Part 4
Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es und denkt das durch, ganz durch ...
Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.
Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.
Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen, weil sie Mutters Kind ist.
Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn von und dann etwas mit »-berg«. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.
Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und wurde mit Aufmerksamkeit angehört.
Draußen fällt ein grauer, dünner Regen. So sitzen jetzt an jedem Mittagstisch die Männer und erzählen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen sie in das Kaffeehaus und erzählen sie ihren Freunden. Das ist alles.
Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her.
Sie senkt den Kopf tief über den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen. Und ißt irgend was, das schmeckt wie graugrüner Kohl. Ist aber etwas anderes. Sie hört das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas faule Durcheinander der anderen über sich. So daß sie wieder fühlt, sie ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem Bett. Die Tür ist offen, damit man sie schreien hört, wenn sie etwas braucht. Sie wundert sich über das Aufschlagen der Gabeln in dem Porzellan, das die kaum verständlichen Redebrocken drinnen begleitet. Sie möchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht.
Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei. Es war doch zu gemütlich im Park. Überdies hätte sie einen Haufen Knochen für seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen --
Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken. Ob es ihr schon ein bißchen ähnlich sehe --
Sie erzählte Richard, daß sein Buch, das er gestern gesucht habe, in ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso --
Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen --
Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er noch Gemüse haben wolle --
Sie wußte: Wenn ich jetzt schweige, hört man mein Besteck allein auf dem Teller. In was für einem häßlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefräßig. Deshalb muß ich reden. Alle reden. Wäre es nicht besser, man würde mit den Füßen strampeln?
Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heißt, Onkel Gustav spricht von ihr. Aber es ist klar, daß er eine Braut hat. So jemand hat immer eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier.
Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten --
Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein, der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Große, gelbe Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce.
Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander überlaufend, ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es wirklich sehen zu können. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch --
Es steigt auf aus Richards kühlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam die Mehlspeise zerlegt.
Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden.
Aus Marthas abgetragener Samtbluse.
Aus Onkel Gustavs rundem Rücken, aus Mutters lauten Reden.
Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefügt, schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen.
Hier um den Tisch herum glaubt jeder, daß er etwas für sich ist. Richard vor allem, der so klug ist, daß Mutter immer sagt, er muß Bankdirektor werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehört dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen. Die sich ähnlicher sind als die eintönigen Ledersessel, auf denen sie sitzen.
Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein Kleinschicksal.
Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewußt. In dem selben Rhythmus, in dem man in das Geschäft geht oder in das Amt oder in die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo man eine anständige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein trottet, in dem man --
Agnes zerbrach ein Glas. Ein flüchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch den feinen sprühenden Regen über das verschobene Tischtuch.
Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, daß Mutter und Martha böse Gesichter machten. Auch nichts, daß sie drei Tage darüber unglücklich sein werden. Gott sei Dank.
Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit »berg«, strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrübt sein über das zerbrochene Glas. Er sah sehr unglücklich drein. Wahrscheinlich mehr aus Höflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem.
Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfähig. Zu kräftig. Wenn sie bei der Tür hereinkam, mußte eigentlich etwas umfallen in den hohen, schmächtigen Räumen. Durch die bloße Anwesenheit ihrer saftvollen Arme. Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen Schnurrbartspitzen. Der immer in der Küche steckte und den Hut nie herunternahm. Einen riesengroßen, hellgrauen Deckel, der schief über dem linken Ohr saß, immer ganz gleichmäßig schief über dem linken Ohr. Toll einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt --
Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhören, daß sie in ihr Zimmer lief, um weiter zu pfeifen. Dort riß sie das Fenster auf. Die Sonne schien hell.
Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast näselnden Stimme zu Gustav: -- Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen.
-- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir alle. Er betonte das »wir« mit einer gewissen gesättigten Befriedigung. Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu unreif für ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man weiß gar nicht, was mit ihr anfangen. Übrigens, findest du, daß sie mir ähnlich ist? -- Nein.
Geld
Mutter war nicht zum Glück geboren. Aber sie hätte eine entthronte Königin werden müssen. Und in Schmerz und Größe schwelgen. So war sie kleinlich und mißtrauisch, zankte mit der Köchin um jeden Heller. Und wurde dann bestohlen, wie überhaupt von allen Leuten des unteren Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, daß sie sie für mächtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten.
Auch Ruth hielt Mutter für mächtig, für allmächtig. Sie stand himmelhoch über den Dienstboten und Bonnen. Sie besaß die Schlüssel zum Wäschekasten, zu jener blendenden Fülle weichen, weißen Leinens, die zu sehen allein schon schläfrig macht wie ein zu heißes Bad. Sie besaß jeden Silberlöffel, jede Schüssel, jedes Glas Milch so intensiv und eigentumsdurchsättigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschätze. Und war daher reich in einer Dürftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten empfand.
Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha mit ihrer überlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel können wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider; was das nur heißen sollte? Sie glaubte, mißverstanden zu haben.
Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor immer ihr Taschengeld.
Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon durch tausend häßliche Hände gegangen war, über Wirtshausfußboden rollte. Mutter besaß es in ungezählten Mengen. Es war nur ein Prinzip, daß sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lächelte immer verächtlich, wenn man von Geld sprach.
Ruth hatte kein Gefühl für Zahlenverhältnisse. Den Unterschied zwischen hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von Mutter. Nur daß diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige Heller trauerte, während sie Tausende verschleuderte.
Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Güte oder um anderen eine Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heißt, ihn ganz von sich losreißen, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken. Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre liebste Bluse plötzlich dem Stubenmädchen und wenn eine Freundin auf Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher vor plötzlichem Ausgestoßenwerden.
-- Es ist schade, daß man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr bringt, sagte sie einmal.
Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persönlich eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich riß. Sie gab sich den Dingen hin und füllte sie so voll mit ihren dämmernden Gedanken, daß ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, übersättigt vom eigenen Selbst. Und sie mußte plötzlich auf die Straße laufen, stöhnend vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden.
Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollüstiger Freude und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schämte sich darüber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heißer Zorn wühlte in ihr, wenn alle anderen nicht größer waren als sie. Sie wollte das Kleinste sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu unreif für ihr Alter.
Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Münze aus der Geldbörse zu nehmen, war für sie ein Wagnis, ein Heldenstück, das ihr immer unmöglich sein würde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen Salamander in der Hand zu halten.
Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrüstigen Vorstadtgärten, zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter krank gewesen und mußte im Frühling eine Reise machen. So war nicht genug Geld da, noch einmal fortzufahren.
Als Ruth zum ersten Mal davon reden hörte, daß sie heuer nicht wegfahren müsse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche.
Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr, unaufhaltsam näher rückend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es kommt ein Tag, da muß ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reißt mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen, auf der Hauptstraße liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich muß alle Tage vorübergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel über unserem Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir verwachsen. Aber fortmüssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
Sie wußte nicht, daß jeder Mensch mit seiner täglichen Umgebung organisch verbunden ist. Daß ein Weiterrücken im Raum auch ein Weiterrücken im Leben sein muß. Und doch stöhnte sie unter dem Zwang.
Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel gesehen. Mit verschwommenen Kirchtürmen. Das war ihr Horizont, ihre Ferne, ihr Land gewesen.
* * * * *
Und nun saß sie in den staubgeschwängerten Vorstadtgärten. Ihre müden Blicke wuschen den Ruß von den welkenden Blättern. Sie dachte an einen Wald, eine grünsatte, schwelgende Fülle. Die schlank hinansteigt in abendhelles Blau. Und sie mußte hier sein.
Ihre Strümpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben ihr auf der Bank erzählte ein Dienstmädchen einem anderen, sie habe fünfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekäme -- sie roch nach Schweiß.
Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und Blechkübeln. Und es rollte ein ferner Donner.
Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlöcherte Hosentasche. Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr, immer mehr ...
Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt wie geschmolzenes Metall.
Ruths Schuh hatte einen Riß, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine Falte. Aber es war ein Riß. Quer mitten durch.
Sie stand auf und ging durch die Straßen, wo die größten, üppigsten Geschäfte waren. Schon wurden die Lichter angezündet. Gierig aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer.
Ruth dachte: Über meinen Schuh geht ein Riß -- keine Falte -- über meine Hand geht ein Riß -- ist das Schmutz -- und über mein Gesicht -- vielleicht ist das Blut.
Sie ging hinter einer üppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren wunderbaren, geraden, feinen Absätzen, die nicht einen Millimeter zu hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust überkam sie, das weiche, eng anliegende Leder zu fühlen, zu streicheln, an sich zu locken.
Das Parfüm roch betäubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezählte schmierige Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der durchsichtigen Flüssigkeit. Ich möchte sie nicht berühren. Aber teuer. Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich könnte sie niemals darauf küssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie verachte. Aber die gelben Schuhe möchte ich besitzen --
Ein paar große, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige Pflaster. In den Häusern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame Vorhänge wurden zugezogen.
Die große Blonde ging in ein großes Haus. Über breite Stiegen mit dicken Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit großnetzigen Schleiern vor den Gesichtern.
Sie gingen durch eine große Glastür. Es roch betäubend nach Seife, dickem Parfüm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mädchen in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, großgewellten Schopf fragte Ruth, was sie wünsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgängerin sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle geführt, wo ein gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war.
Eine Welle mattweißen Schaums ging über ihr Gesicht, über ihren Kopf, über die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven dehnten sich weich und ringförmig. Das junge Mädchen hatte schlanke Hände mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern.
Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier sein und ihre Hände sind schön und unnahbar. Am Abend geht sie nicht nachhause. Wo sie da hingeht --
Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie verwischtes Gold in der marmornen Waschschüssel.
Sie spricht nicht mit mir, -- wußte Ruth, -- weil ich ein verwaschenes altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie erst den Riß über meinem Schuh sähe, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth schämte sich maßlos.
In der Zelle daneben aber plauderte die große Blonde lustig darauf los mit einem von den anderen jungen Mädchen. Sie schwatzten wie zwei Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth spürte, daß er ein Monokel trug und manikürte Nägel hatte -- und die Blonde kicherte fortwährend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und bewundernd: -- Aber gnädige Frau und dann sprach man von einem Armband. Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschüssel eine Fülle von Kristallen, in denen sich das Licht brach, so daß die Farbenmenge schwindeln machte. Sie wußte, das gibt es alles, zwei Häuser weit weg, bei dem großen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie dem Friseur auch werde zahlen können. Sie dachte sich Unsummen aus, die es kosten müsse, ja müsse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mörder auf das Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mußte.
Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glückseliger. Ruth dachte in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein dürfte. Ich könnte mich dann gar nicht so fürchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein -- das hieße ausruhen.
Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drückte in die kühlen Hände des jungen Mädchens ein fürstliches Trinkgeld. Und stürzte davon wie ein ertappter Bettler.
Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren es die kühlen, langen Nadeln, die ihr das Mädchen in den Knoten gesteckt hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und sie sehnte sich das Haar lösen zu können und den Kopf hineinzuwühlen.
Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbücher. Die Lampe über dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrünen Schirm. Nur um Gottes Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster waren rot und die Frauen in den großen Straßen hatten rote Wangen. Hier grüßten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und weich.
Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den ledernen Handtäschchen der Damen blinkte es silberhell. In den Geschäften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes Holz, fremde Blütenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hüte, Diamantarmbänder ...
Heute bemerkte Ruth, daß sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie fühlte einen Taumel fremder Geschäftigkeit um sich, dem sie nicht gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf. Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glückseligkeit. Sie wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Müdigkeit. Quer über den einen Schuh lief ein Riß.
Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe unter dem dunklen Sitz.
Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare. Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.
Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle, die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mußte kostbar sein.
Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken und strahlte mit blendend weißen Zähnen. Ihr Körper war schlank und frei wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee für sich und den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit weißen Fellen und samtenen Vorhängen.
Ruth liebte die Milliardärstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit dumpfer Wut auf das verkrümmte Ladenfräulein neben sich, das an den Nägeln kaute und schnalzte.
Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er einen Schlapphut. War also ein Künstler.
Das Atelier. Köstliche, großgeblümte Teppiche. Glatter weißer Marmor. Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang.
Der Park des Milliardärs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde Blätterfülle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde, verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardärstochter reitet auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfüm, wie die Blonde heute auf der Gasse.
In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: -- Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzündung. Ich komme gerade aus dem Spital. Was soll man machen? Aber schön ist es, das Stück.
Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schweiß. Vielleicht hat er Schuhriemen gemacht für den Grafen. Oder Zaumzeug für seine Pferde. Aber die Milliardärstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist. Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrügt.
Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte. Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der Friseur an der Kasse, nur daß er so gut angezogen war. Und einen Abgrund vor der Milliardärstochter, die genau so strahlende Zähne hatte, wie die große Blonde.
Nichts als Abgründe, Löcher, Klüfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen.
Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten läßt. Nein, nicht mehr.
Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer. Nur Schmutz.
Über Ruths linken Schuh lief ein Riß. Es war bestimmt keine Falte, es war ein Riß.
Sie wünschte sich den ganzen Abend: ich möchte Seidenstrümpfe haben, wie die Milliardärstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes.
Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem sträflichen Müßiggang, den Richard nicht vergaß, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum zu erwähnen.
Mutter schüttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es nützt alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel. Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt?
Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hände mit fast zu heißem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hände ganz tief in die Waschschüssel steckte und das heiße Wasser durch alle Poren in sich hineinströmen ließ, schlossen sich ihre Augen und sie fühlte sich über Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen.