Die Versuchung des Pescara

Part 11

Chapter 11 1,256 words Public domain Markdown

Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil für den erbleichenden Morone.

"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du bist nicht grausam, Pescara!"

"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen. Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten haben."

"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."

Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.

"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen. Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem Schwert."

"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: "Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"

"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner, sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde.

Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte jener: "Man führt dich zum Blocke?"

"Bewahre!"

"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in Novara?"

"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel der Sphinx..."

"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in Versuchung führten?"

Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin! Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet."

"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog. Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser Betrachtung schieden die beiden.

In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete. Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog. "Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier und Stift?"

"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich verhaften!"

"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert, schreibe du, Karl."

"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?"

"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..."

"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen. Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht, sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem Konnetabel!..."

"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?"

"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes.

Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?"

"Geschieden!" weinte der Herzog.

"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!"

Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte dieser den Konnetabel beneidet.

Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat. Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den Verlust des einzigen Freundes.

Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!" verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser! Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: "Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert."

Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter.