Die Ursache: Erzählung

Part 2

Chapter 23,692 wordsPublic domain

Er hatte die Kaffeemühle aufgehoben und drehte beim Sprechen. »Die Herren des Lebens könnten sich sagen: die Unterdrückten haben Augen wie wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das Leben zu genießen.«

»Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . .« »Ich hab ihn nicht!« Er ließ die Kaffeemühle senkrecht auf den Wäschehaufen fallen und sah den Doktor an.

». . . muß Ihnen doch sagen, daß ein gebildeter Mensch feiner organisiert ist und demzufolge andere Bedürfnisse hat als . . . unsere Wirtin.«

»Hn? . . . Das Genußverhältnis darf sich differenzieren zwischen Ästhet und Klosettreiniger? . . . Der Herr und Ästhet des Lebens ist ein unästhetischer Verräter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergißt, daß auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das müßte die Minderheit eigentlich demütig machen, wie?«

»Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenüber.«

»Ach nein, ich bin ganz einfach.«

Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die Hüfte. »Wie wollen Sie denn dem Tüchtigen und Glücklichen, der ein sorgenloses Leben führt, klarmachen, daß er nicht viel mehr wert ist als der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler.« Seine Finger zappelten über dem Kopfe. »Nein nein nein! Das Leben ist anders.«

Der Dichter schwieg.

Der Doktor sagte: »Hier ists fürchterlich kalt«, und zog fröstelnd seinen Hausrock über der Brust zusammen. »Trinken Sie einen Kognak bei mir.«

Da sah der Dichter mit einem Blick von Berlin in seine Heimatstadt -- dem Lehrer Mager direkt ins Gesicht. Und der Doktor sah die starren Augen des Dichters an, die nicht mehr in der Kammer waren.

»Kommen Sie mit hinüber.«

»Einen Likör?«

»Ja, oder alten Kognak.«

Die Augen kehrten zurück in die Kammer zum Doktor. Der Dichter schauerte zusammen.

Und als er dem Doktor in den durchwärmten, eleganten Salon folgte, blieb er im Türrahmen stehen, damit die Wärme in die kalte Kammer ströme.

»Schließen Sie, es geht kalt herein.«

Der Dichter öffnete die Tür ganz, ging sehr langsam zum Wäschehaufen zurück und tat, als suche er etwas.

Die Kammer füllte sich rasch mit Wärme.

»Wissen Sie,« sagte er und blieb wieder in der offenen Tür stehen, »Ihr warmer Salon und meine kalte Kammer illustrieren gut das Besprochene.«

»Aber machen Sie nur schon endlich zu!«

»Ich sagte Ihnen ja, daß wir beide schmutzig sind . . . Ich mache allerhand kleine Schweinereien -- schinde Wärme; und Sie geben freiwillig keine ab.« Er schloß die Tür.

»Ach deshalb! Bitte, öffnen Sie doch, ich nehme eine Decke um«, sagte der Doktor und machte ein abweisendes Gesicht.

Die Stimme des Dichters wurde immer stärker. »Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß der Planet ihn ernähre . . . Ich hasse die Repräsentanten all derer, die das verhindern.«

Da habe ich mir etwas aufgeladen, dachte der Doktor und sagte unfreundlich: »Na na, nicht so laut!« Er zündete das Nachtlicht an. »Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, daß es Unterdrückte und Unterdrücker geben muß. So ist das Leben . . . Trinken Sie doch Ihren Kognak!« Er machte weitere Vorbereitungen zum Schlafengehen.

Und der Dichter hielt sich für hinausgeworfen. Er sagte gedemütigt: »Arbeiten muß ich auch noch heute«, verließ hastig das Zimmer und schloß die Tür.

»Ah, Sie wollen schon gehen, schade.«

»Hat er wieder über mich verfügt.« Starr blickte der Dichter auf den Wäschehaufen. Und während er den Zettel entfaltete, den die Wirtin auf den Muschelschreibtisch gelegt hatte, flüsterte er: »Gegen Doktor Wieners kommen wir nicht auf, kommen wir nicht auf, nie auf . . . wenn wir etwas von ihnen brauchen.«

Wie immer nach solchen Erlebnissen, schien es ihm unmöglich zu sein, Würde in sein Leben zu bringen, und der Ekel vor sich selbst versetzte ihn in letzte Hoffnungslosigkeit.

»Wenn Sie nicht bezahlen, müssen Sie morgen ausziehen. Herr Doktor Wiener hat sowieso die Kammer mitgemietet«, schrieb die Wirtin.

Vor Hunger begann sein Magen wieder zu schmerzen. Es wurde ihm übel vom Geruch der alten Wäsche; er schob sie unters Bett.

Beim Schein zweier Kerzenstummeln versuchte er zu arbeiten.

Der Wunsch nach des Doktors Kognak quälte ihn. Während er schrieb, beschäftigte ihn ununterbrochen die Frage, von wem er etwas Geld bekommen könne für die Miete. Es fiel ihm nur das Straßenmädchen ein, das er einmal kennen gelernt hatte.

Ohne daß er sich dessen bewußt geworden war, hatte er auf den Manuskriptrand geschrieben: Kann denn ein Mensch sich von einer Hure Geld geben lassen? Hurengeld. Nachtgeld. Beinegeld. Schoßgeld. Männer, Männer -- Schweinegeld . . . von den guten Mädchen?

»Geben würde sie es mir . . . Sie ist ja ein gutes Luder.«

»Wie wohl der gesunde Menschenverstand darüber denkt«, flüsterte der Dichter und trat zur verschlossenen Tür. »Herr Doktor! Hören Sie! Herr Doktor! . . . Glauben Sie, daß ein Mann, der noch etwas auf sich hält, von einer Hure Geld annehmen kann?«

Der Doktor fuhr im knarrenden Bett in die Höhe und schrie erschrocken: »Hallo! . . . Ist wer da!«

»Glauben Sie, daß ein anständiger Mensch sich von einer Hure Geld schenken lassen kann?«

»Von einer . . . was?«

»Hure!«

»Hören Sie, eigentlich schlafe ich schon.«

»Man könnte sich ja sagen: schließlich hat auch die Hure Augen!« schrie der Dichter.

»Gott, mag der Kerl sich meinetwegen aushalten lassen«, rief der Doktor ärgerlich. »Das ist ja nichts Neues.«

Und der Dichter flüsterte: »Dann würden wir eben einander wert sein, meint er . . . Für den gesunden Menschenverstand ist die Lösung einfach. Aber ich, aber wir, wir, wir alle, wir betteln noch lieber die Hure an als den gesunden Menschenverstand.«

Automatisch griff er nach Mantel und Hut und verließ das Haus.

Es war gegen zwölf Uhr nachts. Der Kurfürstendamm war fast menschenleer und unwirklich hell vom Schnee.

Der Dichter sah auf den Bettler, der, gegen die Gartenmauer gelehnt, im Schnee saß und eintönig die Ziehharmonika spielte.

Ein überelegant gekleidetes Straßenmädchen warf ein Geldstück in den Hut des Bettlers, der sein Spiel unterbrach und ein anderes Lied zu spielen begann:

Die Liiiiiebe ist das Schönste, Das Schönste auf der Welt.

Das Straßenmädchen blieb stehen, schimpfte wütend zum Bettler zurück.

»Weshalb verhöhnen sie denn Ihre Wohltäterin mit diesem Liede?« fragte der Dichter.

Und der Blinde richtete die leeren Augenhöhlen fragend in die Höhe.

Ein vages Glücksgefühl ergriff den Dichter. »Das Schööööönste auf der Welt«, sang die Ziehharmonika. Und als er das elegante Mädchen eingeholt hatte, sagte er: »Sie, er ist blind.«

Das gewohnheitsmäßige Anbietungslächeln erschien auf ihrem gepuderten Gesicht.

»Wir haben uns getäuscht, er ist blind«, sagte er eindringlich. »So etwas macht der nicht. Der gehört ja zu uns.«

Lächelnd nahm er sie bei der Hand und scherzte: »Der gesunde Menschenverstand brächte das fertig. Glauben Sie nicht?«

Sie begann, ihn abschätzend zu mustern.

Da ging er schnell davon, bis zum Platz, wo das ihm bekannte Straßenmädchen wohnte. Aus dem Nachtcafé unten im Hause klang die neueste Operettenmelodie.

Sie öffnete selbst. Ihr weißseidener Schlafrock stand vorne offen. Und als sie den Dichter erkannte, fuhr sie ungeniert fort, prüfend ihre linke Brustwarze zu drücken. »Seit einer Woche habe ich Schmerzen. Sehen Sie . . . den blauen Fleck.«

Er versuchte zu scherzen: »Was haben Sie denn da wieder angestellt?«

»Das hab doch ich nicht angestellt.« Lachend zog sie ihn ins rote Zimmer. Auch die Ampel war rot. Und das unberührte rote Himmelbett war geöffnet.

Plötzlich lag sie wie eine müde Katze zusammengerollt auf der Ottomane. Ihre Kniekehlen ruhten im Ellbogengelenk. »Das macht der immer.«

»Was?«

»Mit meiner Brust . . . Und danach verlangt er immer etwas ganz Unglaubliches von mir . . . Meinetwegen.«

Der Dichter sah in die Ecke. -- Und da will ich Geld von ihr verlangen. »Es gibt Sachen, die unmöglich sind.«

»Gott, nein.«

»Was! Hab ich etwas gesagt?«

Sie lag noch immer reglos.

Der Dichter kannte ihre Geschichte. Vor einigen Monaten hatte er sie total betrunken auf der Straße gefunden. Sie war von ihren Eltern fortgejagt worden, weil ein Reichstagsabgeordneter sie verführt und sie sich geweigert hatte, ihn als den Vater ihres Kindes zu nennen. Der Dichter wußte, daß der Abgeordnete weiter in ihrem Elternhause verkehrte.

»Das Instrument wickelt er dann immer in ein Beinkleid seiner Schwester . . . Und mir legt er zwanzig Mark auf den Tisch.«

»Wer?«

»Der Abgeordnete.«

»Der . . . kommt noch zu Ihnen?«

»Warum nicht?!«

Und dabei rührt sie sich nicht, dachte der Dichter entsetzt. »Aber wirklich, nicht aus Neugierde. Wie alt waren Sie . . . damals?«

»Ich? Sechzehn.«

Der Dichter sagte plötzlich: »Soll ich Sie heiraten?«

»Und ich wußte damals gar nichts von diesen Sachen. Wahrhaftig, ich lüge nicht.«

Sie hälts für so unmöglich, daß sie glaubt, ich hätte gescherzt, dachte er.

Und wußte plötzlich mit seinen Händen nichts anzufangen. Es war, wie wenn sie nicht zu ihm gehörten, als er sagte: »Ich brauche sehr notwendig zwanzig Mark. Können Sie mir die vielleicht geben? . . . Aber ich habe nicht gescherzt, vorhin. Wirklich nicht.«

Da stand sie auf.

Und der Dichter sah befangen in ihr erstauntes Gesicht, das aber sofort den Ausdruck automatischer Lustigkeit annahm. Lachend sagte sie: »Ich habe momentan gar nichts.«

Er ließ die Hände sinken. Sein Gesicht verschloß sich. »Darf ich?« sagte er, griff nach der Zigarette und dachte gequält -- jetzt glaubt sie dasselbe wie der gesunde Menschenverstand.

Es klopfte -- die Wirtin streckte den behaubten Kopf herein. »Es kommt ein Herr.« Sie schloß die Tür leise wieder.

Sichtbar stieg dem Mädchen das Blut in die Wangen, als sie den Dichter ansah.

Der lächelte unnatürlich.

»Gehen Sie ins Nebenzimmer . . . Ich kann Ihnen das Geld dann gleich geben.« Dabei sah sie ihm gerade auf die Augen, ohne ihm in die Augen zu sehen.

Schon eine lange Minute stand er im Nebenzimmer, als ein sehr großer, brünetter Herr im Frack zum Mädchen ins rote Zimmer trat. Er schwankte kaum bemerkbar. Auffallend an ihm war, daß sein linkes Auge fast um einen Zentimeter tiefer im Gesicht stand als das rechte. Das Klirren des für ihn bestimmten Geldes riß dem Dichter die Luft aus den Lungen.

Dann hörte er das heftige Armen im roten Zimmer und preßte die Fäuste an die Schläfen. Er rührte sich nicht mehr.

Bis das Mädchen die Tür öffnete.

Äußerlich und innerlich zerwühlt, stierte er auf das verwühlte Himmelbett.

Das Mädchen wusch sich die Hände.

-- Ich nehme das Geld nicht. Ich brauche es gar nicht. Es war nur ein Scherz -- wollte er sagen.

»Hier«, sagte sie, während sie die Hände trocknete. »Sie zwanzig . . . ich zwanzig«, und schob ihm das Goldstück hin.

Da sank ihm die Unterlippe schlaff herab. Alles an ihm wurde schlaff. Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer.

Ohne Widerstand zu leisten, ließ er sich direkt zum Bahnhof gehen, um wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknäuel seiner Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen Selbstbewußtseins, seines ruinierten Lebens zu finden sein müßten.

In der Eisenbahn träumte er: ein gewaltiger Zug junger Menschen zieht gleich ihm nach den verhaßten Heimatstädten, die Kindheit zu durchforschen nach dem Messer, das ihnen allen die Sehne der Kraft durchschnitten hat.

3

Um acht Uhr früh kam er an, verstört, mit brennenden Augenlidern.

Morgennebel und Dämmerung hingen noch in den Gassen. Der Dichter sah nach Osten, wo zart und strebend die Morgenröte stand.

Geradeswegs ging er in die Lochgasse. Der Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt und alles andere verdrängt: Lehrer Mager müsse sein Unrecht einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das würde ihm die Kraft zur Reinigung geben, zu einem neuen, rückgratvollen Leben.

Und als er die steile, muffige Treppe hinaufstieg, erlebte er die Versöhnung im voraus; er dachte, der Lehrer, der schon damals erwachsene Söhne gehabt hatte, werde jetzt ein weißhaariger, gebeugter Mann mit der Einsicht und Güte des Alters sein, mit dem sich auszusöhnen leicht fallen müsse.

Die alte Wirtschafterin ließ ihn ins niedere, mit geerbten Familienmöbeln vollgestopfte Arbeitszimmer eintreten.

Und der Dichter blickte entgeistert zum Lehrer hin, der am Schreibtisch stand, aufrecht wie ein Pfosten, zäh, mit noch dunkelrotem Haarkranz: vollkommen unverändert.

Die Mundwinkel voller Wut und hämisch in die Wangen zurückgezogen, las er den Aufsatz eines Schülers. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei Stöße blauer Schulhefte, korrigierte und unkorrigierte.

Der Dichter stand im Dunkel an der Tür. Der Lehrer hatte ihn noch nicht bemerkt. Er setzte sich und korrigierte mit roter Tinte den Aufsatz, wobei sein Gesicht in dem Gemisch von Wut und hämischer Freude erstarrt blieb, vom Schein der Petroleumlampe getroffen.

»Der Teufel. Der Teufel.«

»Wie? . . . Sind Sie schon zurück, Josephine?«

»Ich wollte Sie einmal besuchen«, flüsterte der Dichter sehr leise. Er zitterte am ganzen Körper so stark, daß auf dem Biedermeiertisch, an dem er sich festhalten mußte, die bemalte Kaffeekanne schepperte.

Der Lehrer klappte das korrigierte Heft entschlossen auf den Stoß.

Jetzt bemerkte er den fremden Menschen in seinem Zimmer. Der Schreck riß ihn vom Stuhl auf in halbe Kniebeuge. ». . . Wer! Wer sind Sie! . . . Was wollen Sie denn hier!«

»Ich bin ein früherer Schüler von Ihnen. Sie waren mein Lehrer. Ich heiße Anton Seiler.«

»Seiler? . . . Seiler? Haben Sie gestottert in der Schule?«

Eine Blutwelle verdunkelte dem Dichter den Blick.

Und als er wieder sehen konnte, bemerkte er am schrecklichen Lächeln des Lehrers, daß dieser sich erinnerte. Am selben Lächeln, mit dem der Lehrer, wenn der Dichter stotternd stecken geblieben war, ihn der ganzen, belustigten Klasse ausgeliefert hatte.

Der wird mich nicht um Entschuldigung bitten, sagte der Dichter zu sich. Und glaubte körperlich zu fühlen, wie in seinem Innern die letzte Möglichkeit zur Rettung erlosch. Da stand er wie ein Schulknabe, in kraftlosem Haß.

Die Haushälterin kam und reichte dem Lehrer einen Hundertmarkschein: »Der Bäcker kann ihn auch nicht wechseln.«

Zwei Schulknaben waren hinter ihr eingetreten. Sie blieben an der Tür stehen.

»Guten Morgen, Herr Lehrer, wir wollen die Hefte abholen«, sagte der Größere, schulmäßig singend.

Und der Kleine, der neben dem andern nur bis zur Brust reichte, nahm, unter dem starren Blick des Lehrers errötend, erst jetzt die Mütze ab. Langsam zog der Lehrer den Blick zurück. »Einen Moment«, sagte er zum Dichter.

Vorsichtig, und mit allen Sinnen aufnehmend, begann der Kleine sich umzusehen; er war zum ersten Male bei seinem Lehrer in der Stube.

Wie wenn er sich als Knaben erblickte, sah der Dichter mit tiefer, schmerzlicher Rührung den Kleinen an, die Augen, denen Angst den Blick bestimmte, den schon vom Leid gezeichneten Mund, die zartmodellierte, schneeweiße Kinderstirn.

Da lächelte der Kleine zum Dichter hin; augenblicklich verschwand das Lächeln, als der Lehrer sich bewegte.

Und der Dichter hatte das bestimmte Gefühl, daß die Seele gelächelt hatte und in Schrecken erstarrt war.

Das Kratzen der Feder verschärfte die drückende Stille.

Der größere Junge empfand sie nicht; er schneuzte sich laut und stand dabei fest und sicher auf seinen nach innen gerichteten Füßen.

Der Lehrer erhob sich, ebnete den Heftestoß, stellte ihn senkrecht. Der große Schüler warf seine Mütze resolut unter die Achselhöhle und trat aus dem Dunkel in den Lichtkreis. Zögernd und sehnsüchtig näherte sich auch der Kleine.

Aus der Schreibtischlade nahm der Lehrer zwei Himbeeräpfel, gab einen dem großen Schüler. Und als er den Kleinen erkannte, entstand in seinem Gesicht wirkliches Staunen, das langsam zum hämischen Lächeln wurde. »Ah . . . der Weigand kommt, die Hefte holen?«

Energisch legte er den zweiten Apfel wieder in die Schreibtischlade zurück, suchte das eben korrigierte Aufsatzheft des Kleinen aus dem Stoß heraus. »Da geh mal her!«

Das Herz des Dichters begann rasend zu klopfen.

»Du . . . schämst dich also nicht, auch noch zu mir zu kommen?«

Der Kleine verschluckte den Speichel.

Sein mit roter Korrigiertinte verschmiertes Heft lag geöffnet auf dem Schreibtisch. Wortlos blickte der Lehrer einige Male vom Heft zum Schüler, streckte die gekrümmte Hand aus. Sein Blick zwang den Kleinen, das Ohr der Hand entgegenzuneigen.

Mit einem Ruck zerrte er den Schülerkopf zum Heft und stieß des Kleinen Gesicht darauf.

Vorgebeugt blickte der Dichter auf diese Szene seiner Jugend, eiskalt, als wäre sein Leben in des Kleinen Körper übergegangen.

Immerzu stieß der Lehrer des Schülers Gesicht aufs Heft und rief dabei: »Regen mit ch! Essen mit ß! Keule mit äu! Und mit zwei mm schreibst du Amen? Amen!«

Er schleuderte ihn zur Wand. Der Kopf schlug gegen die Türvertäfelung. Der Kleine richtete sich wimmernd auf. Sein furchtbares, leises Weinen klang in die Stille. Der größere Schüler stand ruhig wie ein Soldat.

Und des Lehrers glühendes Gesicht bebte. »Du Frechling wagst es, zu mir zu kommen? . . . Antworte!«

»Antworte!«

»Ich wollte auch einmal die Hefte tragen.« Das Schluchzen verschlug ihm die Stimme.

Wütend rieb der Lehrer mit dem Siegelring an seinem Finger des Kleinen Stirn: »Was . . . hast du . . . denn da . . . drinnen!«

Der Dichter saß wie eine Leiche und starrte in kaltem Entsetzen auf das rote Malzeichen, das auf der schneeweißen Kinderstirn leuchtend hervortrat.

»Das Mal, das Mal auf seiner Stirn wird nie mehr vergehen. Sie haben ihn gezeichnet«, sagte der Dichter tonlos und laut. »Und wenn es verschwindet, äußerlich, dann ist es ihm ins Gehirn getreten . . . und der Gezeichnete trägt das Mal in der Seele, sein Leben lang.«

Da begann neben dem Hause dröhnend und gewaltig die Kirchenturmglocke zu läuten. Die Stube erzitterte. Der Kleine stand mit ausgebreiteten Armen, eine Hand fluchtbereit am Türdrücker, die Augen entsetzt offen, wie ein Gekreuzigter an die Wand gepreßt. Die Striemen leuchteten auf seiner Stirn. Alle vier standen.

Der Lehrer klappte das Lineal auf den Schreibtisch. Der größere Schüler packte den Stoß Hefte energischer.

Und als die Knaben gegangen waren, sagte der Lehrer:

»Den ganzen Tag Ärger in der Schule und in den wohlverdienten Ruhestunden den Lümmeln die Fehler korrigieren!« Er setzte sich und sah den Dichter an.

»Was sagen Sie dazu?«

Die Kirchenglocke schlug noch einige Male an und verklang.

»Wie viele Knaben haben Sie gezeichnet ins Leben geschickt?«

»Wie denn, gezeichnet? . . . Ich unterrichte seit fünfundvierzig Jahren. Es sind viele, viele, die ich vorbereitet habe fürs Leben. Und wenig Dank! Glauben Sie mir.« Seine beiden Hände fuhren wühlend in der Schreibtischlade herum.

»Erinnern Sie sich noch«, der Dichter sprach ganz langsam, »an einen Schulausflug in den Gutenbergerwald . . . Da war ein Schüler wild und fröhlich.«

»Durch den Laubwald nach Reichenberg?«

»Stieg auf Bäume, lachte und sang.«

»Damals, als ich der Klasse die Hünengräber im Walde zeigte und erklärte.«

»Der Schüler war ich.«

»Und Sie waren sonst immer so verkrümpelt und still. Ich entsinne mich.«

»Und im Wald plötzlich so wunderbar glücklich und wild.«

Der Lehrer bemerkte den Mörderblick des Dichters nicht.

»Und als wir zum Wirtshaus kamen . . . ließen Sie mich nicht mit hineingehen, weil ich die zehn Pfennige nicht hatte, um ein Glas Milch kaufen zu können.«

»Ja, zu laut und ungebärdig waren Sie im Wald.«

»Ich mußte vor dem Wirtshaus stehen bleiben, am Zaun.«

»Richtig, noch dazu waren Sie der einzige, der kein Geld hatte.«

»Diese Demütigung vor allen Schulkameraden traf mich damals ins Herz.«

Der Lehrer sah abweisend dem Dichter in die furchtbaren Augen.

»Ich war vorher so fröhlich gewesen . . . Und trage vielleicht seitdem das Mal . . . das Mal!!« erhob sich die Stimme des Dichters, und langsam erhob sich auch der Körper vom Stuhle, »das glühende Mal in . . . meiner . . . Seele!« Die ganze Kraft seines Körpers ging in des Dichters würggespreizte Hände über, die dem zur Wand zurückweichenden Lehrer folgten.

-- -- -- Der Adamsapfel glitschte noch einmal unter des Dichters Daumen weg, eine Sekunde lang lockerten sich die Würghände -- dann drückten die Daumen den Adamsapfel tief in den Hals hinein.

Die ächzenden ä- und e-Laute verebbten.

Solange der Körper an der Wand zu Boden glitt, ließ der Dichter die Hände am Hals des Toten.

Als er sich aufrichtete, sah er in der verwühlten Schreibtischlade den Himbeerapfel liegen, den der Kleine nicht bekommen hatte. Ein irrsinniges Lächeln der Befriedigung entstellte des Dichters Gesicht, als er den Apfel nahm und einsteckte.

Da erblickte er den Hundertmarkschein.

Und hatte momentan eine Vision -- vom Mittelpunkt eines fernen Landes reichte bis zu ihm ein gewaltig auseinandergezogenes Gummiseil, das er sich um den Leib knüpfte, worauf das Gummiseil mit ihm, über Städte und Meer, durch die Luft ins fremde Land zurückschnellte.

Da nahm er den Hundertmarkschein und steckte ihn ein. Den Blick in eine unwirkliche Ferne gerichtet, ging er gefühllos und bereit aus der Stube.

Der Gottesdienst war aus. Die Kirchenglocken läuteten zusammen. Viele vermummte Menschen verließen die Kirche und punktierten schwarz die Schneefläche des Marktplatzes.

Der Dichter blieb stehen, schlenkerte die Hände, als wolle er den Mord abschütteln, ging ein paar Schritte, schlenkerte wieder die Hände.

Und hielt beim Weitergehen die Arme steifgebogen von sich weg.

Seine Hand zuckte zurück vom Klingelzug der Elternwohnung, so daß nur ein Glockenton erklang.

»Jesus! . . . Du bists.« Die Mutter lief schnell voraus ins Zimmer und warf die Decke übers ungemachte Bett.

Die Atmosphäre der Elternwohnung schlug ihn vollends nieder.

»Hn?« machte er wie ein Betrunkener und ließ die Hände von den zur Brust hochgenommenen Armen gleich Seehundsflossen kraftlos hängen.

»Kind! was ist denn!«

»Hn?« Den Mund schlaff offen, sah er blöd umher.

Bis die kleine Mutter ihm in den Blick kam. Da schrie er mit biblisch furchtbarem Entsetzen der Mutter zu: »Mutter! Ich hab ihn umgebracht!« Und flüchtete, vom Teufel verfolgt, wild brüllend aus dem Zimmer.

Wie ein Kind führte sie ihn an der Hand wieder zurück. »Was machst du mir für Sachen! Du mußt ins Bett. Bist ja krank . . . Ich mach dir kalte Umschläge.« Geschäftig lief sie zum Bett.

»Mutter, ich hab den Lehrer umgebracht«, sagte er automatisch. »Halts aus.«

Da sah sie es ihm vom Gesicht ab und warf die Hände in den Nacken. Ihr erster Schrei war kurz, wortlos. Aus den folgenden Schreien hörte er die immer wiederkehrenden Worte: »Sag nein! Sag nein!«

»Nein«, sagte er, und ein Engel gab ihm ein Lächeln dazu. »Nein, Mutter.« Und als er ihren zuckenden Körper umfangen hielt, ihren Scheitel streichelte und dabei über ihn wegsah, rang er sich die letzte Kraft ab, um die Worte sagen zu können: »Es war nur ein Scherz.«

»Mütterchen«, sang er zart, und in seinem Gesicht arbeitete Qual gegen Lächeln.

»Warum hast du mir diesen Schrecken eingejagt? Und ich dumme Frau hab dir geglaubt . . . Jetzt, jetzt, jetzt mußt du was essen.« Sie huschte in die Küche.

Und er lautlos aus der Wohnung und, von der Straßenmitte weg, dicht an den Häuschen entlang.

»Aber ausgesehen hast du, wie wenns wirklich wahr wär«, rief sie aus der Küche. Und trat, in der Hand den mehlbestaubten Kochlöffel, ins Zimmer. »Weißt du, so bin ich in meinem ganzen Leben nicht erschrocken«, sagte sie lächelnd. Und richtete den Blick suchend ins Leere.

Während der Dichter vor dem Postamt stand.

Die Welt hatte sich für ihn vollkommen verändert. Sein bisheriges Leben war scheinbar von ihm fortgezogen. Es war ihm, als stünde er plötzlich auf der anderen Seite des Planeten. Schwere, ganz neuartige Gefühlsklumpen waren in ihm entstanden, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte.