Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835

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In den siebzehn ersten Jahren der Periode 1835-1885 ist die im vorigen Abschnitt skizzierte Geschichte der physikalischen Anstalt zugleich diejenige der Chemischen. Auch nach der im Jahr 1852 erfolgten Trennung der Lehrstühle für Physik und Chemie blieben beide Institute, sowohl im Falkensteiner Hof als im Museum und später im Bernoullianum neben einander, und theilten ein so ähnliches Schicksal, dass wir -- um bereits Gesagtes nicht zu wiederholen -- uns kurz fassen können.

Der Glanzpunkt in der Geschichte der Anstalt fällt in die Zeit des Falkensteiner Hofes, wo, mit geringen Mitteln ausgeführt, die Epoche machenden Arbeiten von _Schönbein_ über das Ozon und die Schiessbaumwolle die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf Basel lenkten. Heute, nachdem die Zahl ähnlicher Fälle von Allotropie und salpetersauren organischen Verbindungen sich ausserordentlich vermehrt hat, ist man kaum noch im Stande, die Summe von Scharfsinn zu würdigen, welche solche Entdeckungen erforderten, und das Aufsehen zu begreifen, welches sie damals hervorriefen. Dass schon vor _Schönbein_ ein explodierbares Nitroamylum bekannt war, und dass nicht Er, sondern Genfer Forscher die wahre Natur des Ozons erkannten, vermindert durchaus nicht sein hohes Verdienst.

Durch seine geniale Persönlichkeit wirkte _Schönbein_ auch als Lehrer äusserst anregend; aber die Spezialität seines Forschungsgebietes, die Originalität seiner Untersuchungsmethoden, sein Bedürfniss als Pionier der Wissenschaft, frei und unabhängig seine eigenen ungebahnten Wege zu gehen, alles dies und wohl auch der Mangel au Platz brachten es mit sich, dass er nur wenige Bevorzugte in sein Laboratorium aufnahm und den praktischen Unterricht, namentlich in der Analyse und in der organischen Chemie, nie streng schulmässig betrieb. Es fehlte in Basel ein eigentliches Praktikantenlaboratorium im modernen Sinne. Und doch wurde der Mangel eines solchen immer fühlbarer.

Die Erweiterung der medicinischen Fakultät, die Einführung des schweizerischen Konkordates für ärztliche Prüfungen, der enorme Aufschwung der organischen Chemie und der für Basel wichtigen Fabrikation künstlicher Farbstoffe, erforderten eine Berücksichtigung im chemischen Unterricht der philosophischen Fakultät. Dies war die nächste Aufgabe des nach dem Tode _Schönbeins_ (1868) als dessen Nachfolger (1869) berufenen Unterzeichneten; welcher Aufgabe, Dank der wohlwollenden Unterstützung von Behörden und Privaten, zum Theil schon im alten Lokal im Museum, besser im neuen Bernoullianum (1874) entsprochen werden konnte.

Im neuen Gebäude erhielt die chemische Anstalt die östliche Hälfte mit Hörsaal, Vorbereitungszimmer, Sammlung, Arbeitszimmer und Privatlaboratorium des Vorstehers, analytisches und technisches Laboratorium für circa 25 Praktikanten, Wagen- und Bibliothekenzimmer, Werkstätte, Vorrathsräume, Keller und Hof. Während der daselbst verbrachten 23 Semester haben 414 Praktikanten (durchschnittlich 18 Praktikanten ohne Lehrer und Assistenten) in 10-45 wöchentlichen Stunden regelmässig gearbeitet. Bei der im Sommer 1885 erreichten Zahl von 41 Praktikanten waren allerdings die Nachtheile einer Ueberfüllung stark zu spüren. Der Vorsteher wurde für die Vorlesungen und das Praktikum, ausser von einem Diener, von je einem oder zwei, im ganzen acht verschiedenen Assistenten unterstützt, von denen drei habilitiert waren und in der Anstalt Spezialvorlesungen hielten.

Von wissenschaftlichen Arbeiten, die aus dem Institut hervorgegangen sind, können summarisch erwähnt werden solche über Chrysin und Tectochrysin, Resorcin, Nitrokresole, Cantharidin und Orthoxylol, Protamin, Anthrachinon, chemisch-physikalische Versuche (_Piccard_ und Schüler); ferner zahlreiche Ergänzungen in den höheren Fettreihen, Dank einer verbesserten Methode der Destillation im luftleeren Raum (_Krafft_ und Schüler); Untersuchungen in der unteren Fettreihe (_Kahlbaum_); neuerdings die Entdeckung von mehrfachen Chinoylen und Hexaoxybenzol, aus Chinon sowohl, als bei der merkwürdigen Synthese aus Kohlenoxydkalium (_Nietzki_ und Schüler); und in anderen Gebieten von _Hagenbuch_, _Salomon_, _Fèvre_, _Beck_ und _Passavant_, _Andeer_ u.s.w. Zahlreiche Arbeiten in der angewandten Chemie wurden endlich vom Unterzeichneten während einer provisorischen Amtsdauer als Kantonschemiker ausgeführt, wodurch die chemische Anstalt, soweit als möglich ohne Beeinträchtigung ihres akademischen Charakters, in beständiger Fühlung mit der Basler Bürgerschaft und der Basler Industrie geblieben ist.

Die finanzielle Lage der Anstalt ist zwar im Vergleich mit ähnlichen Instituten scheinbar sehr bescheiden, indem wir gesetzlich vom Staate, ausser Assistenz, Bedienung, Heizung, Beleuchtung und baulicher Unterhaltung, bloss 3000 Fr. erhalten; aber allen wirklichen Bedürfnissen ist bisher auf die eine oder die andere Weise stets entsprochen worden. Von der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, vom Museumsverein, von zahlreichen Freunden der Universität, von chemischen Fabrikanten, von Sanitätsbehörden für hygienische Untersuchungen u.s.w. hat die chemische Anstalt in den elf Jahren an Geld- und Naturalbeiträgen über 20,000 Fr. empfangen, also circa ⅖ der gesammten Laboratoriumseinnahmen. Wir haben die auf lange Erfahrung gegründete Ueberzeugung, dass, so lange die Anstalt ihrem wissenschaftlichen und praktischen Zweck entspricht, sie nicht Noth leiden wird.

Jules Piccard.

8. Botanische Anstalt.

Die Geschichte der botanischen Anstalt reicht zurück bis zum Jahre 1588, als beim unteren Collegium ein kleiner botanischer Garten angelegt wurde.

Etwas über hundert Jahre später, 1692, gründete man beim Spital auf einem grösseren, etwa zwei Juchart umfassenden Areal einen neuen Garten, welcher der Pflege wissenschaftlich und medicinisch wichtiger Pflanzen gewidmet war. Um die Erweiterung und den Ausbau dieser Anstalt machte sich besonders _Werner de Lachenal_ verdient. Im Bunde mit den Behörden und durch Aufwendung beträchtlicher eigener Mittel gelang es ihm, um 1777 eine ordentliche Professor-Wohnung zu erstellen, und die Sammlungen der Anstalt, besonders die Bibliothek, nach und nach zu erweitern.

Als jedoch im vierten Decennium unsres Jahrhunderts das neue Spital erbaut wurde, ergab sich die Notwendigkeit, auch das Areal des botanischen Gartens mit der neuen Anstalt zu vereinigen. In Folge dessen kam zwischen der Erziehungsbehörde und dem Stadtrathe ein Vertrag zu Stande, in welchem die Verlegung des botanischen Gartens beschlossen wurde. Dieser Vertrag erhielt am 7. August 1838 die Genehmigung des Grossen Rathes und wurde in den Jahren 1838-1842 zur Ausführung gebracht.

Die neue botanische Anstalt wurde vor das Aeschenthor verlegt (jetzt St. Jacobstrasse 6). Um das Areal zu beschaffen, kaufte löbl. Spitalpflegamt das Schneider'sche Gut an, das an Flächeninhalt ungefähr 3 Juchart und 218 Ruthen betrug. Durch weiteren Ankauf Seitens löbl. Akademischer Gesellschaft wurde dieser Raum soweit vermehrt, dass das ganze Grundstück fast 4 Juchart umfasste. Auf diesem Gebiet fand unter Professor _Meissner_ die Neugründung der Anstalt statt. Die äussere Gestalt, welche dieselbe dabei erhielt, war diejenige, welche sie bis heute behalten hat; der ganze Entwicklungsprozess aber fällt nach Obigem in denjenigen engeren Zeitraum, welchen diese Geschichte behandelt.

Wie die ältere, so zerfiel auch die neue Anstalt in zwei Theile, das Institut im engeren Sinne nebst der Professor-Wohnung und den Garten mit den Gewächshäusern.

Was zunächst den Garten anbelangt, so wurde als Eintheilungsprincip das de Candolle'sche System zu Grunde gelegt und die annuellen Gewächse, Stauden und Sträucher nach dem früher gebräuchlichen Verfahren auf parallele Beete gepflanzt. Daneben wurde ein besonderes Quartier für offizinelle Gewächse bestimmt. -- Durch die vereinte Thätigkeit der hohen Regierung, des löbl. Stadtrathes, der löbl. Gemeinnützigen Gesellschaft, sowie einer zu dem Zweck veranstalteten Subskription gelang es, ein geräumiges, aus drei Abtheilungen, Kalt-, Temperirt- und Warmhaus bestehendes Gewächshaus zu erstellen, dem sich in der Folge ein Vermehrungs- und ein kleineres Haus zur Aufbewahrung von Kalthauspflanzen anschloss.

Als sich in der Folge das aus Holz erstellte grosse Gewächshaus als unzulänglich erwies, wurde es im Jahre 1862 durch ein neues, geräumigeres und aus Eisen konstruiertes ersetzt, zu dessen Bau die hohe Regierung Fr. 25,000 und der Reservefond der Universität Fr. 10,000 beitrug. Im Jahre 1865 wurde auf dem Areal des botanischen Gartens ein Polizeiposten und in Verbindung damit eine Gärtnerwohnung erbaut und endlich im Jahre 1881 an Stelle des alten, baufällig gewordenen Vermehrungshauses ein neues, aus Eisen gefertigtes errichtet, das sich in jeder Richtung als zweckmässig erwiesen hat.

Damit gelangen wir zur Besprechung des Instituts. Ursprünglich war dasselbe, vom Unterrichtszwecke abgesehen, wesentlich systematischen Aufgaben gewidmet; die verfügbaren Räume dienten lediglich zur Aufstellung der Herbarien und der Bibliothek. Im Laufe der Zeit machte sich jedoch mehr und mehr das Bedürfniss geltend, auch der anatomisch-physiologischen Richtung in der Wissenschaft Rechnung zu tragen. Nachdem schon Professor _Schwendener_ in diesem Sinne die ersten Schritte gethan hatte, wurden seinem Nachfolger Professor _Pfeffer_ die Mittel zur Einrichtung eines eigentlichen kleinen Laboratoriums bewilligt und zur Unterhaltung und weiteren Ausbildung desselben von löbl. Akademischer Gesellschaft ein jährlicher Beitrag von Fr. 500 ausgesetzt. Mit Hilfe dieser Mittel wurden im Laufe der letzten Jahre nach und nach die ersten und notwendigsten Apparate herbeigeschafft, welche zur Ausführung der einfacheren physiologischen Versuche erforderlich sind. Um endlich dem Bedürfniss nach einigen grösseren Instrumenten und Apparaten, vor allem nach einem den heutigen Anforderungen entsprechenden, vollständigen Mikroskope, zu genügen, wurde im verflossenen Jahre von hoher Regierung und löbl. Akademischer Gesellschaft ein Extrakredit von Fr. 2,500 bewilligt.

Wir dürfen diese Zeilen mit dem Bemerken schliessen, dass die botanische Anstalt in lebendiger Entwicklung begriffen ist. Möge sie trotz ihres Alters immer jung bleiben, wie der Gegenstand ihres Studiums, die immer sich neu verjüngende Pflanzenwelt.

H. Vöchting.

9. Normal-anatomische Anstalt.

Im Sommersemester 1885 wurde diese Anstalt aus dem Collegienhaus am Rheinsprung in das neuerbaute Vesalianum auf dem Werkhof-Areal verlegt und theilt sich mit der physiologischen Anstalt in die Räume des Erdgeschosses und des Souterrains.

Ueber die Vergangenheit der Anstalt berichtete jüngst in vortrefflicher Weise Herr Prof. _Wilhelm His_, der Direktor des anatomischen Institutes in Leipzig. In der Gedenkschrift zur Eröffnung des Vesalianum (Leipzig 1885) ist »die Geschichte des anatomischen Unterrichtes in Basel« von ihm niedergelegt und gerade jene Periode ausführlich behandelt worden, welche die letzten sechzig Jahre umfasst. _His_ vermochte am besten diesen Theil der Vergangenheit darzustellen, weil er vom Jahre 1857-72 als Lehrer an der Universität gewirkt und als geborener Basler während seiner Gymnasial- und Universitätsstudien die ganze Reihe derjenigen Lehrer persönlich gekannt hat, welche von _C.G. Jung_ angefangen die vereinigte anatomisch-physiologische Anstalt geleitet haben. Seit der Berufung des Prof. _W. His_ als Professor der Anatomie nach Leipzig ist die Anatomische Anstalt, wie an anderen Universitäten, unter einen selbstständigen Vorsteher gestellt. Die beträchtliche Steigerung des Besuches der Universitäten in den letzten zehn Jahren hat sich auch auf die Universität Basel und ganz besonders auf die medicinische Fakultät erstreckt. Bei dem Fach der Anatomie macht sich ebenso, wie bei dem Besuch der klinischen Fächer, jede vermehrte Frequenz doppelt fühlbar. Die Präparierübungen werden nämlich von jedem Mediciner durch zwei Wintersemester hindurch besucht. So kommt es, dass bei hundert Medicinern, welche sich auf vier Jahrgänge vertheilen, die Zahl der Präparanten bis auf fünfzig steigen kann. Bei solcher Frequenz waren die Räumlichkeiten in dem Collegienhaus am Rheinsprung, welche kaum für zwanzig Präparanten dürftigen Platz boten, durchaus ungenügend geworden, und die hohen Behörden gingen in Verbindung mit der Akademischen Gesellschaft daran, für Anatomie und Physiologie ein neues Gebäude zu errichten. (Genaueres über die Entstehungsgeschichte siehe in dem Bericht über die physiologische Anstalt).

In dem Neubau des Vesalianums ist die Anatomie in dem Erdgeschoss untergebracht. Bei der Berechnung des für ein anatomisches Institut in Basel nothwendigen Raumes wurde eine Frequenz der Anstalt von 60 Präparanten vorausgesetzt. (Im Winter 1884/85 hatten 56 Mediciner an den Präparierübungen Theil genommen.) So enthält denn der Präpariersaal am Westende des Gebäudes mit einer Fläche von 154 Quadratmeter für jeden Arbeiter 2½ Quadratmeter. Dazu kommt noch in unmittelbarer Nähe des Seciersaales eine Garderobe.

Der Hörsaal befindet sich in dem Centrum des Gebäudes, liegt nach Norden; die Sitzbänke sind nicht amphitheatralisch, sondern senkrecht zu drei grossen Fenstern gestellt, welche den Raum mit einem einheitlichen Licht erfüllen. An ihn schliesst sich als nothwendige Ergänzung ein Saal für anatomische und mikroskopische Demonstrationen, welche in dem Hörsaal aus besonderen Gründen nicht stattfinden können, unmittelbar an. Der Demonstrationssaal enthält eine Handsammlung für die Studierenden der Medicin, welche in der Anstalt arbeiten. Sie steht ebenso wie der Saal und ein daselbst befindliches Mikroskop zu freier Verfügung. Auch der Präpariersaal enthält eine grosse Anzahl von Präparaten, welche der freien Benutzung bei den Präparierübungen zugänglich sind.

Eine andere Abtheilung des Erdgeschosses, welche ebenso wie der Hör- und der Demonstrationssaal nach Norden liegt, umfasst die Sammlungsräume mit einer Bodenfläche von 111 Quadratmetern.

Die Arbeitszimmer liegen der Südfront entlang, soweit dieselbe nicht von dem Präpariersaal, der Garderobe, einer kleinen Treppe und dem hellen, geräumigen Stiegenhaus eingenommen wird. Das Souterrain ist zur Hälfte der anatomischen Anstalt zugetheilt, ebenso wie ein Theil des Speichers.

Die anatomische Sammlung ist in drei Abtheilungen gegliedert.

Die erste Abtheilung umfasst die systematische Anatomie, und zwar mit der bekannten Gliederung in Präparate für die Knochen- und Bänderlehre, die Eingeweidelehre und die Sinnesorgane, die Gefässlehre, die Nervenlehre.

Die zweite Abtheilung umfasst die Rassenanatomie; sie ist in dem breiten Korridor des neuen Gebäudes in den besonders für Rassenschädel konstruierten Schränken aufgestellt. Was in dieser Abtheilung von den Herren _His_ und _Rütimeyer_ gesammelt wurde, ist durch die Veröffentlichung eines Werkes, betitelt »Crania helvetica«, in 4º, Basel 1864, auf die Höhe eines wissenschaftlichen Vergleichungsmateriales gehoben worden. Keine Universität der Schweiz besitzt eine so ausgedehnte Sammlung schweizerischer Schädel. Die Schädel der historischen Bevölkerung sind zahlreich vertreten, aber auch die prähistorische Bevölkerung. Aus der burgundischen und helvetischen Periode und aus der Periode der Pfahlbauten besitzen wir manches werthvolle Objekt.

Die dritte Abtheilung umfasst die embryologische Sammlung, und besteht aus einer grossen Zahl vortrefflicher Wachspräparate, welche wir, abgesehen von den Weingeistpräparaten, zum überwiegenden Theile schenkungsweise von Herrn Prof. _His_ erhalten haben. Sie entstammen seinen wichtigen Arbeiten über die Entwicklungsgeschichte des Menschen, des Hühnchens und des Lachses.

Eine vierte Abtheilung umfasst die mikroskopischen Präparate. Diese Sammlung ist in einem der nach Süden gelegenen Zimmer aufgestellt.

Als höchst interessante Reliquien für die Geschichte des anatomischen Unterrichts sind zu verzeichnen:

1) ein weibliches Skelett, von _Felix Plater_

2) ein männliches Skelett, von _Vesal_ hergestellt.

Ueber das letztere siehe die oben citierte Abhandlung von _W. His_, S. 3.

Diese beiden Skelette sind wohl die ältesten Knochenpräparate, welche in irgend einer anatomischen Sammlung existieren.

Die anatomische Sammlung ist für 16,000 Franken versichert.

An der Anstalt wirken zur Zeit, abgesehen von dem Vorsteher, noch ein Prosektor, Herr Dr.med. _Gottschau_ aus Berlin, und ein Assistent, stud. med. _VonderMühll_ aus Basel. Der Abwart der Anstalt hat im Erdgeschoss eine Werkstätte und im Souterrain eine mit Berücksichtigung aller sanitären Maassregeln erstellte Wohnung.

Die Länge des stattlichen Gebäudes beträgt 55.43 Meter -- die Breite in dem Mittelbau 24.20 Meter. Die Westfront trägt in vergoldeten Lettern den Namen »_Vesalianum._«

J. Kollmann.

10. Vergleichend-anatomische Anstalt.

Da erst vor kurzem, bei Ablauf von fünfundzwanzig Jahren seit Uebertragung der Leitung der vergleichend-anatomischen Sammlung an den Unterzeichneten, der Jahresbericht von 1880 einen Ueberblick über die allmählige Entwicklung derselben gegeben hat,[34] so kann sich der gegenwärtige Bericht hinsichtlich jener Periode kurz fassen.

Ein Keim von Lehrmitteln für vergleichende Anatomie und Zoologie wurde zu Anfang der zwanziger Jahre, und zwar innerhalb des Rahmens der Sammlung für menschliche Anatomie zuerst angelegt auf Anregung von Professor _C.G. Jung_.[35] Die Hauptbestandteile derselben bildete ein von _Fr. Nusser_, dem Prosektor von Professor Jung, hergestellter Vorrath von Thierskeletten, hauptsächlich Säugethiere und Vögel. Allmählig kamen dazu allerlei Geschenke, namentlich osteologischer Natur, von dem Professor für Botanik und Zoologie, _K.Fr. Meissner_; ferner die vortreffliche Privatsammlung von Gehörpräparaten des 1843 verstorbenen Dr.med. _Ed. Hagenbach_ als Geschenk von dessen Erben. Später eine von Herrn Prof. _Miescher-His_ angelegte und von ihm geschenkte, für die damalige Zeit schon ansehnliche Sammlung wirbelloser Meerthiere, hauptsächlich aus Neapel, und bald darauf, durch Ankauf, eine grössere, auch die Fische umfassende, die von dem Unterzeichneten in den Jahren 1851 und 1853 in Nizza und Palermo angelegt worden war, so wie allmählig eine Anzahl von vergleichend-anatomischen Präparaten, welche von den verschiedenen Inhabern des anatomisch-physiologischen Lehrstuhls, namentlich von Professor _Alex. Ecker_ und _C. Bruch_ herrührten.

Bis zum Jahr 1855, wo zuerst (im October) ein besonderer Lehrstuhl für vergleichende Anatomie und Zoologie errichtet und dem Unterzeichneten anvertraut wurde, war dieser Vorrath an Lehrmitteln bereits auf circa 1000 Nummern des Präparatenkataloges angestiegen. Untergebracht waren dieselben in dem kleineren der zwei im ersten Stock des unteren Collegiums der menschlichen Anatomie angewiesenen Säle; doch wurde bald nöthig, mit den grossen Skeletten in den Mittelraum auch des grösseren Saales überzugreifen. Auch für Anschaffungen und Präparation wurde die Sammlung anfänglich auf Aushilfe von Seiten der anatomisch-physiologischen Muttersammlung angewiesen, was bei den beschränkten eigenen Verhältnissen der letztern zu allerlei Misslichkeiten hätte führen können, wenn nicht bald, schon von 1857 an, die Berufung von Professor W. _His_ an den Lehrstuhl für menschliche Anatomie und Physiologie ein volles Einverständniss gesichert hätte. Immerhin betrug die Einnahme der Sammlung für vergleichende Anatomie im Jahr 1856 nur Fr. 155 und stieg auch in den folgenden Jahren nur langsam, sei es -- und vor allem auf Verwendung von Professor _Jung_, -- durch gelegentliche freiwillige Zuschüsse von Seite der medicinischen Fakultät, sei es durch ähnliche freiwillige Unterstützung von manchen Freunden der rasch anwachsenden Sammlung, unter welchen an Verstorbenen namentlich Prof. K. Fr. _Meissner_ und C. _Streckeisen_ dankbare Erinnerung verdienen.

Ueber die allmählige Weitergestaltung giebt etwas einlässlichere Auskunft der Regenzbericht für 1865. Die Sammlung gliederte sich nach und nach in drei verschiedenartige Abtheilungen: eine für vergleichende Anatomie, eine für Zoologie, soweit solche noch nicht im naturhistorischen Museum Pflege finden konnte, nämlich für wirbellose Thiere und für Fische und Reptilien in Weingeist, und eine dritte ausschliesslich aus Geschenken entstandene für Palæontologie, vorwiegend bestehend aus Thierresten von prähistorischen Fundstellen, wie Pfahlbauten, Knochenhöhlen u.s.w. bis in die jüngere Tertiärzeit, letztere hauptsächlich vertreten durch Gipsabgüsse nach den Originalsammlungen des Auslandes, namentlich Frankreichs und einer grossen Anzahl von Museen Italiens.

Eine wesentliche Förderung wurde der Sammlung zu Theil durch das Universitätsgesetz vom Januar 1866, das ihr in Bezug auf Einnahme und Haushalt Selbstständigkeit und einen Jahreskredit von Fr. 1000 nebst Fr. 300 für Bedienung gewährte, wobei indess die freiwilligen Beiträge nicht ausblieben und namentlich auch die medicinische Fakultät Jahre lang fortfuhr, ihre Examengebühren vorwiegend dieser Sammlung zuzuwenden. Wie denn auch der Kreis von Freunden von befreundeten Anstalten im In- und Ausland und namentlich von Schülern, die aus dem Ausland oft höchst werthvolle Beiträge an Naturalien, heimsandten, sich immer mehr vergrössert hatte. An besonders ansehnlichen Beiträgen aus früheren Jahren nennen wir die Skelettsammlung von Professor J. J. _Mieg_, die nach dessen Tod im Jahre 1870 der Anatomie so gut als geschenkweise zufiel, die Jahre lang wiederholten Zusendungen von Dr. _Karl Dieterich_ aus Michigan, diejenige von _Ed. Spitteler_ in Ceylon, von Dr. _Zahnd_ im Capland, und vor allem die von 1863-78 fast jedes Jahr sich wiederholenden höchst werthvollen Geschenke von Dr. _Gustav Bernoulli_ in Guatemala.[36]

Alles das nöthigte zu immer grösserer räumlicher Ausdehnung. Schon 1864 war dem dringendsten Bedarf Rechnung getragen worden durch Glasschränke im Mittelraum des Saales; aber auch von dem Areal für menschliche Anatomie musste immer ausgiebigerer Gebrauch gemacht und dessen Mittelraum und Decke gefüllt werden; und von 1877 musste man unter Entgegenkommen des Professors der pathologischen Anatomie auch in dessen Sammlungssaal, ein Stockwerk höher, eindringen, wobei gleichzeitig Manches an die mittlerweile entstandene Reptiliensammlung des Museums, und auch die Gipsabgüsse tertiärer Säugethiere der daselbst entstandenen besondern Sammlung abgegeben wurden.

Vom Jahr 1877 an bis auf 1885 fügte dann die Akademische Gesellschaft zu den genannten Hilfsmitteln aus dem Kirchen- und Schulgut einen jährlichen Zuschuss von Fr. 500, der namentlich erlaubt hat, dem bei derartiger Zunahme an Inhalt und Ausdehnung immer drückenderen Bedarf an regelmässiger Aushilfe für Bedienung zu begegnen, die bisher oft unzureichend, oft ganz ausbleibend durch Studierende besorgt worden war; immerhin verpflichtet auch hier, so gut wie bei Geschenken, Dankbarkeit, aus älterer Zeit namentlich der treuen und hingebenden Arbeit der Herren Stud. _Kossakowsky_ und _Tachella_ zu gedenken.

Die Errichtung einer besondern pathologisch-anatomischen Anstalt eröffnete uns endlich im Jahr 1881 deren schon theilweise besetzten Saal vollständig. Trotz der Verdoppelung des Raumes füllte sich indess derselbe sofort so, dass nirgends merkliche Lücken entstanden und nicht ersichtlich war, wie der frühere Zustand wieder hergestellt werden könnte. Dasselbe lässt sich sagen von der in das gegenwärtige Jahr fallenden schliesslichen Besitznahme auch des Überrestes der Räumlichkeiten für menschliche Anatomie in Folge der Errichtung des Vesalianums.