Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835
Part 14
Die Klinik wird von den älteren Studierenden regelmässig besucht; ihre Zahl beläuft sich im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren auf etwa 15-20 und mehr. Es wird dabei dem Studierenden reichlich Gelegenheit geboten, sich mit den Krankheiten des kindlichen Alters, sowohl den medicinischen als den chirurgischen vertraut zu machen. Es steht dem leitenden Arzte zur Pflege der kranken Kinder an ärztlichem Personal zur Seite ein Secundararzt und ein Assistent; in die Krankenpflege theilen sich neun Schwestern aus der Diaconissenanstalt in Riehen. Dem ökonomischen Theil der Anstalt steht ein Verwalter vor. Das Kinderspital steht unter einem Comité, das sich selbst ergänzt; die Anstalt ist eine wohlthätige Stiftung, die eigenes Vermögen hat, zum Unterhalt aber ausserdem auf Legate angewiesen ist. Von der Universität erhält das Spital keinerlei finanzielle Unterstützung.
E. Hagenbach-Burckhardt.
21. Theologisches Seminar.
In der theologischen Fakultät bestand bis zum Sommer 1885 blos ein Seminar für homiletische und für katechetische Uebungen zum Zweck der unmittelbaren Vorbereitung auf den praktisch-kirchlichen Dienst. Dasselbe wurde im Januar 1867 gegründet, nachdem schon früher Herr Professor _Hagenbach_ und seit 1851 Herr Pfarrer (jetzt Professor) _Stockmeyer_ die homiletischen und die Herren Professoren _Riggenbach_ und _Auberlen_, sowie Herr Pfarrer _Miville_ abwechselnd katechetische Uebungen geleitet hatten. Seit Errichtung des Seminars pflegen die Uebungen der homiletischen Abtheilung ausnahmslos in jedem Semester, die der katechetischen in jedem Wintersemester abgehalten zu werden. Vorsteher der ersteren ist seit der Gründung des Seminars Herr Professor _Stockmeyer_ (bis 1873 für den zweiten Kursus unter Mitwirkung von Herrn Professor _Hagenbach_), Vorsteher der letzteren Herr Professor _Riggenbach_. Für den Eintritt ist beiderseits ein vorangegangenes theologisches Studium von mindestens vier Semestern als Bedingung gefordert. Die Uebungen, zu denen alle Theilnehmer verpflichtet sind, bestehen in der Ausarbeitung und Kritik von Predigten und Katechesen; für die homiletische Abtheilung ist ausserdem noch in einem zweiten Kursus, der indessen nicht regelmässig abgehalten wird, die Gelegenheit zum Vortrag der für das Seminar ausgearbeiteten Predigten im öffentlichen Gottesdienst geboten. Durch einen von der Regenz genehmigten Fakultätsbeschluss soll von Herbst 1885 an dieses homiletisch-katechetische Seminar durch Heranziehung zunächst der alttestamentlich und neutestamentlich exegetischen, sowie der kirchengeschichtlichen Disciplin zu einem allgemein theologischen Seminar erweitert werden, dessen einzelne Abtheilungen indessen, was Leitung und Mitgliedschaft betrifft, von einander unabhängig sind und dessen von der Fakultät zu ernennende Vorsteher die maassgebenden Bestimmungen über die Art und die Bedingungen der Theilnahme je für die verschiedenen Disciplinen zu treffen haben. Zugleich ist mit dieser Erweiterung des Seminars die Aufstellung einer Handbibliothek verbunden worden, deren Benützung zunächst den Mitgliedern vorbehalten ist; über die Bücheranschaffungen entscheidet die Fakultät nach den von den Vorstehern der einzelnen Abtheilungen gemachten Vorschlägen.
Chr. J. Riggenbach.
22. Pädagogisches Seminar.
Dieses Seminar trat mit Beginn des Wintersemesters 1873/74 ins Leben und hat die Aufgabe, Studierende für ein höheres Lehramt vorzubereiten. Für seine Einrichtung war die Erwägung maassgebend, dass einerseits bei dem gegenwärtigen Zustande des Unterrichtswesens eine gewisse Orientierung über die wichtigeren allgemeinen Probleme, wie über die Methodik der einzelnen Lehrfächer schon während der Universitätszeit wünschenswerth sei, dass aber andrerseits diese Beschäftigung mit der Pädagogik sich innerhalb gewisser Schranken halten müsse, um nicht den eigentlichen Zweck der Universitätsstudien, die Vertiefung in die Wissenschaft selbst, zu gefährden. Die Seminarübungen sind theils theoretischer, theils praktischer Art. Anfänglich wurden beide vom einzigen Direktor, dem Ordinarius der Philosophie, geleitet; als aber in Folge von Veränderungen dessen Kräfte in verstärktem Maasse für die philosophischen Vorlesungen in Anspruch genommen wurden, übertrug die Curatel die Leitung der praktischen Uebungen dem Rektor des Gymnasiums.
Es leiteten das pädagogische Seminar 1873/74 Professor Dr. Rud. _Eucken_ -- 1874/75 Professor Dr. Max _Heinze_ -- 1875/81 Professor Herm. _Siebeck_ -- 1881/83 Professor Herm. _Siebeck_ und Professor Fr. _Burckhardt_ -- seitdem Professor Joh. _Volkelt_ und Professor Fr. _Burckhardt_.
Fritz Burckhardt.
23. Philologisches Seminar.
Das hiesige philologische Seminar wurde, auf Antrag der philosophischen Fakultät, zum ersten Mal im Jahre 1861 eröffnet unter der Leitung der Herren Professoren _Gerlach_, _Ribbeck_ und _Vischer_. Sein in den Bedürfnissen der Zeit liegender Zweck war, jungen Studierenden der Philologie Gelegenheit zu selbstständiger Arbeit zu geben und die Beschäftigung mit der classischen Philologie möglichst dem späteren Wirkungskreis im theoretischen und praktischen Schulleben anzubequemen. Der letztgenannte Gesichtspunkt braucht nun allerdings seit der Lostrennung der pädagogischen Sektion nicht mehr strikte festgehalten zu werden (d.h. seit der Gründung eines spezifisch pädagogischen Seminars, 1873); doch wird er auch nicht völlig aus dem Auge gelassen, insofern ja die Mehrzahl der Philologie-Studierenden später zur Schulpraxis übergeht. Die Zahl der Besucher (bestehend aus ordentlichen Mitgliedern und blossen Auskultanten) schwankte in den Jahren 1861-1872 zwischen 4 und 11, im Winter des Jahres 1872 mussten die Uebungen wegen Mangels an Theilnehmern ausgesetzt werden. Im übrigen wurden Uebungen im Interpretieren und in der Kritik, anfänglich sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache vorgenommen; später änderte sich dies (s. unten). An fleissige Mitglieder wurden und werden jetzt noch jährliche Prämien vertheilt.
Im Jahr 1874 befand sich das philologische Seminar (Direktoren die Herren Professoren _Gerlach_ und _Nietzsche_) in grosser Zuhörernoth, da die Zahl der Theilnehmer bis auf einen zurückging. Doch hob sich die Zahl auf erfreuliche Weise schon in den nächsten Jahren, wo auch Professor _Mähly_ als Mitdirektor in die Leitung des Institutes eintrat; von 1875 an ist ein langsames, aber stetiges Steigen (6-10 Theilnehmer) zu konstatieren, -- im Winter 1880 nahmen sogar 13 Zuhörer an den Uebungen Theil -- um dann wieder ebenso langsam einem decrescendo Platz zu machen (10, 6, 7) und wieder einen kleinen Aufschwung zu erfahren (8, 9), bis im Sommer 1884 mit 4 Zuhörern die kleinste Zahl seit zehn Jahren sich einstellte; im Sommer des laufenden Jahres ist sie wieder auf 7 gestiegen. Freilich machen (mit Ausnahmen) die ausserordentlichen, d.h. die nicht ordentlichen Mitglieder den grösseren Bruchtheil der jeweiligen Zahl aus.
Mit dem Jahr 1878 schloss, nach mehrmaligen durch Krankheit veranlassten längeren Pausen, die Thätigkeit Herrn Professor _Nietzsche's_ am Seminar zugleich mit seiner akademischen ab, und an seine Stelle trat im Winter 1879 Herr Professor J. _Wackernagel_, der sich mit Professor J. _Mähly_ in die Direktion des Seminars theilt.
Die Uebungen finden seit einer Reihe von Jahren vier Mal wöchentlich statt und gewöhnlich wechseln die beiden Direktoren in der Vornahme derselben also ab, dass der gleiche in dem einen Semester die lateinische, im folgenden die griechische Sprache und Litteratur übernimmt. In den Stunden selber wird nur und ausschliesslich Latein gesprochen. Die (vorwiegend kritisch behandelten) Autoren vertraten so ziemlich nach Stoffen und Zeiten den Umkreis der Zeit beider Litteraturen, von den homerischen Gesängen an bis auf die griechische Anthologie, von Nævius herab bis Silius Italicus, Epiker und Dramatiker, Lyriker und Rhetoren, Grammatiker und Philosophen, Historiker und Scholiasten; oft auch, wo die Werke eines Schriftstellers nicht mehr erhalten sind, wurden die gesammelten Fragmente desselben behandelt.
Jacob Mähly.
24. Germanisch-romanisches Seminar.
Laut der Statuten hat dieses im Wintersemester 1885/86 zu eröffnende Seminar den Zweck, das wissenschaftliche und praktische Studium der germanischen und romanischen Sprachen zu fördern, insbesondere die künftigen Lehrer der neueren Sprachen an Gymnasien und Realschulen für ihren Beruf vorzubereiten.
Es zerfällt in zwei Abtheilungen, eine für germanische und eine für romanische Philologie. Direktoren derselben sind die betreffenden Fachprofessoren.
Die Uebungen des Seminars sind schriftliche und mündliche. Jene bestehen in wissenschaftlichen und stilistischen Ausarbeitungen, diese in Interpretationsübungen und mündlichen Vorträgen. Jedes ordentliche Mitglied muss im Lauf des Semesters wenigstens eine schriftliche Arbeit liefern oder einen Vortrag halten.
Mit dem Seminar soll eine kleine Handbibliothek verbunden werden, zu deren Anlegung die Akademische Gesellschaft, in verdankenswerther Weise einen Beitrag von Fr. 500 der Direktion zur Verfügung gestellt hat. Für die Benützung der Handbibliothek wird eine besondere Ordnung aufgestellt werden. Wer aus dem Seminar austritt, kann auf seinen Wunsch vom Direktor ein Zeugniss über seine Leistungen im Seminar erhalten.
Gustav Soldan.
25. Staatswissenschaftliches Seminar.
Dasselbe wurde 1877 gegründet, trat aber erst 1878 in Wirksamkeit. Zweck desselben ist: »Erweckung und Pflege des Sinnes für das Studium der Staatswissenschaften, sowie die Anleitung zu methodischer Behandlung von Fragen aus den Gebieten der Nationalökonomie, der Statistik, des öffentlichen Rechts, der Verwaltungslehre und wirthschaftlichen Kulturgeschichte.« Behufs Unterstützung der Uebungen besteht eine eigene Seminar-Bibliothek (im Sommer 1885 ungefähr 1800 Bände und Brochüren), welche mit einer grösseren Anzahl ausländischer statistischer Bureaux im Schriftenaustausch steht, zu welchem Zwecke dem Seminar die von der Regierung ausgehenden Publikationen in einer grösseren Anzahl von Exemplaren überwiesen werden. Seminar und Bibliothek stehen unter Leitung des jeweiligen Professors der Nationalökonomie und Statistik. Zur Ertheilung von Prämien, sowie zu Anschaffungen für die Bibliothek ist der Direktion ein jährlicher Kredit bis zu Fr. 400 eröffnet. Die Frequenz schwankte zwischen vier bis zehn Mitgliedern.
Karl Bücher.
26. Mathematisch-naturwissenschaftliches Seminar.
Das Seminar trat mit dem Sommersemester 1866 ins Leben. Es hat den Zweck, Studierende, welche sich der Mathematik oder den Naturwissenschaften widmen, bei der selbstständigen Bearbeitung wissenschaftlicher Aufgaben anzuleiten und zu unterstützen. Sämtliche Lehrer der Mathematik und der Naturwissenschaften an der philosophischen und medicinischen Fakultät, welche sich dazu verständigen, werden als Lehrer des Seminars betrachtet. Die Anmeldung der Studierenden zur Betheiligung an dem Seminar geschieht bei den betreffenden Lehrern. Zur Aufmunterung des Fleisses oder zur Erleichterung bei den durch die Arbeiten veranlassten Unkosten können für eingelieferte Arbeiten Prämien in Form von Geld, Apparaten oder Büchern ertheilt werden, wofür ein jährlicher Kredit von Fr. 500 ausgesetzt ist. Eine grössere Anzahl von zum Theil trefflichen Arbeiten vorgerückter Studierender, meist mathematischen Inhaltes, sind aus dem Seminar hervorgegangen und mit Prämien bedacht worden.
Hermann Kinkelin.
FUSSNOTEN:
[29] Ueber die frühere Geschichte der Sammlungen s. auch P. Merian, zur Geschichte der in dem neuen Museum aufgestellten Sammlungen (in der Festschrift zur Einweihung des Museums, Basel 1849).
[30] Rathsherr Peter Merian. Programm zur Rectoratsfeier der Universität Basel 1883, wobei auch zu verweisen ist auf einen viel früheren Bericht: Festschrift zur Einweihung des Museums in Basel am 26. Nov. 1849 von P. Merian.
[31] Beilage zum Jahresbericht der Akademischen Gesellschaft für 1883. Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel. VII. 3. 1855.
[32] Ueber eine der bedeutendsten ältern Schenkungen, das im Jahr 1830 dem Museum durch Verfügung der Erben zugefallene Naturalien-Kabinet des Stadtraths-Präsidenten Hieronymus Bernoulli, das sich über alle Arten von Wirbelthieren, sowie über Crustaceen, Conchylien, Echinodermen und Corallen verbreitete, aber auch namentlich an Versteinerungen und Mineralien reich war, und das bis auf den heutigen Tag als Grundstock des jetzigen Bestandes gelten kann, siehe auch Baslerische Mittheilungen vom 20. März 1830. (Von der Hand von Prof. Chr. Bernoulli).
[33] Siehe oben genannte Festschrift.
[34] Publiciert von der Akademischen Gesellschaft in der Beilage zum Jahresbericht für 1880.
[35] S. hierüber Gedenkschrift zur Eröffnung des Vesalianum 1885.
[36] Bericht über d. vergl. anatom. Sammlung v. 1878 in der Beil. z. Jahresb. der Akad. Gesellsch. v. 1878.
INHALT.
Seite
I. Geschichte der Organisation der Universität 5
II. Fonds der Universität 33
III. Rektoren, Lehrpersonal und Studentenschaft der Universität 42-63
A. Rektoren der Universität 42
B. Lehrpersonal der Universität 44
Alphabetisches Verzeichniss der Universitätslehrer 61
C. Studentenschaft der Universität 62
IV. Sammlungen und Unterrichtsanstalten der Universität 64-119
1. Oeffentliche Bibliothek (Universitätsbibliothek) 64
2. Kunstsammlung 68
3. Antiquarische Sammlung 71
4. Mittelalterliche Sammlung 75
5. Naturhistorisches Museum 78
6. Physikalische Anstalt 85
7. Chemische Anstalt 88
8. Botanische Anstalt 90
9. Normal-anatomische Anstalt 91
10. Vergleichend-anatomische Anstalt 94
11. Physiologische Anstalt 98
12. Pathologisch-anatomische Anstalt 100
13. Medicinische Klinik im Bürgerspitale 101
14. Chirurgische Klinik 104
15. Geburtshilflich-gynäkologische Klinik 106
16. Psychiatrische Klinik 108
17. Poliklinik des Bürgerspitals 109
18. Ophthalmologische Klinik und Poliklinik 111
19. Ohrenklinik 113
20. Kinderklinik 114
21. Theologisches Seminar 115
22. Pädagogisches Seminar 116
23. Philologisches Seminar 117
24. Germanisch-romanisches Seminar 118
25. Staatswissenschaftliches Seminar 119
26. Mathematisch-naturwissenschaftliches Seminar 119
* * * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.
S. 50:
Dr.med. in Würzburg, 61 Dr.med. in Würzburg, 1861
S. 86:
in dem zeitweise vorgegerücktere in dem zeitweise vorgerücktere
S. 112:
Die Frequenz de Klinik Die Frequenz der Klinik
S. 113:
Studierenden Unterrricht Studierenden Unterricht