Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835

Part 9

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Dass mit diesen und den übrigen hier nicht namentlich aufgeführten Schenkungen die Ansprüche an die unserer Kunstsammlung zu Gebote stehenden Räumlichkeiten stets höhere werden mussten, liegt auf der Hand. Bereits heute, nachdem seit Eröffnung des Museums 36 Jahre verflossen sind, ist bis auf das Treppenhaus hinaus jeder verfügbare Platz ausgenützt. Mit um so grösserer Befriedigung darf dem Augenblick entgegengesehen werden, da nach Erstellung einer besondern Skulpturhalle der geräumige zweite Oberlichtsaal, der heute noch die antiken Gipsabgüsse beherbergt, für die Kunstsammlung sich öffnen wird. Wenn während nahezu zweihundert Jahren unsere Sammlung in der alten Mücke sich konnte genügen lassen, heute aber bereits die Räume, die im neuen Museum ihr zugedacht waren, zu enge geworden sind, so mag diese Thatsache schon es bezeugen, wie fruchtbar die letzten fünfzig Jahre für ihre Entwicklung und gewiss nicht minder für die Förderung des Kunstsinnes in den weitesten Kreisen unserer Stadt gewesen sind. Möge denn die Sammlung mit unserer alma mater als deren »sonderbares Kleinod« auch in Zukunft weiter wachsen und gedeihen!

Emanuel LaRoche, Konservator der Kunstsammlung.

3. Antiquarische Sammlung.

Bis zum Jahre 1835 und von da noch weitere vierzehn Jahre war die antiquarische Sammlung zusammen mit der Kunstsammlung, und ohne eigentlich von ihr getrennt zu sein, im Hause zur Mücke aufgestellt, und bildete, was die Verwaltung betrifft, einen blossen Annex der öffentlichen Bibliothek. Sie enthielt ihrem wesentlichen Bestande nach die Antiquitäten des Amerbachischen Kabinets, aus dem sie erwachsen war (1661), die Bruckner'sche Sammlung von vaterländischen Alterthümern (1778) und die einschlägigen Sachen des Fäschischen Kabinets (1823); ausserdem die im Jahre 1815 angekaufte Falkeysen'sche Sammlung von Basler Münzen.

In dem Zeitraum von 1835 bis zur Erbauung des Museums (1849) fanden keinerlei Veränderungen statt. Doch erfolgte noch in den vierziger Jahren von Seite der Erben des Herrn _Lucas Vischer_ die grossartige Schenkung der von diesem in Mexico gesammelten Alterthümer, welche dann freilich erst ein paar Jahre später aufgestellt werden konnten. In dem 1849 bezogenen Neubau des Museums wurden der antiquarischen Sammlung die beiden an die Gemäldegallerie anstossenden Zimmer angewiesen, das zur Linken der schon bisher bestehenden Sammlung auf der Mücke, welcher jetzt auch der Kirchenschatz des Münsters (vorher im Rathhaus), sowie die Erwerbungen der antiquarischen Gesellschaft hinzugefügt wurden; das zur Rechten dem mexicanischen Kabinet. Die Gegenstände des letzteren wurden in gefälliger, aber nicht gerade zweckmässiger Weise auf eine in der Mitte des Zimmers errichtete treppenfönnige Pyramide (gleichsam ein mexicanisches Teocalli) geordnet.

Mit der Aufstellung im neuen Local war zugleich die Anlegung einer Sammlung von Gipsabgüssen verbunden, worauf schon beim Entwurf des Baues (Antikensaal mit Oberlicht) Rücksicht genommen war. Die zur Anschaffung der Abgüsse nöthigen Gelder stellte der neugegründete Museumsverein unter Vorbehalt des Eigenthumsrechtes zur Verfügung, so dass bald nach der Uebertragung der Sammlungen ins Museum auch der Antikensaal mit über 30 Hauptwerken (14 Statuen, 9 Köpfen und 8 Reliefs) dekoriert war.

Jetzt erst, nachdem für eine angemessene Aufstellung gesorgt war, konnte das Interesse des Publikums für die Sammlung geweckt und an eine nutzbringende Verwaltung derselben gedacht werden. Diese Verwaltung war in die Hände des Herrn Prof. W. _Vischer_, Vater, gelegt, der von da an bis zu seinem Tode 25 Jahre lang (1849-74) mit seltener Umsicht und Hingebung der Kommission für die antiquarische Abtheilung des Museums vorstand. Aus der unten folgenden Uebersicht über die hauptsächlichsten Erwerbungen und Schenkungen lässt sich am besten erkennen, was für eine gedeihliche Entwicklung die Sammlung unter seiner Leitung nahm. Doch muss zur richtigen Beurtheilung noch zweierlei vorausgeschickt werden.

Einmal machte sich sehr bald, speziell bei Anlass der Münsterrestauration im Anfange der fünfziger Jahre, das Bestreben geltend, neben der bisher vorwiegenden Berücksichtigung des römischen Alterthums auch mittelalterliche Kunstwerke in die Sammlung aufzunehmen. Die grosse Zahl und der Umfang der sich darbietenden Gegenstände machten es nöthig, einen besonderen Raum ausserhalb des Museums für sie zu schaffen. So entstand 1855-57 die mittelalterliche Sammlung im Conciliumssaal, die sich dann in kurzer Zeit aus einer Filiale der antiquarischen zu einer selbstständigen und ebenbürtigen Schwester derselben entwickelte. Die Erwerbungen der antiquarischen Sammlung dagegen blieben fortan der Hauptsache nach auf das vorchristliche Alterthum beschränkt.

Sodann wurde im weiteren Verlauf der fünfziger Jahre in der Kommission die Frage erörtert, ob es nicht am Platze sei, das Augenmerk auch auf die stets sich mehrenden Funde von Pfahlbauten zu richten, eine Frage, welche nach der Dietrich'schen Schenkung ähnlicher mexicanischer Alterthümer im Jahre 1857 kaum mehr anders als in bejahendem Sinne entschieden werden konnte. Während daher einerseits das Mittelalter und die Renaissance für die Zukunft ausgeschieden, bezw. einer besonderen Sammlung überlassen wurden, kam andrerseits zum griechisch-römischen Alterthum noch das prähistorische hinzu, und auch diesem hat der damalige Vorsteher eine geraume Zeit sein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Erst nach seinem Tode ist zu Gunsten der anderen Abtheilungen, um die finanziellen Kräfte nicht gar zu sehr zu zersplittern, auf fernere Ankäufe solcher Gegenstände verzichtet worden.

Die Erwerbungen vertheilen sich daher auf mindestens fünf verschiedene Kategorien (griechisch-römische Alterthümer, Münzen, Gipsabgüsse, Pfahlbauten, Ethnographisches), und zwar in chronologischer Aufzählung wie folgt:

1851. Münzfund von Reichenstein (2599 römische Münzen von Gordian III. bis Carinus, darunter besonders viele des Probus).

1852. Ankauf der Horner-Müller'schen Vasen aus Unteritalien (44 Stück).

1855. Ankauf eines Theils der Fueter'schen Münzsammlung in Bern (257 Schweizermünzen).

1857. Schenkung des Herrn Dr. _Dietrich_ von nordamerikanischen Steinalterthümern (ca. 1000 Stück Waffen und Werkzeuge verschiedener Art).

1858. Ankauf der Schmid'schen Sammlung von Augst (Münzen, Inschriften, architektonische Ueberreste, Bildwerke von Bronze, Stein und Terracotta, Waffen und Geräthe von Augusta Rauracorum, Gräberfunde von Kaiseraugst).

1859. Erste Ankäufe von Pfahlbautenalterthümern (aus Moosseedorf, Pfäffikon und Biel).

1862. Schenkung des Herrn Prof. _Aeby_ von Steinwerkzeugen und Waffen aus Dänemark.

1864. Schenkung von 141 modernen Silbermünzen (darunter 97 napoleonische Medaillen) durch Hrn. _Hoffmann-Burckhardt_. -- Schenkung des Herrn _Ad. Krayer_ (ethnographisch interessante Gegenstände aus China).

1865. Schenkung des Herrn _Ad. Vischer_ (212 chinesische Münzen).

1866 u. 67. Schenkung westafrikanischer Gegenstände durch die Herren J.Fr. und E. _Vest_ aus Gorea.

1868. Ankauf von 151 griechischen Münzdoubletten aus der Imhoof'schen Sammlung, mit Hilfe eines Kredits der Akademischen Gesellschaft. -- Schenkung des Apollokopfes von Steinhäuser durch einen Ungenannten.

1869. Nachträgliche Erwerbung des Herakles- und des Athletenkopfes von Steinhäuser durch einige Kunstfreunde. -- Hauptschenkung des Herrn Rathsherrn W. _Vischer_ (378 griechische Silbermünzen).

1872. Schenkung einer Sammlung griechischer und römischer Münzen durch Herrn Ingenieur W. _Bachofen_. -- Schenkung einer Anzahl griechischer Antiquitäten durch Herrn Rathsherrn W. _Vischer_. -- Schenkung einer grossen Anzahl ostasiatischer Gegenstände (aus Japan, China, Hinterindien) durch die Herren Gebrüder _Zahn_.

1874. Erwerbung einer Auswahl griechischer Vasen aus Capua.

1877. Erwerbung der in Augst zurückgebliebenen architektonischen Ueberreste aus der Sammlung Schmid. -- Uebernahme der bisher in der Bibliothek verwahrten grossen Gemmenabdrucksammlung von Cades (Geschenk von Herrn Oberst R. _Merian_).

1878. Schenkung der Holzreliefs von Tikal in Mittelamerika durch Hrn. Dr. G. _Bernoulli_.

1880. Erwerbung der Sammlung Quiquerez (Römische Alterthümer und Münzen aus dem Bisthum, burgundische Waffen und Geräthe).

1881. Schenkung ethnographischer Gegenstände aus Sierra Leone in Westafrika durch Herrn J.L. _Baur_.

1883. Reinigung und Aufstellung der Basler Münzstempel.

Bei dieser Uebersicht sind die von Jahr zu Jahr angekauften Gipsabgüsse nicht mit aufgeführt, wie auch viele kleinere Erwerbungen und Schenkungen übergangen sind. Und doch nahmen die Gipsabgüsse jeweilen einen grossen Theil des zur Verfügung stehenden Geldes in Anspruch; zumal seit 1875, wo ausser solchen im Durchschnitt bloss noch vaterländische Alterthümer und etwa besonders wichtige Münzen angekauft wurden, während die Aeufnung der prähistorischen und der ethnographischen Sammlung lediglich Geschenken überlassen blieb. Seit eben dieser Zeit wurde der Ankauf von Gipsabgüssen durch freiwillige jährliche Beiträge von einer Anzahl von Kunstfreunden unterstützt. Die Zahl der vorhandenen Stücke beläuft sich gegenwärtig auf 145 Nummern, wovon 39 grössere Statuen oder Gruppen, 50 Büsten und Köpfe, 32 Reliefs und 24 kleinere Gegenstände.

Im Gegensatz zu allen diesen Erwerbungen wurden im Jahre 1881 der Kirchenschatz und die seit 1865 uns ebenfalls anvertrauten Zunftbecher nebst den Amerbach'schen Goldschmiedmodellen an die Mittelalterliche Sammlung abgetreten.

Was die sonstige Geschichte der Sammlung betrifft, so ist zu bemerken, dass seit dem Bezug des Museums zwei Mal grössere Lokalveränderungen und Umstellungen stattfanden. Das eine Mal im Jahre 1865, wo sie aus den Sälen neben der Gemäldegallerie in die frühere Bibliothekarenwohnung hinter dem Antikensaal übersiedeln musste, bei welcher Gelegenheit sie im Grunde wenig gewann. Das ethnographische Kabinet und die Pfahlbauten wurden damals sammt dem Kirchenschatz im vorderen, das eigentliche Antiquarium der Hauptsache nach im hinteren Zimmer aufgestellt, obschon die Scheidung nicht streng durchgeführt werden konnte. Und dann bei fortwährend sich steigerndem Raummangel ein zweites Mal im Jahre 1877, wo endlich zwei weitere Räumlichkeiten (das frühere chemische Laboratorium im Erdgeschoss) für ihre Bedürfnisse hergerichtet wurden. Erst jetzt konnten die heterogenen Bestandteile der Sammlung systematisch von einander getrennt, das ethnographische Kabinet, sowie die Pfahlbauten in besondere Zimmer (eben in die des Erdgeschosses) verwiesen, und von der neugeordneten speziell antiquarischen Abtheilung ein Katalog verfasst werden (1881). Doch hat die doppelte Umstellung nicht blos nachtheilig auf den Zustand mancher zerbrechlichen kleinen Gegenstände eingewirkt, sondern leider auch manche Fundnotizen in Verwirrung gebracht.

Das Münzkabinet ist in den letzten Jahren vollständig geordnet worden. Es umfasst, nach Ausscheidung und Verkauf der Doubletten, circa 2600 griechische und circa 7000 römische Münzen (die griechische Abtheilung gewissermassen eine Schöpfung des Herrn Rathsherrn W. _Vischer_), sodann über 1000 Stück Basler Münzen und Medaillen, circa 1500 sonstige Schweizermünzen nebst 500 Brakteaten und circa 4500 ausländische, darunter gegen 1800 Medaillen; im Ganzen über 17,000 Stück. Eine Auswahl der vorzüglichsten und interessantesten ist seit 1877 in drei Münztischen ausgestellt.

Wenn wir zum Schluss einen Ausblick auf die künftige Gestaltung der Sammlung richten, so steht zu erwarten, dass in der nächsten Zeit abermals eine Filiale sich von ihr lostrennen und zu einem selbstständigen Institut erheben wird, nämlich das Gipsmuseum, für welches vom Kunstverein hinter der Kunsthalle ein eigenes, bessern Raum gewährendes Gebäude errichtet werden soll. -- Ob dann der alte Grundstock des Antiquariums, von dem sich jetzt auch die ethnographische Sammlung lokal getrennt hat, vereinsamt im Museum zurückbleiben oder sich wieder mit seiner natürlichen Schwester, der Mittelalterlichen Sammlung, vereinigen wird, darüber zu entscheiden bleibt der Zukunft vorbehalten.

J.J. Bernoulli-Reber.

4. Mittelalterliche Sammlung.

Unter den der Fürsorge der akademischen Behörden unterstellten Sammlungen, deren Entstehung noch in die Zeit vor dem Jubiläum des Jahres 1860 zurückreicht, ist in der zeitlichen Folge die letzte die Mittelalterliche Sammlung. Der thatkräftige Geist, welcher die Decennien nach der Reorganisation der Universität erfüllte, das in jenen Jahren neu hervortretende und in der Restauration des Münsterinnern sich bethätigende Verständniss für bildende Kunst, das wachsende Bewusstsein von Wesen und Werth auch des rein archäologischen Studiums verlangten und ermöglichten das Zustandekommen der Sammlung. Für diesen Zweck alle jene treibenden lebensvollen Kräfte fruchtbar gemacht zu haben, ist das Verdienst _Wilhelm Wackernagels_, der mit festem Willen, mit warmer Begeisterung und wahrer Sachkenntniss den Plan entwarf und die Gründung vollzog.

Im Jahre 1856/57 geschah dies, aber es dauerte noch mehrere Jahre, bis die jüngste der akademischen Sammlungen als eine den andern ebenbürtige in der Organisation berücksichtigt wurde. Sie unterstand zunächst der antiquarischen Kommission. Erst 1861 wurde von der Regenz eine besondere Kommission bestellt. Sie bestand unter dem Vorsitz des Stifters aus den Herren Architekt _Riggenbach_ († 1863), Dr. _Remigius Meyer_ (bis 1877), Dr. _Carl Burckhardt-Burckhardt_ (bis 1870) und _Samuel Merian-Bischoff_; ihre constituierende Sitzung fand am 18. Januar 1862 statt.

Ein schwerer Schlag traf die Sammlung am 21. December 1869 mit dem Hinschied _Wilhelm Wackernagels_. Jedoch war es ein Glück zu nennen, dass sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl auch hier seine Stelle einnehmen konnte. _Moritz Heyne_ entfaltete als solcher eine ausserordentliche Energie zur Hebung und Mehrung der Sammlung und verstand es, das Interesse weiterer Kreise für dieselbe zu wecken. Das glänzende Ergebniss dieser Thätigkeit zeigte sich besonders deutlich bei dem am 16. Mai 1882 gefeierten fünfundzwanzigjährigen Jubiläum. Im Herbst 1883 wurde an die durch _Heyne's_ Abgang nach Göttingen erledigte Vorsteherschaft das älteste Mitglied, Herr _Samuel Merian-Bischoff_, gewählt, und bei diesem Anlass das Amt eines Konservators geschaffen.

Im Lauf der Jahre traten folgende Mitglieder in die Kommission ein: Stadtrath _Amadeus Merian_ (1863-1879), Dr.G. _Wackernagel_ (seit 1870), Dr.L. _Sieber_ (1872-1882), _Hans Labhardt_ (1877-1884), Dr. _Albert Burckhardt-Finsler_ (seit 1879; seit 1883 Konservator), J.G. _Mende_ (seit 1879), Direktor W. _Bubeck_ (seit 1882), Prof. O. _Behaghel_ (seit 1884), Prof. _Jacob Burckhardt_ (seit 1884), Dr. _Rudolf Wackernagel_ (1884-1885), _Hans Burckhardt-Burckhardt_ (seit 1885).

Die bei Anlegung der Sammlung leitende Ansicht ihres Urhebers war gewesen: »Es soll diese Sammlung das Leben des Mittelalters in Werken der kunstbeflissenen gewerbthätigen Menschenhand, in Originalwerken selbst oder in getreuen Nachbildungen, zur Anschauung bringen; schicklicher Weise wird dabei rückwärts in die altchristlichen Zeiten und vorwärts über die Grenzen des Mittelalters hinaus bis in die Zeit der sogen. Renaissance gegriffen. Ohne solch eine Ausdehnung würde dem Bilde der Rahmen und der Reihenfolge ihr Anfang und ihr Ende fehlen.« Also eine Sammlung von allgemeiner Tendenz. -- Es ist bekannt, wie der Gang der Entwicklung dieses erste Programm verschoben hat, wie von Jahr zu Jahr in steigendem Maasse die Sammlung den Charakter eines baslerischen kulturhistorischen Museums annahm, und hiemit ihr Schwergewicht aus dem Mittelalter in die neuere Zeit verlegt wurde. Wenn der Stifter anfangs nur für erlaubt hielt, bis in die Zeit der Renaissance zu greifen, so ist seitdem und schon zu seiner Zeit das Sammeln bis an die Schwelle des XIX. Jahrhunderts ausgedehnt worden. Dieser Gang der Entwicklung war durch die Verhältnisse gegeben; die Kleinheit der finanziellen Geldmittel, die Unermüdlichkeit der Behörden und Bürger Basels in Zuwendung von Alterthümern wirkten von selbst auf eine lokale Einschränkung hin.

Der erste Grundstock der Sammlung war durch Abgüsse von Skulpturen des hiesigen Münsters gebildet worden; es wurde sofort für nöthig gehalten, diese Serie durch Nachbildungen auswärtiger Bildnerei zu ergänzen. In gleicher Weise wurden Gipsabgüsse auswärtiger Alterthümer auch aus den Gebieten der Kleinkunst beschafft, um dem Beschauer die Entwicklung eines und desselben Gegenstandes in verschiedenen Zeiten und Orten vorführen zu können. Dieselbe allgemeine Tendenz tritt in der mit besonderer Vorliebe gepflegten Sammlung alter Schriftfragmente, in der Anlegung einer Urkundensammlung, eines reichen Apparates von Abbildungen und Nachschlagewerken zu Tage. Bald aber wich diese Thätigkeit zurück vor der immer mächtiger zudrängenden Menge der Erzeugnisse alter heimischer Kunstübung. Es kann hier nicht versucht werden, das Hauptsächliche aus den reichen Erwerbungen namhaft zu machen. Es wird genügen, auf einiges besonders Hervorragendes hinzuweisen. 1857: die Votivtafel der Isabella von Burgund, die Truhe aus der Domprobstei und die des Erasmus. 1859: Bruchstücke des Todtentanzes. 1863: Elfenbeinlöffel aus der Lassbergischen Sammlung; Holzschnitzerei aus Meggen. 1869: Truhe aus Schloss Greifensee. 1874: Tscheckenpürlinbett. 1871: Bretspielstein aus dem XII. Jahrhundert; Waffensammlung. 1872: Schnitzereien aus der Spinnwetternzunft; Schreibtisch aus dem Augustinerkloster. 1870: Kanonenrohre aus dem Zeughaus. 1878: Sammlung musikalischer Instrumente. 1879: Iselinzimmer aus dem Bärenfelser Hof. 1880: Sammlung Quiquerez. 1881: Glasgemälde aus der Sammlung Bürki. 1882: Kirchenschatz, Zunftkleinodien, Goldschmiedmodelle. 1883: Winterthurer Ofen; Teppich aus dem Kloster Feldbach. -- Manche der hier genannten und auch viele andere Stücke sind von deren Inhabern unter Eigenthumsvorbehalt überlassen worden, ein Verfahren, welches in neuerer Zeit besonders von Seiten der Zünfte, gleich zu Anfang aber für die reichen Sammlungen der antiquarischen Gesellschaft geübt wurde; auf den Namen der letztern wurden früher auch die meisten Geschenke eingetragen.

Es ist begreiflich, dass der wachsende Inhalt der Sammlung immer mehr Räume in Anspruch nahm. Zu dem für die ersten Stücke angewiesenen Conciliumssaal kamen 1859 die unterhalb desselben befindliche Nikolauskapelle, durch die es erst möglich wurde, die Sammlung allsonntäglich dem Publikum zu öffnen, 1868 die Säle des Münsterarchivs, 1874 einige Estrichräumlichkeiten, deren Herrichtung ziemlich viele Bauten nöthig machte, aber zum ersten Mal eine durchgeführte sachliche Anordnung ermöglichte. Das letzte ist die 1879 erfolgte Zuweisung des Betsaals, des grösten Raums der Sammlung und des einzigen, in dem solche Schätze wie das Iselinzimmer würdig untergebracht werden konnten. Seitdem ist freilich neue Raumnoth eingetreten. Alle Erweiterungen brachten indess keine eigentliche Aenderung des Lokals; die Sammlung bildet nach wie vor einen Anhang des Münsters.

Ihre Mittel verdankt sie gröstentheils der Freigebigkeit ihrer Gönner; zu erwähnen sind die Jahresbeiträge der Regierung (seit 1857 Fr. 300), der Gemeinnützigen Gesellschaft (seit 1858 Fr. 500), des Museumsvereins (seit 1863 Fr. 200), und der Akademischen Gesellschaft, die der letztern von wechselndem Betrag und zum Theil der 1870 gegründeten Wackernagelstiftung entnommen, von der ein bestimmter Theil von vornherein für die Sammlung vorbehalten wurde. Seit 1872 besteht der von Herrn _Hans Labhardt_ gegründete »Verein für die Mittelalterliche Sammlung«, der z.B. 1884 Fr. 619 beisteuerte. Dazu viele einzelne Geldbeiträge von Freunden, meist für bestimmte Erwerbungen gewährt (z.B. 1879 Fr. 4580 an das Iselin'sche Zimmer) und seit dem Jahre 1881 ein Antheil an den Eintrittsgeldern (1884 Fr. 838.90). Doch hielt sich das Budget lange in sehr bescheidenen Ziffern. In den ersten zehn Jahren erreichte es zweimal nicht die Höhe von Fr. 1000, und betrug durchschnittlich Fr. 15-1600, bewegte sich dann in den siebziger Jahren um Fr. 2000 herum. Seit 1880 hat es die 4000 überschritten. Ausserordentliche Belastung brachte der Umbau der Estrichräume, dessen Kosten im Betrag von rund Fr. 20,000 durch Beiträge des Staats (Fr. 5000), der Akademischen Gesellschaft (Fr. 2000), der Gemeinnützigen Gesellschaft (Fr. 3000), des Museumsvereins und einzelner Freunde gedeckt wurden.

Für Bekanntmachung der Schätze der Sammlung dienten theils die Vorlesungen, welche seit 1877 von dem frühern Vorsteher und später von dem Konservator in den Räumen der Sammlung abgehalten wurden, theils verschiedene Druckschriften. Wir nennen ausser den Katalogen die zusammenhängenden Darstellungen von _Wilhelm Wackernagel_ im Universitätsprogramm von 1857 und von _Moritz Heyne_ im Neujahrsblatt von 1874, sowie den von letzterm herausgegebenen Führer (Basel, bei Felix Schneider 1880). Ueber die Glasgemälde gibt das von Dr. _Albert Burckhardt-Finsler_ verfasste Programm des Gymnasiums (Basel 1885) Auskunft. Der 1864 erfolgten Widergabe einer Anzahl Gegenstände durch Photograph _Höflinger_ folgte »die Kunst im Hause. Abbildungen von Gegenständen aus der Mittelalterlichen Sammlung«, mit Zeichnungen von W. _Bubeck_ und Text von M. _Heyne_ (Basel, bei Detloff I. 1880, II. Reihe 1882), ein Werk geeignet zu zeigen, welchen Gewinn das heimische Kunsthandwerk aus den hier vorhandenen Schätzen zu ziehen vermöchte.

Nach Mittheilungen des Konservators der Sammlung.

5. Naturhistorisches Museum.

Ueber die Hauptzüge der Geschichte dieser Anstalt sind von dem Unterzeichneten in den letzten Jahren mehrere Darstellungen veröffentlicht worden: für die ältere Periode bis zur Entstehung des im Jahre 1822 im Falkensteiner Hof eingerichteten und der akademischen Regenz unterstellten Museums -- und weiter bis zur Erbauung des »neuen Museums« im Jahre 1847 in einem besondern Abschnitt der Gedenkschrift an Peter Merian;[30] und über die zwei Jahre seit dessen Hinschied zwei Berichte, von welchen derjenige für 1883 von der Akademischen Gesellschaft, beide, für 1883 und 1884, von der Naturforschenden Gesellschaft publiciert worden sind.[31]

Für den gegenwärtigen Anlass wird es also wohl passend sein, hauptsächlich die Periode von 1847 bis 1883 ins Auge zu fassen. Doch ist dabei zu erinnern, dass auch diese Periode ihren Anfang nimmt von 1835 an, von dem Moment, wo nach der durch eidgenössisches Schiedsgericht vollzogenen Theilung des Staatsvermögens zwischen Baselstadt und Baselland an erstere die Frage herantrat, in wiefern sie es vermöge, nach so schwerer Schädigung von Neuem für den Weiterbau ihrer wissenschaftlichen Anstalten einzustehen.

Die erste Antwort bestand, wie bekannt, für das naturwissenschaftliche Museum in einer von dessen Kommission (_Peter Merian_, Präsident, Prof. Chr. _Bernoulli_, Prof. K.Fr. _Meissner_, Dr. _Schönbein_, Dr. L. _Imhoff_, Dr. J.J. _Bernoulli_, Dr. F. _Ryhiner_) an die Gemeinnützige Gesellschaft und weiter an das Publikum gerichteten Bitte um fernere Unterstützung, »da in den jetzigen Zeitverhältnissen die Hilfsmittel zu einem nur in einigem Maasse anderen Städten, wo wissenschaftlicher Sinn herrsche, ebenbürtigen Ausdehnung der naturwissenschaftlichen Sammlungen nur im Gemeinsinn der Mitbürger zu finden seien, und Baselstadt in der nunmehrigen isolierten Lage nur durch solche Gesinnung eine ehrenvolle Stellung zu behaupten und das zu ersetzen vermöge, was ihm an Kopfzahl abgehe.«