Die von denen Faunen gepeitschte Laster
Part 3
Wo sind die Zeiten hin, da die Gymnosophisten Die Jugend eher nicht mit Kost und Lob begrüsten, Als biß ein jeder sprach: Dieß hab ich heut gethan; Ich habe nach Befehl der edlen Tugend Bahn Mit Ernste nachgefolgt; dieß hab ich aufgeschrieben, Worzu die Weisheit mich mit Nachdruck angetrieben. Dieß hat mein reger Fleiß und Witz hervor gesucht; Dieß ist von meinem Geist und Einsicht eine Frucht? Wo ist der Parther Brauch? der meistens dahin gienge, Daß nie ein fauler Mensch den Unterhalt empfienge. Wie ändert sich die Zucht? Wie ändert sich die Zeit? Jetzt wird der dümste Kopf mit Ehr und Schmuck erfreut. Vergebens ist es jetzt, daß man die Tugend liebet, Vergebens, daß man sich in Wissenschaften übet, Vergeblich, daß man Tag und Nacht bey Büchern schwitzt, Umsonst, daß man den Kiel zu klugen Schriften schnitzt. Geld macht jetzt tugendhaft, gelehrt, geschickt und weise: Ein reiches Stutzergen kan mehr als alte Greise, Verstand, Gelehrsamkeit, Witz, Ansehn und Vernunft, Ring, Hut, ja gar ein Platz in der gelehrten Zunft, Ist jetzt so gut als Obst um baares Geld zu haben. Geld; nicht die Wissenschaft, sind jetzt die besten Gaben. Geht ins gelehrte Haus, und ins Collegium, Beseht den Candidat, ob solcher nicht so stumm Wie der Catheder ist? Man wird ja sonder Grämen, Sich als ein Stoicus zwey Stunden können schämen. Wie viele giebt es nicht, die klug und weise sind, Ob man bey ihnen gleich sehr wenig Suadam findt; Muß nicht die Theorie der güldnen Praxi weichen? So kan ein Doctorand der Weisheit Grund erreichen, Und doch kein Redner seyn. Zudem, was ist es dann Wenn schon der Candidat nicht wohl bestehen kan, Und öfters stille schweigt? Hat man doch sonst vernommen, Daß grose Redner nicht in Reden fortgekommen. Auch selbst Demosthenem erschreckt der Gegenstand. Ein Haupt das Kronen trägt, der Scepter in der Hand, Der Strahl der Majestät macht kluge Redner blöde. Allein vor dem erschrickt fast mitten in der Rede Der neue Doctorand? ha! ha! jetzt fällt mirs ein, Es wird ein tiefer Satz vom Opponenten seyn, Den er sich nicht versehn. Der Vorwurf ist zu wichtig, Die Schlüsse überhaupt sind bündig, gut und richtig; Dieß giebt nun seiner Brust den härtsten Donnerstreich, Dieß macht, daß auch sein Herz als wie ein Wachs so weich, Die Zunge starrend wird. Die Angst wird immer stärker, Das Herze klopft so stark als kaum in einem Kerker Ein Inquisite bebt, wenn sich der Opponnent Zu einem andern Satz und neuen Vortrag wendt; Die Dissertation hat er nicht können machen, Drum weis er nirgend hin; da giebt es gnug zu lachen. Indeß bekommt er doch, was seine Brust vergnügt; Was schadets, wenn man gleich mit fremden Kälbern pflügt. Ja, ist die Noth auch gleich aufs äuserste vorhanden, Und scheints, als würde jetzt der Doctorand zu schanden, Weil er nichts reden kan, so legt ein Freund sich drein, Und sucht in dieser Angst sein Advocat zu seyn.
O du Beredsamkeit! Was fliehst du von den meisten, Und wilst zur Zeit der Noth gar keinen Beystand leisten. Jedoch was klag ich doch den Götter=Bothen an? Ist nicht der Unverstand und Trägheit Schuld daran? Wer fordert denn von dir ein spät und langes Schwatzen, Als wolte dir der Bauch vor groser Weisheit platzen. Sprich kurz, doch aber gut, klug, geistreich, gründlich, rein, Beredsam, angenehm, so magst du Doctor seyn. Kan doch ein Ackerknecht, und dummer Schäfer=Junge, Mit seiner unberedt und öfters rauhen Zunge, Von Schaafen, Pflug und Trift, von Aeckern, Pflanzen, Saat, Geschickte Antwort thun, so viel er Kundschaft hat. So wird ein Candidat doch so viel Maul besitzen, Als ihn zur Zeit der Noth zur Ehre könte nützen. Die schlechte Wissenschaft und nicht der Mund ist Schuld;
Die Liebe hat indeß mit Stümpern auch Gedult. O Deutschland! glaube nicht bey Schenckung deiner Ehren, Als ob in Welschland nur Doctores fruchtbar wären; Du kriegst jetzt gleichen Ruhm. Nicht wahr? du sagest ja, Dein groser Inbegrif hält manches Padua.
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Welch ein Trommeten=Thon erschallet biß an Himmel! Wer macht ein solch Getöß und mächtiges Getümmel Wie dorten Jacobs Fürst vor Jericho gethan? Ey seht! ein altes Weib, und nicht ein Krieges=Mann Erhebt ein solch Geschrey: Die Heucheley ruft heftig: Folgt meinen Füssen nach! seyd munter und geschäftig In meinen Dienst zu gehen! räumt mir die Herzen ein, Und laßt von eurer Treu den Wandel Zeuge seyn. Entschuldget euch nur nicht mit schwacher Geistes=Stärke; Man lernet meine Kunst und meiner Hände=Werke Mit schlecht und leichter Müh. Auf! folget meinem Schritt, Ich geb euch Geist und Kraft, Verstand und Stärke mit. Ihr spührt in meinem Dienst nichts von Gefährlichkeiten, Die andre Leute sonst bey ihrem Thun begleiten. Nehmt nur die Lehren an die euch mein Mund erklärt:
Ihr Kinder! wenn vieleicht ein Herr von euch begehrt, Dieß oder jens zu thun; die Arbeit zu vollenden, Dieß Stück zu übergehn, und dieß zu übersenden. So macht ein Compliment, und sprecht ganz höflich ja. Und ist denn sonsten noch was zu erinnern da, So zieht die Achslen nur, und sucht euch nicht zu sperren. So baut ihr euer Glück und macht euch gnädge Herren. Und wenn euch ja ein Wort von den Propheten droht, So unterdrückt den Trieb, und werdet ja nicht roth; Nehmt falsche Großmuth an, verlachet alle Schande, So seyd ihr mit der Zeit die Herrlichsten im Lande.
Kein tapfrer General, der in dem Felde wacht, Hat je mit solchem Glück die Herzen aufgebracht, Als jetzt der Heucheley ihr Vorsatz ist gelungen. Das Volk kommt Schaaren=Weiß in ihren Arm gesprungen, Dem ungewohnten Ruf und starken Stadt=Geschrey Fällt sonst der Pöbel nur und loß Gesindel bey, Allein die Heucheley ist weit beglückter worden; Von Männern von Verstand und aus berühmten Orden Wird ihr beliebtes Reich mit aller Macht erbaut; Ja Häupter, die man sonst vor Säulen angeschaut, Um vor den Riß zu stehn, sind meistentheils bemühet, In ihrem Dienst zu seyn, damit ihr Glücke blühet.
Hebt eure Augen auf, dort sitzt so mancher Mann, Der Zung und Lippen hat, und doch nicht reden kan. Ich glaub die Allmachts=Hand hat solche statt der Götzen Zur wohlverdienten Zucht auf Erden lassen setzen. Man heuchelt sich bey Hof und bey den Grösten ein, Um nur ein Tafelgast und Tellerwisch zu seyn. Um einen Becher Wein, um einen Wildpret=Braten, Und höflich Compliment verricht man Judas Thaten. Recht, Freyheit und Gebet, Lied, Kirchhof, Schrift und Wort, Muß ohne Zwang und Noth, nur bloß ans Heuchlen, fort. Und wo ein Redlicher im Volke zu erblicken Den schwärzt man schändlich an, und sucht ihn zu ersticken. Die Glaubens=Väter sind bey der Verläumdung kühn, Wenn sie durch Lästerung um Fuchs=Schwanz sich bemühn.
Greift dort des Gegners Mund auf Lehrstuhl und Catheder Kirch, Wort und Lehre an, und thut was sonst ein jeder Nach Amt und Glaubens=Pflicht zu halten schuldig ist, So ist man nicht so sehr mit Eifer ausgerüst, Man schweigt, und trachtet nicht mit fest und ächten Gründen Den Gegner öffentlich geschickt zu überwinden. Das göttliche Gesetz befiehlet uns nicht nur Zu eifern vor das Wort; die Regel der Natur Hat auch in unser Herz der Ehrfurcht Trieb gegraben, Vor unsre Glaubens=Lehr Sorg, Lieb und Muth zu haben. Ein Heyd, ein Saracen, ein Mann vom Judenthum Sorgt, weils natürlich ist, vor seiner Kirche Ruhm Und eifert vor die Lehr, und wir erleuchte Christen, Die wir uns mit dem Wort und ganzen Nachtmahl brüsten, Sind in dem Eifer kalt, und in der Liebe lau. Wo wiederleget man der Gegner Wort genau? Wo suchet man den Schimpf der Kirche abzulehnen? Und denen, die da schwach, den vesten Weg zu bähnen?
Wer vor der Kirche Ruhm und Ehr und Ansehn ficht, Braucht gar nicht, daß er frech und lästerhaftig spricht; Mit sanfter Freundlichkeit, bescheiden und gelassen Kan man den Gegensatz in wenig Worten fassen. Gleich wie der Heyland spricht, das Wort soll ungemein Und lieblich; aber auch mit Salz gewürzet sein. So aber schweiget man gleich wie zum Lästern stille, Die Fehler groser Herrn erblickt man durch die Brille; Den Reichen siehet man auch durch die Finger hin; Denn Heuchlen bringet Gunst, Geschenke und Gewinn.
Wie hat die Heucheley den Geist so gar verblendet? Wacht das Gewissen auf, so wird gleich eingewendet: Red ich nach meiner Pflicht, so nimmt die Ehre ab. Der Götter Gnade fällt, ich krieg den Wanderstab. Ist nicht die Erde groß, wo gute Christen wohnen? Die euch den Wanderstab mit besserm Glück belohnen? Sagt, nennt mir einen nur, den man aus einer Stadt Um GOttes Lehr und Ehr hinweg getrieben hat. (O! liessen wir doch GOtt in allen Stücken walten!) Ob ihm die Vorsicht nicht ein Zoar aufbehalten?
Wer ist der, wenn man ihn an seinem Ruhm verletzt, Sich nicht darwieder legt? GOtt wird zurück gesetzt. Vor seine Lehr und Ehr will man nicht muthig kämpfen, Noch Feind und Lästerer mit Wort und Eifer dämpfen.
Wo werd ich hingerückt? Auf einmal stellt sich mir Bey hellem lichten Tag ein Saal der Helden für, Mit Helden, die beherzt, so stark sie nur vermochten, Vor GOttes Wort und Ehr und seinen Ruhm gefochten.
Ein jedes Helden=Bild ist künstlich abgemahlt; Im Tode sieht mans noch wie scharf ihr Auge strahlt; Das kurze Sinn-Gedicht läßt uns ihr heilig Wesen Zur Schande unsrer Zeit mit güldnen Worten lesen. Dort zeigt sich Bileam mit dieser Überschrift: Nicht Ehre, noch Geschenk hat meinen Geist vergift! Ich habe Israel um kein Geschenk verfluchet, Wo ist ein Seher jetzt der mir zu folgen suchet? Da steht bey Pinehas: Der Eifer trieb mich an, Daß mein erhitztes Schwerd den gröst und reichsten Mann In Sünden nicht geschont, und seinen Hals zerbrochen, Und meines GOttes Ehr nach Priester Pflicht gerochen. Bey David ließt man dieß: Der Eifer vor dein Haus Mein GOtt, gieng eher nicht als mit dem Leben aus. Elias führt die Schrift: Ich hab vor GOtt gestritten, Und Haß, Verfolgung, Neid deßhalb getrost erlitten. Dort steht bey Amoz Sohn: Ich strafte groß und klein, Damit mein Hirten=Amt GOtt möcht gefällig seyn. Bey Jeremia heists: dem König und dem Knechte Erklärt ich ohne Furcht des Höchsten Wort und Rechte, Und scheute weder Fluch, Verfolgung, Band noch Hohn. GOtt gab mir auch hiervor das Himmelreich zum Lohn. Dort steht bey Daniel: GOtt ist ein GOtt der Götter, Den ruft ich brünstig an, der ward auch mein Erretter. Nicht Gold, noch Herrlichkeit nahm mich zum Abfall ein. Jezt würd ich wohl ein Narr genennet worden seyn. Johannes Schrift heist so: Ich lies mich ehr ermorden, Eh ich am Fürsten=Hof ein Heuchler wär geworden. Bey Paulo leß ich dieß: Ich floh die Heucheley, Was Felix wissen muß, das sagt ich ohne Scheu. Ich habe Hohn und Spott, Verfolgung und Verjagen Um JEsu Wort und Lehr mit Freudigkeit getragen.
Hiermit verschwand der Saal mit allen Bilderwerk, Und ließ mir diese Schrift zum letzten Augenmerk: Der Helden Ehren=Bild wird in der Schrift gefunden, Auf Erden ist ihr Geist und Bild, schon längst verschwunden.
Schweigt, schweigt ihr Physici, ich glaub euch nun nicht mehr, Daß nur der Basilisk in wüsten Höhlen wär, Man könte nirgends sonst die sehr verschmizte Schlangen, Als nur in düstern Wald und Felsen=Ritzen fangen. Das Paradieß hat sie so gut herfür gebracht, Als wie das Tauben=Paar aus dem die Unschuld lacht. Und ob sie GOtt auch gleich aus solchem Ort vertrieben; So ist sie dennoch stets am schönsten Ort geblieben. Der Schooß Germaniens, das deutsche Herz und Blut, Ist jezt ihr Aufenthalt, alwo sie sicher ruht. Sie hat sich an der Brust der Menschen umgeschlungen, Daß auch ihr starker Gift durch Fleisch und Blut gedrungen.
Mir schaudert jezt die Haut, daß ich sie nennen soll, Wie ist doch unsre Zeit von den Verläumdern voll? Wo ist dein alter Ruhm o Deutschland! hingekommen? Hat die Verläumdung dir den alten Glanz benommen? Man sah der Klugen Ruhm vordem nicht neidisch an; Man ehrt und liebte den, der sich hervor gethan, Und vor das Vaterland gerahten und gestritten, Frost, Hunger, Schläg und Durst und Pestilenz erlitten. Zog einer im Triumph mit Sieges=Reisern ein, So muste Blumenwerk sein schönster Zierath seyn, Mit diesen suchte man die Helden zu verehren: Ein jeder ließ darbei ein muntres Jauchzen hören. Wer nach der Bürger Flor gerungen und gestrebt, Und als ein Biedermann o schöner Ruhm! gelebt, Die Wissenschaft geliebt, den Künsten nach gerungen, Und sich mit freyem Geist vom Pöbel aufgeschwungen, Dem war der Adel hold, der Bürger liebte ihn, Der Nachbar sah sein Haus mit vielen Freuden blühn. Dem, welcher hier zu Glück und zu Vermögen kommen, Hat das Verläumdungs=Gift an Seegen nichts benommen. Der Greisen Ehren=Kleid ward nicht durch Schaum befleckt, Den der Verläumdungs=Mund aus seinem Halse streckt. Der Jugend Tugend=Rock, der Weisheit güldne Spangen Besudelte kein Koth. Fließt Thränen von den Wangen! Weicht alte Tugenden, und geht in Trauer=Flor, Mit kläglichem Gesang zu dieser Zeit hervor. Vieleicht wird unsre Zeit dadurch einmahl gerühret, Daß sie nach eurem Schmuck auch ein Verlangen spühret.
Doch nein! es ist umsonst! Die Welt verlacht euch nur; Sie nimmt die Birke schon und peitscht euch aus der Flur. Hinweg! hinweg! mit euch! schreyt die Verläumdung immer. Mit Freuden mach ich stets der Menschen=Herzen schlimmer. Der Greiß, den Schlaf und Haupt mit Silber=Farbe deckt, Von dem man glaubt und meint, daß Tugend in ihm steckt, Daß er aus Redlichkeit der Lügen widerstrebe, Damit er jederman ein schön Exempel gebe. Der raßt von Neid und Haß; speyt auf des Nächsten Haus, Thun, Wandel, Ehr und Nahm Verläumdungs=Geifer aus: Und eh sein Geifer stünd erdächt er eine Fabel. Der Jüngling, welcher kaum das Gelbe erst vom Schnabel Vor kurzen abgewischt; dem Ohr und Baart noch treuft, Von dem man Anfangs meint, weil er zur Pallas läuft, Er würde sich bemühn, der Tugend nachzuwandeln, Der Weisheit nachzugehn, in allem klug zu handeln; Der Rechte Gründlichkeit bedächtlich einzusehn; Die Niederträchtigkeit des Pöbels zu verschmähn; Den Sitten hold zu seyn; den Wohlstand zu betrachten, Und das, was rühmlich ist im Herzen hoch zu achten. Dem ist, wer sieht es nicht? Haupt und Gehirn verrückt, Die Thorheit hat bereits das gute Korn erstickt, Weil die Verläumdung ihn aus ihrer Brust getränket, Und da er ihr gehorcht, gedoppelt eingeschenket. Der Tugend werden selbst viel Flecken angedicht; Der Fleiß wird spöttiglich verhöhnet und gericht; Die Weisheit überkleidt ein Pinsel giftger Farben; Der Unschuld Angesicht bezeichnet man durch Narben; Der frömmste GOttes=Mann wird nicht davon verschont, Sein treu und ehrlich Thun wird ihm mit Gift belohnt. Ja die Gerechtigkeit muß sich fast auf der Gassen Von dem Verläumdungs=Zahn zur Schmach verlästern lassen. Des Bürgers Redlichkeit; des Weisen Tugend=Bahn, Glück, Ehre, Keuschheit, Fleiß haucht, spritzt und speyt man an.
Käm Moses jezt aufs neu von Sinai gestiegen, Und späch: Du solst den Freund und Nächsten nicht belügen; Ja, käm der Heyland selbst aus seinem Himmelreich, Und spräch: Wo ihr mich ehrt, so liebt euch unter euch, Und was ihr selbst nicht wolt von euch gesaget haben, Das bleibe auch in euch und eurer Brust vergraben. Man schwiege wohl darzu mit kalten Lippen still; Ja mancher dächte gar: ich thu doch, was ich will.
O Boßheit! solte nicht des Höchsten Zorn entbrennen? Was die Vernunft befiehlt kan jederman erkennen, Daß man als wie sich selbst den Nächsten lieben soll. Wer zeigt so viel Vernunft, daß er recht Großmuths voll Und tugendhaft erscheint; daß er des Nächsten Glücke, Ruhm, Wohlfahrt, Weisheit, Stand und freundliches Geschicke Mit frohen Augen sieht, und sich darbey ergetzt, Weil ihn der Vorsicht Hand zum Seegen hat gesetzt?
Ein wahr und rühmlich Glied in Mensch=und Bürger=Orden Vergnügt sich, wenn sein Freund und Nachbar groß geworden, Wenn seine Wissenschaft und Fleiß den Ruhm erlangt; Wenn er geliebet wird, wenn er in Ehren prangt. Er lobt was Lobens werth, und sucht sich anzureitzen Auf gleiche edle Art nach Glück und Ruhm zu geitzen. Vor Neid, Verläumdung, Gift regt er die Ehrsucht an, Die ihn, wie andre auch unsterblich machen kan. Es ist ihm herzlich leid, wenn schwache Nächsten gleiten; Er schweigt, und trachtet nicht die Fehler auszubreiten. Er weiß, daß keiner nicht von aller Schwachheit frey, Und er so gut als der und jener sündlich sey.
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Der Mensch das dummste Thier, schreibt Neukirchs kluger Finger. Der Mensch das dummste Vieh? Wie? Wird sein Stand geringer? Was? Wär sein Adel fort, und seine Menschheit weg? Ist Klugheit und Vernunft nicht seiner Handlung Zweck? So solt es freylich seyn; man solte sich bestreben, Den Regeln der Vernunft gehörig nachzuleben.
O! möchte doch sein Thun vernünftig, klug und rein, Und seinem Nahmen gleich und niemahls viehisch seyn. Man solte jederzeit mit Werk und That beweisen, Es sey der Mensch ein Mensch, das Vieh nur Vieh zu heisen. Allein, wo folgt der Mensch, die schönste Creatur, Der Allmacht Meisterstück, der Vorschrift der Natur Und ihrem Triebe nach? vergißt er nicht sein Wesen, Worzu ihn Anfangs doch der Schöpfer auserlesen?
Ein ungeschickter Artzt hält sonst die Augen zu, Wenn er den Kirchhof sieht, wo er zur langen Ruh So manchen hingeschaft. Ein andrer Mensch erweget Die Thorheit nicht so leicht. Wenn sich der Löwe reget, Und zornig tobt und brüllt; wenn sich der Wolf entrüst Und das gedultge Schaaf zerreist und schnaubend frist; Wenn sich der wilde Bär zum Würgen fertig machet; Wenn ein entschlafner Hund durch einen Trit erwachet, Und den mit Zorn und Grimm in seinen Fortgang stöhrt, Den er von weiten noch in seinen Schlaf gehört; Dieß alles sieht der Mensch, und will nicht weiter gehen, Er bleibt als wie das Vieh auf seiner Regung stehen; Er schämt sich leider! nicht, daß er dem Thiere gleicht, Und ihm an Rach und Zorn nicht im geringsten weicht.
Wo ist der klügste Mensch wohl auf der Welt vollkommen? Wo ist ein Frommer wohl der nie was unternommen; Das ohne Tadel sey? Wo trift man einen an, Der niemals weil er lebt der Tugend Tort gethan? Dieß überlegt er nicht; Er sieht des Nächsten Splitter, Nur seinen Balken nicht. Was vor ein Ungewitter; Was vor ein wildes Feur regt sich in seinem Geist Wenn einer etwas thut das schwach und menschlich heist? Wenn einer ohngefehr nicht höflich gnug erscheinet; Wenn einer etwas sagt, das oft nicht bös gemeinet; Ein Wort, das von dem E und A den Anfang nimmt, Das sich ein Gassen=Kind zu seiner Wehr bestimmt, Das muß Gelegenheit zu Zorn und Rache geben, Da schwört man Stein und Bein der Kerl darf nicht mehr leben.
Ha! spricht ein Edelmann, das schickt sich nicht vor mich! Ich bin ein Cavallier! es röch zu bürgerlich Wenn ich jetzt schweigen solt. Ich bin beleidget worden! Fort Adel räche dich! fort! du must ihn ermorden! Jezt wezt er seinen Stahl auf seines Gegners Arm; Jezt geht er auf ihn loß, und dringt ihn durch den Darm. Seht! wie er so geschickt den Degen weiß zu führen.
Besteht der Adelstand vieleicht in duelliren? Wo steht es ausgemacht, daß der ein Ritter heist, Der sich fein viel und oft auf Blut und Leben schmeist? Ziert dieß die Wappen aus, wenn sich zwei Degen hauen? Ich hielt es würklich eh vor wilde Bären=Klauen. Fällt wohl ein toller Hund den andern also an? Hat wohl so leicht ein Wolff dem andern leids gethan? Wo hat ein Löw also den andern aufgerieben? Heist das was löbliches, und adliches verüben? Räth dieses die Vernunft die uns zu Menschen macht, Durch welche man nach Ruhm und wahrer Ehre tracht, Daß man Leib, Seele, Blut so schnöde soll verletzen? Giebts keine Oerter sonst den Degen abzuwetzen? Wallt euch der Adern Saft, und wollt ihr Kühne seyn; Habt ihr kein Sitzefleisch, rost euch der Degen ein, So eilt wo Carl jezt kämpft, schwört Annens Sieges=Fahnen, Da könt ihr euch den Weg zum Ehren=Tempel bahnen. Hier zucket euren Stahl auf GOttes Feinde loß; Da fechtet ritterlich und führet Stoß auf Stoß, Zerbrecht der Feinde Arm, ertödtet die Tyrannen, So tragt ihr größren Ruhm als im Duell von dannen. Hier ist die Rosen=Bahn wo man mit Ehren ficht. Mit Feinden kämpft aufs Blut; mit Brüdern aber nicht. Der Türken wilder Schwarm haßt selbt dieß Unternehmen; (f) Und Christen wollen sich bey solcher That nicht schämen.
Sind Hohe=Schulen wohl gestiftet und gesetzt, Daß man daselbst so wild den scharfen Degen wetzt? Solt dieses menschlich seyn, wenn uns ein Trunckner seegnet, Daß man ihn voller Zorn gleich wie ein Löw begegnet, Vernunft, Verstand und Witz und Großmuth unterdrückt, Und mit ergrimmten Geist, Stab, Hand und Degen zückt, Und seine Boßheit kühlt? Was schillt man die Barbaren, Da Christen unter sich weit ärger noch verfahren.
Wo wahr wohl die Vernunft der Alten so verblendt, Daß sie, von Zorn ergrimmt den Nächsten so geschändt, Als wie die Höllen=Brut von Rach und Grimm jezt raset? Wo hat man sich so gleich ein Schimpfwort angemaset? Und wie anjezt geschieht, Processe draus gemacht? Die Seele in Gefahr, die Hand ums Geld gebracht? Soll dieses menschlich seyn; soll dieß vernünftig heisen, Der Klugheit lezten Zahn aus seinem Mund zu reisen, Damit die Raserey die That vollenden kan? Aus Rache, Zorn und Grimm greift man den Nächsten an, Man schnizt so gar den Kiel, will sonsten nichts gelingen, Und ihn, wenns möglich wär, um Ehr und Gut zu bringen.
Wo ist die alte Zeit mit ihrer Tugend hin? Wo hat ein Bürger jezt so einen stillen Sinn Wie Israels Monarch und erster König hegte? Als bey der Salbung sich der freche Pöbel regte. Er that, als hörte er die tollen Worte nicht. Ein Bürger unsrer Zeit schrie ihm ins Angesicht: Ist dieses königlich? darf dieß ein Groser leiden? Mir solte ehr ein Dolch das Herz in Stücke schneiden! Bleib tapfrer David nur in deiner untern Welt, Die dich zu deinem Glück in ihrem Abgrund hält. Denn soltest du dein Reich zu unsrer Zeit verwalten, Man würde dich gewiß vor mehr als närrisch halten. Hof, Adel, Bürger, Knecht, Mars und Minerven Sohn Verlachten dein Gemüth, und sprächen voller Hohn: Er hat zur Zeit der Noth nicht Witz genug besessen, Er hat sein Amt und sich und alle Ehr vergessen. Soll das ein König sein, der andre retten will, Und hält den Simei und seinen Steinen still? Ist das ein Kriegesmann der kühne Feinde schläget, Der selber Schimpf und Spott von einem Knecht verträget?
O Cäsar! der du dich so Großmuths voll bezeigt, Wenn sich dein Widerpart vor deiner Hand gebeugt. Die Großmuth hat bey dir die Rache überwunden. Wo wird ein Cäsars Herz zu dieser Zeit gefunden? Jezt heists: Was Großmuth? Was? so sprach das Alterthum. Jezt heist es: Rache her! die Ehre muß auch Ruhm Durch ein beherztes Schwerd, und nicht durch Feigheit suchen. Es muß gerochen seyn; da geht es an ein Fluchen.
Ich weiß zwar wohl, daß wir sehr schwach an Kräften sind, Und daß man nicht so leicht ein stoisch Herze find, Das Schmipf, Gewalt und Schmach und Spott gelassen hören, Und alles dulten kan, wenn sich die andern wehren. Ich weiß auch, daß es schmerzt, wenn man die Tugend schilt, Wenn man die Redlichkeit mit List und Trug vergilt, Und auf das Ehren=Kleid der Lästrung=Ströme gieset. Nur daß aus diesem Grund doch dieser Satz nicht flieset, Daß man die Menschlichkeit deswegen gänzlich fliehn, Und auf den Nächsten gleich den Degen müsse ziehn. Und denen Bestien in hitzigen Geberden, Ja was noch schlimmer ist, im Wesen ähnlich werden.
Lebt nicht die Themis noch, die deine Klagen hört? Durch die dir Hülf und Recht ohn Ansehn wiederfährt? Was meinst du? kan dich nicht der Themis Arm beschützen? Soll denn ihr Schwerd umsonst und ohne Schlagen blitzen? Drum fasse deinen Geist, wenn hier ein Löwe brüllt; Wenn dort ein toller Hund in seiner Hütte billt; So macht es König Saul, da er zum Thron gekommen; Er that, als hätt er nicht die Lästerung vernommen. Auch David hielt sich still da Simei so scharf Um sein gesalbtes Haupt die Laster-Steine warf. Verfluch, verwünsche nicht; du kanst den Fluch erlangen, Denn eines jeden Werk wird seinen Lohn empfangen.