bei andern. Aber wir sind uns ganz bewußt, daß wir jetzt -- ja, daß wir jetzt -- die Hilfsbereitschaft eines Mannes mißbrauchen, dem es sehr schwer fällt, nein zu sagen.”
„Was soll denn der Junge werden?”
„Er kann werden, was er will, so fleißig und strebsam, wie er ist. Ganz besonders leicht fallen ihm die fremden Sprachen.”
Der Konsul überlegt, er starrt in die Luft und überlegt, dann tut er den merkwürdigen Ausspruch: „Es könnte mißverstanden werden, wenn ich der Familie noch weiter helfen würde.”
„Mißverstanden?”
Nun ändert der Konsul seinen Ton, der Schulvorsteher hat also nicht einmal etwas von einer gewissen Backpfeife gehört. Er sagt deshalb: „O ja, es wird geklatscht, man entblödet sich nicht. Es heißt, ich tue meine kleinen Wohltaten aus lauter Prahlerei,” sagt der Konsul.
So etwas hat der Schulmeister noch nie gehört, niemals. „Ach, aber darüber müßte ein Mann wie Sie, Herr Konsul, erhaben sein, himmelhoch darüber stehen müßten Sie. Alle besseren Elemente in der Stadt sind auf Ihrer Seite.”
Sie beraten weiter darüber, der Konsul ist immer noch nicht ganz beruhigt wegen möglicher Klatschereien, wegen der allgemeinen Beurteilung, aber schließlich gibt er nach und sagt: „Ja -- eine Handreichung muß ich wohl gewähren.”
Jetzt war vielleicht der Schulvorsteher ein wenig unruhig geworden, aber er gibt seinem Gefühl in vorsichtiger Weise Ausdruck. „Tausend Dank, Herr Konsul, ich wußte es ja, daß ich nicht mit leeren Händen abziehen müsse. O, hier ist Gelegenheit für Leute von Macht, Größe zu zeigen. Sonst gehen diese ungewöhnlichen Anlagen für das Geistesleben und das Land verloren.”
„Ja, sagten Sie denn nicht, Sie möchten eine Handreichung?” fragt der Konsul.
„Doch. Allerdings, in einem Umfang, den Sie Handreichung nennen, Herr Konsul. Es handelt sich also um eine jährliche Unterstützung während der Studienzeit des Jungen.”
Nein, so weit zu gehen, daran hatte der Konsul wohl noch nicht gedacht. Er sagt: „Ach so!” und schüttelt den Kopf.
In diesem Augenblicke klopft es mit einer behandschuhten Hand an die Tür. Frau Konsul Johnsen tritt ein und sagt: „Entschuldige, ich gehe gleich wieder.”
Ach, war es nicht das Schlimmste, was dem Konsul widerfahren konnte, daß gerade jetzt seine Frau dazu kam! Und der Schulvorsteher mußte sie ja in seiner Einfalt sofort in den großen Plan über den Jungen Frank einweihen. „So,” sagte Frau Johnsen; „ach so,” sagte sie.
Aber gerade ihre Gegenwart sollte dem Plane zugute kommen. Auch Frau Johnsen hatte an diesem Tage, wo sie noch einmal so viel geworden war als andere Frauen, etwas Großes im Sinne, sie sah ihren Mann an und sagte: „Ja, hier wirst du wohl eintreten müssen.”
Da fühlte sich der Konsul merkwürdig erleichtert, er hatte also ganz einfach seine Frau als Verbündete bei einer Wohltat gegen die Familie Oliver. „Es ist ein großes Glück, wenn man eine verständnisvolle Frau hat,” sagt der Konsul. „Ich wollte gerne hören, wie du darüber denkst, Johanna.”
„O, die gnädige Frau kennen wir schon!” rief der Schulvorsteher aus.
Ertrug sie das nicht, ertrug sie so etwas nicht? Sie wurde ganz verdutzt und fragte: „Hat der Junge seinen Taufbund erneuert?”
„Er soll jetzt konfirmiert werden. Und dann soll er gleich aufs Gymnasium kommen; das ist die Absicht.”
Der Konsul fragt: „Wen wollen Sie außer mir noch für diese Sache gewinnen?”
„Die beiden Konsuln, Olsen und Heiberg --”
„Dafür bin ich nicht,” wendet Frau Johnsen ein.
„Nein, nein, vielleicht nicht. Dann hatten wir an Rechtsanwalt Fredriksen gedacht. Er ist der Besitzer von Olivers Haus, er müßte zu dem Zweck dieses Haus schenken können.”
Aber nun fühlte sich Konsul Johnsen durch die Haltung seiner Frau wahrhaftig so weit unterstützt, daß er die Achseln zuckte und sagte: „Ach, so ein Rechtsanwalt! Er politisiert immerfort und will in den Landtag gewählt werden. Mag er das weiter treiben, zu viel anderem taugt er wohl kaum.”
Dazu lächelte der Schulvorsteher und gab seine Zustimmung zu erkennen. Aber dann nennt er Henriksen, ja, sie wollten versuchen, auch Henriksen zu gewinnen.
„Welchen Henriksen?” fragt Frau Johnsen.
„Henriksen auf der Werft.”
„Na der!” ruft Frau Johnsen.
„Ja, darüber ist weniger zu lächeln,” sagt der Konsul, um seine Frau etwas zurückzuhalten.
Aber Frau Johnsen kann wohl heute nicht viel ertragen, und so erträgt sie auch keinen Hemmschuh, ihr Ausdruck wird kühl.
Der Konsul fährt fort: „Nein, das Entscheidende ist, daß gar nicht gesagt ist, was Henriksen überhaupt zum Weggeben hat.”
Frau Johnsen fällt ein: „Freilich, das wissen wir nicht. Aber wir haben auch keinen Verkehr mit ihnen.”
Der Schulvorsteher sitzt wie auf glühenden Kohlen, bis er die Sache wieder in Ordnung hat. Alle drei reden über Henriksens auf der Werft und stimmen miteinander überein, daß sie in ihrer Art ganz gute Leute seien, aber etwas aus dem Rahmen fallen, etwas unkultiviert seien, und daß der Mann gern ein Glas trinke.
„Nun,” sagt Frau Johnsen schließlich, „ich wollte mir nur rasch eine Banknote bei dir holen.”
Der Konsul tritt an seinen Geldschrank. „_Eine?_” sagt er fragend.
„Ja, wenn sie groß genug ist.”
Als Frau Johnsen gegangen ist, setzt sich der Konsul wieder und beratschlagt nun mit dem Schulvorsteher. „Eine jährliche Unterstützung, ja,” sagt er. „Das war es übrigens auch, was ich vorhin mit einer Handreichung gemeint hatte. Haben Sie schon mit dem Doktor über diese Sache gesprochen?”
„Ja. Und er will auch nach Kräften dazu beisteuern. Aber er hat wohl nicht viel.”
„Was wird er haben! Nein, nun hören Sie, ich kann es ebensogut gleich sagen: ich bestreite diese Ausgaben. Sie können heimgehen und ruhig schlafen, Herr Schulvorsteher.”
„Aa!”
„Ja, ich tu's,” sagt der Konsul, indem er aufsteht. „Ich werde diese Handreichung, diese jährliche Unterstützung allein bestreiten.”
Der Schulvorsteher stand auch auf und murmelte überwältigt: „Hier erkenne ich Sie wieder, Herr Konsul.”
Und seht, nun brauchte also der Junge Frank nicht wieder in seine Umgebung herabzusinken, nicht zurück in das Dunkel, aus dem er hervorgegangen war. Alles kommt in Ordnung, der Schulvorsteher konnte triumphieren, konnte jedes bessere Element auf der Straße anhalten und ihm die Neuigkeit berichten, er konnte persönlich zu Olivers hingehen und sie kundtun. Das war ein glücklicher Tag für ihn, es war, als habe er selbst einen wohlüberstandenen Examenstag noch einmal hinter sich, für ihn gab es keine größeren Freuden, als wenn er auf diese Weise Gutes tun und die Überlegenheit des Unterrichts und der Bücher feststellen konnte, das war sein Beruf und seine Leidenschaft. Eine Leidenschaft muß der Mensch haben, manche trotzen Feuer und Wasser, um Zeitwörter biegen zu dürfen.
Der Schulvorsteher begegnete einer Schar Schuljugend, die von einem Gebirgsausflug zurückkam. Die Schar war ermüdet von ihren Anstrengungen, mit wunden Füßen, sonnverbrannt, von bösen Ochsen und Bauern geärgert, kamen sie daher. Der Schulvorsteher wird schon von weitem erkannt, die Schar nickt ihm zu, begrüßt ihn. Die größten der Kinder sind ihn nun los, er hat die Tortur während der ganzen Zeit ihres Heranwachsens geleitet, aber es war nur zu ihrem eigenen Besten, er rüstete sie aus fürs Leben, rüstete sie aus für Ackerbau, Fischfang, Viehhaltung, Handel, Industrie, Kunst, Familienleben, Träume und Gottesverehrung; aber jetzt sind sie frei von ihm, sie haben ihr Examen hinter sich, nun sollen sie ihre Rüstung im Kampf erproben. Da gehen sie nun hin und verwahren gewissenhaft in ihrem kleinen Gehirn den Flächeninhalt der Schweiz, die Jahreszahlen der punischen Kriege, sie stürmen ins Gebirge mit folgender Naturwissenschaft im Herzen: Fische sind Wirbeltiere! Sie hinken heimwärts mit ihrer ersten Erfahrung von einem matten Blutumlauf. Der Schulvorsteher begegnet ihnen, begegnet diesen Kindern, für die es vielleicht viel besser gewesen wäre, wenn sie etwas vom wirklichen Leben gekannt hätten; er selbst ist ein alter Mann mit dem Gehirn eines Konfirmanden, er ist halbverhungert und abgerackert, sein Rock hängt an ihm herunter wie von einem Kleiderträger, der Aufhänger steht ihm im Nacken heraus; aber da schreitet er einher, der Vorsteher der Schule, der Vorsteher des großen steinernen Schulhauses.
„Nun, wie ist es euch auf dem Ausflug ergangen?”
„Soso, Ochsen, Bauern --”
„Darüber muß man erhaben sein, himmelhoch darüber erhaben. Wollt ihr eine erfreuliche Neuigkeit hören?”
„Ja, ja!”
„Frank kommt aufs Gymnasium!”
Einige von den Kindern sind so klug, zu tun, als sei dies die erfreulichste Neuigkeit, die sie hören könnten, andere sind gleichgültig, einige neidisch. Seht, für den Reinert in Kniehosen ist es leicht, Freude zu bezeugen, er, der das von den Fischen weiß und überdies ausgesprochenes Sprachtalent hat! Frank in eigener Person ist nicht ohne Interesse für die Neuigkeit, sein sonnverbranntes Gesicht wird einen Augenblick noch dunkler, aber er sinkt nicht auf die Knie nieder. Nein, denn er hat auch früher schon Geschenke bekommen, es ist ihm die ganzen Jahre über von andern vorwärts geholfen worden, er ist nie gezwungen gewesen, selbst Auswege zu finden; es würde sich schon machen, alles würde schon in Ordnung kommen! Und jetzt sollte ihn eine besonders große Freude durchzucken? Frank durchzucken? Der Junge ist ja niemals froh gewesen, keinen einzigen Tag in seinem Leben. Er ist strebsam in der Schule gewesen und fühlte sich befriedigt, weil die Menschen seinen Fleiß und seinen Ehrgeiz hochachteten, das war alles. Nein, er kennt die leidenschaftlichen Ausbrüche nicht, er ist nie droben, hoch droben gewesen und dann heruntergestürzt, ist nie auf den Boden gesunken und wieder nach oben geschwommen, er hat sich keiner Gefahr ausgesetzt und hat nie etwas abzuwehren gehabt; anstatt sich aus einer Klemme herauszubringen, vermied er es, in eine hineinzukommen. Klug getan, aber erbärmlich getan. Gott hat ihn zum Philologen ausgerüstet.
Er verabschiedet sich von den andern und geht heim. Da bekommt er frische Fische zum Abendbrot, etwas, das ihm wahrlich not tun kann. Der Vater ist schon heimgekommen, Abel sitzt ausnahmsweise auch einmal im Schoße der Familie; der alte, ausgediente Kater schnuppert und läuft im Kreise herum, immer näher zum Fischgericht heran und miaut.
Es war, als sei etwas Fremdes in die Stube hereingekommen -- Frank, als eine noch merkwürdigere Person denn sonst. Jetzt sollte er konfirmiert werden und dann fortreisen. Die Großmutter ist stumm darüber und ist gegen ihn schon wie ein sündiges Gemeindelamm gegen den Pfarrer. Vielleicht dachte sie, könnte es einmal von Nutzen sein -- im Beichtstuhl.
Oliver sitzt am Tisch mit dem kleinsten Mädelchen auf dem Schoß und Petra mit dem vorjüngsten, dem blauäugigen; alle essen. Oliver ist wahrhaftig etwas niedergedrückt; er plaudert mit der Kleinen, um es etwas weniger feierlich zu machen: „Sie ist so klein,” sagt er, „und Vaters kleines Mädchen ist sie, sie ist nicht gefährlich und groß, nur ein liebes kleines Ding. Wem sein Mädelchen bist du? Vaters, ja das wußt' ich.” Dazwischen steckt er dem Kind eine Rübe in den Mund, sorgt aber sonst für sich selbst. O, Oliver kann tüchtig essen, wenn Petra ihm gegenüber nicht fest hinsteht. „Ja ja, für die heutigen Fische haben wir uns bei Abel zu bedanken,” sagt er.
Als ob das etwas Wichtiges und nicht etwas ganz Gleichgültiges gewesen wäre!
Petra ist von dem hingenommen, was dem Hause widerfahren ist, und sie bringt Frank dazu, ihr auf ihre Fragen Rede und Antwort zu stehen.
„Das Gymnasium,” sagt Oliver und nickt ihr zu, „ja, das ist der richtige Weg!” Aber er hat leider nicht Verstand genug, um das Thema weiter zu verhandeln, und sobald er gegessen hat, spielt er wieder mit der Kleinen und gibt ihr die weiße Engelsfigur als Puppe.
Seht, es ist jetzt nicht mehr viel übrig von den Zieraten auf der Kommode, sie sind zu oft als Spielsachen für die Kleinen benutzt worden, und was den kleinen Taschenspiegel im Messingrahmen betrifft, so ist der allerdings nicht den Weg alles Fleisches gegangen, sondern Oliver hat ihn ausgeführt, um sich im Lagerhaus darin spiegeln zu können. Das verdorbene Mannsbild, das Frauenzimmer, er betrachtete sich im Spiegel!
Er wartet, bis er besser zu Wort kommen kann, um etwas kund zu tun. Was kann das für eine Neuigkeit sein, die er mit sich herumträgt? Daß Johnsen am Landungsplatz doppelter Konsul geworden ist? Das auch, das ist das erste. Aber plötzlich sagt er zu Petra: „Sie redeten davon, daß bei Johnsens eine große Gesellschaft gegeben werden soll.”
Oliver kam ab und zu mit einem Auftrag für seine Frau heim, daß man sie bei Johnsens nötig brauche, Frau Johnsen habe gesagt, Scheldrup habe ein Wort darüber fallen lassen, auch der Konsul selbst hatte bisweilen eine Arbeit für sie. Manchmal hatte es nichts auf sich, es war ein „Mißverständnis” von Oliver gewesen, und es kam auch vor, daß es eine freie Erfindung von ihm war. Aber so oft Petra einen solchen Bescheid bekam, zog sie ihren Sonntagsstaat an und ging fort; das schadete niemand, und sie bekam jedenfalls eine Freistunde.
„Na, haben sie nun wieder Gesellschaft?” fragt sie.
„Es scheint so. Wenn er doch Doppelkonsul geworden ist. Du wirst es ja hören.”
„Dann soll ich wohl ein wenig helfen?”
„Ja. Und vielleicht sollst du heut abend auch das Kontor aufwaschen. Ich hab' es nicht so genau gehört.”
Petra geht. Die Großmutter bleibt bei den Kleinen, die Stube leert sich allmählich. Oliver schleicht seiner Frau nach und paßt eifersüchtig auf, ob sie auch wirklich zu Konsul Johnsens geht. Doch Petra ist an dieses Auflauern gewöhnt, sie weiß, sie hat ihn hinter jeder Straßenecke, und sie wehrt jedem Streit, indem sie weder nach rechts noch links ausweicht.
Auch Abel bleibt nicht zu Hause. Er hat einen herrlichen Peitschenstiel gefunden und ihn unter der Türschwelle versteckt. Jetzt holt er ihn hervor und betrachtet ihn, es ist ein aus Riemen geflochtener Peitschenstiel, sehr biegsam und ausgezeichnet, Abel weiß sofort, wozu er zu gebrauchen ist. Auf alle Fälle kann er ihn in der Hand tragen, ihn durch die Luft sausen lassen; er hat einen stattlichen Messingknopf. Abel kennt die Fuhrleute der Stadt und weiß so ungefähr, wer den Peitschenstiel verloren hat; aber leider ist er gerade nicht ehrlich aufgelegt und mag ihn darum nicht dem Besitzer hinbringen. Statt dessen geht er zum Fischer Jörgen.