Die Ursache: Erzählung

Part 5

Chapter 53,481 wordsPublic domain

Der Vorsitzende erklärte ihr: »Sie müssen die Wahrheit sagen, obgleich Sie nicht vereidigt sind. Aber ja doch!« Und brachte nach langem, eindringlichem Fragen aus ihr heraus, daß sie den Dichter schon seit einem Jahre kenne und daß er damals zu ihr gesagt hatte, er wolle sie heiraten.

Sehr ernst geworden, sahen die Geschworenen in den leeren Zuschauerraum.

Und der Vorsitzende sagte sofort: »Es ist doch auffallend, daß ein Mädchen wie Sie einem Menschen nur so Geld gibt, ihn sogar warten läßt im Nebenzimmer, bis sie das Geld sozusagen . . . verdient hat.«

Da sah sie ihn verächtlich an. Doch ganz schnell veränderte sich ihr Gesicht; die ganze Körperhaltung drückte schroffe Gleichgültigkeit aus. »Ist mir einerlei.«

»Was ist Ihnen gleich?«

»Alles natürlich!«

»Ich frage Sie, was Sie momentan dachten, das Ihnen gleich sei.«

Mit einem ganz kleinen, starken Lächeln: »Alles, meine Herren!« Sie setzte sich.

Der Staatsanwalt betonte die Unglaubwürdigkeit der nicht vereidigten Zeugin. Und der Dichter sah zu, wie eine Schar Tauben vom gegenüberliegenden Dachfirst aufflog, ihn umkreiste und sich wieder in die Frühlingssonne niederließ. Ein Tauber blähte sich und stolzierte wippend einer Taube nach, die immer wieder davonrannte.

»Von was haben Sie denn nun eigentlich in Berlin gelebt, all die Jahre?« fragte der Vorsitzende, als die wiedereintretenden Zuschauer stillsaßen.

Der Dichter sagte: »Das ist schwer zu erklären . . . Ich weiß es selbst nicht.«

Und antwortete nachdenklich noch einmal: »Ich kanns wirklich selbst nicht sagen.«

Der Vorsitzende ließ Augen und Hand verwundert fragen.

Und der Staatsanwalt formulierte kurz seine Ansicht dahin, daß die Geldquelle bei diesem oder bei irgendwelchen anderen Straßenmädchen zu suchen sei. »Der Heiratsantrag ist der schlagendste Beweis dafür.«

»Kurzum . . . es ging Ihnen offenbar sehr schlecht?«

»Also. Da fahren Sie in Ihre Heimatstadt . . .«

»Weil mir so furchtbar zumute war.«

»Besuchen unvorsichtigerweise Ihre Eltern, ein Kaffeehaus und, wie sich vorhin herausstellte, den Optiker, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dieser unliebsamen Zeugen wegen reisen Sie, obwohl Sie schon vor des Lehrers Tür standen, mit dem nächsten Zug wieder zurück nach Berlin.«

»Sie wußten nicht, daß der Angeklagte verreist war?«

Keine Ahnung habe sie gehabt, antwortete die Wirtin aufgebracht, sah den Dichter an, den Vorsitzenden: »Und mein Herr Doktor hatte ja auch die Kammer mitgemietet.«

»Nachdem Sie Ihrer Wirtin beigebracht hatten, gar nicht verreist gewesen zu sein, gehen Sie zu dem Mädchen, lassen sich zwanzig Mark für die Reise geben und fahren in derselben Nacht wieder in Ihre Heimatstadt, schleichen -- diesmal ohne Zeugen -- ungesehen durch die noch dunklen Gassen direkt in die Lehrerswohnung. Eine Stunde später wird der Lehrer vor seiner durchwühlten Schreibtischlade gefunden. Das geraubte Geld bei Ihnen . . . Was können Sie dazu sagen?«

Während der ganzen Rede hatte der Dichter den Vorsitzenden in kaltem Entsetzen angeblickt; nur stockend konnte er hervorbringen: »Es ist alles so weit entfernt vom Tatsächlichen, was Sie und der Herr Staatsanwalt von mir sagen, daß ich kein Wort mehr mitreden kann.«

»Sie hatten offenbar weitaus mehr vorzufinden erwartet, bei Ihrem Lehrer, der als sparsamer, vermögender Mann bekannt war.«

Da stemmte der Dichter die Handballen unter die Achselhöhlen, daß die Kette über seiner Brust spannte, brüllte: »Ihr lügt!« und stieß dabei die Hände nach vorn, wandte sich um zu den vielen Hunderten, wie auf einem Riesenpräsentierteller liegenden Gesichtern: »Alle Menschen, die im Saale sind, müssen bemerken, daß das Gericht nur eine Seite sehen will und alles dahin zusammenträgt.« Und zum Gerichtshof: »Man will mich viel schlechter machen, als man selbst glaubt, daß ich bin. Man lügt! Und mein Verteidiger verachtet mich.«

Der Vorsitzende hatte die Hand erhoben. Der Dichter sah an ihm vorbei, lodernd zum klarblickenden Auge des Geschworenen:

»Gelogen wird in den Gerichtssälen! Am tatsächlichen Geschehen vorbeigesehen! Die Ursachen liegen tief. Man will sie nicht sehen. Man will nicht! . . . Weil man sonst erkennen müßte, daß man mitschuldig ist.«

Die zwei Gerichtsdiener an seinen Seiten drehten die Köpfe auf ihn zu, scharf ins Profil; ihre Augäpfel lagen in der Nasenecke. So blieben sie griffbereit stehen.

Auffallend ruhig sagte der Einäugige: »Ich sehe keinen Beweis dafür, daß dieser Mann den Lehrer wegen des Hundertmarkscheins getötet hat. Die Gründe, die er dafür angibt, erscheinen mir viel glaubhafter . . . Sie erscheinen mir jetzt glaubhaft.«

Der Vorsitzende unterbrach: »So etwas können Sie . . . nur im Geschworenenzimmer äußern.«

Scheinbar zu allen sprechend, sagte der Staatsanwalt zum Einäugigen -- und Überzeugung pulste kräftig in seinen Worten: »Da könnte ja jeder Mensch mit Recht seinen Lehrer ermorden . . . jeder Sohn seinen Vater!«

Noch eine Sekunde lang hielt die neue Ansicht, die sich der Einäugige erst im Laufe der Verhandlung erkämpft hatte, der des Staatsanwaltes stand. Dann wurde sie von dessen schlagkräftigem Ausruf wieder zertrümmert.

Er senkte ratlos den Blick.

Der Vorsitzende sagte, plötzlich nachdenklich und ernst: »Können Sie selbst denn daran glauben, daß Sie Ihren Lehrer deshalb umgebracht haben, weil er Sie vor zweiundzwanzig Jahren . . . sagen wir: falsch behandelt hat? . . . Wirklich, wir können damit nichts anfangen.«

»Er allein ist ja nicht an meinem Unglück schuld«, sagte der Dichter unwillig.

»Und trotzdem haben Sie ihn umgebracht.«

Da reckte der Dichter plötzlich die gefesselten Hände senkrecht empor. »Der Dunst der Schulen, der falschen Erziehung, der Eltern, Frömmelei, der Lüge, des ganzen stinkenden europäischen Moralgeschwürs bildet furchtbar drohend das Wort >Ursache< weithin sichtbar am Himmel. Der europäische Mensch ist zum kranken, tückischen, reißenden Tier geworden. Gott, die Menschenliebe, die Güte, die Wahrheit zogen sich entsetzt zurück vor dem vom Wahnsinn gezeichneten europäischen Gesicht!«

Ein Geschworener beugte sich zu seinem Nebenmann. »Bei mir hat er sich oft Zigaretten gekauft . . . In meinem Eckladen.«

Der Vorsitzende betrachtete den Dichter sinnend.

Der ließ die Hände sinken, fiel zusammen und begann mit noch bebender Stimme: »Auf allen Wegen starren dem Menschen offen und versteckt Messerspitzen entgegen, denen er nicht ausweichen kann . . . Trotz aller Anstrengung konnte ich mich nie erinnern, was mir in dem Hohlweg widerfahren ist . . . Ich träumte öfters von einer Leiche, die in dem Hohlweg lag. Sie war schon ganz verwest. Ameisen krabbelten ihr in Augen und Ohren hinein, aus Mund und Nase heraus. Die Leiche lachte fürchterlich, weil die Ameisen sie kitzelten . . . Aber ich weiß bestimmt, daß keine Leiche im Hohlweg lag . . . Etwas Grauenhaftes muß mir da geschehen sein.«

Der Vorsitzende hatte den Dichter fortwährend grübelnd angesehen. Jetzt richtete er sich auf. Auch die Geschworenen bewegten sich.

»Mittagspause«, sagte der Vorsitzende unerwartet, stand auf. »Wir unterbrechen bis drei Uhr«, sagte er, mit der Uhr in der Hand.

6

Die Zuschauer gebrauchten List und Ellenbogen, um schneller durch die Flügeltür hinaus auf den Gang zu kommen, den der Dichter passieren mußte.

Ein scharfes Witzwort fiel. Man lachte flüchtig, drängte energisch weiter. Und mauerte sich an den beiden Wänden entlang, vollkommen still geworden. Denn des Staatsanwaltes schwarze Robe erschien ganz unerwartet und bewegte sich feierlich durch die Menge.

Auf ihn zu kam, vom Treppenabsatz herunter, ein kleiner Referendar, mit einem Klemmer und Leberflecken im zerhauenen Gesicht. »Es hat sich noch ein Belastungszeuge gemeldet.«

»Ah! Wer? Wo ist er?«

»Eine Zeugin. Sie hat angegeben, daß der Schreinermeister, der seinem Sohne die Augen zuleimte, ihn in diesem Zustand auch bloßfüßig auf die heiße Herdplatte gestellt hat . . . Dann heizte der Meister tüchtig nach.«

»Also nichts Neues zum Fall Seiler.«

»Nein. Da kann man dir ja gratulieren. Sichere Sache!«

»Ein komplizierter Fall.«

Der kurzsichtige Kleine kroch in die Staatsanwaltsrobe hinein.

»Wieso? Ist es nicht ganz klar erwiesen, daß er es wegen dieses Hundertmarkscheins getan hat?«

Sie verschwanden, von allen Blicken verfolgt, in dem kalkweißen, menschenleeren Seitengang. Der Staatsanwalt sah auf den Kleinen hinunter, zum Fenster hinaus. »Das eben scheint mir jetzt sehr, sehr fraglich zu sein, nach allem . . . Eigentlich schon nicht mehr fraglich.« »Nein, nein, verzeihe! Wirklich, so in der Eile kann ich dir das nicht erklären. Das Ganze ist zu . . . weißt du, zu . . . eigenartig.«

»Nämlich die eigene Frau des Schreinermeisters will gegen ihn zeugen. Interessant, wie?«

»Platz machen!« rief der Polizist.

»Platz da! Platz!« der auf der andern Seite.

Der Dichter wurde durchgeführt. Der Offizialverteidiger lief mit winzigen Schrittchen über ihn vor, wieder zurück und geriet so in Verwirrung, daß er beim Weitergehen die ungewohnte, lange Robe hob wie eine Frau den Rock.

Niemand lachte. Des Dichters Gesicht und Augen sahen erloschen aus.

Der Staatsanwalt trat vor ihm in die Fensternische zurück, sah ihm nach. »Gefährlicher Geist . . . Kompliziert die Sache.«

»Wirklich? Nicht wegen des Hundertmarkscheins getan?«

Der Staatsanwalt schüttelte energisch den Kopf.

»Ja . . . ja, aber wieso.«

»Schwer zu sagen.« Er zog die Uhr, wollte sich verabschieden.

»Kann man ihn dann überhaupt nicht zum Tode verurteilen?«

»Kann ich dir nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß.«

»Das ist ja, das ist mir ja ganz neu . . . Und für morgen? Für diesen Schreinermeister hast du also alles beisammen?«

»Hab ich. Bis auf die neue Zeugin . . . Ich muß schnell heim. Hab Hunger. Guten Appetit.«

Die Menge flutete ausweichend um die beiden herum, machte den gekalkten Seitengang schwarz.

Der Verteidiger hatte keinen Appetit.

Er war in der Zelle beim Dichter, dessen Suppe aus verkochtem Brot, mit einer matten Haut überzogen, kalt geworden auf dem Klapptisch stand.

Der Dichter dachte darüber nach, weshalb er nicht das leiseste Verhältnis mehr zu seiner Mutter empfand. Auch sich selbst war er so gleichgültig geworden, daß er nur noch ein gedankliches Interesse daran hatte, sich diesen Zustand unkörperlicher Ruhe zu erklären. Es war ihm, als trenne ihn ein ungeheurer Luftzwischenraum von seinen bisherigen Gefühlen und der Mutter. Er lehnte reglos an der Fensterwand.

Der Verteidiger hatte die ganze Zelle für sich, lief schnell auf und ab. »Mein Rat ist . . . reden Sie nicht mehr von diesen Dingen da, von Kindern und so weiter. Das ärgert uns alle nur. Wahrhaftig, mich auch. Sie sagen: irgendwo auf der Welt liegt eine verweste Leiche in einem Hohlweg und Ameisen . . . Nun, und wenn schon?« Er blieb stehen. »Nützt Ihnen das was? Nein . . . Weil kein Mensch mit einer lachenden Leiche was anfangen kann.« Und lief weiter.

Der Dichter redete nichts, hob ein Notizzettelchen auf, das dem Verteidiger aus der Tasche gefallen war, und reichte es ihm.

»Danke.« Er stopfte es in die Tasche zu den andern, holte noch einmal eine Faust voll Notizen hervor und stieß sie nervös wieder in die Tasche. ». . . Europäisches Geschwür! Wahnsinn! und was noch alles! Kranke, tückische Europäer, die sich zerfleischen . . . Nun und die Chinesen?«

Den Kopf schulterwärts geneigt, lauschte er bei der Tür, trat zum Dichter. »Wenn Sie eingestehen, daß Sie Ihrer Armut . . . dieses dummen Hundertmarkscheins wegen den Lehrer getötet haben . . . vielleicht, vielleicht kann Sie das retten, ich meine, vor dem Äußersten . . . Armut, Not, Elend und so weiter, arbeitslos. Lassen Sie mich nur machen!«

»Wegen des Hundertmarkscheins habe ich es aber nicht getan. Das weiß jetzt sogar der Staatsanwalt.« Er ärgerte sich, weil er geredet hatte.

Der Verteidiger lauschte. »Also, denen im Gerichtssaal können Sie das ja weiszumachen versuchen, ist Ihr gutes Recht, obschon es nicht klug war . . . aber mir gegenüber ist das glatter Unsinn. Sie sagten sich -- Geld ist Geld. Ich brauche welches . . . Glauben Sie denn, ich könnte das nicht verstehen?«

Schritte näherten sich. Der Verteidiger steckte schnell die Daumen in die Westentaschen und ging auf und ab, mit gleichgültigem Gesicht.

Der Schließer trat ein, nahm die Hand zur Mütze und meldete, daß er den Dichter in den Verhandlungssaal zurückbringen müsse.

»Ich weiß doch, was ich weiß«, sagte der Verteidiger noch.

* * * * *

Der Dichter stand wieder an seinem alten Platze vor der Anklagebank und hatte den Eindruck, außer ihm sei kein Mensch fortgewesen.

Frisches Interesse kam in die Augen der Geschworenen und Zuschauer, nachdem der Vorsitzende den Gerichtspsychiater gebeten hatte, seine Meinung zu äußern.

»Wesentliches«, begann er, in bescheidener, korrekter Haltung, »habe ich meinem schriftlichen Gutachten nicht hinzuzufügen.«

Nur der Einäugige bemerkte, daß bei diesen Worten die Angstspannung das Gesicht des Staatsanwaltes verließ.

»Daß der Angeklagte versuchen werde, den Prozeß auf . . . auf phantastisch-intellektuelles Gebiet hinüberzuleiten, war vorauszusehen, insofern das, wie ich bei mehrfacher Untersuchung und während längerer Beobachtung erkennen konnte, seinen psychischen Anlagen und vor allem dem Drange entspricht, durch kümmerlich motivierte Behauptungen vom Kernpunkte der Tat abzulenken . . . So versicherte er mir zum Beispiel, daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig und nur die sogenannten weltfremden oder verrückten normal seien . . . Die moderne psychiatrische Wissenschaft steckt jedoch beileibe nicht mehr derart in den Kinderschuhen, daß es dem zu Beobachtenden durch x-beliebige wirre Aussprüche gelingen könnte, den untersuchenden Arzt zu täuschen. Es gibt im Gegenteil heute schon nahezu mathematisch genaue Stützpunkte, von denen aus der Arzt mit relativ großer Sicherheit das wahre Seelenbild des Kranken nachzuzeichnen vermag.«

Der stumme Kampf zwischen dem Vorsitzenden, der den Doktor die momentane Entwicklungsstufe der modernen psychiatrischen Wissenschaft nicht darstellen lassen wollte, und dem Staatsanwalt, der durch Unterbrechung etwas zu verlieren fürchtete, wurde von dem darauf aufmerksam gewordenen Psychiater bereitwillig beendet.

»Der Großvater des Angeklagten war ein Müllerbursche, der eine sonderbare Leidenschaft für Musik hatte, nämlich viele Jahre lang regelmäßig seinen Wochenlohn mit Zigeunern verjubelte, die ihm aufspielen mußten. Er wurde deshalb der wilde Beethoven genannt. Soll ihm auch zum Verwechseln ähnlich gesehen haben. Er, sowie auch des Angeklagten Schwester, haben Selbstmord begangen, aus Motiven, die nicht klar festgestellt werden konnten . . . Wenn auch des Angeklagten Eltern soweit gesund sind, muß somit doch angenommen werden, daß er etwas erblich belastet ist.«

»Während der Herr Psychiater sein Gutachten abgibt, darf er, wenn irgend möglich, nicht unterbrochen werden«, sagte der Vorsitzende ruhig zum Staatsanwalt, der sprechbereit aufgestanden war.

»Jahrelange Unterernährung und seine lebenslangen Anstrengungen, sich bei nur Volksschulbildung geistigen Besitz zu erwerben, haben des Angeklagten Nervenkraft ruiniert und damitdie so nötigen staatsbürgerlichen moralischen und sittlichen Hemmungen beseitigt.«

Der Dichter sah den Psychiater groß und still an, als der fortfuhr: »So daß gewisse Anzeichen einer geistigen Erkrankung -- der dementia praecox -- ins Bild passen.«

»Was ist das?« fragte der Zigarettenhändler den neben ihm sitzenden Geschworenen.

Der wußte es auch nicht.

Der Psychiater kam ihnen zu Hilfe: »Es handelt sich um eine beginnende leichte Verblödung . . . Das Ganze spricht aber höchstens für eine moralische Minderwertigkeit, die Verantwortung nicht ausschließt.«

Der Staatsanwalt rückte seine Mappe gerade, sah auf. »Nach Ihrer Anschauung ist der Angeklagte also voll und ganz für seine Tat verantwortlich zu machen.«

Und der Dichter sagte, plötzlich gereizt: »Nach meiner Anschauung ist Ihre moderne Psychiatrie eine seelische Hochstapelei, die mit exakter Wissenschaft ganz und gar nichts gemein hat.«

Der Vorsitzende wies ihn streng zurecht.

Und der Arzt antwortete dem Staatsanwalt: »Da es sich beim Angeklagten um einen ausgesprochenen Grenzfall handelt, kann ich mich nicht entscheiden, ob infolge seiner vererbten und erworbenen Anlagen mildernde Umstände in Frage kommen dürften. Doch würde ich, gesetzt, ich müßte mich entscheiden, eher Nein sagen als Ja.« Er verbeugte sich.

Und der Verteidiger rief in das durch Stellungwechseln der Zuschauer verursachte Geräusch hinein mit verzweifelt dünner Stimme: »Zuerst sagen Sie, Sie können sich nicht entscheiden, und dann entscheiden Sie sich doch! Das kann jeder! Ich auch.«

Worauf der Psychiater ein Gesicht machte wie ein Mensch, der ans Verfolgtwerden gewöhnt ist.

* * * * *

Kurz und scharf ließ der Staatsanwalt in seiner Schlußrede den Gang der Verhandlung noch einmal aufhellen, streifte öfters mit einem Blick seine Frau, die ein helles Frühlingskleid von unbestimmter Farbe trug, eine große, weinrote Schleife seitwärts am Halse, und die Atmosphäre von Jugend und Gepflegtsein um sich verbreitete.

Beim Erwähnen der Not und der ständigen Geldlosigkeit wurde seine Stimme milder, wieder laut und bestimmt bei der Arbeitsscheu und den Beziehungen zum Straßenmädchen, und als er das Auffinden des erwürgten Lehrers vor der durchwühlten Schreibtischlade und des geraubten Geldes beim Dichter in einem gut gebauten, effektvoll gesteigerten Satz zusammengefaßt hatte, wirkte die ruhige Selbstverständlichkeit seines Tonfalls sehr überzeugend bei der Schlußbitte, die Schuldfrage nach vorsätzlichem, überlegtem Raubmord zu bejahen.

Während der Worte des Staatsanwalts, der Dichter habe moralisch zwei Menschenleben auf dem Gewissen -- denn die treue Haushälterin des Lehrers sei vor Schreck erkrankt und gestorben --, hatte der Offizialverteidiger das Monokel abgenommen.

An diesem Ausspruch klammerte er sich an bei seinem Verteidigungsversuch, behauptete, man könne nicht ohne weiteres annehmen, daß dem Dichter auch noch die Schuld am Tode der Haushälterin beizumessen sei, wurde sehr erregt und fand das Monokel nicht. Nervös setzte er seinen Zwicker auf und durchblätterte eine Zeitung:

»Ich muß erklären, daß er gearbeitet hat. In der heutigen Nummer ist sogar etwas von ihm abgedruckt. Ist denn Dichten keine Arbeit? . . . Hier!«

In seiner Ratlosigkeit las er vor:

»Wenn ich gestorben bin, Wird mein Kind an einem sonnigen Gartenzaun entlang streifen, sich niedersetzen, Gefühlvoll und klug Die Welt betrachten: Die Ritzen zwischen den Steinen, Käfer, die auf den Dolden sitzen. Große Last wartet auf dich, Mein Kind, Und Weinen. Du mußt es tragen Wie alle. Möge die gute Besitzerin des Gartens Meinem Kind Durch die Stäbe Eine Hand voll Pflaumen reichen!«

Noch eine Weile blieb es still im Saal. Der Verteidiger sah erstaunt auf, öffnete den Mund, schloß ihn wieder. »Aber ist denn das nicht schön?«

Der Staatsanwalt ging bei seiner Entgegnung auf ihn nicht ein, hob noch einmal hervor, daß der Dichter der unliebsamen Zeugen wegen nach Berlin zurückgefahren sei, gleich in der folgenden Nacht wieder in die Heimatstadt. »Ungesehen schlich er diesmal durch die noch dunklen Gassen zum Lehrerhaus . . . Bei der ausgezeichneten Intelligenz des Angeklagten, der sogar durch seine phantastisch-theoretischen Abschweifungen einen dünnen Faden Logik ziehen konnte, kann dieses Vorgehen nur als planvolle Überlegung gedeutet werden. Darüber, daß der Angeklagte seinen Lehrer, dessen ganzes Leben wirklich nichts als Mühe und Arbeit war, deshalb ermordete, weil dieser ihm vor zweiundzwanzig Jahren ein Glas Milch verweigert hat, will ich wirklich nicht sprechen.« Er sah mit einem ruhigen Blick an der nickenden Geschworenenreihe entlang und schloß:

»Mit ausschlaggebend für Ihren gerechten Wahrspruch muß das scharf hervortretende Motiv sein, daß der Angeklagte seinen alten Lehrer, der ihn fürs Leben vorbereitete, wegen einer Geldsumme, wegen eines Hundertmarkscheines ermordet hat.«

Er glaubt es nicht und sagt es doch, dachte der Dichter.

»Ich sage es aus meiner tiefsten Überzeugung heraus . . . er hat es nicht wegen dieses dummen Hundertmarkscheins getan!« rief der Verteidiger heftig.

>Und der glaubt das nicht und sagt es doch.<

Der Vorsitzende wippte sich nach vorn, schlug die Aktenmappe zu, sah den Dichter an. »Wollen Sie noch etwas sagen . . .? Wenn Sie noch etwas sagen wollen . . .«

An Stelle des Dichters schien ein fremder Mann zu sprechen. Sein Gesicht war alt und klar. »Wenn ich noch von mir und im Sinne des Staatsanwaltes sprechen wollte, würde ich sagen: er schiebt mir ein falsches Motiv unter. Ich weiß aber, daß es ein Motiv in diesem Sinne gar nicht gibt. Denn für den Menschen besteht ein Motiv nicht so wie für den Hund, der eine Wurst stiehlt, weil er Hunger hat; sondern für ihn ist das Motiv -- der Impuls -- ein Glied der eisernen Ursachenkette seines ganzen Lebens . . . Deshalb ist nur allein derjenige gerecht, der nicht nach den an der Oberfläche liegenden Motiven urteilt, sondern die Ursachen zu den Motiven sucht und dann verurteilt . . . wenn er es dann noch kann.«

Der Vorsitzende sagte gütig: »Sehen Sie, es liegt nicht in Ihrem Interesse, jetzt noch so ins Allgemeine abzuschweifen . . . Sie sollten nur an sich denken.«

»Für mich habe ich kein Interesse mehr«, sagte der Dichter, mit aus weiter Ferne kommender, vom Wind gereinigter Stimme. »Für mich halte ich meine Verteidigungsrede nicht.«

Die Sätze folgten einander pausenlos und immer schneller.

»Wie denn! Andere zu verteidigen, haben Sie keinen Grund.«

»Dieser Meinung bin ich nicht.«

»Das bleibt Ihnen überlassen. Aber Abschweifungen möchte ich Ihnen nicht erlauben.«

»Was Sie so nennen, ist kein Abschweifen. Ich habe noch etwas zu sagen.«

»Nun?«

»Ich sage, daß allen Menschen die Ursachen des Verbrechens ins Gehirn geschleudert werden, in einem Alter, in dem sie sich noch nicht dagegen wehren können, solange sie Kinder und einer eigenen gedanklichen Kritik noch nicht fähig sind . . . So werden die Menschen schuldig, ohne schuldig zu sein.«

»Alle Menschen sind sich doch aber darüber einig, daß die Kindheit die schönste Zeit ihres Lebens war«, sagte der vollblütige Geschworene.

Der Vorsitzende: »Ich kann Sie wirklich nicht mehr in dieser Weise weitersprechen lassen.«

Und leidenschaftlich der Dichter: »Wo soll ich denn die mit meinem Leben erkaufte Einsicht noch äußern, wenn nicht hier in diesem Saale?« Seine Ruhe war Erregung gewichen.

Ein von Mann zu Mann weitergegebener Blick halben Zugestehens ließ den Vorsitzenden sich noch einmal zurücklehnen.

Und während hinten die Zeitungsberichterstatter stenographierten für die wartenden Schnellpressen, sprach der Dichter:

»Die Erlebnisse -- die ersten Ursachen zu späteren Verbrechen -- erscheinen nur den Erwachsenen klein. Das Kind empfindet sie riesenhaft groß, wird furchtbar getroffen und erschüttert. Denn sein ihm angeborener, unbedingter Glaube an das Leben . . ., seine Naivität bekommt die erste Wunde. Das macht das Kind unsicher und empfänglich für neue Verbrechensursachen, an denen es, noch unverwundet, vielleicht vorbeigegangen wäre . . . Ich habe das an mir erfahren.«

Immer noch freundlich, bemerkte der Vorsitzende, hier sei doch nicht von Kindern die Rede.

»Natürlich von Kindern!«

»Aber nein doch! Von Ihnen.«

Der Dichter sagte hartnäckig: »Von Kindern!«

Der Vorsitzende sah die Geschworenen an, als wolle er sagen: hören wir diesem wunderlichen, armen Menschen halt noch eine Weile zu, und lehnte sich zurück. »Bitte!«

»Die falsch und böse behandelten Kinder erleben große Qualen, plötzliche Schrecken . . . und werden doch nicht irrsinnig, wie mancher erwachsene Mensch, wenn ihn ein Unglück unvermittelt trifft . . . Die Natur pariert hier den Stoß . . . sie läßt das Kind vergessen. Sonst gäbe es mehr irrsinnige Kinder als irrsinnige Erwachsene. In allen Städten würden ganze Straßenzüge Kinderirrenhäuser sein.«