Die Versuchung des Pescara

Part 8

Chapter 8 3,677 words Public domain Markdown

"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zähren rieselten ihm über die Wange--"weil sie, wie mir der Großvater erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins Freie traten.

"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"

Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.

Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."

"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch die Hoheit Bourbon vorstelle."

Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter Teilnahme nicht.

Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch, und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon wachsenden Dämmerung.

Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.

Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: "Hier muß man plaudern."

"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, "daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen Eindruck macht, daß er mich--geradeheraus gesagt--abstößt?"

"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."

Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.

"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:

"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: Vedi come si storce, e non fa motto: E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." ---------------- Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. ----------------

Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese Speise des Zerberus?"

Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."

"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin! Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.

"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst aber bist eine tiefe und verborgene Natur."

"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du ihn so sehr bewunderst."

Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne nur seine Sistine."

"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt--"

"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt.

"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt, das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib ohne Frage, wie du das schönste bist--"

"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--"

"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"

Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und verkündigen den kommenden Retter und Heiland!"

"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber. Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht."

Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle", sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm eigentümlich waren.

Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden, vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen gewann.

Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen, leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt dem Feldherrn ins Gedächtnis.

Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er.

"Wie sollte ich?"

"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es nicht von dir ist."

Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!"

"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen begann sie:

"Victoria an Pescara.

Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, Mißbrauchend meines Namens stolze Töne.

Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne, Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte, Gab ich dir in Italien Bürgerrechte Und brachte dir die Liebe seiner Söhne.

Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben, Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?

Ich weiß die Geister, welche dich umschweben! Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande, Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"

Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"

Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir, Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus vollem Halse--"

"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.

"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg! Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"

"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig, voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon, ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht. Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche."

"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie Victoria verzweifelnd.

Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge."

Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den du wandelst?"

"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder beruhigt."

Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"

Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: "Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft schöpfen."

Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."

"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull eingeschläfert.

Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln Laubdache, Hand auf Hand.

Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.

Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster. "Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es zu glauben."

"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein Heer in Italien nicht verlieren."

"Ihr meint?"

"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."

"Er wird sich zur Wehre setzen."

"Dann fällt er."

"Und die Majestät?"

"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie. Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?"

"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören."

Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich an ihn.

Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her.

"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."

"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da ist dein Heil und deine einzige Rettung!"

"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine Zuflucht ist offen."

Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber", befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer Minister. Ich bin doch begierig."

Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag--unwiderruflich.

Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren.

"Alles?" fragte Pescara.

Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich. Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese."

"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor. Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige Zeilen, und lautete:

"Mein Pescara!

Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, der Euch an der Hand hielt. Ich traue.

Ich Euer König."

Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."

"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre dich, Pescara, nenne sie mir!"

"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft, nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.

Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf, den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, er war ihr wie ein Traum.

Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand führe?"

"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"

"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein, ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen lassen."

"Niemand durfte darum wissen", sagte er.

"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit zu sagen!"

"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug, daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"

"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"

"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte. "Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria, gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"

Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: "Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für deine Genesung beten."