Part 5
Sie mißhandelte ihr Zimmer. Es war häßlich. Alte, verschnörkelte Möbel. Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus zerschlissener Seide. Sie stülpte ihn verkehrt auf den Boden, rückte den Tisch schief in eine Ecke. -- Schämst du dich nicht, wie dein Zimmer aussieht, sagte Mutter.
Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger servierte.
Sie wollte nicht mit Mutter auf die Straße gehen, weil Mutters Mantel schon sechs Jahre alt war.
Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd.
Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe.
Es war alles gleichgültig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man armselig und fast lächerlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber ganz elend sein, betteln gehen.
Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons glückliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein ein Vermögen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene Kissen. Und dann saßen sie in hochwandigen Speisesälen und sahen hinaus über ungemessene Entfernungen.
Geld haben heißt weiterkommen. Weiterrücken im Raum. Und das heißt, weiterrücken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert war sehr viel da. Mutter liebte ihn.
Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten Kleidern, die ihr schlecht saßen. Sie ging durch die elegantesten Straßen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war.
Sie traten in eine der ersten Parfümerien. -- Hier wollen sie etwas kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht?
Sie wählte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es überstieg weit den schmächtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld vergessen, können Sie für mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner biederen Geldbörse.
Auf der Straße sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich habe sie aus dem Korb gestohlen.
-- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst.
-- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die behalte ich mir, die gehört mir, mir ganz allein. -- Fräulein Ruth, nein, das ist nicht möglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurück, gehen wir. -- Gewiß nicht, ich glaube gar, Sie fürchten sich, mit mir zu gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas dürfen Sie doch nicht tun, Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer -- und fast schämte sie sich, so zu lügen. Sie hielt die Seife krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, daß die Schulter schmerzte. Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmüssen preßte ihr die Zähne zusammen.
Sie gingen durch trübe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und haben müssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie lachte grell und höhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind.
Und dachte: Du kleinseliger Krämer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafür. Es nützt doch nichts. Ich habe es vom Großvater. Der hat auch alle seine Pferde verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, daß ich einen grauen Lappen um den Kopf binden muß, wenn es schneit, wenn ich dann so ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus ihrer Börse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Fräulein Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, können Sie sich vorstellen, daß man etwas haben muß, so unbedingt haben muß, daß man einem andern auch Böses tut, ihn umbringt, für Geld umbringt? Können Sie sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. -- Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind gar nicht alle krank.
Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen: -- Wir tragen die Seife jetzt zurück. Wenn Sie das Geld nicht nehmen wollen. Es war ein Irrtum.
Ruth warf die Seife einem verkrüppelten Bettler, der an der Mauer lehnte, in den Hut und sprach im Vorübergehen: -- Er soll sich auch einmal mit etwas Gutem waschen können. Und sie sah Norbert nicht mehr an und gab ihm nicht die Hand zum Abschied.
In den nächsten Tagen aber trauerte sie um das Stück Seife, wie um ein Stück verlorene Seligkeit. Sie haßte Norbert. Einmal hatte sie es gewagt und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und verschlang sie.
Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Köchin. Aber es war wieder ganz unmöglich.
Sie fühlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben Metalls. Das nach Schweiß stank und den Duft exotischer Blüten in sich trug und ein Rauschen von seidenen Röcken.
Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlüssel mit sich in einem uralten Handtäschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wäsche mit gehäkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine Nagelschere und ein Nähkästchen und vielleicht noch eine Photographie. Nein, davon hätte Ruth nichts haben wollen.
Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebürstet und ordnungsgemäß aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur letzten Tagebuchseite. Denn Richard führte ein Tagebuch. Das war sehr genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen.
Mutters Besitztümer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersäckchen und rochen nach Lawendel.
Ruth wollte und mußte etwas haben. Etwas Außergewöhnliches, etwas unsagbar Schönes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes, wenigstens noch nicht in ihren düsteren Zimmern.
Als sie ihr nächstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Blätter, die schon offen waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, daß sie Ruths Kopf zur Seite senken ließen und die Augen schließen.
Sie kaufte sechs von den schönsten, strich mit den Händen über die heißen, großen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause.
Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrünen Lampe und hielt eine Rechnung in den Händen. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha stellte verdrossen die Gläser auf.
-- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung für vier paar Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer verwundert in die Höhe. Aber seine Stimme war häßlich vor Zorn.
Mutter rang die Hände.
-- Ich weiß nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weißt nicht und was hast Du da? Was sind das für Rosen, Ruth? Du bist wohl verrückt. Du weißt nicht, was du tust. Wie treibst du dich denn herum?
-- Laß die Rosen, sie gehören mir.
-- Dir, dir gehören sie? Ja, was gehört denn überhaupt Dir? Du stiehlst. Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe vielleicht Dir gehören? Und diese Rosen? --
Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, silberweiß, blaue Scheine. Nur die Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach greift --
Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es --
Ein Kreischen, ein Stoßen --
Sie war allein in ihren Zimmer.
Von der Straßenlaterne strömte weißgelbes Licht herein. Aber der Zorn tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, würgte die Kehle, machte ihre Hände gierig.
Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch.
Aus ihrer Handfläche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz ruhig.
Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen.
Und ihre Augen wurden satt.
Da waren irgendwo heiße, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken konnten. Und ausgekühlte Marmorbäder. Und verlöschte, grellrote Lichter.
Zu ihren Füßen lagen viele Münzen. Kupferne, silberne, goldene. Die rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine über der anderen.
Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld fraß das Blut.
Gott
Als Ruth so klein war, daß das Kindermädchen sie sitzend auf dem Arm trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche Fläche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde. Ruth fürchtete sich.
In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie Fieber. Man zog ihr ein frisches, kühles Hemd an, legte sie in Mutters riesige Polster hinein und Mutter küßte und streichelte sie.
Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann vergaß ihr kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kämpfen, den grell bemalten Tapetenblumen, den Vorsprüngen auf Mutters kompliziertem Luster, der widerhaarigen Zahnbürste. Dann legte sie ihr kleines Haupt tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu große, harte Hände.
Mutter war groß. Mutter war allmächtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war gütig. Mutter war edel und -- Mutter war gekränkt, mißhandelt von aller Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen, keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb fürchtete sie sich vor den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mußte.
Ruth küßte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und starb vor würgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war. Aber das durfte niemand wissen.
Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewiß, er liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepreßt wie die Banknoten.
Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur »sie«.
Zu Mutter flüchtete Ruth sich, als sie die große Angst bekam vor dem großen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete. Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der es duldete, daß es eine Hölle gibt, während es ihm dort oben am besten geht. Der die Menschen in den Spitälern sterben läßt und noch will, daß man dankbar dafür ist.
Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern und Rosenkränzen. Die führte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang in den kalten, zu hohen Räumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nie herunterfallen.
So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schönes Wetter und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er sterben müssen, und keiner liebte ihn.
Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner häßlicher Grund, daß Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg. Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Küche drückte sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb ... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtkuß. Ruth rief nicht nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem Kopfkissen.
Sie wollte Nonne werden. In der Abenddämmerung in niederen Kreuzgängen wandeln und über das Meer schauen und Christus lieben.
In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu denken, daß der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn es auch für die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit -- ein Verbrechen -- und daß das alle Morgen geschah ...
Ruth besaß ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten, glotzäugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten Altären der katholischen Kirchen.
Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer für Christus.
Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es überhaupt auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm.
Aber sie küßte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu liebe.
Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekräuselten Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzählte ihr ungeheuer viel von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines Nachmittags führte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit parfümiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker saß die Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen Schlafrock. Seine Falten krochen über ihre müde, duftende Haut. Sie sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zöpfchen. Sie schenkte Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand, das am nächsten Morgen als zähe Masse die kleine Faust verklebte.
Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die Löschblätter in allen Heften. Als die Bonne plötzlich fortgehen mußte, weinte sie die Nacht durch.
In einem großen Hotel liebte sie einen gazellenschönen, argentinischen Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Aber sie zählte die Stunden, bis sie ihn wieder in den Speisesaal kommen sehen könnte, neben seiner überüppigen Mutter.
An einem lichtgoldenen Frühlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb weißer Hyazinthen. Kaum erblühter, strahlend weißer, schlanker Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, daß sie diese Hyazinthen haben mußte, sehen mußte, einatmen mußte. Nein, niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehöriges, wie die Dinge, die in den verbotenen Büchern stehen. Über so etwas schweigt man. Und wenn es nur wäre, um nicht ausgelacht zu werden. Das aber ist Schande und Schändung. Das ist so wie der gepeinigte Christus an jeder Wegkreuzung.
Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grün der Buchenblätter in die Sonnenbläue des Himmels schmiegt. Und sie berührte schüchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, während auf den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter, dort sind Holzhauer und Schlangen.
In diesem Sommer wuchs Ruth überraschend schnell und bekam kräftige, braune Arme.
Im nächsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft für Napoleon. Der mit gekreuzten Armen über die Menschen gegangen war und sie zertreten hatte.
Damals war es, daß Ruth eine Macht über sich fühlte, die sie fausthart in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich in sehnsüchtiger Wollust kneten ließen. Sie wollte nicht lieben, nicht Liebe empfangen, aber unterworfen werden.
Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie einmal in das Theater ging und so besonders schön war. Gepreßte Zyklamen aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem französischen Werk über Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben.
Wenn Ruth ihren Kasten zusammenräumte, wischte sie diese Dinge mit einem Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weißes Seidenpapier gewickelt und mit Christbaumschnüren zugebunden. Ruth rührte aber keines gerne an. Sie fürchtete den Tag, wo ein quälendes Gewissen sie dazu trieb, alles frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die Hände und fürchtete, daß ein unreiner Atemzug diese Heiligtümer beleidigen könnte.
Denn das alles waren Heiligtümer, nicht Erinnerungsstücke. Kleine, nichtige Gegenstände, vollgetränkt mit dem Empfinden einer überströmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflößender geworden. Es war besser, man berührte diese Gegenstände nicht, ging ihnen aus dem Weg und sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlüssel lebendig wurde und schwer zu behandeln.
Es kam noch vielerlei dazu. Schmächtige Seidenfransen, die sie einem Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weißblondes Haar der Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten.
Einmal saß Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe machen. Mutter saß mit ihren Rechenbüchern daneben. Da kam ein Dienstmädchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbücher beiseite und nahm den Säugling auf den Arm und küßte und hätschelte ihn. Ruth sah sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos überlassen, wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft.
Onkel Gustav erklärte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in ihrer Jugend selbst viel gemalt, große, bunte, talentierte Bilder. Man schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde.
Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die Steine werden licht. Denn das ist die große Kraft.
Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und höher. Und durch alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besaß große Kraft.
Sie sehen, hieß einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken die schwerblütigen Vorhänge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen Haufen zusammen. Und sie verstand, daß es wichtiger war Fensterscheiben zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die Sonne muß hereingelassen werden. Sie ist die große Kraft.
Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nähe war grell und fast schmerzhaft laut. Ruth flüchtete vor ihr. Alle Reliquien durften verstauben.
Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und blieb in der Dämmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete.
Während aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengroß und dunkel. Und sie saß bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben möchten. Dumpfer Männernächte, die ihre Kinderhände weinen machten.
Er war ein Gott. Die Maske fiel.
Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel.
Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen.
* * * * *
Ruth saß am Sonntag in dem großen Dom. Die Orgel spielte und vor den brennenden Kerzen lag die Menge.
Ruth hörte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wußte, daß draußen ein eintöniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den Weihrauch hinein. Sie saß ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut.
Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit gerader strenger Nase und weißem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter. Das sind Masken für nichts. Ich möchte meinen Schrank verbrennen. Mutter macht uns alle unglücklich, weil sie nicht glücklich sein kann. Das Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die Liebe bei der Baronin mit dem parfümierten Rauch macht Übligkeiten. Sie soll nicht lächeln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat die Welt unterworfen weil er die größte Maske trug. Alle Buchenblätter sind faul und die weißen Hyazinthen verwelkt, verkrümmt.
Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtäschchen. -- Da sitze ich in der Kirche bei der Komödie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir.
Ob Hilde auch eine Maske hat --
Aber er trägt viele tausend Masken. Nein, er weiß gar nicht, welches sein wahres Gesicht sein könnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken, innen etwas faul. Grünbleich und müde. Ach, und sich hineinlegen können und ausruhen ...
Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth ärgerlich, ihr glaubt ja doch nichts.
-- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen.
-- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklärte Richard.
-- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs namenlosen Hund.
Gute Familie
Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jüngste Schwester besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie öffentlich zu erklären wagte, vor der französischen Grammatik brauche man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen.
Mutter hatte darauf gehalten, daß ihre Töchter diese Schule besuchten und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, daß sie nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte.
Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurück. Sie mied den Weg, der an der Anstalt vorbeiführte. Sie empfand schon in der Nähe des Hauses den dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Französische Verben, verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschürzen mit knallblauem Rand und das unbedingte Bedürfnis, sich auf den Tisch zu setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist.
Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefühl zurück, wenn sie sich an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen, boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefärbten Haare bewunderte und stundenlang darüber grübelte, was sie ihr Verletzendes sagen könne. Denn die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschämtheit, andere belehren zu wollen, ohne klüger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule brachte, war ein glühender Haß auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt der Mademoiselle ähnlich gesehen haben mußte, ihre kaltadrige, rote Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglänzenden Halskragen. Damals hatte Ruth den Haß gelernt. Nicht den hochlodernden, kämpfenden. Aber den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden. Den allerunbarmherzigsten.