Die Versuchung des Pescara

Part 4

Chapter 4 3,742 words Public domain Markdown

So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben verschlossen sei.

War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.

"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen dargebotenen Arm sich lehnend.

Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind, zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und Gestalten sich einander erblicken zu lassen.

Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ.

Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.

"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria.

"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie ich meine", fügte er argwöhnisch bei.

Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, "und über wen? doch nicht über Pescara?"

"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und den italienischen Mächten."

Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.

"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten eine haschende Gebärde.

Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie, "habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch, es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien gespielt, Ehrloser!"

Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.

Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe. "Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."

Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? Kannst du es leugnen?"

Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht, denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?"

Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie.

"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen Hauptes.

Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte suchten das den Garten abschließende Kasino.

Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.

Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich Gewalt an und blickte auf.

"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen Widerwillen einflößte.

"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der Frühe verreise."

"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe."

Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"

"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"

"Welche dreie?" fragte sie.

"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."

"Die Schändliche!"

"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."

"Ärmste!"

"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief der Mohr den Fremden."

"Unselige!"

"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es erlösen."

"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben, noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und wurde wie Purpur.

"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"

Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen.

"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf! Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.

Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo? Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht, wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen Freunde gewonnen hast?'

So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia, der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen, das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem Heilswerke zu hindern.

Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht, denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du, mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"

Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--, weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus, "stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene, Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."

Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne waren und brannten wie zwei Sonnen.

Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.

Drittes Kapitel

An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte, bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er nahm einen Schluck aus dem Glase.

Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den Atem wiederfand.

"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand. Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben, darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.

Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte: "Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.

So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.

Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab." Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles freundlich weg aus seinem Dienste.

Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.

"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.

"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten", erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses kostbaren Mannes zu melden."

"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte große Neuigkeiten."

"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner Toga zum Vorschein brächte?"

"Hoheit scherzt!"