Part 10
-- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand über die Treppen mit zurückgelegten Schultern? --
Ruth fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Im roten, lärmenden Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hände spielten auf den Knien. Da waren noch die Narben von dem Hundebiß. Ihre Hände. Braun. Vielleicht auch etwas gelb von den Phiolen.
Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien.
Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann das nützen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Körper strömen die müden Säfte eines verbrauchten Lebens. Gift.
Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt.
Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine junge Kraft.
Abrechnung
Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph.
Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste Gedanken. Sie lächelte.
-- Wie ich mich freue, daß du wieder da bist. Er drückte liebenswürdig ihre Hände. Sie fühlte, daß sie müdbraune Handschuhe hatte. In den Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbänder.
Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas' Messer --
-- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Gärten liegt Flieder. Doch nein, laß es.
Ruth lächelte, während sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er könnte genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert.
Und als er mit den großen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzündete -- wie immer -- stürzte das Gleichgewicht der Frühlingsstraßen draußen in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe --
-- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weißt alles, sagte sie.
Dann schwiegen beide. Aber wie die Dämmerung so weit hereingekrochen war, daß das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mußte, sagte Ruths Stimme, fremd und hell:
-- Du wartest, daß ich dir erzähle. Was soll ich dir erzählen? Es ist nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir.
Ich sehe deine weißen, mörderischen Hände. Wenn es auch dunkel ist. Warum hast du niemals Leberblümchen mit ihnen gepflückt oder Primeln. Stiefmütterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hände sind auf den weiß gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und hinauf greifen mußtest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu erwürgen. Obwohl sie es so gerne getan hätten. O, du hättest es tun sollen --
Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich weiß es.
Ich weiß jetzt alles. Und ich fühle den Zorn, der deshalb in dir tobt. Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn ich bin wiedergekommen.
Weil ich deine feigen Nächte kenne. Deine Phiolen --
Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so groß und dunkel, daß die Dämmerung bleich werden mußte und verdrängt.
Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hände. Ich liebe deine Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich --
Er beugte sich über sie, tief, erdrückend.
Sie bäumte sich auf. Und fühlte seine kampfbereiten Muskeln.
Er keuchte: -- und --
Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ...
Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als die Dämmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos ausdehnbar. Ohne Kampfkraft.
Ruth stand auf und lächelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander nichts mehr zu sagen.
Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem blütenschwangeren Regen des Mai.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 62]: ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ... ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ...
[S. 62]: ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ... ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...
[S. 86]: ... hat eine wohlgefühlte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ... ... hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ...
[S. 145]: ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ... ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...