Part 4
». . . Denn ein demütigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis kann nicht mehr so gefährlich sein, nachdem man sich daran erinnert hat. Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht traurig und wollte mich mit dem Lehrer aussöhnen. Er sollte sich ein bißchen entschuldigen bei mir, und alles wäre gut gewesen.«
»Und brachten Sie ihn um, weil er das nicht tat?«
»Auch deshalb nicht . . . Und auch nicht gerade, weil er den Kleinen in meiner Gegenwart geprügelt hat.«
»Sondern? . . . Weil Sie sahen, wie die Haushälterin dem Lehrer einen Hundertmarkschein reichte.«
»Nein, nein, das ist nebensächlich . . .«
Wie ein Mensch, der im Alptraum verfolgt wird, sich aber nicht vom Platze bewegen kann, empfand der Dichter der Fesseln wegen drückende Hilflosigkeit, wollte fortwährend die Hände gebrauchen, die von den Ketten wieder zusammengerissen wurden. Aus Angst, sich nicht klar genug auszudrücken, wurde er sehr erregt.
»Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein wenig folgen würden.« Er wandte sich an den Einäugigen: »Schon ein einziges vergessenes Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die Heimatstadt zu schicken. Ich muß gehorchen. Weiß absolut nicht, weshalb. Hab vierzehn Jahre lang, bis zu diesem Morgen, gar nicht daran gedacht, zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld . . . Wenn nun schon das Eine so eigenmächtig mit mir umspringen kann, dann muß ich mir sagen -- und das ist der glühende, tragische Punkt --, daß die ohne Zweifel zahllosen schändlichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für jede Tat, welche es auch sei, machen können.«
Da legte der Dichter die Hände auf die Brust. »Ich saß beim Lehrer, der mich jahrelang gequält hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen schändete, da wirkten plötzlich alle diese vergessenen Erlebnisse eigenmächtig zusammen und erwürgten ihn.«
Er ließ die Hände sinken, sagte noch: »Plötzlich begeht man das Schrecklichste; denn der eigene Wille ist fortgezogen.«
»Gut,« begann der Vorsitzende, »daß ein Mensch, wenn er zerstreut ist, manchmal etwas tut, irgendeine Dummheit begeht, ohne zu wissen, wie und was, ist uns bekannt . . .«
»Aber«, unterbrach ihn ein großer, vollblütiger Geschworener gereizt, »daß er in der Zerstreuung einen Menschen umbringt, na, das ist ja . . . das ist Unsinn.«
». . . aber, daß Sie wegen dieses, weiß Gott vor wieviel Jahren vergessenen Schulausfluges in die Heimatstadt gereist sind . . . wo steht das geschrieben? Und wo steht geschrieben, daß Sie sozusagen . . . mit Hilfe! noch anderer Erlebnisse gar jemand ermordet haben? Das glaubt Ihnen kein Mensch auf dieser Welt, auch wenn Sie nicht das Geld geraubt hätten . . . Ebensowenig, wie man glauben wird, daß Sie mit Hilfe anderer, ausgezeichneter, herrlicher Erlebnisse den Ermordeten wieder lebendig machen können.«
Der Vorsitzende stützte beide Hände auf das Pult, die Ellbogen seitwärts gespreizt. »Jetzt äußern Sie sich einmal, wollen Sie sich denn mit diesen . . . diesen Geschichten verteidigen? Oder was wollen Sie? . . . Verteidigen?«
Verlegen scharrte der Dichter mit dem Fuße, sah in die Ecke, die Geschworenen an. »Ja, ich . . . versuche, Ihnen das Ereignis zu erklären.«
Unvermittelt kam wieder Entschlossenheit in sein Gesicht. »Glauben Sie mir,« sagte er zum Einäugigen, »wirklich, es kann vorkommen, daß ein dreißigjähriger Mann in seinem Zimmer sitzt, ganz ruhig bei der Arbeit, da hört er im Nebenzimmer einen Mann schimpfen und die geschlagene Frau ängstlich kreischen. Plötzlich packt ihn eine rätselhafte, besinnungslose Wut: er hat den unbegreiflichen Drang, hinüberzustürzen und den Mann zu erwürgen. Hinterher kann er seinen Richtern nur sagen, daß der Zank -- das Weinen der Frau im Nebenzimmer -- ihm diese Wut verursacht hat, und weiß nicht, daß er sich wegen eines ähnlichen Zankes, der aus dem Schlafzimmer seiner Eltern kam, vor fünfundzwanzig Jahren im Kinderbettchen voller Grauen aufrichtete, in Haß gegen seinen Vater, der die geliebte Mutter schlug. Seine Richter glauben ihm dann nicht, weil er, wenn er zur Besinnung kommt, vielleicht einen Mantel mitnimmt, einen Apfel einsteckt oder einen Hundertmarkschein, um fliehen zu können . . . Bei mir liegt die Sache ganz ähnlich. Sie verstehen mich doch?«
Der Einäugige notierte sich etwas und sah ruhig wieder den Dichter an, der das für eine bejahende Antwort nahm und freudig und hingerissen dem Vorsitzenden zurief: »Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich bin so furchtbar schuldig geworden! Aber doch nicht wegen des Geldes, nicht wegen . . . dieses Geldes! Glauben Sie das nicht! Mein Mord wurde von solchen Erlebnissen verursacht . . . Einmal ließ mich der Vater -- weil ich meine Schiefertafel zerbrochen hatte und er, der Arbeiter, der abgerackerte Arbeiter, verstehen Sie doch! eine neue kaufen sollte -- das eichene Lineal holen; ich mußte die Hose ausziehen. Dann schnallte er mich auf den Stuhl fest und . . . vor der ganzen Familie. Das tat er . . . Am andern Tag stürzte ich heulend zu Boden, nur weil ein Kamerad von mir ganz zufällig das Wort >Lineal< gebrauchte. Ich heulte wie tobsüchtig, rannte aus der Stadt hinaus, stundenlang auf den Feldern umher, und zündete vor Qual und Hoffnungslosigkeit eine Scheune an. Sie brannte ab . . . Viele Jahre wußte ich nicht, weshalb ich die Scheune angezündet habe . . . Wenn man gerecht ist, ganz gerecht, muß man sagen, daß nicht ich . . . sondern mein Vater der Brandstifter war.«
»Man könnte ja auch sagen, der Urgroßvater, der schon längst verwest ist!« Das Gesicht des vollblütigen Geschworenen blähte sich auf, daß die Augen verschwanden.
Sofort wandte der Dichter sich wieder an den Einäugigen, sah ihn eindringlich an. »Weil mir das alles so klar geworden war, fuhr ich dann noch einmal in meine Heimatstadt, in der Hoffnung, mich an vieles zu erinnern -- an die furchtbaren Demütigungen, die mich ruiniert haben. Ich hoffte, ihnen mit meinen Erfahrungen, mit dem Verstand meiner dreißig Jahre, ihre böse Macht über mich endlich nehmen zu können . . . Alle Menschen sollten wieder einmal in ihre Heimatstadt zurückkehren. Das habe ich sogar geträumt.« Er bewegte die Hände in großem Bogen von links nach rechts: »Einen ganzen Zug Menschen!«
»Nun, und sind Ihnen solche Erlebnisse eingefallen?« fragte der Vorsitzende.
»Mir? Nein . . . nein, es sind mir keine eingefallen.«
»Wie denn! . . . Dann sollten Sie uns doch aber das alles nicht erzählen. Weshalb nur?«
Der Dichter schickte einen hilfesuchenden Blick zum Einäugigen hin, zum Vorsitzenden. »Weil das so wichtig ist. So wichtig!«
»Aber nein doch! Es sind Ihnen ja keine eingefallen.«
Des Dichters Mund blieb offen stehen.
»Nun?«
»Die ganze Stadt ist mir eingefallen . . . Und da ist auch ein unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet . . . In dem Hohlweg muß mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich weiß nicht, was. Weiß nicht, was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen!«
Fieberhaft suchte er nach noch einem Beispiel, während der Vorsitzende sich nicht um ihn kümmern konnte, weil er die Vernehmung der Zeugen vorbereitete.
Da sah er das Auge des Geschworenen verlangend auf sich gerichtet, machte verzweifelt einen Schritt zu ihm hin: »Es kann doch auch vorkommen, daß ein Mann immer wieder träumt: er ist ein Kind und muß sich verkriechen in die Zimmerecke, aus Angst vor seinem Vater, der ihn gräßlich und verächtlich ansieht. Und es hilft ihm nichts, daß er seinem Vater zuruft: ich habe doch seither die große Brücke aus Eisenkonstruktion gebaut . . . Solange er lebt, fürchtet sich der berühmte Brückenbauer im Traume vor seinem Vater . . . Mich hat der Vater einmal die ganze Nacht auf den langen, dunklen Gang hinausgesperrt . . . Ich kam zu spät nach Hause, weil ich zugesehen hatte, wie ein Ertrunkener aus dem Wasser gezogen wurde. Das war eine arge, lange Nacht. Seitdem fürchte ich mich im Dunkeln wie ein Kind . . . Erst vorgestern, am Dienstag, träumte ich wieder: in unbeschreiblicher Angst stehe ich auf dem dunklen Gang -- der Ertrunkene kommt die Treppe herauf und langsam auf mich zu, entsetzlich lautlos . . . Ich kann nicht in die Wohnung flüchten. Selbst jetzt träume ich das, in einer Zeit, da ich mich in so großer Not befinde. Man sieht daran, daß ein solch gräßliches Kindheitserlebnis stärker ist als alles.«
»Sonnig scheint Ihre Kindheit ja nicht gewesen zu sein, aber mit Ihren Träumen können wir uns wirklich nicht abgeben,« sagte der mit den Zeugenakten beschäftigte Vorsitzende, »die sind nun einmal Schäume.«
Der Angeklagte versuchte immer wieder, den eindeutigen Tatbestand mit vagen Geschichten zu verschleiern, notierte sich der Staatsanwalt für seine Schlußrede.
»Es sind ihm ja nun doch welche eingefallen«, sagte der Verteidiger. »Ich mache Sie darauf aufmerksam . . . Auf den Ertrunkenen.«
Und der Dichter blickte in plötzlicher Hoffnungslosigkeit so verloren im Saale herum, daß er von der Vereidigung der ersten Zeugin nichts bemerkte.
»Sie stehen unter Kontrolle?«
Im Zuschauerraum wurde es ganz still.
Das Straßenmädchen senkte den Kopf.
Da senkte auch der Dichter den Blick.
Sie wurde nicht vereidigt.
Am weitesten vom Dichter entfernt stand der Kleine; seine Stirn war wieder schneeweiß geworden. Die Zuschauer begannen sich zurechtzusetzen. Der Offizialverteidiger handhabte, nachdem er eine Weile streng zum immer noch notierenden Staatsanwalt hingesehen hatte, ebenfalls seinen Bleistift. Er trug ein Monokel. Auch die Geschworenen bewegten die Oberkörper, bis sie richtig saßen. Es war sehr warm im Saal.
»Bei Ihnen wohnte der Angeklagte?«
»Mir war er immer unheimlich«, sagte die Wirtin sofort.
»So? . . . Weshalb denn?«
». . . Bezahlt hat er mich auch nicht.«
Der Staatsanwalt schriebs auf und machte den Geschworenen noch einmal deutlich, daß der Grund der Reise und die Ermordung des Lehrers in des Dichters ständiger Geldlosigkeit zu finden sei.
Der Vorsitzende fragte die Wirtin, ob der Dichter schon vorher irgendwelche Äußerungen mit Bezug auf den Mord getan habe, da er ihr unheimlich erschienen sei. Sie geriet, zur Belustigung der Zuschauer, ins ungehemmte Erzählen hinein, aufgebracht und endlos, bis der Vorsitzende »Halt!« rief, weil die Richter das tägliche Leben des Dichters nunmehr genau kannten.
»Früh, wenn ich aufstand, ging er zu Bett. Zugetraut hab ich ihm alles . . . Denn man wußte ja nie, was er eigentlich macht«, sagte sie noch nachträglich, mit einem ärgerlichen Blick auf den Dichter, wobei ihre Unterlippe befriedigt vorschoß.
»Doch, ich habe gearbeitet«, antwortete der Dichter gereizt.
»Wir hörten aber eben, daß Sie den ganzen Tag geschlafen haben.«
Er schwieg.
Der Vorsitzende sagte schulterzuckend: »Arbeiten müssen alle Menschen.«
Und die Wirtin rief: »Das hab ich ihm auch gesagt.«
»Sie dürfen nur reden, wenn Sie gefragt werden.«
Ihr sich empört öffnender, sprechbereiter Mund klappte lautlos wieder zu, weil der Richter vorgriff: »Wie denn! Nur wenn Sie gefragt werden.«
Da sagte der Einäugige: »Der Angeklagte ist doch der Autor jener bekannten Artikelserie . . . Das war doch eine schwere, langwierige Arbeit für Sie, nicht wahr?« Der Verteidiger öffnete ruckartig den Mund.
Der Staatsanwalt rief schnell: »Ich bin bereit, diese . . . Arbeiten hier verlesen zu lassen, wenn die Verteidigung glaubt, daß diese volksverhetzenden Schriften den Angeklagten entlasten können.«
Der Vorsitzende sah fragend den Verteidiger an, der den Blick senkte. Und plötzlich auf einen Papierstoß schlug: »Ich habe hier noch andere Arbeiten von ihm . . . Grandiose Dichtungen!«
Es wurde gelacht. Der Dichter errötete.
Und der Verteidiger sagte, er wolle keineswegs die Verhandlung hinausziehen durch Verlesen. »Aber ich muß darauf bestehen, daß er gearbeitet hat. Jawohl!«
Der Vorsitzende lächelte ein wenig.
»Sie hatten am Abend vor der Tat ein längeres Gespräch mit dem Angeklagten? Sagen Sie uns möglichst genau, was er gesprochen hat.«
Doktor Wiener schwieg: er hatte damals den Dichter nicht ganz verstanden.
Vorsitzender und Staatsanwalt fragten abwechselnd und wären zu keinem Resultat gelangt, wenn nicht der Dichter selbst in unmittelbarer Aufwallung dazu geholfen hätte, so daß plötzlich der Satz durch den Saal klang: »Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß er atmen dürfe, ohne unnötige Qualen.«
Sie sahen ihn erschrocken an. Und der erleichterte Doktor Wiener konnte ergänzen: »Ich hasse die Repräsentanten all derer, die das verhindern.«
Der Verteidiger las einen ähnlichen Satz aus einem Manuskript des Dichters vor, bezweckte nichts damit, denn das vom Staatsanwalt klug und schlagfertig durchgeführte Geplänkel endete mit dessen nachsichtigem Lächeln und sichtbarer Verwirrung des Offizialverteidigers.
Der Vorsitzende fragte: »Sind Sie etwa der Meinung, Lehrer Mager sei so ein Repräsentant gewesen?«
Kein Mensch im Saal konnte sich erklären, auf welche Weise der Kleine an diese Stelle gelangt war. Erschrocken sahen alle zu, wie der Dichter die Hände auf des Kleinen Kopf legte, daß die Ketten vor dessen Gesicht hingen.
Der Dichter sagte: »Ich habe da einen Zeugen, daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war. Dieses Kind wird ein Elender bleiben, sein Leben lang . . . Betrachten Sie mich als sein älteres Abbild.«
Der Kleine, mit den Ketten vor dem schneeweißen Gesicht, rührte sich nicht, bis ihn der Gerichtsdiener auf den Befehl des Vorsitzenden hin am Arme vom Dichter wegführte wie einen Gefangenen.
Im Zuschauerraum wurde es wieder ruhig, als der Vorsitzende den Dichter sachlich zurechtwies und der Staatsanwalt des Ermordeten Leben ausführlich schilderte, ihn zum Schluß einen sich aufopfernden, pflichttreuen Mann nannte.
Noch während dieser Rede hatte der Dichter die gefesselten Hände nach dem seitwärts stehenden Tischchen ausgestreckt. Und als der Staatsanwalt geendet hatte und der Dichter immer noch schwieg, mit deutenden Händen, folgte der Vorsitzende der Richtung, nahm den schon ganz verrunzelten Himbeerapfel, der beim Verhafteten gefunden worden war, vom Tisch und fragte, was damit sei.
»Der wird eine furchtbare Wirkung haben, dieser nicht geschenkte Apfel. Das ganze Erlebnis trägt das Kind im Gehirn. Und noch nach zwanzig Jahren wird es seine Handlungen mitbestimmen.«
»Sehen Sie, das können wir doch heute noch nicht kontrollieren.« Der Vorsitzende machte eine Handbewegung, als habe er dem Dichter ganz überflüssigerweise ein Geschenk gemacht. »Das hier ist nur ein Apfel . . . Weshalb haben Sie den eigentlich eingesteckt?« Seine fünf Fingerspitzen hielten den Apfel.
»Oh, den wollte ich haben!« sagte der Dichter rasch, mit sonderbar funkelnden Augen.
Im Zuschauerraum wurde gelacht.
»Als ich ihn einsteckte, dachte ich -- jetzt hat ihn der Kleine doch bekommen. Ich dachte -- jetzt habe ich das Glas Milch doch bekommen.«
Auch die Geschworenen blickten ihn fragend an.
»Das ist doch furchtbar einfach! Wenn ich zwanzig Jahre früher die Milch bekommen hätte, hätte ich mir den Apfel ja nicht zu nehmen brauchen . . . und stünde heute vielleicht nicht hier.«
»Wie denn! Wenn Sie in Ihrem Leben ein Glas Milch mehr getrunken hätten?« Der Vorsitzende lächelte den rechts von ihm sitzenden Geschworenen zu. Deren Antwortlächeln sprang auf die links Sitzenden über, bis zum Staatsanwalt. Der Einäugige sah zornig vor sich hin.
»Freilich! Dann wäre der Lehrer ein besserer Mensch gewesen und ich sicher ein besserer geworden . . . Er hat mir doch, während ich zu ihm in die Schule ging, in anderer Form viele tausend Gläser Milch verweigert. Und nicht nur er -- viele andere haben mich gedemütigt, gepeinigt und dadurch schwach und böse gemacht. Deshalb stehe ich hier. Aber ich glaube, daß vor allem der Lehrer mich für spätere Demütigungen so sehr empfänglich gemacht hat . . . Denken Sie an, wenn ich damals nicht vor dem Wirtshaus hätte stehen müssen, hätte ich vielleicht eine Woche später, als die Soldaten, anstatt mir Brot zu geben, Spülwasser über mich geschüttet haben, noch geflucht und geschimpft. So aber habe ich geschwiegen, glaubte schon, mit mir dürfe man alles machen . . . Das ist ja das Furchtbare, daß ich nicht geschimpft habe, sondern ganz still weggegangen bin.«
Wie auf Kommando bewegten alle Geschworenen gleichzeitig die Oberkörper, um sich wieder zurechtzusetzen.
Und der Vorsitzende sprach die Prügelszene in der Lehrerstube jetzt doch ausführlich durch. Unter allgemeiner Heiterkeit. Denn der größere Schüler erzählte, da aus dem zerdrückten Kleinen auch mit Güte und Väterlichkeit nicht ein Wort herauszubringen war, daß dieser Regen mit »ch« und anstatt Amen -- Ammen geschrieben habe.
Die Geschworenen lächelten und dachten an ihre Jugendzeit zurück. Gerichtshof und Zuschauer sympathisierten miteinander. Eine Weile ließ der Vorsitzende die Heiterkeit durchgehen, dann spitzte er lächelnd den Mund unterm Schnurrbart, als wolle er sagen -- wie Sie sehen, verstehe ich einen Spaß, aber dazu sind wir nicht hier; und da im Zuschauerraum auch dann noch gelacht wurde, rief er erstaunt: »Wie denn!«
Niemand verstand recht, weshalb der Einäugige sich vom Dichter noch einmal auf das genaueste die Reihenfolge der Vorgänge in der Lehrerstube darstellen ließ. Wiederholt fragte er eindringlich, ob die Tat -- sofort, nachdem die Knaben die Stube verlassen hatten, geschehen sei, oder ob der Dichter vorher noch über den Schulausflug gesprochen -- und den Lehrer dann erst umgebracht habe.
Und als der Dichter das bei immer stärker werdender Herzbeklemmung bejahte, auf die nochmalige Bitte hin, sich genau zu erinnern, wieder leise und bestimmt Ja sagte, blickte ihn der Einäugige so furchtbar ernst an, daß der Dichter während der folgenden stummen Zwiesprache mit dem Einäugigen am ganzen Körper kalt wurde.
Der Staatsanwalt notierte sich die Worte »Vorsicht! Affektmord«.
Dann betonte er kurz und klar die Harmlosigkeit der Prügelszene.
Und der Vorsitzende fragte den größeren Schüler: »Jetzt sage du uns einmal . . . hast du Angst gehabt, zu deinem Lehrer in die Schule zu gehen?«
»Ich hab gar keine gehabt.«
»Gabs viel Keile, wie?«
»Hiebe?«
Der Vorsitzende lachte. »Ja ja, Hiebe . . . Aber das macht doch einem strammen Jungen nichts aus, was?«
»Nein. No, und ich hab ja keine bekommen . . Im Kopfrechnen Eins, Rechtschreiben Eins bis Zwei, Deutscher Aufsatz . . .«
»Hast also gute Noten gehabt?«
»Deshalb hab ich ja auch immer die Hefte tragen dürfen . . . Ich hab die Notenbücher alle noch.«
»Nun, und du?«
Der Kleine wurde kreideweiß.
»Du hast doch auch keine Angst gehabt, wie?«
»Sags uns nur . . . Angst gehabt?«
Die Tränen schossen ihm in die Augen. Er schüttelte verneinend den Kopf.
»Wird schon alles noch besser werden«, sagte der Vorsitzende und lächelte den Kleinen freundlich an. »Aber ja doch!«
Er sah in die Untersuchungsakten, dem Dichter groß ins Gesicht. »Sie gaben an, Ihre Schwester habe sich ertränkt, weil Herr Lehrer Mager sie . . . nennen wir es: gequält hat. Es liegt mir daran, jetzt auch diese Sache voll und ganz aufzuklären . . . Glauben Sie, daß der Lehrer auf Ihre Familie besonders schlecht zu sprechen war?«
»Besonders? Nein. Er hat vermutlich alle Schüler, die zu ruinieren waren, ruiniert . . . Das heißt, drei oder vier ausgesprochene Prügelknaben hatte er doch, aber zu denen gehörte ich nicht einmal . . . Einen davon -- er war der Sohn eines Optikers, dick und winzig klein -- den malträtierte er so, daß Sie mir einfach nicht glauben werden, wenn ich es Ihnen beschreibe . . . Täglich, bei jeder Gelegenheit, mit dem Rohrstock auf den kurzgeschorenen, weißblonden Kugelkopf, ins rosige Gesicht, wahllos ins Gesicht! . . . Einen Bauern, der ein kleines Ferkelchen so verhaut, würde man einsperren wegen Tierquälerei.«
»Ja aber! In so einem Fall geht ein Junge doch nach Hause und sagt: Du, hör mal, Vater . . . so und so.«
Der Dichter lächelte schwach. »Gewöhnlich wagt ein Junge nicht, sich beim Vater über den Lehrer zu beklagen.«
»Und . . . was wurde aus dem Jungen?«
»Den habe ich kürzlich aufgesucht, extra aufgesucht . . . Er hat jetzt einen Schnurrbart. Das Geschäft seines verstorbenen Vaters führt er weiter, erhält seine jüngeren Geschwister. Sehr geachteter Mann . . . Ich frage ihn: Denkst du noch manchmal daran, wie dich der Lehrer behandelt hat?
>Der Lehrer Mager? Dem begegne ich öfters. Wir unterhalten uns hie und da miteinander<, sagte er und bediente dabei seine Kundschaft -- zwei Gymnasiasten, die einen Photographenapparat kaufen wollten. >Das war ein tüchtiger Lehrer. Man hat etwas bei ihm gelernt . . . Ja, ja, jetzt sind wir keine Kinder mehr. Sorgen haben wir jetzt. Nun, das Geschäft geht ja.<«
»Dem hats also nicht geschadet.«
»Nein«, sagte der Dichter lächelnd und sah dabei den blinkenden Optikerladen.
»Und Ihre Schwester . . . Glauben Sie nicht auch, daß die Sache in die Öffentlichkeit gekommen wäre, wenn die Schwester sich wegen des Lehrers ertränkt hätte? Doch sicher!«
»Ach, daß der Lehrer die Schuld haben könnte, daran dachte kein einziger Mensch in der Stadt. In einer kleinen Stadt wagt man gar nicht, an so etwas zu denken. Da ist ein Lehrer etwas so unangreifbar Hohes . . . wie er sein sollte . . . Ich selbst bin ja erst seit kurzer Zeit der Meinung, daß meine Schwester durch das Verhalten des Lehrers in den Fluß geschickt worden ist.«
»Nach allem, was wir von dieser Sache hier gehört haben, vom Angeklagten selbst gehört haben, ist er durch nichts zu dieser Meinung berechtigt«, sagte der Staatsanwalt ruhig.
Und der Vorsitzende: »Je nun, mir scheint auch, daß Sie da etwas vorschnell urteilen . . . Herr Doktor Wiener, versuchte der Angeklagte an jenem Abend auch von Ihnen Geld zu leihen?«
»Das nicht . . . Wärme.«
Der Vorsitzende sah verständnislos drein.
»Ich wollte sagen -- er ließ die Zwischentür absichtlich offen, damit aus meinem Salon Wärme in seine Kammer strömen konnte.«
Ein unterdrücktes, glucksendes Lachen ertönte.
Den Dichter streifte der Wunsch, erklären zu können, weshalb die hinterlistige Art, wie er vom Doktor Wärme genommen hatte, auch eine Folge seiner gedemütigten Jugend sei.
Und die Wirtin rief: »Die Kammer ist so klein, daß sie ganz warm wurde, wenn er nur seine Kerze brennen ließ.«
Die Zuschauer lachten offen heraus.
»Liebe Frau, nur wenn Sie gefragt werden!«
Das Lachen steigerte sich.
Und der Vorsitzende ließ noch einmal den Saal nicht räumen.
Doktor Wiener antwortete zögernd: »Doch, er gebrauchte auch das Wort >Anpumpen<.«
Der Vorsitzende fragte den Dichter: »Sie hatten also an jenem Abend gar kein Geld?«
Der Staatsanwalt stellte das ausdrücklich fest.
»Und da gingen Sie zu diesem . . . Mädchen.«
Da der Vorsitzende während der Vernehmung des Straßenmädchens die Zuschauer draußen haben wollte, erklärte der Verteidiger, daß volle Öffentlichkeit im Interesse des Dichters liege.
Der Staatsanwalt dachte, da hat er wo etwas aufgeschnappt.
Die Zuschauer mußten hinaus.
Das Straßenmädchen erwiderte: »Ich hatte gerade selbst kein Geld.«
»Bedrohte er Sie, als Sie ihm nichts gaben?«
»Und wieso gaben Sie ihm dann doch?«
»Ich bat ihn, im Nebenzimmer zu warten.«
Unter steigender Erregung der Geschworenen mußte das Mädchen den Hergang mit allen Einzelheiten erzählen, wobei der Dichter einem Blick seines Verteidigers begegnete und dachte: er verachtet mich, wie kann er mich da verteidigen.
Und als das Mädchen unvermittelt gefragt wurde, wie lange der Dichter ihr schon Zuhälterdienste leiste, glaubte er, zum ersten Male ganz hoffnungslos, es werde ihm unmöglich sein, den Ring, den Vorsitzender und Staatsanwalt um ihn zogen, zu sprengen.
Auch einige Geschworene fragten das Mädchen.
Bis sie endlich verwirrt sagte: »Er ist doch kein Zuhälter«, und an der ganzen Geschworenenreihe staunend entlang blickte.