Die Ursache: Erzählung

Part 7

Chapter 73,771 wordsPublic domain

Der hat sich diese Theorie nicht angeeignet, um sich durch sie zu retten, dachte der Einäugige. Der Psychologieprofessor hat unrecht.

Da stieg zum ersten Male klar die Frage in ihm auf, ob er vielleicht unrecht damit getan habe, einen Menschen dem Tode zu überliefern.

»Bin ich deshalb gekommen?« hatte er gefragt, ohne es zu wollen. Erschrocken blickte er den Dichter an, auf dessen verwüstetem Gesicht diese Frage höhnisch beantwortet stand.

»Ich habe umsonst gelebt, denn einstimmig wurde ich verurteilt. Ihre Stimme hat mein Leben nutzlos gemacht . . . Verstanden und doch verraten! Ein furchtbares Verbrechen.«

Der Kampf zwischen den beiden ging nur um diesen einen Punkt. Noch einmal stieg Kraft im Dichter auf, für diesen Kampf.

Da trat ein Mann ein. Das ging alles ohne Worte vor sich. Bei den Schläfen begann er. Dann scherte er von der Stirn weg mit seiner Maschine einige Bahnen bis zum Wirbel. Zuletzt scherte er den Nacken. Ganz kahl. Und ging.

Es fühlte sich kühl an, als der Dichter seinen Nacken berührte. Die Möglichkeit, mit dem Einäugigen zu kämpfen, war weg. Sein Herz wurde groß vor Angst, füllte die ganze Brust aus.

Da verzog langsam Hohn sein Gesicht. Die Hand im Nacken, den Blick auf den Einäugigen gerichtet, fragte er böse lächelnd: »Wieviel wiegt denn so ein abgeschlagener Menschenkopf? Mit allem Fleisch daran? Mit den Lippen? Wenn er noch warm ist . . . Vier Kilo? Fünf Kilo vielleicht?«

Der Wärter drehte sich zur Wand, stauchte aus einem Fläschchen Schnupftabak auf seinen Daumen, und während er ihn geräuschvoll in die Nase schaffte, sagte der Dichter bewußt grausam: »Die Kopfkugel stürzt . . . in den Kasten, schlägt auf . . . Dann kollert sie und bleibt liegen. Macht noch eine Viertelsdrehung und liegt still . . . im Profil. Im Profil.« Er nahm die Hand weg vom Nacken und betrachtete seine Finger, sah den Einäugigen an. »Ob dann die Augen zu sind? Oder sind sie offen? Blind? Oder sehen Sie noch eine Sekunde lang? . . . Lang! Sie müssen das doch wissen, Sie haben mich ja verurteilt . . . zum Tode.«

Der Einäugige machte eine Bewegung zur Tür hin.

»Bleiben Sie noch!« rief der Dichter, so flehend, in Angst vor dem Alleinsein, daß der Einäugige stehen blieb. Und die Verwandlung des Hohnes zum furchtbarsten Entsetzen beobachten konnte.

»Man sagt, daß das Gehirn so eines Kopfes noch eine Weile . . . funktioniert. Denkt? Der abgeschlagene Kopf lebt noch eine Weile? Denkt seinen letzten Gedanken zu Ende? Oder kann man einen Gedanken . . . mit dem Beil entzwei schneiden? Ein Beil kann das nicht! . . . Sie sind zu mir gekommen, um mir zu helfen. Und können es nicht.«

Der Einäugige sah wie ertappt auf.

Und der Dichter schrie: »Können nicht helfen! Nicht helfen! . . . Zu spät!«

Beide Hände an den Hinterkopf gepreßt, schrie er: »Mit ungeheurer Kraftanstrengung denkt der abgeschlagene Kopf seinen angefangenen letzten Gedanken zu Ende und brüllt allen Menschen lautlos ihre Schande ins Gesicht . . . Auch Ihnen! Rache! brüllt er. Rache! brüllt der Mund. Und die Gerechten, die herumstehen, hören es nicht.«

Auch der Wärter nahm seinen Schritt zum gefährlich und wild aussehenden Dichter wieder zurück und stand mit dem Einäugigen still, als der Dichter mit ganz veränderter Stimme vibrierend ruhig sagte: »Ich aber weiß -- was ein gesetzlich abgeschlagener Menschenkopf spricht, wird nie verhallen, wird furchtbar gehört. Seine Worte treiben Roheit und Rache in die Herzen der Menschen hinein. Ins Sägemehl geflossenes Menschenblut spricht zum noch pulsierenden Blut. Denn alles Menschenblut ist göttlich miteinander verwandt. Und deshalb wird der Mord, den die Gesetzesmänner an mir begingen, sich tausendfältig rächen. Wird tausend Morde erzeugen.«

»Weißt du das? Der abgeschlagene Menschenkopf ist ein furchtbar mächtiger, gefährlicher Kopf. Denn er wird den Menschen ewig sichtbar bleiben, wie er im Profil im Kasten liegt. Die Bestie im Menschen wird mit den gesetzlich abgeschlagenen Menschenköpfen gefüttert . . . Das ist die Rache des Hingerichteten.«

Sein Gesicht war vom Fleisch abgefallen und spitzig geworden.

Der Einäugige brach sich los von seinem Bann, dachte müde: die Hose ist ihm ja viel zu lang, und erstarrte wieder, als der Dichter sagte: »Die Gerechten, die herumstehen, glauben, ein abgeschlagener Menschenkopf sei ein abschreckendes Beispiel.«

»Glauben Sie das auch?« fragte er, näherte sich dem Einäugigen und blickte ihn an wie die Katze den Vogel, der sich nicht zu rühren wagt. »Ich sage dir, mein Blut, wenn es das Sägemehl rot macht, wird das Blut aller Menschen zur Rache zwingen. Zwingen! Denn es ist nur ein Blut.«

Da warf er die Arme in die Höhe, daß sie in einem Bogen wie über die ganze Welt hin verharrten. Prophetisch hell rief er: »Und als der erste Menschenkopf gesetzlich abgeschlagen war, wurde es vor Rache dunkel auf der Erde, denn allen Menschen trat das Blut in die Augen, da es sich wieder vereinigen wollte mit dem gesetzlich vergossenen Blut.«

Plötzlich tat er einen wilden Schritt zur Tür hin.

Der Wärter sprang auf ihn zu. Und ließ die Hände wieder sinken, als der Dichter haßerfüllt sagte: »Gehen Sie noch nicht? . . . Verräterchen«, sagte er leise und verächtlich.

Da verließ der Einäugige wortlos die Zelle.

Der Dichter wandte sich langsam, gezogen, zum Fenster, sah auf den ruhigen Sonnenflecken am Boden und dachte, plötzlich ganz abwesend: Die Sonne ist mir ein wunderbarer Vogel, der gestorben daliegt.

Der Wärter fragte: »Also, wollen Sie sie sehen?«

»Hier liegt sie und ist gestorben.«

»Ich meinte, Ihre Mutter ist draußen.«

Da machte er eine Bewegung, als versuche er, einer Kanonenkugel auszuweichen.

Und rief in Entsetzen: »Ich kann doch meine Mutter nicht sehen!«

»Sie steht draußen.«

». . . Ich muß doch meine Mutter noch einmal sehen.«

»Ein kleines Frauchen.«

»Meine Mutter kann ich doch jetzt nicht ansehen!«

»Jetzt ist sie einmal da . . . Hat die weite Reise gemacht.« Des Wärters Hände sanken wieder langsam zu den Schenkeln.

»Wann . . . sterbe ich denn?«

»Ja . . . das weiß ich noch nicht.«

». . . Einmal noch muß ich doch meine Mutter sehen.«

Mit langgezogenem »O« schrie er dem Wärter nach: »Halt! Unmöglich!«

Da stand sie unter der Tür, mit ihrer schwarzen Mantille, einem Kapotthut, der mit Bändern unterm Kinn festgebunden war. Wie ihre vergrößerte Photographie, die der Dichter schon als Kind gekannt hatte. Nur das gestickte Reisesäckchen war nicht mit auf dem Bilde.

Das kann doch auch der Teufel nicht wollen, dachte er und wollte zurückweichen, ging auf sie zu, da sie sich ihm näherte.

»Ja, was soll ich sagen«, sagte sie, hielt ihm die kleine, abgestumpfte Hand hin, und er sah die neuen, ganz besonderen Falten an, die sich in diesen Wochen in ihrem Gesichte gebildet hatten. Auch ihre Kopfhaltung und ihr klagender Blick drückten aus, daß die Hoffnung, ihm helfen zu können, in Machtlosigkeit und Qualen gestorben war.

»Bist müde?« -- Das ist nicht das Richtige, dachte er sofort.

»Ja, ich setz mich ein bißchen daher.« Sie drückte erst vorsichtig auf die Pritsche und setzte sich dann auf die Ecke.

»Wie gehts dem Vater?«

Da sah sie wieder auf die Hände in ihrem Schoß. »Och, wenn der nur seine Zeitung hat . . . Grüßen läßt er dich.« Die Tränen tropften nacheinander auf die braunen Handrücken hinunter.

»Grü . . . grüß ihn auch!« Er konnte nicht weinen.

»Er hat g'sagt: hundert Mark hätten wir auch noch für dich aufbringen können.«

»So«, sagten seine Lippen.

»Gelt, deswegen hast du's nicht getan,« sagte sie tonlos. »Er war ja nie sehr g'scheit, solang ich ihn auch kenn . . . Ich glaub, es ist halt dein Schicksal. Es konnt halt nicht anders sein. Denn ich weiß doch, daß du nicht schlecht warst . . . Aber an Gott glaub ich nimmer. Hab gebetet. Umsonst.« Auf die Handrücken tropften ununterbrochen langsam Tränen, die sie manchmal mit der Handfläche abwischte, ohne hinzusehen.

»Die Leute sagen, oft täts was helfen, wenn man sich vor den Wagen des Kaisers wirft.«

Er beobachtete ihr Weinen und wartete darauf, daß sich wieder der Tropfen von den Wimpern löse und falle, wunderte sich, daß ihre Stimme nicht gebrochen klang, und dachte, sie hat sich schon daran gewöhnt, während des Weinens zu sprechen.

»Aber der Kaiser ist verreist. Ganz weit in Dänemark . . . Das ist im Norden.«

Allmählich hatte sich im Dichter der das Weinen verhindernde Druck verteilt.

»Einen Brief hab ihm ich geschrieben . . . Aber ob ihn der Kaiser kriegt hat?«

Da fiel sein Gesicht in ihren Schoß. Die angesammelten Tränen vieler Jahre kamen in Fluß, getrieben und gestoßen von brüllendem Heulen.

Einige Male strich sie schnell über seinen Hinterkopf und hielt sofort wieder den zuckenden Körper fest.

Den beiden gegenüber lehnte der Wärter an der Wand, die Hände auf dem Rücken, und sah zu Boden.

»Ganz kahl geschoren hast du dich?« sagte sie und streichelte im Kreis.

Mit einem Ruck hob er das verheulte Gesicht: »Geh jetzt, Mutter, geh jetzt!« Und stand auf.

»Dann geh ich halt«, sagte sie erschrocken und sah ihn an.

»Geh!« klagte er.

»Jesus, ich geh.« Sie lief gleich zum Reisesäckchen, sah ihren Sohn an und sagte ängstlich: »Aber die Pritschen sollen ja so hart sein«, öffnete das Säckchen und zog ein kleines, weißes Kissen heraus. »Legst dein Kopf da drauf . . . Es ist ganz frisch überzogen . . . Ich geh schon.«

Mit letzter Gewalt zwang er sich, ruhig das Kissen zu nehmen.

»Dann halt adjö . . . Jetzt sterb ich halt auch.« Da lächelte sie wunderbar.

Der Wärter wippte sich los von der Wand.

»O du gute Mutter, o du gute Mutter«, konnte der Dichter sagen und auch lächeln.

»Och, du lieber Gott«, sagte sie unter der Tür, »du lieber Gott«, und trippelte hinaus.

Er sah auf die verschlossene Tür, setzte sich auf den Boden. »Da, da, da.« Bei jedem »da« sank sein Kopf tiefer zwischen die Kniee. »Tatataratata.«

So blieb er hocken.

* * * * *

Der Einäugige lief in den Gängen des Zuchthauses umher und kämpfte mit sich, um seinen Entschluß zu fassen, bevor er hinaus in die Helle trat. Manchmal blieb er stehen mit seinen Gedanken und sagte immer wieder dieselben Worte: »O ja, natürlich, ich muß mich entscheiden -- ein Lump mit leichtem Gewissen werden oder die Konsequenz ziehen . . . Die Konsequenz«, wiederholte er langgezogen.

Seitdem er die Zelle verlassen hatte, deckte sich sein scharf zu denken fähiges Gehirn glatt mit einem neuen, tiefen Verantwortungsgefühl, das der Dichter angesprochen und herausgefordert hatte. Er schob die Tatsache, daß er dem Gesetze nach dem Dichter gegenüber im Recht blieb, als vollkommen nebensächlich zur Seite und war bemüht, sich klar sein Problem zu stellen.

»Die andern Elf sind überzeugt, im Recht zu sein. Dann sind sie ja für sich im Recht . . . Gut für sie. Aber ich, ich habe da etwas erkannt . . . nur ein bißchen zu spät, ein bißchen zu spät. Würde jetzt nicht mehr dazu helfen, daß im Namen des Rechtes von einem Menschen . . . einem Menschen der Kopf heruntergeschnitten wird . . . im Namen des Rechtes. Hab aber dazu geholfen. Was ist da zu tun? He?«

Automatisch blieb er vor des Oberstaatsanwaltes Tür stehen. »Umsonst. Es wird zu spät sein.« Und trat ein.

»Ja, das vom Herrn Verteidiger eingereichte Begnadigungsgesuch ist abgelehnt. Bitte.«

»So?«

»Nein! Da ist nichts mehr zu machen.«

»Und wenn . . . wenn aber . . .«

Schon mit der höflichen Abschiedsverbeugung: »Und wenn die ganze Welt einstürzt.«

»Dann ist . . . meine eingestürzt.« Die geölte Tür schloß sich sanft hinter dem Einäugigen. »Keine Hilfe mehr?«

Die Mutter trat aus der Zelle. »Wo ist denn der Nausgang, Herr?«

Er blickte sie abwesend an, nickte langsam: »Gibt keinen.« -- Ich, für mein Persönchen, fühle mich ein bißchen schuldig, daß der hingerichtet wird . . . Daß der hingerichtet wird --.

»Gehts da naus?«

»Ja, da hinaus. Sie sind die Mutter? Wie?«

»Och, du lieber Gott.« Ihr jetzt schlaffes Reisesäckchen streifte am Boden, als sie den dämmerigen Gang entlang trippelte.

»Nur nicht ausweichen, das ist die Mutter.« Er fühlte, wie die Last sich vergrößerte, und ging neben der Mutter her.

Auch noch auf der Straße, wo die Automobile sausten.

Wenn sie stehen blieb, um einen Übergang zu gewinnen, blieb auch er stehen. »Und der bleibt zurück in der Zelle . . . bis ihm der Kopf abgeschnitten wird. Das soll abschrecken. Zweck. Hauptzweck.« Da empfand er tief, daß Roheit nie das Gegenteil, sondern wieder Roheit erzeugt und deshalb nicht abschrecken kann. »Wird tausend Morde erzeugen, hat er gesagt. Und tausend ungerechte Richter . . . Ungerechte Richter. Das ist mein Fall, sieh mal.«

»Soll ichs Ihnen tragen?«

Sie gab ihr Reisesäckchen nicht her; nahms zur Brust hoch.

Und wie stehts da mit dem andern Hauptzweck, nämlich, daß die Gesellschaft sich schützen muß? . . . So gut sie kann, habe ich gesagt, dachte er und sah in die Luft. »Da Roheit -- Roheit, und Hinrichtungsmorde -- Hinrichtungsmorde erzeugen?«

Jemand grüßte ihn tief; er bemerkte es nicht. »Die Ursachen des Bösen, der Roheit, der Morde wegräumen, hat er gesagt, denn sonst wird weitergeköpft, noch in hunderttausend Jahren . . . Und jetzt wird er geköpft. Und ich? . . . Ich bin sein Judas Ischariot.« Er fühlte eine schmerzliche Heiterkeit in sich entstehen, wie Menschen sie empfinden, die endlich entschlossen sind, etwas Unabwendbares, Schweres auszuführen.

So sah er auf die Mutter hinunter.

Die humpelte eilig quer über den Asphalt. Das Auto kam in voller Fahrt auf sie zu. Der Chauffeur wich nach rechts aus, sie gleichfalls. Die Gummi schleiften und rauchten, als er den Wagen scharf nach links riß -- während sie gleichfalls nach links sprang und er zugleich mit ihr wieder die rechte Seite zu gewinnen suchte. Hin. Her. Zuletzt konnte sie nur noch den Oberkörper nach links und nach rechts schwenken, immer in der Richtung des zickzackfahrenden Autos -- da setzte der Einäugige auf sie zu, und sie schwebte am Leibe des Einäugigen knapp vor dem Auto in Sicherheit.

Jetzt erst schrieen die Passanten erschrocken auf. Und der Wagen war schon um drei Häuser weiter, ehe ihn der Chauffeur zum Stehen bringen konnte.

»No, jetzt so was«, sagte sie. Sofort kehrten ihre Gedanken zum Sohn zurück. Sie murmelte: »Och, du lieber Gott«, und wollte weitergehen, da wurden ihre Kniee weich.

Der Einäugige rief nach dem Auto. Der Chauffeur entschuldigte sich.

»Ja, mit so was fahr ich nicht.«

Er mußte eine Droschke nehmen.

»Jetzt wär ich tot«, sagte sie im Wagen. »Wärs vorbei.«

Hab ich zum Ersatz seine Mutter gerettet . . . Nein, nein, das ist ganz ohne Belang. »Ganz ohne Belang«, sagte er und machte eine Handbewegung.

»Wär ich tot . . . Mir wärs lieber.«

Er dachte -- schon allein deshalb.

»Sind Sie einer vom Gericht, Herr?«

»Da haben Sie ihm Unrecht getan. Großes Unrecht«, wiederholte sie, als sie, vom Einäugigen halb getragen, die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinaufstieg.

»Das weiß ich besser.« Sie saß im Lehnstuhl, das Reisesäckchen vor den Füßen. »Ich hab ihn doch aufgezogen, Herr.« Sie besann sich, während er auf der Spiritusflamme zwei Eier für sie kochte, und sagte: »Wissen Sie, wie er ist? . . . Ritterlich ist er, ritterlich.«

Ich auch, dachte er und lächelte wie ein Knabe von hundert Jahren.

Das Arbeitszimmer stand voll Reagenzgläser, Meßzylinder, Kolben, Apparate, Bakterienbrutöfen, unter denen die blauen Gasflämmchen gleichmäßig brannten. Hinter einer spanischen Wand stand ein großer Röntgenapparat. Der Gelehrte beschäftigte sich hauptsächlich mit bakteriologischen Experimenten und führte nur nebenher seine Arztpraxis weiter. Es war warm wie in einem Bad und roch nach Medizin.

Der Einäugige sah in den Kochtopf, sah den Dichter. Das Wasser warf schon Bläschen.

»Wenn Sie die Eier mit kaltem Wasser zugesetzt haben, dann sind sie wachsweich, wenns Wasser kocht, ja . . . Och Gott.«

»Mit diesem Bewußtsein weiter Menschen behandeln, essen, spazieren gehen?« Ein Gefühl lief ihm durch den ganzen Körper. Er machte eine bejahende Verbeugung vor der Konsequenz. »Seine Stimme geben, ist leicht, geht schnell, ist Leichtsinn . . . aber mit dem Beil einem angeschnallten, wehrlosen Menschen auf den Nacken schlagen -- -- --. Zum mindesten müßte jeder, der einen Menschen zum Tode verurteilt, bereit sein, den Kopf auch selbst abzuhauen mit dem Beil . . . Aber da wäre er kein Mensch, und es wäre genau so richtig, wenn der Hinzurichtende . . . ihm den Kopf abschlüge . . . Und dann, das wird ja ganz zur Nebensache -- ob der Dichter mit seiner Auffassung recht hat oder der Staat mit seiner. Auf keinen Fall darf einem Menschen gesetzlich der Kopf . . . der Kopf abgeschlagen werden . . . gesetzlich.«

»Jetzt sterb ich halt auch . . . Ich hab ihn doch geboren. Hätt ihn nicht in die Welt setzen dürfen, Herr.«

»Sieh mal an,« sagte er glanzvoll, »wie wunderbar sie das Problem der Verantwortung löst.« Wieder lief ihm ein Gefühl durch den Körper, das den letzten Widerstand auflöste. Dann wurde er ruhig.

Während sie die Eier aß, schrieb er auf einen Zettel, kein Mensch habe das Recht, einem Menschen den Kopf herunterschlagen zu lassen. Das sei ihm furchtbar klar geworden. Er wolle mit dem Bewußtsein, einem Menschen den Kopf heruntergeschlagen zu haben, nicht weiterleben.

Sie war aufgestanden. Und hatte ihr Säckchen in die Hand genommen. »Was mach ich denn? Was mach ich denn?« fragte sie vor sich hin.

Er beauftragte seinen Diener, die Mutter zur Bahn zu bringen.

Unter der Tür sagte sie: »Och, du lieber Gott. Was mach ich denn . . . krieg ich denn den Zug noch?«

»Sie wirds vielleicht weiterschleppen«, sagte er, als sie gegangen war, »noch ein paar Jahre«, und ging zum Giftschrank, nahm die Morphiumschachtel heraus.

Gedankenabwesend öffnete er den Brutofen, in dem er Thyphusbazillen züchtete, und schraubte, als er auf dem im Ofen hängenden Thermometer bemerkte, daß die Temperatur zu hoch war, noch die Gasflämmchen kleiner.

Er fand keinen zweiten Löffel, säuberte den, mit dem die Mutter Eier gegessen hatte, ließ Wasser in das Glas laufen. Automatisch kontrollierte er noch einmal die Temperatur im Brutofen, nahm eine Zuchtplatte heraus und betrachtete das gefärbte Bakterienbild, schraubte die Gasflämmchen wieder um eine Kleinigkeit höher.

Als er dann, mit der Schachtel in der Hand, vor sich hin sah, empfand er nicht das leiseste Körpergefühl, gab mit dem Löffel das Morphium ins Wasser, trank es aus und setzte sich in den Lehnstuhl.

Das Herz begann stark zu klopfen. Er legte beruhigend die Hand darauf, schloß langsam die Augen; die Atemnot ging schnell vorüber. Eine wunderbare Freude zog in ihn ein, verband ihn mit dem Dichter, der ihn in freudigem Staunen ansah.

Ihre Unterhaltung war, jenseits aller Logik, blitzend und neu. Sie allein standen leuchtend hell, von schwerem Dunkel umgeben. Ihre hellen Hände sprachen mit. Da sahen sie einander noch einmal herzlich an, mit einem jenseitigen Lächeln der ungeheuersten Liebe. Dann empfand der Einäugige sanften, wiegenden Frieden und schlief ein.

* * * * *

Zur selben Zeit, da der Wärter das Essen in die Zelle brachte, wurde der Einäugige tot in seinem Lehnstuhl gefunden.

»Er weiß vielleicht gar nichts davon,« flüsterte der Dichter im Rücken des Wärters, »aber ich sehe es seinem Gesicht an, daß er denkt: zu was denn dem noch Essen geben.«

Auch an der Art, wie er das Geschirr auf den Tisch stellte und auf die Tür zuging, glaubte der Dichter zu bemerken, daß der Wärter es für überflüssig halte, ihm noch Essen zu geben.

Der Wärter war schon sehr alt und sprach selten ein Wort.

»Wann . . . ist es denn?«

»Was?«

». . . Wann?«

»Morgen früh.«

»Morgen . . . früh?«

»Essen Sie, das ist Blumenkohlsuppe. Meine Frau hat sie gekocht.«

»Blumenkohlsuppe.«

»Essen Sie! Die ist gut.« Der Wärter ging.

Der Dichter sah auf die Suppe hinunter, zum Fenster, auf die Suppe hinunter. »Die esse ich morgen früh«, sagte er und lachte schallend. Entsetzt schnellte er herum: »Was! War da jemand?« Da zog er den Kopf ein, stand eine Weile so, ohne zu atmen, und brüllte mit der Luft, die endlich aus seinem Munde fuhr: »Ich werde nicht irrsinnig!« stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und sagte zu sich und zur Wand: »Ich werde nicht irrsinnig. Ich werde nicht irrsinnig.« Seine Kinnbacken mahlten.

Mit all seiner Kraft, mit angespannten Muskeln zwang er sich, die Blumenkohlsuppe zu essen.

8

Es war drei Uhr früh. Für sechs Uhr war die Hinrichtung angesetzt.

Die Zelle war schmal wie ein Gang. Die Machtlosigkeit hatte den Dichter an die Mauer gestellt. Bauch, hochgestreckte Arme und die gespreizten Hände gegen die Mauer gepreßt, den Kopf tief im Nacken, sah er empor, riß die Arme herunter, schnellte herum, sank in Kniebeuge und begann zu schreien.

Den Körper allmählich aus der Kniebeuge in die Höhe drückend, schrie er immer lauter, ging zum Brüllen über, brüllte einen Ton, solang ein Atemzug reicht, wild, jammervoll, und brach jäh ab, gereckt auf den Fußspitzen stehend, die Finger fast bei der Decke.

Der Priester trat ein.

Der Dichter stürzte auf ihn zu, in die Kniee. Die gefalteten Hände vor der Brust verkrampft, sagte er: »Helfen.«

Der Priester sagte: »Der liebe Gott. Er hilft«, und kniete auch nieder.

Schweigend und unbeweglich knieten sie einander gegenüber, daß ihre gefalteten Hände sich berührten.

»Was denn?« fragte der Dichter irr.

»Der liebe Gott.«

»Gott? . . . weg!« brüllte er. »Keine Zeit! Keine Zeit! . . . Helfen! . . . Hn?« Und sprang auf. Regungslos sah er zur Wand, ohne etwas zu sehen, hatte die Empfindung, als überzogen sich seine Augen mit einem milchigen Häutchen. Und blickte nach innen. Sah eine hügelige Flußlandschaft: es ist Sommer, früheste Morgendämmerung. Dämpfe steigen vom Wasser auf, von den Wiesen. Ein Floß gleitet langsam flußabwärts. Der Flößer, nur in Hose und Hemd, mit breiter, vorgewölbter Brust, läßt den Fahrbaum ins Wasser gleiten und geht, Brust gegen ihn gestemmt, ein paar Schritte mit. Bis er hochgehoben wird und, mit der Brust auf der Fahrbaumkrücke liegend, frei in der Luft schwebt. Dabei singt er laut in den erwachenden Morgen hinein.

Der Dichter blickte auf das Bild aus seiner Jugend. Plötzlich sang er schallend das Flößerlied:

»Der Fluß ist meine Eisenbahn, Die Stämme das Kupee. Ich lege bei den Wiesen an, Wo ich ein Mädchen seh.

Schwarz muß sie sein! Braun kann sie sein! Und wenn eine Blonde am Ufer steht Und wenn sie auch nicht mit dem Sacktuch weht -- -- -- Ich falle ein.«

»Heilige Maria, Mutter Gottes, du bist die Gebenedeite unter den Weibern«, betete der erschrockene Priester lauter und flehend.

»He?« lachte der Dichter wild. »Denn verflucht ist die Frucht aller Weiber!«

Da lag er vor dem Priester auf dem Bauche wie ein Knabe, der Verstecken spielt, und fragte kindlich, ob der Priester die Kleider mit ihm wechseln wolle.

Unvermittelt wurden seine Sinne wieder klar. Und als er aufgestanden war, glänzten seine Augen mild, wie wenn ein Lichtschein auf Öl fällt. »Jetzt ist es drei Uhr,« sagte er unendlich traurig, »vier Uhr vielleicht? Vier Uhr? . . . Ich sehe alles. Ich kann Häuser denken, einen grüßenden Mann, einen Käfer, ein Kind, das Butterbrot ißt . . . Und um sechs Uhr? Was ist dann? Sag, was ist dann? Ruhe? . . . Ruhe ist! etwas. Wird gar nichts sein? Gar nichts? . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet! Da bin ich doch schon tot. Jetzt schon tot! Lebe . . . und bin schon tot. Unverhoffter Mord ist wunderbarste, himmlische Güte . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!«

Er sah durchs Fenster zum schon leise dämmernden Himmel und sagte: »Die Jesus Christus ermordet haben, waren gütig. Gütig verhöhnten sie ihn: wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz, und wir wollen dir glauben . . . Eine Hoffnung höhnten sie ihm hinauf zum Kreuz. Er hat hoffen dürfen bis zum letzten Augenblick. Ich sehne mich nach seinen Qualen . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!«

Plötzliche Wut riß ihn herum. Zum betenden Priester, der entsetzt zurückwich: »Gehen Sie!« sagte er verhalten drohend.

Der Priester streichelte dem Dichter vorsichtig, milde den Arm.