Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel

Part 7

Chapter 7 3,410 words Public domain Markdown

Sie empfinden--jetzt ist Alles gewonnen. Schon hab' ich vor Ihnen her den Weg zum Ruhme gebahnt. Wollen Sie folgen? Ich bin bereit, Sie zu führen. Diese Anstalten, die Sie noch kaum mit Entsetzen beschauten, müssen Ihnen jetzt frischen Heldenmuth einhauchen. Diese Schauder der Bangigkeit müssen in einen rühmlichen Eifer erwarmen, mit diesen Patrioten und mir Eine Sache zu machen und die Tyrannen von Grund aus zu stürzen. Der Erfolg wird das Wagstück begünstigen, denn meine Anstalten sind gut. Das Unternehmen ist gerecht, denn Genua leidet. Der Gedanke macht uns unsterblich, denn er ist gefährlich und ungeheuer.

Zenturione (in stürmischer Aufwallung). Genug! Genua wird frei! Mit diesem Feldgeschrei gegen die Hölle!

Zibo. Und wen das nicht aus seinem Schlummer jagt, der keuche ewig am Ruder, bis ihn die Posaune des Weltgerichts losschließt.

Fiesco. Das waren Worte eines Mannes. Nun erst verdienen Sie die Gefahr zu wissen, die über Ihnen und Genua hing. (Er gibt ihnen die Zettel des Mohren.) Leuchtet, Soldaten! (Nobili drängen sich um eine Fackel und lesen.) Es ging, wie ich wünschte, Freund.

Verrina. Doch rede noch nicht so laut. Ich habe dort auf dem linken Flügel Gesichter bleich werden und Kniee schlottern gesehen.

Zenturione (in Wuth). Zwölf Senatoren! Teuflisch! Faßt alle Schwerter auf! (Alle stürzen sich auf die bereit liegenden Waffen, zwei ausgenommen.)

Zibo. Dein Name steht auch da, Bourgognino.

Bourgognino. Und noch heute, so Gott will, auf Dorias Gurgel.

Zenturione. Zwei Schwerter liegen noch.

Zibo. Was? was?

Zenturione. Zwei nahmen kein Schwert.

Asserato. Meine Brüder können kein Blut sehen. Verschont sie!

Zenturione (heftig). Was? was? Kein Tyrannenblut sehen? Zerreißt die Memmen! Werft sie zur Republik hinaus, diese Bastarde! (Einige von der Gesellschaft werfen sich ergrimmt auf die Beiden.)

Fiesco (reißt sie auseinander). Haltet! haltet! Soll Genua Sklaven seine Freiheit verdanken? Soll unser Gold durch dieses schlechte Metall seinen guten Klang verlieren? (Er befreit sie.) Sie, meine Herren, nehmen so lang mit einem Zimmer in meinem Schloß vorlieb, bis unsre Sachen entschieden sind. (Zur Wache.) Zween Arrestanten! Ihr haftet für sie! Zwei scharfe Posten an ihre Schwelle! (Sie werden abgeführt.)

Schildwachen am Hofthor. Wer draußen? (Man pocht.)

Calcagno (ruft ängstlich). Schließt auf! Ein Freund! Schließt um Gotteswillen auf!

Bourgognino. Es ist Calcagno. Was soll das »um Gotteswillen«?

Fiesco. Macht ihm auf, Soldaten.

Siebenter Auftritt

Vorige. Calcagno außer Athem, erschrocken.

Calcagno. Aus! aus! Fliehe, wer fliehen kann! Alles aus!

Bourgognino. Was aus? Haben sie Fleisch von Erz, sind unsre Schwerter von Binsen?

Fiesco. Überlegung, Calcagno! Ein Mißverstand hier wäre nicht mehr zu vergeben.

Calcagno. Verrathen sind wir. Eine höllische Wahrheit. Ihr Mohr Lavagna, der Schelm! Ich komme vom Palast der Signoria. Er hatte Audienz beim Herzog. (Alle Nobili erblassen. Fiesco selbst verändert die Farbe.)

Verrina (entschlossen gegen die Thorwachen). Soldaten! streckt mir die Hellebarden vor! Ich will nicht durch die Hände des Henkers sterben. (Alle Nobili rennen bestürzt durcheinander.)

Fiesco (gefaßter.) Wohin? Was macht ihr?--Geh in die Hölle, Calcagno--Es war ein blinder Schrecken, ihr Herrn--Weib! Das vor diesen Knaben zu sagen--Auch du, Verrina?--Bourgognino, du auch?--Wohin du?

Bourgognino (heftig). Heim, meine Bertha ermorden und wieder hier sein.

Fiesco (schlägt ein Gelächter auf). Bleibt! Haltet! Ist das der Muth der Tyrannenmörder?--Meisterlich spieltest du deine Rolle, Calcagno!--Merktet ihr nicht, daß diese Zeitung meine Veranstaltung war?--Calcagno, sprechen Sie, war's nicht mein Befehl, daß Sie diese Römer auf die Prob' stellen sollten?

Verrina. Nun, wenn du lachen kannst?--Ich will's glauben, oder dich nimmer für einen Menschen halten.

Fiesco. Schande über euch, Männer! In dieser Knabenprobe zu fallen! --Nehmt eure Waffen wieder--Ihr werdet wie Bären fechten, wollt ihr diese Scharte verwetzen. (Leise zu Calcagno.) Waren Sie selbst dort?

Calcagno. Ich drängte mich durch die Trabanten, meinem Auftrag gemäß die Parole beim Herzog zu holen--wie ich zurücktrete, bringt man den Mohren.

Fiesco (laut). Also der Alte ist zu Bette? Wir wollen ihn aus den Federn trommeln (Leise.) Sprach er lang mit dem Herzog?

Calcagno. Mein erster Schreck und Eure nahe Gefahr ließen mich kaum zwei Minuten dort.

Fiesco (laut und munter). Sieh doch! wie unsre Landsleute noch zittern.

Calcagno. Sie hätten auch nicht so bald herausplatzen sollen. (Leise.) Aber um Gotteswillen, Graf! was wird diese Nothlüge fruchten?

Fiesco. Zeit, Freund, und dann ist der erste Schreck jetzt vorüber. (Laut.) He! an soll Wein bringen! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog erblassen? (Laut.) Frisch, Brüder, wir wollen noch eins Bescheid thun auf den Tanz dieser Nacht! (Leise.) Und sahn Sie den Herzog erblassen?

Calcagno. Des Mohren erstes Wort muß »Verschwörung« gelautet haben; der Alte trat schneebleich zurück.

Fiesco (verwirrt). Hum! Hum! der Teufel ist schlau, Calcagno--er verrieth nichts, bis das Messer an ihre Gurgel ging. Jetzt ist er freilich ihr Engel. Der Mohr ist schlau. (Man bringt ihm einen Becher Wein; er hält ihn gegen die Versammlung und trinkt.) Unser gutes Glück, Kameraden! (Man pocht.)

Schildwachen. Wer draußen?

Eine Stimme. Ordonnanz des Herzogs. (Die Nobili stürzen verzweifelnd im Hof herum.)

Fiesco (springt unter sie). Nein, Kinder! Erschreckt nicht! erschreckt nicht! Ich bin hier. Hurtig! Schafft diese Waffen weg. Seid Männer! ich bitte euch. Dieser Besuch läßt mich hoffen, daß Andreas noch zweifelt. Geht hinein. Faßt euch. Schließt auf, Soldaten. (Alle entfernen sich. Das Thor wird geöffnet.)

Achter Auftritt

Fiesco, als käm' er eben aus dem Schloß. Drei Deutsche, die den Mohren gebunden bringen.

Fiesco. Wer rief mich in den Hof?

Deutscher. Führt uns zum Grafen.

Fiesco. Der Graf ist hier. Wer begehrt mich?

Deutscher (macht die Honneurs vor ihm). Einen guten Abend vom Herzog. Diesen Mohren liefert er Euer Gnaden gebunden aus. Er habe schändlich herausgeplaudert. Das Weitere sagt der Zettel.

Fiesco (nimmt ihn gleichgültig.) Und hab' ich dir nicht erst heut die Galeere verkündigt? (Zum Deutschen.) Es ist gut, Freund. Meinen Respect an den Herzog.

Mohr (ruft ihnen nach). Und auch meinerseits einen, und sag' ihm--dem Herzog--wenn er keinen Esel geschickt hätte, so würd' er erfahren haben, daß im Schloß zweitausend Soldaten stecken. (Deutsche gehen ab. Nobili kommen zurück.)

Neunter Auftritt

Fiesco. Verschworene. Mohr trotzig in der Mitte.

Verschworene (fahren bebend zurück beim Anblick des Mohren). Ha! was ist das?

Fiesco (hat das Billet gelesen, mit verbissenem Zorn). Genueser! die Gefahr ist vorbei--aber auch die Verschwörung.

Verrina (ruft erstaunt aus). Was? Sind die Doria todt?

Fiesco (in heftiger Bewegung). Bei Gott! auf die ganze Kriegsmacht der Republik--auf Das war ich nicht gefaßt. Der alte schwächliche Mann schlägt mit vier Zeilen dritthalbtausend Mann. (Läßt kraftlos die Hände sinken.) Doria schlägt den Fiesco.

Bourgognino. So sprechen Sie doch! Wir erstarren.

Fiesco (liest). »Lavagna, Sie haben, däucht mich, Ein Schicksal mit mir--Wohlthaten werden Ihnen mit Undank belohnt. Dieser Mohr warnt mich vor einem Komplott--Ich sende ihn hier gebunden zurück und werde heute Nacht ohne Leibwache schlafen.« (Er läßt das Papier fallen. Alle sehen sich an.)

Verrina. Nun, Fiesco?

Fiesco (mit Adel). Ein Doria soll mich an Großmuth besiegt haben? Eine Tugend fehlt im Stamm der Fiesker?--Nein! so wahr ich ich selber bin!--Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen--und Alles bekennen. (Will hinausstürzen.)

Verrina (hält ihn auf). Bist du wahnsinnig, Mensch? War es denn irgend ein Bubenstreich, den wir vorhatten? Halt! oder war's nicht Sache des Vaterlands! Halt! oder wolltest du nur dem Andreas zu Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! sag' ich--ich verhafte dich als einen Verräther des Staats-Verschworne. Bindet ihn! werft ihn zu Boden!

Fiesco (reißt Einem ein Schwert weg und macht sich Bahn). Sachte doch! Wer ist der Erste, der das Halfter über den Tiger wirft?--Seht, ihr Herrn--Frei bin ich--könnte durch, wo ich Luft hätte--Jetzt will ich bleiben, denn ich habe mich anders besonnen.

Bourgognino. Auf Ihre Pflicht besonnen?

Fiesco (aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen Sie erst die Ihrige gegen mich auswendig, und mir nimmer das!--Ruhig, ihr Herrn--es bleibt Alles wie vor.--(Zum Mohren, dessen Stricke er zerhaut.) Du hast das Verdienst, eine große That zu veranlassen--Entfliehe!

Calcagno (zornig). Was? was? Leben soll der Heide? leben und uns alle verrathen haben?

Fiesco. Leben und euch allen--bang gemacht haben. Fort, Bursche! Sorge, daß du Genua auf den Rücken kriegst, man könnte seinen Muth an dir retten wollen.

Mohr. Das heißt, der Teufel läßt keinen Schelmen sitzen!--Gehorsamer Diener, ihr Herrn!--Ich merke schon, in Italien wächst mein Strick nicht. Ich muß ihn anderswo suchen. (Ab mit Gelächter.)

Zehnter Auftritt

Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren.

Bedienter. Die Gräfin Imperiali fragen schon dreimal nach Euer Gnaden.

Fiesco. Potz tausend! Die Komödie wird freilich wohl angehen müssen! Sag' ihr, ich bin unverzüglich dort--Bleib--Meine Frau bittest du, in den Concertsaal zu treten und mich hinter den Tapeten zu erwarten. (Bedienter ab.) Ich habe hier euer Aller Rollen zu Papier gebracht; wenn Jeder die seinige erfüllt, so ist nichts mehr zu sagen--Verrina wird voraus in den Hafen gehen und mit einer Kanone das Signal zum Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert sind.--Ich gehe; mich ruft noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Glöckchen hören und alle miteinander in meinen Concertsaal kommen--Indeß geht hinein--und laßt euch meinen Cyprier schmecken. (Sie gehen auseinander.)

Eilfter Auftritt

Concertsaal--Leonore. Arabella. Rosa. Alle beängstigt.

Leonore. In den Concertsaal versprach Fiesco zu kommen, und kommt nicht. Eilf Uhr ist vorüber. Von Waffen und Menschen dröhnt fürchterlich der Palast, und kommt kein Fiesco?

Rosa. Sie sollen sich hinter die Tapeten verstecken--Was der gnädige Herr damit wollen mag?

Leonore. Er will's, Rosa, ich weiß also genug, um gehorsam zu sein. Bella, genug, um ganz außer Furcht zu sein--Und doch! doch zittr' ich so sehr, Bella, und mein Herz klopft so schrecklich bang. Mädchen, um Gotteswillen! gehe keines von meiner Seite.

Bella. Fürchten Sie nichts. Unsre Angst bewacht unsern Fürwitz.

Leonore. Worauf mein Auge stößt, begegnen mir fremde Gesichter, wie Gespenster hohl und verzerrt. Wen ich anrufe, zittert wie ein Ergriffener und flüchtet sich in die dichteste Nacht, diese gräßliche Herberge des bösen Gewissens. Was man antwortet, ist ein halber heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch ängstlicher zweifelt, ob er auch kecklich entwischen darf.--Fiesco?--Ich weiß nicht, was hier Grauenvolles geschmiedet wird--Nur meinen Fiesco (mit Grazie ihre Hände faltend) umflattert, ihr himmlischen Mächte!

Rosa (zusammengeschreckt). Jesus! Was rauscht in der Galerie?

Bella. Es ist der Soldat, der dort Wache steht. (Die Schildwache ruft außen: »Wer da?« Man antwortet.)

Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geschwind! (Sie verstecken sich.)

Zwölfter Auftritt

Julia. Fiesco im Gespräch.

Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut--Wo bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?

Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen freier mit Wallungen reden.

Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter! Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen sehen und dich erbarmen.

Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er küßt ihr heftig die Hand.)

Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch. Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh! diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich beschwöre dich.

Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?

Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut. Hier verlassen sie mich.

Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem Verluste?

Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen, die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt?--daß alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König bedecken? Überrumpelst du diesen--Matt! und wird getrost das ganze Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth--Sei großmüthig!

Fiesco. Und doch, Julia--Wo besser als in meiner unendlichen Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?

Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer--Höre, Fiesco, wie lang wird diese Unendlichkeit währen?--Ach! schon zu unglücklich hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen sollte--Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu; und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten--Pfui doch, was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)

Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack, oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit--was von beiden ist schwerer zu vergeben?

Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die Waffen der Hölle--die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen. (Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.) Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco--Wir sind Heldinnen, wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen:--wenn wir sie vertheidigen, Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie rächen--Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?

Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt?--Nun, bei Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit gehen mir die Augen auf--Was war's, das ich eben erbetteln wollte?--Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher.

Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung!

Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.)

Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß ich es denn sagen--heraussagen, was das ganze Männervolk auf den Knieen--in Thränen--auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen sollte?--Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht--Fiesco--O, ich bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts--mein ganzes Geschlecht wird mich ewig hassen--Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm nieder.)

Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke, hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine Gemahlin--ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.)

Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen!

Dreizehnter Auftritt

Die Verschwornen, welche zumal hereintreten. Damen von der andern Seite. Fiesco. Leonore und Julia.

Leonore. Mein Gemahl, das war allzu streng.

Fiesco. Ein schlechtes Herz verdiente nicht weniger. Deinen Thränen war ich diese Genugthuung schuldig. (Zur Versammlung.) Nein, meine Herrn und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlaß in kindische Flammen aufzuprasseln, Die Thorheiten der Menschen belustigen mich lange, eh sie mich reizen. Diese verdient meinen ganzen Zorn, denn sie hat diesem Engel dieses Pulver gemischt. (Er zeigt das Gift der Versammlung, die mit Abscheu zurücktritt.)

Julia (ihre Wuth in sich beißend). Gut! Gut! Sehr gut, mein Herr! (Will fort.)

Fiesco (führt sie am Arm zurück). Sie werden Geduld haben, Madame--Noch sind wir nicht fertig--Diese Gesellschaft möchte gar zu gern wissen, warum ich meinen Verstand so verleugnen konnte, den tollen Roman mit Genuas größter Närrin zu spielen-Julia (aufspringend). Es ist nicht auszuhalten! Doch zittre du! (Drohend. ) Doria donnert in Genua, und ich--bin seine Schwester.

Fiesco. Schlimm genug, wenn das Ihre letzte Galle ist--Leider muß ich Ihnen die Botschaft bringen, daß Fiesco von Lavagna aus dem gestohlenen Diadem Ihres durchlauchtigsten Bruders einen Strick gedreht hat, womit er den Dieb der Republik diese Nacht aufzuhängen gesonnen ist. (Da sie sich entfärbt, lacht er hämisch auf.) Pfui, das kam unerwartet--und sehen Sie! (indem er beißender fortfährt) darum fand ich es für nöthig, den ungebetenen Blicken Ihres Hauses etwas zu schaffen zu geben; darum behängt' ich mich (auf sie deutend) mit dieser Harlekinsleidenschaft, darum (auf Leonoren zeigend) ließ ich diesen Edelstein fallen, und mein Wild rannte glücklich in den blanken Betrug--Ich dank' für Ihre Gefälligkeit, Signora, und gebe meinen Theaterschmuck ab. (Er überliefert ihren Schattenriß mit einer Verbeugung.)

Leonore (schmiegt sich bittend an den Fiesco). Mein Ludovico, sie weint. Darf Ihre Leonore Sie zitternd bitten?

Julia (trotzig zu Leonoren). Schweig! du Verhaßte-Fiesco (zu einem Bedienten). Sei Er galant, Freund--biete Er dieser Dame den Arm an; sie hat Lust, mein Staatsgefängniß zu sehen. Er steht mir davor, daß Madonna von Niemand incommodiert wird--draußen geht eine scharfe Luft--der Sturm, der heute Nacht den Stamm Doria spaltet, möchte ihr leicht--den Haarputz verderben.

Julia (schluchzend). Die Pest über dich, schwarzer heimtückischer Heuchler! (Zu Leonoren grimmig.) Freue dich deines Triumphs nicht, auch dich wird er verderben, und sich selbst und--verzweifeln! (Stürzt hinaus.)

Fiesco (winkt den Gästen). Sie waren Zeugen--Retten Sie meine Ehre in Genua! (Zu den Verschwornen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die Kanone kommt. (Alle entfernen sich.)

Vierzehnter Auftritt

Leonore. Fiesco.

Leonore (tritt ihm ängstlich näher). Fiesco?--Fiesco?--Ich verstehe Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern.

Fiesco (wichtig). Leonore--ich sahe Sie einst einer Genueserin zur Linken gehen--Ich sahe Sie in den Assembleen des Adels mit dem zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore--das that meinen Augen weh. Ich beschloß, es soll nicht mehr sein--es wird aufhören. Hören Sie das kriegerische Getöse in meinen Schloß? Was Sie fürchten, ist wahr--Gehn Sie zu Bette, Gräfin--morgen will ich--die Herzogin wecken.

Leonore (schlägt beide Arme zusammen und wirft sich in einen Sessel). Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren!

Fiesco (gesetzt, mit Würde). Lassen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei meiner Ahnherrn trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker fließt nur unter dem Purpur gesund. Soll Ihr Gemahl nur geerbten Glanz von sich werfen? (Lebhafter.) Was? Soll er sich für all seine Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer erträglichen Laune aus modernden Verdiensten einen Johann Ludwig Fiesco zusammenflickte? Nein, Leonore! Ich bin zu stolz, mir etwas schenken zu lassen, was ich noch selbst zu erwerben weiß. Heute Nacht werf' ich meinen Ahnen den geborgten Schmuck in ihr Grab zurück--Die Grafen von Lavagna starben aus--Fürsten beginnen.

Leonore (schüttelt den Kopf, still phantasierend). Ich sehe meinen Gemahl an tiefen tödtlichen Wunden zu Boden fallen--(Hohler.) Ich sehe die stummen Träger den zerrissenen Leichnam meines Gemahls mir entgegen tragen. (Erschrocken aufspringend.) Die erste--einzige Kugel fliegt durch die Seele Fiescos.

Fiesco (faßt sie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind. Das wird die einzige Kugel nicht.

Leonore (blickt ihn ernsthaft an). So zuversichtlich ruft Fiesco den Himmel heraus? Und wäre der tausendmaltausendste Fall nur der mögliche, so könnte der tausendmaltausendste wahr werden, und mein Gemahl wäre verloren--Denke, du spieltest um den Himmel, Fiesco. Wenn eine Billion Gewinnste für einen einzigen Fehler fiel', würdest du dreist genug sein, die Würfel zu schütteln und die freche Wette mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles liegt, ist jeder Wurf Gotteslästerung.

Fiesco (lächelt). Sei unbesorgt, das Glück und ich stehen besser.

Leonore. Sagst du das--und standest bei jenem geisterverzerrenden Spiele--ihr nennt es Zeitvertreib--sahest zu der Betrügerin, wie sie ihren Günstling mit kleinen Glückskarten lockte, bis er warm ward, aufstand, die Bank forderte--und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung verließ--O mein Gemahl! du gehst nicht hin, dich den Genuesern zu zeigen und angebetet zu werden. Republikaner aus ihrem Schlaf aufzujagen, das Roß an seine Hufe zu mahnen, ist kein Spaziergang, Fiesco. Traue diesen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich aufhetzten, fürchten dich. Die Dummen, die dich vergötterten, nützen dir wenig, und wo ich hinsehe ist Fiesco verloren.

Fiesco (mit starken Schritten im Zimmer). Kleinmuth ist die höchste Gefahr. Größe will auch ein Opfer haben.

Leonore. Größe, Fiesco?--Daß dein Genie meinem Herzen so übel will! --Sieh! Ich vertraue deinem Glück, du siegst, will ich sagen--Weh dann mir Ärmsten meines Geschlechts! Unglückselig, wenn es mißlingt! wenn es glückt, unglückseliger! Hier ist keine Wahl, mein Geliebter! Wenn er den Herzog verfehlt, ist Fiesco verloren. Mein Gemahl ist hin, wenn ich den Herzog umarme.

Fiesco. Das verstehe ich nicht.