Die unheilbringende Krone (oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend)

Part 5

Chapter 53,811 wordsPublic domain

Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der Brust.)

Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wütender Mensch. (Entspringt.)

Elfte Szene.

Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Händ'. Es ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen Menschen seh', so möcht ich ihn schon in der Mitt' voneinander reißen. Wenn ich nur einen Degen hätt' oder ein Stiffilett, oder wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekäm', ich erschießet die ganze Stadt und die Vorstädt' auch dazu. Da kommen einige, die sollen sich freun.

Zwölfte Szene. Simplizius. Olinar und Astrachan.

Olinar (ein fetter Mann). Wer lärmt denn hier so auf der Straße? Das ist ja ein ganz fremder Mensch.

Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn einer redt auf mich.

Olinar. Der sieht ja wie ein Straßenräuber aus, der Kerl hat nichts Gutes im Sinn.

Simplizius. Ich muß mich noch zurückhalten, bis ich Waffen hab'. Ich werd' mir's erst sondiern.

Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack' dich von hier, du kecker Bursche.

Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht umsonst.

Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht schuldig bleiben und sie auf deinen Rücken legen werde.

Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Für sich.) Ist schon gut unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich expedier'. Ich muß mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen, damit ich's nicht vergess'. (Tut es.)

Astrachan. Hast du's gehört, du sollst die Straße reinigen. Mach' dich fort.

Simplizius. Ich soll die Straße hier reinigen? Er muß mich für einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut von sich gibt--

Astrachan (will auf ihn zu). Was?

Olinar (hält ihn furchtsam zurück). Behutsam, Freund, er hat ja einen Prügel in der Hand.

Astrachan. Was kümmert's mich, du wirst dich doch nicht fürchten?

Olinar. Ei bewahre.

Astrachan. Schäme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und beweise deinen Mut.

Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun?

Astrachan. Ihn von hinnen jagen.

Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen läßt, aber du wirst sehn--

Astrachan. Red' ihn scharf an.

Olinar. Hochzuverehrender Freund!

Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's?

Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich gesagt.

Simplizius. Was will der Herr?

Astrachan (der Olinar hält). Mut, Mut, ich helfe dir schon.

Olinar. Ja, laß mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.) Er ungezogner Mensch!

Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht.

Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu sprechen--

Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert?

Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind?

Astrachan (heimlich). Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll.

Olinar. Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll! (Wischt sich den Schweiß ab.) Ha, das war viel gewagt.

Simplizius. Die Kehle schnüren? Das ist ein Schnürmacher. Nu, den können wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die Bewegung des Erdolchens.)

Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt laß mich reden. Hör', Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund für ein Exempel statuiert.

Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muß viermal nacheinander sterben.

Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot.

Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche.

Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knöpf'. (Macht sie.)

Dreizehnte Szene. Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet.

Abukar. Was hast du, Astrachan? Du lärmst ja ganz entsetzlich.

Astrachan. Wir haben unsern Spaß mit diesem Burschen da, das ist der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe.

Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Für sich.) Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen.

Simplizius. Ich hör' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los.

Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn auf die Schulter und lachen.)

Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus.

Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund!

Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus.

(Alle lachen.)

Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir noch vorgekommen ist.

Simplizius. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich über meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.

Alle (lachen). Ein drolliger Kerl!

Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen können s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden? Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch' sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir eine Natur, die Welt ist lang genug unnatürlich g'wesen, sie kann's noch sein.

Abukar. Der Bursche muß Hofnarr werden, der macht mich schrecklich lachen.

Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion!

Olinar. Er hat Mut wie ein Löwe.

Simplizius. Löwe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte Satisfaktion!

Astrachan. Der Kerl ist über einen Spartaner.

Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muß ich spießen. (Faßt Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen?

Olinar. Hilfe! Hilfe!

Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du Zeit, Bube.

Astrachan. Ins Gefängnis, fort mit ihm.

Simplizius (reißt dem Olinar den Säbel aus der Scheide). Jetzt reißt mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze entgegen hält, welche er ihm aus der Hand schlägt.) Ihr verdammten Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kämpft mit allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen, einer den Helm.)

Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Götter, seid uns gnädig.

Vierzehnte Szene. Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg über die Kalmuken! Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß auf.) Das ganze Zeughaus häng' ich um. So, jetzt ist der Stefan Fädinger fertig. Rache, Rache! Alles muß bluten. Einen Haß hab' ich, ich glaub', es dürft' mich einer spießen, mir war's nicht möglich, ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider.

Lied. Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n, Ich weiß nicht, ob ich's nimm; Da könnt man ein' Verdruß erleb'n, Es würd' ein' völlig schlimm. Und ließ' man's wieder lizitier'n, Was könnt' man da viel profitier'n? Vors erste ist s' ein alt's Gebäu', Wer weiß, wie lang s' noch steht, Das sieht man an Massana glei', Daß s' sicher untergeht. Und fällt ein' so a Welt ins Meer, Wo nimmt man g'schwind a andre her?

Die Völker steh'n mir auch nicht an, D' Kalmuken, d' Hugenotten, Und wen ich gar nicht leiden kann, Das sind die Hottentotten. Da möcht' ich grad' vor Wut vergeh'n, Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n.

Auch ist's ein Elend mit den Tier'n, A' bloße Fopperei, Was kriechen s' denn auf allen vier'n, Ich geh' ja auch auf zwei. Die meisten können uns nur quäl'n, Am liebsten sind mir die Sardell'n.

Die Sonn', die ist schon lang mein Tod Mit ihrer öden Pracht, Der Mondschein macht sich's gar kommod, Der scheint nur bei der Nacht; Und dann die miserablen Stern', Die weiß man gar nicht, zu was s' g'hör'n.

Kurzum, ich hass' die ganze Welt, Im Sommer wie im Winter, Mir liegt sogar nichts an dem Geld, Es ist nicht viel dahinter. Ein einz'gen Menschen nur allein, (Deutet auf sich.) Wüßt' ich--dem ich noch gut könnt' sein. (Ab.)

Fünfzehnte Szene. Ewald und Aloe.

Aloe (muß von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine griechische Matrone, und geht etwas gebückt.) Nein, nein, mein lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Mädchen ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Göttin Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen Männer zu bewundern, so fängt das Mädchen Liebeshändel an. Wo habt Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen?

Ewald. Am Fenster sprach ich sie.

Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die Mädchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflückt? Laßt Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fünfzig Jahre schon zum Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn?

Ewald. Ein Fremdling bin ich.

Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Männer kenn' ich alle. Doch was besitzt Ihr in der Fremde?

Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemüt und kräftigen Verstand.

Aloe. Wer sagt Euch, daß Verstand ein sichres Erbteil sei, wie könnt' es denn so viele Narren geben?

Ewald. Und eine Kunst, die alle Künste übertrifft.

Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu führen?

Ewald. Im Gegenteil, ich möchte Eure Schönheit gern im höchsten Glanz erscheinen lassen.

Aloe. Ich hör's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit tötet unsre schönsten Freuden. Doch weiter nun, ach, mein Gedächtnis ist so schwach, wovon habt Ihr zuletzt gesprochen?

Ewald. Von Eurer Schönheit war die Rede, ja.

Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hören mochte. Ihr wolltet sie erhöhn?

Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt.

Aloe. Was fällt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um keinen Preis!

Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der König reicht?

Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch, als hätt' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine ausgeblühte Rose, die nicht im Frühlingsschein mehr glänzt.

Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor allen Töchtern dieses Reichs sollt Ihr den Schönheitspreis erringen, doch Eure Nichte ist dann mein, ich führ' sie mit mir fort.

Aloe. Ihr könntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofür ich mich dem Cerberus schon verschrieben hätte, wenn er's vermögen könnte?

Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht Ihr das Eure nicht zu halten.

Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjüngen?

Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht erblühn?

Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre Blütenzeit. Mir ist, als blüht' ich schon--fang' schon an zu duften. O Himmel, welch ein Glück, ich fühle mich schon jung, mich hindern bloß die Jahre.

Ewald. So mäßigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im Haus, ich muß mich erst dem König zeigen. Geht nur hinein und sagt Atritien, daß sie mein Weib soll werden.

Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach, wenn ich eine Herde solcher Mädchen hätte, Ihr könntet alle sie nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schönste bleibt zurück. Die Schönste--eine Welt von Wonne liegt in diesem Namen. Und bin die Schönste ich, wird mir der schönste Mann. Der schönste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Männer! O Götter, steht mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.)

Sechzehnte Szene.

Ewald (allein). Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert, Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört.

Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held!

Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?

Siebzehnte Szene. Voriger. Simplizius.

Simplizius. Sind Sie da?

Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?

Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.

Ewald. Sie? Nicht möglich.

Simplizius. Nun, sie sagen's alle.

Ewald. Alle? Wer?

Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.

Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.

Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei.

Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen haben.

Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen Stich, das kann man ja doch gleich sehen.

Ewald. Wie ging es aber zu?

Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten wieder heraus.

Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann?

Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.

Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?

Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr. Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der letzte sein--und bin fort.

Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden!

Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh', das Volk.

Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.

Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'. Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald ein Erdbeben, bald ein Eber.

Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen Sie doch nach jenem Fenster.

Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.

Ewald. Warum denn nicht?

Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.

Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die größte Schönheit glänzen.

Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum glanzen anfangt.

Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.

Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich brauch' sie nicht.

Achtzehnte Szene. Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan. Olinar.

Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen).

Dank dem Helden, den die Götter Mit des Löwen Mut gestählt. Und den zu des Landes Retter, Gnädig waltend sie erwählt.

(Sie bilden einen Kreis.)

Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines Landes wunderbarer Retter?

Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.

Simplizius (für sich). Meint der mich?

Olinar. Hat der den Eber erlegt?

Abukar. Wer hatte das gedacht?

Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des Königs Dank.

Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn, es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen dem bissel Eber.

Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?

Simplizius. So schmeichl' ich mir.

Krieger. Wir waren alle Zeugen.

Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den Augen meines Volkes.

(Die Höflinge weinen.)

Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir unbegreiflich.

Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche Riesenkräfte wohnen?

Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein Elefant in einer Nuß logiert.

Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?

Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer Majestät, wir werden kein' Richter brauchen.

Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht. (Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß sie ein Lorbeer lohnt?

Alle. Ja, sie verdient es.

Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.

Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit.

(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden einen Kranz.)

Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.

Ewald. Was für ein Gesträuch?

Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?

Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen haben.

Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.

Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit ihren Adel.

Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch nicht gewußt.

Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.

Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?

Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf einem Schild.)

Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.

Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen.

Simplizius (kniet). Das sind Umständ'.

Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück.

Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.

Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn mir die Fliegen nicht zu.

Dardonius. Wie heißest du?

Simplizius. Simplizius.

Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.

Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!

Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.

Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)

Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so sollst du Unterfeldherr sein.

Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär. Unterfeldscherer muß ich werden.

Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.

Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch.

Alle. Heil dir, Simplizius!

Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst.

Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft mich gleich der Schlag.

Neunzehnte Szene. Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage, welche sie in die Mitte der Bühne setzen.

Ewald. Ein sehenswertes Tier.

Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an.

Dardonius. Bewundre deine Riesentat.

Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen. (Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an, mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.

Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg!

Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier' meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug' auf mich, sehen Sie ihn nur an.

Ewald. So fassen Sie sich doch.

Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da. Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer Majestät den Eber fort.

Mehrere Höflinge. Wie, der König?

Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst.

Dardonius. Was bebst du so?

Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Daß ich mich halten kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech' ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor Wut (beiseite) und vor Angst.

Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir ein Rätsel.

Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.

Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt.

Die Krieger. Wir sind's.

Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.

Simplizius (für sich). Mir schon lang.

Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein.

Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich folge bald.

(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)

Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s' die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)

Krieger. Es lebe Simplizius.

Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.) Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort.

Dardonius (tritt näher). Was verlangst du?

Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt' ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug.

Chor (der Krieger). Dank dem Helden, den die Götter Mit des Löwen Mut gestählt, Und den zu des Landes Retter Gnädig waltend sie erwählt.

(Alles ab, bis auf)

Zwanzigste Szene. Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.

Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.

Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?

Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich dieses dummen Menschen Freund sein muß.

Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist, und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die Gewährung eines Wunsches rechnen.