Die Vergiftung

Part 8

Chapter 83,880 wordsPublic domain

Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man muß Licht sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.

-- Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt, übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht, Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...

-- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen. Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein wenig.

Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.

Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.

-- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun, sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem Hals.

Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte.

Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: -- meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.

Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück um Gotteswillen. Sie riß sich los.

Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse, bereit, zusammenzufallen.

-- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wärme in Deinem Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stößt sich die Kraft heraus -- heute abend wird --

Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und stöhnte: aus dem Mark der Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ...

Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor: Kraut und jedem sein Stück Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas weggenommen. Aber heute, das bißchen Petroleum, das werden sie mir schon geben, können sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett einfach herein. Aus der Straßensteinrundung heraus bricht das Wort. Schon ist es nahe, nahe --

-- Heute können wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter weinerlich, überhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu korrigieren hat.

-- Muß ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub.

-- Wird schon so sein, sagte die Mutter mürrisch. -- Warten wir es ab, sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas, flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen.

-- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich muß erst um Petroleum bitten.

Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drückten sich in die Kehle hinein.

-- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum, was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den Schlüssel. Aber ich muß mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- Laß das jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. --

Die alte Friseurin grinste höhnisch: -- hab keines mehr.

Thomas wußte, es ist nicht wahr. Und war machtlos.

-- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag ein Kind bekommen.

-- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort. Und das Wort durfte nicht gesprochen werden.

Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand --

Nachtkälte kriecht durch das Fenster und Tagwärme schleicht in sie hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentümlich scharf weg.

Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Stöhnen. Die Hand würgt.

Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es dunkel glühend, ächzend. Gestalt, Klang, tasten, berühren, drängen, steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend --

Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben will.

In schwarzen Ballen fällt es aus sich heraus, in blutigen Brocken. Gedrückt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brühende Masse schwelt in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeißt sich nach oben --

daß die Haut sich dehnt der steinharten Knochen.

Gewalt.

Und alle schlafen -- dunkel --

Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell.

Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten.

Der Hund bellt -- heult --

Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort muß leben -- lodern -- zerstören --

Er klettert auf die Straßenlaterne, zerschlägt sie vorsichtig, entzündet die Fackel aus dem Schuppen, schlägt das Fenster ein -- Licht fällt in das Haus -- das Wort fällt in das Haus und der Dichter rast durch die dunklen Gassen.

* * * * *

Ruth fährt auf aus dem Schlaf. Sie trägt ein Kind im Leib. Ach nein. Die Feuerwehr ...

* * * * *

Der Säugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet. Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des geisteskranken Volksschullehrers zu.

Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er saß zusammengekrümmt über einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen waren ohne Mark. Leer.

-- Ruth, sagte er, denk bloß, alles ist verbrannt.

Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine Leiche in sich, fühlte die winzigen, angstverkrümmten Knochen.

Drei Tage später kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert.

-- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schäm dich.

Eine Mutter

Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, weiß, mit scharfen Kanten. Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstückelten Bewegungen hingen herunter. Und in das trübe Grau der Augen wollte das Weiße hereinbrechen, mit scharfen Kanten.

Das war lange her. Jetzt haßte Ruth Mutter, weil die alte Friseurin ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen.

Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter glaubte einem boshaften Dienstmädchen mehr als ihr. Mutter zwang sie große Gläser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut herumschwamm. Mutter ließ sie nächtelang bei geschlossenen Fensterladen schlafen, so daß sie glauben mußte, sie sei blind. Mutter durchblätterte ihre Bücher, die doch ihr allein gehörten. Mutter rückte den Tisch ihres Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mußte. Mutter löschte das Licht, wenn es zu spät wurde. Es war ja nur ein Zufall, daß sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war --

Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglück. War auch schuld, daß der arme Säugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen Kinder so sehr liebte.

Ruth sah auf Mutters langfingerige Hände. Wieso hatten die keine roten Brandwunden. Nein, sie waren weiß und schlank, nur durch viele Falten und Sprünge zerklüftet. Von welcher Arbeit ...

Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und tröstete sie, wie sie wortlos dasaß neben der Nähmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit. Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine Unverschämtheit.

Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in einer Fensternische, tief hineingepreßt in den dunkel samtenen Vorhang. Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da sagte Mutter: ich weiß schon Ruth, daß du immer mit Thomas warst. Er war ein armer Narr. Aber du solltest dich schämen.

Eine zorndurchschüttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme -- Thomas' Flamme -- Mutter brüllt auf.

Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog sie in den Vorratsraum, wo ein Faß mit altem Kraut stand. Hier warf er sie auf den Boden.

Er stand vor ihr weißblaß und sehr groß. -- Ruth, weißt du, was du getan hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen.

Er ging hinaus und zog den Schlüssel ab.

Ruth dachte nur: jetzt muß ich zum Fenster hinausspringen. Das ist selbstverständlich, natürlich. Ich brauche bloß auf den Stuhl dort zu steigen, es macht nichts, daß das eine Bein wackelt. Er trägt mich so weit. O, und dann stürze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich fürchte mich, um Gotteswillen, ich habe ja so gräßliche Angst --

Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heißt vor allen Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschäften nachhause. Man schließt die Laden so wie alle Tage. Und in den Straßen die gleichgültige Menge. Aber sie ist allein.

Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzählte. Aber sie weiß es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe. Und aus ihr steht graugrün heraus die Leichenhand mit entsetzten Fingern. Oder ist das ihre Hand --

Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man doch nicht denken, immer denken, immer denken.

Mutter kam am späten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich berührt habe, ich müßte sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Tod. Und ich müßte sterben. Und du müßtest mir helfen.

Mutter kniete zu ihr nieder und küßte sie.

Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth preßte die Lider zu in erstarrtem Entsetzen. Das Weiße in Mutters Augen war zerbrochen. So wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu kräftig.

Überhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen. Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war stark. Und es ist gut, daß er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrißt nur das Mark und macht die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben --

Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklüfteten Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem entgegen.

Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und über das Mark des Baumstammes preßt sich eisenhart die dürre Rinde ...

Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmäßig große Schärpen über die weißen Kleidchen gebunden. Und sie saß in einem großen Kinderwagen, ganz allein.

Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fäusten. Und erreichte nie etwas, weil diese Fäuste immer zu schwer von dem kleinen Körper herunterhingen. Sie gewöhnte sich an den Mißerfolg und deshalb war ihr kein Ideal zu groß. Sie wollte Königin werden, dann Sängerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr ganzes Leben die Last von unzähligen untergegangenen Existenzen in sich. Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt.

Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie Ruth es immer tat.

Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie. Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde Menschen.

Die alte Friseurin träumte einst davon, die erste Tänzerin der Welt zu werden. Ihr häßlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte sich in einem Gefängnishof, ohne daß sie je verstehen konnte, warum. Ihre mißgebildete Tochter nähte Hemden für vornehme Damen. Und nichts war von ihr übriggeblieben als das bißchen Schminke auf den eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen ließ. Das bißchen Schminke.

Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden mit fremden Säften, denen man sich einmal geschenkt hat.

Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen Moorboden. Müde und wohlig. Mutter saß Tag und Nacht an ihrem Bett mit überwachen Augen und Teelöffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schönste und Beste, das ich habe. Aber sie wußte nie, was das sei und wünschte sich auch gar nicht, bald gesund zu werden. Besser immer so liegen können. Und niemand kann einem Vorwürfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen.

Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was möchtest du, daß aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich möchte, daß du glücklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mußt froh sein und gesund und auch heiraten. -- Weißt du Mutter, von Thomas hätte ich gerne ein Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht böse sein, Mutter, bitte, bitte nicht. Ich möchte dir nur von Thomas erzählen, weil das so wunderschön war.

Ruth erzählte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen hätte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und küßte sie. -- Aber du mußt jetzt schlafen. Sie löschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein: warum arm ...

Sie erwachte am nächsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im Nebenzimmer zu Martha: -- wir hätten eben besser auf sie acht geben müssen.

Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frühdämmerung wieder die Hand des Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es waren viele, es waren unzählige solcher Hände. Sie sah diese Hände draußen vor dem Fenster und wußte: im Nebenzimmer wird jetzt eine ungeheure Schändlichkeit geflüstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann geht Mutter in die Küche zu der Köchin und Martha in die Schule. Nein, das hatte Thomas nicht verdient.

Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg über sumpfige Wiesen und Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter. Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen, wenn er die Zigarre zum Mund führte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben bewachen zu wollen. Draußen wachsen die Hände aus den Gräbern. Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie ist allein. Weiß Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist längst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Gräbern wachsen die mörderischen Hände.

Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von nun an zu lenken wissen. Ich muß ihr weiter helfen. Sie ist -- Laß das, antwortete Gustav müde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da ...?

Und sie saß bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid für Ruth. Als es nach ihrer Angabe genäht war, hing Ruth es in die hinterste Kastenecke und zog es niemals an.

Der Tod

Mein Thomas hat auch nicht auf mich hören wollen, sagte die alte Friseurin weinerlich zu Mutter, während sie ihr das widerspenstige Haar zu bändigen versuchte.

Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdämmerung: Unsere Nächsten -- das sind unsere nächsten Mörder. Und nun war die Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die Augen mit den Fäusten zudrücken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen dürfen. Wie gut muß es sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hören, tasten. Ihn schließt eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr.

Ruth saß an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem großen Speisezimmertisch. Mit aufgestützten Armen. Ihre immer noch fiebermüden Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der Straßenlaterne. Draußen muß viel Schnee fallen.

Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber der Kasten dort und die Stühle ringsherum rücken weit weg, fort in das Graue, daß sich die hohen Fensterkreuze dehnen müssen. Und nichts um sie als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen muß einmal eine Fliege ertrunken sein. Über Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Füße treten das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick die Weite überwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist sie ganz allein.

Wie Vater. Wie Thomas.

Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn sie Richard und Gustav auf der Straße trifft oder mit Norbert zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt oder nicht weiß, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so allein, mit offenen Augen. Die alles sehen.

Eine Woche später brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer Operation. Sie war sehr müde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es ist doch unglaublich, daß man so einfach in mich hineinschneiden kann. Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da. Wo ich nur sein werde. Ich muß sehr gut acht geben.

Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu großem Kinn. Seine Hände waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hände wurden zum Werkzeug, das ineinander beißt.

Sechs junge Ärzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern leidend und demütig. Der Operationsraum war groß, zu licht, blitzend, spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten, schneebeladenen Bäume. Die Wintersonne stieß gegen die dicken Wolken. Ruth empfand die kühle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im ersten jungen Frühling dort unten gelegen sein mußte, mit zerfleischtem Körper eingepackt in weiße Tücher.

So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie spürte einen niederträchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr zwingt mich doch nicht --

Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren Körper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der Ärzte, die bloßen sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern über die Instrumente gebeugt ...

Die weiße, glattgetünchte Wand riecht so sonderbar. Sie muß sehr hoch sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind gefesselt, stöhnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen muß.

In den tiefblauen Himmel stößt sich ein weißer, steifer Ast.

Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester, die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand, die sie nie gesehen hat.

Sie kann ihr Bett kaum überblicken. Dort am Fußende sitzt ja Mutter. Ihre Bluse ist zerdrückt. Wie unangenehm. Und sie lächelt so, als ob sie alles wüßte, genau wüßte, was sie ja gar nicht wissen kann.

Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie muß einmal Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Füße weggeschnitten. Sie muß tasten. Sie kommt nicht bis dorthin.

Mutter und die Schwester lächeln. Das ruchlose Lächeln der Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht.

Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid schon gekommen? Dann gehört sie wieder der Welt, die von Mutters Rechenbüchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen. Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger Chemikalien, ätzend, zersetzend.

Ruth saß mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu und den glotzäugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grün. Aber sie war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an Agnes kräftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie möchte sich in die saftgrünen Vorhänge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Bräutigame.

In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlägt eine Ecke nach oben, leckend. Sie löscht das Licht. So müde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend. Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt.

Da ist nur noch die weiße, glattgetünchte Wand. Und der lange, gräßlich arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige Flüssigkeit von der blendenden Wandfläche. Er schleckt, leckt, saugt sich an --