Die Ursache: Erzählung

Part 6

Chapter 63,623 wordsPublic domain

»Was wollen Sie eigentlich! . . . Kinderirrenhäuser?« »Das sage ich . . . Aber nichts bleibt ohne Wirkung. Furchtbar ist das Vergessen. Denn alle bösen Erlebnisse leben, ohne daß es das Kind weiß, in ihm weiter, werden mit ihm groß, bestimmen alle seine Handlungen . . . Wenn ich nicht vergessen hätte, was mir in dem Hohlweg geschehen ist, würde ich vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden sein.«

Der Verteidiger schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Also, Sie wissen doch, daß es bei mir steht, Ihnen das Wort zu geben und zu nehmen . . . Sie müssen zusehen und nicht mehr von diesen Dingen sprechen.«

In versteinerter Hartnäckigkeit tastete er seinem Gedankengange nach, zog suchend das Gesicht in Falten, daß sich die Augen fast ganz schlossen, sprach sehr langsam: »Diese den Menschen klein scheinenden Ursachen wachsen mit den Menschen, werden eigenmächtig . . . werden eigenmächtig, und zu der Zeit, da das von ihnen . . . besessene Kind anfängt, kritisch zu erleben, ist es schon vollkommen den Ursachen zum Bösen ausgeliefert . . . Das gilt für jeden. Daher kommt es auch, daß fast alle Menschen im Traume die schwersten Verbrechen begehen. Was jeder einzelne -- Christus, das junge, unschuldige Mädchen, die großen Dichter, meine Richter und Sie, Herr Staatsanwalt, -- schon an sich erfahren haben. Diese Menschen begehen Verbrechen deshalb nur im Traume, weil günstige Erlebnisse, welche die Kraft der Reinigung besaßen, sich ihnen zufällig in den Weg gestellt haben oder weil sie selbst die große Kraft der Güte, die innere Kraft zur Reinigung in sich tragen, oder aber wie Sie, meine Herren Richter und Ankläger, durch machtverleihende Klassenprivilegien vor den zahllosen Ungeheuern, die den Armen treffen, geschützt sind. Ihr eigenes Verdienst ist es nicht, daß -- Sie die Richter sind und ich der Mörder . . . Es könnte schrecklich leicht umgekehrt sein.«

Der Staatsanwalt machte eine unwillige Kopfbewegung, seine Frau sah ihn erschrocken an, und der Vorsitzende rief aufgebracht: »Haben Sie noch etwas zur Sache vorzubringen?«

Ohne daß er es rügte, verstärkte sich das Geräusch der unaufmerksam gewordenen Zuschauer. Ein rotbäckiger junger Mann, der neben der Frau des Staatsanwaltes in der ersten Bankreihe saß, antwortete seinem Nachbar: »Nein, in die Kreissäge bin ich gekommen. Drei Finger hats mir weggerissen . . . mitsamt dem Daumen«, und zeigte seine verbundene Hand. Sie roch stark nach Karbol.

»Ein schönes Unglück!«

»Im Gegenteil, ich bin froh . . . Jetzt bekomme ich, solange ich lebe, drei Mark monatlich Unfallversicherung.«

»Und die Hand?«

». . . Aber alle die Unglücklichen, welche infolge größerer Empfindsamkeit, Empfänglichkeit und übergroßer Armut tiefer infiziert sind und vom Schicksal keine heilenden Erlebnisse geschenkt bekommen haben, werden als willenlose Werkzeuge der eigenwilligen Ursachen zum Bösen . . . dem Leben ausgeliefert. Da müssen sie nun für Handlungen einstehen, die sie gar nicht selbst tun. Denn der Mensch ist nur der Hammer, die Ursache aber die Faust, die den Hammer schwingt . . . und ihn manchmal auf den Schädel eines Nebenmenschen niedersausen läßt.«

Gellend rief er: »Fast alle Verbrechen werden von der falschen Erziehung, der verlogenen Moral, den unsittlichen sozialen Verhältnissen verursacht. Alle Seelen sind verwundet. Die ganze Welt riecht nach Karbol! . . . Man muß daran arbeiten, daß die Ursachen der Verbrechen beseitigt werden; denn sonst wird weiter eingesperrt, geköpft, noch in hunderttausend Jahren.« Der Satz blieb in der Luft stehen. Alle lasen ihn.

Und der Dichter fragte in maßlosem Staunen: »Sind denn die Menschen dazu da?«

Geschworene schüttelten begriffsstutzig den Kopf. Der Vorsitzende legte seine Uhr entschlossen vor sich hin.

Der Dichter sagte: »Ich kenne einen Irrsinnigen, der reist seit Jahren in der ganzen Welt umher -- nach Odessa, Rom -- und sucht sich selbst. Den haben die Ursachen so in der Gewalt, daß er sich -- sein wirkliches Wesen -- ganz verloren hat . . . Jetzt sucht er sich selbst, sein Leben lang. Das gilt für uns alle. Keiner ist, wie er ist . . . Einem verderbenbringenden Wasserwirbel, trichterförmig, riesengroß, gleichen die sozialen Verhältnisse. Oben fahren die Repräsentanten, die Stützen der Gesellschaft im großen Kreise geschützt und gleichmütig langsam die Bahn ihres Lebens ab.«

»In Klubsesseln«, ertönte es von ganz hinten aus dem Zuschauerraum.

Das Gelächter brach jäh ab, als der Vorsitzende»Ruhe!« brüllte, und zum Dichter: »Jetzt ists genug!«

Es war vollkommen still geworden. »Man sieht sie Importen rauchen«, sagte noch jemand nachträglich.

Der Kontakt war hergestellt zwischen dem Publikum und seinem Sprecher.

Der sah nicht mehr gefesselt aus, stand groß und kalt im Saal, sprach hart. »Aber unten wird der Trichter eng, immer enger, und das Wasser rast im Kreis! Unten werden die Menschen herumgewirbelt, gegeneinander geschleudert. Eine ungeheure Reibung findet statt -- der furchtbare Kampf ums nackte, nackte Leben! . . . Die falsche Moral, einem unaufhörlich quellenden, giftigen Nebel gleich, erfüllt den Trichter, verwirrt die Seelen, verdeckt die natürlichen Wege. Millionen zwingt man, die Armut da unten zu ertragen, im Elend zu verblöden und unterzugehen! Andere Millionen Unglückliche drängen hinauf, wo die Kreise groß sind, wo das Leben ist. Aber die Oberen und der Rhythmus des furchtbaren Wirbels drücken nach unten. Und dieser Wunden schlagende Rhythmus der sozialen Verhältnisse ist nur durch Verbrechen zu unterbrechen . . . Dann wird verurteilt und geköpft.«

»Aber das ist ja krasseste Phantasie. Das anzuhören, haben wir nicht die Zeit.«

Da rief der Dichter, plötzlich wieder flammend: »Mein Leben ist verloren, diese fünf Minuten sollen mein sein.«

Die Köpfe der zwei Gerichtsdiener zuckten scharf ins Profil, auf ihn zu.

Ein dunkler Tumult hatte sich im Zuschauerraum erhoben; die scharfe Stimme des Vorsitzenden ging darin unter. Er wollte schon den Befehl geben, den Saal zu räumen.

»Eines Tages«, sagte der Dichter, und es wurde ganz still, ». . . stoßen die in diesem Wirbel empfangenen Ursachen einen Strahl Gift ab . . . und dies, nur dies ist des Menschen Motiv zum Verbrechen, zum Mord. Denn ich sage Ihnen: das Motiv ist nur das vorletzte und die Tat nur das letzte Glied der Ursachenkette.« Seine Stimme wurde tonlos:

»Schuld? . . . So ist der Mensch geworden, weil sein Vater so war, seine ganze Umgebung: verwirrt, arm, gedemütigt, verwundet und deshalb böse. Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld aller nur aus!«

»Deshalb rufe ich euch an, ich rufe euch alle an, ich schreibe euch mitten ins Herz hinein: verachtet fernerhin nicht die, so in Zuchthäusern ihr Leben verbringen müssen oder unterm Richtbeil sterben. Sie leiden und sterben für euch, durch euer aller Schuld.«

»Und Sie, Herr Staatsanwalt, Ankläger und deshalb Schuldigster dieser Welt! selbst Sie sind so unschuldig wie jene, denn auch Sie wurden den Ursachen ausgeliefert, die Sie zum Staatsanwalt, die Sie schuldig machten.«

»Ja, ich bin fertig.« Runde Flecken brannten auf seinen Backenknochen.

* * * * *

Im Geschworenenzimmer hing ein Christus und sah schmerzlich auf die zwölf hinunter.

Der vollblütige Obmann war ein Färbereibesitzer, ein schwerer Herr, fast ohne Hals; entsprechend klang seine Stimme: »Dem kann wohl kein Gott mehr helfen.« Vorsichtig näherte er seiner Nase eine blaue Emaildose und mußte die Augen schließen vor dem starken Duft. Dann atmete er auf. Es roch nach Staub im Zimmer.

Der Einäugige hatte seine Ruhe vollkommen verloren. Alle saßen. Nur er lief im Zimmer schnell auf und ab.

»Da ist nichts wegzudeuteln«, antwortete der Nachbar dem Obmann, der wieder die Dose seiner Nase näherte. Feierliche Verlegenheit der neuartigen Situation gegenüber ließ das Schweigen fortbestehen.

Da fielen ein paar Stichworte. Und die Geschworenen begannen angeregt die Hauptpunkte noch einmal durchzusprechen.

Mitten hinein sagte der Zigarettenhändler plötzlich:

»So ein ruhiger, bescheidener Mensch. Bei mir hat er sich oft seine billigen Zigaretten gekauft. Ist auch manchmal schuldig geblieben. Ganz schüchtern . . . Und jetzt so was.«

»Ja«, sagten nacheinander einige sinnend. Dann schwiegen wieder alle.

Ein Alter stand auf, öffnete das Fenster der Sonne, setzte sich sofort wieder auf den steifen Stuhl, und hinter seinem kahlen Kopfe breitete der unbewegliche Adler an der Lehne wieder die hölzernen Flügel aus. »Einen Menschen ermorden,« sagte der Kahle, »hundert Mark rauben und einen Teil davon nach der Tat an jemand senden -- auch dieses Moment spricht . . . psychologisch betrachtet, glatt dafür, daß die ganze Sache lange vorher überlegt war . . . Sofort nach der Tat, nota bene!«

Man nickte. Der Zigarrenhändler sagte etwas. Und auf Befragen des Obmanns hin wiederholte er: »So ein schüchterner Mensch!«

Der Einäugige sagte: »Die Sache stimmt nicht«, und lief gleich wieder weiter umher, unruhig wie ein Mann, der sich großer Verantwortung bewußt ist, aus der Berufstätigkeit herausgerissen und plötzlich vor eine Sache gestellt wurde, die er nicht übersieht. »Man brauchte Zeit . . . viel Zeit.«

Alle blickten interessiert, der kahle Psychologieprofessor erstaunt auf ihn.

Der Einäugige sagte noch einmal: »Vorher überlegt? Lange vorher? . . . Nein.«

Da fügten die anderen den Beweis dafür, daß es kein Affektmord sei, schnell und eindeutig zusammen.

»Davon ist nichts wegzudeuteln«, schloß der Kahle bestimmt, zuckte bedauernd die Schultern, sah den Einäugigen fest an.

Der rief: »Das ist es ja. Weiß der Teufel! Aber noch keine fünf Minuten lagen zwischen Affekt und Tat.«

»Ja, will ich schon erklären. Man muß diesem . . . Dichter doch glauben, daß er gegen seinen Lehrer etwas hatte. Pardon, ihn hat dieses Jugenderlebnis eben angegriffen. So etwas gibts. Einen anderen hätte es vielleicht kalt gelassen. Auf jeden Fall kann man das ebenso annehmen wie das Geldmotiv . . . glaube ich. Sitzt er bei seinem Lehrer in der Stube . . . kommen die zwei Schüler -- die Geschichte kennen Sie ja --, er muß die Prügelei mit ansehen.« Der Einäugige lief beim Sprechen fortwährend umher; die Blicke der Geschworenen folgten ihm von Ecke zu Ecke. »Und diese Szene, kann man schon glauben, erregte seinen Haß. Wenn . . . jetzt die Sache vor sich gegangen wäre . . . sofort, dann hätten wir einen Affektmord.«

Erstaunt sahen die Geschworenen den Einäugigen an, weil er sich an die Stirn schlug.

»Aber dieser Mensch, ich möchte sagen . . . sammelt seinen Zorn, hält dem Lehrer erst noch den bewußten Schulausflug vor und bringt ihn dann erst um. Also überlegt. Überlegt! . . . Daran ist vielleicht nur seine verfluchte Blutarmut schuld.«

»Bitte, gewiß. Ich, als Arzt, weiß das. Ein vollblütiger Mensch greift gewöhnlich zu im Affekt. Zu viel Kopf, Gedanken. Weiß der Teufel . . . zu viel Überlegung!«

Der Obmann sagte: »Also auch in diesem Falle wäre es kein Affektmord. Das meinen Sie doch, wie?« Alle stimmten ihm bei.

Widerstrebend auch der Einäugige. »Wenn er es auch nicht wegen des Geldes getan hat . . . Mord bleibt Mord. Irrsinnig ist er nicht.«

Der kahle Psychologieprofessor wandte sich von jetzt ab achtungsvoll fast nur an den Einäugigen.

Der lief umher, die Hände auf dem Rücken. »Hätte er nur ein viertel Pfund Blut mehr in seinem ausgemergelten Körper gehabt, dann bekäme er ein paar Jahre und hätte Zeit, sich über seine Ursachentheorie klar zu werden.« Er sah den Obmann an: »Jetzt -- Kopf. Ich sehe keine andere . . . gesetzliche Möglichkeit. Ich sehe keine. Sehe keine!« und lief weiter.

Niemand wußte etwas zu sagen.

»Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?« unterbrach ein gedankenabwesender Geschworener das Schweigen. Er war viel jünger als alle anderen. Sie sahen ihn verständnislos an.

Er errötete, lächelte ein wenig und erzählte eine Geschichte. Damals sei er noch Reisender gewesen in seiner Branche. »Da mußte ich meine Touren meistens zu Fuß machen.«

Unwillkürlich hörten sie ihm zu. Der Einäugige lief mit gesenktem Kopf umher.

»Da holte mich ein sonderbarer, ein ganz sonderbarer Wagen -- schon mehr ein Karren -- auf der Landstraße ein. Ich war müde, dunkel wurde es auch schon. Kurz und gut, der Fuhrmann ließ mich aufsitzen. Der pfiff manchmal, leise und unheimlich, und kitzelte dabei sein schwarzes Pferdchen mit dem Peitschenstiel beim Nacken. Nun, vor der Stadt stieg ich ab . . . >Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?< fragt er mich.

>Ich bin der Scharfrichter.<

Ich sage Ihnen, meine Herren . . .«

»Hätte er es gleich getan, im ersten Zorn . . . Zu wenig Blut«, unterbrach der Einäugige.

Der junge Geschworene war beleidigt. ». . . Da brauchte er ja nur ein ganz anderer Mensch zu sein, dann würde er jetzt vielleicht in einem . . . in einem Postbureau sitzen und gar nicht daran denken, einen Menschen umzubringen.«

Einige lächelten. Der kahle Psychologieprofessor nicht. Auch die anderen wurden gleich wieder ernst und fühlten momentan einen schwereren Druck in der Brust. Der junge Geschworene saß vorgebeugt, sagte langsam: »Es ist wirklich nicht leicht.« Und als er sich seufzend aufrichtete, setzten sich auch die anderen gerader.

»Dann säße er vielleicht in einem Bureau . . . wenn er ein anderer Mensch wäre, wenn er . . . in anderen Verhältnissen aufgewachsen wäre, wie zum Beispiel . . . wir.« Der Einäugige blieb zum ersten Male stehen, an der Stirnseite des Tisches, gegenüber dem Obmann. »Der . . . der Dichter meint, er sei so geworden, wie er ist, wegen dieser Ursachen. Sei ihnen gegenüber ganz machtlos . . . also schuldlos.«

Der Obmann sagte: »Auf dieses Thema sollten wir . . . sollen wir uns denn darauf einlassen? Verzeihung, was meinen die Herren?« schloß er ängstlich.

»Kaum! Unmöglich!« wurde gerufen. Die meisten machten empörte Gesichter. Einer rief wütend: »Das Ganze ist ja Unsinn«, und sah sich erschrocken um, weil er wütend geworden war.

Der Psychologieprofessor blickte, die Hand am Kinn, nachdenklich über den Christus weg zur Decke. »Da könnte ja wirklich jeder Mensch jeden Menschen umbringen . . ., der Herr Staatsanwalt hat recht.«

»Natürlich, das ist Unsinn . . . diese Ursachen«, sagte der Zigarettenhändler, ließ aber seine Unterlippe unzufrieden hängen. »Er war so ein einfacher Mensch, nett eigentlich.«

Der junge Geschworene wiederholte: »Unmöglich, die haben mit dem praktischen Leben nichts zu schaffen. Nicht wahr?«

Aber der Einäugige sprach schon. »Diese Ursachen bestehen ja . . . im Groben. Nur hat seine Theorie einen Riß: ein Vater hat zwei Söhne, beide haben eine vollkommen gleiche Erziehung. Und doch wird der eine ein brauchbarer Mensch -- Landpfarrer etwa --, der andere ein bösartiger Verbrecher.«

Die Stimme des Einäugigen wurde eindringlich, hartnäckig; es schien, als wolle er sich selbst von etwas überzeugen, gegen seine innere Stimme: »Der Urquell des Bösen ist nicht in Erlebnissen zu suchen, sondern in der Natur. Die Natur selbst ist bös und gut. Und die Quelle, die Urquelle des Bösen und Guten -- des Moralischen -- liegt hinter dem Kreise des vom Menschen Erkennbaren . . . Kain und Abel.«

Das hatte er wie im Selbstgespräch gesagt. Durch ein Stuhlrücken wurde er erschreckt, sah verstört die Geschworenen an. Da kehrte die Hartnäckigkeit in sein Gesicht zurück. »Weshalb die Quelle des Bösen -- dieses unerforschbar Mystischen im Leben -- gerade diesen und diesen und jenen Menschen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen. Aber verantworten muß sich der Schuldige den Mitmenschen gegenüber, die sich schützen müssen, so gut sie können. Die Welt ist unvollkommen . . . Wer die Ursachen des Bösen in der bestehenden Ordnung sucht und sieht, kann nicht anklagen, nicht verurteilen.« Etwas Ungelöstes blieb in seinem Gesicht zurück.

Der Psychologieprofessor sagte zu ihm: »Die Theorie des Angeklagten bedeutet offenbar nichts anderes als Revolution. Der Himmel behüte uns vor Verantwortungslosigkeit.« Er wartete darauf, was der Einäugige dazu sagen würde, und sah ihm erstaunt ins weiß gewordene Gesicht, sah, wie die Röte zurückkehrte und es im Gesicht zu arbeiten begann.

»Sich Geld geben lassen . . . von einer Prostituierten! Da hört doch eigentlich alles auf«, sagte der junge Geschworene. »Sie heiraten wollen!«

Alle schwiegen, beobachteten jede Bewegung des Einäugigen und unausgesetzt forschend sein Gesicht.

Der Akt der einstimmigen Verurteilung des Dichters zum Tode ging fast ohne Worte vor sich.

Auch der Zigarettenhändler sah den Einäugigen dabei an, die Unterlippe mürrisch nach außen gerollt, und nachdem der mit hastigem Entschlusse für Mord gestimmt hatte, tat er es ebenfalls, worauf sein Mund sich zufrieden schloß.

Als die Männer sich schon erhoben hatten, sagte der Kahle noch zum Einäugigen: »Diese Theorie der vergessenen Kindheitserlebnisse ist eine erst vor wenigen Jahren aufgekommene neue Richtung. Modernste Seelenanalyse. Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine, daß wir nicht viel wissen; aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu wissen. Und das ist die große Gefahr. Große Gefahr. Wo diese Theorie mit der Praxis zusammentrifft . . ., gibts immer ein Unglück.« Seine Hand zuckte zurück in die Hüfte.

Schnell faßte er den verstörten Einäugigen beim Ärmel. »Ganz privat, als Psychologe, möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen . . . Glauben Sie nicht, daß der Angeklagte mit der ganzen Intensität seines Wesens sich vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat . . . nachträglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige entfernte Möglichkeit barg, für das Verbrechen nicht verantwortlich gemacht zu werden?«

Die Geschworenen waren schon durch die Flügeltür gegangen.

Der Kahle bekam keine Antwort und lief den anderen schnell nach.

Zögernd betrat der Einäugige als Letzter den Saal.

7

Der Dichter wartete auf die Revision.

Muskellos hatte er nach der Verhandlung den Saal verlassen, sich in der Zelle auf die Pritsche gesetzt, langsam, gestorben. Die Schritte des Wärters verhallten.

Da glimmte im Dunkel einer ungeheuren Ferne ein Lichtchen auf, zog als immer riesenhafter werdende Flamme auf ihn zu. Und der Dichter wurde wieder lebendig, brach los von der Pritsche, stand. »Da wird alles anders kommen, bei der Revision«, rief er, sprach weiter, erregt und begeistert mit den Händen mit, dachte alles herbei und schritt dazu schnell vom Fenster zur Tür, hin, her.

Oft stand er mit einem Ruck. Die Augen halb geschlossen, umfaßte er einen Punkt des kommenden Revisionsprozesses, lief weiter, unaufhörlich. Tagelang.

Nur in seinen Träumen wurde das Urteil entsetzlich an ihm vollstreckt. In den folgenden Nächten wieder. In einer Nacht siebzehnmal; dabei sah er auf dem Dache des Justizgebäudes als Lichttransparent das Wort »Training« verlöschen -- aufleuchten.

Sofort nach dem Erwachen fuhr er in die Sträflingskleider. Und rannte beschäftigt und ausgefüllt auf und ab.

Kam ihm, wenn er eben fensterwärts schritt, von der Tür her der Gedanke in den Rücken, in Wirklichkeit hingerichtet zu werden, befand er sich augenblicklich mitten im Revisionsprozeß. Und verteidigte sich glänzend, siegte, und der Vorsitzende rief erstaunt: Weshalb haben Sie das denn nicht schon das erste Mal gesagt? Wenn die Sache so liegt, ja dann -- -- --. Der Dichter war nachsichtig zu den Richtern, erklärte ihnen alles.

Aber als der Verteidiger eintrat, wagte der Dichter nicht, ihn zu fragen.

Er fragte ihn noch immer nicht.

»Wie zu erwarten war, wurde die Revision verworfen.« Der Verteidiger sagte auch noch: »Es tut mir leid.«

»So?« sagte der Dichter.

»So?« sagte er, nachdem der Verteidiger schon gegangen war, und zuckte dabei mit dem Kopf nach vorne.

Entkräftet saß er auf der Pritsche. »Das glaube ich nicht«, sagte er und zog den langen Speichelfaden wieder in den Mund zurück. Dann zog er ihn nicht mehr zurück.

Ein Tag wurde so lang wie ein Menschenleben. Der Dichter blieb hocken. Die Zeit stand. Das Herz tat dumpf weh, als wäre jeder Herzschlag ein drückendes Berühren von einem Hammer aus Gummi.

Und in der Nacht schlief er nicht.

Langsam kroch die Morgendämmerung in die Zelle. Er konnte nicht durch sie hindurch atmen. Im Halbschlaf schien sie ihm ein riesengroßes, sich schwer bewegendes, graues Tier zu sein.

Zugleich mit ihr kam der Geschworene lautlos durch die verschlossene Tür, stellte sich in die Ecke und blickte mit seinem einen Auge unverwandt den Dichter an.

»Gut, daß Sie kommen, sonst hätte ich Sie heute noch besucht«, sagte der Dichter. »Denn meinen Traum von heute nacht muß ich Ihnen erzählen.«

»Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Meine Frau hat mir den Traum ganz falsch erzählt. Sie sagte, es sei eine Eiche gewesen.«

»Nein, nein, der Lehrer sagte ja selbst, daß es eine Buche ist. Sonst hätte der ganze Schulausflug keinen Sinn für Achtjährige. Eher für Achtzigjährige. Alle standen im Wald beim Hünengrab. Ich stieg auf die Buche, bis in die oberste Spitze. Aber die dünnsten Zweige trugen mich noch. Ich sah direkt in die Sonne, und sie blendete mich nicht. Ich war wild-glücklich, lachte und sang. Da nahm die gewaltige, dunkle Hand mein Herz, stopfte es mir ins Gehirn und schloß meinen Kopf wieder. Von jetzt an fühlte ich das Netz in meinem Gehirn. Die schwarze Kreuzspinne saß in der Mitte. Kam ein Gedanke ins Netz, dann stürzte die Spinne auf ihn los und saugte seinen Sinn aus. Diese zahllosen, ausgesaugten Gedankenleichen verursachten mir einen unaufhörlichen Druck hinter der Stirn, mit dem ich viele Jahre lang durch eine ungeheuerliche Einsamkeit schwankte. Sie wurde immerzu zerrissen von Kampf- und Notschreien. Und plötzlich geschah das Schrecklichste -- mein Wille ging von mir weg, ohne mich zu grüßen. Ich hatte kein Empfinden und gar kein Fleischgefühl mehr; es war mir, als hätte ich Nebel im Gehirn -- da packte mich so eine besinnungslose Kinderwut, und ich erwürgte im Traum meinen Lehrer . . . Was sagen Sie dazu?«

»Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, weil Sie ihm zu böse sind«, sagte der Einäugige. »So habe ich es auch meinem Dienstmädchen erklärt.«

»Ihrem Dienstmädchen hätten Sie das nicht sagen sollen . . . Die erzählt es dem Vorsitzenden für die Revision.«

»In meinem Hause verkehren viele Willen, auch der Ihre. Deshalb mußte ich es doch dem Mädchen erzählen für den Revisionsprozeß.«

»Dann bin ich verloren.«

»Ja, da Sie im Traum den Lehrer . . . noch einmal umbrachten, sind Sie natürlich verloren; denn daran bemerkt auch der Vorsitzende, daß das Böse in Ihnen ist . . . Gegen das Böse können Sie gar nichts tun. Ihr wirklicher Wille hat sich neben meinem Hause eine Villa gebaut. Und Sie grüßt er nicht einmal mehr. Seine Frau hat ein weißes Gesicht und dunkle Augen. Das Schlafzimmer . . . schön beleuchtet.«

»Und ich werde hingerichtet?« schrie der Dichter und fuhr aus dem Schlafe, denn die Zellentür öffnete sich.

Der Wärter ließ den Einäugigen eintreten und blieb an der Tür stehen.

Der Dichter sprang auf von der Pritsche. Traumschnell war er in die Wirklichkeit zurückgekehrt, sah den Einäugigen an und dachte ganz langsam: Judas Ischariot kommt zu mir? . . . Verstanden und doch verraten! »Sind Sie schon länger da?« fragte er mißtrauisch.

Und der Einäugige senkte den Blick. »Nein, ich bin eben erst gekommen«, sagte er und dachte -- er vergleicht mich mit Judas Ischariot.

Tagelang hatte er sich eingeschlossen, um darüber klar werden zu können, weshalb er den Drang nicht zu überwinden vermochte, den mit seiner Hilfe zum Tode verurteilten Menschen in der Zelle zu besuchen.

Auch jetzt, da er bedrückt vor dem Dichter stand, hätte er noch nicht sagen können, weshalb er gekommen war.

»Habe ich Ihnen meinen Traum nicht erzählt? . . . Ich habe eben im Traum den Lehrer noch einmal umgebracht . . . Was ist das? In Wirklichkeit würde ich es doch nicht tun. Auch damals habe nicht ich es getan. Der Dämon führte die Hände. Ich bin unschuldig . . . Ihr ermordet mich!«