Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835
Part 12
Erst hierdurch ist die vergleichend-anatomische Sammlung, freilich immer noch zum Theil in Räumlichkeiten, über deren Ungunst die Berichte an die Regenz seit Jahrzehnten Klage führten, völlig unabhängig geworden (mit einem Kredit von Fr. 2100 für die Sammlung und für Assistenz und wie bisher Fr. 900 für den im Hause wohnenden Anatomie-Diener). Sie hat auch das frühere Areal der menschlichen und der pathologisch-anatomischen Sammlungen völlig besetzt und ist eine besondere Lernsammlung zum Privatstudium der Studierenden in dem alten Seciersaal eingerichtet, während der sogenannte neue Seciersaal bereits in diesem Sommer im Anschluss an die Vorlesungen zu Demonstrationen unter der Leitung des Assistenten, Herrn Cand. phil. _Leuthardt_, verwendet wurde.
Über den Inhalt der Sammlung können Zahlen je länger je weniger richtigen Aufschluss geben. Einige Details gab der schon genannte von der Akademischen Gesellschaft veröffentlichte Bericht für 1880, den wir bis 1885 in folgender Weise ergänzen:
Summa der Katalognummern etwa 5500, wovon über 3000 der vergleichend-anatomischen Abtheilung, nahezu 2000 der zoologischen und das Übrige, meist nicht einzelne Gegenstände, sondern ganze Reihen enthaltend, der palæontologischen zufallen. Für Spezielleres sind in der osteologischen Sammlung, die immer noch das Schwergewicht bildet, etwa 820 Spezies von Wirbelthieren vertreten:
Spezies von -------------------|----------------
Säugethieren Vögeln Reptilien Fischen
durch ganze Skelette (nahezu 700) 180 127 94 71 dazu durch Schädel (nahezu 1200) 206 83 30 33 ----------------------------------- 386 210 124 104 Summa 824.
In Weingeist: Wirbellose Thiere 1040, Fische 440, Batrachier und Reptilien 350 Arten.
Vergleichend-anatomische Objekte in Weingeist circa 600 Nummern.
Wichtiger als diese Zahlen ist die Anerkennung, dass diese Hilfsmittel den Anforderungen des akademischen Unterrichts in einer Weise entsprechen, die während Jahrzehnten als unerreichbar erschien, und dass einzelne Abteilungen auch für Spezialstudien eine reiche Fülle bieten, die immer noch im Zunehmen begriffen ist durch fortdauernde Fürsorge aus allerlei Quellgebieten, worunter wir für die letzten Jahre besonders hervorheben die Zusendungen von Dr. _Gränicher_ (Mittelmeerfauna), von Dr. C. _Passavant_ und Dr. E. _Mähly_ aus West-Afrika, von Dr. _Paul_ und _Friedrich Sarasin_ aus Ceylon.
Am Schlusse einer Darstellung, die durch das viele Erfreuliche, das sie zu melden erlaubt, die Schattenseiten des Rückblickes, die in den jährlichen amtlichen Berichten häufigen Ausdruck fanden, zu übersehen verpflichtet, mag es billig sein, beizufügen, dass durch die letzten Veränderungen endlich auch -- nach dreissig Jahren allerdings etwas spät -- vielleicht der empfindlichste Übelstand, das Fehlen eines besondern Lokales für die Vorlesungen, die Tag für Tag an einen grossen Vorrath von Lehrmaterial gebunden sind, beseitigt werden konnte.
L. Rütimeyer.
11. Physiologische Anstalt.
Seit der Rekonstruktion der medicinischen Fakultät in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts trat die Physiologie als besonderes Lehrfach auf, anfangs (unter den Herren Fr. _Meissner_ und Fr. _Miescher_, Vater) mit der vergleichenden Anatomie und der allgemeinen Pathologie einem Professor zugewiesen, später, nach Prof. _Jung's_ Übertritt zur praktischen Medicin, mit der deskriptiven Anatomie vereinigt (unter den HH. A. _Ecker_, C. _Bruch_, G. _Meissner_, W. _His_). Seit Anfang der fünfziger Jahre entstand allmählig durch Anschaffungen aus dem für anatomische und physiologische Lehrmittel bewilligten Kredit der Grundstock einer Sammlung von Instrumenten für physiologische Versuche und Demonstrationen, als deren älteste, werthvolle Stücke hervorzuheben sind ein Ludwig'sches Kynographion von Keinath aus dem Jahre 1854, mehrere Apparate nach Vierordt zur Physiologie des Kreislaufs von ebendemselben 1855 und 56, sowie ein Dubois'scher Multiplikator von Sauerwald von 1859. Besondere Lokalien für physiologische Zwecke waren, mit Ausnahme eines Hörsaals, keine reserviert.
Bei Anlass der Wegberufung von Herrn Prof. W. _His_ wurde durch Grossrathsbeschluss vom 24. Februar 1873 eine besondere ordentliche Professur für Physiologie geschaffen und derselben für die Bedürfnisse des physiologischen Unterrichts ein jährlicher Kredit von Fr. 1500 aus Staatsmitteln zugewiesen; ausserdem wurde die Stelle eines zweiten Abwarts (mit Fr. 1500 Gehalt) kreiert, welchem die Bedienung der Professoren der Physiologie und der pathologischen Anatomie übertragen wurde. Der hiemit neu begründeten physiologischen Anstalt wurden als Räumlichkeiten zugewiesen: ein Hörsaal und ein Arbeitszimmer im südöstlichen Flügel des Universitätsgebäudes, vom Rheinsprung aus Parterre, mit besonderem Eingange, beide Räume seit 1866 von Herrn Prof. _His_ benützt; ferner Thierställe, sowie ein Aquarium in dem Hofraum neben dem Leichenkeller. Später wurde vom Baudepartement noch die Einrichtung einer kleinen Werkstätte im Holzschuppen neben dem Hofthor bewilligt. Die Verbindung zwischen den oberen und unteren Lokalien war theilweise durch eine Leiter hergestellt.
Unter den so geschaffenen Verhältnissen konnte während des Zeitraums von 1872-85 mit Hilfe des bewilligten Kredites (zu welchem 1875 auch die Akademische Gesellschaft einen Extrazuschuss gewährte) der Bestand der physiologischen Sammlung ein erfreuliches Wachsthum aufweisen, so dass die behufs Feuerversicherung im April 1884 aufgenommene Schätzung einen Werth von Fr. 16,000 ergab. Die eigentliche Anstaltsthätigkeit war dagegen, sowohl was den Unterricht als was die Forschung betrifft, in hohem Grade durch Raummangel gehemmt, obwohl auch der Korridor mit Utensilien angefüllt und jeder verfügbare Raum aufs Aeusserste ausgenützt wurde.
Um den oben geschilderten Uebelständen, sowie auch dem Raummangel der anatomischen Anstalt abzuhelfen, wurde, nachdem in den Jahren 1881 und 1882 seitens der hohen Behörden mehrere Gutachten von der medicinischen Fakultät über diese Angelegenheit eingeholt worden waren, die Errichtung eines Neubaues für Anatomie und Physiologie auf dem Areal des Werkhofes in Aussicht genommen, wozu die Akademische Gesellschaft in einer Uebereinkunft mit dem Staat vom 20. September 1882 sich bereit erklärte, die Hälfte der veranschlagten Baukosten bis auf die Summe von Fr. 160,000 beizutragen. Nachdem letztgenannte Uebereinkunft von dem Plenum der Akademischen Gesellschaft ratifiziert war und den 29. Januar 1883 auf Grund dieses Vertrages das ganze Projekt, sowie die von Herrn Reber ausgearbeiteten Pläne die Genehmigung des Grossen Rathes erhalten hatten, wurde im Frühjahr 1883 der Bau unter Leitung von Herrn P. _Reber_ begonnen, noch im Spätherbst desselben Jahres unter Dach gebracht, und nachdem über dem innern Ausbau und den Einrichtungsarbeiten noch das Jahr 1884 verstrichen war, mit dem Beginn des Sommersemesters 1885 für den Unterricht eröffnet. Zu Ehren des grossen Neubegründers der menschlichen Anatomie, der 1542/43 auch in Basel wirkte, _Andreas Vesalius_, erhielt der Neubau den Namen »Vesalianum«.
Von den Räumen des Vesalianums sind hinwiederum der physiologischen Anstalt zugetheilt: das ganze erste (obere) Stockwerk mit Ausnahme eines Hörsaales nebst Wartezimmer für Privatdocenten verschiedener medicinischer Fächer; ferner die Räume der Dachetage mit Ausnahme einer Kammer, eines kleinen Zimmers nach Süden für mikrophotographische Arbeiten, sowie eines Theiles des Dachbodens im Westanbau, welche Lokalien der anatomischen Anstalt zugewiesen sind; in die Räume des hellen und luftigen Souterrains theilen sich, soweit sie nicht durch die Heizungsanlagen in Beschlag genommen sind, die anatomische und die physiologische Anstalt, welche letztere daselbst ihre Behälter für Thiere, ihre Vorräthe von Chemikalien und andere Utensilien unterbringt.
Die Hauptetage enthält die nöthigen Räume und Einrichtungen, um neben den theoretischen und experimentellen Vorlesungen in den verschiedenen Richtungen der physiologischen Wissenschaft selbstständig zu arbeiten und Schüler praktisch zu unterrichten: einen Hörsaal für circa fünfzig Zuhörer, dazu ein Vorbereitungszimmer, worin auch die physiologische Sammlung aufgestellt ist; ein grösseres und ein kleineres Laboratorium für physiologisch-chemische Arbeiten, mit zusammen zwanzig Arbeitsplätzen; ein kleines Zimmer für Elementaranalysen, ein Waagezimmer, ein Zimmer für physikalisch-chemische Untersuchungen, Privatlaboratorium und Bureau des Professors, ein Zimmer für mikroskopische Arbeiten, einen grösseren Raum für Experimente, einen Raum für Gasanalysen, zwei Arbeitsräume, welche für physikalisch-physiologische Untersuchungen bestimmt sind, eine Werkstätte für den Abwart.
Um den vermehrten Bedürfnissen der so bedeutend erweiterten physiologischen Anstalt Rechnung zu tragen, wurde durch Grossrathsbeschluss vom 16. März 1885 für die erste instrumentale Ausrüstung ein Kredit von Fr. 5,000 bewilligt und der regelmässige jährliche Staatsbeitrag von Fr. 1,500 auf Fr. 2,000 erhöht; ausserdem wurde für einen Assistenten ein jährlicher Beitrag von Fr. 1,500 ausgesetzt. Der Abwart bezieht den bisherigen Gehalt von Fr. 1,500 bei freier Wohnung im Dachgeschoss.
Friedrich Miescher-Rüsch.
12. Pathologisch-anatomische Anstalt.
Die pathologische Anatomie ist an hiesiger Universität seit 1850 durch eine eigene Professur vertreten. Doch war schon früher dieses Fach von Lehrern der medicinischen Fakultät berücksichtigt worden. Wir besitzen noch heute einige von _Felix Plater_ herrührende Präparate; der wichtigste Theil des Grundstockes der pathologisch-anatomischen Sammlung entspringt der vielseitigen Thätigkeit von _C.G. Jung_. Unter anderm bewahren wir das Präparat einer von _Jung_ ausgeführten Ovariotomie auf, als Erinnerung an die erste in der Schweiz ausgeführte Operation dieser Art.
Seit Uebernahme der Professur durch Herrn _Miescher_ (Vater) hat regelmässiger Unterricht in der pathologischen Anatomie und fortwährende Vermehrung der Sammlung stattgefunden. Für Beides ist auch durch den Verstorbenen _C.E.E. Hoffmann_ Vieles geschehen.
Sowohl das Wachsthum der Sammlung, als die seit Ende der sechziger Jahre steigende Zahl der Medicin-Studierenden liessen den Mangel an Raum im Universitätsgebäude immer fühlbarer hervortraten. Nachdem schon seit 1872 auf Abhilfe gesonnen worden war, gelang es 1879 durch das Zusammenwirken der Akademischen Gesellschaft, des Pflegamtes des Spitals und des Staates einen Ausweg zu finden. Durch Vertrag vom 10. März 1879 wurde die Erstellung eines den Zwecken der pathologischen Anatomie dienenden Gebäudes beschlossen. Die Akademische Gesellschaft leistete an die Kosten Fr. 85,000, das Spital Fr. 30,000. Letzteres gab zugleich das nothwendige Areal; der Staat übernahm Fr. 18,000 für Ausrüstung der Anstalt. Das Gebäude wurde 1880 beendigt und im Herbst desselben Jahres bezogen.
Die Lage des Gebäudes im Garten der Spitals entspricht dem Zweck der Anstalt. In dem einstöckigen Mittelbau finden sich oben Hörsaal und Sammlungsräume, unten die Arbeitszimmer für Studierende und den Professor. Der eine Parterreflügel enthält einen Saal zum Mikroskopieren, der andre zwei Sektionsräume. Das Souterrain besitzt Abteilungen für Leichen, Präparate, Brennmaterial u.s.w.
Im Jahr 1881 hat der Staat den bisherigen Jahreskredit der Anstalt um Fr. 1,200 erhöht.
So ist der pathologischen Anatomie eine gedeihliche Entwicklung gesichert worden. Der Unterricht zerfällt in Vorlesungen und in praktische Uebungen der Studierenden; für beides liefert die Sammlung Objekte zur Demonstration. Ausser den Sektionen des Spitals werden die des Kinderspitals und bei eintretendem Bedürfniss auch solche für Privatärzte vorgenommen. Die Sammlungen werden stets vermehrt; sie erhalten alljährlich Beiträge von der chirurgischen und gynäkologischen Klinik, sowie von hiesigen und auswärtigen Aerzten. Studierende und Aerzte finden in der Anstalt Gelegenheit, sich einlässlich mit pathologisch-anatomischen Untersuchungen zu befassen.
Einige Zahlen mögen ein annäherndes Bild von dem Stande der pathologisch-anatomischen Anstalt geben. Von 1873-79 betrug die Zahl der Sektionen im jährlichen Durchschnitt 222, von 1880-84 309. Die Sammlung zählt jetzt 3517 Präparate, wovon 2662 in Spiritus, 855 trocken aufbewahrt werden. Der jährliche Zuwachs seit 1873 beziffert sich durchschnittlich auf 150-180 Nummern. Grössere anatomische Arbeiten sind von jungen Aerzten unter Leitung des Vorstehers ausgeführt und durch den Druck veröffentlicht worden 1873-79 eine, 1880-84 zehn.
Moritz Roth.
13. Medicinische Klinik im Bürgerspitale.
Eine reguläre medicinische Klinik nach dem Muster anderer Universitätskliniken existiert in Basel erst seit dem Jahre 1865, wenn auch schon früher von Herrn Professor Dr. _Jung_ sel., gewesenem Oberarzte der medicinischen Abtheilung des Bürgerspitals, wohl während der Morgenvisite im Krankenhause gelegentlich klinischer Unterricht ertheilt worden ist. Die Einführung einer ständigen medicinischen Klinik, als integrirenden Bestandtheils des medicinischen Unterrichtes an hiesiger Universität, wurde im März 1865 durch Vereinbarung zwischen der Staatsbehörde und Spitalbehörde beschlossen, der Beschluss vom Grossen Rathe nachträglich genehmigt und zu gleicher Zeit das neuzugründende Institut zur Beschaffung seiner Lehrbedürfnisse, insbesondere zur Ertheilung von Freibetten an geeignete Patienten, mit einem jährlichen Kredite versehen. Nachdem so eine medicinische Klinik im eigentlichen Wortsinne erst ermöglicht worden war und mit erfolgtem Ableben des Herrn Professor _Jung_ das Lehrfach der klinischen Medicin durch Berufung des Herrn Professor Dr. _Carl Liebermeister_ an hiesige Universität einen neuen geeigneten Vertreter erhalten hatte, begann die medicinische Klinik unter dessen Leitung zu Anfang des Wintersemesters 1865/66 und ist sie seitdem permanent Universitätsattribut geblieben. Sie wird wöchentlich fünfmal (an den Wochentagen, mit Ausnahme des Donnerstags) Vormittags im Bürgerspitale abgehalten, anfänglich vor der chirurgischen Klinik von 9-10½ Uhr, später und zwar seit Sommersemester 1878 (inclus.) durch Austausch der Stunden erst nach dieser letzteren, nämlich von 10½-12 Uhr. Als Vorsteher der Klinik, und zugleich als ordentliche Professoren der speziellen Pathologie und Therapie an der Universität, fungierten bisher der schon genannte Professor Dr. _Liebermeister_ und, nach erfolgter Berufung desselben an die Universität Tübingen, seit Herbst 1871 der Unterzeichnete. Dem Chefarzte der Klinik standen ferner bisher jeweilen zwei jüngere absolvierte Aerzte als Assistenzärzte zur Seite, von denen der eine die männlichen, der andere die weiblichen Patienten unter sich hat. Die Amtsdauer derselben soll ordnungsgemäss je zwei Jahre betragen, hat aber in Wirklichkeit wiederholt mehr (bis zu vier Jahren), wiederholt auch weniger lange (nur ein Jahr) gewährt. Ausserdem besitzt sowohl die männliche wie die weibliche Abtheilung auch noch je einen aus der Zahl der Studierenden der Medicin und Klinicisten gewählten Hilfsassistenten, der auf die Dauer eines Semesters sich zum Dienst auf der betreffenden klinischen Abtheilung verpflichtet und dem die kleineren Obliegenheiten auf derselben unterstellt sind. Ausser der vom Chefarzt selbst gehaltenen medicinischen Klinik werden im Anschluss und zur Vorbereitung auf dieselbe den jüngeren und angehenden Klinicisten auch noch verschiedene diagnostische und propädeutische Kurse ertheilt. So findet namentlich in jedem Semester wenigstens ein (nach Bedürfniss gab es deren mitunter auch wohl zwei) theoretisch-praktischer Kursus in der physikalischen Diagnostik (Auskultation und Perkussion) wöchentlich in zwei Stunden Seitens des Einen der beiden Assistenzärzte statt, während dem Anderen die Abhaltung eines laryngoskopischen Kurses obliegt; ferner hält der Chefarzt selbst seit 1881 auch noch zum wenigsten in jedem Wintersemester einen zweistündigen Kurs über klinische Propädeutik, in welchem namentlich die methodische Krankenuntersuchung allseitig und zusammenfassend betrieben und damit der junge Mediciner direkt auf das Praktizieren in der Klinik vorbereitet wird.
Die Frequenz der klinischen Zuhörer hat sich seit 1865 um ein Ansehnliches gehoben; während sie im ersten Semester des Bestehens der Klinik (Wintersemester 1865/66) nur 8 betrug, war sie beim Wegzug des Herrn Professor _Liebermeister_ im Sommersemester 1871 bereits auf 19 gestiegen. Im Sommersemester 1872 erreichte sie dann die Zahl von 24 ordentlich inskribierten Zuhörern; im Wintersemester 1878/79 die von 36, und im Wintersemester 1880/81 ihr bisheriges Maximum mit 43 Inscribierten. In den letzten zwei Jahren bewegte sich die Frequenz anhaltend zwischen 30-40, sie betrug im Wintersemester 1883/84 35, im Sommersemester 1884 37, im Wintersemester 1884/85 35 und im Sommersemester 1885 endlich 33 Hörer. Ausser von Studierenden der Medicin und nicht immatrikulierten Zuhörern ist aber die Klinik seit ihrem Bestehen auch schon wiederholt von praktischen Aerzten, einheimischen wie fremden, theils vorübergehend, theils auch dauernder besucht worden.
Die klinischen Patienten rekrutieren sich theils aus der städtischen Bevölkerung, die im Bürgerspitale ärztliche Hilfe sucht und Aufnahme findet; theils aus Fremden, denen vom Direktor der Klinik behufs Vorstellung und Besprechung derselben in der Klinik klinische Freibetten ertheilt werden. Von den gewöhnlichen Spitalpatienten aus der Stadt und nächsten Umgebung werden nur solche Fälle in der Klinik vorgestellt, an welche sich ein besonderes wissenschaftliches -- sei es pathologisches, sei es therapeutisches -- Interesse knüpft, und welche vom Direktor der Klinik deswegen als zur klinischen Besprechung tauglich befunden werden. Die Vorstellung der Kranken erfolgt ferner immer nur nach deren ausdrücklich eingeholter Einwilligung hierzu, und es haben Schwierigkeiten in dieser Beziehung seit Bestehen der Klinik nur sehr vereinzelt stattgefunden. Von kardinaler Wichtigkeit aber für die gedeihliche Entwicklung des klinischen Unterrichtes (auf dem Gebiete der innern Medicin, wie der Chirurgie und Geburtshilfe) ist jedenfalls das den Kliniken seit deren Begründung zugestandene Recht der Freibetten gewesen. Was speziell die medicinische Klinik anlangt, so steht es nach demselben dem internen Kliniker zu, gleichzeitig je bis zu zehn Patienten, völlig unabhängig von deren Heimatsverhältnissen und deren Zahlungsfähigkeit, lediglich zum Zwecke des Unterrichtes Aufnahme im Spitale zu gewähren, wenn deren Kranksein wissenschaftlich-fachliches Interesse darbietet. Die so aufgenommenen Kranken stellten nach und nach ein Hauptkontingent zur Klinik; sie zahlen, wenn sie bedürftig sind, nichts, oder andernfalls eine sehr ermässigte, tägliche Verpflegungstaxe, die gegenwärtig Fr. 1.50 pro Tag beträgt. Die Nachfrage nach diesen klinischen Freibetten ist anfänglich eine geringere, im weitem eine immer wachsende gewesen, und oft ist es in den letzten Jahren vorgekommen, dass Gesuche um Aufnahme in diese Freibetten abgewiesen werden mussten, weil es an dem überhaupt verfüglichen Raume fehlte, oder weil der betreffende Fall sich nicht zur Besprechung in der Klinik vorzugsweise eignete. So haben im Jahre 1884 im Ganzen nur 52, im Jahre 1882 nur 56 Gesuche berücksichtigt werden können, während im dazwischenliegenden Jahre 1883 die Zahl der in Freibetten aufgenommenen Patienten 95 und im Jahr 1881 80 betragen hat.
Aus vorstehendem Ueberblick über die Verhältnisse der medicinischen Klinik während der ersten zwanzig Jahre ihres Bestehens erhellt, dass die Entwicklung des Institutes in allen Hauptbeziehungen eine sehr glückliche genannt werden darf. Es fehlt ihm namentlich weder an einer ausreichenden Frequenz der Zuhörer, noch an dem nöthigen Lehrstoffe in Bezug auf klinisch-brauchbare Fälle. Zu wünschen wäre dagegen sehr, dass ihr für die grössere Zahl der Besucher auch ein grösserer und zweckmässig eingerichteter Hörsaal nach dem Muster anderer Kliniken im Spitale eingerichtet würde, und dass namentlich dem Kliniker und dessen Mitarbeitern daselbst etwelche passend gelegene und hinlänglich grosse Arbeitsräume zugewiesen würden, da es an solchen schon seit mehreren Jahren nahezu völlig gebricht, und die früher disponibeln Räume zu Krankenzimmern eingerichtet werden mussten. Es steht zu erwarten, dass diesen Uebelständen bei der bevorstehenden Verlegung des Irrenhauses Rechnung getragen werde, da andernfalls ein Hauptzweck der Klinik, wissenschaftliche Forschung zu fördern und überhaupt in strenger Methode zu ermöglichen, nur in der unvollkommensten Weise erfüllt werden könnte.
Hermann Immermann.
14. Chirurgische Klinik.
Die chirurgische Klinik in Basel datiert vom Jahre 1865. Wohl hatten schon früher die Oberärzte des hiesigen Bürgerspitals die Befugniss, bei ihren Krankenbesuchen und bei Vornahme von Operationen Studierende der Medicin zuzuziehen; einen geordneten regelmässigen klinischen Unterricht gab es aber nicht und konnte es aus Mangel an den nöthigen Einrichtungen nicht geben. An die Einführung eines solchen konnte erst gedacht werden, als den 15. März 1865 durch einen Beschluss des Kleinen Rathes die letzten Hindernisse fielen, welche der Vollziehung der zwischen der Universitäts-Behörde und dem löblichen Spitalpflegamt getroffenen Vereinbarung entgegenstanden. Schon für das Sommersemester 1865 wurde ein erster Anfang gemacht; doch fanden die angekündigten klinischen Vorträge wenig Berücksichtigung, weil der gleichzeitig neu organisierten medicinischen Klinik die entsprechende Leitung noch fehlte. Erst als durch Berufung von Herrn Professor _Liebermeister_ für das folgende Wintersemester diesem Mangel abgeholfen war, konnte den 7. November 1865 vor 9 inskribierten Praktikanten und einer Anzahl hiesiger Aerzte die chirurgische Klinik in Basel als definitiv constituiert erklärt und eröffnet werden.
Von diesem Tage an bis heute wurde dieselbe, mit nur zwei nennenswerthen Unterbrechungen während der Kriegsjahre 1866 und 1870, jeweilen in anderthalb Stunden Vormittags an fünf Wochentagen vom Unterzeichneten gehalten.
Die schon erwähnte Uebereinkunft zwischen dem Regierungsrath und dem Stadtrath, welche im Jahre 1875 erneuert und erweitert wurde, beseitigte den Hauptübelstand früherer Zeit durch die Einführung der sogenannten Freibetten. Diese Einrichtung giebt dem klinischen Vorstand die Befugniss, »bis auf 10 Betten mit Kranken zu besetzen, welche nach seinem eigenen freien Ermessen, ohne Rücksicht auf Heimath, Zahlungsfähigkeit und sonstige Berechtigungsgründe aufzunehmen sind.« Da die gewöhnlichen Spitalkranken, ihrer Zahl und Beschaffenheit nach, in keiner Weise genügen konnten, um die nöthige Abwechslung in der Wahl der zum Unterricht zu verwendenden Krankheitsfälle zu ermöglichen, waren und sind diese Freibetten geradezu eine Lebensbedingung für die hiesige chirurgische Klinik, abgesehen davon, dass dieselben für viele arme, unglückliche Kranke der Stadt und der Umgebung eine grosse Wohlthat sind. Sobald daher durch den Ausbau des neuen Krankenhausflügels der Raum es erlaubte, wurde von der neuen Einrichtung ein im Laufe der Jahre immer steigender Gebrauch gemacht. Während in den ersten Jahren die Zahl der in die chirurgischen Freibetten aufgenommenen Kranken zwischen 40 und 60 schwankte, stieg sie später auf 100 bis 150. Im Ganzen sind während der letzten neunzehn Jahre 1854 Freibettpatienten, meist schwere und seltene Krankheitsfälle, zum Unterricht verwendet worden.
Der jeweilige Assistenzarzt der Abtheilung war auch stets in der Klinik thätig und unterstützte den Vorstand bei den Demonstrationen und Operationen; ebenso hielt derselbe regelmässig einen praktischen Kurs in der Verband- und Instrumentenlehre.